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Im August 1992 wurde der Autor Opfer eines tätlichen Angriffs, der nicht nur zu einer gefährlichen Verletzung führte, sondern auch Einfluss auf das weitere Leben hatte. In diesem Buch versucht Christian Peitz, die Tat und ihre Folgen mit dreißig Jahren Abstand aufzuarbeiten.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Christian Peitz (Jahrgang 1974) ist Diplom-Pädagoge und Autor. Seit 1994 schreibt er vor allem Märchen und Hörspiele, aber auch Novellen und pädagogische Fachtexte. Mehr als 250 seiner Märchenhörspiele wurden im Kulturradio des RBB gesendet. Viele seiner Märchen sind auch in Märchenbüchern und auf Hörspiel-CDs erhältlich.
Im August 1992 wurde der Autor Opfer eines tätlichen Angriffs, der nicht nur zu einer gefährlichen Verletzung führte, sondern auch Einfluss auf das weitere Leben hatte. In diesem Buch versucht Christian Peitz, die Tat und ihre Folgen mit dreißig Jahren Abstand aufzuarbeiten.
Für Martin.
„Wir glauben,
Erfahrungen zu machen,
aber die Erfahrungen
machen uns."
Eugène Ionesco
Erwachen ohne Erinnerung
Die Erinnerung, Teil 1
Der Herr der Ringe
Statistik und Strafverfolgung
Im Krankenhaus
Kopfverletzung und Poesie
Vom Sport befreit
Integrationsbedürfnis
Die Erinnerung, Teil 2
Der Vorfall
Was in der Zeitung stand
Gerechtigkeit und Paragrafen, Teil 1
Der Täter
Gerechtigkeit und Paragrafen, Teil 2
Neue Fragen
Bewertungen
Happy End?
Hilfreiche Quellen
Danksagung
In den frühen Morgenstunden des 15. August 1992 erwachte ich in einem Krankenhausbett. Es war beinahe wie im Film: Um mich herum standen Geräte. Es rauschte, und ein pulsierender Piepton war zu hören. Ein Monitor überwachte meinen Herzschlag. Dem Bett gegenüber war ein Fenster zu einem anderen Zimmer, das ich als Dienstzimmer einordnete. Ich dachte angestrengt nach, hatte aber keine Erinnerung daran, wie und aus welchem Grund ich ins Krankenhaus gekommen war. Kopfschmerzen in einer mir bis dahin unbekannten Heftigkeit erschwerten mir das Nachdenken.
Schließlich entstand ein Gedanke, der schnell zur plausibelsten Erklärung wurde: Ich musste einen Flugzeugabsturz überlebt haben. Ich erinnerte mich daran, dass meine Eltern mit meinem Bruder und mir in den Urlaub fliegen wollten. Ich war 17 Jahre alt, und es sollte ein letzter gemeinsamer Familienurlaub werden. Noch einmal wollten wir Fuerteventura mit seinen weißen Sandstränden und dem fischreichen Essen erleben.
Ich spürte etwas an der Hand. Es war ein Notfalldrücker, den man mir mit Leukoplast angeklebt hatte. Möglicherweise lag es am Kopfschmerz, aber ich spürte keine Panik, sondern war irgendwie versucht, mein Schicksal, wie auch immer es aussah, zu akzeptieren.
Was war wohl mit meiner Familie? Ob mein Vater, meine Mutter und mein Bruder auf derselben Station lagen? Mit einem Mal brachen meine Gedanken ab, weil sich das Piepen unvermittelt verändert hatte. Anstelle des Pulsierens erklang nun ein durchgehender Ton. Ich deutete dies als sicheres Zeichen für mein Ableben, zumal auch mein Herzschlag nur noch als Nulllinie auf dem Monitor angezeigt wurde. Dies war für mich Anlass genug, den Notknopf zu drücken, damit schnell die Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen konnte.
Meine Irritation war groß, als kein hektisches Ärzteteam in den Raum stürmte, um mein Leben zu retten, sondern nur ein tiefenentspannter Krankenpfleger, der seine langen Haare zum Zopf gebunden trug.
„Hi, Christian“, sagte er. „Na, weißt Du noch, warum Du hier bist?“
„Bin ich mit dem Flugzeug abgestürzt?“, fragte ich und erwartete wohl ein Lob für diese Schlussfolgerung.
„Nein“, entgegnete er jedoch, weiterhin entspannt lächelnd. „Du hattest einen Zusammenstoß mit urdeutschen Elementen. Das habe ich Dir heute Nacht schon einige Male erklärt. Aber Du hast wohl eine schwere Gehirnerschütterung und kannst es Dir nicht merken.“
Darauf wusste ich nichts zu antworten. Krampfhaft suchte ich nach Erinnerungsbildern, die zu dieser Information passten. Doch da waren keine.
„Du wirst es vielleicht wieder vergessen, dann ruf mich einfach noch einmal.“
„Es war eine Schlägerei?“, fragte ich.
„Genau“, bestätigte er.
Er untersuchte mich. Vermutlich hat er meinen Puls und meinen Blutdruck gemessen. Ich war so sehr auf die Gedanken konzentriert, dass ich auf seine Handlungen nicht achtete.
„Ich glaube, das brauchen wir jetzt nicht mehr“, sagte er, entfernte dabei die Kabel und stellte den piependen Monitor ab. „Wenn Du Dich bewegst, löst sich immer irgendein Saugnapf, und dann macht der Monitor Alarm. Das hatten wir diese Nacht auch schon öfter. Bleibst Du jetzt wach?“
„Ja“, vermutete ich. Ich war benommen, fühlte mich aber nicht müde. In mir war das dumpfe Gefühl eines Rauschens, gerade so, als ob ich noch nicht mit Ort und Zeit verbunden war. So stellte ich mir einen Jetlag vor.
„Möchtest Du etwas trinken?“
Mein Mund war trocken, also bat ich um ein Glas Wasser. Er reichte mir einen Schnabelbecher.
„Nimmst Du den selbst?“
Ich nahm ihn.
„Ich heiße Tobias. Du kannst auch Tobi sagen. Auch das habe ich Dir schon einige Male erzählt, und wenn es nötig ist, erzähle ich es Dir gerne noch einmal. Ich komme in einer Viertelstunde, und dann schauen wir, ob Du das noch weißt.“
„Okay“, sagte ich. „Wo bin ich hier eigentlich?“
„Im Clemenshospital in Münster“, erklärte er. „Auf der Intensivstation. Brauchst Du noch etwas? Du hast gestern Abend schon ein Schmerzmittel bekommen.“
„Ich habe starke Kopfschmerzen.“
„Okay, dann bringe ich Dir gleich noch etwas.“
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann mein schmerzender Kopf mit einem erneuten Versuch, die Informationen zu ordnen und mit Erinnerungen zu verknüpfen.
Ich war also an einer Schlägerei mit Rechtsradikalen beteiligt gewesen. Wie passte das in mein Leben? Ich hatte mit solchen Leuten nichts zu tun und war bislang auch nicht mit ihnen in Berührung gekommen. Ich kannte einzelne Jugendliche, die als „rechts“ galten. Ich vermutete aber, dass sie mich ebenfalls kannten, zumindest vom Sehen, und dass ich für sie vollkommen uninteressant war. Warum um alles in der Welt sollte ich mich mit Skinheads prügeln? Dass es falsch war, Skinheads und Neonazis gleichzusetzen, war mir damals noch nicht bewusst.
Dann fragte ich mich, wie heftig diese Schlägerei wohl gewesen war. Was das anging, hatte ich keine Erfahrungen. Natürlich kannte ich kindliche Rangeleien, aber wirklich geschlagen hatte ich mich nie. Die mir bekannten Filmschlägereien endeten nie im Krankenhaus. Die Prügelnden verpassten sich gegenseitig Fausthiebe ins Gesicht, gingen dann kurz zu Boden und standen einfach wieder auf. Manchmal benötigten sie einen Eisbeutel. Mehr nicht. Und ich lag ohne jede Erinnerung im Krankenhaus. Was war nur mit mir geschehen?
Rechts neben mir war ein Fenster, durch das ich Bäume sehen konnte. Es dämmerte langsam. Und es war ruhig. Die Morgenstimmung hatte etwas sehr Friedliches. Gleichzeitig war da dieses Rauschen in meinem Kopf. Und all meine Fragen blieben vorerst ohne Antwort.
Die Tür öffnete sich, und herein kam Krankenpfleger Tobias.
„Na, weißt Du, wer ich bin?“
„Tobi“, sagte ich.
„Erstklassig! Und wo bist Du hier?“
„Im Clemens“, sagte ich. „Intensivstation, weil ich von Skinheads verprügelt wurde.“
„Die gute Nachricht ist, dass Dein Gedächtnis seine Arbeit wieder aufgenommen hat.“
Nachdem Pfleger Tobias mir die Kopfschmerztablette gegeben und den Raum wieder verlassen hatte, habe ich ihn nie wieder gesehen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Schon am Morgen, ich vermute bei der Visite, entschied ein Arzt, dass ich die Intensivstation verlassen durfte. An den Moment der Entscheidung habe ich keine Erinnerung, wohl aber daran, wie mein Bett aus der Intensivstation in ein Krankenzimmer einer anderen Abteilung geschoben wurde.
Wenn ich an dieses Aufwachen zurückdenke, gibt es einige Erinnerungsbilder, vor allem aber denke ich daran, wie freundlich, fürsorglich und geduldig Pfleger Tobias mir begegnet ist. In jedem einzelnen Moment hatte ich das Gefühl, in guten Händen zu sein. Und die Art, wie er über diejenigen sprach, denen ich meinen Krankenhausaufenthalt zu verdanken hatte, zeigte mir, dass er aufrichtig und vorbehaltlos auf meiner Seite stand.
Ich war nach diesem Erwachen noch einige weitere Tage im Krankenhaus, aber Tobias, den ich nur kurz in diesen frühen Morgenstunden erlebt hatte, ist die einzige Person aus dem Team der Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, an die ich mich noch konkret erinnere. Überhaupt ist diese Situation, dieses Aufwachen die stärkste Erinnerung an meine Krankenhauszeit.
*
Der Begriff Vorfall bringt nicht im Entferntesten die Tragweite der Ereignisse zum Ausdruck, die mich ins Krankenhaus gebracht hatten. Dennoch werde ich ihn verwenden, denn ein einzelner Begriff kann der Sache ohnehin nur schwer gerecht werden. Seit dem Vorfall sind mittlerweile mehr als dreißig Jahre vergangen, und ich habe lange geglaubt, längst damit abgeschlossen zu haben. Doch heute weiß ich, dass es da eine Ebene gibt, mit der ich mich nie befasst habe. Dabei geht es nicht nur um Fakten und das Zusammensetzen von Erinnerungen. Auch ärztliche Befunde und gerichtliche Folgen sind nicht das Entscheidende.
Es geht darum, dass seinerzeit ein mir völlig unbekannter Mensch in Kauf genommen hat, dass ich erhebliche Verletzungen davontragen könnte. Dass das so war, wusste ich schon lange, aber erst jetzt hat es mich emotional wirklich erreicht. Aus dem Wissen ist eine Erkenntnis geworden, die ich nicht erwartet hatte und die stark spürbar ist: Immer wieder kreisen meine Gedanken um diese Ereignisse und haben dabei eine überraschende Intensität.
Da ich keine eigenen Erinnerungen an den Vorfall aus dem August 1992 habe, bin ich auf das Gedächtnis anderer angewiesen. Gleichzeitig recherchiere ich und versuche, mir einiges zu erarbeiten. Ohne meinen Bruder läge vermutlich noch immer vieles im Dunkeln. Martin war damals dabei, quasi als einziger Zeuge, der wirklich durchgehend alles aus nächster Nähe miterlebt hat. Er war gerade 15 Jahre alt geworden und musste mit einer Situation umgehen, die wohl auch die meisten Erwachsenen überfordert hätte. Anders als ich hat Martin detaillierte Erinnerungen an den Vorfall, die sich durch die später gesichteten Unterlagen bestätigen ließen.
Eine „Erinnerung“. Ich finde immer wieder spannend, was Begriffe über sich selbst aussagen. Das Verb erinnern beginnt mit er- . Dieses Präfix kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Unter anderem kommt es zum Einsatz, wenn ein Gewinn oder eine zielgerichtete Handlung zum Ausdruck gebracht wird. Somit steht erinnern in einer Reihe mit erfahren, erreichen und erzielen. Gleichzeitig ist der Eindruck, den der Wortbestandteil -innern hinterlässt, der einer aktiven Tätigkeit, die mit dem eigenen Inneren zu tun hat.
Sich zu erinnern bedeutet, eine Gedächtniskonstruktion hervorzurufen. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen unserem Gedächtnis und einer Filmkamera: Die Kamera kann einen Film festhalten, der natürlich durch die Wahl der Perspektive, Schärfe, Farbsättigung und so weiter geprägt ist, aber alles in allem eine objektive Tendenz hat. In diesem Kontext ist auch bemerkenswert, dass wir das Linsensystem bei Filmkamera und Fotoapparat Objektiv nennen. Unser Gehirn hingegen arbeitet vollkommen subjektiv. Wir können uns noch so sehr um Sachlichkeit bemühen. Ereignisse werden auf Grundlage unserer individuellen Vorgeschichte, unserer Wahrnehmung und der Verfasstheit während einer Situation gedeutet. „Gespeichert“ wird nicht das Ereignis selbst, sondern eine mentale Repräsentation unseres individuellen Erlebens. Das Gehirn kann danach kaum mehr differenzieren, was der Wahrnehmung und was einer Deutung entsprungen ist.
So wundert es nicht, dass Erinnerungen bisweilen unterschiedlich ausfallen. Wenn verschiedene Zeugen zu einer Situation befragt werden, wird es im Ergebnis immer wieder Übereinstimmungen, aber eben auch Abweichungen in den Schilderungen geben.
Hinzu kommt, dass unser Gedächtnis, anders als die Kamera, ein deutlich geringeres Maß an Details aufnimmt. Dies wird beispielsweise bei der visuellen Wahrnehmung von Gesichtern deutlich. Unserem Gedächtnis genügt es in der Regel, wenn die Grundlage für ein Wiedererkennen geschaffen wird. Der Fotoapparat hält unzählige Details fest.
Eine Erinnerung, also der Rückblick auf ein im Gedächtnis vorhandenes Ereignis, wird von uns aktiv erzeugt. Jedes Mal, wenn wir sie abrufen, weil wir sie erzählen, zu Papier bringen oder darüber nachdenken, erzeugen wir diese Erinnerung neu. Die Kriminalpsychologin und Gedächtnisforscherin Julia Shaw beschreibt dies in folgendem Bild: Wenn wir uns erinnern, ist das so, als ob wir eine Erinnerungskarteikarte aus einem Register ziehen und lesen. Anschließend wird die Karte allerdings nicht wieder einsortiert, sondern durch eine neu geschriebene ersetzt. Diese neu geschriebene Karte kann dann in Details von der ursprünglichen abweichen. So ist es beispielsweise möglich, dass uns durch die Auseinandersetzung mit einer Erinnerung weitere Details einfallen. Die standen quasi auf anderen, verloren geglaubten Karteikarten und werden jetzt zusammengeführt. Ergänzungen können auch aus Gesprächen mit anderen stammen, die ihre Erinnerungen kundtun. Es ist kaum noch unterscheidbar, wer sich an was erinnert hat. Die erinnerten Inhalte können dann durchaus richtig sein, der Irrtum besteht darin, welcher Quelle die einzelnen Details entsprungen sind.
Es ist aber eben auch möglich, dass wir uns falsch erinnern, ohne es zu merken. Hierfür gibt es unterschiedliche Ursachen:
Es kann zum Beispiel sein, dass unser Gehirn eine Erinnerung erzeugt, dass diese aber lückenhaft ist, weil wir bestimmte Aspekte gar nicht wahrgenommen haben. Das Gehirn schließt diese Lücken auf logisch erscheinende Weise, weil es unvollständige Geschichten nicht mag. Für uns ist jedoch kaum unterscheidbar, was wir wirklich wahrgenommen haben, und was unser Gehirn erzeugt hat. Ein Beispiel für diesen Prozess stellt der Film Psycho von Alfred Hitchcock dar. In der Szene mit dem Mord unter der Dusche sieht man im Wechselschnitt immer wieder das Messer und die duschende Frau. Es ist nicht zu sehen, dass sie gestochen wird. Gleichwohl erinnern sich die meisten, nachdem sie Psycho gesehen haben, an die Stiche. Bezogen auf dieses Beispiel hat das Gehirn hier eine folgerichtige Deutung und Ergänzung vorgenommen. Es kann aber auch unzutreffende Ergänzungen geben: Ein Zeuge sieht im Straßenverkehr ein Auto, das deutlich zu schnell fährt. Wenige Sekunden später hört er einen Knall. Als er der Polizei den Raser beschreibt, wundert er sich, dass dieser gar nicht am Unfall beteiligt war.
Unser Gehirn merkt sich zudem nicht alles, sondern vor allem das, was ihm bedeutsam erscheint. Eine Folge sind Verdichtungen. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer hat hierzu ein anschauliches Beispiel entwickelt: Wir können uns nicht an jede einzelne Tomate erinnern, mit der wir in unserem Leben zu tun hatten. Wir verfügen über eine allgemeine mentale Repräsentation. Unser Gehirn hat eine Regel erzeugt, die uns hilft, Tomaten zu erkennen und eine Vorstellung von ihren Eigenschaften zu haben. Das bedeutet, dass sich das erwachsene Gehirn oft nicht an viele Details erinnert, sondern hier und da Brücken zu bekannten Regeln baut. Kinder sind anders. Sie haben noch nicht so viele Regeln erzeugt und sind aufgrund ihrer Achtsamkeit für Details bei Memory und ähnlichen Spielen Erwachsenen oft überlegen.
Wenn wir in Situationen Stress erleben, zum Beispiel, weil wir große Angst haben, kann es sein, dass unser Gehirn, im Versuch uns zu schützen, keine Assoziationen erzeugt, sondern die unterschiedlichen Facetten der erlebten Situation getrennt verarbeitet. Die Erinnerungen können zwar sehr genau sein, werden aber quasi nicht auf einer, sondern auf unterschiedlichen Karteikarten festhalten. Diese als Dissoziationen bezeichneten Gedächtnisinhalte können Erinnerungsprozesse beeinflussen und Ergebnisse verfälschen.
Hinzu kommt das Phänomen der Scheinerinnerungen. Wenn andere uns etwas erzählen, das uns selbst betrifft, uns aber bis dahin überhaupt nicht bewusst war, dann kann es sein, dass wir uns später an diese Dinge erinnern und sie für eigene Erinnerungen halten.
Dies gilt selbst dann, wenn die Situationen tatsächlich niemals stattgefunden haben. Dazu gibt es Experimente: Probanden wurde nach Rücksprache mit deren Eltern erzählt, dass sie als Kinder im Einkaufszentrum ungewollt von ihren Eltern getrennt worden und allein umhergeirrt waren. Tatsächlich hatte sich das nie ereignet. Diese Geschichte arbeitete aber nun in ihnen weiter, das Gehirn ergänzte sie mit Erinnerungsbildern aus anderen Situationen, möglicherweise auch aus Filmen. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Probanden befragt und erzählten bildhaft davon ihrer Odyssee durch das Einkaufszentrum. Sie hielten diese experimentell erzeugte falsche Erinnerung für ein tatsächliches Erlebnis.
„Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!“, hat Heinz Erhardt einmal gesagt. Ob er sich selbst bewusst war, dass dies nur vordergründig komisch ist, tatsächlich aber eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck bringt?
Ein weiterer Aspekt ist im Kontext des Erinnerns beachtenswert: das Vergessen. Das Vergessen hat einen schlechten Ruf und wird im Alltag oft als Schwäche des Gedächtnisses betrachtet. Dabei ist dies eine sehr verkürzte Sichtweise. Das Vergessen ist in großen Teilen wichtig und macht das Gedächtnis letztlich leistungsfähiger. Es ist beispielsweise nicht von Vorteil, wenn man sich an jede einzelne Mahlzeit erinnert, die man in seiner Kindheit zu sich genommen hat. Daher merkt sich das Gehirn in der Regel die wiederkehrenden Mahlzeiten. Die meisten erinnern sich an mehrere konkrete Gerichte und daran, wie sie geschmeckt haben. Auch dies ist wieder eine Regel, vielleicht mit der Überschrift „die Speisen der Kindheit“. Die Einzelmahlzeiten werden nach und nach vergessen, also vom Gehirn gelöscht, um Ressourcen für Wichtigeres zu schaffen.
Realitätsnahe Erinnerungen, falsche Erinnerungen, vergessene oder voneinander getrennte Details, ... Unser Gedächtnis muss mit alldem jonglieren und möglichst sinnvolle und wahrhaftige Geschichten daraus erzeugen.
