Ohne dich - Julia Spors - E-Book

Ohne dich E-Book

Julia Spors

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Beschreibung

Was, wenn sich dein Leben von einem auf den anderen Tag plötzlich ändert? Was, wenn deine beste Freundin innerhalb von ein paar Stunden einfach tot ist? Laura weiß es nicht. Sie ist 17 Jahre alt, als ihre beste Freundin, ihre Seelenverwandte Isabel stirbt. Und auf einmal hat in ihrem Leben nichts mehr einen Sinn. Sie weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Sie fühlt sich alleine, einsam und leer. Die einzigen Lichtblicke sind die Briefe, die sie immer an Isabel schreibt. Darin erzählt sie von ihrem Alltag und sie merkt: Sie hat Isabel Versprechen gegeben. Und diese muss sie nun einlösen. Während sie diesen Zielen nacheifert erkennt sie: Auch, wenn Isabel tot ist, die Freundschaft hat noch lange kein Ende. Und: Alleine ist Laura nicht, schließlich ist Isabel in Gedanken und in ihrem Herzen bei allem dabei.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Liebe Isabel,

kannst du mich gerade hören? Ich versuche dich zu erreichen. Doch ich weiß nicht immer, ob ich sofort zu dir gelange. Vielleicht bist du gerade auf einer großen Party und lachst mit anderen. So wie du immer mit mir gelacht hast. Auf deine 500 verschiedenen Arten. Und vielleicht hast du deshalb nicht immer sofort Zeit bei mir zu sein. Ich stelle mir dich dann vor, wie du von einer Wolke auf die andere springst, solange bis du an der Wolken-Bar angekommen bist. Dort holst du dir natürlich erstmal ein Glas Sekt, um danach alle um dich herum mit deinem Strahlen und Lachen zu begeistern.

Ich frage mich, ob es eine Promillegrenze im Himmel gibt und wie du nach zu vielen Gläsern Sekt nach Hause kommst? Musst du dich in Gedanken nur hinbeamen? Früher habe ich dich dann in solchen Momenten nach Hause gebracht. Oder wir uns gegenseitig. Das war schon sehr lustig und ich denke gerne daran zurück. Oft frage ich mich auch, wie dich meine Hilferufe von hier unten, der Erde, immer erreichen? Wie du so schnell da sein kannst, dass ich es immer sofort spüre? Diesen Trick musst du mir irgendwann einmal verraten. Piekst es dich dann in den Arm oder bimmelt dein Pager? Oder gibt es Himmel-Handys? Schnell tippen konntest du ja schon immer…

Ich stelle es mir schön vor im Himmel. Alles weiß, wuschelig und ganz kuschelig. Alles friedlich und fröhlich. Man kann seine Ruhe haben, wenn man möchte, aber auch feiern, wenn man Lust dazu hat. Es gibt keine Verpflichtungen, kein Muss, sondern nur angenehme Dinge. Und eine tolle Aussicht auf die Leute unten auf der Erde hat man dort bestimmt auch. Hinschauen kann man immer, wann man möchte. Vor allem, wenn das Vermissen zu schlimm wird. Dann kann man sich in die Leben der lieben Menschen einklinken. Machst du das auch öfters bei mir? Ich vermisse dich sehr und ich hoffe, es geht dir gut dort, wo du bist. Als Erdenmensch denkt man ja immer, dass im Himmel alles so ist, wie man es sich hier auf dem Boden erträumt. Ich denke, dass dort alles so ist, wie man es sich hier oft ausmalt und erwünscht. Oder dass es so ist, wie hier zu den schönsten Zeiten. Durch den Alltag und den Stress vergisst man ja oft das Glücklichsein oder man merkt erst viel später, dass man in der Zeit eigentlich glücklich war, aber im Himmel ist das Glück immer da und man spürt es auch. Man hat eine innere Zufriedenheit und Ausgeglichenheit nehme ich an. Hast du sie? Weißt du, ich hatte diese Zufriedenheit und auch das Glück und ich habe es erkannt, als es da war. Nur leider wurde es mir genommen. Du wurdest mir genommen Isabel! Ich wünschte es wäre nicht so gewesen.

Deine Laura

1. März 2001: Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich sah keinen Sinn mehr im Leben. Alles schien trostlos. Die Farben des Lebens waren verblasst. Es gab nichts Schönes mehr. Mein Kopf war leer, total leer. Ganz ausgebrannt. Jede Bewegung in meinem Körper schmerzte. Ich wollte für immer auf meinem Bett liegen bleiben und die Wand anstarren. Einfach nichts denken oder tun müssen. Die Welt und mein Dasein vergessen. Den Weg zur Zigarette schaffte ich gerade noch. Das war aber auch alles. Wieso sollte ich noch etwas essen oder trinken, wenn ich früher oder später sowieso starb? Wieso sollte man sich überhaupt noch die Mühe machen, Beziehungen mit anderen Menschen aufzubauen? Irgendwann verließen einen doch sowieso alle. Danach war man doch nur fertig. Genau so wie ich jetzt. Mein Leben war zerstört. Innerhalb von einem Tag. Einem einzigen Tag!

Wer konnte einem schon sagen, was der Sinn im Leben war und warum man sich durch so viele schwere Stunden quälen musste?

–Keiner.

Und so sah ich es auch, als ich auf meinem Bett lag und nichts mehr fühlte. Keine Liebe, keinen Hass, keinen Schmerz. Einfach nur Leere. Ich wollte weinen, doch auch das ging nicht. Ich wollte nicht mehr reden, doch ich wollte auch nicht mehr alleine mit meinen Wänden sein. Ich wusste selbst nicht mehr, was ich wollte. Und all das wegen einem Augenblick, der mein Leben für immer veränderte.

Vor zwei Tagen war Isabel gestorben. Seitdem schien jede Bewegung zu viel zu sein. Jede noch so mechanische Bewegung machte mich fertig und ließ mich spüren, dass ich am Ende meiner Kräfte angekommen war. Das einzige, was mich momentan noch aufrecht hielt, war der Gedanke, Isabel die „letzte Ehre“ zu erweisen. Ich musste die Beerdigung durchstehen, egal was kommen sollte. Das war ich ihr schuldig. Doch bis dahin war noch ein langer Weg. Die Tage wollten nicht vergehen. Und doch vergingen sie wie im Flug. Irgendwie war für mich alles ein Widerspruch in sich. Vor drei Tagen war die Welt noch in Ordnung. Isabel und ich hatten Pläne und genossen das Leben in vollen Zügen.

5 Jahre später: Isabel ist meine beste Freundin. Ich sage bewusst ist. Denn: Wahre Freundschaft geht auch über den Tod hinaus. Ich war 17, als Isabel starb. Es war für mich der Weltuntergang. Mein Name ist Laura. Heute bin ich 21 Jahre alt und komme mit ihrem Tod klar. Ich habe mein Leben wieder im Griff und kann mich wieder an kleinen oder großen Dingen erfreuen. Und doch ist mein Leben weiterhin fest mit Isabels verbunden. Egal ob im Beruf oder im Privatleben. Sie ist ein fester Teil in meinen Alltag und sie ist ein Teil von mir. Daran wird sich nichts ändern, denn das, was wir hatten, ist unsterblich.

Es ist eine Freundschaft, wie man sie nur selten erlebt und bei der man sich glücklich schätzen kann, sie erlebt haben zu dürfen. Umso schmerzhafter ist der Verlust. Über diesen hinweg zu kommen ist unmöglich. Der Weg zur Normalität ebenfalls. Doch genau über diesen Weg möchte ich erzählen. Das wollte ich von Beginn an, doch ich konnte es nicht. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, fünf Jahre in denen viel passiert ist. Viel schlechtes, aber auch viel Gutes. Fünf Jahre, in denen ich jeden Tag an Isabel gedacht habe – mal mehr, mal weniger. Aber präsent war sie immer. Inzwischen kann ich mit ihrem Tod umgehen und bin daran gewachsen, bin stark geworden durch das Erlebnis. Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt wie andere an ihrem Tod zerbrochen sind, den Weg zurück ins Leben nicht mehr gefunden haben und deshalb möchte ich hier von meinem Weg erzählen. Einfach um Mut zu machen, zu erklären, dass man wieder glücklich sein kann, auch wenn man einen Menschen verloren hat, den man liebt. Ich möchte zeigen, dass man trotzdem immer mit demjenigen verbunden sein kann, gerade wenn man weitermacht und wieder glückliche Momente erlebt und vor allem will ich zeigen, dass jeder etwas in einem anderen Menschen hinterlässt, nämlich Spuren. Spuren, die wichtig sind, die einen prägen und die einen immer zusammen schweißen werden.

Isabel und ich – wir kannten uns nicht unser Leben lang, wie man oft von so einer Freundschaft erwartet, sondern erst, seitdem ich 14 Jahre alt war. Ich hatte andere Freunde als sie. An einem Abend streiften sich unsere Wege. In einem Eisstadion. Und vom ersten Augenblick an verstanden wir uns blind. Wir setzten uns an diesem Abend von den anderen ab und unterhielten uns stundenlang. Es war ein sehr lustiger Abend. Und es sollten viele folgen. Bis zu diesem einen Abend – dem schlimmsten in meinem bislang jungen Leben. Ihrem Tod.

Seitdem schreibe ich Briefe an Isabel. Ich erzähle ihr dabei von meinen Gefühlen, meinen Ängsten und auch einfach von meinem Alltag. Ich lasse sie wissen, was hier passiert und schließe sie damit in mein Leben mit ein. So gehört sie dazu. Einfach zu mir und meinem Leben. Schon ein Tag nach ihrem Tod habe ich ihr einen Brief geschrieben und ihr diesen dann ins Grab geschmissen. Die anderen habe ich geschrieben und manches Mal wieder gelöscht oder verbrannt – aber viele habe ich auch aufgehoben. Ich lese sie immer wieder und sehe dadurch wie ich mich verändert habe, wie ich gewachsen bin in den letzten Jahren. Ich sehe aber auch, dass Isabel die Person ist, der ich die wichtigen Sachen in meinem Leben erzählen möchte. Und immer mehr erkenne ich, dass ich meinen Weg gefunden habe. Mit ihr zusammen.

26. Februar 2001: Isabel, wie jede Nacht telefonierten wir. Nur um noch mal über den Tag und unsere Gedanken und Gefühle zu reden. Um uns zu zeigen, dass wir füreinander da sind. Schon im Bett liegend erzählten wir uns unsere Gedanken und Ängste. So auch an diesem letzten Abend. Du sagtest mir, dass du dich nicht sehr gut fühlst. Ich wunderte mich, denn als ich noch bei dir war, schien alles ok.

„Das war es auch, denn du warst ja da“, sagtest du.

Ich lächelte, denn ich wusste, dass es mir immer genauso ging. Egal wie schlecht ich mich fühlte, wenn du bei mir warst, dann war alles gut. Du sagtest, dass dir schlecht sei und du Kopfschmerzen hättest.

„Schlaf dich aus. Morgen geht es dir besser und dann machen wir was Schönes“, sagte ich.

Du lächeltest. Das spürte ich sogar übers Telefon. Wir verabschiedeten uns und ich schlief sofort ein.

Nur ein paar Stunden später wachte ich aber wieder auf, weil mein Handy klingelte. Ich war sauer, denn schließlich war Sonntagmorgen. Dass du es warst, verwunderte mich noch mehr, denn auch wenn ich lange schlief, du hast es immer geschafft mich im Dauerschlafen zu überbieten! Als ich abnahm sagtest du mir, dass es dir wirklich nicht gut ginge und ich doch bitte zu dir kommen sollte. Also zog ich mich an und fuhr mit dem Bus zu dir. Als ich bei dir war, schlüpfte ich erstmal wieder zu dir ins Bett und wollte weiterschlafen, doch du hast den Fernseher angemacht. Also richteten wir uns auf und sahen fern. Keine Ahnung mehr welcher Film lief, ich glaube das interessierte uns beide nicht, denn wir dösten. Nah beim anderen. Als es heller wurde sagtest du zu mir, dass ich den Rollladen ganz runtermachen sollte, weil du starke Kopfschmerzen hättest und dir das Licht wehtäte. Also verdunkelte ich den Raum.

„Willst du eine Aspirin? Ich habe welche im Rucksack.“

Ich gab dir eine und du nahmst sie. Doch deine Schmerzen wurden nicht besser. Eher schlimmer. Ich machte mir Sorgen um dich, aber du hast gelacht. Ich merkte, wie dich jede Bewegung schmerzte, doch du gabst es nicht zu.

Irgendwann ging ich runter in die Küche zu deiner Mutter und teilte ihr mit, dass es dir nicht gut ginge und es immer schlimmer würde.

Als wir zusammen nach oben kamen, hast du dich übergeben. Wir haben dir dann einen Eimer neben das Bett gestellt. Kraftlos hast du dich ins Bett zurückfallen lassen. Ich legte mich wieder zu dir und fragte dich, ob du nicht mal was essen willst.

„Zwei trockene Toasts“, war deine Antwort. Also ging ich in die Küche und holte sie. Als ich oben ankam und sie dir gab, hast du nur gelächelt und gesagt: „Ich esse nur einen Toast, wenn du den anderen isst. Einer ist für mich und einer für dich.“

Das war typisch für dich. Obwohl es dir schlecht ging hast du bemerkt, dass ich noch nichts gegessen hatte und du wusstest auch, dass ich keinen Appetit hatte, weil ich dich so sah. Aber dir zuliebe aß ich die Scheibe.

Als wir wieder im Bett lagen, fragte ich dich, ob irgendetwas los sei, weil es dir so schlecht ging. Du erzähltest mir von deinem Ex-Freund, aber betontest auch, dass es nicht das sei, was dich so fertig machte. Auf einmal hast du mich todernst angesehen. Ich werde diesen Blick niemals vergessen.

Du sagtest: „Versprich mir bitte, dass egal, was passiert, du unsere Projekte zu Ende bringst und unsere Träume lebst. Sie sind unsere Babys und einer von uns muss sich darum kümmern und es schaffen. Und vergiss dabei niemals, dass ich dich liebe und immer bei dir bin.“

Ich starrte dich an und wusste nicht, was ich sagen sollte. „Jetzt hör auf mit diesem sentimentalem Gerede“, scherzte ich deshalb. Doch du starrtest mich weiter so an bis ich es dir versprach. Danach sagten wir beide nichts mehr. Es war ein komischer Augenblick. Ich kannte dich so nicht. Du warst immer diejenige, die Scherze machte, auch wenn etwas noch so schlimm war. Ich war diejenige von uns, die mit ernsten Sachen anfing. Es kam mir alles seltsam vor. Ich dachte aber nicht weiter darüber nach, denn du musstest dich wieder übergeben. Doch diesmal bist du nicht aufs Bett zurück gesunken, sondern bewusstlos geworden. Ich sprang auf, nahm dich hoch und schüttelte dich, bis du wieder wach wurdest. Du hast mich nur angeschaut. Ich fragte dich etwas, doch bekam keine Antwort. Aber ich habe bemerkt, dass du mir zugehört hast, also sprach ich weiter auf dich ein. Ich sagte dir, dass du schlafen sollst. Als du deine Augen geschlossen hattest, ging ich zu deiner Mum und sagte ihr, was passiert war. Sie rief den Notarzt.

Als ich wieder zu dir ins Zimmer kam, lagst du außerhalb des Bettes – wieder bewusstlos. Mit all meiner Kraft schleppte ich dich ins Bett zurück. Als ich es gerade geschafft hatte, wurdest du wieder wach.

„Laura, fahr jetzt bitte nach Hause“, sagtest du.

Ich sah dich an und schüttelte den Kopf.

„Ich lass dich doch jetzt nicht alleine. Außer du willst wirklich, dass ich gehe. Aber das glaube ich dir nicht.“

„Nein, das will ich nicht.“

Ich setzte mich zu dir auf die Bettkante und strich dir deine Haare aus dem Gesicht, als du dich wieder übergeben musstest. Danach saß ich bei dir und streichelte dir über die Schulter. Auf einmal hast du dich halb aufgesetzt und mich tief angeblickt. Ich war erstaunt über die Kraft, die noch in dir steckte.

„Bitte geh jetzt.“

„Was? Ich lasse dich so hier nicht alleine, das weißt du.“

„Ja, aber es ist wirklich besser du gehst jetzt. Tu mir diesen einen Gefallen. Bitte geh.“

Ich stand auf, drehte mich in der Tür noch mal um und sagte: „Ok, wenn du das willst. Ich komme morgen wieder und dann geht es dir wieder besser. Übermorgen gehen wir auf deinen geliebten Fasching.“

Du sahst mich an, hast gelächelt und genickt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber ging. Hätte ich gewusst, dass es unser letztes Gespräch sein würde, hätte ich dir noch vieles andere gesagt. Oder eher: Ich wäre gar nicht gegangen! Mittlerweile war es Abend geworden.

Als ich zu Hause ankam, stand meine Mutter schon im Treppenhaus und hielt mir das Telefon entgegen. „Der Notarzt will wissen, was sie die letzten Tage gegessen und welche Tabletten sie genommen hat.“ Mein Kopf war leer, aber ich versuchte so gut es ging, alles aufzuzählen. Als ich das Telefon sinken ließ, verließen auch mich meine Kräfte. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie erschöpft ich war – bis zu diesem Augenblick.

Ich schaute meine Mutter an, gab ihr das Telefon, ging mechanisch in mein Zimmer und heulte. Meine Mutter setzte sich zu mir aufs Bett.

„Was ist los? Was ist mit Isabel? Warum ist der Notarzt da?“

„Sie stirbt. Sie wird heute noch sterben. Ich weiß es“, sagte ich nur kraftlos und ließ mich aufs Bett sinken. Meine Mum strich mir meine Haare aus dem Gesicht.

„Hör auf zu weinen. Isabel stirbt nicht. Sie ist eine Kämpfernatur und morgen geht es ihr wieder besser. Das wissen wir doch.“

„Nein, diesmal nicht. Sie stirbt.“

Ich fühlte es. Ich kann nicht sagen, wie es sich angefühlt hat, aber ich wusste in diesem Moment, dass du stirbst. Ich wusste es mit einer Klarheit, die mich bis heute beschäftigt. Denn niemals hatte ich in meinem Leben etwas sicherer gewusst als das. Keiner konnte an diesen Gefühlen rütteln, und keiner schaffte es, mir etwas anderes einzureden.

Als meine Familie zu Bett gegangen war, setzte ich mich ins Wohnzimmer auf den Boden vor der Couch mit dem Telefon in der Hand.

„Komm Laura, schlaf etwas. Morgen wird alles wieder gut“, sagte meine Mutter, nachdem sie noch einmal zurück gekommen war.

„Nein, ich warte hier, bis sie anrufen.“

Und dann wartete ich. Auf einen Anruf von deiner Mutter oder deiner Schwester. Stundenlang starrte ich voller Verzweiflung das Telefon an bis ich es nicht mehr aushielt. Um ein Uhr nachts rief ich bei dir daheim an. Deine Oma ging ans Telefon um mir zu sagen, dass sie dir hier im Krankenhaus nicht helfen konnten und dich in eine Spezialklinik nach Heidelberg geflogen haben. Also wartete ich wieder auf eine Nachricht. Auch, wenn ich wusste, wie sie ausfallen würde. Ich wusste es jede Minute, jede Sekunde, seitdem ich aus deinem Zimmer gegangen war. Ich wusste es mit einer Verzweiflung, die nicht in Worte zu fassen ist. Um drei Uhr nachts rief deine kleinere Schwester an. Ich verstand sie nicht, da sie nur weinte. „Ich…Isabel…“ Ich verlor die Geduld. „Verdammt, jetzt beruhig dich und sag mir, was los ist“, schrie ich in den Hörer.

„Sie stirbt. Laura, sie stirbt. Sie können ihr nicht helfen.“

Ich weiß, dachte ich. Und trotzdem versuchte ich, deine Schwester zu beruhigen und bat sie abzuwarten. Ich sagte ihr, du wärst eine Kämpferin. Ich sagte ihr genau das, was meine Mutter vorher schon zu mir gesagt hatte – obwohl ich es selbst nicht geglaubt hatte und zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht tat. Ich war mir im Klaren darüber, dass ich deine Schwester anlog und doch wusste ich nicht, was ich anderes hätte sagen sollen. Als ich aufgelegt hatte, rannte ich total verzweifelt zu meiner Mutter ins Schlafzimmer und rüttelte sie wach.

„Mama, Isabel stirbt gerade. Sie stirbt…sie stirbt…sie stirbt.“

Ich sank auf den Boden. Meine Mutter ging mit mir ins Wohnzimmer und sprach solange beruhigend auf mich ein, bis ich wieder normaler atmen konnte und nicht mehr so sehr weinte. An der Wahrheit änderte es jedoch nichts.