Ole Ohnefurcht und das Geheimnis um den Bach der Tränen - Cord Brammer - E-Book

Ole Ohnefurcht und das Geheimnis um den Bach der Tränen E-Book

Cord Brammer

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Beschreibung

Bei diesem E-Book handelt es sich um die ursprüngliche Ausgabe des Buches. Im Gegensatz zur gekürzten Fassung, die ebenfalls erhältlich ist, beinhaltet diese Ausgabe etwa 55 Taschenbuchseiten mehr. Zum Inhalt: Als Ole von der Nordburg-Sage hört, wird er sofort in ihren Bann gezogen. In einer schlaflosen Nacht entscheidet er, dem damit verbundenen Geheimnis um den Bach der Tränen auf den Grund zu gehen. Seine beiden besten Freunde Nina und Peter kann er davon überzeugen, ihn auf die Nordburg zu begleiten. Gemeinsam tauchen sie in ein gefährliches, rätselhaftes und aufregendes Abenteuer ein. Es geschehen unfassbare Dinge, die sie nie für möglich gehalten hätten …

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OLE OHNEFURCHT

und das Geheimnis um den Bach der Tränen

 

Cord Brammer

 

Band 1

 

Texte: Copyright © 2015 by Cord Brammer

Umschlag: Copyright © 2015 by Cord Brammer

 

Impressum:

Cord Brammer

Dorfstraße 6

29362 Hohne

[email protected]

 

www.cordbrammer.de

www.facebook.de/cordbrammerautor

www.twitter.com/cordbrammer

www.instagram.com/cord_brammer

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die vollständige oder auszugsweise Verwendung jeglicher Art bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, die Vervielfältigung, die Übersetzung und die Einspeicherung in elektronische Systeme.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Ole Singer aus Hohne

Opa Hans und seine Ideen

Endlich Ferien

Ole als Retter in der Not

Die Baumhaussitzung

Davongekommen

Ole ohne Furcht

Ein Floß entsteht

Ole als Nachtmensch

Leinen los

Der Angriff

Das Schwarzwasser

Ole auf der Flucht

Alles macht Sinn

Die Nordburg-Sage

Der Bach der Tränen

Spuren im Sand

Das weiße Licht

Gefangen in der Gruft

Die geheimnisvolle Karte

War alles nur ein Traum?

 

Ole Singer aus Hohne

 

In dem kleinen Ort Hohne hörte man von der Oberschule ein durchdringendes Läuten. Die sechste Stunde war vorbei und alle Schüler der fünften und sechsten Klassen durften nun nach Hause gehen, wo das Mittagessen schon auf sie wartete.

Der zwölfjährige Ole Singer verließ gerade seinen Klassenraum, um sich seine Jacke zu schnappen und dann wie jeden Tag gemeinsam mit seinem besten Freund Peter den Heimweg anzutreten.

Mit seinen kurzen braunen Haaren, den leuchtend grünen Augen und der kleinen Stupsnase sah Ole aus, als wäre er einem Märchen über Trolle entsprungen. Ole war jedoch nicht so gemein und garstig wie ein Troll. Er gehörte vielmehr zu denen, die mit ihrem Lachen gute Laune verbreiteten. Dabei zeichneten sich leichte Grübchen auf seinen Wangen ab und seine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen kam zum Vorschein. Ja, Ole war nicht nur ein lustiger Junge, er strahlte dies auch von einem Ohr zum anderen aus.

„Beeil dich, Ole. Ich muss ganz schnell nach Hause. Es gibt heute leckeren Spinat und Kartoffelbrei bei uns“, rief Peter und eilte zur Garderobe.

Wenn es um Essen ging, war Peter nicht zu stoppen. Aber auch nur dann, denn sonst ging er immer alles etwas ruhiger an. Stand jedoch sein Leibgericht auf der Speisekarte, konnte man mit ihm bis nach dem Mittagessen nicht viel anfangen. Er aß für sein Leben gern und das sah man ihm auch an. Manche Kinder ärgerten Peter, weil er pummelig war. Ole tröstete ihn dann und sprach ihm Mut zu. Ihm machte es nichts aus, dass Peter ein bisschen mehr auf die Waage brachte. Peter war nämlich sein bester Freund. Ole fand ihn nett, kam gut mit ihm aus und das war doch die Hauptsache.

Auch jetzt konnte man wieder jemanden hören, der über Peter lachte und schlecht über ihn redete.

„Unser kleiner Vielfraß hier denkt mal wieder nur ans Essen. Und dann auch noch an Spinat, wie ekelhaft“, sagte dieser Jemand angewidert. „Igitt, das mag doch keiner. Aber iss ruhig, bis du grün wirst.“

‚Das kann nur einer gewesen sein’, dachte Ole. Er drehte sich um und war nicht überrascht, als er Fritz vor sich stehen sah. Wusste er es doch.

Fritz ging in dieselbe Klasse wie Ole und Peter. Er war ein sehr ungezogener und verwöhnter Junge. Seine Eltern kauften ihm, was er haben wollte. Da sie nicht viel Zeit für ihren Sohn hatten, glaubten sie, diesen Mangel mit Spielsachen wieder ausgleichen zu können. Fritz war oft allein zu Hause, denn seine Eltern arbeiteten tagsüber in ihrer Arztpraxis. Er machte, wozu er gerade Lust hatte, ohne dass ihm jemand sagte, ob es richtig oder falsch war. So verhielt er sich auch in der Schule gegenüber seinen Mitschülern. Er glaubte, er könne sich alles erlauben.

Fritz stand da, zeigte mit einem Finger auf Peter und rief laut: „Kommt Peter bloß nicht zu nahe, sonst frisst er euch noch die Haare vom Kopf.“

Sein lautes Lachen hallte bis in die hinterste Ecke des Schulflurs. Auch Ralf und Henrik stimmten mit ein, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Die beiden waren nämlich ständig mit Fritz zusammen und folgten ihm auf Schritt und Tritt. Sie zogen sich an wie er, verhielten sich genauso gemein wie er und taten, was er ihnen sagte.

Wenn Ole sie sah, musste er immer daran denken, dass die zwei so etwas wie Fritz’ Marionetten waren, nur ohne Fäden dran. Peter verglich sie gern mit Dick und Doof, denn Ralf war klein und dick und Henrik dafür groß, schlank und nicht sehr helle.

Peter stand eingeschüchtert an der Garderobe und schien sich hinter seiner Jacke verstecken zu wollen, die er verkrampft mit beiden Händen vor sich hielt. Sein Gesicht war knallrot angelaufen. Da wusste Ole, dass er eingreifen musste. Er konnte es nicht zulassen, dass Fritz Peter auf diese Weise vor allen demütigte. Er nahm seinen gesamten Mut zusammen und ging entschlossen auf Fritz zu. Seinem Gesichtsausdruck konnte man entnehmen, dass er wütend war.

„Was soll das eigentlich, dass du Peter hier vor allen so anmachst?“, sagte er mit einer kraftvollen Stimme. „Du legst dich nur mit Schwächeren an, du Feigling. In Zukunft lässt du Peter in Ruhe oder du bekommst es mit mir zu tun.“

Ole wandte sich sofort Peter zu, der mit offenem Mund und staunendem Blick dastand, und sagte: „Komm, lass uns gehen.“

Ole nahm seine Jacke vom Haken, hob seinen Ranzen auf den Rücken und ging in Richtung Ausgang. Peter folgte ihm. Nach einigen Metern drehte Peter sich noch einmal um und streckte Fritz die Zunge raus. Dem war das Lachen nun endgültig vergangen. Er war absolut sprachlos. Das war wohl das erste Mal, dass ihm jemand die Meinung gesagt hatte.

 

Als Ole und Peter das Schulgebäude verließen, regnete es ausnahmsweise mal nicht. Das hatte es schon die letzten Tage zur Genüge getan. Die Sonne wagte nun sogar manchmal einen kurzen Blick durch die Wolken und ließ erkennen, dass es doch Frühling war.

Ole war noch immer wütend auf Fritz und das brachte er mit aufbrausender Stimme zum Ausdruck: „Dieser Blödmann. Was fällt dem ein? Für wen hält der sich eigentlich?“

„Du kennst ihn doch“, sagte Peter. „Wenn Fritz keinen hat, den er ärgern kann, ist er unzufrieden.“

„Das kann so aber nicht weitergehen. Keiner traut sich, etwas gegen ihn zu sagen. Keiner wehrt sich.“

„Du hast dich gerade gewehrt. Das fand ich übrigens echt mutig von dir. Danke, dass du dazwischen gegangen bist. Ich wusste echt nicht, was…“

„Ja, keiner weiß, was man gegen Fritz machen soll“, unterbrach Ole Peter, während sie vom Schulweg rechts in die Dorfstraße einbogen.

„Freitag haben wir endlich Osterferien. Dann sind wir Fritz zum Glück erst einmal los“, sagte Peter mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Ole konnte sich irgendwie noch nicht so richtig auf die Ferien freuen. Er hatte natürlich gerne Ferien und mochte Ostern, aber bis dahin dauerte es noch. Er gab zu bedenken: „Ja, und heute ist erst Dienstag. Das heißt, wir müssen Fritz noch drei Tage ertragen. Es würde mich nicht wundern, wenn er es jetzt auf mich abgesehen hat.“

„Das glaube ich nicht. Der hat jetzt richtig Respekt vor dir“, versuchte Peter Ole aufzumuntern.

 

Bald darauf standen sie an der Straße vor Bornemanns Hof. Hier wohnte Peter. Er war der jüngere Sohn von Herrn Bornemann, einem der vielen Bauern in Hohne.

Die beiden verabredeten sich für den Nachmittag und verabschiedeten sich vorerst voneinander.

Den Rest des Heimweges ging Ole allein. Er überquerte die Dorfstraße, bog links in die Müdener Straße ein und hatte nach einhundert Metern zu seiner Rechten die Eichenallee vor sich. Die Straße trug diesen Namen, da in ihr die ältesten und größten Eichen des Ortes standen. Im Sommer war es hier am schönsten, denn dann bildeten die Baumkronen mit ihren Blättern ein dichtes Dach über der Straße. Hinzu kam, dass die Anwohner zu dieser Jahreszeit an ihren Zäunen Blumenkästen hängen hatten, in denen die verschiedensten Blumen in den schönsten Farben blühten.

Ole wohnte in dem Backsteinhaus mit der Hausnummer sechs, das seine Großeltern vor langer Zeit gebaut hatten. Es hatte zwei Stockwerke und ein mit roten Ziegeln gedecktes Dach. Die Fenster und Türen strahlten hingegen in so hellem Weiß, dass man jeden Fliegenhaufen darauf sah. Dies konnte Oma Frida in den Wahnsinn treiben, wenn sie merkte, dass nicht alles blitzblank sauber war. Außen wuchs saftgrüner Efeu die Wände hoch und legte sich immer wieder aufs Neue über die Fenster. Wenn Opa Hans sie nicht regelmäßig freischneiden würde, wären auch sie schon längst zugewachsen. Und dann könnte man nicht mehr hinaus in den schönen Garten sehen, von dem das Haus umgeben war.

Im Vorgarten stand eine Kastanie, unter der sich ein Hundezwinger befand. Hier wohnte Mick, der kleine schwarze Terrier von Opa Hans. Mick war schon alt und eigentlich mehr grau als schwarz. Obwohl sein Zwinger immer offen stand, sah man ihn öfter darin liegen, als im Garten herumtollen.

Ole ging durch die Gartenpforte, an der zwei Schilder angeschraubt waren. Auf dem einen stand ‚Landen’. So hießen Oles Großeltern mit Nachnamen. Auf dem anderen war ein Schäferhund abgebildet und es sagte: Warnung vor dem bissigen Hund! Ole wusste, dass das Schild Einbrecher und Diebe abschrecken sollte, denn Mick konnte mit dem bissigen Hund nicht gemeint sein.

Nachdem er die Pforte hinter sich geschlossen hatte, ging Ole direkt auf den Zwinger zu. Mick lief ihm sogleich mit wedelndem Schwanz entgegen und wollte gestreichelt werden. Ole kam der Aufforderung nach und sagte: „Na, mein Alter, wie geht’s? Bist du fertig mit deinem Mittagsschläfchen?“

„Stehe auf, Ole“, hörte man eine strenge Stimme rufen. „Deine Hose wird dreckig. Außerdem hast du keine Jacke an. Es ist kalt. Du erkältest dich noch.“

Das war Oma Frida, die in der Haustür stand. Als klein gewachsene Frau war sie nur beinahe zwei Köpfe größer als Ole. Trotz ihrer dreiundsechzig Jahre war ihr Gesicht nur an Stirn und Augen mit einigen Falten verziert. Das lange Haar trug sie immer streng zusammengebunden. Oma Frida sah man hauptsächlich in knielangen Röcken und bunten Blusen. Zur Gartenarbeit trug sie auch mal eine Hose. Momentan wurde ihre Kleidung von einer Schürze bedeckt, mit der sie sich beim Kochen vor bösen Flecken schützen wollte.

„Komme bitte zum Essen. Wir warten schon auf dich“, sagte sie.

„Ja, ich komme“, rief Ole laut zurück, um sicherzugehen, dass das, was er sagte, auch bei seiner Großmutter ankam und nicht vom Wind verschluckt wurde.

Er stand auf und ging zum Haus. Mick folgte ihm. Als Ole seiner Großmutter, die in der Tür wartete, immer näher kam, konnte er ihren entsetzten Blick sehen, den seine dreckige, an den Knien grasgrüne Hose auslöste. Sie sagte aber nichts, was die Hose betraf. Stattdessen nörgelte sie: „Der Hund bleibt draußen. Du weißt, dass ich keine Tiere im Haus haben möchte.“

Oma Frida fand, dass Tiere ins Freie gehörten. Sie dachte, Mick würde alles dreckig machen, seine Haare überall verteilen und Hausschuhe und Kissen zerbeißen. Das mochte ja auf so manchen Hund zutreffen, aber doch nicht auf den friedlichen Mick, der fast den gesamten Tag schlief. Aber Ole wusste, eine weitere Diskussion würde Oma Frida auch heute nicht umstimmen. Also drehte er sich zu Mick um und sagte mitleidsvoll: „Du hast es gehört, kein Zutritt für dich.“

Er streichelte Mick ein weiteres Mal, ging ins Haus und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Mick fing leise an zu jaulen und lief mit gesenktem Kopf zurück in seinen Zwinger.

 

Opa Hans und seine Ideen

 

Ole setzte seinen Schulranzen ab und folgte Oma Frida in die Küche. Seine kleine Schwester Lane saß bereits am Esstisch und wartete auf ihn. Sie ging in die dritte Klasse und hatte schon nach der vierten Unterrichtsstunde Schluss gehabt. Wenn es ihr Stundenplan wie heute zuließ, half sie Oma Frida beim Kochen, schmeckte zusammen mit ihr das Essen ab und deckte den Tisch. Die Arbeit in der Küche bereitete ihr viel Freude. Wenn man sie fragte, was sie später einmal werden wollte, antwortete sie mit Köchin.

Obwohl Lane drei Jahre jünger war als Ole, reichte sie ihm bereits bis an die Nasenspitze. Wenn Ole nicht aufpasste, wuchs sie ihm bald über den Kopf. Trotzdem wurde sie von Verwandten und Bekannten immer ‚kleine Lane’ genannt, was daran lag, dass sie das jüngste Mitglied der Familie war. Ihre dunkelblonden Haare trug sie immer zu zwei Zöpfen zusammengebunden. So kamen ihre weichen, puppengleichen Gesichtszüge, ihre kleine Stupsnase und ihre glasklaren blauen Augen besonders zur Geltung.

„Wie war es in der Schule?“, fragte Lane mit funkelnden Augen ihren großen Bruder, wie jeden Tag, wenn er in die Küche kam und sie schon auf ihn wartete.

„Ganz gut“, sagte er. „Und bei dir?“

„Auch ganz gut.“

Oma Frida forderte ihren Enkel auf, Opa Hans Bescheid zu sagen, dass das Essen fertig war.

„Wo ist er denn?“, wollte Ole wissen.

„Er ist in der Garage und bringt den Rasenmäher in Gang. Renne mal bitte schnell zu ihm.“

Eine Tür in der Küche führte Ole direkt nach draußen auf die Terrasse. Sie lag hinter dem Haus und war auf zwei Seiten von Haus und Garage umschlossen.

Ole ging zur Garagentür. Als er sie öffnen wollte, klappte es nicht. Der Wind drückte so stark gegen sie, dass sie nicht aufzubekommen war. Sie öffnete sich immer nur einen kleinen Spalt in seine Richtung, um dann wie von Geisterhand wieder zugezogen zu werden. Es war, als würde jemand von innen versuchen, die schwere Holztür mit aller Kraft verschlossen zu halten.

Also klopfte Ole mit seiner rechten Faust fest gegen sie und rief: „Opa, bist du da drin? Wir können essen. Kommst du?“

Im selben Moment ging die Tür mit einem Ruck auf und Opa Hans trat aus der Garage. Er war schlank und groß gewachsen. So groß, dass er sich ducken musste, als er durch die Tür ging.

Die von seiner Halbglatze verschont gebliebenen Haare waren grau und kurz geschnitten. Wie Oma Frida hatte Opa Hans nur Falten um die Augen und auf der Stirn. Im Moment trug er seine grüne, mit Öl befleckte Arbeitskleidung. Die hatte er immer an, wenn er etwas auf dem Grundstück erledigte.

„Ach, du bist es, mein Junge. Ich dachte schon, die Mainzelmännchen hätten gegen die Tür geklopft. Weißt du, die wollten mir dabei helfen, den Rasenmäher zu reparieren.“, sagte Opa Hans mit seiner tiefen Stimme und fing laut an zu lachen.

Ole verdrehte die Augen und meinte: „Die gibt es doch gar nicht, Opa.“

Opa Hans konnte Ole nicht mehr länger etwas vormachen und musste sich eingestehen: „Ich glaube, du wirst langsam groß.“

Damit hatte er vollkommen recht. Ole hatte sich in letzter Zeit enorm weiterentwickelt. Er verhielt sich erwachsener als andere Kinder in seinem Alter. Und das hing vermutlich mit dem frühen Tod seiner Eltern zusammen. Vor fünf Jahren waren sie bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen, und Ole und Lane waren daraufhin zu den Großeltern gezogen. Im Gegensatz zu ihr konnte Ole sich noch sehr gut an seine Eltern erinnern, denn er war damals schon sieben gewesen.

Seine Mutter hatte ihm oft vor dem Einschlafen selbst ausgedachte Geschichten vorgelesen. Ole konnte noch immer ihre ruhige Stimme hören, mit der er jeden Abend in das Land der Träume übergesetzt war.

„Kommst du, Ole?“, fragte Opa Hans, der seinen Enkel in Gedanken versunken auf der Terrasse stehen sah.

Ole erinnerte sich daran, dass er viele Male hier im Garten mit seinem Vater Fußballturniere ausgetragen hatte. Ihm fiel wieder ein, dass er einmal haushoch gegen ihn hatte gewinnen können. Ole dachte gern an seine liebevollen Eltern zurück und verlor sich oft in Erinnerungen an sie.

 

Als Ole mit seinen Großeltern und seiner Schwester am Esstisch saß, sah er, dass es bei ihnen heute auch Kartoffelbrei und Spinat gab.

‚Was für ein Zufall’, dachte er.

Bei ihm löste das aber weniger Begeisterung aus als bei Peter. Ehrlich gesagt gar keine. Er mochte Spinat nicht und musste Fritz ausnahmsweise recht geben, wenn der sagte, dass Spinat ekelig schmecke. Somit wich Ole auf Kartoffelbrei mit Ketchup aus.

Ole konnte Peter genau vor sich sehen, wie er jetzt zu Hause am Tisch saß und vor Angst, die anderen könnten ihm alles wegessen, Nachschlag nahm. Obwohl er seinen Teller noch gar nicht leer gegessen hatte. Bei dem Gedanken fing Ole an zu schmunzeln.

„Na, woran denkst du?“, fragte Opa Hans.

Ole erwachte aus seinem Tagtraum und fragte: „Was?“

„Na, du schmunzelst so. Du denkst doch an etwas“, hakte Opa Hans nach.

„Ist nicht so wichtig“, sagte Ole und aß gedankenversunken weiter.

„Möchtest du noch etwas, Lane?“, fragte Oma Frida.

Lane saß vor einem blitzblanken Teller und sah noch hungrig aus. Mit ihren beiden sorgfältig geflochtenen Zöpfen im Haar antwortete sie höflich: „Ja, Kartoffelbrei bitte.“

Oma Frida gab ihr zwei Löffel auf den Teller.

‚Lane mag wohl auch keinen Spinat. Warum mögen so viele Kinder keinen Spinat?’, fragte Ole sich und führte seinen Gedanken fort. ‚Vielleicht ist es ein Essen für Erwachsene. Na ja, und für Peter.’

Ole schmunzelte erneut.

„Du lachst ja schon wieder in dich hinein“, bemerkte Opa Hans.

„Ach, Hans, es ist doch schön, wenn er sich über etwas freut. Und vielleicht möchte er uns ja gar nicht sagen, worum es dabei geht“, mischte Oma Frida sich ein und wandte sich danach an Ole. „Aber erzähle uns doch mal, ob du dir für heute etwas vorgenommen hast. Gehst du wieder zu Peter?“

Ole nickte mit kauendem Mund.

„Wie geht es Peter eigentlich?“, erkundigte sich Opa Hans. „Wir haben ihn ja schon lange nicht mehr gesehen, weil ihr immer bei Bornemanns seid.“

Ole kaute auf, schluckte herunter und vermutete zu Recht: „Nicht so gut, würde ich sagen. Fritz hat sich nämlich heute vor allen über ihn lustig gemacht.“

„Der Zahnarzt-Fritz schon wieder?“, fragte Opa Hans abfällig, denn bisher hatte er nur Schlechtes über diesen Jungen gehört.

„Ja, genau der“, bestätigte Ole.

Opa Hans hakte dennoch weiter nach: „Hat er nicht auch im letzten Jahr bei Frau West im Garten allen Blumen die Blüten abgeschnitten?“

Ole nickte und erinnerte sich daran, dass Frau West, die Besitzerin des kleinen Einkaufsladens in Hohne, wütend und traurig zugleich gewesen war. Sie hatte so viel Liebe und Arbeit in ihren Garten gesteckt. Doch dann war so ein ungezogener Bengel gekommen und hatte ihrem ganzen Stolz die Köpfe abgeschnitten.

Es hatte keinen besonderen Grund gegeben, warum Fritz es gemacht hatte. Wahrscheinlich war ihm einfach langweilig gewesen und so hatten die Blumen dran glauben müssen. Nur war er dabei von Frau West auf frischer Tat ertappt worden. Sie hatte ihn sofort an die Hand genommen und mit sich zu seinen Eltern geschleift. Doch die hatten alles bestritten und gesagt, dass ihr wohlerzogener Sohn so etwas nie tun würde.

Frau West war daraufhin entsetzt und enttäuscht gewesen. Fritz’ Eltern hatten ihr nicht geglaubt, sie wie eine Lügnerin, die sich Geschichten ausdachte, an den Pranger gestellt. Ihr war nichts anderes übrig geblieben, als Gras über die Sache wachsen zu lassen und darauf zu warten, dass ihre Blumen nachwuchsen.

„Dieser Fritz scheint es ja faustdick hinter den Ohren zu haben“, brachte Opa Hans es auf den Punkt.

„Ja“, meldete sich Lane zu Wort, „meiner Freundin hat er mal an den Haaren gezogen.“

„Wem? Der kleinen Maria?“, fragte Oma Frida bestürzt.

Lane nickte, und Oma Frida wollte wissen: „Habt ihr das denn eurer Lehrerin erzählt?“

„Ja, aber Fritz hat ihr gesagt, dass er das nicht war“, erinnerte sich Lane. „In der Pause hat er dann darüber gelacht, dass er keinen Ärger bekommen hat.“

„Der ist ja mit allen Wassern gewaschen“, meinte Opa Hans. „So einen hätten wir uns früher erst einmal vorgeknöpft.“

„Hans, stifte die Kinder nicht zu so etwas an. Sonst sind sie noch diejenigen, die am Ende den Ärger bekommen“, sagte Oma Frida und wandte sich an Ole. „So etwas machst du nicht, hörst du?“

Ole schüttelte verständnislos den Kopf, als wollte er damit fragen, wie sie ihm zutrauen konnte, auf so eine Idee zu kommen.

„Und was war nun heute in der Schule los?“, fragte Opa Hans. „Was hat Fritz denn zu Peter gesagt?“

Während Ole davon erzählte, servierte Oma Frida den Nachtisch. Es gab Quark mit selbst gemachter Erdbeersoße. Sie fingen gleich an zu essen und unterhielten sich dabei weiter.

„Der arme Peter hat es aber auch nicht leicht“, warf Oma Frida nach Oles Zusammenfassung der Geschehnisse ein.

Opa Hans sagte hingegen stolz: „Das ist mein Enkel. Es war wirklich mutig von dir, dazwischenzugehen.

---ENDE DER LESEPROBE---