Ole Ohnefurcht: Und der Schatz der Nordburg - Cord Brammer - E-Book

Ole Ohnefurcht: Und der Schatz der Nordburg E-Book

Cord Brammer

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Beschreibung

Bei diesem E-Book handelt es sich um die ursprüngliche Ausgabe des Buches. Im Gegensatz zur gekürzten Fassung, die ebenfalls erhältlich ist, beinhaltet diese Ausgabe etwa 55 Taschenbuchseiten mehr. Zum Inhalt: Als Ole mit seinen beiden besten Freunden Nina und Peter auf die Nordburg zurückkehrt, beginnt für ihn ein weiteres spanungsreiches Abenteuer. Auf der Suche nach Antworten, die sich mit dem sagenumwobenen Fluch des Tränenhügels befassen, müssen die drei in einem weitreichenden Höhlennetz so manches schwieriges Rätsel lösen. Stoßen sie dabei womöglich sogar auf den seit langer Zeit verschollenen Schatz der Nordburg ...?

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OLE OHNEFURCHT

und der Schatz der Nordburg

 

Cord Brammer

 

Band 3

 

Texte: Copyright © 2015 by Cord Brammer

Umschlag: Copyright © 2015 by Cord Brammer

 

Impressum:

Cord Brammer

Dorfstraße 6

29362 Hohne

[email protected]

 

www.cordbrammer.de

www.facebook.de/cordbrammerautor

www.twitter.com/cordbrammer

www.instagram.com/cord_brammer

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die vollständige oder auszugsweise Verwendung jeglicher Art bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, die Vervielfältigung, die Übersetzung und die Einspeicherung in elektronische Systeme.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Typisch Fritz

Der andere Treffpunkt

Drahtesel und Mountainbike

Jetzt geht's los

Scheue Waldbewohner

Flickzeug

Ole wird gejagt

Achtung, Baum fällt

Die Beobachter

Es brennt, es brennt

Versteckspiel

Liselottes Mann?

Auf der Hängebrücke

Ole traut seinen Augen nicht

Am Abgrund

Die Bedeutung der Münze

Heinrich der Gefährliche

Ole taucht ab

Alles überstanden?

Das Ende naht

Neue und alte Bekannte

 

Typisch Fritz

 

Der Herbst hielt Einzug. Draußen wehte ein leichter Wind durch den großen Kastanienbaum und löste die ersten Blätter von den Zweigen. Das satte Grün des Sommers wurde zunehmend durch die Herbstfarben Gelb, Orange, Rot und Braun ersetzt. Durch die Sonne angestrahlt, reflektierten sie ein unwirkliches, aber anziehendes Licht.

Gleich neben der Kastanie stand ein rotes Backsteinhaus, das größtenteils mit Efeu bewachsen war. Dieser gab nur an einigen Stellen die Sicht auf weiße Fenster frei. In einem der Fenster des Erdgeschosses brannte Licht. Man konnte von außen erkennen, dass sich die in dem Haus lebende Familie an einem kleinen Küchentisch versammelt hatte. Vermutlich um zu frühstücken, denn der Tag war gerade erst angebrochen.

Die Familie bestand aus Frida und Hans Landen sowie Lane und Ole Singer. Die unterschiedlichen Nachnamen rührten daher, dass Lane und Ole die Enkelkinder der Landens waren. Ihre Eltern hatten die beiden vor etwas mehr als fünf Jahren bei einem schweren Autounfall verloren. Daher lebten sie bei ihren Großeltern.

Ole und seine Schwester Lane hatten ihren letzten Schultag vor den diesjährigen Herbstferien vor sich. Besonders Ole war froh, bald wieder von morgens bis abends unternehmen zu können, wozu er Lust hatte, ohne dabei vom lästigen Schulalltag unterbrochen zu werden. Außerdem brauchte er dann nicht mehr seinen Mitschüler Fritz ertragen, der ihm schon seit dem Kindergarten gehörig auf die Nerven ging.

Erst gestern hatte Fritz während des Sportunterrichts die Straßenschuhe von Ole und dessen bestem Freund Peter versteckt. Zumindest ging Ole davon aus, dass Fritz dahintersteckte. Für ihn kam niemand sonst für diesen Streich infrage. Denn zwischen Ole und Fritz herrschte schon immer Eiszeit. Und seit dem Seifenkistenrennen im Sommer war das Verhältnis zwischen ihnen noch weiter abgekühlt.

Nach einer langen Suche, bei der Ole und Peter von ihrem Klassenlehrer unterstützt worden waren, hatten sie ihre Schuhe im Papierkorb der Jungentoilette gefunden. Dieser Streich schrie eindeutig nach Fritz, zumal er während der Unterrichtsstunde auf die Toilette gegangen und in dieser Zeit unbeaufsichtigt gewesen war. Genau wegen dieser Tatsache wollte Ole ihn heute zur Rede stellen.

Oma Frida sagte: „Ich bin gespannt, wie Fritz reagiert, wenn er von dir angesprochen wird.“

„Ich wette mit euch“, war Ole sich sicher, denn das hatte Fritz bisher bei jeder Anschuldigung getan, „dass er es nicht zugeben wird.“

„Dann ärgere dich aber nicht, wenn es wieder so kommt“, sagte Opa Hans, „sondern freue dich auf die bevorstehenden Herbstferien und die Fahrradtour, die du mit Nina und Peter unternehmen wirst.“

„Du hast recht. Von dem lasse ich mir nicht noch einmal die Ferien vermiesen“, sagte Ole entschieden, stand auf und machte sich bereit, um gemeinsam mit Lane zur Hohner Oberschule zu fahren, in der er die sechste Klasse besuchte. „Dass er mir die Osterferien und die Sommerferien madiggemacht hat, reicht vollkommen aus.“

 

In der ersten Stunde hatte Ole Deutsch bei Herrn Krause. Noch etwas verschlafen, sollte er das Gedicht vortragen, das sie zu heute hatten auswendig lernen sollen. Während Ole nach vorne ging, formte Fritz mit zwei Fingern ein V auf seiner Stirn. Ole wusste, dass das V für das Wort Verlierer stand, und dass er damit gemeint war. Er dachte nur: ‚Warte ab, bis wir auf gestern zu sprechen kommen. Dann werden wir sehen, wer der Verlierer ist.’

Als Ole sich vor die Tafel gestellt hatte, räusperte er sich mit geballter Faust vor dem Mund und sagte das Gedicht auf:

 

Der Herbst ist da!

(Lord Brummer)

 

Der Herbst ist da, der Herbst ist da!

Er kündigt sich an wie jedes Jahr.

Goldene Blätter, so leuchtend hell.

Himmlische Winde, so rasend schnell.

 

Bäume verlieren ihr Sommerkleid,

wirken nun kahl, aber befreit.

Der Natur wurde befohlen,

sich auszuruhen und zu erholen.

 

Draußen wird es immer kälter.

Der Herbst wird alt und noch älter.

Der Herbst war da, der Herbst war da.

Er verabschiedet sich wie jedes Jahr.

 

In der zweiten Stunde stand Mathematik auf dem Stundenplan. Herr Krause erzählte gerade etwas von den verschiedenen Winkelarten, als Ole auffiel, dass Fritz sich Briefchen mit Ralf und Henrik schrieb. Die beiden waren die besten Freunde von Fritz und folgten ihm nun schon seit dem Kindergarten auf Schritt und Tritt. Sie verhielten sich wie er, kleideten sich wie er und lachten übertrieben, wenn Fritz auch nur ansatzweise etwas Lustiges von sich gab.

Ole erkannte, dass dies die Gelegenheit war, Fritz auflaufen zu lassen, indem er ihn bei Herrn Krause verpfiff. Doch wollte er einerseits nicht wie eine Petze dastehen, andererseits würde es nur dazu führen, dass sich sein Verhältnis zu Fritz noch weiter verschlechterte. Zwar störte ihn das wenig, aber so kurz vor den Ferien konnte er gut darauf verzichten. Denn wer weiß, was Fritz sonst wieder aushecken würde, um Ole auch noch die Herbstferien zu verderben.

Auch Nina, Oles beste Freundin, bemerkte, was sich zwischen Fritz, Ralf und Henrik abspielte. Im Gegensatz zu Ole reckte sie ohne Bedenken ihren Arm in die Höhe und wurde im nächsten Moment von Herrn Krause drangenommen.

„Hast du eine Frage, Nina?“

„Nein“, sagte sie, „aber es nervt mich, dass Fritz die ganze Zeit so laut ist. Ich kann gar nicht verstehen, was Sie sagen.“

Als sein Name fiel, schaute Fritz sogleich nach vorn. Im selben Moment verließ ein zerknülltes Stück Papier seine Hand und landete kurz darauf vor Ralf auf dem Tisch.

Herrn Krause blieb dies nicht unbemerkt und er fragte verärgert: „Habe ich gerade richtig gesehen? Schreibt ihr euch etwa Briefe?“

Fritz lief sofort rot an. Leugnen konnte er nicht, was er gerade getan hatte. Denn er war auf frischer Tat ertappt worden. Und das auch noch von seinem Klassenlehrer. Ihn als Zeugen infrage zu stellen, traute er sich nicht. Also hielt Fritz lieber seine Lippen geschlossen und schaute dumm aus der Wäsche.

„Ralf, gib mir bitte das Stück Papier“, forderte Herr Krause den Empfänger der Nachricht unmissverständlich auf. „Wir haben alle das Recht zu erfahren, was wichtiger ist als Mathe.“

Ralf blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung seines Klassenlehrers nachzukommen. Er holte den in seiner Hand versteckten Brief hervor und gab ihn ohne Widerworte weiter.

Herr Krause entfaltete das Papier.

„Dann wollen wir doch mal sehen.“

Herr Krause suchte nach einem Anfang.

„Wo geht es denn hier los?“

Herr Krause wendete den Schnipsel.

„Das ist ja ein Durcheinander.“

Herr Krause las laut und deutlich vor: „Wir treffen uns heute Nachmittag bei mir; neues Computerspiel; wundert mich, dass sie die Schuhe im Mülleimer gefunden haben.“

Herr Krause schaute langsam auf, zog dabei seine linke Augenbraue hoch, heftete seinen Blick auf Fritz und sagte ruhig: „Interessant. Also hast du gestern die Schuhe von Ole und Peter versteckt?“

Fritz sagte nach wie vor kein Wort, was eindeutig einem Geständnis gleichkam. Daran bestand absolut kein Zweifel.

„Wir sehen uns nach dieser Stunde am Lehrerzimmer“, sagte Herr Krause bestimmend und fuhr daraufhin mit seinem Unterricht fort, ohne den Zwischenfall weiter zu kommentieren. Fritz war noch immer rot wie eine Tomate und er sollte es für den Rest der Stunde bleiben.

 

In der ersten großen Pause konnten Nina, Ole und Peter sich endlich ausführlich unterhalten. Vor Unterrichtsbeginn kamen sie selten dazu, was vor allem daran lag, dass sie stets von Fritz und seinen beiden Komplizen belauscht wurden.

Auf dem Schulhof gingen sie zu dem abgelegenen Baumstumpf, der den anderen Schülern zu langweilig schien und gerade deshalb ein sehr guter Treffpunkt war.

„Nina, das hast du eben echt gut hingekriegt“, sagte Peter schadenfroh und rieb sich dabei die Hände. „Du hast genau im richtigen Moment die Aufmerksamkeit auf Fritz gelenkt.“

„Das hatte ich eigentlich gar nicht vor“, musste Nina zugeben. „Ich wollte ihn und sein Briefeschreiben nicht verpetzen. Er hat mich wirklich nur gestört.“

„Ach so“, sagte Peter etwas enttäuscht. „Na, dann hatte er einfach Pech.“

„Jetzt muss er mit Sicherheit wegen mir zum Schulleiter“, vermutete Nina.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Ole zu ihr. „So etwas klärt Herr Krause bestimmt allein. Wahrscheinlich telefoniert er gerade mit den Eltern von Fritz.“

Peter wusste, was das bedeutete: „Und die werden ihm wieder beistehen und behaupten, dass Fritz so etwas nicht macht.“

„Na ja, Herr Krause hat doch den Brief als Beweis“, sagte Ole und wurde im nächsten Moment von Nina unterbrochen.

„Eigentlich kann es uns doch egal sein, was daraus wird“, sagte sie nun. „Wenn seine Eltern nichts unternehmen, wird zumindest Herr Krause eine gerechte Strafe finden.“

„Nina hat recht“, musste Peter zugeben. „Wir sollten unsere Pause nicht damit verschwenden, über Fritz zu reden. Lasst uns lieber über die Ferien und unsere Fahrradtour sprechen.“

„Ja“, warf Nina ein, „wir sollten uns heute unbedingt treffen und alles planen, wenn wir schon Sonntag aufbrechen wollen.“

„Wir wollen nicht, wir müssen Sonntag aufbrechen“, korrigierte Ole. „So können wir uns noch etwas auf der Burg umsehen, bevor dann von Montag auf Dienstag Vollmond ist. Ihr wisst, was das bedeutet. Nur in dieser Nacht ist Liselotte auf der Nordburg und kann uns dabei helfen, ihre Töchter zu erlösen.“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Nina.

Ole schaute sie fragend an. „Glaubst du immer noch nicht, dass es Liselotte wirklich gibt?“

„Doch, aber ich würde sie auch gerne mal zu Gesicht bekommen. Es ist so ungerecht, dass nur du sie sehen kannst.“

In den Sommerferien hatten Nina, Ole und Peter herausgefunden, dass Ole ein Nachfahre von Liselotte war. Aus diesem Grund konnte nur er den Fluch brechen, der die Seelen von Liselottes Töchtern in ihren Särgen gefangen hielt. Das besagte der Spruch auf der Münze, die Nina auf der Burg gefunden hatte. Ein Junge, mit ihnen verbunden, bricht den Fluch. Aus demselben Grund konnte auch nur er den Geist von Liselotte sehen, was Nina gerade so sehr bedauerte. Ole ging aber nicht darauf ein, um einen weiteren Streit zu vermeiden, wie er in den Sommerferien zwischen Nina und ihm stattgefunden hatte.

Da Peter verhindern wollte, ein weiteres Mal zwischen Nina und Ole zu geraten, zog er schnell die Aufmerksamkeit auf sich. Er schlug den beiden vor, dass sie sich heute Nachmittag bei ihm treffen könnten, um alles weitere zu besprechen. Er wollte nicht im windundichten Baumhaus von Ole frieren und hatte eine andere Idee für einen Treffpunkt.

Nina und Ole fragten unentwegt nach dem genauen Ort, doch Peter machte daraus ein kleines Geheimnis. Er schwieg wie ein Grab, das von einem Fluch verschlossen gehalten wurde.

 

Der andere Treffpunkt

 

Ole schmiss die Haustür hinter sich zu, rannte in die Garage, schwang sich auf sein Fahrrad und trat in die Pedalen. Er hatte mit dem Wind zu kämpfen, der ihm kräftig entgegen blies, sodass er nur unter großer Kraftanstrengung vorankam.

In der Eichenallee wurden die von den Bäumen gefallenen Blätter vor ihm über die Straße getrieben. Von den Baumkronen kamen unaufhörlich weitere nach. Sie schlugen ihm ins Gesicht und erschwerten ihm die Sicht. Als Ole sich durch diesen Blätterwald gekämpft hatte und in die Dorfstraße einbog, konnte er schon Nina auf dem Bürgersteig vor Bornemanns Hof auf ihn warten sehen.

Als Nina und Ole auf den Hof fuhren, dirigierte Peter die beiden mit fuchtelnden Armbewegungen zum Bullenstall. Dort angekommen, lehnten sie ihre Fahrräder an die Wand und fragten sich, ob der Stall ihr neuer Treffpunkt sein sollte. Doch Peter lüftete sogleich sein gut gehütetes Geheimnis und weihte sie darin ein.

„Wir gehen auf den Heuboden vom Bullenstall“, sagte er. „Außerdem wartet dort oben eine kleine Überraschung auf euch.“

Nina und Ole sahen sich mit großen Augen an. Bisher waren sie noch nicht auf dem Heuboden gewesen. Sie kannten ihn nur aus Peters Erzählungen über die Heuernte. Sie waren gespannt darauf, ob es dort oben so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatten. Außerdem ließ die Erwähnung der Überraschung die Spannung weiter steigen.

„Was ist das denn für eine Überraschung?“, hakte Ole nach.

„Das seht ihr gleich. Kommt erst mal mit“, sagte Peter und ging vor.

Der Futtergang in der Mitte des Bullenstalls war auf beiden Seiten von Buchten eingeschlossen, die sich immer vier Bullen teilen mussten. Im Moment schienen sie ein Nickerchen zu halten, da sie auf dem Boden lagen und kaum Geräusche von sich gaben.

Peter schlich in die Mitte des Futtergangs. Nina und Ole folgten ihm auf leisen Sohlen. Vor ihnen stand eine alte Holzleiter, die bis in ein Loch an der Decke reichte und auf den Heuboden führte. Von unten konnte man schon die hoch gestapelten Heubunde sehen.

Nacheinander kletterten sie die wackelige Leiter hinauf. Ole war dabei etwas unwohl zumute, weil sie mitten im Raum stand und sich keine schützende Wand vor ihm befand. Er hatte das Gefühl, die Leiter könnte jeden Moment nach vorne kippen und mit ihm auf dem harten Betonfußboden aufschlagen.

Doch nichts dergleichen geschah.

Allein wegen des riesigen Bullenstalldaches hatte Ole schon immer vermutet, dass der Heuboden groß sein musste, doch was er gerade sah, übertraf bei Weitem seine Vorstellungskraft. Vor und hinter und neben ihm türmte sich das Heu bis unter die Dachspitze. Wo er auch hinsah, überall war nichts anderes als trockenes, zu Bunden gepresstes Heu. Teilweise lagerte es bereits so lange hier oben, dass es von alten, verstaubten und verlassenen Spinnweben verziert war.

„Wo ist denn nun die Überraschung, die du für uns hast?“, fragte Nina ungeduldig.

„Da“, sagte Peter nur, zeigte zum oberen Ende einer Wand aus Heubunden und stapfte durch das lose Heu am Boden auf die Wand zu.

„Und wie kommen wir da hoch?“

„Wir klettern.“

„Klettern?“

„Ganz genau.“

„Aber was ist, wenn wir runterfallen?“

„Dann landen wir weich im losen Heu.“

Im nächsten Moment erklomm Peter den Berg aus Heu wie ein erfahrener Bergsteiger. Es dauerte nicht lange, da saß er schon dicht unter dem Dach an der steilen Klippe und winkte Nina und Ole zu.

„Jetzt du, Nina“, rief er.

Ole musste ihr gut zureden, bis sie zögerlich ins Heu griff und sich vorsichtig nach oben zog. Mit Bedacht kletterte sie zu Peter hinauf und nahm schließlich neben ihm Platz. Als auch Ole ohne Probleme bei den beiden ankam, legte Peter einen Zeigefinger auf seinen Mund und warnte: „Ihr müsst gleich ganz leise sein.“

Hintereinander krochen die drei dicht unter der Dachspitze einen schmalen und niedrigen Schacht entlang, bis sie in einen kleinen Hohlraum kamen, der sich beim Stapeln der Bunde gebildet hatte. Was Ole in dem Hohlraum sah, zauberte augenblicklich ein Lächeln auf sein Gesicht. Gleichzeitig sagte Nina mit piepsiger Stimme: „Oh, wie niedlich die sind.“

Vor ihnen im Heu lag eine grau getigerte Katzenmutter mit ihren fünf kleinen Kätzchen, die gerade von ihr gesäugt wurden. Die Katze ließ sich nicht dadurch stören und ging seelenruhig ihrer Körperpflege nach.

„Wo kommen die denn her?“, fragte Nina.

‚Aus ihrer Mutter’, dachte Ole schmunzelnd.

„Die Mutter heißt Minzi“, erzählte Peter. „Sie ist letztes Jahr bei uns aufgetaucht und hat sich nicht streicheln lassen, bis Lars und ich sie zahm gemacht haben. Wo sie hergekommen ist, weiß ich nicht. Sie war plötzlich einfach da.“

„Und wer ist der Vater?“, fragte Nina.

„Keine Ahnung“, musste Peter zugeben und atmete schwer aus. „Auf unserem Hof laufen drei Kater herum. Die könnten alle der Vater sein.“

„Darf ich eines auf den Schoß nehmen?“

„Aber die trinken doch gerade“, sagte Ole.

„Ich meine ja auch danach“, entgegnete Nina.

„Erlaubt die Mutter das denn?“, fragte Ole.

„Ja, Minzi ist da nicht so“, sagte Peter.

Die drei sahen zu, wie sich die fünf kleinen Kätzchen um die Milch ihrer Mutter stritten. Mit ihren niedlichen Pfoten traten sie gegen ihren Bauch und forderten noch mehr Nahrung.

„Wie habt ihr Minzi denn gefunden? Sie hat sich hier oben wirklich ein gutes Versteck für die Geburt ihrer Kätzchen gesucht“, meinte Nina.

„Weil sie immer dicker und dicker wurde, wussten wir schon, dass sie bald Nachwuchs bekommen wird“, erklärte Peter. „Vor ein paar Wochen haben wir sie dann nur noch zum Füttern gesehen. Deshalb haben wir uns gedacht, dass sie sich bestimmt einen Platz für die Geburt gesucht hat. Ich habe dann einfach mal nach ihr gesucht.“

„Und bist fündig geworden“, sagte Nina und sah dabei verliebt die kleinen Katzen an. Eine von ihnen schien mit ihrer Mahlzeit fertig zu sein und fand sich im nächsten Moment auch schon auf Ninas Schoß wieder.

„Fass sie auch mal an“, forderte Nina Ole auf. „Das Fell ist ganz weich. Das fühlt sich richtig schön an … Aua.“

Die kleine Katze hatte Nina gekratzt, woraufhin Nina sie vor Schreck ins weiche Heu hatte fallen lassen. Während das Kätzchen zurück zu seinen Geschwistern stolperte, untersuchte Nina die längliche Wunde auf ihrem Handrücken.

„Sie sind noch nicht ganz zahm“, sagte Peter.

„Das hättest du Nina vorher sagen sollen“, meinte Ole mit einem Grinsen.

„Dafür ist es nun zu spät“, sagte Nina, während sie ihren Kratzer weiter unter die Lupe nahm. Um von sich abzulenken, fügte sie hinzu: „Lasst uns mal damit anfangen, die Fahrradtour zu planen.“

Peter zückte sofort einen kleinen Ringblock und einen angespitzten Bleistift aus seiner Hosentasche und war bereit, die ersten Notizen niederzuschreiben. Ole linste auf den Block und fragte: „Steht da etwa schon das Wort Verpflegung auf dem Blatt?“

„Ja, denn das ist schließlich von allem das Wichtigste“, meinte Peter. „Also dachte ich, dass ich das schon mal aufschreibe. Sagt aber nicht wieder, dass ich nur ans Essen denke.“

Nina und Ole hielten sich sofort den Mund zu, als hätte es ihnen gerade auf der Zunge gelegen. Ein Grinsen konnten sie sich aber nicht verkneifen. Peter verstand natürlich sofort, dass die beiden daran gedacht hatten, wie gerne er aß. Auch er fing nun an zu grinsen. Dann sagte Nina: „Wenn du schon Verpflegung aufgeschrieben hast, kannst du gleich Decke dazuschreiben.“

„Wofür brauchen wir denn eine Decke?“, fragte Peter. „Um darauf zu schlafen?“

„Nein, für ein Picknick“, sagte Nina, und Peter notierte es sofort, da er die Idee eines Picknicks gut fand. Danach fragte er die beiden anderen: „Wo wollen wir denn eigentlich schlafen, wenn wir in Nordburg sind? Ist Klaus nächste Woche zufällig zu Hause?“

Klaus war Oles Onkel, der am Fuße des Tränenhügels am Schwarzwasser wohnte. Bei ihm hatten sie schon in den letzten beiden Ferien übernachtet und waren von ihm aus zu ihren Abenteuern auf der Nordburg gestartet.

„Das weiß ich ehrlich gesagt nicht“, meinte Ole. „Ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich habe mir nämlich überlegt, dass wir in der verlassenen Hütte von diesem Landstreicher Möbius schlafen könnten. Da haben wir alles, was wir brauchen, sogar einen Kamin, in dem wir Feuer machen können. Wir würden nachts also nicht frieren.“

„Aber bei Klaus hätten wir alle drei eine weiche Matratze“, warf Nina ein, denn sie wollte nicht in die Hütte zurückkehren, in der sie in den Sommerferien von Möbius gefangen gehalten worden waren.

„Ich weiß. Aber ich möchte nicht schon wieder bei Klaus schlafen“, sagte Ole. „Ich möchte auch mal etwas unternehmen, ohne dass ein Erwachsener weiß, wo ich bin und was ich mache.“

„Gut, da habe ich nichts gegen“, sagte Nina. „Dann lasst uns aber wenigstens mein Zelt mitnehmen. In diese Hütte kriegen mich nämlich keine zehn Pferde mehr rein.“

Peter war auch damit einverstanden, nicht bei Onkel Klaus zu schlafen, und ergänzte seine Liste mit dem Stichwort Zelt. Danach erinnerte er Nina und Ole an einen warmen Schlafsack.

---ENDE DER LESEPROBE---