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Lockdown, Beherbergungsverbote, Reisewarnungen selbst für unsere Nachbarländer - es ist gerade nicht die Zeit, unbeschwert Urlaub zu machen. Da kann es schön sein, wenn man sich an vergangene Reisen erinnert. Torsten und Michael Kleiber nehmen sich seit zehn Jahren im Herbst ein paar Tage Zeit, um zusammen Ziele zu besuchen, zu denen die Familie nur ungern mitkommen würde, u.a. Avignon, New York, Istanbul, Krakau, Andalusien, Washington, Neapel, St. Petersburg, Moskau, Barcelona. Die Begeisterung für Kultur und historische Zusammenhänge und die vielen kleinen Erlebnisse, die man auf Reisen so hat - wir hoffen, dass die Lektüre Spaß und neugierig macht, denn auch Corona ist irgendwann vorbei …
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2020
Torsten und Michael Kleiber
On Tour
Das Buch zum Fotobuch
©2020 Torsten und Michael Kleiber
Autor: Michael Kleiber
Umschlaggestaltung, Illustration: Michael Kleiber
Lektorat, Korrektorat: Michael Kleiber
Weitere Mitwirkende: Torsten Kleiber
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-16223-5 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-16224-2 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-16225-9 (Paperback)
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Coverbild: Kathedrale von Sevilla bei Nacht mit Giralda-Turm
Die Vorgeschichte
Am 9. November 1989 gab Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in Ost-Berlin eine bemerkenswerte Pressekonferenz. Auf die Reisefreiheit der DDR-Bürger angesprochen, versicherte er, dass ein Gesetz in Kraft treten werde, wonach jeder DDR-Bürger vollständige Reisefreiheit bekommen würde. Niemand wusste, was er damit meinen könnte. Vorsichtig fragte ein Journalist, wann das denn in Kraft treten würde. Schabowski kramte in seinen Papieren, die er offensichtlich nicht kannte, und gab die Antwort: ”Nach meiner Kenntnis ist das sofort … unverzüglich.” Wenige Stunden später probierten die DDR-Bürger das aus, und es klappte. Ein paar Wochen später feierten Bürger aus West und Ost ein denkwürdiges Silvester am Brandenburger Tor. Torsten und ich beschlossen, dort im nächsten Jahr auch zu feiern. Und so ging es dann los.
Silvester 1990 war nicht so aufregend wie 1989. Ja, natürlich war es voll am Brandenburger Tor, und immer noch ging man dort etwas ungläubig hindurch. Aber von einer magischen Atmosphäre war nichts zu merken, zuviele Pöbler waren zu hören, mit Rufen wie ”Helmut Kohl ist unser Boss”. Wir machten uns bald nach dem Feuerwerk auf den Weg nach Hause. Das war eine Jugendherberge am Rathaus Schöneberg. Komfort nahe null, aber doch gut zentral. Besucht haben wir u.a. den Zoo mit dem Pandabären und das Aquarium, in dem wir die Lebensweise des größten dort ansässigen Krokodils studierten. Sie gefiel uns. Nach einem ausgedehnten Gähner schwamm ihm ein Blatt zwischen Oberkiefer und Unterkiefer hindurch, angetrieben durch die äußerst moderate Strömung in dem künstlichen Flussbett. Ohne in operative Hektik zu verfallen, wartete das Reptil geduldig ab, bis die unplanmäßige pflanzliche Nahrung seinen Einzugsbereich passiert hatte, und schloss dann doch sein Maul, gerade noch rechtzeitig, bevor das nächste Pflanzenteil vom rechten Weg abkam. In Ost-Berlin waren wir am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Auch einen Ausflug nach Potsdam haben wir unternommen, mit dem Schloss Sanssouci und dem Cecilienhof. Wir besichtigten das Schloss und machten uns lustig über Knobelsdorff, den Chef-Architekten von Friedrich dem Großen. Der Alte Fritz hatte seine Fontänen nie in bestimmungsgemäßem Betrieb gesehen. Jahr für Jahr, wenn er im Sommer nach Sancoussi kam, wird er Knobelsdorff gefragt haben, ob denn in diesem Jahr die Fontänen gingen … und jedesmal wird sich Knobelsdorff eine andere Ausrede zurechtgelegt haben.
Im Cecilienhof wurde auf der Potsdamer Konferenz die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen beschlossen. Der runde Tisch mit 17 m Durchmesser ist das bemerkenswerteste Exponat. Nie werde ich die Dame vergessen, die die noch aus DDR-Zeiten stammenden Erläuterungen las, wonach der große Stalin die kommunistischen Ideale zum Wohle aller Werktätigen und zum Aufbau des Sozialismus verteidigte, um den Kräften des Imperialismus Einhalt zu gebieten. Offensichtlich in der DDR aufgewachsen, meinte sie ironisch: ”Das tut mal wieder so richtig gut!” Ein Flyer wurde uns in die Hand gedrückt, mit dem Hinweis, wo wir danach essen gehen könnten. Z.B. in Eiche-Golm. Liebenswert unprofessionell wurde die Wegbeschreibung gegeben: ”… an der ersten Gaststätte vorbei, dann Wir mussten einfach dorthin fahren, und es war gar nicht schlecht. Etwas, was ich schon immer machen wollte, war, einmal mit meinem VW Käfer die Straße ”Unter den Linden” langzufahren. Ich weiß nicht warum, aber es gab mir noch ein bisschen mehr das Gefühl, dass es so in Berlin jetzt ganz normal war - 1990 konnte man es immer noch schwer glauben, wie schnell alles gegangen war.
Mit dem festen Vorsatz, im nächsten Jahr wieder zusammen auf Reisen zu gehen, fuhren wir nach Hause.
Das passierte dann auch. Im August 1991 flogen wir mit der Dan Air nach London-Gatwick. Die Landung, oder vielleicht sollte man es auch den Absturz nennen, überstanden wir gut. Aber mit den Gedanken waren wir halb woanders. Am 19. August, am Geburtstag unseres Vaters, hatte es in der Sowjetunion einen Putsch gegeben. Der war glücklicherweise nicht erfolgreich, aber es war spannend, wie es da weiterging. Wir konnten ja Englisch, dachten wir, und so lasen wir regelmäßig den Grauniad1. Aber so ganz sicher waren wir uns nicht. ”Jelzin verbietet die Kommunistische Partei” lautete eine riesige Überschrift. Konnte doch nun nicht sein. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir den britischen Humor wohl doch nicht verstehen. Ist aber auch merkwürdig, dass die eine offensichtliche Satire als Headline verarbeiteten … Es kam uns so unwahrscheinlich vor, dass wir das erst glaubten, als wir es zuhause lasen.
Das Hotel war, wie wir es wollten: gute Lage, aber preiswert. Torsten sinnierte einmal auf dem Weg zum Frühstück: ”Ich habe heute nacht geträumt, dass die Brötchen heute knusprig sind…”. Sie waren es nicht. Aber schön war es trotzdem.
Unser erweiterter Englischunterricht hatte ein weiteres bemerkenswertes Kapitel am ersten Abend in einem indischen Restaurant, dem ”Spice of India”. Natürlich gingen wir nicht ”englisch” essen; es ist schließlich kein Zufall, dass es in Deutschland chinesische, italienische, spanische, russische, griechische, indische, thailändische, mexikanische, persische, brasilianische und sogar amerikanische und äthiopische Restaurants gibt, aber keine englischen. Der Inder war nicht gerade preiswert, und die Gerichte waren alle ”hot”. Ich beruhigte meinen Bruder; als Thermodynamiker wusste ich, dass ein ”hottes” Gericht nach dem 2. Hauptsatz nach einer Zeit nur noch ”warm” ist, und wenn man sich dann nicht beeilt, kann es sogar ”cold” werden. Trotzdem nett, dass man uns auf diesen Umstand hinwies. Die andere Bedeutung von ”hot”2 war uns weniger geläufig. Wir lernten sie an diesem Abend fürs Leben.
Unsere Metro-Station war Paddington, wir suchten Miss Marple (”16.50 Uhr ab Paddington”), fanden sie aber nicht. Für unsere Metro-Ausweise mussten wir Fotos vom Automaten schießen lassen; die gehören noch heute zu unserem Horror-Kabinett und wurden erst viele Jahre später von den biometrischen Passbildern übertroffen. Zunächst gingen wir zu dem bekannten Flohmarkt in der Portobello Road. Sie liegt im Stadtteil Notting Hill, dem Namensgeber des niedlichen Films mit Hugh Grant und Julia Roberts. Zu unseren Zielen gehörten weiter das Naturhistorische Museum, die wunderbare Westminster Abbey mit dem Grab von Newton; St. Paul’s Cathedral, Downing Street No. 10 (damals war John Major Premierminister), oder auch der Dungeon, der damals noch ein kleines Foltermuseum war; heute ist es eine Event-Show mit Ablegern u.a. in Hamburg, Berlin und San Francisco. Ein weiteres Highlight war eine abendliche Jack-the-Ripper-Tour, wo uns ein Guide in Whitechapel zu den einzelnen Tatorten führte und uns die Morde schilderte. Ich glaube, es war dieser Abend, als wir ins Hotel zurückkamen und unser Zimmer auch den Eindruck machte, als wäre Jack the Ripper dort gewesen. Unser Zimmer war außerplanmäßig aufgeräumt worden. Da hatten uns doch tatsächlich Einbrecher heimgesucht, es müssen mehrere gewesen sein, einer alleine hätte nie so viel Unordnung machen können. Es fehlte freilich nichts; was uns etwas beleidigt einschlafen ließ. Der Lebensstandard deutscher Studenten wurde von den Einbrechern wohl überschätzt.
Wir haben am Buckingham Palace die Wachablösung gesehen und hatten von der Lisbeth eine Einladung zum Tee auf Schloss Windsor Castle, die aber dann doch abgesagt wurde. Dafür sahen wir im Tower ihren Hut mit der Mineraliensammlung obendrauf. Das Britische Museum war eher eine Enttäuschung; ich kann mich außer an den Stein von Rosette3 an kein Exponat mehr erinnern, es machte den Eindruck eines gut aufgeräumten Diebesgutlagers. Nachdem alle japanischen Touristen sich in sämtlichen kombinatorisch möglichen Zusammenstellungen fotografiert hatten, konnten wir vom Stein von Rosette endlich auch selbst ein Foto machen. Dieses gelang, ansonsten gab es in dieser Hinsicht doch einige Anzeichen, dass es bei der Fotografierkunst noch Luft nach oben gab. Unschlagbar mein 4fach-Bild vom Trafalgar Square, das ich zuhause zu einem beeindruckenden Panorama zusammensetzte. Und es wäre auch alles gut gegangen, wenn nicht eine Dame in knallpink mit ihrer Bekannten von einem Ende des Platzes zum anderen gegangen wäre. Sie waren auf jedem Teilbild des Panoramas zu sehen und das so auffällig, dass das Bild bei jedem Betrachter Fragen aufwirft.
Trafalgar Square Panorama. Man beachte die Lady in Pink.
Der Piccadilly Circus war auch nicht mehr das, was er mal war; es ist kein Kreisverkehr mehr wie damals in unserem Englisch-Buch dargestellt, sondern schlicht eine verwuselte Kreuzung mit einem Beatles-Museum, in dem Torsten eine gute Zeit verbringen konnte. Das Englischbuch übertrieb auch die Bedeutung von ”Speakers Corner”. Ja, man kann sich dort auf eine Apfelsinenkiste stellen und ungefragt über alles reden, aber die Zuhörerschaft war doch überschaubar, die Themen und ihre Aufarbeitung waren, sagen wir, minderkomplex, und keiner der Redner von damals wurde Premierminister. Ob später Boris Johnson hier geübt hat, wissen wir nicht. Wenn Du in London bist, darf natürlich auch ”Madame Tussauds” nicht auf der Liste fehlen. Torsten konnte hier Altkanzler Kohl mal die Meinung geigen (schon die zweite Spitze gegen ihn, wir mochten ihn wirklich nicht), und ich diskutierte lange mit dem damaligen Premierminister John Major4.
Wir fuhren nach Greenwich raus, in das Observatorium. Man konnte dort auf dem 0. Längengrad stehen, mit einem Bein in der östlichen, mit dem anderen in der geographisch westlichen Hälfte der Welt. Auf den Bildern sehen wir aus, als wäre der nächste Toilettengang bald fällig, aber immerhin. Immer wieder wurden wir darauf hingewiesen, dass um Punkt 12 Uhr die große rote Kugel über einem Gebäude herunterfällt und die Seeleute ihre Uhr danach stellen. Sie fiel dann auch, vielleicht nicht ganz um 12, und auch nicht mit dem erwarteten signifikanten Geräusch verbunden. Ein traumhafter Blick vom Observatorium auf die Stadt entschädigte dafür.
Wir verließen England wieder über den Flughafen Gatwick. Die Sicherheitskontrollen waren zehn Jahre vor dem 11. September noch nicht so streng, trotzdem wurde mir mulmig, als ich feststellte, dass ich mit meiner unschuldig desorientierten Art in den Sicherheitsbereich gekommen war, ohne dass man mich kontrolliert hatte.
Wir nahmen uns vor, im nächsten Jahr wieder ”on tour” zu gehen. Aber diesmal sollte es etwas länger dauern. Es kam etwas dazwischen - wir lernten unsere Frauen kennen, heirateten, wurden Väter, machten mit unseren Familien Urlaub, mussten dabei aber die ungeliebten Kompromisse gehen, wenn der Nachwuchs sich diese Kirche nicht auch noch ansehen wollte. Auch Schwiegereltern können da mitspielen. Mein Schwiegervater wollte sich einmal eine mittelalterliche Kirche nicht ansehen, und wir boten ihm an, dass wir durch die Kirche durchgingen und er außen herum. Am anderen Ende würden wir uns dann wieder treffen, er möge doch auf uns warten. Dass er warten musste, verstand er nicht: ”Wieso, ich geh’ doch den Umweg!”
Neunzehn Jahre nach dem London-Trip waren wir wieder so weit: Wir wollten zusammen einen Kurzurlaub machen, bei dem wir uns alles ansehen konnten, keine langen Diskussionen über das ”Wie kommen wir dahin?” führen mussten, und sehen, was man sonst nicht sieht, weil es sich für den Jahresurlaub nicht lohnt, nicht zu weit weg, weil sonst für die Reise zuviel Zeit drauf geht. Nichts gegen unsere Familien - aber wir wollten ”Männerurlaub”.
Welches Ziel zuerst? Was kannten wir noch nicht? In Rom waren wir mal mit unseren Eltern zusammen, auch im Vatikan. Aber wer interessiert sich schon für die Babylonische Gefangenschaft der Kirche? Damals residierte der Papst in einem riesigen Palast in Avignon, einer Kleinstadt in Südfrankreich. Wir schauten uns an: ”Das machen wir!”
Los geht’s!
1Der ”Guardian” gilt bis heute als ein übles Druckfehlerblättchen.
2 höllisch scharf
3Mit dem Stein von Rosette wurden Anfang des 19. Jhs. die ägyptischen Hieroglyphen entziffert.
4zu deutsch: Hans Meier
Avignon 2010
Kammerzellhaus in Straßburg
Ein furchtbarer Tag. Es goss in Strömen. Mit dem Auto wollten wir nach Avignon runterfahren, knapp 900 km. Aber eine gute Zwischenstation hatten wir. Bis zum Mittag würden wir in Straßburg sein. Wir bekamen einen Parkplatz in der Nähe der Innenstadt und gingen dann in selbige, ein schöner Spaziergang, wenn es nicht so geregnet hätte. Aber im Münster war es trocken.
Bis 1874 war es das höchste Gebäude der Welt, 1439 vollendet, ganz aus Sandstein, gotisch durch und durch. Aber es fehlt etwas: irgendwie hat man bei der Planung den zweiten Turm vergessen. Man kommt sich bei der Betrachtung vor wie bei einer optischen Täuschung. Die Stelle gegenüber vom (ersten) Turm hatte man wohl extra freigelassen, es sieht aus, als wäre der zweite Turm abgesägt worden, und ein Taschendieb hätte ihn mitgenommen. Innen an der Westfront ist diese beeindruckende Rosette, gegenüber im Osten die große astronomische Uhr, die die Planetenbahnen und sogar die Präzession der Erdachse mit einer Periode von 26000 Jahren nachbilden soll - nachvollziehen konnten wir das freilich nicht. Aber nichtsdestotrotz - für diese Kirche kann man auch mal nass werden. Und es gibt noch eine Entschädigung.
Am Nordende des Münsterplatzes ist das Kammerzellhaus, ein herrlicher Fachwerkbau mit einem Restaurant. Letzte Weihnachten waren wir wieder in Straßburg und konnten uns davon überzeugen, dass auch Präsident Macron hier speist, wenn er mal in Straßburg ist. Und das Restaurant hat eine Spezialität: Sauerkraut mit Fisch! Als ich das zum ersten Mal hörte, glaubte ich an einen Scherz und hielt Ausschau nach der versteckten Kamera. Aber es stimmt. Geschmacklich passt das wunderbar zusammen. Natürlich ist der Fisch vom Feinsten, das ist kein Rollmops oder Matjes, sondern eher Lachs oder andere etwas vornehmere Fische. Eine Delikatesse. Durch den weiter mit Begeisterung auf uns einströmenden Regen gingen wir zurück zum Auto, um die letzten paar Kilometer zurückzulegen, gerade mal noch 700. Gleich hinter Straßburg gerieten wir in einen Stau und verloren eine gute Stunde. Aber der Regen hörte auf. Des Französischen unkundig, beschäftigten wir uns viel mit Schildern wie ”Rappel 110”. Schön, dass wir Jana hatten; die konnte uns das am Handy zwar auch nicht übersetzen, legte aber nahe, dass es sich um die örtliche Geschwindigkeitsbegrenzung handeln könnte.
Wir wechselten uns alle 100 km mit dem Fahren ab, und bei jedem Aussteigen hatten wir das Gefühl, dass es wärmer geworden war. Klarer Fall - wir waren auf dem Weg nach Südfrankreich. Die Zeit vertrieben wir uns mit dem Hörbuch ”Die Entdeckung der Currywurst”. Eine Frau, die sich darüber bewusst ist, dass ihre besten Jahre vorbei sind, versteckt in den letzten Kriegstagen einen Deserteur, von dem sie noch einmal Liebe erfährt. Und sie erzählt ihm nicht, dass der Krieg inzwischen vorbei ist … Wir fuhren durch Lyon auf einer Art Stadtautobahn, da hatten wir noch etwas über 200 km. Auf der rechten Seite türmte sich das Zentralmassiv auf, dann fuhren wir in das Rhonetal, die letzten 15 km noch einmal Landstraße, und dann waren wir da. Es war schon dunkel, aber der Papstpalast war hell beleuchtet, so dass wir ihn schon von der anderen Seite der Rhone aus sehen konnten. Das Hotel war etwa 1km davon entfernt, es war das Citea Avignon. Wie auch in den folgenden Jahren wollten wir kein Nobelhotel; die Unterkunft sollte nur nachts den Regen abhalten, die Tage würden wir uns schon irgendwie um die Ohren hauen.
Zunächst sah es freilich so aus, dass wir das auch mit der Nacht tun müssten - wir kamen nicht rein, kein Personal war mehr da, wir konnten da klingeln, wie wir wollten. Aus irgendwelchen Untiefen seines Portemonnaies zauberte Torsten noch eine Telefonnummer hervor, und nachdem wir die Funkverbindung zustande gebracht hatten, wurden wir darüber aufgeklärt, wo der Schlüssel hinterlegt war. Wir fanden es im Nachhinein eigentlich ganz witzig; schön, dass unsere Familien das nicht mitmachen mussten. Wie zwei Steine fielen wir ins Bett; wenn es tatsächlich ins Zimmer geregnet hätte, wäre es uns auch egal gewesen. Morgen gleich mal zu diesem Papstpalast - das waren unsere letzten artikulierten Worte. Aber wie kommt der eigentlich dahin?
Der Papstpalast in Avignon
Die Babylonische Gefangenschaft der Kirche
Im 13. Jahrhundert war Frankreich die maßgebliche Macht in Europa, die auch das Papsttum für sich in Anspruch nahm. Die Zahl französischer Kardinale nahm immer weiter zu, und schließlich wurde 1305 mit Clemens V. auch ein Franzose zum Papst gewählt. Der begab sich gar nicht erst nach Rom, sondern ließ sich in Lyon zum Papst krönen und dann in Avignon nieder. Das Papsttum war damit ein französischer Vasallenstaat geworden. Die Stadt Avignon wurde komplett gekauft, und als Residenz diente ab 1335 der Papstpalast - ausdrücklich ”Palast”, nicht etwa Kirche oder Dom. Und das ist er auch, er wirkt mächtig, eher eine Trutzburg als ein Ort der inneren Einkehr.
Erst 1376 kehrte Papst Gregor XI. nach Rom zurück, von der Hl. Katharina von Siena überzeugt. Wie die nun wieder eine maßgebliche Autorität werden konnte, erschließt sich uns aus heutiger Sicht sehr schwer - stigmatisiert mit den Wundmalen Jesu, die freilich nur sie selbst sehen konnte, war sie zu einer Heiligen geworden. Sie starb 1380 mit gerade mal 33 Jahren; es gehört dazu, dass sich an Ihrem Grab danach Wunder ereigneten und dass Ihr Leichnam bei den Exhumierungen 1430 und 1855 unversehrt war - oder, wie man bei der zweiten Exhumierung mit einem Hauch Ehrlichkeit schrieb, in einem ”erstaunlich” guten Zustand. Doch die Rückkehr nach Rom brachte nur eine kurze Pause; es kam zu einer Doppelwahl, und da zwei Päpste einer zuviel sind, ging einer von ihnen wieder nach Avignon. Erst 1417, nach über hundert Jahren, fand diese ”Babylonische Gefangenschaft der Kirche” ihr Ende.
Der Papstpalast ist eines der größten gotisch geprägten Gebäude in Europa. Man betritt ihn durch die große Hauptfassade und denkt sich: ”Was für ein Trümmer!” Man braucht gute zwei Stunden, um ihn mit dem Audioguide zu besichtigen. Im Gedächtnis geblieben ist uns der Speisesaal, wo ein Gastmahl geschildert und die Unmengen an Speisen und Ressourcen aufgezählt wurden - beim Kalorienzählen wären die damals verzweifelt und hätten zusätzliche Kurse in Mathematik gebucht. Der Speisesaal ist mit ungefähr 50 m Länge der größte Raum im Papstpalast. Auch gibt es irgendwo innendrin einige Kapellen, schmucklose Steinhallen - war wohl nicht so wichtig. Allerdings ist die Bude während der Französischen Revolution auch geplündert und als Kaserne genutzt worden, wobei sich die wahrscheinlich reichlich vorhandene Dekoration verflüchtigt hat. Ansonsten ist der Eindruck einer Festung richtig, deutlich sind die Schießscharten zu sehen. Das sogenannte Hirschzimmer zeigt zeitgenössische Jagdszenen, es ist der kunstgeschichtlich wertvollste Raum. Und damit beschäftigte man sich in diesem Palast offenbar viel lieber als mit den lästigen Glaubensfragen.
Wir aßen in der Umgebung des Papstpalastes zu Mittag in einem kleinen Restaurant mit Innenhof. Es war südfranzösisch warm, wir konnten draußen sitzen. Danach gingen wir noch ein paar hundert Meter zur Rhone, durch ein Loch in der Stadtmauer durch, wir besorgten uns wieder einen Audioguide, und dann standen wir ”Sur le pons d’Avignon”.
Das Lied kennt wirklich jeder. Unweigerlich summt man es vor sich hin, wenn man auf der Brücke steht. Sie ist eigentlich ein katastrophaler Misserfolg, aber was wäre Avignon ohne sie? Nur eine Kleinstadt mit 90000 Einwohnern und einem Papstpalast. Die Legende sagt, dass der Hl. Benezet, ein Schäferjunge, durch eine innere Stimme veranlasst an der miesesten Stelle des Flusses eine Brücke errichtete. Man lachte ihn aus und hatte recht. Die Rhone, die an dieser Stelle gute 200 m bis zu einer Insel breit ist, hat wohl recht hohe Strömungsgeschwindigkeiten, und wenn die Belastung durch ein Hochwasser noch größer wird, gerät die Konstruktion unter Druck. Nach dem sie mehrfach zersört worden war, gab man im Jahre 1660 auf und ließ die Brücke so stehen, wie sie war - sie endet auf der Hälfte im Nichts. Immerhin gibt es für den Hl. Benezet eine kleine Kapelle, in der er begraben ist. Und das Lied? Ein niedliches Kinderlied aus dem 19. Jahrhundert, das einige Male überarbeitet wurde und nach dem Kinder zum Tanzen angeregt werden können. Getanzt wurde auf der Brücke allerdings nie.
Avignon ist ein sehr lebendiger Ort. Abends, wenn es noch warm ist, sind die Straßen voll von Leuten, überall Gaukler, Straßenverkäufer, kleine Musikgruppen und Stände mit köstlichem Essen. Dazu das Ambiente mit dem abends beleuchteten Papstpalast und der mittelalterlichen Stadtmauer - das hat uns schon gefallen, und wir ließen es uns auch an den folgenden Abenden nicht nehmen, nochmal einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. In den Restaurants konnten wir immer noch draußen essen. In Ermangelung von Kenntnissen der französischen Sprache bestellten wir eher nach Gefühl als nach Wissen - mit wechselndem Erfolg, da kamen doch ein paar Kuriositäten heraus, insbesondere ein paar Inkongruenzen zwischen der Menge der Speisen und unserem Appetit. Gut, dass es diese Stände gab, wo wir dann immer nochmal auffüllen konnten.
Wir wollten ja nicht nur Avignon, sondern allgemein Südfrankreich besuchen. Am nächsten Morgen machen wir uns also auf nach Monaco, gute 250 km. Auf dem Weg passierten wir gefühlte 50 Stellen, wo Autobahngebühren kassiert wurden. Natürlich jedesmal nach einem anderen Prinzip, und wenn man den Betrieb aufhält, zieht man sich leicht den Zorn der Hintermänner zu. Gegen Ende der Fahrt dominierte dann doch die Variante, wonach man ein paar Münzen aus mittlerer Entfernung in einen Trichter werfen musste. Das war machbar, sogar für uns. Wir erreichten Monaco am späten Vormittag, und die Angst, lange nach einem Parkplatz suchen zu müssen, erwies sich als unbegründet. Gleich am Eingang von Monaco gibt es ein Parkhaus, in dem wir zwar suchen mussten, doch im 7. Untergeschoss fanden wir etwas; das Parkhaus war so groß, da waren wir noch nicht einmal unruhig.
Sur le pons d’Avignon
Einkaufsmeile in Avignon
Avignon-Panorama
”Monaco ist so groß wie Dortmund, und Bürgermeister ist der Rainer” - so erklärte einst Jürgen von Manger (heute würde man ihn einen Comedian nennen) den kleinen Staat. Das war ein bisschen grob vereinfacht: Monaco ist nach dem Vatikan der zweitkleinste Staat der Erde und hat nur 2 km2. Auf diesen drängen sich 37000 Einwohner, da hat Dortmund dann doch mindestens fünfzehnmal mehr. Trotzdem gibt der Quotient eine ganz nette Bevölkerungsdichte, mit der nicht einmal Singapur oder Bahrain mitkommen. Und der Fürst ist seit 2005 der Albert, Fürst Rainier starb 2005 etwa zur gleichen Zeit wie Papst Johannes Paul II. Monaco macht einen viel größeren Eindruck. Es ist eine ”3D-Stadt”, mehr in die Höhe als in das bisschen Fläche gebaut. Wir gingen vom Parkhaus vielleicht 500 m relativ steil nach unten, und dann waren wir auch schon praktisch am Hafen. Das wäre auch recht schnell gegangen, aber in einer Nebenstraße gab es einen Ferrari-Laden, wo uns klar wurde, dass hier offenbar das Geld locker sitzt. Dagegen ist die Frankfurter Filiale ein kleines Schaufenster. Allein fünf ausgewachsene Sportwagen standen draußen, davon allerdings einer in blau und einer in schwarz5. Unten am Hafen fühlten wir uns dann gleich wie zu Hause, das kannten wir aus dem Fernsehen: Wir standen auf der Straße, wo jedes Jahr im Mai der Große Preis von Monaco gestartet wird.
Wir hatten Pech. Ein Platzregen setzte ein, so heftig, dass wir in einer Telefonzelle Schutz suchen mussten. Als der Regen etwas nachließ, schafften wir es zur Rascasse, der Kurve vor Start und Ziel, und gingen dort in eine Kneipe, in der es massenweise Formel-1-Devotionalien gab, man konnte sich kaum sattsehen. Wir aßen eine Pizza, und die war nicht so teuer, wie wir es erwartet hatten. Dann hörte der Regen dankenswerterweise auf. Wir beschlossen, die Formel-1-Strecke mal abzugehen. Dabei hat man herrliche Aussichten auf den Hafen und die kleinen Bötchen, die dort vor Anker gegangen waren. Highlight dieser Runde ist natürlich der Kasinoplatz. Hier beginnt die Fernsehserie ”die 2’. Im Hotel de Paris neben dem Kasino ist es, wo sie sich höchst ungeniert wegen einer Olive6 im Cocktail herumprügeln und so dem Richter Fulton einen Gefallen für das Fallenlassen der Anklage schuldig sind, der Aufhänger der ganzen Serie.
Schietwetter an der Riviera
Natürlich wollten wir auch ins Kasino rein. Das freilich wäre nicht so einfach, dachten wir. Wir hatten nämlich nicht damit gerechnet, dass wir da so einfach hinein könnten. Als wir vom Parkhaus aufbrachen, war es knalleheiß, und wir beschlossen, in kurzen Hosen loszuziehen. Die waren inzwischen wieder trocken, doch wir sahen keine Chance, dem im Kasino üblichen Dresscode zu entsprechen. Erstaunlicherweise war das kein Problem, es reichte völlig, den Personalausweis vorzuzeigen. Wir setzten jeder einen niedrigen zweistelligen €-Betrag ein, so dass wir sagen konnten, mal in Monte Carlo gespielt zu haben. Der war dann auch bemerkenswert schnell weg. Da auch keine Aussicht bestand, dass jemand einen größeren Vorrat an Chips fallen ließ, zogen wir weiter unserer Wege entlang der Formel-l-Strecke - Loews, Tunnel, Schikane, und in der Rascasse konnten wir dann wieder Start und Ziel schon sehen.
Der Große Preis von Monaco
Niki Lauda sagte einmal, Autorennen in Monaco sei wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer. Der Kurs von Monaco ist so eng, dass ein Überholen praktisch ausgeschlossen ist. Das Rennen wird in der Regel schon beim Start entschieden; wenn der Pole-Man vernünftig durch die erste Kurve kommt, ist kaum noch etwas zu machen, es sei denn, Regen bringt alles durcheinander (was beim Monaco Grand Prix relativ häufig geschieht), oder es passiert ein Fehler. So wie 2015, als Lewis Hamilton ein paar Runden vor Schluss bei 19 s Vorsprung auf Nummer Ganz Sicher gehen wollte und noch einmal die Reifen wechselte. Leider dauerte die ganze Aktion 21 s, so dass Hamilton nur einen guten dritten Platz erreichte. Oder Jack Brabham 1970, der bis zur letzten Kurve das Rennen anführte und in Panik geriet, als sein Verfolger Jochen Rindt im Rückspiegel auftauchte. Nie im Leben hätte der in der letzten Kurve überholen können, außer wenn man so viel Platz lässt, dass man in der Leitplanke landet.
Der Kurs ist der langsamste in der Formel 1, die Durchschnittsgeschwindigkeit ist nur 150 km/h, und die Runde hat nur 3.3 km. Davon werden nur 78 gefahren, das macht knapp 260 km statt der üblichen 300, so dass wenigstens bei trockener Witterung die max. 2 h Rennzeit eingehalten werden können. Der Kurs geht nach Start und Ziel zuerst in die scharfe Rechtskurve Sainte Devote, dann geht es steil den Berg hoch zum Kasino, wie steil das ist, nimmt man im Fernsehen nicht wahr. Die Autos fahren um das Kasino herum und beschleunigen danach auf einer Straße, die man auf dem Fahrrad als eng empfinden würde. Dann biegen sie rechts ab und fahren im Schritttempo durch eine Haarnadelkurve, die ”Loews”. Hier ist vielleicht die einzige Stelle, wo man überholen kann; es klappt freilich sehr selten und nur, wenn der andere Fahrer mitspielt. Dann kommen zwei Rechtskurven, in denen wieder Fahrt aufgenommen wird, und anschließend kommt ein Tunnel bei Höchstgeschwindigkeit. Nach dem Tunnel gibt es eine Schikane, dann geht es am Hafen vorbei, und über die Rascasse, eine Doppelrechtskurve, geht es wieder zurück zu Start und Ziel.
Der Sieger wird vom Fürsten bei der Siegerehrung mit den Worten ”Ich freue mich, dass Sie es sind” begrüßt.
Es dauert mehrere Wochen, die Strecke für das Rennen herzurichten. Vier Wochen vor dem Rennen ist Monaco für Autos noch unzugänglicher als sonst.
Jetzt gingen wir hoch zum Grimaldi-Palast. Man konnte den Wachwechsel sehen, und wir lösten Karten zu einer Audioguide-Führung durch den Palast. Kein soo berühmter Palast, die Grimaldis waren Raubritter, die im 13. Jahrhundert die Felsenfestung Monaco eroberten und nie wieder hergaben. Aber schön fanden wir, dass Fürst Albert selbst den Audioguide besprochen hatte, er spricht fließend und praktisch akzentfrei deutsch. Wieder draußen, gingen wir noch durch die anliegenden Gassen. Grace Kelly, oder Fürstin Gracia Patricia, ging hier oft spazieren, und viele Läden zeigen Fotos von ihr. Bei den Dreharbeiten zu ”Über den Dächern von Nizza” lernte sie den Rainer kennen, bzw. Fürst Rainier. Für mich einer der besten Hitchcocks, vielleicht nicht unbedingt spannend, aber die knisternde Erotik von Grace Kelly schlägt jeden Mann in seinen Bann. Am ersten Abend ist Cary Grant die ganze Zeit hinter ihr her und muss doch mit ihrer Mutter vorlieb nehmen. Aber als er sie zum Zimmer bringt, dreht sie sich unvermittelt um und küsst ihn. Oder der Dialog, während sie verführerisch auf dem Sofa sitzt: ”Sie wissen genauso gut wie ich, dass Ihr Collier eine Imitation ist.” - ”Aber ich bin keine …” Im Film gibt es auch eine Verfolgungsjagd in den Bergen mit vielen Serpentinen. 1982 kam Grace Kelly genau dort bei einem Autounfall ums Leben.
Spielkasino
Loews-Kurve
Tunnel
Wir fuhren zurück nach Avignon, gingen nochmal durch die Stadt, und am nächsten Morgen fuhren wir dann mehr oder weniger die gleiche Strecke zurück nach Monaco, fuhren aber ein paar Ausfahrten früher ab in Richtung Nizza und setzten unsere Studien über den Hitchcock-Film fort. Wir parkten das Auto in einem Mini-Parkhaus in einer Nebenstraße und begaben uns in Richtung Strand, wo Cary Grant und Grace Kelly sich im Film kennenlernen. Klarer Fall, auch wenn es etwas ernüchternd ist: ”Über den Dächern von Nizza” spielt nicht in Nizza! Nizza hat keinen Sandstrand, sondern einen holprigen Steinstrand, baden möchte man hier nicht für Geld, trotzdem tun es einige. Zwar entschädigt der tolle Ausblick auf die Promenade, aber der Strand aus dem Film ist es definitiv nicht. Wir gingen die Promenade entlang, bei herrlichem Wetter. An einem Strandrestaurant aßen wir zu Mittag - natürlich nahmen wir beide den Nizzasalat, auf französisch ”Salad Niçoise”, eine wertvolle Vokabel im Französisch-Unterricht, nie kann man sonst vernünftig das ’ç” üben. Wir gingen nochmal in eine Parallelstraße und fanden tatsächlich den Blumenmarkt, auf dem Cary Grant seinen Verfolgern entwischte, indem er zum Verdruss der Inhaberin einen Stand umwarf. Wiedererkennen konnte man nichts. Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weg nach Cannes. Wir waren nicht so ganz zufrieden, zu Nizza hatten wir keine Möglichkeit zur effektiven Erkundung gefunden - Nizza in drei Stunden geht so nicht.
Monaco-Panorama
Grimaldi-Palast
Strandpromenade in Nizza
Die Promenade war 2016 Schauplatz eines furchtbaren Terroranschlags am französischen Nationalfeiertag. Ein islamistischer Attentäter fuhr mit einem LKW auf die für den Verkehr gesperrte Strandpromenade, auf der zu diesem Zeitpunkt ca. 30000 Menschen flanierten. Es war das erste Attentat dieser Art; weitere sollten leider folgen. 86 Menschen kamen ums Leben. Auf unseren folgenden Herbsttrips sollten wir noch öfter ungewollt den Spuren von Terroranschlägen folgen oder sie vorwegnehmen.
Aber jetzt noch ein Highlight:
Cannes - Cannes warm sein, Cannes kalt sein,
Cannes schön sein - Hauptsache man Cannes!
Von allen schnoddrigen Rainer-Brandt-Sprüchen aus ”die 2” ist das wohl der blödeste. Jeden, der auch nur ein paar Brocken Französisch kann, kann man damit zur Weißglut bringen. Doch Cannes ist wirklich einen Besuch wert, wenn man einen Parkplatz gefunden hat. Danny Wilde löst das dadurch, dass er ein Schild ”Doctor on emergency call” verwendet und so seinen Handlungsspielraum erheblich erweitert, uns stand diese Option nicht zur Verfügung, und wir mussten in ein enges Parkhaus fahren, bei dem man sich fragte, ob da je überhaupt ein Auto problemlos fahren konnte. Dafür war man sehr schnell im Zentrum, am Kongresspalast, wo jährlich die Internationalen Filmfestspiele stattfinden; schön zu sehen der rote Teppich auf der Treppe. Wir sahen ein paar Schiffchen im Hafen, die denen in Monaco in nichts nachstanden, zweifellos gab es auch hier Leute, die über das notwendige Kleingeld verfügen. Von Nizza bis Cannes ist es noch nicht einmal eine halbe Stunde Autofahrt, Monaco ist etwas weiter, das wird eine Viertelstunde länger dauern.
Mit dem Boot dürfte das incl. An- und Ablegen schon zwei-drei Stunden in Anspruch nehmen, der Personentransport ist da wohl nicht der Hauptzweck. Vom Strand aus konnten wir ein paar herrliche Aufnahmen von der Hotelzeile machen, und wir stellten fest, dass es hier tatsächlich Sandstrand gab. Man konnte eine kleine Stadtrundfahrt mit einer Bimmelbahn buchen. Die fuhr als erstes die Strandpromenade ”Boulevard de la Croisette” entlang, und da erfuhren wir es: ”Über den Dächern von Nizza” wurde hier gedreht, und das Hotel von Cary Grant und Grace Kelly war das ”Ritz-Carlton”, ein wunderbar repräsentativer Bau, dem man ansieht, dass da die Prominenz verkehrt, nicht zuletzt an dem Fuhrpark, der vor dem Hotel parkte. Der Audioguide erzählte dann auch recht sprudelnd, wer immer wo übernachtet hat und übernachtet. Am Ende der Straße kam das Casino, in das auch Roger Moore in ”die 2” eingekehrt war. Das Shopping-Center der Stadt ist die Rue d’Antibes, wo sich alle möglichen Juweliere und Klamottenläden vereint haben. Ein bisschen eng ist die Straße, aber wenn man Geld übrig hat, kann man hier mal lang gehen. Zum Schluss ging es noch einen Berg hinauf zur alten gotischen Kirche ”Notre Dame d’Esperance”, wo die Bahn 20 min Rast machte und von wo man einen herrlichen Blick auf die Stadt hatte. Die Kirche ist aus dem 17. Jahrhundert, sieht aber älter aus.
Kongresspalast in Cannes
Wieder unten, beschlossen wir, uns das Ritz-Carlton genauer anzuschauen und zu fotografieren. Und am meisten faszinierte uns der Fuhrpark. Der Star war ein Bugatti Veyron mit arabischem Kennzeichen, das PS-stärkste Auto, das es so in freier Wildbahn damals zu kaufen gab. Davor und dahinter zwei Lamborghinis, auch mit arabischem Kennzeichen7. Die Lamborghinis waren seltsam lackiert, einer in lila, einer in pink. Man stelle sich einen Autolackierer vor, der den Auftrag bekommt, solche Arbeiten auszuführen. Er traut sich kaum, den Wagen in die Halle zu fahren, legt vorher eine Decke auf den Sitz und zieht Handschuhe an, um bloß keine Spuren zu hinterlassen … und dann sagt man ihm, dass die neue Farbe ein knalliges Rosa sein soll. Er fragt dreimal nach in der Hoffnung, dass es sich um ein Missverständnis handelt, aber das Schicksal ist hart zu ihm: Er soll dieses herrliche Auto tatsächlich ruinieren! - Vor dem Hotel standen auch noch ein Porsche Panamera und ein Mercedes SL - bei uns ein Hingucker, uns kam es aber so vor, dass sie vor dem Ritz-Carlton nur geduldet wurden; wahrscheinlich mussten die Fahrer für die Parkerlaubnis ordentlich was springen lassen.
Ritz-Carlton-Hotel in Cannes
Ein bisschen gingen wir noch durch die Gassen, tranken in einem Restaurant draußen noch jeder eine Cola, und dann machten wir uns auf den Heimweg. Cannes in drei Stunden hatte funktioniert, die Stadt ist überschaubarer (noch keine Großstadt, 75000 Einwohner), und die kleine Stadtrundfahrt trug sehr viel zur Übersicht bei. Der Rückweg war anstrengend; der Weg aus Cannes heraus ist lang, und viele waghalsige Motorradfahrer scheinen Kollisionen aller Art gegenüber aufgeschlossen zu sein. Es passierte aber nichts. Ein paar Stunden später kamen wir wieder in unserem Avignon an.
Am folgenden Tag fuhren wir zurück. Auch wieder eine 900-km-Tour. Die Navigation führte uns über das Saarland, dann Richtung Mainz, und von dort war es nur noch ein Katzensprung. Wohin sollte es im nächsten Jahr gehen? Es ergab sich dann einfach.
Bugatti Veyron vor dem Ritz-Carlton
Lamborghinis in lila und pink, Damenbegleitung offenbar inclusive
5Ein Ferrari kann jede Farbe haben. Hauptsache, sie ist rot.
6Danny Wilde: ”wegen zwei”
7 Pikanter weise gehören sowohl Bugatti als auch Lamborghini zum VW-Konzern. VW ist die Abkürzung für Volkswagen.
New York 2011
Es wird Zeit, dass wir Bettina vorstellen. Bettina ist eine Schulkameradin von mir, und auch in der Zeit nach dem Abitur haben wir den Kontakt zueinander nie verloren. Sie betreibt ein kleines Reisebüro, und wenn wir eine Reise machen, rufen wir sie an oder schicken ihr eine Mail mit unseren Vorstellungen. Dann bekommen wir erklärt, was wir wirklich wollen, und nach ein paar Tagen kommt sie mit einem Reiseplan, der erstens realistisch und zweitens hinreichend kostengünstig ist. Während der Reise bleibt sie mit uns in Verbindung und informiert sich, ob alles so läuft wie geplant. Ich war mit Familie einmal in Mexiko mit einem Hotel sehr unglücklich. Abends schickten wir ihr eine Mail. Während wir die Nacht verbrachten, hatte sie wegen der Zeitverschiebung die Möglichkeit, das Hotel vorzeitig zu kündigen und uns ein neues zu besorgen. Nach dem Aufstehen hatten wir eine Mail mit der Instruktion, nach dem Frühstück das Hotel zu verlassen und zum neuen zu fahren. So etwas geht nur mit Bettina, man ist einfach in besten Händen. Bei unseren Herbsttrips nahmen wir sie nun ebenfalls in Anspruch und hatten jedesmal die Sorge, dass sie da mehr Arbeit hineinsteckt als an Provision wieder hereinkommt. Ganz pflegeleichte Kunden waren wir nie, unser immerwährender Wunsch nach dem billigsten Hotel lässt schon nichts Gutes ahnen.
Mit dem Reiseziel New York, anlässlich zu Torstens 40. Geburtstag, war die kurze Tradition, dass das Reiseziel mit dem Auto erreichbar sein sollte, schon wieder beendet. Mit der Delta Airlines flogen wir die 8 h nach New York und füllten auf dem Flug zum Zeitvertreib das beliebte Formular ”Was stelle ich in dem Land alles an” aus, mit interessanten Fragestellungen wie:
• Wollen Sie in den USA einen terroristischen Anschlag verüben?
• Führen Sie Sprengstoff mit sich?
• Sind Sie abhängig von Drogen oder handeln Sie mit Ihnen?
• Sind Sie schon einmal wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt worden?
• Ist Ihnen die Einreise in die USA schon einmal verweigert worden?
• Führen Sie Schusswaffen mit sich?
• Führen Sie mehr als 10000 $ in bar mit sich?
usw. Wichtig ist, dass man die alle ernsthaft beantwortet, auch wenn das später vom Grenzbeamten gefragt wird. Bloß keine flapsige Bemerkung, die sowohl Torsten als auch ich so lieben (etwa: ”Zählt TNT als Sprengstoff?”). Die sind da absolut humorlos, und wenn man die Bilder von 9/11 sieht, kann man auch verstehen, warum. Der Grenzbeamte am JFK Flughafen quälte uns dann auch und ließ uns die Formulare noch ein zweites Mal ausfüllen, weil wir in der Zeile verrutscht waren, oder so etwas ähnliches. Nachdem wir ihm Lebewohl gesagt hatten, nahmen wir einen Transferbus ins Stadtzentrum. Unser Hotel war vier Blocks von der Haltestelle entfernt. Mit Gepäck im Regen ist das ganz schön viel, aber auch das ging vorbei, und wir legten uns erst einmal eine Stunde hin - und damit waren wir mit unserem Jetlag auch durch.
Chrysler-Building bei Nacht
Das Hotel Carter war in der 43. Straße. Ausblick durch das Fenster in einen Schacht, kein Frühstück, das Zimmer eng - wir hatten das Gefühl, dass Bettina etwas missverstanden hatte, sie sollte schließlich das billigste Hotel nehmen, nicht das schlechteste. Aber natürlich war uns klar, dass diese beiden Dinge irgendwie Zusammenhängen. Eigentlich war es genau richtig für uns, es war schön im Zentrum, anderthalb Gehminuten zum Times Square - besser ging es nicht! Und so machten wir uns nach unserem Nickerchen noch auf zu einer Abendtour, Broadway, 5th
