One apple a day - Annika Gockel - E-Book

One apple a day E-Book

Annika Gockel

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Beschreibung

Ich bin ein ganz normales 13-jähriges Mädchen wie all die anderen in meinem Alter. Ich habe tolle Freundinnen, liebevolle Eltern, und auch sonst läuft in meinem Leben alles so, wie ich es mir wünsche. Ein lebensfrohes, glückliches Mädchen eben. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, dass sich das irgendwann mal ändern würde.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zu diesem Buch

Ich bin ein ganz normales 13-jähriges Mädchen wie all die anderen in meinem Alter. Ich habe tolle Freundinnen, liebevolle Eltern, und auch sonst läuft in meinem Leben alles so, wie ich es mir wünsche. Ein lebensfrohes, glückliches Mädchen eben. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, dass sich das irgendwann mal ändern würde.

Annika Gockel wurde 2000 in Paderborn geboren und hat schon als Kind gerne geschrieben. Bis zur 8. Klasse besuchte sie ein Gymnasium – dann kam sie mit der Diagnose Anorexia nervosa in eine Klink. Während ihrer Krankheit hat sie viele Bücher über Essstörungen gelesen, die oftmals mit dem Tod der Betroffenen endeten. Als es ihr endlich gelungen war ihre Magersucht zu überwinden, beschloss sie deshalb von ihrem Erfolg zu erzählen und anderen Betroffenen damit Mut zu machen.

Inhalt

Vorwort

Kapitel:

Kontrollverlust

Kapitel:

Kämpfen

Kapitel:

Rückfall

Kapitel:

Das Leben mit seinen Herausforderungen

Kapitel:

Sichtweisen anderer

An alle Menschen, die in guten sowie in

schlechten Zeiten an meiner Seite standen

und noch weiterhin stehen werden.

Ganz besonders widme ich dieses Buch

meiner besten Freundin und somit

der wichtigsten Person in meinem Leben.

Danke, Lara, dass du immer für mich da warst

und nie aufgehört hast, an mich zu glauben.

„Die Angst vor dem Leben ist die größte Angst der Menschen. Wir fürchten uns nicht so sehr vor dem Tod. Unsere größte Angst ist es, das Risiko des Lebens einzugehen – das Risiko, lebendig zu sein und auszudrücken, wer und was wir wirklich sind. Einfach nur sie selbst zu sein, ist die größte Angst der Menschen.“

Don Miguel Ruiz

Prolog

Dieses Buch wird anders sein als andere Bücher – ohne jegliche Euphemismen, sondern es wird nur die Wahrheit erzählen.

Vielleicht ist sie für den ein oder anderen erschreckend, oder sie regt ihn zum Nachdenken an, aber man muss der Wahrheit ins Auge sehen und kann sie nicht einfach von sich wegschieben. Wenn man die Dinge für sich behält, kann man sie sich schöndenken, verzerren oder gar verdrängen. Doch wenn man sie ausspricht, dann steht die Wahrheit unwiderruflich im Raum. Lacht einem ins Gesicht und schreit einem entgegen, was man nicht wahrhaben will. Und somit werden Dinge einem erst bewusst, wenn man von ihnen erzählt.

Vielleicht möchte ich genau deswegen in meinem Buch ein Thema ansprechen, das heutzutage in gewisser Weise immer noch zu den Tabuthemen zählt.

Ich hoffe, ich kann Menschen mit meinen Worten erreichen und ihnen einen kleinen Einblick in die Welt der Betroffenen verschaffen.

Ich möchte, dass dieses Thema nicht totgeschwiegen wird, sondern Menschen offener damit umgehen können.

Auch wenn niemand bis auf diejenigen, die alles selbst durchlebt haben, verstehen kann, wie es in den Köpfen und im Inneren dieser Menschen aussieht, hoffe ich, dass mein Buch auch Angehörigen gute Ansätze und Hilfestellungen an die Hand geben kann.

Betroffenen soll dieses Buch zeigen, dass es ein langer Weg sein wird und immer wieder Situationen auftreten werden, an denen man glaubt zu scheitern.

Trotzdem ist es wichtig, nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen, sondern immer weiterzukämpfen, nach jedem Rückfall wieder aufzustehen und sich mit neuem Mut dem Leben und seinen Ängsten zu stellen.

Nach jedem Tal geht es auch immer wieder bergauf.

Und auch wenn das Licht am Ende des Tunnels noch so weit entfernt scheint, irgendwann wird man es erreichen und sagen können, dass man es geschafft hat. Und dann sei stolz auf dich, denn niemand außer dir weiß, wie viel Kraft, Tränen, Mut und Vertrauen es dich gekostet hat, dort zu sein, wo du jetzt bist.

Selbst ich bin noch auf dem Weg in Richtung Licht, aber ich kann auf jeden Fortschritt, den ich bis jetzt gemacht habe, stolz sein. Ich weiß selbst, wie schwer es ist loszulassen, aber jeder noch so kleine Schritt bringt wieder Licht und Farbe in euer Leben.

Ich habe mich für das Leben entschieden.

Und jeder Einzelne da draußen kann diese Entscheidung für sich treffen. Also fangt an, eure eigene Geschichte zu leben.

Kontrollverlust

Ich bin ein ganz normales 13-jähriges Mädchen wie all die anderen in meinem Alter. Ich habe tolle Freundinnen, liebevolle Eltern, und auch sonst läuft in meinem Leben alles so, wie ich es mir wünsche. Ein lebensfrohes, glückliches Mädchen eben. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, dass sich das irgendwann mal ändern würde.

Ich komme nach Hause, werfe meine Schultasche in die Ecke und laufe in die Küche. Meine Mutter steht am Herd und ist gerade dabei, mein Lieblingsgericht zu kochen: frische Bratwürstchen mit Nudeln. Hungrig setze ich mich an den Tisch und kann es kaum erwarten, dass das Essen endlich fertig ist. Sie setzt sich zu mir: „Wie war die Schule heute?“ „Gut, ich habe sogar heute mal wenig Hausaufgaben auf.“ Ich freue mich sehr darüber, denn heute Abend habe ich noch Training. Ich mache jetzt schon seit fünf Jahren Rope-Skipping. Rope-Skipping ist eine aus Amerika stammende Sportart des modernen Seilspringens. Es ist meine Leidenschaft. Und heute ist mein großer Tag, denn ich komme endlich in die dritte Gruppe – zu den Großen. Ich bin schon ziemlich aufgeregt und hoffe, dass alle dort nett sein werden. Aber zum Glück ist Sabine heute auch zum ersten Mal da. Sabine ist eine sehr gute Freundin. Wir beide kennen uns schon aus der Grundschule, und sie liebt das Rope-Skipping genauso wie ich. Bevor ich mich umziehe, erledige ich noch schnell meine Hausaufgaben. Ich muss einen Essay in Französisch schreiben. Französisch ist mein Lieblingsfach, weshalb ich auch schnell mit der Aufgabe fertig bin. Leider muss ich jetzt aber noch Mathe machen. Mathe ist definitiv keins von meinen Lieblingsfächern, und besonders gut kann ich es auch nicht. Ich rufe meine Mutter, damit sie mir noch mal alles erklärt. Nachdem ich wenigstens das Nötigste verstanden und die Aufgaben einigermaßen gelöst habe, mache ich mich auf den Weg zur Sporthalle. Ich treffe mich vor der Tür mit Sabine und gehe zusammen mit ihr in die Kabine. Die anderen lächeln nett, als wir reinkommen, und begrüßen uns freundlich. Dann fängt auch schon das Training an. Zuerst wärmen wir uns alle gemeinsam auf, und Karin, unsere Trainerin, stellt uns kurz der Gruppe vor. Danach kann heute jeder das üben, was er möchte. Nick und Christina, zwei der anderen Trainer, zeigen uns beiden ein paar Sprünge, die wir üben können. So schnell wie das Training angefangen hat, so schnell ist es auch schon wieder vorbei. Als ich nach Hause komme, ist mein Vater in der Zwischenzeit auch von der Arbeit nach Hause gekommen. Wir setzen uns alle an den Küchentisch, und ich erzähle ihm von meinem Training. Nach dem Abendessen gehe ich hoch an meinen Laptop und skype mit Sabine. Wir schreiben über das Training. Unsere Trainerin hat uns beide gefragt, ob wir ab nächste Woche die unteren beiden Gruppen als Helfer mittrainieren können. Wir sind natürlich Feuer und Flamme und haben direkt zugesagt. Wir reden ein bisschen über Nick. Er ist echt nett und unglaublich lustig. Wir nehmen uns vor, ihn nächste Woche nach seinem Skype-Namen zu fragen. Der Rest der Woche vergeht schnell, denn meine Tage sind komplett verplant. Am Mittwoch habe ich Querflötenunterricht im Musikverein, Donnerstag Training für die Showgruppe und Freitag Klavier. Am Samstag treffe ich mich mit Sabine. Wir gehen zusammen shoppen, und abends haben wir vor, einen Mädelsabend zu machen. Wir bestellen Pizza und machen uns Quarkmasken mit Gurke. Wir reden bis in die Nacht, bis ihre Mutter kommt und uns bittet, endlich mal zu schlafen.

Am nächsten Tag fahre ich mit meiner Familie zu meiner Oma. Es gibt meinen Lieblingskuchen: Stachelbeertorte. Ich esse zwei ganze Stücke. Die nächsten Wochen vergehen wie im Flug, ich lerne Nick immer näher kennen, und wir werden immer mehr zu besten Freunden. Bei jedem Problem ist er für mich da und versucht, mir so gut wie möglich zu helfen. Aber auch Sabine und Nick verstehen sich immer besser. Am Wochenende verabrede ich mich mit Hanna. Ich kenne Hanna schon seit dem Kindergarten, und seit dem Zeitpunkt sind wir unzertrennlich. Mittags schreibe ich ihr und frage, ob Vivian, ein Mädchen, welches Hanna auch schon seit der Grundschule kennt, noch mitkommen kann. Aber ohne Grund rastet sie total aus.

„Dann geh doch einfach mit ihr alleine hin, jetzt habe ich auch keinen Bock mehr, mit dir Schlittschuh fahren zu gehen, wenn du schon wen Besseres gefunden hast.“

Jetzt versteh ich gar nichts mehr, so kenne ich sie gar nicht. Als ich sie abends mit Vivian in der Eishalle treffe, würdigt sie mich keines Blickes und geht mit Noelle weg. Ich bin megatraurig als ich wieder zu Hause bin ,und schreibe ihr, um mich wieder mit ihr zu vertragen. Aber sie macht keine Anstalten, etwas mit mir klären zu wollen, und macht mir durchgehend Vorwürfe. Irgendwann wird mir alles zu viel, und ich schreibe Nick, um ihn nach Hilfe zu fragen. Er weiß jedoch auch nicht wirklich, was ich machen kann, weil ich ja noch nicht mal einen Fehler gemacht habe. Die kommenden Wochen ändert sich nichts an der ganzen Situation. Jedes Mal wenn wir uns sehen, weicht Hanna meinen Blicken aus, auf dem Schulweg morgens reden wir kein Wort miteinander, und zusammen etwas unternehmen machen wir erst recht nicht mehr. Mir geht es mit dieser Situation total schlecht, selbst meine Eltern merken, dass es mir zunehmend schlechter geht. Jeden Abend liege ich auf dem Boden meines Zimmers und verzweifle, da ich nicht weiß, wie ich meine beste Freundin wiederbekomme. Aber wenigstens habe ich Nick. Er ist wie ein großer Bruder, den ich nie hatte, und es hilft, mit ihm zu reden. Heute ist Sonntag, und ich bin wieder bei meiner Oma. Ich gehe auf die Toilette und öffne den Spiegelschrank. Mein Blick fällt direkt auf die Rasierklingen, und ohne lange nachzudenken, stecke ich eine in meine Tasche. Abends liege ich in meinem Bett und starre die Klinge an. Soll ich oder nicht? Ich nehme sie in meine Hand und fahre langsam mit meinem Finger über das glänzende Metall. Im Hintergrund läuft „Herz“ von Casper.

„Bleib hier! Bitte bleib! – Schweig!

Ich muss dir was zeigen, es ist tief unten, ganz weit

Ein Schritt, ein Blick, ein Gedanke

Eine Klinge, eine Träne, eine Hand, ein Schnitt“

Ich ziehe mein T-Shirt hoch und drücke die Klinge tief in meine Haut. Das warme Blut rinnt meine Seite herunter. In diesem Moment spüre ich nichts mehr, nichts außer dem Schmerz. Es ist ein gutes Gefühl, endlich wieder etwas anderes als Traurigkeit zu spüren. Noch zwei weitere Male schneide ich tief in meine Haut. Es ist ein befreiendes Gefühl, das sich in mir ausbreitet. Ich versteckte die Klinge in einem Taschentuch und lege es in die hinterste Ecke meiner Schublade. Nachdem ich die Wunden mit einem Pflaster abgeklebt habe, schlafe ich ein. Am nächsten Morgen wache ich auf. Ich stehe auf und schaue in den Spiegel. Das Pflaster ist komplett durchgeblutet. Vorsichtig löse ich es von meiner Haut und betrachte die roten Narben auf meinen Rippen. Den ganzen Tag über bin ich in Gedanken und konzentriere mich kaum auf das, was alles um mich herum geschieht. Gerade bin ich auf dem Weg zum Latein-Unterricht, als Svenja mich anspricht: „Was ist los, meine Kleine? Du wirkst so, als würde dich etwas bedrücken.“ „Alles gut“, lüge ich. Ich habe jetzt keine Lust, mit jemandem zu reden. „Ich bin einfach nur müde.“ Das war noch nicht mal gelogen. Ich bin in letzter Zeit wirklich einfach nur noch müde. Müde vom Leben. Es fühlt sich an wie in einem Strudel, der versucht, mich immer weiter in die Tiefe zu reißen. Ich fühle mich mit all diesen Gefühlen überfordert und weiß nicht, wie ich mit diesen Gedanken umgehen soll. Ich traue mich nicht, mit irgendjemand zu reden, es würden doch bestimmt sowieso alle denken, ich wäre total gestört. Wie soll man denn bitte auch jemandem erklären, dass man sich selbst verletzt, um etwas anderes zu fühlen als Traurigkeit. Keiner würde mich verstehen. Außer Nick vielleicht. Aber auch das muss noch warten, ich bin noch nicht bereit für solche Gespräche. Ich entschließe mich dazu, erst mal so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Wenn es schlimmer wird, kann ich ja immer noch mit ihm reden. Ich muss nur noch Latein überleben, dann kann ich nach Hause in mein Bett. Zu meinem Glück ist unser Lateinlehrer heute nicht da, und ich erledige gemeinsam mit Svenja die Hausaufgaben. Ich mag Svenja. Mit ihr ist Latein wenigstens einigermaßen erträglich. Und sie hilft mir immer in Mathe, wenn ich mal wieder die einfachsten Aufgaben nicht auf die Reihe bekomme. Mathe und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Lange Rede, kurzer Sinn – Svenja ist halt einfach das lebende Beispiel für die in Büchern beschriebene gute Seele. Sie hilft jedem, wo sie nur kann, und ist immer gut drauf. Ich bin froh, dass sie meine Freundin ist. Nach der Schule gehe ich zu meiner Oma, weil meine Mama Spätschicht hat. Meine Großeltern wohnen direkt neben uns. Ich bin gerne bei meiner Oma. Schon als Kind war ich ständig bei ihr, wenn meine Eltern mal wieder arbeiten mussten. Bis vor Kurzem hat auch noch meine Uroma dort gelebt. Ich habe sie jeden Tag besucht. In ihrem Schränkchen hatte sie für mich immer ein Schälchen mit Gummibärchen. Jeden Tag hat sie es für mich aufgefüllt. Es gehörte zu meinem Tag dazu, zu ihr zu gehen, meine „Klümpkes“, wie sie sie nannte, abzuholen und mich eine Weile mit ihr zu unterhalten. Wenn ich mal bei meiner Oma übernachtete, brachte ich ihr das Abendessen hoch und guckte mit ihr zusammen „Verbotene Liebe“. Das ganze Jahr über strickte sie Socken, die jeder aus der Familie dann zu Weihnachten geschenkt bekam. Gespannt lauschte ich den Geschichten von früher, die meine Oma und sie mir erzählten. Ich war stolz auf meine Uroma, denn niemand den ich kannte, konnte von sich behaupten, dass er eine 100 Jahre alte Uroma besaß. Umso schlimmer war es für mich, als sie starb. An ihrem letzten Abend saß ich mit meinen Eltern neben ihrem Bett. Ich wollte gerade gehen, als meine Mutter mir sagte, ich solle mich noch von ihr verabschieden. Ich nahm sie in den Arm und sagte: „Tschüss, Oma, bis morgen.“ Ich wusste, dass sie krank war, aber ich war überzeugt davon, dass sie wieder zu Kräften kommen würde. Ich wollte den Gedanken nicht wahrhaben, dass sie sterben könnte. Als ich den nächsten Tag nach unten kam, wusste ich, dass etwas anders war. Ich sah Mama und Papa an. „Kleine Oma ist gestern Nacht gestorben“, sagt eMama. Tränen sammelten sich in meinen Augen, aber ich ließ sie laufen. Mama nahm mich in den Arm, und auch Papa versuchte, mich irgendwie zu beruhigen. Wir gingen gemeinsam rüber, und ich ging in ihr Zimmer. Sie lag in ihrem Bett, als würde sie schlafen. Ich nahm ihre Hand; sie war kalt. Ich wusste, ich würde sie jetzt das letzte Mal sehen, aber realisieren konnte und wollte ich es nicht. Am Tag der Beerdigung wollte ich stark sein, jede einzelne Träne versuchte ich zu unterdrücken. Ich wollte nicht schon wieder weinen. In der Kirche fühlte es sich an, als würde ein dicker Kloß in meinem Hals stecken, der immer größer zu werden schien. Als ich dann jedoch vor ihrem Grab stand und meine Blume hineinwarf, konnte ich meine Traurigkeit nicht mehr verbergen. Alles brach aus mir heraus. Die Tränen flossen wie Bäche meine Wangen hinunter, und mein Schluchzen war so laut und kläglich wie das eines kleinen Kindes. Ich wollte einfach nur noch weg. Um mich abzulenken, fuhr Mama mich zum Training. Einige Tage später sagte Nick etwas zu mir, an das ich heute noch oft denke: „Erinnerungen sind wichtig, aber du solltest dennoch mit offenen Augen nach vorne schauen – mit einem Lächeln an die Vergangenheit denken und mit einem Lächeln das Kommende erwarten.“

Bei meiner Oma gibt es heute Pommes. Ich liebe Pommes. Außerdem gibt es noch einen Grund, warum ich gerne bei meiner Oma bin: Sie kocht immer das, was ich am liebsten esse. Außerdem lebt unser Hund bei meiner Oma. Wir haben ihn gekauft, als ich in die Grundschule gekommen bin. Sein Name ist Robin. Auch heute lege ich mich zu ihm auf den Boden und streichle ihn. Ich weiß, wie gerne er das hat. Ich erzähle ihm von meinem Streit mit Hanna. Immer wenn ich mit ihm rede, schaut er mich aufmerksam mit seinen großen dunkelbraunen Augen an. Ich habe das Gefühl, dass er mich versteht. Auch wenn er mir nicht wirklich eine Antwort geben kann, hilft es mir, ihm alle meine Sorgen zu erzählen. Vielleicht stimmt es ja doch, dass Tiere einen oft besser verstehen als Menschen.

Mittlerweile ist es schon Ende November. An diesem Wochenende ist bei uns Adventsmarkt, und ich gehe zusammen mit Nick hin. Zusammen mit ihm trinke ich zum ersten Mal Alkohol. Erst bin ich mir unsicher und bleibe bei meinem Kinderpunsch, aber dann tausche ich mit ihm. Der Eierpunsch schmeckt besser, als ich gedacht habe. Nick hat meiner Mama versprochen, dass er mich nach Hause bringt, also machen wir uns langsam auf den Weg. Zu Hause angekommen, schleiche ich leise die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Ich habe meine zwei Zimmer eine Etage über der Wohnung meiner Eltern – worüber ich echt froh bin. Müde lege ich mich in mein Bett. Heute war seit Langem mal wieder ein guter Tag, an dem ich den Streit mit Hanna vergessen konnte.

Das neue Jahr rückt von Tag zu Tag immer näher, in der Schule schreiben wir die letzten Arbeiten für dieses Halbjahr. Jede Woche freue ich mich auf das Training und somit auf die Zeit mit Sabine und Nick. Wir lachen viel zusammen. Es macht mir Spaß, den kleineren Kindern neue Sprünge und Tricks beizubringen. Ich freue mich, wenn sie mit einem Grinsen im Gesicht auf mich zugelaufen kommen und mir stolz zeigen, was sie Neues gelernt haben. Auch wenn sie manchmal echt anstrengend sind und einfach nicht das machen wollen, was sie eigentlich sollen, arbeite ich gerne mit ihnen.

Heute ist der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. In der Schule gucken wir heute Filme und essen Kekse. Nach der Schule gehe ich mit meinen Freundinnen aus meiner Klasse zum Chinesen. Bei uns ist es schon fast zu einem Ritual geworden, dass wir immer am letzten Tag vor den Ferien zum Chinesen gehen. Ich liebe chinesisches Essen. Es gibt heute mal wieder eine riesige Auswahl an Speisen, und ich kann mich kaum entscheiden, da alles so unglaublich lecker aussieht. Schlussendlich entscheide ich mich für Ente und gebratene Nudeln mit Gemüse. Gute Wahl, es schmeckt superlecker. Nach dem Essen gehen wir noch alle zusammen shoppen. Bei H&M suchen wir uns jeder gegenseitig ein Outfit aus, das der andere dann anprobieren muss. Ich probiere ein schwarzweiß gemustertes Kleid an. Es gefällt mir, und ich nehme es direkt mit. Auch die anderen haben ein paar Sachen gefunden. Nun muss ich aber auch nach Hause, denn freitags ist bei meinen Großeltern, die direkt neben uns wohnen, immer Familienkaffeetrinken. Meine Oma kann die besten Torten backen, und jedes Mal backt sie viel zu viele. Es gibt Schoko-Sahne-Torte. Die esse ich immer am liebsten. Auch mein Onkel mit seiner Freundin und meinem kleinen Cousin sind da. Ich setze mich ein bisschen zu ihm auf den Boden und spiele mit ihm. Meine Mutter und meine Oma besprechen währenddessen die Planung für Weihnachten. Heiligabend verbringen wir immer bei meinen Großeltern. Es soll Raclette geben, und am zweiten Weihnachtstag gehen wir mit der ganzen Familie zum Chinesen. Ich freue mich jetzt schon darauf.