Optimist im Leben - Helmut Krauss - E-Book

Optimist im Leben E-Book

Helmut Krauss

4,8

Beschreibung

Bei Optimist im Leben. Aus dem Leben eines Blinden aus Siebenbürgen handelt es sich um Lebenserinnerungen des Autors Helmut Krauss (geb. 1942). Es geht überwiegend um die Erlebnisse und Erfahrungen des Verfassers als Blinder im kommunistisch geprägten Rumänien der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Das Buch ist daher an alle gerichtet, die gerne spannende Memoiren lesen sowie Näheres über die Lebensumstände blinder Menschen und über die politischen Verhältnisse im kommunistischen Rumänien erfahren wollen.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2016

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„Das Ziel des Schreibens ist es, andere sehen zu machen.“ (Joseph Conrad, 1857-1924)

Inhaltsverzeichnis

Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Teil

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Teil

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

1. TEIL

1.

Es geschah in den Jahren, als ich noch zu klein war, um vom Leben eine andere Vorstellung zu haben als die, den ganzen Tag auf den Straßen herumzutoben und vom frühen Morgen bis zum späten Abend durch die Gemeinde zu laufen und die Gegend unsicher zu machen. Und so verging die Zeit sehr schnell, ein Tag nach dem anderen, Woche um Woche, schließlich flogen Monate und Jahre dahin. So unbemerkt und schnell vergingen auch die Jahreszeiten, die uns Kindern sehr viel Freude bereiteten, jede von der Natur mit der ihr eigenen Schönheit bedacht. Der Frühling war für uns Kinder von sehr großer Bedeutung, denn die Tage wurden länger und die Nächte kürzer, und so konnten wir länger draußen spielen. Die Sonnenstrahlen wurden von Tag zu Tag wärmer, und der Winter verabschiedete sich allmählich, Schnee und Eis und deren unheimlichen Zauber mitnehmend. Die Natur ging im Frühling mit ihrer Schönheit sehr verschwenderisch um. Der Boden eroberte von Tag zu Tag seine zauberhafte Schönheit zurück. Die Flüsse schwollen an unter einem strahlend blauen Himmel, und wir Kinder beobachteten das zauberhafte Aufblühen der Natur mit großem Erstaunen und in stiller Andacht. Die ersten Anzeichen des Frühlings, Zeit der Hoffnung und des neuen Lebens, wurden immer sichtbarer, und auch den Blumengeruch nahm man immer häufiger wahr. Überall sprossen Schneeglöckchen und blaue Veilchen aus der Erde, und wir Kinder sammelten sie mit großer Freude und steckten sie in ein Wasserglas, damit sie länger hielten. Weil sie eine so schöne blaue Farbe hatten, wurden sie von unseren Müttern bei der Färbung von Ostereiern eingesetzt.

Die Tage wurden wärmer, die Nächte milder, und so begann für die Bauern nach der Winterpause eine Zeit fieberhafter Geschäftigkeit im Garten und draußen auf dem Feld, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Soweit das Auge reichte, konnte man Bauern sehen, die ihren Boden bewirtschafteten, und ihr Pflug wurde von Pferden, Ochsen, Büffeln oder Kühen gezogen. Einer war fleißiger als der andere, als befänden sie sich im Wettstreit miteinander, als wollte einer dem anderen zeigen, wie man all diese Arbeit am besten bewältigen und wie man sich in der Landwirtschaft eine günstige Wetterlage zunutze machen konnte.

Am späten Abend kehrten die fleißigen Bauern dann nach einem langen Arbeitstag müde, aber zufrieden mit allem, was sie erledigt hatten, heim. Als es wärmer wurde, begannen sie mit den ersten Frühlingsanpflanzungen. Nach einem sehr strengen und langen Winter erwachte die Landschaft zu neuem Leben. Die Wiesen wurden von einem zarten Grün überzogen, die Bäume schlugen aus, und wohin das Auge reichte, sah man die ganze Blütenpracht, von den Blumen und den Obstbäumen bis zu der Akazie und den Ahornbäumen. Fast jedes Haus im Michelsdorf zierte ein kleiner Blumengarten mit herrlich bunten Blumen, was unserem Dorf einen zauberhaften Anblick verlieh. Der wunderbare Blumengeruch, der uns überall begleitete, konnte sich ungehindert entfalten, denn zu jener Zeit gab es noch keine Autos oder Industriegebiete in der Nähe, die die Luft verschmutzt hätten. Die Blumen waren uns Siebenbürgern auch aus einem anderen Grund von alters her wichtig. Fast jeden Sonntag nahmen unsere Mütter auf dem Weg zur Kirche Blumen mit und legten sie unseren Verstorbenen auf den Friedhof ans Grab.

Uns Kindern dagegen war der Ernst des Lebens noch fremd, und so verging für uns die Zeit wie im Flug, wobei unsere Gedanken stets ums Spielen kreisten. Wir organisierten verschiedene Spiele, von früh bis spät, wie zum Beispiel: Ball- und Versteckspiele in der Scheune, in den umherliegenden Häusern und überall, wo es möglich war, sowie das sogenannte Pferdespiel. Dazu nahmen wir ein langes Seil, zogen es über die Schulter eines oder zweier Spielkameraden, während ein anderes Kind von hinten das Seil wie die Zügel der Pferde hielt und die Richtung vorgab, wohin es auf den Straßen der Gemeinde zu laufen hatte. Oft wurde es dunkel, und wir hatten noch immer nicht die Absicht, nach Hause zu gehen, weil wir es vor lauter Spielen schlichtweg vergaßen. Das bereitete unseren Eltern jedoch großen Kummer, wussten sie doch nicht, wo wir denn so lange blieben und ob uns etwas passiert war. Dann gingen sie auf die Straße, um uns zu suchen, erkundigten sich bei den Nachbarn, ob sie uns denn nicht gesehen hätten, da wir noch nicht zurückgekehrt seien. Als wir schließlich eintrafen, waren sie nicht nur traurig, sondern auch wütend genug, um uns eine Lehre zu erteilen. Mein Vater verabreichte mir mit dem Riemen, auf dem er sein Rasiermesser schleifte, eine solche Tracht Prügel, dass mir davon schwindlig wurde. Das war vielmals auch das Abendessen, mit dem ich ins Bett ging.

Und so verging die wunderbare Kindheit, mit guten und schlechten Erlebnissen. Ich wuchs heran und musste nach und nach auf die Spielzeiten verzichten, um mich für neue Zeiten des Lebens vorzubereiten. Denn auch für mich war die Zeit gekommen, meine Eltern bei ihrer Arbeit nach meinen Kräften zu unterstützen. Denn auf einem Bauernhof gab es genügend zu tun, auch für uns Kinder. Mit der Zeit wurde ich mit Hilfe meiner Eltern immer geschickter, so dass ich ihnen immer mehr eine Hilfe war. Mein Vater pflegte jedem von uns, dessen Arbeitsmoral schwächelte, ein Sprichwort vorzubeten: „Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen“. Wenn ich keine Lust auf Arbeit hatte, musste ich stets daran denken.

Mit oder ohne Spaß war die Zeit gekommen, mich dem integrierenden Prozess des Arbeitens zu stellen, und so hatte ich jeden Tag neue Aufgaben und Herausforderungen zu bestehen. Die Tage vergingen einer nach dem anderen, und die Vorbereitung fürs Leben wurde immer ernster. Es war für mich, dessen Gedanken stets beim Spielen waren, nicht einfach, meine Spielkameraden draußen toben zu hören, zumal sie mich immer aufforderten, mitzukommen. Doch ich musste zuerst meine Aufgaben erledigen und konnte ihnen nur Gesellschaft leisten, wenn noch Zeit übrigblieb. Aber die Zeit wurde immer knapper, weil die Aufgaben von Tag zu Tag mehr wurden. Jeden Morgen, bevor sich meine Eltern zur Arbeit aufmachten, überließen sie mir die Hauswirtschaft, und mein Vater erklärte mir, was ich an dem Tag zu erledigen hatte. Denn Kühe, Schweine, Gänse und Hühner mussten gefüttert werden, und das mit großer Pünktlichkeit. Täglich um zehn Uhr musste ich den Rindern und Schweinen zum Fressen bringen, grünes Futter wie Gras oder Klee. Am Mittag gab ich den Schweinen Mais und den Küken in Wasser aufgeweichtes Mehl. Nachmittags um vier wiederholte ich diesen Vorgang. Am Abend und in der Früh übernahmen meine Eltern das Füttern. Am Abend wurde ich von meinem Vater gefragt, ob ich seine Anweisungen befolgt hätte. Das war aber nicht immer der Fall, denn es gab auch Tage, an denen ich einiges vergaß. Wenn das, was ich vergessen hatte, wichtig war, prügelte er mich mit dem Riemen, damit es mir beim nächsten Mal nicht wieder entfiel.

Das waren gute und schlechte Zeiten, an die ich mich gewöhnen musste. Der Sommer mit seinen langen heißen Tagen und seinem Sonnenschein unter einem schönen blauen Himmel rückte heran. Die Sommernächte waren immer sehr kurz, kaum blieben vier bis fünf Stunden Schlaf übrig, um für den nächsten Arbeitstag Kraft zu tanken. Denn wohin man auch blickte, sah man die wunderbare grün-gelbe Landschaft, die viel Arbeit bot, denn die erste Ernte stand vor der Tür. Getreide (Weizen, Gerste), Gemüse (Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Paprika) und Obst (Zwetschgen, Kirschen, Aprikosen und vieles mehr) mussten eingelagert werden. Ich wurde mit einer besonderen Aufgabe bedacht: Vom frühen Morgen bis zum späten Abend musste ich in der heißen Sonnenglut zwei- bis dreimal am Tag kühles und frisches Wasser aus dem Brunnen holen. Zwischendurch half ich meinen Eltern bei der Arbeit, von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags.

Mein Arbeitstag begann aber in aller Frühe, als es anfing zu dämmern. Ich wurde aus dem besten Schlaf geweckt, um mit den Kühen hinauszugehen und sie zu füttern bis um neun oder zehn Uhr, und nachmittags wieder ab 16 Uhr, bis es dunkel wurde. Oft war es so finster, dass ich die Kühe kaum sehen konnte. Dann folgte ich ihrem Glockenklang und ließ mich in der Dunkelheit nach Hause führen. Hier ging es gleich mit dem Melken los, und während ich mich wusch, wurde das Essen aufgewärmt. Ich verschlang hastig ein paar Brocken, denn ich konnte es kaum erwarten, ins Bett zu kommen, so müde war ich. Denn ich fiel sehr spät ins Bett und hatte stets den Eindruck, dass ich nicht mal richtig eingeschlafen war, da man mich schon weckte. Dann gab meine Mutter mir zwei Stück Brot in die Hand, geschmiert mit Schweinefett, und sagte zu mir: „Beeile dich, die Kühe sind schon unterwegs, und dein Vater wartet auf dich.“ Auf der Weide legte ich mir eine wärmende Unterlage auf das nasse Gras und legte mich schlafen, in der Absicht, nicht länger als ein paar Minuten auszuruhen, um die Kühe nicht aus den Augen zu verlieren. Aber vielmals geschah es, dass ich mehr als eine Stunde im Land der Träume verweilte. Als ich dann erwachte, war von den Kühen weit und breit nichts zu sehen, und ich fing vor lauter Kummer an zu weinen, bis ich sie wiederfand.

Als ich vormittags mit den Kühen heimkam, geschah es sehr häufig, dass ich um 11 Uhr die Kühe anspannte und zur Kantine fuhr, um den Leuten, die Abonnement hatten, das Mittagessen in die Weingärten zu bringen. Dies geschah nur, wenn der Transportwagen Aufgaben von großer Dringlichkeit übernehmen musste. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Weingärten bis zur Nationalisierung Eigentum der in Rumänien lebenden Deutschen waren. Als die Kommunisten an die Führung kamen, wurde ein sogenannter Agrarsektor unter dem Namen I.A.S. gegründet. Da deutschstämmigen Bauern keine andere Wahl blieb, suchten sie hier Anstellung und arbeiteten schließlich als Angestellte auf ihrem eigenen Grund und Boden. Die Weingärten waren auch der Ort, wo die Kühe gefüttert wurden, denn hier gab es fruchtbare Wiesen, und sogar die Wege waren mit Gras bedeckt, weil sie sehr selten benutzt wurden. Schon am Haupteingang in die Weingärten konnte man sich einen Eindruck von deren Schönheit verschaffen. Denn alles war gut gepflegt und bewirtschaftet, so dass man den Eindruck gewinnen konnte, dass auf einer Fläche von über 150 Hektar eigens ein Park angelegt worden war. Die Wege waren von Obstbäumen, Nuss-, Pflaumen- oder Quittenbäumen, umsäumt, an deren herrlichen Blütenpracht und wunderbarem Geruch man sich erfreuen konnte.

Für die Leute, die in den Weingärten arbeiteten, wurden fünf sogenannte Holzschuppen gebaut, die mit Ziegeln gedeckt waren. Innen gab es Bänke wo sie bei Regen Schutz finden konnten. Diese wunderbare Lage war für uns Jugendliche im Sommer fast jeden Sonntagnachmittag ein idealer Treffpunkt. Denn hier gab es viel Schatten und frische Luft. Jedes Jahr Ende August wurde unter dem Stichwort "Weingärtenschließung" ein großes Fest veranstaltet, an dem alle Mitarbeiter teilnahmen. Wo gut gegessen, getrunken, getanzt und gesungen wurde, solange die Leute sich gut fühlten. Ab diesem Fest hielten die Wächter Tag und Nacht Wache, bis alles eingelagert wurde. Fortan durfte niemand mehr die Weingärten betreten. Es wurde so geregelt, dass man zweimal wöchentlich die Weingärten betreten durfte, aber nur in Begleitung und streng überwacht. Auch mir und meinem Kollegen Stefan, dem Sohn des Chefs dieser Firma, wurde ab diesem Datum der Zutritt zu den Weingärten verwehrt. Doch wurde dieses Verbot von uns beiden nicht sonderlich ernst genommen, handelte es sich bei meinem Kollegen doch um den Sohn des Chefs. Für uns galt vielmehr das Gegenteil, denn wir krochen auf die Nussbäume und füllten uns die Hosentaschen mit Nüssen, in unsere Mützen verstauten wir herrlich duftende Pfirsiche und reife Weintrauben. Dann versteckten wir uns in einem Gebüsch, damit die Wächter uns nicht entdeckten. Mit dem Essen beschäftigt, vergaßen wir, die Kühe daran zu hindern, dahin zu gehen, wo es verboten war. Denn die Spuren der Kühe hätten uns verraten können. Aber das geschah trotzdem sehr häufig, weil wir nicht wussten, wie wir es verhindern konnten, dass sie uns nicht auf die Schliche kamen.

Mit meinem Kollegen Stefan gab es oftmals auch Streit, weil er nie meine Kühe hüten wollte, damit ich auch mal ein Stündchen Schlaf abbekam. Er schlief schließlich jeden Tag bis 7 oder 8 Uhr, während ich auch seine Kühe übernahm, bis er dazukam. Denn jeden Morgen, als ich bei ihnen vorbeiging, übergab seine Mutter mir auch ihre Kühe, mit den Worten: „Der Stefan ist jetzt beim Essen, dann kommt er auch.“ Aber das geschah, wie gesagt, erst um 7 oder 8 Uhr. Dies führte zum Streit, und wir gingen dann getrennt voneinander mit den Kühen, jeder in eine andere Richtung. Die Wächter, die unsere Spuren und unsere Kühe entdeckten, meldeten es Stefans Vater, und weil mein Vater mit ihm im selben Büro arbeitete, fiel die Schuld häufig auf mich. Mein Vater kam so spät nach Hause, dass er mich aufwecken musste, um mich fragen zu können, wie alles geschehen sei. Aber egal, was ich sagte, mein Vater schenkte mir selten Glauben.

Um zumindest jeden zweiten Sonntag einen Nachmittag für mich zu haben, versuchte ich mit Stefan eine Vereinbarung zu treffen. Einmal in der Woche trafen sich auf dem Schulhof alle Jugendlichen. Hier wurden verschiedene Ballspiele organisiert, und die älteren Jugendlichen sangen und tanzten. Und das war für uns Kinder eine sehr große Freude. Aber auch dieser Versuch schlug zu meinem großen Bedauern fehl, denn Stefan, dessen Eltern viel Verständnis für seine Wünsche aufbrachten, war nicht auf meine Hilfe angewiesen. Da mir dieses Verständnis leider nicht in demselben Maße entgegengebracht wurde, gab es häufig Streit zwischen mir und Stefan, aber auch zwischen meinem und seinem Vater, denn ich war sehr betrübt, dass ich nicht einmal Sonntag meine Kindheit ausleben durfte.

So verging auch der wunderbare Sommer mit seinen langen Tagen und seinem warmen Sonnenschein. Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und kälter, der Regen fiel immer häufiger, und der Nebel wurde von Tag zu Tag dichter. Die ersten Anzeichen des Herbstes kündigten sich an. Der Herbst war für uns Bauern von großer Wichtigkeit, da er eine der ertragreichsten Jahreszeiten war. Jetzt zeigte sich, ob sich die harte Arbeit eines ganzen Jahres gelohnt hatte. Denn unser Erfolg hing stets vom Wetter ab, ob es zur richtigen Zeit warm war oder zur richtigen Zeit regnete. Da es in dieser Jahreszeit häufig regnete und sehr kalt war, kam man mit der landwirtschaftlichen Arbeit sehr schwer voran. Denn Kartoffeln, Mais, Weintrauben, Äpfel und vieles mehr mussten so schnell wie möglich unter Dach und Fach gebracht werden, bevor der erste Schnee uns überraschte.

2.

Der Herbst war auch aus einer anderen Sicht für uns Kinder von Bedeutung, denn für uns begann ein neues Schuljahr. Am 15. September 1949 war es dann auch für mich soweit, und ich hörte das erste Klingeln, das uns Schülern die Lehrstunde ankündigte. Da wir uns alle drinnen aufhielten, herrschte ein solch ohrenbetäubender Lärm, dass die Lehrerin sich mit lautem Schreien Gehör verschaffen musste, um uns zu beruhigen. Sie wies jedem Einzelnen einen Platz zu, indem sie sich die Größe von uns Kindern zum Maßstab nahm. Dann sprach sie von der großen Bedeutung, die die Schule von nun an in unserem Leben einnehmen würde. Nur diejenigen könnten gute Schüler sein, die in der Klasse aufmerksam seien und sich nicht umdrehten, um miteinander zu plaudern, solange sie in der Klasse sei. Diese Erklärungen waren für uns Kinder etwas Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war für uns vor allem, auf unsere Freiheit zu verzichten und ruhig in den Bänken zu sitzen.

Als Erstes lernten wir das Alphabet und die Zahlen. Nach einer kurzen Zeit begannen wir auch zu schreiben, und wir bekamen Hausaufgaben für den nächsten Tag. Oft vereinbarten wir nach Schulschluss, uns nach dem Mittagessen bei jemandem zu treffen, um gemeinsam die Aufgaben für den nächsten Tag zu erledigen. Dann veranstalteten wir Wettbewerbe, um herauszufinden, wer von uns am schnellsten und besten die Aufgaben lösen konnte. Es gab aber auch Schüler, die die Aufgaben nicht machen konnten oder wollten. Diese kamen etwas früher, bevor die Lehrerin eintraf, um von den anderen die Hausaufgaben abzuschreiben. Denn für nichtgemachte Hausaufgaben oder Unaufmerksamkeit drohten Strafen wie in der Ecke knien, oder es drohten Hiebe mit dem Lineal auf die Hand. In schwerwiegenderen Fällen wurden wir in den Keller gesperrt, wo wir weiterhin Unsinn trieben. Im Herbst, als es sehr viel Obst gab, aßen wir von allem, was uns schmeckte, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten. Als die Lehrerin das bemerkte, schickte sie uns sofort nach Hause. Und so mussten wir uns auch an diese neuen Verhältnissen als Schüler gewöhnen. Es fiel uns zum Beispiel nicht leicht, das Gebot der Pünktlichkeit einzuhalten. Außerdem war meine Freizeit, die nach dem Lernen übrig blieb, größtenteils schon verplant, weil ich arbeiten musste.

So vergingen die Schuljahre eins nach dem anderen, und ich wurde immer größer. Ein uraltes Sprichwort lautet: „Kleine Kinder – kleine Sorgen, große Kinder – große Sorgen“. So geschah es ihm Frühjahr 1952, dass die großen Sorgen sich in ein unerwartetes Schicksal umwandelten und zu einem Drama wurden. An einem schönen Frühlingstag – die Sonne schien freundlich vom Himmel herab, und es wehte ein leichter Wind – ein Teil von uns spielten „Verstecken“ und der Rest spielten mit dem Ball. Plötzlich hörte ich ein Schreien, und als ich mich umdrehte, um den Grund des Lärms herauszufinden, sah ich, dass sich zwei Schüler miteinander stritten und sich schlugen. Ich lief hin, mit der Absicht, sie zu beruhigen und den Streit zu schlichten. Als es mir endlich gelungen war, sie voneinander zu trennen, lief einer nach rechts, der andere nach links, während ich in ihrer Mitte blieb. Wütend griff der eine sich einen Stein, um den anderen damit zu bewerfen. Da ich zwischen ihnen stand, bekam ich den Stein ab, der mein rechtes Auge traf. Überrascht von den großen Schmerzen, die nicht mehr nachließen, lief ich zu einem Brunnen, um mich mit kaltem Wasser zu waschen. Ich eilte in die Klasse, ohne jemandem vom Vorfall zu berichten, in der Hoffnung, dass alles nicht so schlimm sei. Der Lehrerin wollte ich mich nicht anvertrauen, weil ich Angst hatte, dass sie meinen Vater benachrichtigen würde, der sehr streng mit uns war.

Aber die Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommen würde, musste ich schnell aufgeben, denn die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich konnte das Auge nicht lange offen halten, und bei der kleinsten Bewegung spürte ich Schmerzen wie Messerstiche. Zudem fiel mir auf, dass ich mit dem rechten Auge nicht mehr lesen konnte. Nachts ließen die Schmerzen zum Glück nach, so dass ich ruhig schlafen konnte, aber als ich aufwachte, war mein Auge ganz verklebt. Jeden Morgen säuberte ich es heimlich, damit meine Eltern und Brüder von meinem kaputten Auge nichts mitbekamen. Jedoch konnte ich meinen Zustand nicht mehr als drei Wochen verheimlichen, denn meine Lehrerin hatte inzwischen bemerkt, dass etwas mit meinem rechten Auge nicht stimmte, weil ich es mir sehr häufig mit dem Taschentuch säubern musste. Außerdem konnte ich es nicht mehr gut offen halten und musste stets zwinkern. Und so geschah es an einem unglücklichen Tag, als alle Kinder in die Pause gingen, dass ich meiner Lehrerin erklären musste, was mit meinem Auge passiert war. Ich berichtete ihr von dem Vorfall, während sie mir aufmerksam zuhörte und mich stets ermunterte, die Wahrheit zu sagen. Dann wurde sie ungehalten und warf mir vor, ihr das Geschehene nicht gleich anvertraut zu haben. Sie trat erregt ans Fenster und rief die beiden Streithähne, Andreas und Michael, in die Klasse. Zunächst sagte keiner ein Wort, aber nach einigen Ermahnungen seitens der Lehrerin erzählten auch sie, wie sich alles zugetragen hatte und wie es zu dem bedauernswerten Unfall gekommen war.

Niedergeschlagen rief sie die Schüler in die Klasse, die über die ungewöhnlich lange Pause verwundert waren. Wir setzten uns still auf unsere Plätze, holten die Hefte aus unserer Schultasche und warteten gespannt, was geschehen würde. Die Lehrerin durchschritt schnellen Schrittes die Klasse, trat schließlich ans Katheder und setzte sich auf den Stuhl. Sie sah uns forschend an, ohne ein Wort zu sagen. Man merkte, dass sie fiebrig überlegte, was sie nach einem solchen Drama unternehmen sollte. Dann rief sie meine Nichte Hermine zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Hermine ging aus der Klasse und kehrte nach ungefähr 15 Minuten zurück. Sie setzte sich auf ihren Platz, ohne jedoch mit der Lehrerin zu reden. Nach einer kurzen Zeit klopfte es an der Tür, und ich sah zu meinem Entsetzen meinen Vater eintreten. Er trat zu der Lehrerin ans Katheder, und die beiden unterhielten sich flüsternd, während sie ab und zu mir und den beiden Streithähnen einen prüfenden Blick zuwarfen. Nach einer Weile, die mir unendlich lang vorkam, trat die Lehrerin an die Tafel, schrieb etwas in kleiner Schrift darauf und forderte mich auf, das Geschriebene zu lesen. Die Zeilen zu lesen bereitete mir keine Schwierigkeiten, ich sah ja auf dem linken Auge gut, doch als die beiden mich ansahen, wurde mir angst und bange. Ich wurde gefragt, warum ich meinen Kopf beim Lesen nicht gerade halten würde. „Was ist mit deinem Auge?“, fragte mein Vater streng. „Du hast es meist zu und zwinkerst ständig.“ Dann fing ich an, bitterlich zu weinen und wollte keine Fragen mehr beantworten. Die Schüler wurden hinausgeschickt, damit wir das Gespräch zu dritt in Ruhe fortsetzen konnten, aber ich weinte ununterbrochen weiter. Dann traten die beiden zu mir und versuchten, mich zu beruhigen.

Ja, was geschehen war, konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Mir wurde schon in jungen Jahren eine riesige Last auferlegt. Jetzt blieb keine Zeit zum Nachdenken, es musste schnell etwas unternommen werden, um zu retten, was noch zu retten war. So begannen meine Eltern und Brüder, sich nach einem Augenarzt zu erkundigen. Denn in jenen Jahren war es nicht so einfach, an solche Informationen zu kommen, vor allem wenn man auf einem Dorf lebte, weit weg von den großen Städten. Es dauerte allerdings nicht lange, bis uns die Nachricht erreichte, dass wöchentlich ein Augenarzt von Muresch nach Semartin käme, eine kleine Stadt, die ungefähr 30 Kilometer entfernt von unserem Dorf lag.

Da keine Zeit zu verlieren war, nutzten wir die erste Gelegenheit, um den Augenarzt aufzusuchen. Obwohl Semartin keine große Stadt war, dauerte es sehr lange, bis wir die Anschrift der Klinik erfuhren und diese schließlich erreichten. Es war schon spät geworden, und mein Vater befürchtete, dass wir unerledigter Dinge wieder heimfahren müssten. Aber als wir eintrafen, konnten wir feststellen, dass wir nicht die Einzigen waren. Denn der Wartesaal war voll mit Leuten mit den unterschiedlichsten Augenkrankheiten. Während wir warteten, hereingerufen zu werden, hörte ich die Patienten klagen, dass jede Krankheit schlimm sei, aber keine wie die, blind zu sein.

Als wir nach vielen Stunden Wartezeit schließlich hineingerufen wurden, fing ich plötzlich an, vor Angst zu zittern, weil ich nicht wusste, was mit mir geschehen würde. Der Arzt bat mich, mich auf einen Stuhl zu setzen, dann begann er die Untersuchung und fragte gleichzeitig, was denn vorgefallen sei. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, dann sagte er, zu meinem Vater gewandt: „Es ist sehr schlimm, er wird das rechte Auge verlieren. Aber damit sich nicht auch das linke ansteckt, muss er an dem gesunden operiert werden.“ Er überreichte uns einen Zettel, auf dem der Termin festgelegt war, an dem ich mich ihm Krankenhaus in Muresch melden sollte. Die Frage, warum denn das gesunde und nicht das kranke Auge operiert werden müsse, wurde von meinem Vater sehr häufig gestellt. „Soll er jetzt durch einen Fehler auch das gesunde verlieren?“

Müde und niedergeschlagen machten wir uns auf den Heimweg in der Absicht, mit allen Familienmitgliedern die Situation nochmals gründlich zu überdenken, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wurde. Als alle vom Sachverhalt in Kenntnis gesetzt wurden, war die Ratlosigkeit groß. Einer nickte dem anderen zu, ohne ein Wort zu sagen. Das war dann auch die endgültige Entscheidung, denn es wurde nichts mehr darüber geredet. Von Tag zu Tag ließen die Schmerzen nach, und das Auge wurde immer kleiner. Morgens war es immer zugeklebt und musste gesäubert werden, wobei ich mich manchmal mit den Fingern behelfen musste, um es öffnen zu können.

Mit der Zeit gewöhnten sich alle an das, was geschehen war, und so musste auch ich das ganze Drama vergessen und in die Zukunft blicken, denn mit dem Sehen hatte ich keine Probleme. Oft wurde mir etwas gezeigt, um feststellen zu können, ob ich mit einem Auge auch gut sehen könnte. Dabei ergab sich, dass ich mit einem Auge viel besser sah als meine Angehörigen mit zwei. Und so schaffte ich es weiter mit dem Lernen, das mir viel Spaß bereitete, um die vier Schuljahre, die in unserem Dorf angeboten wurden, zu beenden. Nach dem Lernen half ich meiner Familie bei der Arbeit, wie etwa beim Mais haken oder bei der Heuernte. Oder ich fuhr in den Nachbarort, wo die Verwaltung war, um von da verschiedene Chemikalien zu holen, die man beim Spritzen in den Weingärten benutzte. Manchmal brachte ich Nahrungsmittel für die Kantine, wo mein ältester Bruder Johann Verwalter war und in der alle Familienmitglieder angestellt waren.

So vergingen die vier Schuljahre mit guten und schlechten Erlebnissen, und ich absolvierte die Schule mit einem sehr guten Ergebnis. Dann stellte sich auch für mich die Frage, wie es für mich weitergehen würde. Um eine weiterführende Schule in deutscher Sprache besuchen zu können, mussten wir Schüler die Schule in der Gemeinde Seiden besuchen, die sieben Kilometer von unserem Dorf entfernt war. Ein Wechsel auf die Seidener Schule wurde mir auch dadurch erschwert, dass ich eine ärztliche Untersuchung über mich ergehen lassen musste, die mit dem Problem einherging, dass der Arzt die Notwendigkeit weiterer Studien in Frage stellte, mit der Begründung, dass es sehr viel zu lernen gäbe. Und da der Strom ständig abgeschaltet wurde, sei für mich die Anstrengung zu groß, was zu einer endgültigen Blindheit führen könne. Ich versuchte mit allen Mitteln, ihn zu überreden und erklärte: „Wenn es mein Schicksal ist, völlig zu erblinden, dann wird es auch so kommen, denn die Arbeit in der Landwirtschaft ist viel gefährlicher.“ Betrübt musste ich feststellen, dass meine Mutter sich allmählich auf die Seite des Arztes stellte, und ich erkannte schnell, dass meinem Vorhaben kein Erfolg beschienen war. Für mich und meine Zukunftspläne war das eine große Niederlage. Niedergeschlagen musste ich mich von meinen Schulkollegen verabschieden, mit denen wir vereinbart hatten, es weiter mit dem Lernen zu schaffen. Das trug sich im September 1953 zu.

3.

Da ich keine andere Wahl hatte und all das, was geschehen war, der Vergangenheit angehörte, tat ich gut daran, mich so schnell wie möglich mit der Arbeit als Landwirt anzufreunden. Denn die reichste und schönste Jahreszeit, der Herbst, stand vor der Tür. Und es gab so viel Arbeit, dass man alle Hände voll zu tun hatte, solange das Wetter es erlaubte. Denn im Herbst regnete es sehr häufig, und die Ernte musste so schnell wie möglich eingelagert werden. Zudem mussten Vorbereitungen für die nächsten Frühjahrsanpflanzungen getroffen werden, bevor der Winter hereinbrach.

Auch im Winter gab es auf einem Bauernhof genügend Arbeit. Meine Hauptaufgabe bestand darin, zweimal täglich die Kühe und die Schafe zu füttern sowie überall für Ordnung zu sorgen. Der Winter zeigte sich für uns Kinder auch von einer anderen, wunderbaren Seite. Denn die Weihnachtsfeiertage, die nach traditionellen Bräuchen gefeiert wurden, bereiteten uns große Freude. Als wir am Weihnachtsabend voller Vorfreude die Kirche betraten, durften wir einen wunderschönen großen Weihnachtsbaum bewundern. Dann sagten wir Kinder unsere Gedichte auf und führten das Krippenspiel vor. Als der Gottesdienst beendet war, umringten wir erwartungsvoll den Weihnachtsbaum, um unsere Weihnachtsgeschenke in Empfang zu nehmen. Dann eilten wir zurück zu unseren Eltern in die Bänke und wollten sofort unsere Päckchen öffnen, um nachzuschauen, was sich darin verbarg, aber wir wurden ermahnt zu warten, bis wir zu Hause seien. Als wir schließlich das Päckchen öffneten, fanden wir neben den traditionellen Geschenken, wie Äpfel, Nüsse und Kekse, auch Schokolade oder Orangen vor. Das war für uns Kinder in jenen Jahren in einem von der Stadt so entfernten Dorf eine besondere Freude.

Nach dem Weihnachtsfest begannen die Vorbereitungen für das Neujahrsfest. Auch zu Silvester gab es für uns Kinder eine schöne traditionelle Feier. Am Silvesterabend stattete uns Kindern Knecht Ruprecht, der einen sehr langen Bart hatte, einen Besuch ab. Er klingelte an der Tür und fragte, ob es in dem Haus Kinder gäbe, und wenn ja, ob sie schlimm oder artig gewesen seien! Dann, ob sie beten könnten. Als wir mit dem Beten zu Ende waren, öffnete sich die Tür ein bisschen, und Knecht Ruprecht warf uns Geschenke hinein, die wir vom Boden aufsammelten. Beim Sammeln schlug er mit seiner Rute um sich und schlug uns auf die Finger, was bedeutete, dass wir schlimme Kinder waren. Am Neujahrstag gingen wir zu unseren Paten, Nachbarn und nahen Freunden, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Wir erhielten verschiedene Geschenke, wie Geld, Strümpfe, Taschentücher oder andere Dinge. Das sind unglaublich schöne Erinnerungen aus der Kindheit auf dem Dorfe.

Denn in jenen Jahren wurde bei uns im Dorfe Kultur und Religion sehr hochgehalten. Für uns war es eine Freude, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Der Winter des Jahres 1954 war ein sehr harter Winter, denn es war monatelang sehr kalt, und es hatte viel geschneit. Wir mussten auf dem Hof den Schnee wegschippen, um die Tore öffnen zu können. Bei dieser Gelegenheit machten wir den Hof frei, um für die kurze Zeit, die wir hatten, Schlitten zu fahren und Schlittschuh zu laufen. Und so verging auch der wunderbare Winter in seiner herben Schönheit.

Der Frühling mit seinen längeren und warmen Tagen kündigte sich bereits an, und so begann nach einem langen Winter die fieberhafte Frühlingsarbeit von Neuem. Außer der schweren Arbeit wie den Garten umzugraben, zu ackern oder verschiedene Anpflanzungen zu erledigen, gab es, auch für uns Kinder, eine leichte Tätigkeit, bei der man etwas Geld verdienen konnte. Diese Arbeit war sehr gut bezahlt und dauerte nicht länger als zwei bis drei Wochen. Mit einer zweihornigen Gabel wurden die Weinstöcke aus der Erde geholt, die im Herbst eingegraben wurden, um im Winter in der Kälte nicht zu erfrieren. Die Männer befestigten die Pflöcke, während die Frauen hinter ihnen das gute Holz aussortierten und es an die Pflöcke banden. Das schlechte Holz wurde mit der Schere abgeschnitten. Danach brachten wir Kinder den Männern neue Pflöcke, um die alten, kaputten zu ersetzen. Gleichzeitig sammelten wir die beschädigten Pflöcke und die Reben, die die Frauen abgeschnitten hatten, ein und brachten sie an den Wegesrand. Von da schafften unsere Eltern das Holz nach Hause und benutzten es zum Feuermachen. Wir nannten es das Sommerholz, weil es sehr schnell brannte. Und als unsere Eltern spät nach Hause kamen, kochten sie schnell das Abendessen. Bei dieser Arbeit gab es unter uns Kindern einen großen Wettkampf, wer von uns am längsten durchhielt und wer die meisten Weinstöcke ausgrub, denn wir wurden pro Weinstock bezahlt. Dies geschah meist Ende März oder Anfang April. Danach mussten wir Kinder zu Hause bleiben, da es keine Arbeit mehr für uns gab.

So geschah es an einem Tag Anfang April 1954, dass ich, da ich nicht mehr so viel Arbeit hatte, meinen Bruder Andreas besuchte, der fünf Jahre älter war als ich und bei einer Firma arbeitete, in der zwei Pferde bei der Arbeit eingesetzt wurden. Da ich ein richtiger Pferdenarr war, stattete ich ihm, so oft ich konnte, einen Besuch ab. Denn er hatte ein besonderes Pferd, das die Menschen wie die Pest mied. Näherte man sich diesem Pferd, so schlug es wild aus, bis es blutig wurde, und versuchte jeden, der ihm zu nahe trat, zu beißen. Da die Zeit bei ihm immer sehr schnell verging, musste mein Bruder mich oft ermahnen, nach Hause zu gehen. So auch an diesem Tag: „Jetzt ist genug. Geh nach Hause und haue Holz, damit die Mutter das Essen machen kann, wenn sie aus der Arbeit kommt.“

Gesagt – getan. Ich ging nach Hause, nahm mir eine kleine Axt, untersuchte das Holz, das ich zum Hauen ausgewählt hatte und worunter sich auch ein paar Pflaumenäste befanden, und begann, Holz zu schlagen. Nach einer Weile hörte ich den Hund laut bellen. Ich lief, mit dem Pflaumenast in der Hand, zum Tor, weil ich wissen wollte, was los war. Als ich vor der Tür, die auf die Straße ging, stand, öffnete plötzlich mein Freund Michael die Tür, um einzutreten, und weil der Hund sich nicht beruhigte, schlug ich mit dem Pflaumenast nach ihm. Vom trockenen Ast sprang mir ein kleiner Splitter in das gesunde Auge. Von dem Moment an war ich völlig blind. Als ich bemerkte, dass ich nicht mehr sehen konnte, fing ich an zu weinen und ließ mich auf den Boden fallen. Mein Freund wusste nicht, was geschehen war, fragte andauernd, was denn mit mir los sei. Ich aber weinte ununterbrochen weiter, ohne eine Antwort geben zu können, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch so etwas noch geschehen konnte.

„Was werden meine Eltern sagen, wenn sie auch diese Nachricht erfahren?“, brach es weinend aus mir heraus. „Was für eine Nachricht?“, fragte Michael irritiert und immer besorgter. „Ich sehe nichts, es gibt keine blutige Verletzung, es kann also nichts Schlimmes sein. Gib mir deine Hand, ich will dir helfen aufzustehen. Was ist denn los? Bitte, sag es mir! Warum machst du deine Augen nicht auf?“

„Das ist ja gerade mein Problem, ich kann nicht. Wenn ich versuche, sie zu öffnen, verspüre ich einen furchtbaren stechenden Schmerz.“ – „Ich sehe keine Verletzung“, wiederholte Michael immer wieder und half mir in die Wohnung. Auch er war sehr niedergeschlagen und begann, sich Vorwürfe zu machen. Wenn er nicht gekommen wäre, hätte nichts geschehen können. „Ich bin sehr unglücklich über das, was geschehen ist“, sagte er sehr traurig. „Bleib da ruhig sitzen, ich gehe in die Weingärten, um deinen Eltern Bescheid zu geben.“ Ich wollte ihn davon abbringen, aber er war schon verschwunden. Nach einer kurzen Zeit kam er mit meinem Vater. Als ich sie kommen hörte, zitterte ich am ganzen Körper und wollte nur für immer verschwinden, um meine ewige Ruhe zu haben. Denn das Schicksal hatte mir eine zu schwere Bürde auferlegt.

Als mein Vater eintraf, fing er an, mich auszuschelten, machte mir Vorwürfe, warum ich denn nicht aufmerksam gewesen sei, jetzt sei es ja gut, dass ich blind sei. Warum würde immer mir so etwas zustoßen? Inzwischen hatten sich auch meine anderen Geschwister und meine Mutter zu Hause eingefunden. Keiner konnte etwas sagen, alle waren ratlos. Rings um mich herum hörte ich weinendes Geflüster. Da die Nachricht sich schnell verbreitet hatte, waren auch die Nachbarn da, um in Erfahrung zu bringen, was geschehen war. Meine arme Mutter weinte ununterbrochen. Dann hörte ich sie sagen: „Von acht Kindern, die wir haben, muss eines so unglücklich sein?“

Da es sehr spät geworden war, konnten wir an jenem lauen, schicksalhaften Frühlingsabend im April nichts mehr unternehmen, und ich verbrachte eine schlaflose Nacht, geplagt von schrecklichen Gedanken und Vorwürfen. Am nächsten Tag nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg. Bis in die Nachbargemeinde, in der es einen Arzt gab, mussten wir sieben Kilometer zu Fuß zurücklegen. Unterwegs musste ich mir von meinem Vater so einiges anhören. Der konnte seine Trauer über das Geschehene nur in Vorwürfen zum Ausdruck bringen: „Wie fühlst du dich nun, an der Hand geführt zu werden und nicht mehr sicher auf deine Füßen zu sein?“

Der Gemeindearzt konnte uns nicht weiterhelfen und schickte uns gleich zu einem Augenarzt nach Blasendorf, eine kleine Stadt, die seit Kurzem über eine Augenklinik verfügte. Die aber leider auch den eigenen Einwohnern noch unbekannt war, denn niemand konnte uns über eine solche Klinik Auskunft geben. Daher fragten wir, wo es denn ein Krankenhaus gäbe und eilten, da es bereits später Nachmittag war, dahin, in der Hoffnung, noch einen Arzt anzutreffen. Zu unserem großen Bedauern mussten wir aber feststellen, dass der Augenarzt das Krankenhaus bereits verlassen hatte. Der Pförtner, der uns diese Auskunft erteilte, fragte uns, worum es gehe. Wir erzählten ihm die traurige Geschichte, und er wunderte sich über das, was er zu hören bekam.

„Und jetzt sieht er mit keinem Auge mehr? Ich arbeite seit so vielen Jahren hier, aber so etwas habe ich noch nicht gehört. Der arme schöne Junge! Schade, schade um ihn.“ Kopfschüttelnd ging er zum Telefon, und nach einer kurzen Zeit hörte ich: „Bitte verbinden Sie mich mit der Wohnung von Herr Doktor Mihai.“ Dann hörten wir ihn sagen, es gehe um einen Jungen von zwölf Jahren, der nach einem Unfall vom Vortag mit keinem Auge mehr sehe. Dann legte er den Hörer auf und sagte: „So, er kommt sofort. Es ist ein junger und guter Arzt, sehr engagiert und mit großem Spaß an seinem Beruf. Deshalb erlaube ich mir, ihn zu stören, wenn es besondere Fälle gibt.“

Nach kurzer Zeit, in der uns der Pförtner seine eigene Leidensgeschichte darlegte, traf der Arzt ein, der uns nach einem kurzen Rapport des Pförtners bat, ihm zu folgen.

Bis er und die Krankenschwester mit allen Vorbereitungen fertig waren, saßen wir im Wartesaal. Ich zitterte am ganzen Körper, denn vor Ärzten hatte ich große Angst. Auch in der Schule suchte ich stets das Weite, wenn der Arzt zum Impfen kam. Bis er ans Katheder trat, war ich bereits durch die Tür verschwunden. Und wenn mir dieser Fluchtweg versperrt war, sprang ich einfach zum Fenster hinaus. Die Lehrerin lief mir bis nach Hause nach, aber sie konnte mich nicht einholen, denn ich verschloss schnell das Hoftor und verkroch mich im Garten. Hier musste sie dann aufgeben, weil sie Angst vor dem Hund hatte.

Als alles vorbereitet war, bat uns die Krankenschwester hinein. Sie erklärte mir, wie ich auf den Operationstisch steigen solle, aber ich wehrte mich aufs Heftigste dagegen, bis mein Vater eingriff, mir zwei Ohrfeigen verpasste, mich in die Arme nahm und auf den Tisch hob. Mir wurden die Hände zusammengebunden, und ich versuchte, mich zu beruhigen. Das war nicht leicht, obwohl mir erklärt wurde, dass ich keine Schmerzen haben und die ganze Prozedur nur ein paar Minuten dauern werde. Als der Span entfernt worden war, wurde das Auge verbunden. Dann bat der Arzt, sich auch das andere Auge anzuschauen. Er wunderte sich sehr über das, was er da zu sehen bekam. Wie es mir denn gelungen sei, in einen solchen Zustand zu geraten, fragte er. So etwas habe er noch nicht erlebt. „Ja, es ist sehr traurig, mein Junge. Aber ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dieses eine Auge zu retten. Über das andere gibt es nichts mehr zu sagen, das ist für immer verloren.“

Ich kam in ein Zimmer, wo mir ein Bett vorbereitet wurde. Am nächsten Morgen brachte die Schwester das Frühstück, und weil es ja nicht mehr dieselbe war, begann auch sie, Fragen zu stellen. Die Nachricht von meinem Unglück verbreitete sich schnell, und rings um mich hörte ich immer dasselbe: „Schade, schade, was für ein schöner Junge, und so unglücklich!“ Als mir am zweiten Tag das Auge freigemacht wurde, konnte ich zu meiner großen Freude feststellen, dass ich wieder sehen konnte. „Ja, es wird schon besser werden, Junge, aber vielleicht nicht so, wie es einmal war.“ Der Arzt kam fast jeden Tag vorbei, und die Schwester flößte mir dreimal täglich Tropfen ins Auge.

Nach ein paar Tagen musste ich beim Arzt vorstellig werden. Nach der Untersuchung sah er mich forschend an, atmete tief ein und sprach: „Es geht gut! Aber damit du dir dieses Sehvermögen erhalten kannst, will ich dir einen Rat geben. Pass gut auf, was ich dir jetzt sage. In Klausenburg gibt es eine Blindenschule, die für dich sehr geeignet ist, damit du dir dieses Sehvermögen erhalten kannst. Dort kannst du einen Beruf erlernen und dir eine bessere Zukunft aufbauen.“

Von Tag zu Tag sah ich besser, fing an zu lesen, was groß und mit Tinte geschrieben war. Es waren schon zwei Wochen vergangen, und ich hatte Sehnsucht nach zu Hause, denn bis zu dem Zeitpunkt war ich noch nie alleine in der Fremde gewesen. Ich bat immer wieder um meine Entlassung, weil ich den Eindruck hatte, dass alles in Ordnung war. Doch der Arzt erklärte, dass ich mich noch zwei bis drei Wochen gedulden müsse. Damit mein Auge gut ausheile, müsste ich dreimal täglich Tropfen bekommen. Wenn es nicht gut heile, könne es in kürzester Zeit zu einem Grauen Star kommen. Der Arzt war inzwischen einverstanden, mich nach Hause zu entlassen, aber nur unter der Bedingung, dass man mir dreimal täglich die Augentropfen verabreichte. „Sicher werden wir das tun“, versprachen ich und meine Angehörigen, als sie mich abholten. „In sechs Wochen kommen Sie mit dem Jungen zur Kontrolle, dann entscheidet sich, wie es weitergeht, ob er eine Brille benötigt oder nicht.“ Mit diesen Worten wurde ich nach Hause entlassen.

4.

Als ich mich wieder im Schoße meiner Familie sah, war ich glücklich. Auch meine Angehörigen freuten sich, dass ich wieder gesund war. „Hoffentlich ist dir das Geschehene eine Lehre“, redeten sie auf mich ein. „Nächstes Mal pass bitte auf und schütze dich vor allem, was dir schaden könnte. Du musst sehr vorsichtig sein, damit du dir das Sehvermögen, das du noch besitzt, erhalten kannst. Denn inzwischen weißt du ja, wie schlimm es ist, blind zu sein.“ Ja, all das möchte ich nicht mehr erleben, denn es war auch so schon schlimm genug. Abends war ich so müde, dass ich es kaum erwarten konnte, ins Bett zu gelangen. Von den Tropfen wurde gesagt, dass sie nicht helfen würden. Dann erinnerte ich mich an den Rat des Arztes. Aber ich wusste nicht, wie ich ihn meiner Familie unterbreiten sollte, denn ich konnte mir die Antwort darauf gut vorstellen. Aber ich sollte schnell eine Gelegenheit dazu bekommen.

An einem Sonntagmorgen waren wir alle daheim. Ich berichtete ihnen, was der Arzt mir gesagt hatte und dass ich ihm nur zustimmen könne. Plötzlich wurde es still im Raum, einer schaute verstohlen zum anderen, dann sahen sie mich alle forschend an, noch immer sprachlos. Plötzlich brach es aus meiner Mutter heraus: „Was redest du da, was für eine Schule kann auch das noch sein?“, und sie fing an zu weinen. „Willst du uns denn verlassen? Nein, du bleibst hier bei uns, wirst alles haben, was du benötigst, nur sollst du immer auf dein Auge achtgeben.“

Ja, so klein, wie ich war, wurde mir immer deutlicher bewusst, dass der Rat des Arztes bei der schweren Arbeit, die ich verrichten musste, sehr klug war. Aber ich war zu klein, um gegen den Willen aller anzukämpfen. Auf eigene Faust hätte ich sowieso nichts unternehmen können, obwohl mir das Lernen sehr viel Spaß machte und ich ständig mit meinen Gedanken dabei war.

Die Tage vergingen einer nach dem anderen, weil man sie ja nicht aufhalten konnte. So musste auch das Leben weiter gehen. Mir war es besonders wichtig, meine Freizeit mit meinen Schulkollegen zu verbringen. Wir trafen uns stets am Sonntagnachmittag auf dem Schulhof, und da vereinbarten wir alle miteinander, wie wir den Tag am besten verbringen könnten. Wir organisierten verschiedene Spiele, sangen lustige Lieder oder unternahmen Spaziergänge durch den Wald oder in die wunderbaren Weingärten. Abends gingen wir auf den Straßen des Dorfes spazieren. Bei schlechtem Wetter fanden wir uns bei einem der Mädel ein und unterhielten uns, bis es so spät wurde, dass wir nach Hause gehen mussten. Die Zeit verging so schnell, dass wir uns alle wunderten, wie sie denn so schnell verstreichen konnte.

So schnell und unbemerkt war auch das Jahr nach meinem dramatischen Unfall vergangen. Und auf mich kamen neue, schwierige Zeiten zu. Gerade als man den wunderbaren Blumengeruch zu spüren bekam und der Gesang der Vögel von allen Richtungen zu hören war. Die Bäume blühten von Neuem, die Wiese war wieder grün, man hörte wieder fröhliches Kinderlachen. Für alle war es ein schönes und wunderbares Frühjahr 1955. Nur ich musste wieder eine harte Prüfung bestehen. Ich spürte, dass es wieder mal der Hilfe eines Arztes bedurfte, konnte mir aber auch die Reaktion meiner Angehörigen gut ausmalen. Das machte mich sehr traurig, und meine Geschwister begannen, mir Fragen zu stellen. Warum ich so lustlos umherstreife, was denn mit mir los sei? Es sei um meine Augen von Tag zu Tag schlechter bestellt, antwortete ich ihnen betrübt. Wieso denn das, fragten sie. Dann erzählte ich ihnen, dass ich vor ein paar Tagen, als ich aus der Wohnung in den strahlenden Sonnenschein trat, ein paar Minuten nur Nebel gesehen hätte, bis sich das Auge daran gewöhnt hätte. Beim Betreten des Hauses hätte ich plötzlich nichts mehr gesehen, es sei völlige Dunkelheit um mich gewesen, wie zu Mitternacht, bis sich das Auge wieder eingestellt habe. Um diesen Gewöhnungsprozess meines Auges zu umgehen, hätte ich beim Verlassen oder Betreten des Hauses einfach die Augen zugemacht.