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Luzis großes Osterspecial: Tauche ein in ein turbulentes Osterabenteuer mit der unerschrockenen Super-Nonna! In „Pasta, Pracht und Osterkrach“ reist die ganze Famiglia nach Florenz und sorgt für Chaos. Weiter geht es mit „Nonnas rauhaariger Romantiker“, dem vierten Band der Super-Nonna-Serie. Abgerundet wird das Special durch die humorvolle Satire der „Osterhasen-Meister“, die die skurrilen Seiten des Osterfestes auf die Schippe nimmt. Außerdem serviert Luzi van Gisteren eine XXL-Leseprobe aus „Villa Mortale“, dem fünften Band ihrer beliebten Super-Nonna-Serie.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
3in1 Super-Nonna-Special von Luzi van Gisteren
Inhalt:
Luzis großes Osterspecial:
Tauche ein in ein turbulentes Osterabenteuer mit der unerschrockenen Super-Nonna! In „Pasta, Pracht und Osterkrach“ reist die ganze Famiglia nach Florenz und sorgt für Chaos. Weiter geht es mit „Nonnas rauhaariger Romantiker“, dem vierten Band der Super-Nonna-Serie. Abgerundet wird das Special durch die humorvolle Satire der „Osterhasen-Meister“, die die skurrilen Seiten des Osterfestes auf die Schippe. Außerdem serviert Luzi van Gisteren eine XXL-Leseprobe aus „Villa Mortale“, dem fünften Band der Super-Nonna-Serie.
Printed in Germany (2026)
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verarbeitung sowie Übersetzung vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer. Jegliche Parallelitäten zu Ereignissen, Firmen oder Personen, lebend oder tot, sind wenn, dann rein zufällig.
Umschlagmotiv: Shutterstock Illustration Vignetten: Emily Brockmann Lektorat: Adriane Riccato Korrektorat: Malin Borlinghaus
Umschlaggestaltung: Luzi van Gisteren, Radolfzell am Bodensee
Umschlagmotiv und Illustration:
Portrait Autorin: © Nici di Segno; [email protected]
Cover: Shutterstock
Mit einer italienischen Famiglia Ostern zu feiern gleicht einem Drahtseilakt, wenn man ein Kaliber wie meine Schwiegermutter an seiner Seite weiß. Unsere Nonna, wie wir sie alle liebevoll nennen, stammt aus Kampanien. Sie kocht laut ihrer eigenen Aussage den besten Tomatensugo Italiens und die cremigste Pannacotta der Welt. Mit dem Selbstbewusstsein meiner Schwiegermutter ist es also nicht schlecht bestellt – im Gegenteil! Allerdings, wenn Sie mich fragen: Essen ist auch nicht alles! Leider hat Nonna ein großes Manko: Sie zieht das Unglück an wie die Motten das Licht. Sie hat schon mal einen von der Mafia zu Fall gebracht, aber das ist lange her. Mein Mann ist der Meinung, dass unser Ristorante erst so richtig gut läuft, seitdem die Patronin unserer Familie in den Schlagzeilen stand. Zum Osterfest sperrten wir es allerdings regelmäßig zu – auch wir brauchten schließlich mal Urlaub! Als besondere Destination, um das Frühlingserwachen mit allen Sinnen zu genießen, hatte ich in diesem Jahr Florenz auserkoren. Warum nur hatte ich mich nicht durchsetzen können, die Patronin der Famiglia zur Abwechslung mal zu Hause zu lassen?
„Also, Google sagt, dass wir hier eigentlich überhaupt nicht fahren dürfen!“, rief unser Sohn Federico empört, als uns meine Schwiegermutter mit einem alten, zerfledderten Faltplan durch die engen Gassen der Florentiner Altstadt lotste. Unser Navigationssystem hatte uns just, als wir die Medici-Stadt erreicht hatten, auf mysteriöse Weise im Stich gelassen. Während mein Mann immer wieder versuchte, es neu zu starten, hatte Federico die Routenführung übernommen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass auch er in diesem Fall nicht viel zu melden hatte – der Grund dafür war einfach: Seine italienische Großmutter war schon mal in Florenz gewesen, wir nicht!
„Was interessiert mich Göggel, wir müssen hier abbiegen, da bin ich 100 % sicher, ich sag`sch dir!“, raunzte Carmelina, während die Passanten vor uns fluchtartig zur Seite sprangen. Wir befanden uns mitten in der Fußgängerzone. Ich spürte, wie mir abwechselnd heiß und kalt wurde. Weit war es eigentlich nicht mehr zu unserem Hotel, zumindest gemessen an der Luftlinie. Ich hielt den Atem an und zwang mich ruhig zu bleiben. Wir konnten nicht mehr vorwärts, aber auch nicht rückwärts. Zumindest nicht auf legale Weise. „Am besten wir halten einfach an!“, schlug ich kleinlaut vor.
„Anhalten? Hier? Ah wa! Unser Bus ist auch hier gefahren, non c'è problema, Bella!“, insistierte Nonna in ihrer gewohnt eigensinnigen Manier. Jedes Kind konnte sehen, dass durch diese enge Gasse nie und nimmer ein Reisebus gepasst hatte. Selbst mein Mann beobachtete besorgt die Außenspiegel, um keinen davon abzufahren. Meine Schwiegermutter log, dass sich die Balken bogen.
Vielleicht lag es an Ostern, vielleicht auch am Padre Pio-Medaillon in ihrer Handtasche, dass wir das Hotel entgegen sämtlichen Verkehrsvorschriften tatsächlich erreichten. Die Angestellte an der Rezeption konnte es nicht fassen, dass wir keinen Strafzettel kassiert hatten. Einen Platz in der Tiefgarage hatte sie allerdings nicht parat.
„Es tut mir leid, Signori, Sie hätten unbedingt vorher reservieren sollen, es ist Ostern!“. Die Pupillen der jungen Angestellten wanderten unsicher zwischen unseren Gesichtern hin und her.
„Wie? Keine Parkplätze mehr?“, brauste Nonna auf. „Wir sind über 10 Stunden hierhergefahren, wir müssen hier parken, gar keine Frage!“ Die Rezeptionistin kniff die Augen zusammen, als würde sie abwägen, ob sie gerade in einer absurden Verhandlung mit einer sakralen Vertreterin des dritten Ordens stecken würde. Nonna verschränkte die Arme und taxierte die junge Frau mit einem strengen Blick, den so manchen neapolitanischen Straßenhändler in die Knie gezwungen hätte. Dann stemmte sie sich mit voller Grandezza gegen den Tresen. „Signorina, ich bin 78 Jahre alt. Ich habe den Krieg, diverse Stromausfälle und die deutsche Finanzbehörden überlebt– so leicht gebe ich mich nicht mehr zufrieden, das können Sie mir glauben!“
Die Rezeptionistin blinzelte nervös. „Es tut mir wirklich leid…“
Ich seufzte. Ich kam aus dem Fremdschämen gar nicht heraus und war sehr erleichtert, als sich mein Mann endlich auch mal zu Wort meldete: „Ich bitte dich, Mutter – nun spiel dich mal nicht so auf. Außerdem habe ich längst umgeparkt!“
Nachdem wir die Koffer aus der Parkgarage geholt und im Hotelzimmer verstaut hatten, unternahmen wir einen kleinen Spaziergang. An der Piazza della Repubblica entdeckten wir ein hübsches Café, in dessen Schaufenster ein wirkliches riesiges Ei aus Schokolade aufgebaut war. „Wow, das ist ja über ein Meter groß!“, staunte Federico. Unser Sohn war im besten Teenager-Alter und an Coolness nicht zu überbieten. Wenn es aber um Schokolade ging, strahlte er wie ein Fünfjähriger, der seinen liebsten Leckerbissen entdeckt hatte. „Oha, was für ein Ei! Dafür kannst du dein Auge hierlassen, Fede!“, brummte mein Mann. Das Osterei war kunstvoll verziert mit filigranen Mustern aus weißer und dunkler Schokolade. Goldene Sprenkel verliehen ihm etwas Geheimnisvolles.
„Oh ja, das berühmte Osterei von Caffè Mazowski!“, mischte sich eine Passantin ein. „Man kann drinnen die Lose erwerben, um es zu gewinnen. Der Erlös kommt einem wohltätigen Zweck zugute!“
Wir entschieden uns, eine feine Erfrischung in dem Caffè zu nehmen, um ebenfalls in den Lostopf für das Riesenei zu hüpfen.
Im Innern summte es vor Stimmen und dem Klirren von Löffeln gegen Porzellan, als wir das gediegene Caffé betraten - es war brechend voll. Kein einzig freier Tisch war in Sichtweite.
Wir wollten schon wieder gehen, da zog Nonna Federico zurück. „Bleibst du da, Giovanotto! Wir kaufen jetzt erst mal ein paar schöne Lose und dann bekommst du auch noch Schokolade von der Nonna, eh! Boh! Schau mal, Federico - die haben hier sogar Babà. Das gibt es sonst nur in Süditalien! Komm Schatzili, die Nonna holt dir einen!“ Ich erinnerte mich daran, wie meine Schwiegermutter Federico früher immer Süßigkeiten vor dem Essen gegeben hatte. Natürlich nur, wenn ich gekocht hatte. Ich wollte gerade noch weitere Schandtaten meiner Schwiegermutter aus der untersten Schublade hervorholen, da drang mir ihr sonores Organ in den Gehörgang. „Was? Ausverkauft? Wir sind 10 Stunden hierhergefahren. Ich habe meinem Enkel ein Los versprochen und er wird ein Los bekommen, das ist gar keine Frage!“ Carmelina hatte ihre Augenbrauen zu einer Donnerlinie des Grolls zusammengezogen und ihre linke Oberlippe zuckte, das war kein gutes Zeichen.
„Es tut mir leid, die Lose für unser Ei sind schon seit Montag ausverkauft, Signora“, entschuldigte sich der hochgewachsene Verkäufer.
Jetzt echauffierte sich Nonna erst recht: „Wenn das so ist, dann dürfen Sie das Ei auch nicht mehr ins Fenster stellen. Das ist ja unlauter Wettbewerb, fragen Sie mal meine Schwiegertochter, sie kennt sich in diesen Angelegenheiten sehr gut aus. Und außerdem, was soll das hier sein? Eine Torta di Pasquetta? Das ist doch keine Torta di Pasquetta! Eine richtige Torta di Pasquetta besteht aus 33 Schichten, weil Gesù Cristo 33 Jahre alt wurde. Aber Ihre Pastete hier hat ja nicht mal 10 Schichten! Also wenn es nach Ihrer Torte geht, wäre Jesus sicher schon als Gesù Bambino gestorben, Dio mio! Allora, wir gehen, basta!“ Mit diesen Worten stieß sie die Eingangstür auf und ließ den armen Konditor mit offenem Mund zurück.
„Natale con i tuoi – Pasqua con chi vuoi“ - „Weihnachten mit den deinen, Ostern mit wem du willst!“ lautete ein altes italienisches Sprichwort. Zum ersten Mal im Leben hatte ich den tiefgründigen Sinn dieser Redewendung verstanden. Wer ein Kaliber wie meine Schwiegermutter besaß, sollte sich lieber lebenslang auf einer Osterinsel verstecken, als mit ihr die Osterferien zu verbringen.
Plötzlich überkam mich das Bedürfnis, allein zu sein. Unter einem Vorwand zog ich mich zurück und fand mich wenig später im Dom wieder. Ich war fasziniert von den wunderschönen Buntglasfenstern und dem Mosaikboden. Der Dom war eigentlich gar kein Dom, sondern eine Kathedrale, nämlich die Cattedrale di Santa Maria del Fiore, der Heiligen Maria der Blume. Dies stand zumindest am Eingang. Dass der Florentiner Dom nach dem Petersdom in Rom, der St. Paul’s Cathedral in London und dem Mailänder Dom die viertgrößte Kirche in Europa war, erfuhr ich von einer österreichischen Reisegruppe, die gerade in den Genuss einer Kirchenführung kam. Die Reiseführerin referierte in einer Singsangstimme über die Höllenqualen des Freskos in der Domkuppel. Einer der älteren Herren schaute arg gelangweilt. Ich musste unweigerlich grinsen, was er bemerkte und sich sogleich zu mir gesellte. Er stellte sich als Herbert aus St. Gilgen vor. „Passen`s nur schön auf Ihre Handtasche auf. Der Irmgard haben`s den Geldbeutel schon an der ersten Raststätte auf dem Hinweg geklaut!“ Er zeigte auf eine Mittsiebzigerin mit gelben Dauerwellen. .„Geh, brauchen`s ned so mitleidig schauen, wir haben eh schon für die Irmgard gesammelt. Ois easy!“, bekundete der Österreicher. Wir widmeten uns erneut den Ausführungen der Reiseleiterin: Beim Scoppio del Carro würde am Ostersonntag ein prachtvoll verzierter Wagen vom Dom bis zur Kirche San Giovanni gezogen werden. Der Brindellone, so hieß der Wagen, würde von schön geschmückten mächtigen Ochsen gezogen werden. Angeblich war er sieben Meter hoch und voll mit Feuerwerkskörpern gefüllt. „Sie erwartet eine fantastische Parade in mittelalterlichen Kostümen, Fahnenschwängern und Trommlern. Das Osterfest in Florenz ist wirklich sehr, sehr besonders!“, schwärmte sie. Zum Schluss stimmte die Gesanggruppe aus dem Salzkammergut ein Lied an. Ich bin kein besonders religiöser Mensch, doch dieses Lied rührte mich zu Tränen. Dankbar hob ich zum Abschied die Hand und ging zurück zu meiner Familie.
Nach dem missglückten Kaffee-Besuch hielten wir alle ein bisschen Abstand. Wir redeten höflich miteinander, doch wir redeten wenig. Am Karsamstag keimten jedoch wieder versöhnliche Gefühle auf: Wir gingen am Arno spazieren. Der Fluss glitzerte warmrosa im Morgenlicht und es duftete nach Osterblüten.
„Endlich Urlaub!“, raunte ich und hauchte meinen Mann ein Küsschen auf die Wange.
„In der Innenstadt wurde gestern ein blutiges Messer gefunden!“, beendete Nonna die harmonische Szenerie in ihrer gewohnt ungehobelten Art.
„Nun lass doch mal bitte deine Schauergeschichten stecken, Mutter!“, sprach mein Mann ein Machtwort.
„Aber es stimmt!“, insistierte Carmelina empört. „Die Frau am Nebentisch hat es mir heute beim Frühstück erzählt. Es lag in einem Innenhof, gar nicht weit von unserem Hotel. Und es war ganz blutig!“
„Also davon habe ich nichts gehört, es wird ja immer viel geredet. Besonders in den Hotels“, beschloss mein Mann.
Mit dem Osterfrieden war es fast schon wieder vorbei, bevor er überhaupt halbwegs eine Chance gehabt hatte, sich einzustellen. Wir verbanden das Angenehme mit dem Nützlichen und gingen shoppen: Federico brauchte eine neue Jeans. Die Schaufenster in der Innenstadt waren festlich geschmückt. Ich war fasziniert von den vielen Colomba-Kuchen und den hübschen Blumen. Bei Nonna saß heute der Rubel locker – sie spendierte Federico nicht nur eine Jeans, sondern auch ein Paar Sneakers, ein Sweatshirt und zwei T-Shirts. Auch zum Essen lud sie uns ein. Ich vermutete ein schlechtes Gewissen.
Nach der üppigen Wildschweinpasta zog ich mich zurück. Das war das Gute an zentrumsnahen Hotels: Man konnte sich zwischendurch einfach mal kurz abseilen. Die Pasta war wirklich mächtig gewesen. Mit einem Mal war ich bleimüde. Schlafen konnte ich allerdings auch nicht. Ich war immer auf halbacht, man wusste schließlich nie, was Carmelina wieder anstellte. Ich daddelte ein bisschen auf dem Handy herum, während draußen die Dämmerung langsam hereinbrach. Ein paar Freunde hatten auf Social Media neue Bilder gepostet, nichts Besonderes. Doch dann stieß ich auf einen Newsroom aus Florenz. Der Titel des letzten Posts lautete: „Ungewöhnlicher Vorfall im Stadtzentrum – Messer im Innenhof gefunden!“
Mein Herz raste. War es tatsächlich wahr, was Nonna heute beim Spaziergang erzählt hatte? Ich klickte sofort auf den Beitrag und las weiter. Ein Foto von dem blutigen Messer, das im Innenhof eines nahegelegenen Hotels gefunden wurde, stieß mir ins Blickfeld. Es sah wirklich blutig aus. Mir lief ein Schauer über den Rücken, gleichzeitig wurde mir schlecht. Da konnte kein Zweifel mehr bestehen. In den Kommentaren wurde wild spekuliert, was passiert sein könnte – ein Streit, ein missglückter Raub, ein eifersüchtiger Ehemann? In den meisten Reaktionen keimte der Verdacht auf, dass der Vorfall in Verbindung mit „alten Geschichten“ stehen würde. Ich fragte mich, welche alte Geschichten hier gemeint waren. Hatte womöglich meine Schwiegermutter…? Schnell verwarf ich den Gedanken und tippte weiter. Beim nächsten Post wurde der anstehende Scoppio del Carro beschrieben. Die Tradition der Explosion des Wagens reichte angeblich zurück in die Zeit des Ersten Kreuzzugs. Ein Florentiner Adliger, ein gewisser Pazzino de' Pazzi, hatte der Überlieferung nach als Erster die Stadtmauern Jerusalems bestiegen. Für seinen Mut als Kreuzritter hatte er drei Splitter des Heiligen Grabes erhalten. Diese befanden sich immer noch in der Kirche Santissimi Apostoli, wo man morgen das Heilige Feuer entzünden wollte: Mit den drei legendären Steinsplittern wurde von den Priestern nämlich ein Funke erzeugt, mit dem man eine Osterkerze anzündete. Diese würde dann in einem feierlichen Zug zum Dom „Santa Maria del Fiore“ gebracht. Das war ja ein Ding! Ein Heiliges Feuer in Florenz – wunderbar! Das würde doch jedes blutige Messer ausmerzen. Im Dom würde dann pünktlich zum Gloria die Taube, nämlich die Colombina entzündet werden. Die Colombina war natürlich keine echte Taube, sondern eher so etwas wie eine Rakete. Auf einem Kabel würde sie durch das Kirchenschiff bis nach draußen schweben und dort am Brindellone das Feuerwerk entzünden. Statt gutbürgerlichem Eiersuchen zwischen blühenden Narzissen stand uns an Ostern eine Explosion bevor – der Scoppio del Carro. Es blieb nur zu hoffen, dass sich das familiäre Explosionspotential an diesem Tag im Zaun halten würde. Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Immer wieder kam mir das blutige Messer in den Sinn. Hoffentlich ging nicht das Verbrechen um in Florenz! Wenn man mit meiner Schwiegermutter verreiste, passierte meist etwas und in der Regel nichts Gutes.
Die Sonne hing sanft über der Stadt, als der Ostersonntag anbrach. Schon vor dem ersten Glockenschlag war ich wach, während mein Mann noch in seinen Kissen schlummerte. Ich öffnete die Fensterläden. Meine verschlafenen Augen brauchten einen Moment, um die Szene zu erfassen. Alles war ruhig, nur ein paar Frauen waren bereits in mittelalterlichen Kostümen unterwegs, vermutlich auf dem Weg, den anstehenden Umzug vorzubereiten. Ich wollte mich gerade zurückziehen, als eine Bewegung im Augenwinkel mich innehalten ließ.
Unter einer Straßenlaterne stand eine Gestalt, die so gar nicht in das Bild des stillen Ostermorgens passte. Ein gebückter Typ, der nervös auf- und ablief. Mein Herz klopfte schneller. Ich holte mein Handy, wollte ein Foto machen, um gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt sachdienliche Hinweise geben zu können. Als ich zurück zum Fenster kam, war der Kerl weg.
Mit dem ersten Schlag der Kathedrale wurde der Ostersonntag eingeläutet. Die Florentiner Glocken pulsierten wie ein Herzschlag durch die Medicistadt. Beim Frühstück überreichten wir uns unsere Ostergeschenke: Ein Seidentüchlein für Nonna, ein Aftershave für meinen Mann und einen Gutschein für den Junior. Federico sah in seinem neuen Sweater zum Anbeißen aus. Auch Nonna hatte sich besonders adrett zurecht gemacht – mit ihrer pastellfarbenen Bluse sah sie mädchenhaft aus, fast unschuldig. Mit einem geheimnisvollen Lächeln steckte sie die Hand in ihre Tasche und zog mit strahlenden Augen drei Lose heraus. „Bitte schön: Die sind für euch! Viel Glück, vielleicht gewinnt einer von euch das Riesenei!“
„Wie hast du das geschafft?“, staunte ich.
„Ich habe so meine Methoden!“ Sie zwinkerte mir zu. Ich war mir nicht sichern, ob ich mich freuen oder ängstigen sollte.
Während ich mein Los nervös auf- und abrollte, schob mir mein Mann eine kleine Schmuckdose vor den Teller.
„Für dich, Bella“, sagte er und lächelte sanft
„Du hast wirklich einen sehr guten Mann!“, stellte Nonna fest, als hätte sie meine Osterüberraschung höchst persönlich arrangiert.
Ich blickte auf das Döschen. Neugierig wollte ich es öffnen, da reihten sich Trommler und Fahnenschwinger vor das Fenster. Fanfaren ertönten, Trompeten und ein Glockenspiel erklangen. Es ging los - der Osterumzug begann. Ich steckte das Päckchen ein und wir gingen nach draußen, wo Männer in Ritterkostümen und Frauen in mittelalterlichen Gewändern an uns vorbeischritten. Amts- und Würdeträger reihten sich in den Umzug ein und schließlich wurde der Brindellone eingefahren, gezogen von mächtigen weißen Ochsen mit schönen Blumen auf dem Kopf.
„Passt auf, dass wir uns nicht verlieren, ich sag`sch euch!“, rief Carmelina. Eigentlich war meine Schwiegermutter schwer zu übersehen. Sie trug einen leuchtenden Hut, der locker als Ersatzdekoration für die Ochsen hätte durchgehen können. Zwischen Kathedrale und Baptisterium fanden wir einen Platz. Ein riesiger Korb mit Eiern schwebte an uns vorbei. Überall sah man Blumen und gespannte Gesichter. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern oder hielten sich an der Absperrung fest. Ob Herbert aus St. Gilgen mit seiner Reisegruppe auch hier war? Es war kurz vor 11:00 Uhr, als das Gloria erklang. Ich schaute gespannt auf das dünne Kabel, das den Brindellone frontal mit dem Hauptaltar verband. Auch Carmelina zog ihr Smartphone heraus, um ein Foto von der Colombina zu machen. Noch bevor die Taubenrakete aus ihrem Versteck hervorkam, klingelte Nonnas Handy in einer Lautstärke, die vermutlich sogar einen Schwerhörigen instinktiv nach der Stummschalttaste hätte greifen lassen.
„Oh nein, meine Cousine!“, rief Carmelina entsetzt. Sie wischte unkoordiniert an ihrem Handy herum, doch es schrillte weiter. Selbst, als das mechanische Täubchen mit dem Ölzweig im Schnabel herauskam, klingelte es noch. Als die Taubenrakete erschien, ging das Spektakel richtig los: Am Brindellone wurde nun das fulminante Oster-Feuerwerk entzündet: Fontänen an Lichtblitzen und Goldregen gingen auf, es donnerte, es krachte, es rauchte. Der antike Wagen aber verschwand in einem Schauspiel aus farbigen Blitzen, Explosionen und Rauchwolken. Wie gebannt starrten wir auf das Funkenmeer, das nun den ganzen Platz einnahm. Die Explosionen schienen kein Ende zu nehmen. Der Goldregen, der in weiten Bögen herabfiel, schien die Zeit anzuhalten, während die Piazza del Duomo im aufsteigenden Rauch verschwand.
Als sich der Schleier legte, machte ich eine unangenehme Entdeckung: Er war wieder da! Der Kerl, der heute in den frühen Morgenstunden unter der Straßenlaterne vor unserem Hotel gelauert hatte. Er stand am Rand des Doms, im Schatten des Brindellones. Seine Präsenz war unauffällig, aber in seiner Haltung war etwas, das mich beunruhigte. Die Kunst, wie er sich bewegte, wie er die Szenerie betrachtete – als ob er nach etwas suchte oder darauf wartete, dass etwas passierte.
„Bella, was ist los?“, riss mich Nonnas Stimme aus meinen Gedanken. Sie taxierte mich besorgt. Ich schüttelte mechanisch den Kopf, aber das beunruhigende Gefühl in meiner Brust wollte nicht verschwinden.
„Raus mit der Sprache, was ist passiert?“, fragte meine Schwiegermutter mit Nachdruck. Da man Carmelina nichts vormachen konnte, flüsterte ich ihr meine Bedenken ins Ohr und äußerte meinen Verdacht, dass der dubiose Kerl etwas mit dem blutigen Messer im benachbarten Innenhof zu tun haben könnte.
„Bella, du hast zu viel Fantasie!“, raunte Nonna. Doch ihr Blick, mir dem sie die Gestalt nun ebenfalls von oben nach unten scannte, verriet, dass das Verdachtsmoment auch in ihr geweckt war. Der Mann war groß, etwas über 1,80 m, mit schmaler, athletischer Statur. Seine Kleidung war unauffällig, sein Haar war kurz und dunkel. Sein Gesicht war schwer zu fassen, glatt, ausdruckslos.
„Dieser Mann macht mir Angst…“ begann ich leise, doch Nonna schnitt mir das Wort ab. „Mach dir keine Sorgen, Bella – ich erledige das!“ Mit flinkem Schritt ging sie auf den Mann zu.
Entschlossen näherte sie sich dem Verdächtigen, dessen Blick überrascht aufflackerte, als sie vor ihm stand und ihn konfrontierte.
Den Osterfrieden, den das Heilige Feuer vor wenigen Minuten noch entzündet hatte, war angesichts des entflammenden Wortgefechts erloschen. Wortfetzen wie „Porca Miseria“ – „Zum Teufel nochmal“ und „Lasciami in pace!“ – „Lassen Sie mich in
Frieden!“ drangen über die ganze heilige Stätte, so dass es wirklich jeder mitbekam.
„Ach!“, sagte eine Frau hinter uns. „Sieh an, ist das nicht die Frau, die vorgestern schon bei Caffè Mazowski so ausfällig wurde. Der Ladeninhaber sagte mir, dass sie ihn wegen der Lose erpresst hat. Diese Frau ist komplett verrückt - lei è completamente matta, vielleicht sollten wir die Polizei rufen?“
„Die Polizei?“, mischte ich mich ein. „Ja, die können Sie gerne rufen, denn diesen Mann, den meine Schwiegermutter gerade stellt, hat vermutlich etwas mit dem blutigen Messer zu tun!“, mischte ich mich ein. Meine Schwiegermutter bewies gerade so viel Zivilcourage, da war es nur recht und billig, dass man sie in Schutz nahm. „Was? Wer? Dieser Mann? Das ist doch Ugo! Das ist unser Altenpfleger, der tut keiner Fliege was zu Leide. Außerdem hat sich der Fall mit dem Messer doch schon längst geklärt – der Fleischer hat es verloren. Also wirklich, diese Touristen sind unmöglich! Lasciamo perdere, komm Annalisa, wir gehen!“, zischte die Frau.
Fast zeitgleich ließ meine Schwiegermutter von dem dubiosen Kerl ab. „Du hast Glück, dass heute Ostern ist!“, rief sie ihm hinterher, ehe sie mit erhobenem Haupt zu mir zurück stolzierte.
Während Nonna ihr triumphierendes Lächeln ausspielte, tauchten auch Federico und Michele wieder auf. „Haben wir was verpasst?“, fragte mein Mann. „Nichts, nichts“, sagte Nonna geheimnisvoll, während wir uns durch die engen Gassen von Florenz wühlten. Die Luft war erfüllt von Rosmarin und Knoblauch, doch die Festtagslaune war mir gründlich verhagelt. Vor einem eleganten Restaurant blieben wir stehen. „Eccola – hier habe ich uns einen Tisch reserviert. Kommt, kommt – gehen wir rein!“, raunte Nonna, als wäre nichts gewesen. Weiß gedeckte Tische stießen mir ins Blickfeld, dazu glänzendes Besteck und glitzernden Gläser, die auf den Beginn eines Festmahls warteten.
Der Kellner führte uns zu einem feinen Tisch am Fenster, mit einem Blick auf eine der Straßen, die den Dom im Hintergrund erahnen ließ. Durch das Fenster meinte ich Ugo zu sehen, doch als ich mich umdrehte, war da keiner. Mir wurde heiß und kalt. War ich am Ende vielleicht paranoid?
„Übrigens war es wohl gar kein Menschenblut an dem Messer, das sie gefunden haben!“, erzählte ich beiläufig und ließ mir vom Spumante nachschenken, um endlich auch ein bisschen zu entspannen. Meine Wangen glühten.
„Da sind wir aber beruhigt!“, meinte mein Mann.
„Und was für Blut war es dann?“, fragte Federico interessiert.
„Nun, vielleicht war es ja das Blut von einem Osterlamm, wer weiß. Oder von einem Hasen. Mein lieber Mann beispielsweise, er hatte früher immer ein Messer dabei, man kann nie wissen, was einem über den Weg läuft!“, sprach Carmelina und kaute und schmatzte nach Herzenslust. Sie verleibte sich im Rekordtempo ihre Vorspeise ein.
„Bella, du isst ja gar nichts!“, kommentierte sie meinen noch unangerührten Teller an schwarzen Crostini Toscani. Crostini waren eigentlich etwas ziemlich Leckeres, doch diese hier waren mit Hühnerleber und Kapern und ganz schwarz. Schwarz wie geronnenes Blut. Entschlossen schob ich meinen Teller zur Seite und war gottfroh, als er abgeräumt wurde. „Wer hat dich eigentlich vor der Kirche angerufen?“, wollte ich wissen.
„Dio Mio! Gelsomina! Meine Cousine - die habe ich ja ganz vergessen. Entschuldigt mich, aber ich muss mal kurz nach Neapel telefonieren. Ich gehe kurz nach draußen, bin gleich wieder da“, meinte Nonna aufgeregt.
Wenn Italiener telefonieren, kann es mitunter etwas lautstark zugehen. Dann ist es manchmal besser, wenn sie nach draußen gehen. Nonna aber kam nicht wieder. Es vergingen 5 Minuten, 10 Minuten… die Pasta kam: vier dampfende Teller mit Tortelloni alla maremmana – feine Teigtaschen mit Pecorino, Riccota und Spinat gefüllt.
„Wo bleibt sie denn nur – immer Ärger mit dieser Frau!“, stöhnte mein Mann. Mir schwante Schlimmes. Hoffentlich war es nicht dieser Krankenpfleger, der sich an Nonna rächen wollte. Vielleicht war dieser Ugo gar kein Krankenpfleger sondern ein psychisch Kranker in Tarnweste? Mir blieb fast das Herz stehen. Mit einem Mal war ich gelähmt vor Angst.
„Mama, du bist ja ganz blass!“ Federico ließ seine Gabel sinken und sah mich besorgt an.
„Deine Großmutter – sicher ist sie schon wieder in Schwierigkeiten!“, zischte ich und sprang auf. Ich wollte gerade zur Tür hechten, da kam mir Carmelina entgegen. Mit versteinerter Miene setzte sie sich zurück an ihren Platz.
„Was ist passiert?“, stieß es aus mir heraus
„Dio Mio! Meine dumme Cousine - sie hat die Polizei gerufen!“
„Sie hat was?“, fragen Federico, mein Mann und ich aus einem Mund.
„Ja. Stellt euch vor! Sie hat sich Sorgen um uns gemacht. Sie dachte wir werden erschossen!“ Ihre Stimme riss ab.
„Aber wieso denn erschossen?“
„Na, il scoppio del carro – die Explosion. Sie hat sie am Telefon gehört: Die vielen Schüsse und Knaller. Gelsomina wusste ja nicht, dass wir in Florenz sind. Ich habe es ihr nicht erzählt. Sie wollte sonst sicher mitkommen. An Ostern will man doch auch mal seine Ruhe haben! Du weißt doch – Weihnachten mit den deinen, Ostern mit wem du willst!“
„Wie wahr!“, sagte ich und trank mein Glas Chianti auf ex leer.
Nonna warf mir einen eindringlichen Blick zu „Ich kann doch auch nichts dafür, Bella, was soll ich sagen? Gelsomina hat schon immer sehr viel Fantasie gehabt, ich frage mich, warum sie keine Bücher schreibt.“
„Eher sollte erst mal ich ein Buch schreiben!“, dachte ich, als mir mein Mann vom Chianti nachschenkte. Mir fiel das Päckchen ein, das er mir geschenkt und das ich noch nicht einmal geöffnet hatte. Ich holte es heraus. Ich hielt für einen Moment inne, ehe ich den Deckel der Schmuckdose anhob. Ein goldener Anhänger funkelte mich an. Es war eine winzige goldene Vespa.
Ich drehte den Charm zwischen meinen Fingern hin und her und lächelte selig: So eine hatte ich mir früher immer gewünscht.
„Che bello!“, rief Nonna begeistert und schnappte mir den Anhänger aus der Hand. „Eine Vespa! Genau wie die, die Michele früher gegen den Apfelbaum nebenan geknallt hat!“
„Die Vespa ist das perfekte Symbol für unsere Familie“, sagte mein Mann und erwähnte, dass diese für „Sempre avanti“ – „Immer vorwärts“ stehen würde. „So wie unsere Familie!“, ergänzte Nonna und grinste diabolisch.
Mitunter waren es ja nicht nur die großen Ereignisse, die einem nach so einem Osterurlaub in Erinnerung blieben, sondern die absurden Details. Wie zum Beispiel der Gewinner des Ostereis bei Caffè Mazowski. Es war ein gewisser Ugo, der laut Aussage der Homepage des Unternehmens nicht nur ein sehr engagierter Krankenpfleger, sondern auch ein Nachfahre aus dem besagten Adelsgeschlecht der Capitano del Popolo war.
Vielleicht ein Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit – wer weiß. Am Ende entscheidet oft nicht, was passiert, sondern wie man es erzählt. Und so, zwischen goldenen Vespas, alten Traditionen und unerwarteten Gewinnern wurde aus diesem Osterurlaub ein weiteres Kapitel in der schillernden Geschichte unserer Famiglia – ein Kapitel, das ich, wenn das so weitergeht, vielleicht wirklich mal in einem Buch erzählen sollte.
Abbildung Nonnas rauhaarige Romantiker
Inhalt
Lockdown an Ostern? Nicht mit Nonna Carmelina! Federicos temperamentvolle Großmutter nimmt in Pandemiezeiten den Kampf auf gegen dubiose Hamsterkäufer und notorische Nachbarinnen. Irgendwie sind alle total verdreht. Obendrein treibt ein arbeitsloser Trucker mit morbidem Geheimnis sein Unwesen in Saarlouis und Nonna ist ausschließlich auf Katastrophen gepolt. Ob ein verwaister Rauhaardackel das Glück zurück ins Haus Poletti bringt? Denn eigentlich möchte Nonna nichts lieber als raus aus „Maskenland“ und runter nach Apulien!
Printed in Germany
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verarbeitung sowie Übersetzung vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer. Jegliche Parallelitäten zu Ereignissen, Firmen oder Personen, lebend oder tot, sind wenn, dann rein zufällig.
Umschlagmotiv: Shutterstock Illustration Vignetten: Emily Brockmann Lektorat: Adriane Riccato, Reggello (Toskana) Korrektorat: Malin Borlinghaus
„Wahre Freunde sind wie Melonen: Unter hundert findet man nur zwei Gute.“
(Italienisches Sprichwort)
“Federico! Federicooo!“ tönte Nonna durch die Markthalle des Supermarkts. Es klang wie ein Hilferuf, ganz anders als in der Fernsehwerbung, in welcher die entzückende italienische Mamma ihrem braungelockten Sprössling eine Prise Basilikum über den dampfenden Spaghetti-Teller rieseln lässt. „Federicoooooooooo!“ Anscheinend wurde meine italienische Großmutter gerade zwischen Pizza-Tiefkühlware und Riesengarnelen abgemurkst. Mein Kopf begann sich zu drehen und in mir bäumten sich sekundenschnell Bilder auf, in welchen der rachelüstige Padrone meiner armen Großmutter hinter der Müslitheke an die Gurgel ging.
„Nonna!“, schrie ich und pfefferte den Korb mit den leeren Pfandflaschen zu Boden, indem ich haltlos über das rollende Pet-Flaschen-Chaos hechtete. „Nonna, Nonna!“ Ich stürmte zwischen den Lebensmittelregalen hinweg und hatte widersinnigerweise das „Lalalala Lalalala“ aus der bekannten Pastawerbung im Ohr.
Von Nonna war weit und breit keine Spur! Ich fuhr hektisch zwischen Fertigburgern und Hähnchenpfannen hin und her, sprang zwischen Backwaren und Dosenkonserven umher. Doch statt Nonna trafen mich nur die vorwurfsvolle Blicke der umstehenden Hausfrauen, die ich in meiner großen Not angerempelt hatte.
Langsam ging mir die Puste aus und ich war kurz davor, mich an Ort und Stelle in eine ausrangierte Bananenkiste plumpsen zu lassen, um auf ein besseres Morgen zu warten.
„Achtung! Sicherheitsabstand!“, fuhr mich eine dicke Frau an. Man konnte nicht mal in Ruhe stehenbleiben und Luft holen. Ich entschuldigte mich flüchtig und schob ächzend einen Rollcontainer zur Seite, der mir den Weg versperrte.
„Untersteh dich! Du wirst doch wohl einer werdenden Mutter nicht die letzte Milch wegschnappen!“, maulte die Dicke. Von hinten griff sie über meine Schulter hinweg und fischte das letzte Tetra Pak H-Milch aus dem Container. Wenn es um die letzte 3,5%ige des Lebensmittelmarkts ging, war es mit dem Sicherheitsabstand also doch nicht so weit her. „Weißt du nicht, dass Kalzium in der Schwangerschaft unerlässlich ist!“ kam mir die Frau zuvor, bevor ich überhaupt an den Hauch eines
Kontras ansatzweise denken konnte. Ich schwieg. Diese Frau war nicht nur dick, sie war vor allem schwanger. Ihr Einkaufswagen war über den Rand mit Aufbackware, Obstkonserven und Schokolade gefüllt und spätestens in diesem Moment wurde mir klar, dass in unserem schönen Saarlouis nicht nur Pandemiezeiten, sondern ein Krieg ausgebrochen war – ein Krieg ums Überleben. Selbst im Supermarkt um die Ecke herrschte der Ausnahmezustand! Lebensmittelknappheit – davon hatte ich bisher nur in Geschichtsbüchern gelesen.
Die Karten wurden neu gemischt. Kleinlaut wackelte ich hinter der Schwangeren her, es gab kein Durchkommen. Wie in Zeitlupe bewegte ich mich, dabei wurde ich von Schritt zu Tritt immer ungeduldiger: Ich musste doch Nonna retten, statt die Regale nach Futtermittel für Hochschwangere zu scannen. Höflich, sehr höflich und dezent bat ich die Dame artig, mich doch nach Möglichkeit vorzulassen. Die Dicke schüttelte energisch das Doppelkinn: „Ne ne ne ne…hier geht jetzt gar keiner mehr vorbei! Ich hab` doch gesagt, ich bin…!“
„Schwanger!“, sagte ich, dann blieb ich stehen. Ich wartete, bis die Dicke außer Sichtweite war, dann nahm ich meine Suche wieder auf. Von Nonna war keine Spur weit und breit. Die Regale sahen allesamt ziemlich ausgesucht aus.
Im Brotregal war noch ein bisschen Knäckebrot, die Müslitheke war restlos abgeräumt, nicht anders sah es bei den Eiern aus, von Marmeladen und Honiggläsern ganz zu schweigen. Meine traurigen Augen wanderten trostlos über die leeren Supermarkt-Regale, die den Hamsterkäufern dieser Stadt zum Opfer gefallen waren, da fühlte ich eine kalte Hand in meinem Nacken.
„Fe...Fe..Federico. Es gibt keine Pasta mehr! Stell dir vor: Alle Nudeln sind ausverkauft! Keine Penne, keine Tortellini, keine Spaghetti. Keine Lasagne, keine Ravioli, nicht mal Suppennudeln! Alles weg! Weg, weg, weg!“
„Nonna!“, ich drehte mich um und drückte mich an Nonnas Brust. Auch wenn wir vielleicht verhungern würden, wenigstens hatten wir uns. Meine italienische Oma zitterte wie Espenlaub und ihre Haare hingen ihr wirr in die Stirn. „Die Leute spinnen doch so viel zu kaufen! Keine Pasta! So was hat es doch noch nie gegeben! Arme bin ich, was sollen wir nur essen?“, maunzte sie.
„Aber Nonna! Was ist mit Risotto? Und was ist mit Pizza?“, versuchte ich eine Portion Optimismus ins Spiel zu bringen.
Doch weit gefehlt: „Riso? Pizza? Hast du keine Augen? Federico, es ist alles weg! Es gibt nichts mehr! Nichts mehr! Niente! Basta! Kein Reis. Kein Hefe. Kein Mehl. Ich hoffe dein Vater hat noch Vorräte, was sollen wir jetzt tun?“ Ihre Stimme überschlug sich regelrecht und sie begann zu schluchzen.
„Klopapier ist auch ausverkauft!“, ergänzte ein vorbeischlurfender Baseballcap. Es war kein Unbekannter.
„Constantin?“, rief ich hocherfreut, als ich meinen ehemaligen Mitschüler erkannte. Er war der Chaot vor dem Herrn und im letzten Jahr leider durch die Mittlere Reife gerasselt.
In die trüben Pupillen meiner Großmutter schien die Lebensenergie zurückzukehren. „Costatino, wie schön, dich wiederzusehen, auch wenn die Umstände in dieser Zeit sehr schwierig sind!“ Die beiden kannten sich von unserer gemeinsamen Studienfahrt nach Verona. Meine Großmutter hatte für unsere Klasse gekocht. Leider hatten wir einen großen Teil unserer Zeit wegen einiger unerfreuliche Umstände kollektiv auf dem Kommissariat zubringen müssen und – fast nebenbei – ein morbides Geheimnis aufgetan. Im Nachhinein war ich mir nicht sicher, was schlimmer war: Eine Totenmesse im Keller der Villa Marchesani oder die von Hamsterkäufern leergefegten Regale in der Pandemie.
Es dauerte nicht lange, da erfuhr ich, was noch schlimmer war, als leere Regale und eine Totenmesse zusammen: Nämlich Constantins Corona-Frisur, die er uns in seinem jugendlichen Leichtsinn offenbarte. Mir stockte der Atem als mein Freund das Baseballcap abnahm und uns freie Sicht auf seine blaugrün gefärbten Irokesenmatte bot.
Fassungslos stierte ich ihn an: „Alter!“
Auch Nonna war not amused: „Costatino! Was hast du denn schon wieder mit deinen Haaren angestellt?“ Sie begutachtete seine blauen und hellgrünen Drachensträhnen von allen Seiten.
„Sieht echt kacke aus!“, pflichtete ich meiner Großmutter bei.
Chaos-Constantin strotzte wie immer von überschwänglichem Selbstbewusstsein und Negativ-Kritik perlte an ihm ab wie die Tropfen Spätsommerregens an einem frisch imprägnierten Regencape. „Also mir gefällt`s!“, stellte er fest und zuckte die Schultern. Er berichtete, dass sich seine Schwester seit Corona nur noch mit Hairstyle beschäftigen würde: „Flechtfrisuren, Beachwaves und Ombré Hair – Mias Fantasie läuft regelrecht zur Höchstform auf und die Followerzahl auf ihrem Instagram-Account hat sich in den letzten vierzehn Tagen mehr als verdoppelt!“
„Es ist schön, wenn man sich in der Quarantäne beschäftigen kann!“ Nonna versuchte ein Lächeln. „Magst du vielleicht zu uns zum Essen kommen?“ Sogleich fiel ein dunkler Schatten über die großmütterliche Stirn. „Hach…wie konnte ich das vergessen. Man darf ja nicht zu den anderen. Jeder muss zu Hause bleiben. Außerdem gibt es auch gar nichts mehr zu essen, Madonna mia!“
Sie senkte resigniert das Haupt. Kein Wunder! Nonna war eine passionierte Köchin und ausgesprochen gastfreundlich. Ihre Penne all`Amatriciana berühmt berüchtigten Tomatensugo waren weit über die Grenzen Saarlouis hinaus berühmt berüchtigt. Nun war alles anders, die Welt war aus ihren Fugen geraten.
„Nun ja, ganz so ist es ja auch nicht ”, raunte ich und erinnerte daran, dass diese „blonde Lebensmittelministerin“ in den Medien ja ganz deutlich formuliert hätte, dass es auch weiterhin alles geben werde und dass sich keiner im Land ernsthaft Sorgen über einen Lebensmittelengpass machen müsse.
„Aber was sollen wir bis dahin nur tun?“ Sie seufzte tief.
Chaos-Constantin wusste Rat: „Naja, man kann sich ja auch für ein paar Wochen mit Chips und Flips über Wasser halten -davon gibt es noch jede Menge!“, empfahl Chaos-Constantin.
„Chips und Flips? Costatino – ti prego! Ich bitte dich – willst du sterben?“ Mein Freund schnappte unseren leeren Einkaufswagen und griff wahllos nach den letzten Gemüseresten: Kartoffeln, Pastinaken, Zwiebeln. „Gibt es eben eine schöne Minestrone, Signora. Die kochen Sie doch genauso gut, so wie damals, zur Mitternachtsstunde in Verona, wissen Sie noch?“
Nonna blickte auf. Die Sorgenfurchen auf ihrer Stirn schienen sich für einen Moment zu glätten und das Funkeln in ihre Augen zurückzukehren. Beherzt hakte sie meinen Freund unter, der sich das nur widerwillig gefallen ließ, und marschierte hoch erhobenen Hauptes auf direktem Weg zur Kasse,
„Also gut, dann kochen wir eben eine Minestrone. Eine Minestrone mit labbrigem Gemüse, das keine deutsche Hausfrau mehr haben möchte. Mir egal! Aber wenn mich eines enttäuscht, dann ist es, dass Toilettenpapier und Hefe zwar ausverkauft sind, aber das Spirituosenregal ganz voll ist“, raunte sie, als sie die wenigen Artikel auf das Förderband legte. „Schnaps, Weinbrand, Likör – alles da! In Italien wäre das anders herum, das können Sie glauben!“, fuhr sie den Akne gepeinigten Kassierer an. Dieser blickte nur irritiert hinter seinem Förderband hervor und lief puterrot an.
Auf dem Parkplatz entdeckte ich schon von weitem die Schwangere, die ihre übermäßigen Einkäufe ins Auto wuchtete. Ihr Gesicht war knallrot und sie ächzte und stöhnte, als wir an ihr vorbeigingen. Ich konnte meinen Blick nicht von hinter ihrem ausladenden Hinterteil lassen, besser gesagt von den Kartonagen, die sie hinter ihrem Hinterteil verstaute – nämlich diese blauen rechteckigen Kartonagen mit dem alt vertrauten roten Schriftzug, der mit „Ba“ anfängt und mit „illa“ aufhört und bei dem einem schon das Wasser im Munde zusammenläuft, ehe sein Inhalt im sprudelnden Kochwasser weichkochte. Es handelte sich nämlich um das strahlende Logo meiner liebsten Nudelsorte, die Nonna nun zeitgleich entdeckte.
„Pasta!“, rief sie hocherfreut und hechelte wie ein ausgehungerter Esel, dem man die Brotrinde vor der Nase wegzieht, geradewegs auf die Hamsterkäuferin zu.
Die Schwangere drehte sich kurz um und schüttelte im gleichen Atemzug missbilligend den Kopf, ehe sie mit stoischer Ignoranz Klopapier, Mehl, Milch und Konserven in ihren Kombi lud, der sich – Unterkante Oberlippe – bereits zu wölben begann.
So leicht ließ sich Nonna nicht abwimmeln. Breitbeinig bäumte sie sich vor der Hamsterkäuferin auf, die sich nun endlich die Mühe machte, sich ihrem Gegenüber zuzuwenden. Nonna redete ohne Unterlass auf die XXL-Kundin ein, fuchtelte dabei mit den Händen in der Luft und gab brunftähnliche Laute von sich. Der Schwangeren blieb der Mund offenstehen. Ihre Gesichtsfarbe wechselte vom Knallroten ins Gräulich-aschfahle, dann fuhr sie mit einem Mal hektisch umher, wuchtete Toilettenpapier und Konserven zur Seite, schnappte eine leere Papiertüte und füllte diese zähneknirschend mit den ganzen Nudelpackungen auf. Ohne einen Mucks drückte sie Nonna die volle Tüte in die Hand und machte sich mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen vom Acker.
Nonna grinste breiter als der Dandy im „Western von gestern“, als sie den prallen Nudelschatz wie eine Diva aus Nevada zu uns rüber balancierte. Es fehlte nur noch die Staubwolke und die Szene hätte glatt als tosender Abschluss eines Roadmovies durchgehen können.
„Alle Achtung, Frau Poletti, Sie haben eine ganze Ladung Nudeln ergattert!“, staunte Constantin. „Kompliment! Dann kann ja gleich mal aufgekocht werden“, freute ich mich, als Nonna die prallen Packs über Kartoffeln und Pastinaken wuchtete, als wollte sie dem ungeliebten mitteleuropäischen Gemüse den Garaus machen.
„Wie hast du das nur geschafft? Diese Frau hat doch alles abgeräumt was ihr untergekommen ist, also auf Lebensmittelspende war die nicht aus – eher auf das Gegenteil, oder?“, fragte ich, als Nonna den Motor gestartet hatte.
Nonna grinste. „Man muss wissen, worauf die Leute reagieren. Diese Frau war schwanger. Sehr schwanger. Eine werdende Mamma! Ich habe ihr erzählt, dass sie sehr gut für das werdende Bambino sorgen muss und habe ihr von der letzten Rückrufaktion dieser Nudeln erzählt. So was passiert ja leider immer wieder, dass Lebensmittel konterminiert sind. Also, für einen Erwachsenen ist es vielleicht nicht so schädlich, aber das arme Bambino im Bauch von die Mamma! Die Frau hat mir zuerst nicht geglaubt, aber ich habe ihr gesagt, dass ich nur italienisches Fernsehen schaue und dass dort der Nudelskandal schon in aller Munde ist. Hier in Deutschland aber dreht sich ja alles nur noch um Corona! Für belastetes Getreide interessiert sich heutzutage keiner mehr in Saarlouis. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mir wirklich geglaubt hat, aber wie ihr seht – ich habe bekommen, was ich mir am meisten gewünscht habe! Das könnt ihr euch im Leben merken: Man muss nur fest an seinen Zielen festhalten und mutig sein. Naja, mit einer Morddrohung wäre ich bei dieser Frau vielleicht nicht weit gekommen. Nur schade, dass ich ihr nicht auch noch das Klopapier abgeluxt habe. Wer so gierig ist, der gehört bestraft!“
Während wir bereits in Nonnas Straße einbogen, klingelte Constantins Handy. Es war Constantins Mutter, die ihm lautstark den Marsch bezüglich Ausgangssperre, Kontaktbeschränkung und Pünktlichkeit zum Mittagstisch blies. Der sonst schlagfertige Teenager mutierte sekundenschnell zu einem beschämten Häuflein Elend und faselte etwas vom Blumenkohlauflauf seiner Mutter.
Nonna war es nicht gewohnt, dass man ihre kulinarischen Angebote ausschlug; zudem hielt sie nichts von faulen Ausreden. „Boh! Blumenkohl! Mi raccomando! Costantino, wir haben viel Glück gehabt, diese Pasta heute zu bekommen – das müssen wir feiern! Du kommst mit, das ist eine ganz klare Sache, ich sag`sch dir!“
Doch Constantin blieb dabei und er verabschiedete sich kurz.
„Wer nicht will, hat schon“, stellte Nonna sachlich fest, als ich ihr die schweren Einkaufstüten nach oben gebracht hatte und wir die Lebensmittel verstaut hatten.
Sie fing an, die Zwiebeln zu schälen und plötzlich hatte sie ganz glasige Augen. Die Tränen in ihren Augen rührten nicht vom beißenden Zwiebelsaft – meine Nonna hatte in ihrem Leben schon eine ganze Menge Zwiebeln geschält und war auf diesem Gebiet sozusagen abgehärtet. Nonna weinte, weil in der Küche der kleine Fernsehapparat lief und auf RAI 2 gerade der zweite Teil von Sissi anlief. „Es ist nicht normal, dass diese Filme laufen, Giovanotto!“, erklärte sie. „Das sind Weihnachtsfilme, weißt du. Und jetzt kommen diese Filme, weil die Leute zu Hause bleiben und gar nicht mehr raus dürfen. Weil da draußen ist Krieg! Ein Krieg gegen das Virus! Aber wir werden kämpfen. Kämpfen wie wir es immer getan haben!“ Und mit diesen Worten stellte Nonna das Fernsehen aus und legte eine Langspielplatte auf. Die Nadel knarzte behaglich auf dem alten Tonträger meines Großvaters, den ich leider nie kennengelernt hatte und sogleich ertönte das „Avanti Popolo“ eines sonoren Männerchors. „Das ist das Kommunistenlied, das dein Vater schon als ein kleiner Junge singen konnte!“, erklärte Nonna fachmännisch. Während sie die Koteletts kraftvoll mit dem Fleischklopfer weichklopfte, begann sie von roten Bändern, Rettung und Triumph zu singen.
Avanti popolo, bandiera rossa
Alla riscossa, trionferà
Wenn Nonna kocht, gleicht die Küche in der Regel einem Schlachtfeld in Form von einem Peperoni geschwängerten Schauplatz aus Tomatensugo, Gemüseresten und Olivenöllachen. Das liegt daran, dass meine italienische Großmutter eine kreative und einfallsreiche Köchin ist. Mit der Ordnung dagegen hat sie es nicht so. Stattdessen hantiert Nonna voller Passion und Temperament. Kochrezepte interessieren sie nicht und die in ihren geliebten Hochglanzmagazinen inszenierten Servierteller fungieren allenfalls als Inspiration. Ich konnte mir nicht erklären, warum meine Nonna sich diese Zeitschriften überhaupt zulegte – vielleicht motivieren sie meine rezeptlose Großmutter dazu, zur Abwechslung eine lang vernachlässigte Zutat auszuprobieren oder statt Lamm und Rind auch mal ein anderes Tier auf den Tisch zu bringen. Nonna sammelte auch eifrig Backrezepte, doch die Mengenangaben darin betrachtete sie allenfalls als grobe Richtwerte im entferntesten Sinn, was meist gut-, teilweise jedoch auch richtig ins Auge gehen konnte. So wie an dem Tag zu Beginn der Corona-Pandemie, als Nonna einer schwangeren Hamsterkäuferin die letzten Vorratspackungen abspenstig gemacht und der haarfarbprächtigen Constantin Nonna auf der Rückbank ihres Seicentos einen Korb für ihre gut gemeinte Essenseinladung gegeben hatte. Nonna liebte gutes Essen – und sie mochte Musik – laute Musik.
Es klingelte an der Tür, doch meine Großmutter winkte ab. „Nicht aufmachen, Giovanotto!“ Sie berichtete, dass es sich wahrscheinlich nur um Frau Stulpe handeln würde, die sich jedes Mal beschweren würde, wenn sie Musik hörte.
„Naja, vielleicht ist die Musik wirklich ein bisschen laut“, gab ich zu bedenken und regulierte die Lautstärke etwas nach unten. Es klingelte wieder an der Tür, doch meine Nonna machte keinen Anschein aufzumachen.
Stattdessen wischte sie sich ihre Hände an der geblümten Küchenschürze ab und drehte das Kommunistenlied voll auf, indem sie erklärte, dass nostalgische Musik nie zu laut sein könnte, diese Wohnung jedoch viel zu hellhörig sei.
„Deine Wohnung ist nicht zu hellhörig, aber diese Musik ist ganz furchtbar Nonna“, stellte ich fest, doch Nonna hörte mir nicht zu. Stattdessen feuerte sie inmitten des Lautsprecherchors fulminant zum Arbeiteraufstand an:
Vogliamo fabbriche, vogliamo terra
Ma senza guerra, ma senza guerra
Vogliamo fabbriche, vogliamo terra
Ma senza guerra, trionferà
Während sie erneut die Koteletts mit dem Fleischklopfer windelweich über das Küchenbrett schlug, sang sie voller Inbrunst von kühnen, wachen und stolzen Genossen und ihrer roten Fahne, die der Sonne empor geschwenkt wird.
Da das Klingeln an der Tür immer unnachgiebiger wurde und letztendlich in einem regelrechten Sturmklingeln mündete, konnte ich das Spektakel nicht weiter ertragen. Energisch zog ich den Stecker und ging, die Protestrufe meiner Nonna ignorierend, zur Tür. Corona machte was mit einem: Die einen glotzten Weihnachtsfilme, die anderen sangen Kommunistenlieder und wiederum andere klingelten Sturm.
Wie Nonna vorausgesagt hatte, war es Frau Stulpe. Wie hätte ich zu diesem Zeitpunkt ahnen können, welch unliebsame Wendung und grausiges Ende es mit Nonnas Nachbarin nehmen würde? An dieser Stelle hatte ich größte Not, vor der Schimpftirade der Graugelockten in Deckung zu gehen: „Sag mal Federico! Du hier? Man sollte alte Leute nicht besuchen. Man soll zu Hause bleiben! Warum bleibst du nicht zu Hause? Hast du etwa unten die Türklinke angefasst? Es gibt ja nicht mal Desinfektionsmittel! Ich nehme immer Spiritus, Spiritus geht auch, aber wenn dann nachmittags nochmal Besuch kommt. Besuch geht gar nicht. Man sollte zu Hause bleiben. Weißt du das denn nicht?“
Die echauffierte Seniorin redete sich aber derart in Rage, dass Nonna aus der Küche ihren zornesroten Kopf in den Flur steckte, den Fleischklopfer einer Drohgebärde gleich gegen die Nachbarin gerichtet.
„Was soll das?“, hechelte Frau Stulpe. „Wollen Sie etwa, dass mir das Trommelfell platzt, Frau Poletti? Sind Sie noch ganz bei Trost?“
„Ich bitte Sie, Signora Stulpe…was ist Ihr Problem? Mögen Sie etwa keine Musik? Also, wer keine Musik hat, der hat wohl kein Herz!“, schritt Nonna auf direktem Weg zum Frontalangriff über und fuchtelte siegessicher mit dem Fleischklopfer in der Luft.
„Ihre Theorien in Ehren, werte Nachbarin. Ich habe ein Herz. Aber nicht für Leute, die keine Rücksicht auf andere nehmen. Wie du mir, so ich dir! Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder machen würde? Soll ich vielleicht mal die „Melodien für Millionen“-Kollektion meines verstorbenen Gatten herausholen oder Ihnen den Hofbräu-Gassenhauer zum Balkon hineinjodeln lassen, wenn Sie Mittagsschlaf machen? Aber Sie machen wahrscheinlich gar keinen Mittagsschlaf – das Böse schläft nie, wie mein Mann zu sagen pflegte. Aber was ist das denn…hier riecht doch was…das ist bei Ihnen…das darf doch nicht wahr sein! Sagen Sie, Frau Poletti, ich glaube bei Ihnen brennt gerade etwas an? Oh Gott….da kommt ja Qualm aus Ihrer Wohnung, bei Ihnen ist wirklich Hopfen und Malz verloren. Hilfe! Zu Hilfe! Es brennt – halleluja! Es brennt! Diese Italienerin hier fackelt unser ganzes Haus ab!“
Obwohl beide Fenster sperrangelweit auf Durchzug standen, konnte ich Nonnas Konturen nur vage im dichten Küchenqualm erkennen. Wie ein Blinder schlich ich durch den rußschwarzen Dunst, bis ich plötzlich ihre graue Haarschnecke vor Augen hatte.
„Nonna, so was ist dir doch noch nie passiert!“, stellte ich unnötigerweise fest.
„Porca Miseria!“ Meine Großmutter schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie war gerade mit einem großen Wassereimer zugange, den sie mit beiden Händen zum Backofen herüber hievte, um die völlig verkohlten Koteletts abzulöschen.
„So ein Mist! An allem ist Frau Stulpe schuld. Warum regt sie sich nur über ein bisschen Musik auf. Madonna mia! Das schöne Essen! Dabei hatte ich mich so gefreut, dass ich die Koteletts noch im Tiefkühlfach hatte – jetzt ist alles hin!“ Sie knallte den Backofen zu und hockte sich erschöpft an den Küchentisch.
Dieser Tag hatte nicht gut angefangen, es war nur logisch, dass er sich nicht besser entwickelte.
„Aber nicht nur Frau Stulpe ist schuld, sondern vor allem dein Vater!“, verkündete Nonna großspurig. Sie berichtete, dass sie Papa schon vor Wochen darum gebeten hatte, nach dem Backofen zu sehen, da sich die Temperatur schon seit Längerem nicht richtig regulieren lassen würde. „Aber er hat ja nie Zeit! Er scheint ganz vergessen zu haben, dass er eine Mutter hat. Eine arme Frau bin ich!“ Nonna wackelte fortlaufend den Kopf und redete sich selbst in Rage.
So langsam wurde es mir wirklich zu viel mit dieser „Drama Queen“. Zuerst schrie sie hysterisch den Supermarkt zusammen und nun ließ sie auch noch das Essen anbrennen – und das, obwohl mein Magen auf halb acht stand! Selbst Mama hätte es in der Zwischenzeit geschafft, mir wenigstens eine Stulle zu schmieren. Zum jetzigen Zeitpunkt hätte ich selbst mit einem Tofu-Burger oder einem einfachen Knäcke mit Dill Dipp vorliebgenommen. Doch was gab es in diesem Haus? Ärger, nichts als Ärger und Frust! Ich meine gut, die Situation mit diesem Panik-Virus war für alle nicht leicht, aber, so what? Wir hatten immer noch was im Kühlschrank. Wir hatten einer perfiden Hamsterkäuferin sogar die letzten Nudelpackungen abgenommen. Wir würden so schnell nicht sterben, jedenfalls nicht am Hungertod. Und genau das sagte ich Nonna jetzt.
„Du könntest wenigstens ein paar Nudeln machen!“, schlug ich vor. Nudeln machten satt. Und vor allen Dingen gingen sie schnell. Jetzt musste es auch schnell gehen, denn mein Magen knurrte wie ein Wolf und ich konnte förmlich beobachten, wie ich minütlich mehr in den Unterzucker geriet.
„Beweg dich endlich und mach mir was zum Essen!“, schrie der graue Wolf in mir, während die Küchenvorhänge im Märzwind wie ein Bataillon aufgescheuchter Gespenster umherflatterten. Doch das sagte ich natürlich nicht. Stattdessen wimmerte ich ein bisschen, wie früher, als Nonna mich unter die Dusche gezwungen hatte, wo ich doch so gerne ein trockener Junge geblieben wäre.
Nonna erhörte mein Wimmern. Endlich begann sie, mir mein blitzschnelles Lieblingsgericht zuzubereiten: Spaghetti Aglio e Olio. Ich liebe Knoblauchspaghetti, doch ich hätte zum jetzigen Zeitpunkt alles gegessen – selbst das frittierte Telefonbuch von Spiesen-Elversberg. Während meine Großmutter das Nudelwasser zeitlupenartig in den Kochtopf einließ, überlegte ich, ob ich sie mit einem „Hopp hopp hopp“ ein bisschen anfeuern sollte. Flinke Küchenarbeit ging anders! Nonna hantierte langsamer als eine Schnecke und ich fragte mich, ob sie das nervtötende Schauspiel tatsächlich aus Kraftlosigkeit oder nicht vielmehr aus Gehässigkeit vollbrachte. Während sie die Knoblauchzehe mit den Fingerspitzen zu schälen begann, riss ich einer Übersprungshandlung gleich den Backofen auf, um zwischen den verbrannten Koteletts noch einen halbwegs nahrhaften Knochen zu erheischen.
Dummerweise schob mich Nonna zur Seite und holte nun selbst die Koteletts beziehungsweise das, was davon übriggeblieben war, aus dem Ofen. Dann stellte sie das Radio an und begann die verbrannte Ofenform zu schrubben, während im Rundfunk die aktuellen Fallzahlen des Robert Koch Instituts und die Schreckensmeldungen der ausufernden Pandemie in Italien bekanntgegeben wurden.
„So viele Tote in Bergamo! Dio Mio!“ Nonna fuchtelte verzweifelt im Spülwasser, während der Nachrichtensprecher von Militärtransportern berichtete, die die Corona-Opfer, denen nicht mehr zu helfen gewesen war, abtransportierten.
Nonna stieß ein markerschütternden „Oddio!“ aus und griff zum Edelstahlschwamm, mit dem sie sich wie eine Besessene an der verbrannten Kruste zu schaffen machte. Sie rubbelte und scheuerte umher, bis ihr die Ofenform aus der Hand glitt und mit einem satten Plätscher ins randvolle Spülbecken glitt. Das Wasser spritzte und schwappte in alle Himmelsrichtungen, selbst Nonnas selbst gehäkelte Tischdecke wurde von der braunen Brühe überflutet und leider auch mein funkelnagelneuer Hoodie, der gestern nach drei (!) Wochen Lieferzeit endlich angekommen war.
„Mensch Nonna!“, fuhr es aus mir heraus. Die Drecksbrühe auf meinem schneeweißen Sweater sah wirklich eklig aus.
„Oh, scusami, Bello! – Entschuldige bitte!“ Sie tauschte den Edelstahlschwamm gegen ein Küchenhandtuch, mit welchem sie statt der Pfanne nun auch meinen Ärmel behandelte.
„Nonna, du machst es doch nur noch schlimmer! Lass es gut sein, der kommt besser in die Waschmaschine bei Mama!“, sagte ich und wollte ihr das Küchenhandtuch abnehmen, da schnappte sie plötzlich nach meiner Hand.
„Autsch!“ Ich protestierte entsetzt. „Was soll das Nonna?“
Mit dem Blick einer Verrückten sah sie durch mich hindurch. „Der Teufel“, zischte sie. Ihr stierer Blick hatte etwas von den verirrten Seelen, die in den Schwarz-weiß-Psychofilmen mit Kälteschocks behandelt werden. „Der Teufel! Das war Teufel!“, wiederholte sie ihre Mutmaßung.
Meine Güte! Im Netz wurde ja so einiges veröffentlicht, manche sprachen von einem Labor, in denen das Corona-Virus hochgezüchtet wurde, um der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Ich besaß ein grundsätzliches weltoffenes Naturell und Meinungsfreiheit fand ich gut, aber dass meine Nahverwandte nun über eine höchst unwissenschaftliche Erscheinung referierte, nämlich den personifizierten Luzifers, der das Virus angeblich auch in unsere Gefilde gehext hatte, fand ich höchstbedenklich.
„Nonna, nun sag doch nicht so was!“, lenkte ich mit letzter Kraft ein. Übelkeit stieg in mir hoch und ein fahler Geschmack machte sich in meinem Mund breit. Wie lange konnte es ein Mensch wohl ohne Essen aushalten? Doch meinen Hunger interessierte Nonne nicht mehr. Im Gegenteil: Sie preschte zum Herd, riss das sich kurz vor dem Sieden befindende Nudelwasser vom Ceranfeld gab einen kleinen Schuss Olivenöl in den Topf. Dann steckte sie ihren Kopf über das Orakel und wurde ganz blass: „Oddio! Madonna! Der Teufel, er ist mitten unter uns!“, sagte sie und knallte mir den Kochtopf vor meine Nase.
„Siehst du! Da! Der Teufel!“, herrschte sie mich an.
Ich blickte auf den Ölfilm, die sich zu zwei ovalen Tropfen geteilt hatte. Was um Himmels Willen sollte der Beelzebub mit ein bisschen Olivenöl im Nudelwasser zu tun haben?
