Otto Wiener - Rudolf Grossmaier - E-Book

Otto Wiener E-Book

Rudolf Grossmaier

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Beschreibung

In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es keinen Opernbesucher, namentlich in der Wiener und der Bayerischen Staatsoper, dem Otto Wiener kein Begriff war. Als Bassbariton, vor allem in Rollen Wagners und Strauss‘, sehr gefragter Gast aller großen Opern- und Festspielhäuser der Welt, galt Otto Wiener dennoch, vor allem in Wien, als Stütze des Ensembles. Denn ein solches gab es damals noch. International bekannte Stars wie Eberhard Wächter, Waldemar Kmentt, Christa Ludwig, Sena Jurinac, Walter Berry, Hilde Güden, Wilma Lipp, um nur einige zu nennen, gehörten diesem legendären Ensemble an. Auch Otto Wiener war ein wesentlicher Teil dieser heute bereits unglaublich anmutenden Einrichtung. In seiner humorvollen Art bezeichnete er sich selbst einmal als »eines der letzten wirklichen und auch bedeutenden Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper«. Damit traf Wiener natürlich den Nagel auf den Kopf, denn er sang in diesem Haus die größten und schwersten Partien seines Faches ebenso wie die kleineren, aber nicht minder wichtigen Rollen in den unterschiedlichsten Opern und in verschiedenen Sprachen. Er war überall dort zur Stelle, wo man ihn brauchte.

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Meinem Bruder Franz Grossmaier,

mit dem ich oft gemeinsam auf dem Stehplatz der

Wiener Staatsoper Kammersänger Otto Wiener

bewundern durfte, gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort von Kammersänger Waldemar Kmentt

Wer kennt Otto Wiener?

Ein Star ohne Allüren

Ein Wiener namens Wiener

Musiker oder Tierarzt?

Vom erfolgreichen Konzertsänger zum angehenden Opernsänger

An der Oper in Graz

Als Gast auch in Wien

An der Deutschen Oper am Rhein

An der Wiener Staatsoper

An der Bayerischen Staatsoper in München

Bei den Salzburger Festspielen

Bei den Bayreuther Festspielen

Zu Gast in aller Welt

So viele Wiener

Otto Wiener in seinen Opernpartien

Hans Sachs in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg

Wotan, Wanderer und Gunther in Wagners Der Ring des Nibelungen

Holländer in Wagners Der fliegende Holländer

Kurwenal in Wagners Tristan und Isolde

Amfortas in Wagners Parsifal

In den Opern von Richard Strauss

Don Pizarro in Beethovens Fidelio

Carlo Borromeo in Pfitzners Palestrina

Von Monteverdi bis Dallapiccola

Otto Wiener als Konzertsänger

Beruflich persönlich

Ehrungen und neue Aufgaben

Tondokumente von Otto Wiener auf Schallplatte, CD und im ORF

Personenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Otto Wiener privat

Abb. 2: Otto Wieners Eltern

Abb. 3: Als Kind mit Schwester Helene

Abb. 4: Mit Frau Rudolfine

Abb. 5: Privat 1950

Abb. 6: Als Reinmar von Zweter in Tannhäuser an der Mailänder Scala 1950

Abb. 7: Ljuba Welitsch, die unvergleichliche Salome, begann in Graz

Abb. 8: Schicksalsrolle Hans Sachs in Graz

Abb. 9: Karl Böhm

Abb. 10: Beim »Bühnentürl« der Wiener Staatsoper, 1964

Abb. 11: Hans Sachs in Bayreuth

Abb. 12: Hans Knappertsbusch

Abb. 13: Hans Sachs an der Metropolitan Opera 1962

Abb. 14: Privat 1955

Abb. 15: Hans Sachs – seine Glanzrolle

Abb. 16: Ein Stück Operngeschichte

Abb. 17: Wanderer an der Wiener Staatsoper

Abb. 18: Gunther an der Wiener Staatsoper

Abb. 19: Holländer in Bayreuth, mit Leonie Rysanek als Senta

Abb. 20: Kurwenal an der Wiener Staatsoper

Abb. 21: Amfortas an der Wiener Staatsoper

Abb. 22: Faninal in München

Abb. 23: Barak an der Wiener Staatsoper

Abb. 24: La Roche an der Wiener Staatsoper

Abb. 25: Don Pizarro an der Wiener Staatsoper

Abb. 26: Carlo Borromeo an der Bayerischen Staatsoper

Abb. 27: Don Giovanni an der Wiener Staatsoper im Theater an der Wien

Abb. 28: Rigoletto an der Grazer Oper, mit Hanny Steffek als Gilda

Abb. 29: Großinquisitor an der Wiener Staatsoper

Abb. 30: Falstaff an der Bayerischen Staatsoper

Abb. 31: Coppelius an der Wiener Staatsoper

Abb. 32: Dapertutto an der Wiener Staatsoper

Abb. 33: Dr. Mirakel an der Wiener Staatsoper

Abb. 34: Tonio an der Grazer Oper

Abb. 35: Blaubart an der Wiener Volksoper

Abb. 36: Cardillac an der Wiener Staatsoper

Abb. 37: Programmzttel zu Golgotha, Wiener Musikverein

Abb. 38: Mit König Bhumibol im Wiener Musikverein

Vorwort von Kammersänger Waldemar Kmentt

Kammersänger Otto Wiener war für mich ein sehr lieber Kollege und ein großer Künstler, dabei gleichzeitig ein bescheidener Mensch. Zusammen haben wir in vielen Opern gesungen, was mir immer eine besondere Freude war! Beispielhaft seien hier die Zauberflöte, Fidelio oder Capriccio genannt. Otto Wiener beherrschte sein Fach durch den klugen Einsatz seiner schönen Stimme und gestaltete ganz besonders einen großartigen Hans Sachs in Wagner‘s Meistersinger, seiner Paraderolle, die wie für Ihn gemacht schien. Aber auch als Konzertsänger wurde Otto Wiener sehr geschätzt, ausgestattet mit seiner unglaublichen Musikalität.

Ich denke oft an ihn und an die alten Zeiten...

Waldemar Kmentt, Wien Januar 2014

Wer kennt Otto Wiener?

»Mein Großonkel war der Kammersänger Otto Wiener«, erzählte mir eines Tages Frau Dr. Johanna Weißböck. Johanna, von Beruf Ärztin, verbringt ebenso wie ich einen erheblichen Teil ihrer Freizeit singend im Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Österreichs größtem und bedeutendstem Konzertchor. Da sie von meinem Interesse für das Gebiet Oper wusste, berichtete sie mir auch, dass sie den künstlerischen Nachlass von Otto Wiener geerbt hatte und fragte mich, ob ich nicht irgendjemanden wüsste, der diesen verwerten könnte, zu einem Buch etwa. Ich dachte darüber nach und hörte mich in meinem Bekanntenkreis um. Nicht selten kam mir dabei, selbst unter erklärten Opernfreunden, die Frage entgegen: »Wer ist Otto Wiener?« Na klar, den Jüngeren unter den Opernbesuchern von heute ist ein Sänger, dessen Glanzzeit über vierzig Jahre zurückliegt, kein Begriff mehr. Manchen war sein Name zwar geläufig, persönlich erlebt hatten sie ihn allerdings nicht mehr. Und einige wenige andere, die ich schließlich doch noch gefunden hatte, konnten mir zwar berichten, dass sie ihn selbstverständlich auf der Bühne erlebt hätten, in allen seinen großen Rollen, und dass sie natürlich auch noch genau über seine sängerischen und darstellerischen Tugenden Bescheid wüssten. Aber etwas über ihn schreiben? Das sollte doch besser jemand machen, der ihn noch persönlich gut gekannt hatte!

Das Anliegen, irgendjemandem die Verwertung seines Nachlasses anzubieten, erschien mir immer mehr als hoffnungsloses Unterfangen. Aber irgendwie reizte mich das Thema. Biographien über bekannte Künstler gibt es schließlich sehr viele – auch über weniger bedeutende als Otto Wiener einer war. Und wenn ich ihn zwar auch – leider – nicht persönlich gekannt hatte, so sind mir viele seiner zahlreichen Auftritte in der Wiener Staatsoper oder im Wiener Musikverein noch heute sehr lebhaft in Erinnerung. Außerdem schlichen sich dabei noch jede Menge nostalgische Gefühle ein: Otto Wieners Glanzzeit als bedeutender Opernstar war untrennbar mit einem wesentlichen Teil meiner Jugend und den dazu gehörenden Vorlieben und Interessen verbunden: mit meiner Begeisterung für Musik im Allgemeinen und für das faszinierende Gebiet der Oper im Besonderen. Und dabei begann diese Zeit in meiner Erinnerung immer lebendiger zu werden: der Wiener Opernalltag, auf dem (fast täglich besuchten) Stehplatz erlebt, das einzigartige Sängerensemble, das die Wiener Oper damals hatte. Und einer davon, wohl einer der Bedeutendsten, war Otto Wiener, der unvergleichliche Interpret des Hans Sachs in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, Otto Wiener, der hochmusikalische Sänger mit der charakteristischen, markigen Baritonstimme, Otto Wiener, mit seiner vorbildlichen Artikulation, seiner eminenten Wortdeutlichkeit selbst bei den gewaltigsten Gesangspartien. Aber auch Otto Wiener, der äußerst sympathische, liebenswürdige, nicht im Geringsten arrogante Sängerstar beim »Bühnentürl« der Wiener Staatsoper, der nach jedem seiner Auftritte, von einer riesigen Verehrerschar umgeben, unzählige Autogramme gab. Damals war es üblich, dass man einem Künstler, von dem man gerne ein Bild mit Autogramm haben wollte, ein frankiertes und adressiertes Kuvert übergab, und man nach einiger Zeit ein Bild, privat oder in irgendeiner Rolle, erhielt. Otto Wiener war diesbezüglich eine Ausnahme zu allen anderen Sängern, an die ich mich erinnere. Man konnte nämlich in das leere Kuvert hineinschreiben, von welcher Rolle man gerne ein Bild hätte – und dieses bekam man dann auch sehr bald, unter Garantie. Aber selbst wenn man in einem Kuvert mehrere Rollen angab, schickte Kammersänger Wiener dann auch mehrere Bilder. Ich erinnere mich, einmal von ihm in einer Sendung die von mir gewünschten sieben (!) verschiedenen Rollenfotos, mit Autogrammen versehen, erhalten zu haben. So unverschämt konnten die Fans damals sein – und so liebenswürdig und großzügig reagierte darauf Otto Wiener – aber nur er!

Natürlich schätzten und verehrten ihn seine unzähligen Fans nicht nur, sondern sie liebten ihn auch sehr. Wenn er in seiner Glanzrolle als Hans Sachs in Wagners Meistersingern im letzten Akt feierlich auf der Festwiese erschien, war ihm der (damals an dieser Stelle an sich übliche) Applaus in besonderem Ausmaße sicher. Und ganz besonders frenetisch fiel dieser bei seinem zweihundertsten Sachs am 20. Dezember 1964 in der Wiener Staatsoper aus – er wollte einfach kein Ende nehmen, obwohl freilich eine Unterbrechung der Aufführung an dieser Stelle völlig undenkbar war. Und wenn sich Wiener nach einer Vorstellung in der Staatsoper oder im Musikverein dann seinen Verehrern zuwandte, um die Autogrammwünsche zu erfüllen, so war dem liebenswürdigen und bescheidenen Künstler stets seine attraktive Frau Rudolfine zur Seite. Ich erinnere mich an einen der ersten Auftritte, die ich von Otto Wiener im Musikverein erlebt hatte. Es handelte sich um Bachs Matthäus-Passion, in der er die Bass-Arien gesungen hatte. Ich war, damals noch ein Gymnasiast, gemeinsam mit einem Freund in dem Konzert und selbstverständlich danach im Künstlerzimmer, um Autogramme zu bekommen. Die Sopran-Arien sang in dieser Aufführung Teresa Stich-Randall, von der wir natürlich auch ein Autogramm wollten. Während Otto Wiener unsere Autogrammwünsche erfüllte, erschien neben ihm eine uns damals noch nicht bekannte Dame. Mein Freund glaubte, es handelte sich um Teresa Stich-Randall und rief etwas aufgeregt: »Die Stich!«, was Wiener natürlich hörte und in bestem Wienerisch antwortete: »Des is net die Stich, des is mei Frau!«

Sieht man den Nachlass Otto Wieners durch, so ist man beeindruckt von der geradezu peniblen Sorgfalt, mit der der Künstler alle Dokumente, in denen sein Name aufgeschienen ist, gesammelt hat: Bücher, Tonträger, Programme und Presseberichte. Die Anzahl der Kritiken, die fast durchwegs überschwängliches Lob versprühen, ist nahezu unüberschaubar. Dafür sucht man seinen Namen in Klatschspalten oder in der so genannten »Regenbogenpresse« vergeblich. Dass eine große internationale Karriere ohne eine solche Plattform der »Society« und ohne die Verbreitung mehr oder weniger wichtiger Details aus dem Privatleben überhaupt möglich ist, erscheint in der heutigen Zeit geradezu unbegreiflich! Natürlich hätte ich es sehr begrüßt, wenn mir jemand mit irgendwelchen Anekdoten oder »G’schichterln« über Otto Wiener hätte aufwarten können. Aber auch die Tatsache, dass es solche nicht gibt und wahrscheinlich auch zu seinen Lebzeiten kaum gegeben hat, spricht für sich – und für die ganz besondere Persönlichkeit Otto Wieners.

Ich war daher beim Verfassen meines Buches so gut wie ausschließlich auf Fakten angewiesen, auf die Daten von Aufführungen oder auf eine kurze Schilderung der von Otto Wiener interpretierten Werke sowie der wichtigsten Orte seiner zahlreichen Auftritte. Und natürlich auf die mir in reichem Umfang zur Verfügung stehenden Presse-Kritiken. Sie lassen die Künstlerpersönlichkeit Otto Wieners am anschaulichsten vor unseren Augen erstehen, weshalb ich sie auch immer wieder zitiert habe. Auch das reichhaltige Notenmaterial, das der Künstler hinterlassen hat und in dem man meist im Deckel seinen Namen eingeprägt findet, etwa auf dem Klavierauszug der Meistersinger von Nürnberg, besitzt einige Aussagekraft. Sieht man dieses Notenmaterial nämlich genauer durch, so findet man darin – wie dies bei allen Musikern und Sängern eigentlich ganz normal ist – einige ganz persönliche, mit Bleistift vorgenommene Eintragungen, die einen Rückschluss auf die sehr gewissenhafte Arbeitsweise des Künstlers zulassen. In puncto Unterlagen war ich also bestens versorgt!

Wesentlich schwieriger war es mit den Zeitzeugen. Von den vielen bedeutenden Künstlern, die mit Otto Wiener gemeinsam die Auftritte auf der Bühne oder auf dem Konzertpodium bestritten haben, sind die meisten heute nicht mehr unter uns. Umso mehr bin ich jenen zu Dank verpflichtet, die mir mit einigen persönlichen Worten geholfen haben, das Bild des Künstlers und Menschen Otto Wiener nachzuzeichnen. Frau Kammersängerin Wilma Lipp war die Eva in zahllosen Aufführungen von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg mit Wiener als Hans Sachs an den großen Opernhäusern in aller Welt. Aber sie war auch oft dessen Partnerin in Konzerten, etwa in der Neunten Beethovens. Frau Kammersängerin Christa Ludwig ist mit Wiener an der Wiener Staatsoper und bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. In Wien sang sie die Clairon in der legendären Produktion von Strauss' Capriccio, in der Wiener den Theaterdirektor La Roche gestaltete, und in Salzburg war sie die Feldmarschallin im Rosenkavalier unter Karl Böhm, mit Wiener als Faninal. Frau Kammersängerin Sena Jurinac, als Octavian im Rosenkavalier bis heute unerreicht und unvergesslich, sang die Rolle des Ighino in der Wiener Premiere von Palestrina mit Wiener als Borromeo. Herr Kammersänger Waldemar Kmentt hatte gemeinsam mit Wiener in etlichen Konzerten, etwa in den Oratorien Haydns, mitgewirkt. Er war aber auch auf der Opernbühne des Öfteren Wieners Partner, so als Tamino in der Zauberflöte, als Jaquino in Fidelio und als Flamand in Capricco. Alle diese hervorragenden und von mir äußerst geschätzten Künstler konnten mir in Telefongesprächen ihre große Begeisterung für Otto Wiener sowohl als Sänger wie als Kollegen bezeugen.

Wilma Lipp erzählte mir, Otto Wiener sei »ein wunderbarer Kollege und ein ausgezeichneter Künstler« gewesen, dessen Besonderheit es war, dass er »einfach immer gleichmäßig gut war«. Auf gemeinsamen Reisen habe sie »oft privat mit ihm zusammen gesessen«, wobei »seine reizende Frau immer dabei war«. Christa Ludwig berichtete mir, Wiener sei »ein sehr bescheidener großer Künstler« gewesen, der »sich nie in den Vordergrund gespielt hat«. Über seine besonderen Tugenden als Sänger meinte sie, Wiener habe »eine schöne Baritonstimme gehabt, die er ungeheuer klug einsetzt hat. Dank seiner ausgezeichneten Technik hat er es sehr gut verstanden, mit seiner Stimme richtig umzugehen. « Sena Jurinac nannte Wiener einen »ganz lieben Kollegen« und einen »sehr gewissenhaften, ernsthaften Künstler«. Leider ist diese großartige Sängerin kurz darauf, am 22. November 2011, verstorben. Waldemar Kmennt verlieh seiner Bewunderung für den Künstler Otto Wiener vollen Ausdruck, rein privat konnte er mir aber nicht allzu viel über ihn berichten. Doch ich danke Herrn Kammersänger Kmentt, dessen Erinnerungen an seinen Kollegen Wiener immer noch von sehr viel fachlicher wie persönlicher Bewunderung erfüllt sind, ganz herzlich für das Vorwort, das er liebenswürdiger Weise zu diesem Buch verfasst hat!

Herr Kammersänger Heinz Holecek war privat Wieners Nachbar und in der Wiener Staatsoper dessen »Kantinenfreund«. In einem ganz ungezwungenen persönlichen Gespräch erzählte er mir viel Bemerkenswertes über Otto Wiener. Vor allem Künstlerisches, dass er »ein wunderbarer Sachs« und »sehr musikalisch« war, »ausdrucksvolle Hände« hatte – insgesamt »ein großer Künstler, der sehr auf intelligente Ökonomie bedacht war«. Er sei kein »Stimmprotz« gewesen, sondern als Sänger »sehr ausdrucksstark, elegant und effektvoll«. Von den gemeinsamen Auftritten ist Holecek vor allem jener in Wagners Rheingold in Turin in Erinnerung, worüber noch zu berichten sein wird. Auch persönlich schätzte er seinen Sangeskollegen, mit dem er oft gemeinsam nach Hause fuhr, sehr, denn Wiener sei stets »außerordentlich kameradschaftlich, kollegial und herzlich gewesen und habe Harmonie ausgestrahlt«. Er bewunderte an ihm, dass er »sehr gebildet war, in allen Richtungen«, »sehr diszipliniert«, »in tolles Weltbild hatte« und »als großer Künstler doch mit beiden Beinen in der Welt stand«. Er sei persönlich »sehr schlagfertig« gewesen, »ein normaler, natürlicher Mensch, der das Leben genossen hat«, aber den »geselligen, aufrauschenden Festen«, wie sie unter den Sängerkollegen manchmal üblich waren, doch lieber fern geblieben war. Ein gemeinsamer Heurigenbesuch gehörte eher zu den Raritäten. Vielleicht sind aus diesem Grund auch so gut wie keine »persönlichen Geschichten« über Wiener erhalten. Leider kann ich Heinz Holecek, der auch ein Vorwort zu meinem Buch verfassen wollte, für seine wertvollen Beiträge nur mehr posthum danken. Denn am 14. April 2012, seinem 74. Geburtstag, ist der äußerst beliebte Sänger und Komödiant verstorben.

Für den Bericht über eine sehr hübsche Begegnung mit Wiener danke ich Frau Eva Gipfl, die als Kind im Kinderchor des Österreichischen Rundfunks unter der Leitung von Prof. Wilhelm Waldherr gesungen hat. Einmal, im Jahre 1953, wurde in einer Kindersendung das Stück Rotkäppchen und der Wolf gestaltet, zu dem Waldherr die Lieder geschrieben hatte. Otto Wiener sang darin den Wolf und für die Rolle des Rotkäppchens fiel die Wahl auf die kleine Eva mit ihrer zarten Stimme. Wiener hatte in dem Stück auch ein Lied über den Mond gesungen und dabei zu den Kindern gescherzt, sie sollten nicht zu viel auf den Mond schauen, wobei er auf seine damals bereits etwas kahle Stirne gezeigt hatte. Frau Gipfl, die im Kinderchor mit vielen bekannten Sängern zusammengearbeitet hat, ist heute noch von der liebenswürdigen und humorvollen Persönlichkeit Wieners beeindruckt. Als sie dem Künstler 1985 eine Glückwunschkarte zum Geburtstag schickte, bekam sie prompt ein Antwortschreiben mit lieben Worten der Erinnerung an das »Rotkäppchen« und unterschieben vom »Wolf Otto Wiener«.

Wichtige Informationen über Kammersänger Wiener erhielt ich außerdem von Herrn Prof. Dr. Harald Goertz, dem ehemaligen stellvertretenden Chordirektor der Wiener Staatsoper, Herrn Kammersänger Peter Weber, einem Schüler Wieners im Wiener Opernstudio sowie vom ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, Herrn Joan Holender. Allen sei an dieser Stelle gedankt. Die vielen bedeutenden Dirigenten, unter deren Leitung Otto Wiener gesungen hat sowie die Intendanten der internationalen Opern- und Festspielhäuser, die ihn engagiert hatten, leben leider nicht mehr. Und von den namhaften Regisseuren, die mit Wiener gearbeitet haben, kann ich nur mehr Otto Schenk für seinen Bericht am Telefon, auf den noch zurückzukommen sein wird, herzlich danken. Ganz besonders zu Dank verpflichtet bin ich auch Herrn Gottfried Cervenka, der mich äußerst fachkundig und tatkräftig bei der Dokumentation der Tonträger von Otto Wiener unterstützt hat.

Am meisten Privates über den Künstler konnte ich natürlich seitens der Familie Otto Wieners erfahren, insbesondere von Frau Dr. Gertrud Kühnel, der Nichte des Sängers und Mutter von Johanna Weißböck. Sie machte mich vor allem mit der Kindheit und frühen Jugend des Künstlers vertraut, wofür ich ihr ganz herzlich danke. Leider ist auch die Ehefrau Otto Wieners, die ebenfalls schon legendäre Rudolfine, die mich zweifellos mit zahlreichen Informationen hätte versorgen können, schon seit einigen Jahren verstorben, und Kinder sind aus der Ehe nicht hervor gegangen. Einiges an wichtigem Informationsmaterial verdanke ich jedoch Rudolfine Wieners Neffen, Herrn Dipl. Ing. Helmuth Skolaut. Und selbstverständlich danke ich ganz besonders Frau Dr. Johanna Weißböck, die mir nicht nur sämtliche Stücke aus dem Nachlass der Künstlers bereitwillig übergeben, sondern mir auch die für meine Arbeit erforderliche Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat, wobei sie von ihrem Mann, Herrn Dipl.-Ing. Maximilian Weißböck, tatkräftig unterstützt wurde. Alle die Genannten haben sehr Wertvolles dazu beigetragen, das Bild eines großartigen Künstlers und Menschen nachzuzeichnen, der zwar der Vergangenheit angehört, in der Erinnerung aber noch sehr lebendig erscheint. Vielleicht kann dieses Buch ein wenig dazu beitragen, die Erinnerungen etwas aufzufrischen und auch jenen, die Otto Wiener nicht mehr selbst erleben durften, einen Eindruck seiner einmaligen Persönlichkeit zu vermitteln.

Wien, im März 2014

Rudolf Grossmaier

Ein Star ohne Allüren

Abb. 1: Otto Wiener privat

In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es keinen Opernbesucher, namentlich in der Wiener und der Bayerischen Staatsoper, dem Otto Wiener kein Begriff war. Als Bassbariton, vor allem in Rollen Wagners und Strauss‘, sehr gefragter Gast aller großen Opern- und Festspielhäuser der Welt, galt Otto Wiener dennoch, vor allem in Wien, als Stütze des Ensembles. Denn ein solches gab es damals noch. International bekannte Stars wie Eberhard Wächter, Waldemar Kmentt, Christa Ludwig, Sena Jurinac, Walter Berry, Hilde Güden, Wilma Lipp, um nur einige zu nennen, gehörten diesem legendären Ensemble an. Auch Otto Wiener war ein wesentlicher Teil dieser heute bereits unglaublich anmutenden Einrichtung. In seiner humorvollen Art bezeichnete er sich selbst einmal als »eines der letzten wirklichen und auch bedeutenden Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper«. Damit traf Wiener natürlich den Nagel auf den Kopf, denn er sang in diesem Haus die größten und schwersten Partien seines Faches ebenso wie die kleineren, aber nicht minder wichtigen Rollen in den unterschiedlichsten Opern und in verschiedenen Sprachen. Er war überall dort zur Stelle, wo man ihn brauchte. Daneben war er als ausgezeichneter Konzertsänger äußerst begehrt, wie die Programmarchive der beiden großen Wiener Konzertveranstalter, Musikverein und Konzerthaus, aber auch jene der Salzburger Festspiele und des Grazer Domchors, eindrucksvoll belegen. Sein Repertoire war enorm und seine Musikalität ebenso. Heute wäre ein Sänger seines Formats ohne Frage als Weltstar zu bezeichnen – ein Begriff, der mit dem Namen Otto Wiener bei aller Wertschätzung und Popularität niemals in Verbindung gebracht wurde. Denn obwohl ihn sein Publikum liebte und ihn alle großen Dirigenten ebenso schätzten wie die Direktoren der führenden Opernhäuser, zog er seine Funktion als Mitglied des Ensembles der internationalen Karriere vor. Zudem blieb er trotz seiner großen Erfolge stets ein bescheidener, liebenswürdiger Mensch, ein Star ohne Allüren.

Seine Stimme, ein kräftiger, eher hell und sehr charakteristisch gefärbter Bariton mit bemerkenswertem Stimmumfang, galt als Bassbariton und bot sich daher für die Interpretation der Heldenbaritonrollen in den Opern Richard Wagners an. Und obgleich ihm die für die großen Vertreter dieses Stimmfaches typische Düsternis des Timbres fehlte, zählte Otto Wiener dennoch zu den führenden Interpreten gerade dieser gewaltigen Partien. Doch so sehr seine Darbietungen als Wotan im Ring des Nibelungen oder als Titelheld im Fliegenden Holländer geschätzt und bewundert wurden – in einer Rolle war Otto Wiener zu seiner Zeit unübertroffen: als Hans Sachs in den Meistersingern von Nürnberg. Wagners Schusterpoet war ihm förmlich auf den Leib und in die Kehle geschrieben, er verkörperte ihn nahezu 300 Mal auf allen großen Opernbühnen der Welt. Neben den Opern Wagners galten viele der bedeutenden Charakterrollen in den Werken Richard Strauss' als Wieners Domäne, so der Faninal im Rosenkavalier, der Musiklehrer in Ariadne auf Naxos, der Jochanaan in Salome, der Orest in Elektra und ganz besonders der La Roche in Capriccio. Den Barak in der Frau ohne Schatten sang er leider nur ein einziges Mal, dafür aber unter Herbert von Karajan an der Wiener Staatsoper. Die vier Bösewichter in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen charakterisierte er stimmlich und darstellerisch souverän, ebenso den Borromeo in Pfitzners Palestrina, und als Don Pizarro in Beethovens Fidelio bestach er freilich mehr durch Ausdruck und Stimmkultur als durch Dämonie. Und immer wieder beeindruckte er in ausgesprochenen Charakterrollen, etwa als Blaubart in Bartóks Herzog Blaubarts Burg oder in der Titelrolle von Hindemiths Cardillac.

Betrachtet man Otto Wieners gesamtes Rollenverzeichnis, so ist man mehr als verblüfft, denn er hat im Laufe seiner langen Sängerkarriere so ziemlich alles gesungen, was höhen- und tiefenmäßig zu seinem gewaltigen Stimmumfang passte, auch Rollen, die man heute gar nicht als typisch für ihn ansehen würde, etwa den tragischen Titelhelden in Mozarts Don Giovanni, den Torero Escamillo in Bizets Carmen, Verdis Rigoletto und Simon Boccanegra oder aber eine ausgesprochene Basspartie wie den Großinquisitor in Verdis Don Carlos. Dank seiner hervorragenden Musikalität und seiner sängerischen und darstellerischen Intelligenz waren ihm so gut wie keine Grenzen gesetzt. Immer wieder sang er – und auch das ist charakteristisch für ihn – den Sprecher in Mozarts Die Zauberflöte, eine zwar kleine, aber im Spielplan eines Opernhauses eminent wichtige Rolle. Mit dieser verabschiedete er sich auch am 13. Februar 1986, nach einer langen Karriere, von der Opernbühne.

Otto Wiener hatte sich 1986 zwar von der Opernbühne zurückgezogen, nicht aber von der Oper selbst. Denn Direktor Egon Seefehlner hatte ihm bereits 1976 die Leitung des Nachwuchsstudios der Wiener Staatsoper, die Betreuung junger, angehender Opernsänger, anvertraut. Es erscheint fast überflüssig zu erwähnen, dass sich Wiener dieser Aufgabe mit derselben Hingabe widmete wie der Gestaltung seiner zahlreichen Partien auf der Bühne. Die Weitergabe seiner ungeheuren Kenntnisse und Erfahrungen an junge Sängerinnen und Sänger gehört damit ebenso zu seinem künstlerischen Vermächtnis wie seine zahlreichen Tonaufnahmen, die Zeugnis von Wieners unverwechselbarer musikalischer und interpretatorischer Gestaltungskraft ablegen.

Ein Wiener namens Wiener

Abb. 2: Otto Wieners Eltern

Immer wieder hatte es Journalisten und Kulturberichterstatter aus aller Welt amüsiert, dass der bekannte und beliebte Kammersänger Otto Wiener tatsächlich aus Wien stammte. Zudem entsprach das Erscheinungsbild Otto Wieners ja genau dem, was man sich allerorts unter einem typischen Wiener vorstellt: Eine liebenswürdige, lebenslustige, humorvolle, charmante, weltgewandte und dennoch bescheidene Persönlichkeit. Dem Namen »Wiener« begegnet man in Wien ja auf Schritt und Tritt, man blicke nur ins Telefonbuch: Die Wiener Staatsoper, die Wiener Philharmoniker und die Wiener Sängerknaben seien als prominente Vertreter für die zahllosen Einrichtungen und Personengemeinschaften genannt, deren Namen mit »Wiener« beginnt. Dazu kommen auch immer wieder bedeutende Einzelpersonen dieses Namens in Wien, etwa der bekannte Kabarettist, Komponist und Textdichter Hugo Wiener. Was aber heute kaum jemand mehr weiß, ist die Tatsache, dass der berühmte Opern- und Konzertsänger ursprünglich gar nicht Wiener geheißen hatte, sondern als Otto Wieninger zur Welt gekommen war. Seine väterlichen Vorfahren stammten aus einem kleinen Ort namens Wiening an der Iller in Oberbayern und siedelten sich später als Weinhauerfamilie im Weinviertel in Österreich an. Der Name Wieninger ist ja wohl allen Liebhabern edler Weine ein Begriff, denn so heißt heute einer der prominentesten Winzer Wiens. Von einer echten Wiener Familie stammte Otto allerdings mütterlicherseits ab, denn die Familie Soucek war hier bereits seit dem 16. Jahrhundert ansässig.

Ottos Vater, Julius Wieninger, wurde 1873 in Roseldorf, einem kleinen Ort in Niederösterreich, geboren und kam schon als Zehnjähriger nach Wien, um dort die Schule zu besuchen und danach im Lebensmittelgeschäft seiner älteren Schwester in die Lehre zu gehen. Später arbeitete er in einer großen Selcherei, wo er auch seine erste Frau, Berta Soucek, kennen lernte. Bald nach der Heirat eröffneten die beiden ihr eigenes Selcher- und Fleischhauergeschäft in Neubau, dem siebenten Wiener Gemeindebezirk, wo sie auch eine Wohnung in der Westbahnstraße 30 bezogen. Ihr Geschäft in der gleichen Straße auf Nummer 22 nannten sie »Die Würstelburg«. Die von ihnen produzierten Würste erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden sogar bis nach Bad Ischl geliefert. Berta Soucek stammte aus einer sehr musikalischen Wiener Familie, deren einzelne Mitglieder sich immer wieder in ihrer Freizeit eifrig als Sänger oder Musiker betätigt hatten. Berta schenkte ihrem Mann zwei Söhne, Julius und Rudolf, doch sie verstarb sehr früh. Julius heiratete später ihre jüngere Schwester Helene, geboren 1882 in Wien. Sie war bei der Hochzeit erst 21 Jahre alt, eine sehr schöne Frau und von Beruf Lehrerin. Außerdem verfügte sie, die auch die Musikalität ihrer Familie im Blut hatte, über eine wunderbar reine Sopranstimme. Sie sang die Soli bei Messen in der Pfarre Schottenfeld in Wien-Neubau und leitete auch den Knabenchor der Pfarre St. Ulrich im gleichen Bezirk. Der Ehe entstammten zwei Kinder, Helene und Otto, der später als Sänger weltberühmt werden sollte.

Otto Wieninger kam am 13. Februar 1911 in Wien zur Welt. Dass sein Geburtstag ausgerechnet auf den Todestag Richard Wagners, seines späteren Lieblingskomponisten, fiel, könnte wohl, wenn auch damals wahrscheinlich von niemandem beachtet, als Omen angesehen werden! Otto war vom Sternzeichen Wassermann, zu dessen Eigenschaften ein hohes Maß an Individualität, ein ausgeprägter Freiheitsdrang, aber auch sehr viel Toleranz und Hilfsbereitschaft zählen. In seiner Familie maß man aber nicht nur dem Datum der Geburt als Merkmal markanter persönlicher Eigenschaften viel Bedeutung bei, sondern auch dem Wochentag. Dieser war ein Montag, und noch Jahrzehnte später erzählte Ottos Schwester Helene vom Sprüchlein ihrer Mutter über die Eigenschaften eines Montagskindes: »Montagskind hat leichten Sinn, tändelt froh durch’s Leben hin.« Sie war überzeugt davon, dass dies genau auf Otto zugetroffen hatte, denn er war sein Leben lang sehr fröhlich, von einem umwerfenden Charme, hatte sehr viel Humor und erwies sich in allen Situationen als ein wahrer Lebenskünstler.

Niemandem in seiner Familie war es aber wahrscheinlich damals bewusst, um welch künstlerisch bedeutendes Jahr es sich bei 1911 gehandelt hatte: Am 26. Januar erlebte im Dresdener Königlichen Opernhaus die Komödie für Musik von Richard Strauss Der Rosenkavalier nach dem Textbuch von Hugo von Hofmannsthal ihre triumphale Uraufführung. Und auch die Uraufführung von Hofmannsthals Jedermann fand noch in diesem Jahr, nämlich am 1. Dezember, im Berliner »Zirkus Schumann« unter Max Reinhardt statt. Am 18. Mai erlag der große Komponist, Dirigent und ehemalige Direktor der Wiener Hofoper, Gustav Mahler, fünfzigjährig einem Herzleiden. Seine Komposition Das Lied von der Erde erklang am 11. November in München zum ersten Mal. Und am 22. Juli gelangte die Neueinstudierung von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg durch Siegfried und Cosima Wagner zur Sensation der Bayreuther Festspiele. Wurde da dem kleinen Otto, der ja zu Richard Wagner schon seit seiner Geburt zumindest zahlenmäßig eine Verbindung hatte, bereits einiges Wesentliche in die Wiege gesungen? Gerade Rosenkavalier und Meistersinger sollten sich für ihn in seinem späteren Leben als äußerst bedeutungsvoll erweisen!

Politisch hingegen begann sich die Situation in Österreich – damals noch die Österreichisch-Ungarische Monarchie unter Kaiser Franz Joseph I. – immer mehr zu verdüstern: Die nationalen Spannungen im großen Vielvölkerstaat wurden immer dramatischer. Am 18. Juli 1911 verlieh der Kaiser bei der Eröffnung des Reichsrates seinem Wunsch Ausdruck, das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Tschechen in Böhmen möge sich entspannen. Bereits Ende März war das Abgeordnetenhaus der cisleithanischen Reichshälfte durch Ministerpräsident Richard Graf Bienerth-Schmerling aufgelöst worden. Bei den darauf folgenden Neuwahlen vom 13. bis 20. Juni gewannen die Deutschnationalen, -radikalen und -fortschrittlichen 25 Mandate hinzu. Die Christlichsozialen und Altklerikalen büßten ebenso wie die Sozialdemokraten Mandate ein. Paul Gautsch Freiherr von Frankenthurm bildete als Ministerpräsident seine dritte Regierung, blieb aber nur fünf Monate im Amt. Im November bildete Karl Graf Stürgkh eine neue Regierung, fand aber ebenfalls keine Lösung für die nationalen Gegensätze im Reich. Aber dafür gab es in diesem Jahr ein besonderes sportliches Ereignis: Nach mehr als drei Jahren fand in Dresden wieder ein Fußball-Länderspiel statt, bei dem die österreichische Auswahlmannschaft Deutschland mit 2:1 besiegte. Sollte man das auch als Omen interpretieren? Immerhin blieb Otto zeitlebens ein begeisterter Fußball-Fan, den bei der Fernseh-Übertragung eines wichtigen Matches niemand stören durfte.

Als Otto drei Jahre alt war, brach der erste Weltkrieg aus, nachdem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin am 28. Juni 1914 in Sarajevo bei einem Attentat tödlich verwundet worden waren und Österreich in der Folge Serbien den Krieg erklärt hatte. Der Mechanismus des europäischen Bündnissystems verhinderte eine Begrenzung des österreichisch-serbischen Konflikts, und in der Folge traten auch Russland als Verbündeter Serbiens und das Deutsche Reich als Bündnispartner Österreich-Ungarns in den Krieg ein. Die ersten Jahre dieses Kriegs, der vier Jahre dauern und die politische Landkarte Europas grundlegend verändern sollte, konnte die Familie Wieninger dank ihrer gesicherten Existenz recht gut überstehen, doch dann verschlimmerte sich die Situation drastisch: Ottos Vater hatte fast sein gesamtes Vermögen als »Kriegsanleihe« angelegt, die schließlich über Nacht wertlos wurde. 1917 begannen die schlimmen Hungerjahre, die noch bis lange nach dem Ende des ersten Weltkriegs anhielten. Otto weinte oft vor Hunger, und seine Mutter wurde öfter ernsthaft krank.

Trotz der immer schlimmer werdenden Situation legten die Eltern aber Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder. Allerdings bekamen diese nicht selten die Strenge des Vaters zu spüren, dem gute Zeugnisse in der Schule sehr wichtig waren. Vor allem Otto musste oft darunter leiden, wenn er von seinem Vater Schläge mit der groben Fleischhauerhand bekam, weil er nicht schön genug schrieb. Anhaltende Kopfschmerzen und die völlige Unlust am Schönschreiben waren für Otto, der zum Glück von Natur aus sehr robust war, die Folgen. Außerdem hatte Otto die Musikalität seiner Mutter geerbt. Schon im zarten Alter von fünf Jahren sang er den dritten Knaben in einer Schüleraufführung von Mozarts Zauberflöte. Und ein Jahr später gab er den »Blindenführer« bei den Passionsspielen des katholischen Jugendvereins in der Westbahnstraße 40 in Wien-Neubau. Fünf Jahre war Otto auch, als er zu den Peterlini-Sängerknaben kam. Die heute so berühmten Wiener Sängerknaben gab es zu dieser Zeit noch nicht. Dominik Josef Peterlini (1875 – 1944), aus einer begüterten Wiener Familie stammend, war zu seiner Zeit ein bekannter Musiker, der unter anderem bei F. Haller und F. X. Haberl in Regensburg sowie bei Abt A. Schachleitner in Emaus bei Prag studiert hatte. Bereits um 1890 gründete er mit Freunden und Schülern des Wiener Konservatoriums ein kleines Orchester, dessen Leitung ihm anvertraut wurde. Ab 1895 baute er einen Knabenchor auf, die so genannten Peterlini-Sängerknaben. Beide Klangkörper entwickelten sich zwischen 1900 und 1920 dank Peterlinis beachtlichen künstlerischen und pädagogischen Fähigkeiten zu hervorragenden Faktoren im Wiener Kulturleben. In Konzertsaal und Kirche, bei Oratorienaufführungen und bei regelmäßiger Gottesdienstmitwirkung erlangte besonders der Knabenchor, für den Peterlini auf seinem Landsitz in Mauer bei Wien ein Erholungsheim errichtet hatte, Berühmtheit. Viel später gingen aus diesem großartigen Knabenchor die Wiener Sängerknaben hervor.

Da auch Rudolf, der zweite Sohn aus der ersten Ehe von Julius Wieninger, die Musikalität des mütterlichen Familienteils geerbt hatte und zudem über eine schöne Knabenstimme verfügte, beschlossen sein Vater und seine Stiefmutter 1916, ihn bei den Peterlini-Sängerknaben vorsingen zu lassen. Doch er war zu dem Zeitpunkt bereits vierzehn Jahre alt und stand kurz vor dem Stimmbruch, weshalb Peterlini ihn nicht aufnehmen wollte, aber zu den Eltern meinte: »Haben Sie nicht noch einen jüngeren Sohn mit einer schönen Stimme?« Und den hatten sie natürlich – den fünfjährigen Otto, der daraufhin vorsang und sofort bei den Peterlini-Sängerknaben aufgenommen wurde. Damit wurde der Grundstein für die musikalische Karriere Otto Wieningers gelegt. Peterlinis Wahlspruch war: »Die Kunst ist keine barmherzige Schwester.« – ein Satz, an den Otto in seinem späteren Leben immer wieder denken musste. Otto lernte bei Peterlini sowohl seine musikalischen Fähigkeiten wie seine stimmlichen Qualitäten weiter zu entwickeln. Übrigens pflegte Peterlini bei Gesangdarbietungen seines Knabenchors nicht, wie sonst allgemein üblich, am Beginn die Einsatztöne für die einzelnen Stimmen anzugeben. »Meine Knaben finden den richtigen Ton auch so!«, war sein Kommentar dazu. Seine Schüler hatten »natürlich« alle ein absolutes Musikgehör!

Was den Sängerknaben Otto besonders faszinierte, war die Taschenuhr seines Vaters. Als diese eines Tages ihren Dienst versagte, bekam Otto sie geschenkt. Stolz trug er sie überall mit sich herum. In der Pause eines Konzerts der Peterlini-Sängerknaben erschien plötzlich der fünfjährige Otto – er war der kleinste von allen – allein vor dem Vorhang, zog mit großer theatralischer Geste die (kaputte) Taschenuhr aus seinem Röckchen und zeigte dem erstaunten und dann lachenden Publikum, dass er unbedingt jetzt nachsehen wollte, wie spät es sei. Sodann verschwand er wieder von der Bühne. Wenn er sich nicht gerade dem Gesang widmete, verbrachte Otto einen großen Teil seiner Freizeit in der Pfarre Schottenfeld, wo er auch ein Mädchen namens Rudolfine Hartl kennen lernte, die später einmal seine Frau werden sollte. Übrigens dürfte ihn die katholische Liturgie als Kind besonders beeindruckt haben, denn auch zu Hause »spielte« er gerne »Priester«. Er besaß für diesen Zweck ein eigenes »Messgewand« und er hatte auch einen kleinen »Altar« aufgebaut. Natürlich war er der »Priester«, während sich seine Schwester Helene mit der Rolle des Ministranten begnügen musste. Wenn ihn damals jemand fragte, was er gerne einmal werden würde, antwortete er: Bischof! Otto sollte Zeit seines Lebens ein sehr gläubiger Mensch bleiben. Als Kind sammelte er eifrig Marienbilder, eine Vorliebe, die ihm von seiner Schwester näher gebracht worden war. Ansonsten spielte Otto wie viele andere Kinder oft und gerne auf der Straße. Und wenn auch der Verkehr damals bei weitem nicht an die heutigen Ausmaße heranreichte, so gab es doch oft genug Anlass, einem der vielen »Schutzengel« zu danken! Otto und seine um fünf Jahre ältere Schwester Helene hingen sehr aneinander. Trotzdem gab es, wie bei Geschwistern üblich, zwischen ihnen so manches Geplänkel – etwa bei der Frage, wer sich am Mittagstisch mehr aus der Salatschüssel nehmen dürfe. Letztlich bekam Otto als Jüngster – und Sohn! – doch meistens den Vorzug, obwohl er keinesfalls verwöhnt wurde. Dafür erwies er sich schon von klein auf als sehr selbständig, woran seine Tätigkeit als Sängerknabe sicherlich einiges beigetragen hatte.

Als die Mutter einmal für längere Zeit erkrankte, übernahm ein Kindermädchen deren Rolle, unterstützt von der ältesten Schwester der Mutter, Leopoldine, von allen nur die »Dini-Tante« genannt. Überhaupt war die Dini-Tante eines der wichtigsten Mitglieder der Familie. Auch sie war von Beruf Lehrerin und bereits um die Jahrhundertwende als Direktorin einer Bürgerschule tätig. Auch sie war sehr musikalisch, und sie war einfach »allgegenwärtig« – eine »Mutter der ganzen Familie«. Regelmäßig fanden bei ihr zu Hause große Familientreffen statt. Otto liebte diese Zusammenkünfte sehr, denn dabei gab es immer sehr guten Kuchen, und der kleine Bub aß für sein Leben gerne! Einmal fragte Otto die Dini-Tante: »Darf ich noch ein Stück Kuchen haben?« Da wurde er ganz streng zurechtgewiesen: So was darf man nicht fragen, sondern man muss warten, bis man gefragt wird, ob man noch ein Stück Kuchen haben möchte! Doch schlagfertig entgegnete Otto: »Dini-Tante, könntest du mich nicht fragen, ob ich noch ein Stück Kuchen haben will? « Er war nicht nur das kräftigste und hübscheste Kind der Familie, sondern schon von klein auf ein echter Lebenskünstler!

Musiker oder Tierarzt?

Abb. 3: Als Kind mit Schwester Helene

Otto ging auch im selben Gemeindebezirk Wiens, in dem er aufgewachsen war, nämlich im siebenten, zur Schule. Zuerst besuchte er die Volksschule in der Kandlgasse Nr. 30, die allerdings heute nicht mehr existiert. Danach besuchte Otto die Bundesrealschule in der Neustiftgasse Nr. 95-99, die heute ebenfalls in dieser Form nicht mehr besteht, da sie später in das Musikgymnasium umgewandelt worden war. Bei den Peterlini-Sängerknaben war Otto bald als Alt-Solist tätig. Er lernte damals auch schon berühmte Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter kennen, in deren Aufführungen er als Knaben-Solist mitwirkte. Die Zeitschrift »Der Opernfreund« vom Februar 1960 gibt ein wichtiges Ereignis aus dieser Zeit wieder: »Bei einer Probe von Mahlers III. Symphonie unter Wilhelm Furtwängler mit den Peterlini-Sängerknaben fehlte die Alt-Solistin Hermine Kittel. Um den Fortgang der Probe zu ermöglichen, wurde der musikalische Chorknabe Otto Wiener bestimmt, das Altsolo vom Blatt zu singen. Jahre später trafen Otto Wiener und Wilhelm Furtwängler bei einem Konzert wieder zusammen und der große Dirigent freute sich sehr, in dem Bassbariton den Sängerknaben von einst wiederzutreffen.« Auch als Otto um die Fünfzehn war und seine Zeit als Sängerknabe naturgemäß ihr Ende fand, blieb er weiter der Musik treu, er hatte inzwischen auch Klavier spielen gelernt. Ottos Traumberuf war mittlerweile der eines Kapellmeisters. Liebend gerne hätte er Musik studiert, doch davon wollte sein pragmatisch denkender Vater, insbesondere in diesen wirtschaftlich tristen Zeiten, nichts wissen: Otto musste die Matura machen und danach einen »ordentlichen« Beruf erlernen. Das Thema seines Maturaaufsatzes lautete übrigens »Hans Sachs als Gestalt der deutschen Dichtung«. Otto erhielt darauf nur die Note 2 bis 3, da seine Arbeit fast ausschließlich auf Hans Sachs in Wagners Meistersingern aufgebaut war!

Nach der Matura begann er das Studium auf der Tierärztlichen Hochschule, allerdings ohne großes persönliches Engagement. Einmal sagte der Rektor der Hochschule zu Ottos Vater: »Er wird vielleicht einmal ein guter Musikant werden, aber kein guter Tierarzt.« Es war also keine Frage, dass sich der junge Studiosus hauptsächlich der Musik widmete. Peterlini hatte mittlerweile auf der Musikhochschule eine Professur für Chorgesang übernommen und Otto war oft für ihn als Korrepetitor tätig. Bei einer Probe, in der er den Sängern, die er begleitete, etwas vorsang, hörte ihn der auch an der Musikhochschule tätige Gesangspädagoge Corneille de Kuyper und fragte ihn, ob er nicht Sänger werden wollte. Otto war nicht gerade abgeneigt, und so gab ihm Kuyper Gesangsunterricht. Kuypers Frau, eine Schauspielerin, unterrichtete ihn in der für einen Sänger notwendigen richtigen Sprache, die sich in mancher Hinsicht von der eines Schauspielers unterscheidet. In den knapp zwei Jahren, die ihn Professor Kuyper unterrichtete, erwarb Otto alle Grundlagen, die er später als Sänger anwenden konnte. Dann kam die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der großen Arbeitslosigkeit. Sein Vater hatte Geld und Wertpapiere verloren, Otto musste sich sein eigenes Geld verdienen, unter anderem als Friedhofssänger bei Beerdigungen und später auch als Marktkommissär. Aber nebenbei spielte er auch Klavier in Jazzkapellen und Ballorchestern. Einmal sprang er sogar für einen Schlagzeuger ein.

Otto und seine Jugendliebe Rudolfine »Rudi« Hartl waren mittlerweile ein Ehepaar geworden. Meistens rief Rudi ihren Mann »Ekkehard« – das war sein Name aus seiner Studentenverbindung. Nur wenn sie ihn einmal rügte, hörte man sie »Otto« sagen! Das Singen hatte nach wie vor einen wichtigen Platz in Ottos Leben. Er nahm weiterhin Gesangsstunden und erhielt eine operndramatische Ausbildung bei dem bekannten Bariton der Staatsoper und Lehrer auf der Musikakademie, Kammersänger Hans Duhan (1880 – 1971). Nach einiger Zeit gelang es ihm auch, bei Konzerten, unter anderem im Österreichischen Rundfunk, mitzuwirken. Eine Karriere als Konzertsänger bahnte sich an. 1939 wirkte er in einer Aufführung von Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung im Wiener Konzerthaus mit. Doch der nächste große, schwere Schlag machte seine sängerischen Ambitionen zunächst zunichte: Österreich war vom nationalsozialistischen Deutschland okkupiert und in den zweiten Weltkrieg getrieben worden. Otto Wieninger erhielt eine Einberufung an die Front, zunächst nach Frankreich, später dann nach Griechenland. Über die erste Zeit des Krieges war er recht glücklich hinweggekommen. Er beherrschte die französische Sprache fließend und konnte sich daher mit den Menschen in Frankreich ausgezeichnet verständigen. Das Ergebnis war, dass Otto, der jeden Urlaub von der Front benützte, um seine Familie zu besuchen, diese mit Geschenken verschiedenster Art aus Frankreich verwöhnen konnte, mit Lebensmitteln, Wein und Parfümeriewaren. Anders als andere deutsche Soldaten konnte er dank seines einmaligen Charmes und seiner guten Französischkenntnisse das Vertrauen vieler Geschäftsleute gewinnen und solche Raritäten erwerben. In Griechenland wurde er durch einen Rückgratschuss schwer verwundet und war Monate lang gelähmt. Der Traum von einer Sängerlaufbahn schien für ihn zu Ende zu sein. Doch einem Chirurgen aus Wien gelang es, das Projektil zu entfernen und Otto damit die Chance für eine Fortsetzung seiner Sängerkarriere zu geben. Im Übrigen hatte Otto Wieninger kaum je über seine Kriegserlebnisse gesprochen, und es existiert auch kein einziges Bild von ihm in Uniform.

Abb. 4: Mit Frau Rudolfine

Vom erfolgreichen Konzertsänger zum angehenden Opernsänger

Abb. 5: Privat 1950

Nachdem er von seinen Kriegsverletzungen genesen war, hatte Otto Wieninger nur einen sehnlichen Wunsch: Er wollte endlich seine Sängerkarriere fortsetzen oder, besser gesagt, neu beginnen. Auf Anraten seines damaligen Managers nahm er nun den Künstlernamen Otto Wiener an, der später, im Jahre 1960, mit Bescheid des Amtes der Wiener Landesregierung offiziell als sein Name eingetragen wurde. Der Weg für seine Karriere als Sänger war jetzt endlich frei, und als Otto Wiener konnte er sich sehr bald einen bedeutenden Namen in seiner Heimatstadt Wien schaffen, zunächst als Konzertsänger. In dieser Zeit war er vor allem für den Österreichischen Rundfunk tätig, wo der damalige Leiter des Bereichs der ernsten Musik, Prof. Heinrich Kralik, ihn, wie er selbst einmal sagte, »mit allen möglichen und unmöglichen Dingen«, von der Folklore über die Operette bis zur Oper beschäftigte. Sein erster Auftritt bei einem der großen Wiener Konzertveranstalter fand dann am 29. März 1947 im Wiener Konzerthaus statt, wo er in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion unter Ferdinand Großmann die Bass-Arien sang. Dieses Konzert wurde drei Mal wiederholt, und auch im März 1948 fand wieder eine Matthäus-Passion unter Großmann statt. Am 2. November 1947 sang Wiener erstmals das Bass-Solo in Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem gemeinsam mit der Hofmusikkapelle in Wien. Immer öfter wurde Wiener nun für die Basspartien in Messen und Oratorien, vor allem in Veranstaltungen der Wiener Konzerthausgesellschaft, verpflichtet, so im April 1948 in Mozarts Krönungsmesse und in Georg Friedrich Händels Der Messias unter Julius Peter, im Dezember 1948 in Joseph Haydns Die Schöpfung unter Rudolf Nilius und im Dezember 1949 in Bachs Weihnachtsoratorium, wieder unter Peter. Davor, am 23. September 1949, wirkte er in einem Konzert unter Clemens Krauss in Perugia mit Werken von Hindemith, Schütz und Strawinsky mit. Dazwischen trat er mehrmals in der Matthäus-Passion unter Peter auf. Im März 1950 sang Wiener Ernst Tochs Poems to Martha in englischer Sprache in Wien.

Im Jahre 1949 nahm Wiener an einem Sänger-Wettbewerb teil, bei dem der berühmte Dirigent Herbert von Karajan als Juror fungierte. Karajan, der von dem jungen Sänger sehr angetan war, verpflichtete ihn darauf hin für die Partie des Pilatus in seiner Aufführung von Bachs Matthäus-Passion im Wiener Musikverein am 9. Juni 1950. Im gleichen Monat wirkte Wiener in der Kantate Nr. 2 von Anton von Webern beim Internationalen Musikfest in Brüssel sowie im Juli darauf an Bachs Kreuzstabkantate unter Peter beim Bachfest in der Basilika von Mondsee sowie in St. Wolfgang und in Salzburg mit. Außerdem sang er in Salzburg die Bass-Arien in Bachs Johannes-Passion. Im Februar 1951 sang Wiener erstmals das Bass-Solo in Ludwig van Beethovens Missa solemnis und im März darauf jenes in Beethovens Neunter Symphonie sowie die Partie des Christus in der Matthäus-Passion in einer Aufführung mit dem Grazer Domchor unter Anton Lippe in Graz. Dank seiner hohen Musikalität hatte Wiener auch keinerlei Probleme mit zeitgenössischen Werken. So wirkte er am 10. April 1951 in Josef Matthias Hauers Wandlungen beim 4. Internationalen Musikfest Neuer Musik in Wien mit. Im Juli dieses Jahres folgte das Bass-Solo in Haydns Die Jahreszeiten in Wiener Neustadt, St. Pölten und Wien. Am 27. Juni 1951 sang Wiener erstmals die Stimme des Herrn in Franz Schmidts Das Buch mit sieben Siegeln mit dem Grazer Domchor unter Lippe. Diese sehr erfolgreiche Produktion wurde in der folgenden Zeit oft wiederholt und auch auf Schallplatte aufgenommen.

Im September 1951 wirkte Wiener in Béla Bartóks Cantata profana beim Festival in Venedig mit, im November sang er das Bariton-Solo in Johannes Brahms' Ein deutsches Requiem unter Peter und im Dezember 1951 den Jesus in der Johannes-Passion unter Gottfried Preinfalk. Im Mai 1952 wirkte er in Wien an Frank Martins Le vin herbé sowie an Hanns Jelineks Prometheus und im Mai dieses Jahres an den Eucharistischen Hymnen von Friedrich Wildgans beim Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Salzburg mit. Im August 1952 folgten schließlich seine ersten Auftritte bei den Salzburger Festspielen in Werken von Mozart und Beethoven. Im November dieses Jahres sang er in Hermann Reutters Der himmlische Vagant unter Karl Richter für den Österreichischen Rundfunk.

Wiener, zu diesem Zeitpunkt bereits ein bedeutender Konzert- und Oratoriensänger, hatte inzwischen aber auch begonnen, erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Oper zu sammeln. Eine Opernpartie hatte er ja konzertant bereits gestaltet, den Dr. Schön in Alban Bergs Lulu in einer 1949 entstandenen und auf Schallplatte mitgeschnitten en Produktion des Österreichischen Rundfunks. Zwischen Dezember 1950 und Februar 1952 sang Wiener vier kleine Opernpartien – allerdings an keinem geringeren Opernhaus als der weltberühmten Mailänder Scala und unter keinen geringeren Dirigenten als Herbert von Karajan und Wilhelm Furtwängler! Sein erster Auftritt erfolgte als Reinmar von Zweter in Richard Wagners Tannhäuser. Die von Karajan dirigierte Premiere fand am 27. Dezember 1950 statt, vier weitere Vorstellungen folgten. In der darauf folgenden Spielzeit war er der Zweite Gefangene in Ludwig van Beethovens Fidelio am 9. Januar 1952 und in vier weiteren Vorstellungen, wieder unter Karajan. Kurz darauf, am 26. Januar 1952 war die Premiere von Richard Strauss' Der Rosenkavalier, wieder von Karajan dirigiert, in der Wiener den Kommissar sang. Es gab fünf weitere Vorstellungen. Und schließlich war Wiener in einer am 29. Februar 1952 begonnenen Aufführungsserie von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, dirigiert von Wilhelm Furtwängler, als Hermann Ortel zu hören.

Nachdem Otto Wiener also reichlich Gelegenheit gehabt hatte, an einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt Theaterluft zu schnuppern, zog er doch eine Bühnenkarriere in Erwägung. Wie aus einem Gespräch der Grazer »Südost-Tagespost« im Mai 1966 mit dem Sänger hervorgeht, hatte ihm der große Dirigent Clemens Krauss, unter dessen Leitung er ein Konzert in Perugia gesungen hatte, dazu geraten und ihm kurz und bündig gesagt: »Wiener, Sie sind dumm. Mit Ihrer Stimme und Ihrem Aussehen gehören Sie längst auf die Bühne!« Selbstverständlich bot sich dafür als erste »Anlaufstelle« die Wiener Staatsoper an, die damals noch im Theater an der Wien untergebracht war. Doch es sollte, wie der Sänger später in einem Interview mit der Zeitschrift »Die Bühne« erzählte, anders kommen: »Ihm zuliebe habe ich damals an der Wiener Oper vorgesungen, in der Kommission saßen Hilbert, Salmhofer und Schneider, und nach jeder Arie ist einer gegangen. Es kam, was ich erwartet hatte, nämlich der schöne Satz: ›Sie werden von uns hören‹; da weiß man dann schon – versungen und vertan!« Dennoch ließ die Opernkarriere Otto Wieners nicht lange auf sich warten. Sie begann am Opernhaus in Graz.

Abb. 6: Als Reinmar von Zweter in Tannhäuser an der Mailänder Scala 1950

An der Oper in Graz

Im April 1953 startete Otto Wiener, der ja bereits in kleinen Rollen Ausflüge an die Mailänder Scala absolviert hatte, seine eigentliche Karriere als Opernsänger in Graz, der neben Wien wohl bedeutendsten und geschichtsträchtigsten Opernstadt Österreichs. Überzeugt davon, dass er eine Bühnenkarriere einschlagen sollte, hatte ihn der damalige Chefdirigent der Grazer Oper, Prof. Fritz Zaun, unter dem Wiener in Graz das Bass-Solo in Beethovens Neunter Symphonie gesungen hatte. Zaun gelang es – nicht zuletzt durch ein für die damaligen Verhältnisse sehr stattliches Gagen-Angebot von monatlich 10.000 Schilling sowie dem Versprechen, ihn für seine Konzertverpflichtungen zu beurlauben – Wiener als Ensemblemitglied der Grazer Oper zu verpflichten.

Bereits im 17. Jahrhundert wurden in Graz Opern aufgeführt. Der erste Theaterbau, eine umgebaute Remise der Hofstallungen, wurde ab 1736 für Opernaufführungen, unter anderem von Gluck und Pergolesi, verwendet. 1776 wurde das »Nationaltheater oder Ständische Theater« am Freiheitsplatz eröffnet, das bald durch seine Aufführungen von Mozarts Le nozze di Figaro, Die Entführung aus dem Serail und Don Giovanni sowie Rossinis Il barbiere di Siviglia bekannt wurde. Zu den Sängern zählte übrigens der später als großer Volksschauspieler und Dramatiker berühmt gewordene Johann Nestroy. 1864 wurde ein fast 2000 Plätze umfassender Zirkusbau, die so genannte Thalia am Stadtpark, als Opernhaus adaptiert. Hier wirkten unter anderen Karl Millöcker, Wilhelm Kienzl und Franz Schalk als musikalische Leiter. Und schließlich wurde das renommierteste Architektenduo der k. u. k. Monarchie, Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, mit der Planung eines neuen Opernhauses beauftragt. Dieses in Anlehnung an den barocken Stil erbaute und reich ausgestaltete Haus, mit einer Kapazität von rund 1200 Sitzplätzen und mit mehr als 40 Logen, wurde am 16. September 1899 mit Schillers Wilhelm Tell eröffnet. Am Tag darauf wurde mit Richard Wagners Lohengrin dort erstmals Oper gespielt. 1906 fand in diesem Haus unter der Leitung des Komponisten die österreichische Erstaufführung von Richard Strauss' Salome statt. Die Grazer Oper kann nicht nur hinsichtlich der dort aufgeführten Werke, vor allem jener von Wagner und Strauss, auf eine bedeutende Tradition verweisen, sondern auch bezüglich der engagierten Künstler, die nicht selten dort ihre internationale Karriere begonnen haben. Die später weltberühmten Dirigenten Franz Schalk, Clemens Krauss und Karl Böhm waren an diesem Haus tätig, und auch Robert Stolz, ein gefeierter Komponist der leichten Muse, begann dort als Kapellmeister. Ljuba Welitsch, die unvergessliche Salome, begann in Graz ihre internationale Karriere, ebenso die in dieser Stadt geborene Mezzosopranistin Hertha Töpper.

Abb. 7: Ljuba Welitsch, die unvergleichliche Salome, begann in Graz

Mit seinem Engagement in Graz reihte sich der bisherige Konzertsänger Otto Wiener also in eine auserlesene Schar berühmter Künstler ein. Sein erstes Auftreten an der Grazer Oper fand am 19. April 1953 in der Titelrolle von Don Pedros Heimkehr von Hans Erismann statt. Dabei handelte es sich um eine von Erismann erstellte Koppelung zweier Mozartscher Opernfragmente, von L'oca del Cairo (Die Gans von Kairo) und Lo sposo deluso (Der gefoppte Bräutigam). Die Grazer »Kleine Zeitung« vom 21. April 1953 berichtet darüber: »Ein besonderer Gewinn: Otto Wiener, der Oratoriensänger mit vorbildhafter Kultur und Seele in der wundervoll geführten Stimme, ein Kavalier des Singens und im besten Sinne ›un-routinierten‹ Agierens in der Titelrolle, der er im letzten Akt Staats-Opern-Format gibt. Diese künstlerische Potenz sollte die Grazer Oper für sich zu gewinnen suchen.«

Kurze Zeit später übernahm der Sänger auch die Rolle des Timur in Giacomo Puccinis Turandot. Seinen ersten ganz großen Erfolg auf der Opernbühne feierte er aber am 15. Oktober 1953, als er in der Premiere von Giuseppe Verdis Simon Boccanegra die Titelpartie gestaltete. Die Grazer »Südost-Tagespost« vom 17. Oktober 1953 berichte darüber: »Einen starken, auf Belcanto und menschliche Wärme gegründeten Erfolg hat Otto Wiener in der Titelpartie davontragen können: innere Größe brachte er ohne übermäßiges gestaltliches Hervortreten sehr glücklich zum Ausdruck, und die Stimme, nicht ganz operndramatisch geführt, erwies sich als ein bedeutender Gewinn für das Haus.« Danach ging es Schlag auf Schlag. Es folgten der Krusina in Friedrich Smetanas Die verkaufte Braut und schließlich der Amonasro in Verdis Aida in der Premiere am 1. Januar 1954. Die Grazer »Neue Zeit« vom 3. Januar 1954 hält dazu fest: »Otto Wieners Amonasro, eine für den Künstler und für das Publikum neue Leistung, hat sich die uneingeschränkten Sympathien der Hörer erobert. Sein Äthiopierfürst war weniger wuchtig als schönstimmig und hat mit herrlich erfüllten Fermaten seine Szenen beherrscht.« Am 3. März 1954 sang Wiener in der Premiere von Ambroise Thomas' Mignon die Rolle des Lothario. Die Grazer Zeitung »Die Wahrheit« vom 6. März 1954 vermerkt dazu: »Otto Wiener mußte als Lothario wie weiland der alte Plato (dem Kostüm nach) herumwandern, ist aber unbedingt darstellerisch und stimmlich hervorzuheben.«

Bald darauf erfüllte sich in Graz Otto Wieners Schicksal als Wagner-Sänger. Chefdirigent Zaun und der Regisseur André Diehl, der später Intendant wurde, wünschten sich den Sänger für die Premiere von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg