Outlander - Der Herr der Zombies - Diana Gabaldon - E-Book

Outlander - Der Herr der Zombies E-Book

Diana Gabaldon

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Beschreibung

Werden Sie Zeuge, wie Lord John Grey auf Jamaica versucht, einen Sklavenaufstand niederzuschlagen, und mit einem Mal Zombies gegenübersteht - in »Outlander - Der Herr der Zombies«, einem Kurzroman aus dem »Outlander«-Universum von Bestseller-Autorin Diana Gabaldon. Jamaica 1761. Oberstleutnant Lord John Grey wird das Kommando über ein Bataillon auf Jamaica erteilt. Er soll eine Sklavenrebellion in den Bergen niederschlagen. Jedoch gibt es eine näher liegende Bedrohung: Der Gouverneur der Insel wird von Zombies bedroht. Als er plötzlich selber den Gestalten mit ihren nach Gräbern riechenden Händen gegenübersteht, wird es für ihn höchste Zeit zu handeln. Zwischen Mord im Gouverneurspalast und brennenden Bergen versucht Lord John die Insel zu retten. Wird ihm das gelingen? Dieser Kurzroman von Diana Gabaldon spielt nach dem Roman »Die Fackeln der Freiheit« und ist Teil des »Outlander«-Universums. Fans der Reihe ist Lord John als einer der besten Freunde Jamie Frasers bekannt, aber auch abseits davon erlebt er mitreißende Abenteuer. Die kürzeren und längeren Romane um Lord John Grey bauen zwar chronologisch aufeinander auf, können aber auch einzeln gelesen werden. »Lord John und der Herr der Zombies« sowie sechs weitere Kurzromane der Bestseller-Autorin Diana Gabaldon finden Sie auch in dem Sammelband »Outlander – Im Bann der Steine«.

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Seitenzahl: 144

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Diana Gabaldon

Outlander – Der Herr der Zombies

Ein Lord-John-Kurzroman

Aus dem Englischen von Barbara Schnell

Knaur e-books

Über dieses Buch

Jamaica 1761. Oberstleutnant Lord John Grey wird das Kommando über ein Bataillon auf Jamaica erteilt. Er soll eine Sklavenrebellion in den Bergen niederschlagen. Jedoch gibt es eine näher liegende Bedrohung: Der Gouverneur der Insel wird von Zombies bedroht. Als er plötzlich selber den Gestalten mit ihren nach Gräbern riechenden Händen gegenübersteht, wird es für ihn höchste Zeit zu handeln. Zwischen Mord im Gouverneurspalast und brennenden Bergen versucht Lord John die Insel zu retten. Wird ihm das gelingen?

Dieser Kurzroman von Diana Gabaldon spielt nach dem Roman »Die Fackeln der Freiheit« und ist Teil des Outlander-Universums. Fans der Reihe ist Lord John als einer der besten Freunde Jamie Frasers bekannt, aber auch abseits davon erlebt er mitreißende Abenteuer.

Die kürzeren und längeren Romane um Lord John Grey bauen zwar chronologisch aufeinander auf, können aber auch einzeln gelesen werden.

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Dieses Buch widme ich Karen Henry, Rita Meistrell, Vicki Pack, Sandy Parker und Mandy Tidwell (die ich mit allem Respekt und der größten Dankbarkeit auch meine persönliche Erbsenzählertruppe nenne) für ihre unschätzbare Hilfe beim Aufspüren von Irrtümern, Anschlussfehlern und Kleinkram aller Art.

 

(Für etwaige verbleibende Fehler ist allein die Autorin verantwortlich, die nicht nur hin und wieder fröhlich die Chronologie ignoriert, sondern sich bisweilen auch ganz bewusst auf Abwege begibt.)

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Lord John und der Herr der Zombies

Einführung

MIT LORD JOHN verhält es sich so: Dank seiner Situation als unverheirateter hochrangiger Offizier ohne festen Posten und mit geheimen politischen Verbindungen kann er problemlos außergewöhnliche Abenteuer erleben, statt an einen langweiligen Alltag gefesselt zu sein. Ehrlich gesagt, habe ich zu Beginn der Arbeit an den »Beulen«, die mit ihm zu tun hatten, einfach einen Blick in den historischen Kalender geworfen, um zu sehen, welche interessanten Ereignisse in diesem Jahr stattgefunden haben. So fand er sich in der Schlacht von Quebec wieder.

Die Anregungen für diese Geschichte kamen mehr oder weniger aus Ferne Ufer. Ich wusste ja, dass Lord John Gouverneur von Jamaica war, als ihm Claire 1766 an Bord der Porpoise begegnete; es war zwar nicht undenkbar, dass man einen Mann mit seinen Verbindungen auch ohne jede Erfahrung auf einen solchen Posten berief – doch bei einem Mann, der das Territorium, auf das man ihn abkommandierte, schon kannte, war es wahrscheinlicher. Außerdem wusste ich, dass Geillis Duncan nicht tot war und wo sie sich befand. Und wie konnte ich schließlich in einer Geschichte, die in Jamaica spielte, der Idee mit den Zombies widerstehen?

Spanisch Town
Jamaica, Juni 1761

AUF DEM TISCH IM SALON LAG EINE SCHLANGE. Eine kleine Schlange zwar, aber dennoch. Lord John fragte sich, ob er wohl etwas sagen sollte.

Der Gouverneur ergriff eine Kristallkaraffe, die keine fünfzehn Zentimeter neben dem zusammengerollten Reptil stand, und schien es gar nicht wahrzunehmen. Vielleicht war sie ja ein Haustier, oder vielleicht war es bei den Einwohnern Jamaicas üblich, sich eine zahme Schlange zu halten, um Ratten zu töten. Der Menge der Ratten nach, die er seit dem Verlassen des Schiffes gesehen hatte, schien das vernünftig zu sein – obwohl ihm diese Schlange hier nicht einmal groß genug erschien, um es auch nur mit einer zarten Maus aufzunehmen.

Der Wein war zwar anständig, wurde aber bei Zimmertemperatur serviert und schien direkt durch Greys Speiseröhre in sein Blut überzugehen. Er hatte vor dem Morgengrauen zuletzt etwas gegessen und spürte, wie sich seine Rückenmuskeln kribbelnd entspannten. Er stellte das Glas beiseite; er wollte unbedingt einen klaren Kopf behalten.

»Ich kann Euch gar nicht sagen, Sir, wie sehr es mich freut, Euch zu empfangen«, sagte der Gouverneur und stellte sein Glas ebenfalls hin, allerdings leer. »Unsere Lage ist akut.«

»Das sagtet Ihr in Eurem Brief an Lord North. Dann hat sich die Situation seitdem nicht merklich verändert?« Es war fast drei Monate her, dass dieser Brief geschrieben worden war; in drei Monaten konnte sich vieles ändern.

Er hatte das Gefühl, dass Gouverneur Warren trotz der Temperatur im Zimmer erschauerte.

»Es ist schlimmer geworden«, sagte der Gouverneur und griff nach der Karaffe. »Viel schlimmer.«

Grey spürte, wie sich seine Schultern anspannten, doch seine Stimme blieb ruhig.

»Inwiefern? Hat es weitere …« Er zögerte und suchte nach dem richtigen Wort, »… weitere Demonstrationen gegeben?« Es war ein mildes Wort für das Niederbrennen von Zuckerrohrfeldern, die Plünderung von Plantagen und Sklavenbefreiungen im großen Stil.

Warren stieß ein hohles Lachen aus. Sein wohlgeformtes Gesicht war von Schweißperlen überzogen. Auf seiner Sessellehne lag ein zerknittertes Taschentuch, nach dem er jetzt griff, um sich die Haut zu betupfen. Er hatte sich heute Morgen nicht rasiert – oder möglicherweise sogar gestern; Grey konnte das schwache Kratzen seines dunklen Backenbartes auf dem Stoff hören.

»Ja. Weitere Zerstörungen. Letzten Monat haben sie eine Zuckerpresse niedergebrannt, allerdings in einem abgelegenen Teil der Insel. Jetzt jedoch …« Er hielt inne und leckte sich die trockenen Lippen, während er sich Wein nachschenkte. Er wies mit einer Geste auf Greys Glas, doch Grey schüttelte den Kopf.

»Sie befinden sich auf dem Vormarsch nach King’s Town«, sagte Warren. »Sie haben ein Ziel, man kann es sehen. Eine Plantage nach der anderen in einer geraden Linie, die den Berg herunterkommt.« Er seufzte. »Ich sollte nicht ›gerade‹ sagen. Auf dieser verdammten Insel ist gar nichts gerade, angefangen mit der Landschaft.«

Das stimmte; Grey hatte die leuchtend grünen Gipfel bestaunt, die sich in der Inselmitte erhoben, ein wilder Hintergrund für das erstaunlich blaue Wasser und das weiße Sandufer.

»Die Leute sind außer sich vor Angst«, fuhr Warren fort. Er schien jetzt die Beherrschung wiederzufinden, obwohl in seinem Gesicht schon wieder der Schweiß glänzte und seine Hand an der Karaffe zitterte. Grey begriff mit leisem Erschrecken, dass auch der Gouverneur außer sich vor Angst war. »Ich habe täglich Kaufleute – und ihre Frauen – in meinen Amtsräumen, die mich anflehen, die Schutz vor den Schwarzen verlangen.«

»Nun, Ihr könnt ihnen versichern, dass ihnen dieser Schutz gewährt werden wird«, sagte Grey, um einen beruhigenden Ton bemüht. Er hatte ein halbes Bataillon dabei – dreihundert Infanteristen und eine Artilleriekompanie, die mit kleinen Kanonen ausgerüstet war. Genug, um King’s Town nötigenfalls zu verteidigen. Doch sein Auftrag von Lord North lautete nicht nur, die Kaufleute von King’s Town und Spanish Town zu verteidigen und den Handel zu sichern – und auch nicht, den größeren Zuckerplantagen Schutz zu gewähren. Er war damit beauftragt, die Sklavenrebellion vollständig zu beenden, die Rädelsführer zusammenzutreiben und der Gewalt ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Die Schlange auf dem Tisch bewegte sich plötzlich und entrollte sich mit einer trägen Bewegung. Grey erschrak leicht, denn inzwischen hatte er zu glauben begonnen, sie sei eine dekorative Skulptur. Sie war wunderhübsch, etwas über zwanzig Zentimeter lang und von einer schönen blassgelben Farbe mit braunen Markierungen und schwach irisierenden Schuppen, die leuchteten wie ein guter Rheinwein.

»Doch es ist noch weiter ausgeufert«, fuhr Warren jetzt fort. »Es sind nicht länger nur Brände und Verwüstungen. Inzwischen gab es auch einen Mord.«

Das riss Grey mit einem Ruck aus seinen Betrachtungen.

»Wer ist denn ermordet worden?«, wollte er wissen.

»Ein Pflanzer namens Abernathy. Wurde letzte Woche in seinem eigenen Haus ermordet. Die Kehle durchgeschnitten.«

»Wurde das Haus in Brand gesteckt?«

»Nein. Die Aufrührer haben zwar das Haus geplündert, wurden aber von Abernathys Sklaven vertrieben, bevor sie es anzünden konnten. Seine Frau hat überlebt, indem sie sich in einer Quelle hinter dem Haus versteckte, die mit Ried bewachsen ist.«

»Ich verstehe.« Er konnte sich die Szene nur allzu gut vorstellen. »Wo ist diese Plantage?«

»Etwa zehn Meilen außerhalb von King’s Town. Sie heißt Rose Hall. Warum?« Warrens blutunterlaufene Augen richteten sich auf Grey, und er begriff, dass das Glas Wein, zu dem ihn der Gouverneur eingeladen hatte, nicht das erste an diesem Tag gewesen war. Wahrscheinlich auch nicht das fünfte.

War der Mann ein Säufer?, fragte er sich. Oder war es nur der Druck der gegenwärtigen Lage, der ihn so unverhohlen zur Flasche greifen ließ? Er betrachtete den Gouverneur verstohlen; der Mann war vielleicht Ende dreißig, und obwohl er im Moment eindeutig betrunken war, legte er keine Symptome eines Gewohnheitstrinkers an den Tag. Er war gut gebaut und attraktiv, nicht aufgedunsen, kein Schwabbelbauch, der seine Seidenweste spannte, keine geplatzten Äderchen auf Wangen oder Nase …

»Habt Ihr eine Karte des Distrikts?« Es konnte Warren doch nicht entgangen sein, dass es, falls die Aufrührer tatsächlich in gerader Linie auf King’s Town zurannten, doch möglich sein musste, ihr nächstes Ziel vorauszusagen und sie mit einigen Kompanien bewaffneter Infanterie zu erwarten?

Warren leerte das Glas und saß einen Moment leise keuchend da, den Blick auf das Tischtuch geheftet, dann schien er sich zusammenzureißen.

»Karte«, wiederholte er. »Ja, natürlich. Dawes … mein Sekretär … er wird – er sucht sie Euch heraus.«

Grey fiel eine Bewegung ins Auge. Zu seiner großen Überraschung hatte sich die kleine Schlange, die sich eine Weile umgesehen und in alle Richtungen gezüngelt hatte, jetzt in Bewegung gesetzt und kam anscheinend zielgerichtet, wenn auch in Wellenlinien auf ihn zu. Unwillkürlich streckte er die Hand aus, um sie zu fangen, damit sie nicht auf den Boden fiel.

Der Gouverneur sah sie, stieß einen Schrei aus und warf sich vom Tisch zurück. Grey sah ihn erstaunt an, während sich die kleine Schlange um seine Finger ringelte.

»Sie ist doch nicht giftig«, sagte er, so geduldig er konnte. Zumindest glaubte er das nicht. Sein Freund Oliver Gwynne war Naturphilosoph und ganz verrückt nach Schlangen. Gwynne hatte ihm einmal im Lauf eines haarsträubenden Nachmittags sämtliche Prachtstücke seiner Sammlung gezeigt, und er glaubte, sich daran zu erinnern, dass Gwynne ihm gesagt hatte, es gäbe auf der Insel Jamaica keinerlei Giftschlangen. Außerdem hatten alle gefährlichen Schlangen dreieckige Köpfe, während die der harmlosen Tiere stumpfnasig waren wie der dieses kleinen Kerls.

Warren war nicht geneigt, sich einen Vortrag über die Physiognomie der Schlangen anzuhören. Zitternd vor Angst, wich er an die Wand zurück.

»Woher?«, keuchte er. »Woher kommt sie?«

»Sie lag schon auf dem Tisch, als ich gekommen bin. Ich … äh … dachte, sie wäre …« Nun, sie war eindeutig kein Haustier, geschweige denn Teil der Tischdekoration. Er hüstelte und stand auf, um die Schlange durch die Glastür zur Terrasse ins Freie zu bringen.

Doch Warren verstand ihn falsch, und als er ihn mit der Schlange, die sich zwischen seinen Fingern wand, näher kommen sah, stürzte er seinerseits zur Glastür hinaus, überquerte in Riesensätzen die Terrasse und rannte mit wehenden Rockschößen über den Steinweg, als sei der Teufel persönlich hinter ihm her.

Grey starrte ihm immer noch ungläubig nach, als es hinter ihm diskret hüstelte und er sich umwandte.

»Gideon Dawes, Sir.« Der Sekretär des Gouverneurs war ein kurz gewachsener, rundlicher Mann mit einem rosigen Kugelgesicht, das wahrscheinlich normalerweise sehr fröhlich war. Im Moment trug es einen Ausdruck tiefsten Argwohns. »Ihr seid Oberstleutnant Grey?«

Grey hielt es für unwahrscheinlich, dass es in diesem Moment auf dem Gelände des King’s House eine ganze Heerschar von Männern mit der Uniform und den Rangabzeichen eines Oberstleutnants gab, doch er verbeugte sich und murmelte: »Euer Diener, Mr Dawes. Ich fürchte, Mr Warren wurde … äh … unpässlich.« Er wies kopfnickend auf die offene Glastür. »Vielleicht sollte ihm jemand nachgehen?«

Mr Dawes schloss mit schmerzvoller Miene die Augen, dann seufzte er und öffnete sie kopfschüttelnd wieder.

»Das wird schon wieder«, sagte er, obwohl seinem Ton die rechte Überzeugung fehlte. »Ich habe gerade mit Eurem Major Fettes besprochen, was Ihr an Verpflegung und Unterkünften braucht; er lässt Euch wissen, dass für alles gesorgt ist.«

»Oh. Danke, Mr Dawes.« Obwohl ihn der Gouverneur mit seiner Flucht ein wenig aus der Fassung gebracht hatte, empfand er Zufriedenheit. Er war selbst jahrelang Major gewesen; es war erstaunlich, wie angenehm das Bewusstsein war, dass jetzt jemand anderem die unmittelbare Versorgung der Männer oblag. Alles, was er zu tun hatte, war, Befehle zu erteilen.

Da dem so war, erteilte er einen, obwohl er als höfliche Anfrage formuliert war, und Mr Dawes führte ihn unverzüglich eine Treppe hoch und durch die Korridore des weitschweifigen Hauses zu einer kleinen Schreibstube neben den Amtsräumen des Gouverneurs. Hier standen ihm Karten zur Verfügung.

Er konnte sofort feststellen, dass Mr Warren recht gehabt hatte, sowohl was die Schwierigkeit des Terrains als auch den Kurs der Übergriffe betraf. Eine der Karten war mit den Namen der Plantagen markiert, und kleine Notizen markierten die Stellen, wo es Überfälle der Aufrührer gegeben hatte. Es war zwar alles andere als eine gerade Linie, doch man konnte dennoch deutlich eine Richtung erkennen.

Das Zimmer war warm, und er konnte spüren, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief. Dennoch berührte ein kalter Finger sacht seinen Nacken, als er den Namen Twelvetrees auf der Karte sah.

»Wem gehört diese Plantage?«, fragte er in neutralem Ton und zeigte auf die Karte.

»Was?« Dawes war in eine Art träumerische Trance gefallen, während er aus dem Fenster auf das Grün des Dschungels schaute. Doch jetzt blinzelte er, schob sich die Brille hoch und beugte sich über die Karte. »Oh, Twelvetrees. Sie gehört Philip Twelvetrees – ein junger Mann, hat die Plantage erst kürzlich von einem Vetter geerbt. Bei einem Duell umgekommen, heißt es – der Vetter, meine ich«, betonte er hilfreich.

»Ah. Wie betrüblich.« Grey spürte einen unangenehmen Druck auf der Brust. Er hätte gut ohne diese Komplikation leben können. Falls … »Dieser Vetter – hieß er zufällig Edward Twelvetrees?«

Dawes sah etwas überrascht aus.

»Ich glaube, das war sein Name. Ich habe ihn aber nicht gekannt – niemand hier kannte ihn. Er hat die Plantage durch einen Aufseher verwalten lassen.«

»Ich verstehe.« Er hätte gern gefragt, ob Philip Twelvetrees aus London hergekommen war, um sein Erbe anzutreten, tat es aber nicht. Er wollte keine Aufmerksamkeit erregen, indem er sich besonders auf die Familie Twelvetrees konzentrierte. Dazu blieb noch genug Zeit.

Er stellte einige weitere Fragen über die zeitliche Abfolge der Überfälle, und Mr Dawes beantwortete sie prompt. Als es jedoch darum ging, die Gründe der Rebellion zu erklären, konnte ihm der Sekretär plötzlich nicht mehr helfen – was Grey interessant fand.

»Wirklich, Sir, ich weiß nichts von solchen Dingen«, protestierte Dawes, als Grey weiter nachhakte. »Am besten sprecht Ihr darüber mit Hauptmann Cresswell. Er ist der Superintendent, der für die Aufrührer verantwortlich ist.«

Das überraschte Grey.

»Entlaufene Sklaven? Sie haben einen Superintendenten?«

»Oh. Nein, Sir.« Dawes schien erleichtert zu sein, es wieder mit einer weniger komplexen Frage zu tun zu haben. »Die Aufrührer sind keine entlaufenen Sklaven. Oder vielmehr«, verbesserte er sich, »sie sind zwar theoretisch entlaufene Sklaven, aber diese Bezeichnung ist wenig sinnvoll. Diese Aufrührer sind die Nachkommen von Sklaven, die im letzten Jahrhundert entlaufen und in die Berge gezogen sind. Sie haben dort oben Siedlungen. Doch es ist unmöglich, einen gegenwärtigen Besitzer zu benennen …« Und da die Regierung keine Möglichkeit hatte, sie aufzuspüren und zurückzuschleifen, war die Krone so klug gewesen, einen weißen Superintendenten zu berufen, wie es im Umgang mit Eingeborenen üblich war. Die Aufgabe des Superintendenten war es, Kontakt mit den Schwarzen zu halten und sich um alles zu kümmern, was mit ihnen zu tun hatte.

Was die Frage aufwarf, dachte Grey: Warum hatte man diesen Cresswell nicht augenblicklich zu ihm gebracht? Er hatte seine Ankunft bekannt gegeben, sobald das Schiff bei Tagesanbruch vor Anker ging, da er Derwent Warren nicht überrumpeln wollte.

»Wo ist Hauptmann Cresswell denn jetzt?«, fragte er immer noch höflich. Mr Dawes zog ein unglückliches Gesicht.

»Ich … äh … fürchte, ich weiß es nicht, Sir«, sagte er und senkte hinter seiner Brille den Blick. Es folgte eine kurze Pause, und Grey hörte einen Vogel im nahen Dschungel rufen.

»Wo ist er denn normalerweise?«, fragte Grey schon etwas weniger höflich.

Dawes kniff die Augen zusammen.

»Ich weiß es nicht, Sir. Ich glaube, er hat ein Haus in der Nähe von Guthries Schlucht – dort gibt es ein kleines Dorf. Doch natürlich begibt er sich hin und wieder hinauf zu den Ansiedlungen der Schwarzen, um sich mit den …« Er gestikulierte mit seiner kleinen, fetten Hand, weil er kein passendes Wort finden konnte, »… mit den Häuptlingen zu besprechen. Und er hat Anfang des Monats in Spanish Town einen neuen Hut gekauft«, fügte Dawes im Tonfall eines Menschen hinzu, der einen hilfreichen Gesprächsbeitrag leistet.

»Einen Hut?«

»Ja. Oh – aber natürlich, das wisst Ihr ja nicht. Es ist Sitte unter den Schwarzen, dass beim Abschluss einer wichtigen Übereinkunft die beteiligten Personen ihre Hüte tauschen. Ihr seht also …«

»Ja, das tue ich«, sagte Grey und versuchte, sich seine Verärgerung nicht anhören zu lassen. »Würdet Ihr denn so freundlich sein, Mr Dawes, und jemanden zu Guthries Schlucht schicken – und auch an etwaige andere Orte, an denen Hauptmann Cresswell Eurer Meinung nach zu finden sein könnte? Es liegt auf der Hand, dass ich mit ihm sprechen muss, und zwar so schnell wie möglich.«

Dawes nickte heftig, doch bevor er etwas sagen konnte, ertönte irgendwo unten im Haus der satte Klang eines kleinen Gongs. Als wäre das ein Signal gewesen, ließ Greys Magen ein lautes Knurren hören.

»Abendessen in einer halben Stunde«, sagte Dawes, den Grey bis jetzt noch nicht so glücklich gesehen hatte. Er hastete geradezu zur Tür hinaus, gefolgt von Grey.

»Mr Dawes«, sagte er, als er ihn am Kopf der Treppe einholte. »Gouverneur Warren. Glaubt Ihr …«

»Oh, er wird zum Abendessen kommen«, versicherte ihm Dawes. »Ich bin sicher, dass er sich inzwischen vollständig erholt hat; diese kleinen nervösen Anfälle sind nie von langer Dauer.«

»Wodurch werden sie denn ausgelöst?« Ein würziger Duft nach Johannisbeeren, Zwiebeln und Gewürzen wehte die Treppe herauf, und Grey beschleunigte seine Schritte.