Partnertausch - eine Liebe zu viert - Henning Hennich - E-Book

Partnertausch - eine Liebe zu viert E-Book

Henning Hennich

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Beschreibung

"Partnertausch - eine Liebe zu viert" ist ein authentischer Roman über zwei seriöse Ehepaare, die im Alter von 61 Jahren ihren Wunsch nach einem liebevollen Partnertausch in die Tat umsetzen und sich zu ihrer eigenen Überraschung schon bei der ersten Begegnung aus tiefster Seele ineinander verlieben, so dass aus den beiden Ehepaaren zwei unzertrennliche Paare werden - jeweils mit dem Partner des anderen. Von Stund an unternehmen sie alles gemeinsam und erwerben ein wunderschönes Anwesen in Süddeutschland. Überschattet wird diese Liebesgeschichte davon, dass eine der vier Personen mit einem völlig unerwarteten, sehr ernsten Problem konfrontiert wird und sich dadurch vieles verändert. Es ist ein ganz und gar ehrliches Buch; denn alles hat sich genauso zugetragen, wie es hier erzählt wird. Auch die wörtlich wiedergegebenen Briefe bzw. E-Mails sind unverändert zitiert. Zugleich ist es ein Buch voller Lebensrealität und voller Hoffnung.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Elise gewidmet

von Henning, Hans und Dorothea

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Angela Hoffmann

Bergen-Feeling und ein völlig verrückter Wunsch

Die Flügel der Nachtigall und eine schlimme Diagnose

Eifersucht und alte Verletzungen

Porsche Turbo und jede Menge Kondition

Überschwänglichkeit und Rosa Ziegenbock

Sylt-Kleid und Eiderstedter Torte

Ellenbogen und Sylter Welle

Ende einer Freundschaft und Firmenjubiläum

Haushaltswaren en gros und ein kreisrundes Bett

Augenoperation und Nikolaustag im Ostallgäu

Schwanensee und Diebstahl im ICE

Herbst im Ostallgäu und Albumblatt für Elise

Nachwort des Verfassers

Vorwort

Dorothea und Henning Hennich haben nach 39 Jahren glücklicher und erfüllter Ehe einen heimlichen Wunsch. Sie gehören mit Anfang 60 zu den Bestagers, auch Silveragers genannt, die in zahlreichen Marketingaktionen beworben werden, denn sie sind im besten Alter. Ihnen steht vieles offen, vieles ist möglich, in vielen Bereichen hat die Gesellschaft ein neues Bewusstsein für die Bestagers, die Menschen im besten Alter ab circa Anfang 60 entwickelt, aber die Sehnsucht danach, auch im erotischen Bereich noch einmal etwas Neues im besten Alter erleben zu dürfen, ist doch eher gesellschaftlich gesehen nach wie vor ein Tabu?

Ihr Wunsch scheint Ihnen völlig verrückt: „Es war … die Sehnsucht nach liebevollem Sex mal mit einem anderen Partner! Ein völlig verrückter Gedanke!“ Henning startet eine Anzeige in einem Internetportal:

„Partnertausch in getrennten Räumen:

Glückliches Paar (beide 61) mit Niveau, Herz und Persönlichkeit würde sich gern einen lange gehegten Wunsch erfüllen: eine Freundschaft mit einem Paar, bei dem beide Partner eben diesen selben Wunsch haben: in getrennten Räumen unendlich lieb zum Partner bzw. zur Partnerin des anderen zu sein: Küssen, Schmusen, Zärtlichkeit, Streicheln, Haut auf Haut einander Wünsche erfüllen. Wir haben damit keine Erfahrung, aber wir stellen uns vor, dass das wunderschön sein muss. Bitte traut Euch einfach!“

Wird sich jemand melden und, falls ja, was werden es für Interessenten sein? Darf man das überhaupt machen? Soll man es machen? Kann so etwas überhaupt seriös sein? Was, wenn sich daraus doch Probleme ergeben? Kann ein Partnertausch mit Niveau und Herz wie ihn sich Dorothea und Henning vorstellen, überhaupt funktionieren? Henning und Dorothea stellen sich viele Fragen, sind aber auch voller prickelnder Neugier: Wird sich überhaupt jemand melden?

Tatsächlich geht sehr schnell eine interessante Nachricht ein. Es handelt sich dabei um ein anderes Ehepaar, ebenfalls im besten Alter. Nach anfänglichem vorsichtigem E-Mail-Austausch werden schnell Fotografien hin- und hergeschickt, die auf beiden Seiten die Lust nach mehr auslösen.

Bei dem anderen Ehepaar handelt es sich um Elise und Hans Zerger. Die Ehepaare könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Lust auf Neues, „die Sehnsucht nach liebevollem Sex mal mit einem anderen Partner“, das ist auch ihr Wunsch.

Bereits beim ersten Treffen wird klar, dass man sich gesucht und gefunden hat. Hans und Dorothea, Henning und Elise kommen zusammen und genießen auf niveauvolle Art die neue Zweisamkeit. Partnertausch- eine Liebe zu viert ist für sie keine abstrakte Vorstellung mehr, sondern gelebte erotische Zweisamkeit, jeweils mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin des Anderen.

Eine aufregende, prickelnde Zeit beginnt für beide Paare. Aber es stellt sich auch die Frage: Kann man mit einem „neuen“ Partner/ einer „neuen“ Partnerin zusammen sein und dennoch mit dem Ehepartner/der Ehepartnerin zusammenbleiben?

Was ist mit den menschlich, allzu menschlichen Gefühlen von Eifersucht, Besitzanspruch, Angst vor Neuem usw.? All das, das sei hier verraten, spielt natürlich auch eine Rolle, alles andere wäre auch nicht realistisch. Und, falls diese Klippen überwunden werden können, was werden die Kinder, die Verwandten, die Freunde und Bekannten dazu sagen, wenn sich die neuen Bindungen von Hans zu Dorothea und von Henning zu Elise verfestigen sollten? Wie werden sie darauf reagieren? Werden die Vier Toleranz erleben oder auf Ablehnung stoßen? Werden Freundschaften weiter bestehen oder aufgekündigt werden? Hinzu kommt, dass auch die Vier so unterschiedlich sind wie man nur sein kann, aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und das Leben der beiden Ehepaare erfährt einen neuen Anfang in vielerlei Hinsicht. Alle Vier empfinden die neuen Bindungen als Bereicherung.

Zur Erfüllung der erotischen Träume und Phantasien kommen gemeinsame Unternehmungen und Reisen. Schon die Vorfreude darauf wird von den Paaren genossen. Besonderes Gewicht bekommt die Erfüllung von Wünschen und Träumen noch dadurch, dass eine Person der Vier mit einem völlig unerwarteten, sehr ernsten Problem konfrontiert wird und sich dadurch alles verändert.

Henning Hennich betont die Authentizität des Romans: Die E-Mails sind so wie sie geschrieben wurden, hier abgedruckt, die Gespräche sind so wie hier geschildert, geführt worden, die Ereignisse haben so stattgefunden. Lediglich um die Privatsphäre der handelnden Personen zu schützen, wurden Namen von Personen und Ortsbezeichnungen geändert und einige Begebenheiten etwas variiert.

Angela Hoffmann

1. Bergen-Feeling und ein völlig verrückter Wunsch

Henning schob Elise aus der Haustür und den gepflasterten Weg entlang vorbei am Rosenbeet in Richtung der mit Glas überdachten Treppe, die hinab in den Carport und auf die Straße führte. Dort war die elektrische Hebebühne, mit der man auf Knopfdruck den Rollstuhl hinauf und herab bewegen konnte. Die kleinen Vorderräder holperten dermaßen auf dem Untergrund, dass alles vibrierte. Er pflegte dann zu sagen: „Spürst Du das Bergen-Feeling?“ Dabei erinnerten sich die beiden stets daran, wie sie zusammen mit Dorothea im vorigen Jahr bei ihrer Norwegenkreuzfahrt die alte Hansestadt Bergen erkundet hatten, wo es fast nur Kopfsteinpflaster gab, so dass Elise in ihrem Reiserollstuhl ziemlich durchgerüttelt worden war. Aber das tat dem gemeinsamen Glück nicht den mindesten Abbruch. Es war für sie eine unendlich schöne Zeit – nicht nur der Urlaub in den norwegischen Fjorden, sondern eigentlich jeder Tag, seit sie sich vor zwei Jahren kennen gelernt und Halsüberkopf ineinander verliebt hatten. „Bergen-Feeling“ war zu ihrem geflügelten Wort für alles Schöne geworden, das sie miteinander teilen konnten. Es sagte alles über das gemeinsame Glück ihrer Liebe, das beide als riesengroßes Geschenk empfanden.

Im Holpern des Rollstuhls wurden die Bilder ihrer traumhaften Norwegenkreuzfahrt wieder lebendig, und sie sahen sich in Bergen auf dem Fischmarkt und aßen die mit Krabben belegten Brötchen und schauten hinüber zu den hölzernen Hansehäusern von Bryggen, dem historischen Stadtkern von Bergen. Es war der erste wirklich sonnige Tag ihrer Reise, und sie konnten die Stadt zu Fuß erkunden. Henning schob Elise in ihrem Rollstuhl, und Dorothea ging voran und achtete auf den Weg. Angefangen hatte alles damit, dass sie im Januar 2012 abends am Kaminfeuer ihres gemeinsamen Anwesens in Waltenhofen im Ostallgäu saßen und über Urlaubsziele für den Sommer nachdachten. „Ich könnte mir Bergwandern in den Dolomiten gut vorstellen“, meinte Hans, Elises Ehemann. Er war ein begeisterter Bergwanderer. „Das würde ich auch toll finden“, stimmte Dorothea, die Ehefrau von Henning, begeistert zu. „Ich möchte eigentlich sehr gern eine Kreuzfahrt machen!“ Die Entgegnung kam von Elise, und Henning pflichtete ihr sogleich bei und stellte sich eine Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde vor, die er so liebte. Hans war absolut nicht begeistert und erinnerte sich lustlos an die Mittelmeer-Kreuzfahrt von 2008, die er mit Elise auf deren Drängen unternommen hatte, als sich die Vier, die jetzt zusammen wohnten, noch gar nicht kannten. Sein Bedarf an Urlaub auf einem Schiff sei damit ein für allemal gedeckt. Aber auf einmal strahlte er übers ganze Gesicht und sagte: „Ich fahre mit Dorothea in die Dolomiten und schenke Euch beiden die Kreuzfahrt zu euren Geburtstagen!“ Damit war die Urlaubsplanung für 2012 abgeschlossen und vom nächsten Tag an machte Henning sich daran, seine Reise mit Elise vorzubereiten. Er fand im Internet verschiedene Angebote, war aber recht unsicher, für welches sie sich entscheiden sollten. Es müsste auf dem Schiff auch eine barrierefreie Kabine oder besser noch eine Suite geben, die für Elise und ihren Rollstuhl geeignet war. Henning tat sich schwer, das Richtige zu finden. Dorothea kam nur ein paar Tage später mit einer vorläufigen Reservierung für eine AIDA-Nordlandreise von einem Aufenthalt in Heidenheim zurück, wo sie mit Henning eigentlich immer noch wohnte. Sie hatte sich im dortigen Reisebüro beraten lassen und war fündig geworden. Die mitgebrachten Informationen überzeugten schon beim ersten Hinschauen. So wurde die Norwegen-Kreuzfahrt vom 12. bis 22. Juni 2012 für Henning und Elise gebucht.

Die vor ihnen liegenden Monate waren geprägt von großer, fast kindlicher Vorfreude. Dann allerdings wenige Wochen vor Reiseantritt wurde Elise deutlich schwächer, und es wurde für Henning immer schwerer, sie zu halten und zu stützen, wenn sie den Rollstuhl verlassen musste für den Gang ins Bad oder zur Toilette. Ihm kam immer zwingender der Gedanke in den Sinn, dass er es allein vielleicht nicht schaffen würde, Elise auf dem Schiff und bei den geplanten Landausflügen zu betreuen und ihr zur Seite zu stehen. Die Vier hielten miteinander Rat und beschlossen, dass Dorothea mit auf die Kreuzfahrt gehen sollte, dann konnten beide für Elise da sein. So wurde kurzerhand für sie ein weiteres Bett in der Suite Nr. 12102 auf dem Kreuzfahrtschiff bestellt. Ihr Dolomiten-Urlaub mit Hans konnte ja problemlos auf die Zeit nach der Kreuzfahrt verschoben werden.

Es war für die Drei dann wie in einem wunderschönen Traum, als sie zum ersten Mal die Tür ihrer Suite öffneten und die Panoramafenster sahen mit Blick auf den Bug des Schiffes mit den vordersten Masten, an dem oben ein kleiner goldener Haifisch die Windrichtung anzeigte. Auf dem Tischchen inmitten der Sitzgruppe stand ein Sektkühler mit einer Flasche Champagner, daneben eine Schale mit frischem Obst, und auf einem Tellerchen lagen hochwertige Pralinen. Nach der obligatorischen Rettungsübung legte der Kreuzfahrtriese ab. Die Drei erlebten die hundertzwanzig Kilometer auf der Elbe bis zur offenen Nordsee als ein faszinierendes Schauspiel. Es ging vorbei an den St. Pauli Landungsbrücken, vorbei an der Elbphilharmonie und vorbei an dem grünen Dreimaster-Museumsschiff, das Elise sogleich als die „Rickmer Rickmers“ erkannte. Als Premium-Gäste waren sie am ersten Abend zu einem Begrüßungsdinner im Sterne-Restaurant Rossini eingeladen. Es gab ein Sechsgänge-Menü, für das Elise mit sicherem Gespür den passenden Wein aussuchte.

Zum ersten Mal machten die beiden gemeinsam Urlaub und turtelten dabei wie ein junges Liebespaar. Für Dorothea war das überhaupt kein Problem. Es erwies sich vielmehr als großes Glück, dass sie mit dabei war, weil sie Elise zu zweit stützen konnten und so alles viel einfacher war. Trotz zumeist mäßigem Wetter wurde es ein wirklicher Traumurlaub durch die norwegischen Fjorde von Stavanger bis Trondheim und zurück über Andalsnes und das malerische Geiranger bis Bergen, wo sie den schönsten Tag ihrer Reise erlebten. Auf dem Rückweg vom Fischmarkt sahen sie in Brüggen an einem der alten Hansehäuser einen goldenen Hirsch direkt über dem Eingang eines Juweliergeschäfts. Sogleich hatte Henning die Idee, Elise zu ihrem Geburtstag am 30. Juni ein Schmuckstück als Andenken zu schenken. Es war nicht so einfach, mit dem Rollstuhl in dieses alte Gebäude zu gelangen. Die Tür hatte eine nicht zu bewältigende Stufe und war auch zu schmal. Die Verkäuferin kam umgehend zu Hilfe und ließ die Drei durch eine Seitentür herein. Elise entschied sich für wunderschöne silberne Ohrhängerchen in der Form eines Wikingersymbols und eine dazu passende Halskette aus demselben Material und mit demselben Motiv. Der Tag in Bergen wurde zum Inbegriff ihres Glücks: eben Bergen-Feeling!

Das alles lag nun ein Jahr zurück. Hier und jetzt waren beide auf dem Weg zum Friseur, für Elise ein allwöchentliches Muss. Sie legte großen Wert darauf, gut frisiert zu sein und achtete sorgsam auf ihr Äußeres. Auch im Rollstuhl war sie immer noch eine wunderschöne Frau. Ihre großen blauen Augen verbarg sie inzwischen ständig hinter einer dunklen Sonnenbrille, um sie vor zu viel Licht zu schützen. Sie hatten die Hebebühne erreicht. Eine solche einbauen zu lassen, war die Idee von Hans gewesen, schon als er den Carport plante. Henning öffnete die Glastür und schob Elise auf die Plattform und ließ sie hinunter. Unten angekommen, wurde immer zuerst das Auto so hingestellt, dass die Beifahrertür sich weit öffnen ließ, weil viel Platz erforderlich war, um vom Rollstuhl aus umzusteigen. Elise war nicht immer auf den Rollstuhl angewiesen, und die Geschichte von ihr und Henning kann nur verstehen, wer auch die Geschichte von Dorothea und Hans kennt. Es ist die Geschichte ihrer „Liebe zu viert“.

Es begann in der ersten Januarwoche des Jahres 2010. Dorothea hatte sich bereits schlafen gelegt, während Henning noch oben im Arbeitszimmer des hübschen Häuschens saß, das sich die beiden für den Ruhestand in Heidenheim an der Brenz ausgesucht hatten. Von den Vorbesitzern war es in den siebziger Jahren außen verklinkert worden, was ihnen schon bei der ersten Besichtigung gefallen hatte. Henning surfte an diesem Abend noch ein wenig im Internet, als ihm jene Gedanken wieder einfielen, mit denen er schon seit geraumer Zeit heimlich liebäugelte. Seit neununddreißig Jahren war er glücklich mit Dorothea verheiratet. Sie hatten einen erwachsenen Sohn und zwei Enkelkinder. In den Höhen und Tiefen der Jahrzehnte standen sie fest und verlässlich zueinander. Jeder verließ sich blind auf den anderen. Sie konnten stets über alles reden. Keiner traf eine Entscheidung, ohne sie mit dem anderen abgesprochen zu haben. Einen heimlichen Wunsch gab es allerdings, der hartnäckig immer wiederkehrte und sich einfach nicht abweisen ließ. So gut und tief kannte er seine Dorothea immerhin, dass er sich sicher war: diesen Wunsch gibt es auch in ihrer Seele, vielleicht verschüttet unter vielem anderen, aber sicher nicht weniger real als bei ihm selbst. Es war, obwohl es ihn völlig verrückt anmutete, die Sehnsucht nach liebevollem Sex mal mit einem anderen Partner! Ein völlig verrückter Gedanke! Im Moment der Intimität hatten sie einander einen solchen Wunsch zugeflüstert und die Erregung genossen, die sich mit solchen Fantasien einstellte. Aber es war wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass es nie etwas anderes sein würde als ein Gedankenspiel – viel zu verrückt für die Realität.

Eine ganze Reihe von Gedanken ging ihm dazu durch den Kopf. Er hatte längst die fromm-konservative Sozialisation verarbeitet und hinter sich gelassen, die ihn als jungen Mann in der kirchlichen Jugendarbeit und als Theologiestudent im Evangelischen Stift Hagen geprägt hatte. Ihm war schon in den ersten Berufsjahren aufgegangen, wie verhängnisvoll und destruktiv sich eine repressive Sexualmoral auf die Seele des Menschen auswirkt. Vor allem während der Vorbereitung auf seine Aufgabe als Theologie-Dozent an einer Fachhochschule an der Ruhr hatte er sich auch wissenschaftlich mit diesen Fragen beschäftigt und sehr gründlich dazugelernt. Es war seine feste Überzeugung geworden, dass die Kirche lernen muss, mit dem Ja zur Sexualität nicht ständig zugleich auch das Aber zu sprechen. So geschah es, dass sein Seminar in Sexualethik von den Studierenden als wohltuende Befreiung erlebt wurde. In der Ausbildungsstätte diskutierte man damals in großer Offenheit, was er in den Unterricht einbrachte. Zufällig konnte er einmal hören, wie eine seiner Studentinnen in der Mittagspause zu einer Kommilitonin sagte: „Ein ziemlich beschissener Vormittag war das heute! Wenn am Schluss nicht der Doppelblock Ethik beim Hennich gewesen wäre, hätte ich einen Schreikrampf bekommen. Aber was der uns sagt, tut einfach gut!“ Auch im Dozententeam hatte man eigens für die Reflektion des Hennichschen Sexualethikunterrichts eine Gesprächsrunde angesetzt, und den von ihm vertretenen theologischen Ansatz ausdrücklich begrüßt. Oft hatte er seitdem natürlich auch mit Dorothea über dieses Thema gesprochen. Sie lernte in all den Jahren mit ihm mit und nahm, so oft es ging, auch an seinen Seminaren teil. Aber es war ein langer Weg! Und es ist eine alte Tatsache, dass das, was im Kopf verstandesmäßig klar ist, dadurch nicht auch schon in der Seele und in den Gefühlen klar ist. Irgendwie war ihr Sex, so lieb wie sie einander hatten, immer so etwas wie „Sex mit Vorbehalt“ gewesen. Obwohl sie jene repressive Sexualmoral längst hinter sich gelassen hatten, war diese tief in ihnen nicht ohne bleibende Spuren geblieben. In ihm war gleichzeitig die feste Überzeugung gereift, dass Sex mit einem anderen Partner seiner Ehe mit Dorothea nicht schaden, sondern diese im Gegenteil viel eher bereichern würde. „Ich bin mir wirklich sicher, dass sich zwischen uns überhaupt nichts ändert, wenn Du auch mit einem anderen Mann schlafen würdest und ich mit einer anderen Frau!“ So hatte er es ihr bei einem Gedankenaustausch schon vor vielen Jahren einmal gesagt und war sich dessen stets gewiss geblieben. Was die beiden bisher gehindert hatte, ihren Wunsch einfach einmal in die Tat umzusetzen, war allein die Einsicht, dass das nur mit einem Paar möglich wäre, bei dem ein ebensolches Maß an Reife, menschlicher Wahrhaftigkeit und tiefer inniger Liebe füreinander vorhanden ist. Wie aber konnte ein solches Paar gefunden werden?

Dass es unendlich viele Menschen gibt, die denselben Wunsch hegen, zeigte die Internetseite mit Partnertausch-Inseraten, die er an diesem Abend entdeckt hatte. Aber was er da lesen konnte, erschien ihm durchweg geschmacklos und zumeist auch vulgär. Herzlichkeit, Persönlichkeit und menschliche Reife sprach für ihn aus keiner einzigen Anzeige. Da hieß es: „Wir suchen ein natürliches, aufgeschlossenes sperma- und analgeiles Paar bis Ende 60 für aufregenden Sex. Wir sind leider nicht besuchbar. Gern Hotel, am besten aber bei euch. Zuschrift mit eurer Handynummer wäre schön.“ Oder: „Wir sind ein Paar, das sich sexuell austoben will. Ihr solltet nicht älter als 50 sein, experimentierfreudig und Lust auf das Ausgefallene haben. Vielleicht ergibt sich auch ein Dreier oder Vierer oder darüber hinaus. Wir lassen uns überraschen.“ Oder: „Einfach ohne langen Anlauf Sex mit Partnertausch genießen und sich einfach der Lust ergeben, einander gegenseitig immer mehr in Ekstase bringen und noch vieles mehr. Habt Ihr Lust drauf? Wenn ja, dann sollten wir uns doch einfach mal treffen und herrlich miteinander vergnügen.“

Das alles stieß ihn einfach nur ab. Was seiner Meinung nach da zwischen den Zeilen vorausgesetzt war, würde wirksam verhindern, wonach er sich sehnte, und es würde vermutlich vor allem Enttäuschungen und tiefe Verletzungen mit sich bringen. Es kamen ihm Bedenken, aber es musste doch irgendwo auch ein Paar geben, das nicht nur dieselben Wünsche hatte, sondern das mit ihm und Dorothea ganz und gar auf Augenhöhe war. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es dieses Paar nicht geben sollte. Zaghaft und vorsichtig fing an, den Wortlaut für ein eigenes Inserat zu formulieren. Immer wieder korrigierte er einzelne Passagen und änderte und änderte. Es war schon nach Mitternacht, als er mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden war, nachdem er es mindestens zwanzigmal gelesen hatte:

„Partnertausch in getrennten Räumen:

Glückliches Paar (beide 61) mit Niveau, Herz und Persönlichkeit würden sich gern einen lange gehegten Wunsch erfüllen: eine Freundschaft mit einem Paar, bei dem beide Partner eben diesen selben Wunsch haben: in getrennten Räumen unendlich lieb zum Partner bzw. zur Partnerin des anderen zu sein: Küssen, Schmusen, Zärtlichkeit, Streicheln, Haut auf Haut einander Wünsche erfüllen. Wir haben damit keine Erfahrung, aber wir stellen uns vor, dass das wunderschön sein muss. Bitte traut Euch einfach!“

Damit war fürs erste alles gesagt, und Henning fasste sich ein Herz und gab dieses Inserat auf jener Internetseite kurzerhand zur Veröffentlichung. Diskretion war gewährleistet, weil die eigene E-Mail-Adresse nicht an Dritte weitergegeben werden würde. Kein Problem, wenn niemand antwortet, sagte er sich. Und Antworten, die nicht gefallen, werden einfach ignoriert! Er schaltete den Computer aus und legte sich schlafen. Aber in ihm war nun doch eine gewisse Aufregung und Erwartung, die ihn erst sehr spät, vielleicht so gegen 2:00 Uhr einschlafen ließ. Am nächsten Morgen nahm er sich vor, Dorothea erst einzuweihen, wenn eine Antwort kommen würde, die ihm wirklich und auf der ganzen Linie akzeptabel erschien.

Am übernächsten Tag fand er gleich drei Antworten in seinem E-Mail-Postfach. Die bestätigten allerdings seine schlimmsten Befürchtungen. Sie waren vulgär, primitiv und enthielten eine Menge Schreibfehler. Irgendwie war das mit diesem Inserat wohl doch eine total blödsinnige Idee! Der dritte Tag brachte noch einmal zwei Antworten dergleichen Art. Zum Abend hin kam noch eine dritte E-Mail. Er war bereits ziemlich desillusioniert. Beim Lesen aber stockte ihm schier das Herz. Das war nun eine Antwort ganz auf Augenhöhe, aus der Niveau und Persönlichkeit zu erkennen waren. Sein Eindruck verstärkte sich, als er wieder und wieder las:

„Hallo Ihr Zwei,

das hört sich ja toll an! Wir sind ein Paar, beide 58 und seit 37 Jahren verheiratet. Wir haben über so etwas, was Ihr im Kopf habt, auch schon geredet, und wir finden es sehr erotisch, das einmal zu probieren. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Sympathie stimmt. Ohne die geht es nicht!

Liebe Grüße! Elise und Hans“

Henning wiederholte in Gedanken immer wieder „Elise und Hans“. Elise! Er würde vielleicht in naher Zukunft eine Elise als seine liebste Freundin haben. Augenblicklich kam ihm das Klavierstück „Albumblatt für Elise“ in A-Moll, Opus 59 von Ludwig van Beethoven in den Sinn. „Di-da-di-da-di-da-di-di-da“, er hörte die Melodie in Gedanken und war irgendwie von Stund an verliebt in den wundervollen Namen Elise. Vollkommen verrückt! Aber genauso war es.

Sogleich ging er zu Dorothea, die unten in der Küche hantierte, und erzählte ihr, dass er sich unterstanden hatte, ein Inserat aufzugeben mit der eindeutigen Überschrift „Partnertausch in getrennten Räumen“ und dass gerade eine viel versprechende Antwort gekommen war. Sie war erst einmal völlig platt. Damit hätte sie niemals gerechnet. Gleichwohl erregte sie der Gedanke, dass es auf einmal die Aussicht gab, vielleicht einmal wirklich zu erleben, wovon beide in intimer Umarmung immer wieder einmal geträumt hatten. Sogleich wollte sie nun die E-Mail sehen, die ihren Henning so tief angesprochen hatte, und beide gingen nach oben in das Arbeitszimmer. So überschwänglich wie Henning reagierte sie nicht, sagte aber immerhin: „Antworte ihnen! Wir probieren das!“ Er setzte sich an den PC und schrieb:

„Liebe Elise, lieber Hans,

auch Eure Antwort hört sich toll an. Ihr redet genauso offen miteinander über Eure Wünsche wie wir. Das ist eine gute Voraussetzung. Natürlich habt Ihr völlig Recht, dass das nur bei gegenseitiger Sympathie geht. Vielleicht mögen wir uns ja auf Anhieb oder spüren sofort, dass es nicht passt. Wir werden da einfach ganz ehrlich miteinander sein. Ihr habt ja unsere Wünsche gelesen: „Schmusen, Küssen, Zärtlichkeit, Streicheln, Haut auf Haut einander Wünsche erfüllen“ und das Ganze „in getrennten Räumen“. Alles ist möglich, nur dass Henning mit vierundsechzig natürlich kein junger Stier mehr ist. Gleichwohl würde er – gegenseitige Sympathie vorausgesetzt – gern unendlich lieb zu Elise sein und sie verwöhnen und glücklich machen – genauso Dorothea und Hans! Was die Frage der Sympathie betrifft, wäre uns, wie wir es geschrieben haben, ‚Niveau, Herz und Persönlichkeit’ wichtiger als Äußeres. Wir würden uns freuen, wenn Ihr nach diesen Zeilen immer noch den Eindruck hättet, dass es passen könnte. In dem Fall sollten wir vielleicht Bilder austauschen und uns unsere Handynummern mitteilen, damit wir eine erste persönliche Begegnung vereinbaren könnten.

Sehr liebe Grüße

Henning und Dorothea“

Die Antwort kam postwendend schon am nächsten Tag:

„Hallo liebe Dorothea, lieber Henning,

schön dass Ihr geantwortet habt, wir haben uns sehr darüber gefreut. Wir denken, eine gewisse Sympathie ist jetzt schon vorhanden. Das muss einfach stimmen! Wir machen so etwas zum ersten Mal. Aber in unserem Kopfkino läuft schon so manche Szene ab. Die Wünsche, die Ihr habt, decken sich mit den unseren. Es gilt das Motto, wie man so schön sagt, „alles kann, nichts muss“. Um uns näher kennen zu lernen, sind wir gerne bereit, ein Bild von uns zu senden und auch die Telefonnummern auszutauschen. Zu unseren Daten: Elise ist 168 cm groß, 79 kg, ein klein wenig mollig. Hans ist 185 cm groß, 83 kg, schlank. Soviel vorab. Elise und Hans“

Allein diese Zeilen reichten, um bei Henning und Dorothea den Funken ganz und gar überspringen zu lassen. Sie suchten jetzt bei den Fotos vom letzten Urlaub an der Nordsee zwei Portraitbilder aus, eins von Dorothea und eins von Henning, um sie als Anhang mit ihrer Antwort-E-Mail zu verschicken:

„Liebe Elise, lieber Hans,

danke für Eure lieben Zeilen. Wir freuen uns, dass Ihr immer noch den Eindruck habt, dass es passen könnte. Wir empfinden das auch so, und die Szenen im Kopfkino sind auch uns vertraut. Wenn man dann zum ersten Mal ein Bild des anderen sieht, kann zweierlei passieren: die Wünsche verstärken sich oder es setzt eine Ernüchterung ein, bei der man sich fragt: Will ich das wirklich? Von dem, was einen Menschen tatsächlich ausmacht, ist das äußere Bild aber der allergeringste Anteil. Wenn man sich persönlich begegnet und miteinander redet, entsteht viel zuverlässiger Sympathie oder auch ihr Gegenteil. Und wie oft haben wir es erlebt, dass eine intensive Freundschaft entstand zu jemand, der uns am Anfang eher unsympathisch war. Aber auch Fotos sind wichtig, und deshalb fügen wir unsere Porträts bei und freuen uns darauf, Eure Fotos zu sehen. Danke auch für Eure Daten. Dass Elise etwas mollig ist, das ist absolut okay. Henning ist auch etwas mollig (191 cm groß, so stand es jedenfalls in seinem ersten Ausweis, heute dürften es ein paar Zentimeter weniger sein, 104 kg mit abnehmender Tendenz). Dorothea ist 172 cm groß bei 69 kg, sie war immer sehr schlank, ist es eigentlich heute noch, hat aber über die Feiertage einen erkennbaren Bauch angesetzt. Sie hat eine wunderschöne Haut. Ab Februar beginnen wir jedes Jahr mit Erfolg eine Abnehmphase. Wir freuen uns sehr auf eine erotische Freundschaft mit Euch. In unserem Kopfkino stimmt bereits alles, und wir können es kaum erwarten.

Wir umarmen Euch beide

Henning und Dorothea“

Dann passierte etwas Unerwartetes. Es vergingen mehrere Tage, ohne dass die beiden eine Antwort erhielten. Dafür konnte es ihrer Meinung nach nur die eine Erklärung geben, dass ihre Fotos nicht gut aufgenommen worden waren, so dass die Vorfreude von Elise und Hans womöglich schon erloschen war. Es wollte vor allem Henning nicht in den Kopf, dass alles bereits zu Ende sein sollte, bevor es überhaupt angefangen hatte. Das Schweigen passte in keiner Weise zu dem bisherigen Austausch der Gedanken und Wünsche und auch nicht zu der Ehrlichkeit, mit der man einander bisher geschrieben hatte. Er war fast etwas verzweifelt, als er sich wieder an den Computer setzte und schrieb:

„Liebe Elise, lieber Hans,

Dorothea und ich sind jetzt ein wenig in Sorge, dass unsere aktuellen Fotos Euch irritiert haben könnten. Reale Fotos können nicht mit denen im Kopfkino identisch sein. Vielleicht sind Euch Bedenken gekommen, ob Ihr Eure Wünsche wirklich in die Tat umsetzen möchtet. Ihr seid 37 Jahre glücklich verheiratet (bei uns sind es 39 Jahre) und wart wahrscheinlich wie wir stets ehrlich miteinander und habt genau wie wir mit so etwas keine Erfahrung. Mit den offen geäußerten Wünschen haben wir einander schon ziemlich tief in die Seele schauen lassen und sehr Intimes preisgegeben. Anonym ist die Hemmschwelle nicht allzu hoch, ganz anders aber, wenn die Anonymität aufgegeben werden muss, weil man einander real begegnen möchte. Einen ersten Schritt habt Ihr damit getan, dass Ihr das letzte Mal Eure E-Mail-Adresse mit Euren richtigen Namen anstelle des Alias-Namens verwendet habt. Und wir haben den ersten Schritt damit getan, dass wir unsere Fotos geschickt haben. Und jetzt sind wir an dem Punkt, wo Ihr und auch wir wissen, dass wir einander noch größeres Vertrauen entgegen bringen müssen, wenn sich Eure und unsere Wünsche erfüllen sollen. Wir möchten Euch darum aus ganzem Herzen versprechen, dass wir äußerst sensibel und behutsam mit allen Euren Gefühlen umgehen werden. Viel zu leicht können Gefühle verletzt werden. Ihr habt es in Eurer E-Mail auf den Punkt gebracht: „Alles kann, nichts muss!“ Das sagen wir Euch gerne zu. Sicher sind wir, dass Eure und unsere Wünsche die gleichen sind, und dass das, was Ihr Euch vorstellt, mit uns möglich ist. Wir haben einige Zuschriften bekommen, aber nur Eure beantwortet, weil wir denken, dass es nur mit Euch stimmen würde, so wie Ihr geschrieben habt: „Eine gewisse Sympathie ist jetzt schon vorhanden.“ Ja, das sehen wir auch so. Bitte fühlt Euch nicht gedrängt durch diese Zeilen! Aber wenn ein liebevoller Partnertausch in getrennten Räumen möglich ist und als etwas Wundervolles und ganz und gar Bereicherndes erfahren werden kann, das der Seele nur gut tut (was Ihr und wir ja noch nicht aus eigener Erfahrung wissen), dann sicher mit Euch und uns!

Mit liebevollen Grüßen

Henning und Dorothea“

Es verging noch ein weiterer Tag. Dann erreichte sie die erlösende Antwort:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,

ich bitte um Entschuldigung, dass ich so spät antworte. Es fehlte mir einfach an der Zeit, ich bin im Moment auf einer Geschäftsreise im Ausland. Ihr müsst nicht in Sorge sein. Die Fotos sind sehr schön. Ihr seid ein schönes Paar. Ich denke, Elise wird es auch gefallen. Sie hat Euch auf den Bildern noch nicht gesehen. Wie Ihr schon sagtet, anonym ist die Hemmschwelle nicht all zu hoch. Aber wir haben wie Ihr den ersten Schritt gemacht mit den Bildern. Wir wollen uns nun auch Euch zeigen, wir haben das Vertrauen, dass die Bilder nicht missbraucht werden, wenn Ihr wisst, was ich meine. Es gibt so viele Fakes im Internet. Das ist bei Euch nicht so, das Vertrauen haben wir, sonst wären wir nicht so weit gegangen. Wir denken auch nur mit Euch sind unsere Wünsche erfüllbar, aber wie gesagt: „Alles kann, nichts muss!“ Wenn wir uns an das Motto halten, wird es bestimmt klappen. Ihr sagtet schon, Gefühle sind sehr leicht verletzbar, und mit denen muss man behutsam umgehen. Was wir noch nicht wissen: Woher seid Ihr denn? Wir sind am Rande der Ulmer Alb direkt an der Autobahn A7 Würzburg-Füssen. Morgen Abend bin ich wieder in Deutschland bei meiner Elise.

Sehr liebe Grüße

Hans“

Henning und Dorothea vertieften sich als erstes in die an die E-Mail angehängten Fotos, die sie lange betrachteten. Elises Haar war leuchtend blond, wie Henning sich eine Elise vorgestellt hatte. Alles andere war völlig anders, aber durchaus wohltuend sympathisch. Er machte in Gedanken sein Herz weit auf für die Frau auf dem Foto. Ähnlich erging es Dorothea mit dem Bild von Hans: ein Mann mit dunklem Haar und grauen Schläfen und einem sportlichen Äußeren. Und die Zeilen, die sie hier lasen, stimmten die beiden wieder sehr zuversichtlich, dass alles wirklich auf einem guten Weg sei. Sie antworteten sogleich:

Liebe Elise, lieber Hans,

Dorothea und ich haben eben Eure lieben Zeilen gelesen und Eure Fotos lange angeschaut. Auch Ihr seid ein schönes Paar! Hans ist Dorothea sehr sympathisch, und Henning hat denselben Eindruck von Elise. Sie hat ein sehr liebes Gesicht und wunderschöne Augen. In unserem Kopfkino sind jetzt konkrete Bilder, und wir sind sicher, dass mit Euch geht, was Euer und unser Wunsch ist; denn wir spüren, dass Ihr mit derselben Herzlichkeit an die Sache herangeht wie wir. Das passt! Ihr seid das Paar, das wir uns gewünscht haben. Wir vertrauen Euch und Ihr vertraut uns, und was wir einander anvertrauen bleibt diskret und vertraulich ...“ Und dann schrieb Henning die genaue Adresse und auch seine Handynummer und die von Dorothea und fügte seinen Zeilen noch hinzu: „Ansonsten dürft Ihr wissen, dass ich heute Morgen im Internet das Inserat gelöscht habe. Wir haben Euch gefunden und wollen es nur mit Euch!

Und nun lasst euch beide lieb umarmen

Henning und Dorothea“

Die Antwort von Elise und Hans ließ nur wenige Stunden auf sich warten:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,

danke für Eure liebe Email, die wir gerne gelesen haben. Nun wissen wir Eure Telefonnummer und Adresse, und das zeigt uns, dass Ihr es ehrlich meint ...“ Im nächsten Satz war die komplette Anschrift von Elise und Hans mit Telefonnummer zu lesen, und es folgte ein Vorschlag für einen Termin zum Kennen lernen: „Für unser erstes Treffen wollen wir Euch gerne einladen für nächste Woche am Samstagabend, 19:00 Uhr, im Landgasthof ‚Waldvogel’ in Leipheim. Ich hoffe, es ist in Eurem Sinn, dass wir uns dort vorab einmal treffen für ein erstes persönliches Kennen lernen. Dieses Wochenende haben wir leider schon etwas vor, deshalb geht es erst nächste Woche. Zurzeit ist die Mutter von Elise bei uns zu Besuch, da Elises Vater vor kurzem verstorben ist. Falls Ihr anrufen wollt, bitten wir um Diskretion falls meine Schwiegermutter am Telefon sein sollte. Wir freuen uns sehr auf den Abend in Leipheim. Gerne hören wir wieder von Euch.

Wir grüßen Euch herzlich

Elise und Hans“

Henning und Dorothea waren sogleich fest entschlossen, auf den Vorschlag von Hans und Elise einzugehen und schrieben zurück:

„Liebe Elise, lieber Hans,

wir freuen uns, dass Hans wieder gut nach Hause zurückgekehrt ist und dass Ihr uns gleich geschrieben habt. Ein Kennen lernen an einem neutralen Ort wäre auch unser Vorschlag gewesen. So sagen wir Euch gern für Samstag nächste Woche zu: um 19:00 Uhr im ‚Waldvogel’ in Leipheim. Jetzt am Wochenende wäre es bei uns auch nicht gegangen; denn wir feiern am Samstagabend ein kleines Fest mit unserer Band „Oldies of the Sixties“ und haben die Bandmitglieder und deren Ehefrauen zu Gast. Dorothea und ich werden den ganzen Samstag dafür in der Küche stehen. Wir wollen ein Indisches Menü vorbereiten. Diskretion gegenüber Elises Mutter ist selbstverständlich, das versprechen wir natürlich gern. Vor allem aber möchten wir unsere herzliche Anteilnahme zum Tod von Elises Vater zum Ausdruck bringen und wünschen, dass die Hoffnung stärker sein möge als die Trauer! Auch wir freuen uns riesig auf die erste persönliche Begegnung. Wir denken viel an Euch und schauen immer mal wieder Eure Fotos an und beginnen Euch zu mögen.

Sehr liebe Grüße! Henning und Dorothea“

Die Vier hatten sich noch nie gesehen und waren sich doch schon jetzt ganz gewiss, dass alles passen würde. Und das brachte in gleicher Weise auch noch einmal die Antwort von Hans und Elise zum Ausdruck:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,

wie sich doch alles fügt, wir haben die gleichen Gedanken, das ist doch eine tolle Basis. Wir freuen uns auch sehr auf unser erstes Treffen in Leipheim, die Spannung und die Gefühle in Kopf und Körper steigen. Die Vorfreude auf unser Treffen ist sehr schön, und das Kopfkino läuft. Wir wünschen Euch noch eine schöne Feier mit Eurer Band für heute Abend. Wir selbst sind bei einem Geburtstag eingeladen.

Wir umarmen Euch sehr herzlich

Elise und Hans“

Am folgenden Tag kam von den beiden eine weitere Nachricht, die bei Henning und Dorothea die Vorfreude noch steigerte:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,

wir waren gestern in unserer Sauna und haben ein paar pikante Bilder für Euch gemacht, um die Stimmung noch ein wenig mehr anzuheizen. Ihr habt unser volles Vertrauen, so können wir auch solche Bilder senden. Wir hoffen, dass wir Euch immer noch gefallen. Sehr freuen wir uns auf den kommenden Samstag zum gemeinsamen Abendessen in Leipheim. Wir haben ab 18:45 Uhr einen Tisch reserviert. Was der Nachtisch uns bieten wird, muss sich zeigen. Unsere Gedanken sind bei Euch. Was wir vorhaben, ist sehr erotisch. Allein schon der Gedanke an Euch erregt uns sehr. Ihr wisst ja, wir machen so etwas zum ersten Mal wie Ihr auch. Ein kleines Problem haben wir allerdings. Elise ist sehr erkältet, aber vielleicht auch schon wieder auf dem Weg der Besserung. Seid bitte nicht enttäuscht, wenn es das erste Mal nicht ganz so klappt, wenn Elise und Henning versuchen, einander näher zu kommen. Aber Ihr wisst ja, die Vorfreude ist groß, und wir denken, es wird ein sehr schöner erotischer Abend mit Euch, wir sind sehr erregt im Kopf und im Körper.

Wir umarmen Euch ganz herzlich.

Elise und Hans“

Es waren wirklich sehr erotische Bilder, die sich im Anhang dieser E-Mail fanden, aber Fotos mit Niveau, nicht im Mindesten vulgär, sondern ausdrucksvoll und mit viel Herz. Beim Lesen spürte Henning, dass es Hans offenbar genauso ging wie ihm, denn er fühlte dasselbe Kribbeln. Jedoch auch ein anderer Gedanke ging ihm durch den Kopf: dass Elise vielleicht gar nicht wirklich bereit sein könnte, sich auf solch eine doch eigentlich verrückte Idee einzulassen und sich deshalb womöglich überlegte, die geplante erste Begegnung durch vorgeschobene gesundheitliche Probleme noch etwas heraus zu schieben. Er antwortete sogleich und bemühte sich dabei um ein hohes Maß an Sensibilität und Einfühlungsvermögen:

„Liebe Elise, lieber Hans,

habt sehr herzlichen Dank für Euer Vertrauen und die wirklich schönen Fotos. Natürlich gefallt Ihr uns immer noch! Beim Anblick von Elises Bild ging mir durch den Kopf: „Mit Dir möchte ich wahnsinnig gern schmusen und unendlich lieb zu dir sein!“ Und Dorothea hat beim Anschauen des Bildes von Hans spontan gesagt: „Er ist ein wirklich schöner Mann!“ Also Ihr habt unsere Vorfreude enorm verstärkt! Beigefügt findet Ihr noch ein Bild von Dorothea, das wir extra für Hans aufgenommen haben, und ein Bild von mir, das am Samstag bei unserem Bandabend gemacht wurde, für Elise. Ich mag sie schon jetzt sehr! Was Elises Erkältung betrifft, so hat Dorothea gerade dasselbe Problem und ist heute den ganzen Tag im Bett geblieben. Wir gehen aber weiterhin davon aus, dass es am Samstag klappt. Elise soll sich bitte keine Gedanken machen, wie nahe wir uns beim ersten Mal kommen werden. Ich bin sehr behutsam und einfühlsam und möchte eine sehr lange erotische Freundschaft mit ihr wie gleichermaßen Dorothea mit Hans. Auch wenn es um knisternde Erotik geht, steht für uns immer die Person des anderen im Vordergrund und das Achten darauf, was dem anderen gut tut. Wir freuen uns wahnsinnig auf Samstag und der Gedanke an Euch erregt uns sehr, und dabei ist nicht wichtig, wie weit wir jeweils miteinander gehen. Was wir vorhaben, wird uns und Euch ganz sicher gut tun.

Fühlt Euch beide liebevoll umarmt von Henning und Dorothea“

In einem Punkt täuschte sich Henning allerdings sehr. Es war keineswegs eine erotische Sehnsucht nach dem Neuen in Elise, wie er meinte, auf ihrem Bild erkennen zu können. Als Hans ihr zum ersten Mal von dem ungewöhnlichen E-Mail-Kontakt mit Henning und Dorothea berichtete, sagte sie spontan und mit dem Unterton leichten Entsetzens: „Oh, da müsste ich mich ja ausziehen!“ Das war für sie eher eine unangenehme Vorstellung.

Am nächsten Morgen konnten Henning und Dorothea die folgenden Zeilen lesen:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,

nur kurz vielen Dank für Eure Antwort und die schönen Bilder. Elise hat Henning eine SMS geschrieben, dabei aber aus Versehen wohl die falsche Mobil Nummer erwischt, ist irgendwie fehl gelaufen. Wir werden Euch heute Abend wieder ein paar spannende Zeilen schreiben.

Liebe herzliche Grüße

Elise und Hans“

Noch vor dem Abend schickte Henning eine sehr ausführliche Nachricht ab, denn er und auch seine Dorothea konnten kaum noch an etwas anderes denken:

„Liebe Elise, lieber Hans,

heute beim Frühstück haben wir Eure lieben Zeilen erhalten und mit Freude gelesen. Es gibt schon jetzt eine ganz tiefe Intimität zwischen uns, die wir in vollen Zügen genießen, und wir wissen, dass es bei Euch ebenso ist. Genau das hatten wir uns gewünscht. Wir waren sicher, dass es ein Paar gibt, das dieselben Wünsche hat und gleichzeitig Niveau, Herz und Persönlichkeit, aber wir wussten auch, dass es schon ein kleines Wunder sein müsste, dass genau dieses Paar zur richtigen Zeit im Internet ein anderes passendes Paar sucht. So gibt es eine große Freude in uns, und die möchten wir auf ganz lange Sicht immer wieder mit Euch teilen. – Ein wenig schade ist allerdings nun, dass Dorotheas Infekt sich doch verschlimmert hat. Sie ist mit starken Halsschmerzen und Schluckbeschwerden aufgewacht und wird jetzt gleich zum Arzt fahren. Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt, aber es sind ja noch ein paar Tage bis Samstag! Elise möchte ich gern noch sagen, dass sie eine enorme erotische Ausstrahlung auf mich hat. Ihre Bilder sagen mir viel darüber, wie es in ihr aussieht. Liebe Elise, ich möchte, dass Du weißt, dass Du von mir nie etwas anderes zu erwarten hast als zärtliches Liebhaben und einfühlsamen Respekt vor Deiner Person. Und ich möchte Dir danken, dass Du mir per Foto den Blick auf Deinen roten BH geschenkt hast. So wünschen Dorothea und ich Dir gute Besserung mit Deiner Erkältung und freuen uns auf Samstag und hoffen, dass auch Dorothea dann halbwegs wieder fit sein wird. Die erotischen E-Mails mit Euch sind etwas Wunderbares und Wohltuendes. Diese Kommunikation können wir gerne beibehalten, wenn Ihr wollt. Wir umarmen Euch (Dorothea den Hans in Gedanken Haut auf Haut und ich die Elise)!

Henning und Dorothea“

Auch die E-Mails von Hans wurden jetzt immer ausführlicher:

„Liebe Dorothea, lieber Henning,