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„Kein Tag ohne Linie.“ Paul Klee
Das Leben von Paul Klee erzählt die Geschichte einer bewegten Epoche. Um 1900 kam er zum Kunststudium nach München, wo er sich mit der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit anfreundete. Er prägte als Mitglied der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter” und später als Lehrer am Bauhaus in Dessau die Moderne. 1933 kehrte Paul Klee, von den Nationalsozialisten verfolgt, in sein Geburtsland, die Schweiz, zurück. Er schuf etwa 9.000 Werke, deren wichtigste Gestaltungselemente Striche, Farben, Linien und Flächen sind und die zeitlebens von seiner zweiten Begabung, der Musik, inspiriert wurden.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2011
Für Helene
Wer die Wahl hat, hat die Qual! Paul muss sich entscheiden.
Der kleine Paul liegt im Bett und kann nicht schlafen. Er liebt die Stimme seiner Mutter, die gedämpft aus dem Nachbarraum ins Kinderzimmer dringt. Ida, so heißt Pauls Mutter, ist ausgebildete Sängerin. Jeden Abend musiziert sie gemeinsam mit seinem Vater Hans, der am Bernischen Lehrerseminar Musik unterrichtet und insgesamt sieben Instrumente spielen kann! Das möchte Paul auch mal können.
Er lauscht noch einmal, ob die Musik der Eltern noch zu hören ist, schlägt dann die Federdecke zurück und knipst die Nachttischlampe an. Kopfüber hangelt er sich aus dem Bett und zieht langsam einen großen, schweren Koffer darunter hervor. Vorsichtig klappt er den Deckel hoch.
Paul kann sich fast im Holz spiegeln, so glatt und glänzend ist der Geigenkörper. Er hockt sich auf die Bettkante und nimmt die Geige auf den Schoß. Sein Herz klopft schnell und laut. Er setzt den Bogen an, die Melodie hat er ganz genau im Kopf. Dann schließt er die Augen und bunte Lichter erscheinen, tanzen vor seinem Gesicht, verwandeln sich in Sterne, Blumen, Fantasiewesen! Paul wird ganz warm ums Herz, seine Beine fangen an zu kribbeln, in seinem Kopf beginnt es zu rauschen. Immer gekonnter wird das Geigenspiel. Paul ist, als würden ihm Flügel wachsen, als würde er aus dem Zimmer durchs offene Fenster hinaus in die Sternennacht schweben . . .
»Paul!« Die Stimme seiner Mutter reißt ihn aus den Träumen. »Was machst du denn da am Fenster?«
Paul blickt an sich herab, wundert sich, dass er einen Schlafanzug trägt und – wo ist denn seine Geige?
»Es ist längst Zeit zu schlafen, in ein paar Stunden beginnt schon die Schule! Und du weißt doch, morgen ist ein ganz besonderer Tag. Komm, leg dich wieder hin.«
Ida fasst Paul an den Schultern, führt ihn zu seinem Bett und deckt ihn zu.
»Mama«, murmelt Paul noch, bevor ihm die Augen zufallen, »Mama, zum Geburtstag wünsche ich mir eine Geige.«
Am nächsten Vormittag sitzt Paul noch etwas müde von seinem nächtlichen Fantasieausflug in der Schule. Heimatkunde. Paul langweilt sich. Fräulein Mäder erzählt irgendwas von der Flora und Fauna, die sie bei ihrem letzten Ausflug ins Berner Oberland erkundet haben. Der Ausflug hat Paul gefallen. Zusammen mit den anderen Schülern war er fröhlich über Stock und Stein gekraxelt, immer auf der Suche nach besonderen Pflanzen. Und in den Tälern der Berner Alpen wachsen tolle Pflanzen! Sogar Orchideen haben sie gesehen. Tausende verschiedene Arten dieser Pflanzenfamilie gibt es, hat das Fräulein Mäder erklärt, und jedes Jahr werden neue entdeckt. Das hat Pauls Ehrgeiz angestachelt, unbedingt wollte er eine neue Art entdecken! Stattdessen ist er dann auf etwas anderes, ganz Unscheinbares gestoßen, das ihn jedoch umso mehr fasziniert hat . . .
Paul greift nach seinem Zeichenstift. Seine Stifte haben alle Namen. Dieser heißt Mathi, wie seine fast vier Jahre ältere Schwester Mathilde. Er hält Mathi in der linken Hand, seiner Zeichenhand. Die rechte gebraucht er fast ausschließlich zum Schreiben. Pauls Hand holt aus, schlägt einen Bogen, und noch einen, und führt die Linie wieder am Anfangspunkt zusammen. Pauls Hand schlägt weitere Bogen, aus denen Herzformen werden, zeichnet vier aneinanderliegende Blätter. Genau so hat er das Kleeblatt in Erinnerung. Glücksklee. Jeden Tag kann er sich das Blatt anschauen. Er hat es damals gepflückt, behutsam in sein Schreibheft gelegt, im Rucksack mit nach Hause getragen und dann gepresst. Nun liegt es fein säuberlich in einem Glasgefäß in seinem Regal.
Pauls Vater meint, wenn man ein vierblättriges Kleebatt findet, kann man sich etwas wünschen. Das hat sich Paul nicht zweimal sagen lassen.
»Er ist da!« Als Paul von der Schule nach Hause kommt, in die Länggasse in Bern, sieht er gerade noch den Kopf seiner Schwester durch den Türschlitz verschwinden.
»Dä Päuli hät Geburtstag,
chömed singäd ali mit,
wünsched Gsundheit und vil Glück!«
Ida, Hans und Mathilde schmettern vor einem köstlich aussehenden Kuchen mit einer großen Sieben aus Sahnetupfen Pauls Geburtstagsständchen, auf Schweizerdeutsch. Hmm, die ganze Wohnung duftet nach Zimt und Apfel! Aus den Augenwinkeln sucht Paul die Küche heimlich nach seinem Geschenk ab. Eigentlich dürfte es ja nicht zu übersehen sein! Wo ist es nur?
»Unser Päuli fragt sich bestimmt, ob er gar kein Geschenk bekommt!« Der Vater, eine große, stattliche Erscheinung mit üppigem Bart, hat ihn genau beobachtet – und mal wieder durchschaut. »Nun, dann wollen wir ihn mal nicht länger auf die Folter spannen.« Er greift nach einem großen Umschlag und übergibt ihn seinem Sohn, den Mund zu einem leicht spöttischen Grinsen verzogen.
Paul ist ganz verunsichert durch den Blick des Vaters. Und dann der Umschlag – was soll das bedeuten?! Er hatte sich doch so sehr . . . und nichts anderes gewünscht! Paul versucht, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Tapfer öffnet er den Umschlag, zieht eine Karte hervor, liest:
GUTSCHEIN FÜR PÄULI
Er klappt die Karte auf, und unzählige bunte Papiernoten rieseln wie Konfetti auf den Boden. Paul liest weiter. Schließlich strahlt er über das ganze Gesicht – Geigenunterricht! Bei Konzertmeister Jahn! Der Tag ist gerettet.
Viele Geburtstage sind seither vergangen. Paul hatte nicht einmal drei Jahre Geigenunterricht, da wurde er bereits außerordentliches Orchestermitglied der Bernischen Musikgesellschaft. Bach und Mozart sind längst kein Problem mehr, in öffentlichen Konzerten spielt er auch Brahms. Virtuos führt Paul den Bogen und blickt melancholisch in die Ferne. »Ein Wunderkind«, hört man es im Publikum raunen. Hans Klee streckt seine Brust heraus und wird in seinem Sitz noch ein Stückchen größer, während Ida stolz ihr Kleid glatt streicht.
Inzwischen geht Paul aufs Literaturgymnasium. Die Schulstunden bieten nach wie vor den schönsten Anlass zu allerlei zeichnerischen Abschweifungen. Davon zeugen auch seine Schulhefte: eine Seite mathematische Lösungen, zwei Seiten Zeichnungen von der Berner Umgebung und dem heiteren Lauf der Aare; eine Seite deutsche Grammatik, zwei Doppelseiten mit schrägen Porträts seiner Lehrerin; zwei Seiten griechische Vokabeln, gefolgt von zahlreichen Fantasiebildern mit Madonnen, Magdalenen und Räubern.
Standen in seinem ersten Zeugnis noch lauter Einser – von Paul eigenhändig mit Ausrufezeichen versehen – geht es nun rapide bergab. Im Sommer 1898 haben seine Schulleistungen den absoluten Tiefpunkt erreicht. Die Klassenfahrt ist daraufhin natürlich gestrichen. Paul findet das gar nicht so schlimm. Einzelgänger, der er ist, macht Paul seine eigene kleine Reise, ohne Schulbücher, sondern mit Skizzenbuch und Lupus, Chrüttli, Nero, Robert dem Teufel und wie seine Zeichenstifte alle heißen im Gepäck.
Beim Zeichnen kann Paul wahre Leidenschaft entwickeln, jegliches Zeitgefühl geht ihm dabei abhanden! Vor allem in der Natur. Stundenlang dreht, wendet und betrachtet er die gefundene Muschel von allen Seiten, um sie dann mit größter Sorgfalt aufs Papier zu bringen. Nicht schlecht, das Ergebnis. Das findet auch Ida, die jedes einzelne Werk ihres Sohnes aufhebt und ihn überhaupt in all seinen Interessen und Neigungen bestärkt. Vielleicht auch deshalb, weil ihr selbst eine Karriere als Sängerin versagt geblieben ist? Schließlich hat sie sich für Familie und Kinder entschieden. Und aus denen soll einmal etwas werden.
Die Matura schafft Paul trotz seines, nun ja, mäßigen schulischen Fleißes. Mit sagenhaften vier Punkten über dem Minimum. Paul sieht das mit Humor. Das absolute Minimum zu treffen ist ja auch ein nicht ganz ungefährliches Kunststück.
Viel schwerer wiegt eine andere Frage: Was nun? Das Geigenspiel erfüllt ihn, er liebt die Musik, aber daraus einen Beruf machen? Ob das zum Erfolg führt? Was auf diesem Gebiet schon alles geleistet wurde! Das ist wohl kaum zu überbieten. Und so herausragend ist sein Spiel nun auch wieder nicht, findet Paul.
Soll es also doch die bildende Kunst sein? Bilder erfinden wie Mozart Musikstücke? Auch die Aussicht auf ein Studium in der Ferne lässt Pauls Augen glänzen. Schließlich geht ihm seine schweizerische Heimatstadt, dieses verschlafene Nest, schon lange auf die Nerven. Ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München – das klingt schon sehr verlockend.
Hinaus in die weite Welt zum Studieren! Paul zeichnet, was das Zeug hält.
Nun also München: eine Weltstadt im Gegensatz zu Bern! In der pulsierenden Kunstmetropole blüht derzeit der Jugendstil, diese neue Kunstströmung mit ihren dekorativ geschwungenen Linien und blumigen Ornamenten. Zu den Malerfürsten gehört Franz von Stuck, der mit der Begründung der Künstlervereinigung »Münchner Secession« dem neuen Jugendstil den Weg gebahnt hatte.
Paul wohnt vorübergehend bei Bekannten seiner Eltern, bis er ein schönes Zimmer findet. Bei einer Arztwitwe, in der Amalienstraße 24 im Stadtteil Schwabing, erster Stock links. Ohne viel davon zu wissen, hat Paul in Schwabing viele künstlerische und lebenskünstlerische Nachbarn: den Schriftsteller und Kabarettisten Frank Wedekind, der mit seinen antibürgerlichen Werken für Aufregung sorgt, den prophetischen Dichter Stefan George und den Schriftsteller Thomas Mann. Man trifft sich im Café Größenwahn, eines der wenigen Lokale, in denen man bis in die frühen Morgenstunden zusammenhocken kann. Hier diskutieren der Dichter Joachim Ringelnatz, der Anarchist Erich Mühsam und der Revolutionär Ernst Toller, als ginge es um ihr Leben.
Von der Amalienstraße hat es Paul nicht mehr weit bis zur Kunstakademie. Sein erster Besuch bei Direktor Löfftz ist allerdings eine große Enttäuschung: Pauls Zeichnungen sind nicht gut genug. Er brauche Übung, viel, viel Übung, meint Löfftz und empfiehlt ihm Privatunterricht zur Vorbereitung auf die Akademie.
Paul ist neunzehn Jahre alt, als er in Knirrs private Kunstschule eintritt. Heinrich Knirr versucht seinen Schülern das Zeichnen nach dem Modell schmackhaft zu machen. Eine üppige Frau mit riesigen Brüsten sitzt in der Mitte des Zeichensaals und wartet geduldig auf Verewigung. Paul spitzt den Bleistift. Seine Begeisterung hält sich in wohlbemessenen Grenzen. Knirrs Reaktion auf Pauls Werk ebenso: »Da sag i einstweilen gor nix.«
