Paula und der Westen - Uta Tetzlaff - E-Book

Paula und der Westen E-Book

Uta Tetzlaff

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Beschreibung

Steffen, ein Journalist, bekommt den Auftrag, eine Reportage über das Leben in der DDR zu schreiben. Durch einen Zufall lernt er Paula kennen. Ihre Spur verliert sich aber schnell wieder. Um Material für seine Reportage zu sammeln, begibt er sich auf die Suche nach ihr. Dabei lernt er Menschen kennen, die ihr eine Menge im Leben bedeutet und ihren Lebensweg begleitet haben. Er erfährt von ihrer Mutter, dass sie schon im frühen Kindesalter in Berührung mit dem Westen gekommen ist. Sie erzählt ihm, dass Paula so nach und nach Verwandte und Vertraute verloren hat. Als Kind versteht sie die Zusammenhänge nicht und fühlt sich verraten. Ein halbes Jahr vor dem Mauerbau besuchen sie und ihre Mutter die Großeltern in der Bundesrepublik. Paula lernt den Westen von einer anderen Seite kennen und er gefällt ihr. Von einer Schulfreundin bekommt Steffen Einblicke in das Leben auf dem Gymnasium. Katherina, mit der sich Paula ein Zimmer während der Studienzeit teilt, lernt Steffen im Anschluss kennen. Sie wird Paulas beste Freundin und begleitet sie auf ihrem gesamten weiteren Lebensweg. Noch während ihrer Studienzeit heiratet Paula. Nach dem Studium suchen ihr Mann und sie sich entgegen den Plänen und Vorgaben der Studienvermittlung eine Arbeit in einem volkseigenen Betrieb ihrer Wahl. 1986 und in den Folgejahren bekommt sie die Genehmigung und darf ihren Großvater zum Geburtstag in der Bundesrepublik besuchen. Als sie im Sommer 1989, von der Geburtstagsfeier zurückkehrt, sind die wirtschaftliche und die politische Situation in ihrem Heimatland besorgniserregend. Paula hat die Befürchtung und Sorge für immer dem System ausgeliefert zu sein. Ihr ist bewusst, dass die Gesellschaft in der Form, so wie sie gelebt wird, keine Perspektive hat. Auch aus diesem Grund nimmt sie an der friedlichen Revolution 1989 aktiv teil. Seit März 1990 lebt und arbeitet sie im Westen. Und wie geht die Geschichte mit Paula und Steffen weiter? Das Ende wird den Leser überraschen.

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Seitenzahl: 494

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Danke an Monika, Diana, Conny und all diejenigen, die mich ermutigt haben, dieses Buch zu schreiben!

Paula und der Westen

zwei Staaten – ein Land

Uta Tetzlaff

© 2021

Autor: Uta Tetzlaff

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN: 978-3-347-31894-6 (Paperback)

ISBN: 978-3-347-31895-3 (Hardcover)

ISBN: 978-3-347-31896-0 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Vorwort

Paula wurde im Osten Deutschlands geboren und hat bis zu ihrem 35. Lebensjahr in einem kleineren Ort in Thüringen gelebt. Bei ihrer Entwicklung und Meinungsbildung haben neben dem Elternhaus, der Erziehung in der Schule, den Erfahrungen, die sie im Studium und bei ihrer Arbeit sammeln konnte, auch die Ansichten ihrer Freunde und Kollegen, die Politik der DDR und die Wirkung der BRD auf sie eine entscheidende Rolle gespielt. Alles, was in dem Buch beschrieben wird, resultiert aus Paulas Erlebnissen und Erfahrungen. Es ist ihr Leben.

Die Wurzeln der von deutschen Vorfahren abstammenden Nachkommen sind identisch. Im Kindesalter haben sie dieselben Lieder gelernt, die gleichen Märchen erzählt bekommen und in der Schule dieselben Klassiker, Philosophen und Wissenschaftler kennengelernt. Bis 1945 gab es keine Unterschiede zwischen Ost und West.

 

„Wie weit sind Sie mit ihrer Reportage über die Biergärten in Bayern?“, fragte der gut gekleidete ältere, grauhaarige Chefredakteur mit fordernder Stimme Herrn Steffen Schwarz.

Es war noch früh am Morgen, als dieser die Tür öffnete und den dunklen, verräucherten Raum betrat. Der Chef wirkte dabei ein wenig fahrig und strich sich mit beiden Händen durchs Haar. Vor ihm, auf dem anscheinend unübersichtlichen Papierstapel auf seinem Schreibtisch, lagen sein Terminkalender und sein Notizbuch.

„Mir fehlt nur noch die Reportage vom Biergarten im Kloster Andechs. Reicht es, wenn ich den Artikel morgen Nachmittag in die Redaktion schicke?“, bekam er zur Antwort.

„Ja, aber bitte nicht später.“

„Nein versprochen.“

Dann blickte der ältere Herr in sein Notizbuch auf den roten Eintrag, atmete tief durch und äußerte mit fester Stimme, die seine Nervosität überdecken sollte:

„Ich hätte da noch ein Thema für Sie, Herr Schwarz. Für den nächsten Jahrestag der Wiedervereinigung von Deutschland hat sich unser Verlag überlegt, eine Reportage über das Leben in der DDR zu veröffentlichen. Ich dachte da an Sie.“

Herr Schwarz war von der Idee nicht begeistert und überlegte kurz:

„Was soll ich da Neues schreiben? Da ist doch schon alles gesagt. Kaputte Straßen, zerfallene Häuser, Mangelwirtschaft und die Staatssicherheit. Auch die Fluchtversucheund Abhörgeschichten sind schon ausreichend dokumentiert und verfilmt. Aber einen größeren Auftrag kann ich als freischaffender Journalist schon gebrauchen und ablehnen kann ich immer noch.“

Dann erwiderte er selbstbewusst:

„Ich denke über das Thema nach. Vielleicht fällt mir dazu etwas ein.“

Dem Chefredakteur fiel ein Stein vom Herzen, denn er hatte schon ohne Erfolg versucht, einige seiner Redakteure für das Thema zu begeistern. Er erwiderte und bemühte sich dabei, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen:

„Ich bin mir sicher, dass Ihnen dazu etwas einfällt. Über das Finanzielle werden wir uns schon einig. Wenn Sie einen Vorschuss benötigen, lassen Sie es mich bitte wissen.“

Herr Schwarz verabschiedete sich mit einem mulmigen Gefühl im Magen und langsam kamen ihm Zweifel auf:

„Worauf habe ich mich da jetzt nur eingelassen?“

Um seine Reportage über Bayerns Biergärten zu Ende zu bringen, fuhr er direkt im Anschluss an das Gespräch nach Kloster Andechs. Im Biergarten war noch einer der schönst gelegenen Tische frei, den wählte er für sich aus und genoss erst einmal den herrlichen Ausblick bei einem Weißbier.

Paula hatte ein paar freie Tage und eine Nacht bei einer ihrer Bekannten in Augsburg verbracht. Auf ihrem Heimweg fuhr sie am Kloster Andechs vorbei und beschloss spontan, das fantastische Sommerwetter zu nutzen, um in dem Biergarten zu speisen. Als sie ankam, waren noch einigePlätze frei, aber die lagen im Schatten und der herrliche Ausblick in die Umgebung war von dort aus auch nicht möglich. An einem der begehrtesten Sechser-Tische saß nur ein einzelner, adrett gekleideter Mann mittleren Alters. Paula überlegte kurz:

„Ob ich einfach mal nachfrage, ob ich mich dazusetzen darf? Hoffentlich versteht er es nicht falsch. Ach, was soll es, ich frage einfach. Mehr als Nein sagen kann er ja nicht“, und leise und zögerlich fragte sie: „darf ich mich zu ihnen setzen?“

„Ja, es ist ja ausreichend Platz am Tisch“, entgegnete der Herr mit einem unübersehbaren Lächeln im Gesicht.

Paula wählte den von ihm am weitesten entfernten Platz für sich aus. Kurz darauf kam die Kellnerin in einem traditionellen Dirndl und fragte mit tiefem bayrischem Akzent:

„Wos dof ich Ihne bringe?“

„Ich hätte gern eine große Apfelsaftschorle und die Käsespätzle.“

Der Herr am Tisch sah Paula schmunzelnd an und bemerkte spöttelnd:

„Sie sind aus Sachsen!“

„Nein, das bin ich nicht.“

„Aber sie sächseln.“

„Stimmt nicht.“

„Aber Sie sind aus dem Osten.“

„Das stimmt.“

Neugierig fragte der nicht unsympathische, gut aussehende Mann weiter:

„Wo kommen Sie denn her?“

Paula sah ihn skeptisch an, holte tief Luft und erwiderte stolz:

„Ich bin in Thüringen geboren.“

„Das ist doch das Gleiche wie Sachsen.“

„Sagen sie mal zu einem echten Schwaben, das er Bayer ist. Oder noch besser einem Kölner, dass er aus Düsseldorf kommt“, warf Paula stichelnd ein und schmunzelte dabei nicht weniger.

„O.k., ich gebe mich geschlagen. Woher genau in Thüringen kommen sie?“

„Aus Tabarz. Ich glaube aber nicht, dass ihnen der Name etwas sagt. Der kleine Ort liegt ca. 60 Kilometer westlich von Erfurt.“

„Und was machen sie hier? Urlaub?“

„Ich lebe seit März 1990 in Bayern.“

Die beiden vertieften ihr Gespräch und unterhielten sich eine Weile über das Essen, das Wetter, den schönen Biergarten und dann fragte Herr Schwarz Paula spontan:

„Wie war das damals in der DDR? Wie war ihr Leben? Wie haben Sie die Teilung Deutschlands empfunden?“

„Bevor Sie weiter fragen“, sagte Paula schelmisch, „ich heiße Paula hatte keinen Hund und keine Katze. Und was wollen Sie noch wissen?“

„Alles.“

So charmant hatte noch niemand so einen Blödsinn geäußert. Irgendwie gefiel ihr seine direkte Art.

„Wo soll ich da anfangen?“, fragte sie irritiert, runzelte die Stirn, sah ihn mit großen, weit geöffneten Augen an und holte dabei tief Luft.

„Na am Tag ihrer Geburt“, antwortete er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Und dann begann Paula von ihren ersten Begegnungen mit dem Wort Westen zu berichten. Sie erzählte und erzählte, denn noch nie hatte sie jemand ernsthaft nach ihrem Leben in der DDR erkundigt. Paula bemerkte zwar, dass ihr Tischnachbar sich etwas notierte, maß dem Ganzen aber keine Bedeutung zu. Irgendwann fragte sie dann doch nach:

„Sie schreiben so fleißig mit, warum?“

„Ich finde ihre Geschichte interessant. Ich bin Journalist und möchte eine Reportage über das Leben in der DDR schreiben.“

„Mein Leben war doch nichts Besonderes, Ausgefallenes. In einem Heißluftballon bin ich nicht geflüchtet und durch die Ostsee bin ich auch nicht in den Westen geschwommen. Und das soll jemand lesen?“

„Ich hoffe doch.“

„Für das Leben in der DDR hat sich bisher noch kein Westdeutscher interessiert. Zumindest dann nicht, wenn ich auch nur andeutungsweise etwas Positives darüber zu vermitteln versucht habe. Meckern ging, da haben sie zugehört.“

„Gab es denn da so viel Positives?“

„Alles hat zwei Seiten. Wenn Geld nicht so eine entscheidende Rolle spielt, verschieben sich die Prioritäten. Aber in einem Satz ist das nicht gesagt.“

„Wollen wir uns nicht duzen? Ich heiße Steffen.“

„Dass ich Paula heiße, weißt du schon.“

Steffen und sie hatten sich verplaudert. Und dann fragte er:

„Du sagst meistens wir, wenn du erzählst. Bist du verheiratet? Hast du Kinder?“

„Ich habe eine Tochter. Verheiratet bin ich nicht mehr. Das Kapitel in meinem Leben habe ich abgeschlossen. Ich bin seit vielen Jahren geschieden. Mein Mann und ich, wir haben ein altes Rollenmodell gelebt und das möchte ich nicht mehr.“

„Also hast du die Scheidung eingereicht?“

„Ja, ich habe die Scheidung eingereicht, nachdem eine andere Frau in seinem Leben eine größere Rolle gespielt hat und er ausgezogen war. Das war die beste Entscheidung in meinem Leben.“

Steffen gefiel, was er da hörte, und er fragte zu dem Thema nicht weiter nach. Ihre Eindrücke von der Bundesrepublik interessierten ihn mehr.

„Und wie war das für dich im Westen?“

„Alles neu, alles anders.“

„Was zum Beispiel?“

„Wie soll ich dir das beschreiben? Ich versuche es einfach so. Stell dir einen Tierpark vor. Die Tiere leben in einem schönen, praktischen Gelände und kennen sich da gut aus. Die Rangordnung untereinander ist klar und akzeptiert. Sie bekommen ausreichend zum Essen und es wird für sie gesorgt. Aber sie leben in einem Käfig. Um den Käfig herum bewegen sich andere Tiere, wie Vögel in Freiheit. Sie träumen davon, die Welt draußen kennenzulernen. Und dann werden die Gitterstäbe entfernt und sie können hinaus in die langersehnte Freiheit. Aber die gewohnte Umgebung verlieren sie dadurch. Niemand kümmert sich mehr, so wiesie es gewohnt waren um sie und gibt ihnen die Richtung vor. Alles ist auf einmal anders. Sie müssen sich neu ordnen. Das ist bei Menschen nicht anders als bei Tieren. Es lauerten Gefahren, die die DDR-Bürger bis dahin nicht kannten.“

„Und wie hast du dich im Käfig gefühlt? Hattest du ein großes Gehege? Zu welcher Gattung hast du gehört?“, fragte Steffen schelmisch.

„Ich war nicht nur in einem“, spöttelte Paula, „damit gebe ich mich nicht zufrieden. “

„Und wie war das für dich, als die Tore geöffnet wurden?“

„Ich war wie ein Vogel, denn jetzt konnte ich die Welt von oben sehen, wie ein Mustang, konnte die Freiheit genießen. Du weißt doch, Weltanschauung kommt von Welt anschauen. Und nur dann, wenn man selbst viel gesehen hat, kann man sich ein umfassendes Bild vom Leben auf unserem Planeten machen. Nachrichten sind nicht immer objektiv. Oft verfolgen sie einen Zweck oder ein Ziel. Das wusste ich aber. Fehler habe ich gemacht und naiv war ich auch. “ feixte Paula.

„Welche Fehler hast du gemacht?“

„Ich habe lange Zeit nicht erkannt, dass man Kredite aufnehmen kann, ohne dabei viel zu riskieren. Meine Eltern, Großeltern usw. hatten mich davor gewarnt mehr Geld auszugeben, als ich zur Verfügung habe. Sicherheitsdenken hat in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt. Die Bedenken, was da alles passieren kann, haben mich davon abgehalten. Heute bereue ich das.“

„Und warum denkst du, dass du naiv warst?“

„Für mich war die Wichtung klar: Bildung, Geld, Beziehung und im Westen musste ich einsehen, dass Bildung erst an dritter Stelle steht.“

„War das in der DDR anders?“

„Wahrscheinlich nicht, aber es war nicht so deutlich ersichtlich.“

„Du bist schon lustig. Und wie und warum seid ihr dann in den Westen gekommen? Warum nach Bayern?“, erkundigte sich Steffen weiter.

„Meine Arbeitsstelle fiel weg. Da brauchte man nicht viel Erfahrung um das zu erkennen. Mein Mann hatte große Ideen und dafür bereits seine Tätigkeit gekündigt. Das klappte aber nicht so wie er es sich gedacht hatte. Das warum ist klar, wir brauchten eine Arbeit und mussten Geld verdienen. Zuerst waren wir froh, dass sich überhaupt jemand meldete und wir zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden. Mein Mann Ulf bekam eine Einladung nach Berlin, ich eine nach Fürth. Das Chaos war perfekt. Dann erhielt ich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in München bei einer IT-Firma und Ulf eine in der Nähe von München bei einer Firma die Aufzüge herstellt. Wir gingen ahnungslos und naiv in die Gespräche und bekamen Arbeitsverträge und nahmen sie an. So kamen wir nach München.“

Und Paula erzählte ohne Pause. Steffen konnte gar nicht so schnell mitschreiben was sie ihm auf seine Frage: „Warum und wie seid ihr in den Westen gekommen?“, alles anvertraute.

Die Entscheidung gegen Thüringen

Paula arbeitete in Erfurt im Kombinat Mikroelektronik in der Forschungs- und Entwicklungsstelle. Nur wenige der Produkte von dort waren vollständige Eigenentwicklungen. Auf dem Weltmarkt gab es bereits ein breites Angebot an mikroelektronischen Bauelementen. Das nutzte man in Erfurt und baute die Produkte nach. Dazu war technisches Wissen erforderlich, denn die Hersteller schützten ihre Entwicklungen mit viel technischem Aufwand und waren dabei sehr geschickt. Bereits kurz nach der Grenzöffnung, also schon im November 1989, kam der amerikanische Konzern IBM auf die Firma zu und wollte für die nachgebauten mikroelektronischen Bauelemente horrende Summen an Lizenzgebühren. Das konnte der Betrieb nicht leisten und somit war die Schließung der Firma absehbar. Paulas Mann wollte immer selbstständig sein und kündigte schon im November seine Arbeitsstelle. Er wollte ein Datenverarbeitungsbüro für Lohnabrechnungen, ähnlich der DATEV in Nürnberg aufbauen. Da Erfurt seit 1988 die Partnerstadt von Mainz ist, wandte er sich dazu an den Bürgermeister der Stadt:

„Wir würden gern ein Joint Venture Unternehmen mit einer Firma aus Mainz gründen.“

Ein Angestellter der Stadt vermittelte ihm daraufhin den Kontakt zu einer Mainzer Firma. Einen Vorvertrag mit dem Eigentümer eines wunderschönen, neu restaurierten Hauses am Domplatz, direkt in der Altstadt von Erfurt, hatte Ulf schnell organisiert. Der Besitzer wollte 100.000,00 DMark und die Option darauf lief Ende Dezember 1989 aus. Als sich die Mainzer Firma Anfang Januar endlich dazu entschloss, ihm den Betrag zur Verfügung zu stellen, war das Objekt nicht mehr zu haben. Und heute würde man das Gebäude, wenn überhaupt, unter zwei Millionen Euro sicher nicht mehr bekommen.

„Und was machen wir jetzt? Du hast deine Arbeit gekündigt, um ausreichend Zeit für die Gründung eines Joint Venture Unternehmens zu haben. Das hat nicht geklappt und meine Arbeit fällt demnächst weg“, bemerkte Paula besorgt um ihre Zukunft und hatte das erste Mal in ihrem Leben Existenzangst.

„Notfalls, wenn nichts mehr geht, dann ziehen wir zu deinen Eltern und bauen auf den Feldern deiner Großeltern Kartoffeln an“, versuchte Ulf sie zu trösten.

Paula fühlte sich verspottet und fand das überhaupt nicht lustig. Dann begaben sie sich auf die Suche nach neuen Arbeitsstellen.

In der DDR war plötzlich alles problematisch und ungewiss. Ostdeutsche Arbeitskräfte wurden nicht mehr gesucht. Es waren ausschließlich die Wessis gefragt. Für Paula und Ulf blieb nur die Bundesrepublik. Ab Mitte Januar 1990 fuhren sie jeden Samstag kurz über die innerdeutsche Grenze in den nächstgelegenen Grenzort im Westen, kauften die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung und eilten anschließend auf dem schnellsten Weg wieder zurück. Zu Hause angekommen studierten sie die Stellenanzeigen und schrieben Bewerbungen. Sie bewarben sich auf Arbeitsstellen in Hamburg, Westberlin, Frankfurt am Main, Fürth und München. Sie versuchten es auch in Österreich und in der Schweiz. Kurz gesagt, sie bewarben sich auf alle Stellen, die ihnen interessant erschienen. Das war eine Sisyphusarbeit. Pro Tag am Wochenende schafften sie zwei vollständige Bewerbungsunterlagen und in der Woche, wenn sie Glück hatten, eine weitere.

Privatleute besaßen in der DDR keine Druck- und Kopiergeräte.. In den Firmen hatte auch nur ein kleiner Kreis von Mitarbeitern Zugang zum Kopierraum. Paula gehörte nicht dazu. Den Schlüssel für den Raum erhielt Paula von einem befreundeten Kollegen stillschweigend.

„Lasst euch bloß nicht erwischen und wenn, dann sagt auf keinen Fall, dass ihr den Schlüssel von mir habt“, mit den Worten übergab er ihr seinen Schlüssel.

Er vertraute Paula. Druckerpatronen und Druckerpapier kauften Paula und Ulf in Bürowarenläden bei ihren Besuchen im Westen ein. Der Kopierer, der in der Firma in der Paula arbeitete, stand, war aus dem nicht sozialistischen Ausland importiert. Die Beschaffung der Verbrauchsartikel in der Bundesrepublik stellte somit keine Hürde dar. Wie Einbrecher schlichen sich Ulf und Paula, wenn alle Lichter in dem Firmengebäude ausgeschaltet waren, in Paulas noch existierende Firma und kopierten ihre Zeugnisse und Beurteilungen heimlich.

„Meinst du, wir können es wagen?“, fragte Paul leise mit unsicherer Stimme.

„Du hast viel zu viel Angst. Wenn jemand kommt, dann sagst du einfach, dass du deinen Schlüssel suchst“, antwortete Ulf in einem überzeugenden Tonfall.

Aber so richtig wohl war ihm dabei auch nicht. Oft warteten sie bis in die späten Abend- und Nachtstunden, bis sie sich in das Firmengebäude hineintrauten. Es war kalt im Januar und Februar 1989. Mit Taschenlampen betraten sie den Kopierraum und tauschten zunächst an dem Gerät die Tintenpatronen und legten ihr eigenes Papier in die dafür vorgesehenen Fächer ein. Wenn sie fertig waren und alles Notwendige kopiert hatten, wechselten sie die Druckerpatronen und das Druckerpapier wieder aus. Alles ging gut. So kopierten sie ihre Zeugnisse und Beurteilungen. Die Anschreiben und Lebensläufe für die Bewerbungsunterlagen wurden handschriftlich erstellt. Das nahm viel Zeit in Anspruch. Aber die Mühe lohnte sich. Sie beide bekamen Arbeitsstellenangebote und nahmen die aus München und Umgebung an.

Die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 ließen Paula und ihr Mann sich nicht entgehen. Sie gingen wählen und am frühen Morgen des nächsten Tages fuhren sie nach Haar in die Nähe von München. Wohl war Paula dabei nicht, ließ sie doch ihre Eltern und Freunde in der DDR zurück. Sie hatte ein mulmiges Gefühl:

„Was ist, wenn sich das Blatt wieder wendet? Kann ich dann meine Eltern, alle meine Verwandten und Freunde überhaupt noch einmal wieder sehen? Wie wird die Arbeit im Westen sein? Kann ich das?“

Sie war aber überzeugt davon, dass sie das schafft:

„Die kochen auch nur mit Wasser!“

In Haar stellte Paulas neue Firma ihr ein Apartment zur Verfügung und sie begann am nächsten Tag zu arbeiten.

***

Da Steffen und Paula ins Gespräch vertieft waren, bemerkten sie nicht, dass ein Gewitter aufzog. Als Paula die ersten Regentropfen abbekam, sprang sie auf, schnappte ihre Tasche, rannte los und rief ihm nach:

„Das Dach von meinem Cabrio ist auf.“

Der Regen wurde stärker und als sie am Parkplatz am Auto ankam, war sie völlig durchnässt. Aus ihren Haaren fielen dicke Regentropfen, ihr Kleid war durchweicht, klebte an der Haut und sie hatte eine Weile zu tun, um die Sitze im Wagen, nachdem sie das Verdeck geschlossen hatte, wieder einigermaßen trocken zu bekommen. Und dann auch das noch! Direkt hinter ihrem parkenden Auto passierte ein Unfall mit zum Glück nur Blechschaden. Da der aber erheblich war, bat man Paula, als Zeugin zu bleiben. Es verging einige Zeit, bis die Polizei kam. Paula war nervös und alles dauerte ihr zu lang. Sie hatte ihre Rechnung nicht bezahlt und von Steffen hatte sie sich auch nicht verabschiedet. Das war nicht ihre Art. Nachdem sie ihre Aussage gegenüber der Polizei getätigt hatte, eilte sie zurück zur Gaststätte und suchte die Kellnerin. Diese teilte ihr dann mit:

„Die Rechnung hat der Mo scho for ihne gzahlt. Er hat lange uf ihne gewart. I soll ihne den Zettel mit sainer Telefonnummer gem. Sie solln ehn anrufn.“

Paula dachte:

„Er hätte mir wenigstens seine Visitenkarte geben können“, und nahm das Papier und steckte es, ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen, in die linke Hosentasche.

Zu Hause angekommen ging sie schnurstracks ins Badezimmer. Dort zog sie sich schnell aus, legte die völlig durchnässten Sachen gleich in die Waschmaschine. Ihr nächster Weg führte sie unter die Dusche. Nach ein paar Minutenunter dem heißen Wasserstrahl erschrak sie. Sie erinnerte sich an den Zettel von Steffen, den ihr die Kellnerin gegeben hatte. Sie sprang aus der Dusche hervor und ohne sich vorher abzutrocknen, versuchte sie die Maschine zu öffnen. Es war zu spät. Das Waschprogramm ließ sich nicht stoppen. Ihre Befürchtung, dass nach der Wäsche nichts mehr auf dem Papier zu lesen sei, trat ein.

„Schade. Es war so ein schöner Nachmittag“, stellte sie betrübt fest, denn sie hätte Steffen gern wieder gesehen. Und bedankt für die Zahlung ihrer Rechnung hatte sie sich bei ihm auch nicht. Aber außer seinem Vornamen und seiner Tätigkeit als Journalist gab es keinen Anhaltspunkt, der zur Suche nach ihm hätte beitragen können. Paula wusste nicht einmal, ob er direkt in München wohnt. Ein paar Tage später dachte sie nur noch selten an das Treffen im Kloster Andechs.

Paula telefoniert regelmäßig mit ihrer Mutter in Bad Tabarz. Als sie 14 Tage nach dem Treffen mit Steffen wieder anrief, sagte diese plötzlich zu ihr:

„Weißt du, mit wem ich gerade hier im Garten sitze und Kaffee trinke?“, und stellte den Lautsprecher vom Telefon an.

Paula zählte ein paar Namen auf. Sie dachte zunächst an Schulfreundinnen aus ihrer Jugend.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und es dauerte eine ganze Weile, bis sie schmunzelnd sagte:

„Nein, neben mir sitzt Herr Schwarz.“

„Ich kenne keinen Herrn Schwarz.“

Paulas Mutter zuckte mit den Schultern zusammen und nachdem sie sich von dem kurzen Schreck erholt hatte, sagte sie:

„Ich denke schon. Warte es einmal ab.“

Steffen winkte ihrer Mutter und sie übergab ihm das Telefon.

„Ich bin es, Steffen. Erinnerst du dich an unser Gespräch im Biergarten im Kloster Andechs.“

Paula war sprachlos.

„Wie kommst du denn nach Bad Tabarz?“

„Ich wollte deine Geschichte schreiben. Das Einzige, was ich von dir wusste, war das du in Tabarz gelebt hast. Da der Ort nicht so groß ist und ich mehr über dich wissen wollte, bin ich hierhergefahren. Ich habe ein paar Leute auf der Straße gefragt, wer eine Tochter hat, die hier aufgewachsen ist und seit der Wende in Bayern lebt. Bei den jüngeren Leuten hatte ich kein Glück. In der Kaufhalle am Bäckerstand habe ich mir dann erst einmal einen Kaffee geholt und mit der hübschen Verkäuferin geplaudert. Ich habe ihr dann erzählt, dass ich auf der Suche nach dir bin. Die Frau kannte dich und hat mir geraten, es bei Frau Berger zu probieren. So bin ich zu deiner Mutter gekommen. Aber warum hast du mich nicht angerufen? Ich habe sehnsüchtig auf deinen Anruf gewartet.“

„Das tut mir leid“, flüsterte sie leise.

Sie konnte gar nicht fassen, dass Steffen sich so viel Mühe gab, um sie wieder zu sehen. Sie war verwundert und ein Lächeln zog durch ihr Gesicht. Dann berichtete sie ihm die Geschichte vom verwaschenen Papier, bedankte sich für dieZahlung der Rechnung in der Gaststätte und fragte neugierig:

„Und was hat dir meine Mutter über mich so alles erzählt?“

„Ganz viel! Sie ist ganz stolz auf dich. Ich sitze schon den ganzen Tag mit ihr zusammen und habe alles aufgeschrieben. Heute am späten Nachmittag schreibe ich das alles in Reinform. Wir haben uns auch schon wieder für morgen verabredet.“

„So also. Na, dann schick mir mal die Geschichten, wenn du mit deinen Aufzeichnungen fertig bist, wie sie meine Mutter dir geschildert hat. Da habe ich bestimmt auch noch einiges klarzustellen. Meine Mutter hat alle Daten wie Telefonnummer, E-Mail usw. von mir. Lass dir das von ihr geben.“

Steffen schickte Paula seinen Bericht über ihre Kindheit aus der Sicht von ihrer Mutter, so wie er es sich notiert hatte per E-Mail. Paula rief ihn am Abend, als er wieder im Hotel war an und dann fragte sie ihn spöttelnd:

„Was möchtest du schreiben? Meine Sicht vom Leben in der DDR oder die meiner Mutter?“

„Schon deine. Aber deine Mutter hat mir so viele schöne Episoden aus deinem Leben erzählt, die möchte ich alle für meine Reportage mit verwenden.“

Dann sprach Paula über ihre Großeltern von der Schule und ihrer sorgenfreien Kindheit. Im Anschluss diskutierten beide bis in die späten Abendstunden am Telefon über dasvon Steffen Geschriebene. Einerseits reizte es Paula, dass über sie eine Geschichte verfasst wird, andererseits hatte sie auch ein seltsames Gefühl dabei. Als sich beide über die Texte geeinigt hatten, vollendete Steffen das Kapitel über Paulas frühe Kindheit.

Der Westen ist schuld

Den ersten warmen Frühlingstag 1954 wählte Paula für ihren Start ins Abenteuer Leben. Nachdem sie ihre Eltern begutachtet und für akzeptabel befunden hatte, schlief sie beruhigt und zufrieden ein. Ihr Vater, ein junger, adretter Mann, war vom ersten Augenblick an sehr besorgt um sie. Mit seinen beunruhigenden Äußerungen und seiner Angst um das kleine Wesen wirkte er nervös. Ihre Mutter war viel gelassener und unmissverständlich gab sie ihn zu verstehen:

„Jetzt beruhig dich erst mal. Warum soll es unserem Baby nicht gut gehen?“

„Unser Kind schreit nicht“, flüsterte er leise.

„Wenn es einem Baby gut geht, dann weint es nicht. Wenn unsere Paula schreien würde, dann solltest du dir mehr Sorgen machen.“

Paula ging es gut. Schreien, das war nicht ihre Art, sich bemerkbar zu machen. Im Gegenteil, sie erkannte schnell, dass sie mehr Erfolg hat, wenn sie sich ruhig verhält. So war sie und das sollte sich auch in ihrem späteren Leben nicht ändern. Sie war ein aufgewecktes, ansonsten friedliches, stilles Wesen. Besonders die Aufmerksamkeit ihres Vaters konnte sie in ihrer ruhigen Art effektiv erreichen. Spektakel hob sie sich für in ihren Augen wichtige, durchzusetzende Entscheidungen auf. Ihre Mutter war so weniger zu beeindrucken. Sie kannte Paula auch viel besser. Sie gab nach Paulas Geburt ihre Arbeit als Maßschneiderin und Designerin in einem Modehaus auf und kümmerte sich um den Haushalt und um ihren Liebling. In erster Linie umsorgte sie Paula. Sie war ab dem Zeitpunkt das Wichtigste, der Mittelpunkt in ihrem Leben. Von ihrer Mutter wurde sie liebevoll behütet, verwöhnt und bestrickt. Sie konnte auch streng sein. Während Paulas Vater seinem kleinen Mädchen alles verzieh und durchgehen ließ, übernahm sie die Erziehung der Tochter.

Die kleine Familie wohnte in einer herrschaftlichen Stadtvilla im zweiten Stock in Waltershausen, einer Kleinstadt in Thüringen, ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten, ohne bemerkenswerte Atmosphäre und Besonderheiten. Ihr Vater war dort als Lehrer tätig. Die Schüler gaben ihm den Spitznamen „Exakt“, da er korrekt und fair allen gegenüber war. Die Wohnung der jungen Familie bestand aus einer geräumigen Küche, einem Schlaf- und einem Wohnzimmer. Wie an einer Perlenkette waren die Zimmer hintereinander aufgereiht. Von der Küche aus ging es ins Schlafzimmer und von dort aus ins Wohnzimmer. Die Toilette war außerhalb der Wohnung. Die Räume waren groß, die Zimmer sehr hoch und die paar Möbel, die sich die Eltern in der Zeit leisten konnten und angeschafft hatten, sahen darin verloren aus. Paulas Mutter gab sich viel Mühe, die Wohnung gemütlich zu gestalten. Bei den hohen, großen Räumen war das gar nicht so einfach. Brennmaterial war knapp, wurde zugeteilt und reichte nicht aus, um in Küche und Wohnzimmer eine mollige Wärme zu erzeugen. Die kleine Familie bekam Holz und Kohle von Paulas Großeltern geschenkt und das sowohl mütterlicher wie väterlicherseits. Sie wohnten nur wenige Kilometer entfernt von der Stadt Waltershausen. Der Transport der Brennmaterialien stellte ein Problem dar. Da in den Familien niemand ein Auto besaß und mit dem Handwagen in der Bahn oder im Bus nur kleinere Mengen transportiert werden konnten. Oft wurde einzig und allein die Küche geheizt. Das Treppenhaus in der Villa war großzügig angelegt und es wirkte nicht nur kalt, das war es auch.

Die jungfräuliche Vermieterin, eine alte, eingebildete Schrulle, war nicht kinderfreundlich:

„Der Kinderwagen kann hier nicht stehen bleiben.“, raunzte sie Paulas Mutter an.

In dem riesigen, mehr als 40 Quadratmeter großen Flur im Hauseingang, in dem er niemanden gestört hätte, durfte der Wagen nicht geparkt werden. Den musste Paulas Mutter jedes Mal in den zweiten Stock schleppen. Im Treppenhaus durfte nur leise geflüstert werden und im Mietvertrag war das Bohnern der Treppen mit Bohnerwachs im Hausflur schriftlich verankert. Paulas Mutter hatte jede zweite Woche stundenlang damit zu tun.

Paula liebte es, draußen an der frischen Luft zu sein. Neugierig sah sie aus ihrem Kinderwagen in die Umgebung und da gab es allerhand zu entdecken. Zum Glück lernte Paula schnell laufen und so wurde der Wagen nur noch selten benötigt und der aufwendige Transport durch das Treppenhaus konnte vermieden werden. Begeistert hüpfte die Kleine an der Hand ihrer Mutter die Straße entlang. Gern ging sie mit zum Einkaufen. Die Waren in den Läden interessierten sie weniger, aber der Weg zu den Geschäften führte an einem magischen Ort vorbei, an einer Eisdiele. Jedes Mal, wenn sie daran vorbeikamen, erhielt Paula ein Eis. Da ihre Mutter vorsichtig war und auf keinen Fall wollte, dass ihre Kleine zu Schaden kam, bekam sie keine gefrorene Eiscreme, sondern eine Kugel leckere, süße Schlagsahne auf eine Eiswaffel. Paula liebte ihr „Eis“. In Erwartung auf den sahnigen Geschmack leckte sie sich schon im Voraus die Lippen, wenn es hieß, wir gehen einkaufen. Sie war gerade zwei Jahre alt.

Eines warmen Tages, als sie sich auf den Weg in die Stadt begaben und Paula sich auf ihr leckeres Eis freute, war die Eisdiele verschlossen.

„Die sind vorletzte Nacht in den Westen abgehauen! Die haben hier alles stehen und liegen gelassen. Angeblich haben sie das Haus dem Juwelier vermacht“, behauptete eine geschwätzige Nachbarin, die wieder einmal alles ganz genau wusste und gerade vor der Eisdiele stand, ihrer Mutter gegenüber.

Paula war klar, dass sie jetzt kein Eis mehr bekommen würde, fing leise an zu weinen und wurde richtig wütend. „Warum sind die weg? Denken die nicht an die Kinder, die das Eis so lieben?“, haderte sie.

Sie wusste zwar nicht, was Westen bedeutete, aber etwas Gutes konnte es keinesfalls sein.

„Blöder Westen“, urteilte Paula verzweifelt, „der ist schuld, wenn ich jetzt kein Eis mehr bekomme.“

Eine weitere Eisdiele gab es in der Kleinstadt Waltershausen nicht. Paula hätte sich auf den Boden werfen können und schreien, so elend war ihr zumute. Das tat sie nicht, denn ohne Eisdiele konnte ihre Mutter ihr kein Eis kaufen. Sie war unendlich traurig und Tränen standen in ihren Augen. Paulas Mutter tat das furchtbar leid. Um sie zu trösten, versprach sie:

„Ich kaufe dir Erdnüsse.“

Da diese teuer waren, bekam Paula sie nur zu besonderen Anlässen. Sie liebte sie. Vielleicht hätte sie sich, wenn ihre Mutter sie vor die Wahl gestellt hätte, Eis oder Erdnüsse für die leckeren Nüsse entschieden. Das Knacken der Schale und das Abreiben der braunen Haut an den Nusskernen konnte sie schon gut. Aber allein die Tatsache, nie wieder so ein köstliches Eis zu bekommen, trübte ihre Laune gewaltig. Paula war zufrieden, aber glücklich war sie nicht. Ihr Eis gab es nie mehr.

Paula war zwar ein ruhiges Wesen, aber allein das Herumlaufen und gelegentliche Hüpfen in der Wohnung, wie es kleine Kinder tun, führte zu Konflikten mit der Vermieterin. Unglücklicherweise wohnte sie direkt unter Paulas Familie. Der große, parkähnliche Garten, der zum Haus gehörte und in dem Paula so gern gespielt hätte, durfte von ihr und den anderen Mietern nicht betreten werden. Sehnsüchtig sah die Kleine oft aus dem Fenster in die Parkanlage.

„Da will ich spielen“, rief sie begeistert.

„Das geht nicht, der Park gehört uns nicht“, erklärte ihr ihre Mutter und war traurig, ihrer kleinen Tochter diesen sehnsüchtig geäußerten Wunsch nicht erfüllen zu können.

„Kaufst du mir einen Park?“, bohrte Paula weiter.

„Einen Park kann ich dir nicht kaufen, aber einen schönen Spielplatz für dich werden wir finden“, versuchte ihre Mutter sie zu trösten.

Irgendwann wollten sich Paulas Eltern nicht länger den Marotten der „alten Schreckschraube“, wie ihre Mutter sie heimlich nannte, beugen. Sie bauten am Ortsrand von Tabarz, direkt im Thüringer Wald gelegen, sechs Kilometer von Waltershausen entfernt, ein Einfamilienhaus. Die Gemeinde zählte zu den bekanntesten Urlaubsorten in der DDR. Durch den Anschluss an die Thüringer Waldbahn war der Ort gut zu erreichen. 1929 wurde die 22 Kilometer lange Bahnstrecke in Betrieb genommen. Sie diente vor allem dem Transport der Feriengäste vom Hauptbahnhof der Deutschen Reichsbahn in Gotha bis in die Ferienorte Friedrichroda und Tabarz. Jeder DDR-Bürger, der die Möglichkeit hatte, seinen Urlaub in einem der zahlreichen Ferienheime und Unterkünfte des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) zu verbringen, nahm das gern an. Es gab damals kaum Werktätige, die nicht Mitglied in der Gewerkschaft waren, denn der FDGB-Feriendienst vermittelte den Werktätigen des Landes subventionierte Urlaubsreisen im Inland. Dafür ließ der Staat Ferienheime in den schönsten Regionen der DDR errichten In Tabarz im Thüringer Wald wurde ein großes, modernes Ferienheim mit mehr als 100 Zimmern gebaut. Es gab in dem Ort viele weitere Unterkünfte in alten Villen. Privatleute vermieteten ihre freien Räumlichkeiten dem FDGB. Das war für sie ein lukratives Geschäft.

Von den Umzugsvorbereitungen ins neue Heim bekam Paula wenig mit. Die Umzugsfirma hatte bereits Möbel ins neue Haus geschafft und kam, um die restlichen Sachen abzuholen. Erst als der größte Teil im Umzugswagen verstaut war, wurde Paula geweckt. Dann transportierten die Arbeiter ihr Bettchen in den Wagen. In der Küche gab es, nachdem alles ordnungsgemäß verstaut worden war, Getränke und belegte Brötchen für alle. Voller Vorfreude saß Paula mit den Arbeitern der Umzugsfirma am Küchentisch und frühstückte. Anschließend durfte sie das erste Mal in einem Auto mitfahren. In dem großen Lkw auf den Schoß ihrer Mutter, von dem aus sie alles gut sehen konnte, fuhr sie aufgeregt und voller Vorfreude in das neu gebaute Haus.

Das war ab jetzt ihr Zuhause. Paula war begeistert, dabei waren das Haus und der eigene Garten für sie weniger von Interesse. Die Umgebung war viel interessanter und wie für sie geschaffen.

„Darf ich auf der Wiese Blumen pflücken?“, drängelte sie Vater und Mutter.

„Ja, aber nur bis zu dem kleinen Busch hinter unserem Gartenzaun“, legten die Eltern fest.

Unmittelbar hinter dem Gartenzaun des Hauses lag eine große Wiese mit ein paar kleinen Sträuchern, die als Kuhweide genutzt wurde. Direkt dahinter schloss sich ein großflächiges Waldstück an, das sich bis zum nächsten Ort hinzog. Jeden Tag weidete Paula den Radius, in den sie spielen durfte, aus. Sie fragte immer wieder nach:

„Darf ich bis zu dem Baum gehen?“

„Ja, da sehen wir dich“, erlaubten ihr ihre Eltern.

Und was einmal freigegeben wurde, war für Paula für immer genehmigt. Die nahe gelegenen Waldbahnschienen im Osten, eine alte Eiche im Westen, der Wald und die große Wiese hinter dem Haus im Süden sowie ein kleiner Hügel im Norden begrenzten nach ein paar Monaten Paulas Revier. Dort durfte sie sich frei bewegen. Vom Balkon aus im ersten Stock konnten ihre Eltern sie sehen. Das gesamte Gelände wurde Paulas Spielplatz.

In Tabarz wohnten auch ihre lieben Großeltern und ihre Tante Elli, die Schwester ihrer Mutter. Alle sorgten sich um Paula, bemutterten und verwöhnten sie. Wenn Paulas Mutter zum Zahnarzt musste oder anderweitig verhindert war, übernahm ihre Schwester die Betreuung ihrer Nichte und kümmerte sich rührend um das kleine Wesen. Die Tante hatte lange dicke, naturblonde, wellige Haare, war attraktiv und noch auf der Suche nach dem richtigen Lebensgefährten. Über Mangel an Bewerbern konnte sie sich nicht beklagen. Ihre kleine Nichte nahm sie mit zu ihren Verabredungen. In Paulas Begleitung testete sie die Kinderliebe und Toleranz der Bewerber. Bei einem solchen Treffen bettelte Paula:

„Pati“, so nannte sie ihre Patentante Elli, „ich habe Durst, kaufst du mir rote Brause?“

Der junge Mann dachte, er hätte sich verhört und fragte verwundert:

„Wie nennt dich deine Tochter.“

„Das ist nicht meine Tochter, das ist Paula, das Kind meiner älteren Schwester.“

Über die Antwort war ihr Verehrer sehr erfreut. Kurz darauf heirateten die beiden. Paula konnte den neuen Onkel Kurt von Anfang an gut leiden und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Er machte Scherze, alberte mit ihr herum und zog sie gern auf. Das liebte sie.

Paula war ein zufriedenes Kind, das geborgen in einer liebevollen Familie aufwuchs. Oma Gertrud, die Mutter ihrer Mutter und Oma Clementine, die Mutter ihres Vaters verwöhnten sie. Unterschiedlicher hätten die Großmütter nicht sein können. Oma Gertrud kleidete sich mondän. Weiße Handschuhe und Absatzschuhe gehörten zu ihrer Grundausstattung und der Friseurtermin alle 14 Tage war ein fester Bestandteil in ihrem Terminkalender. Da durfte nichts dazwischen kommen und das tat es auch nicht. Oma Clementine hingegen war kleidungstechnisch minimalistisch ausgestattet. Ihren Wintermantel trug sie geschätzte 30 Jahre. Mit Hausschuhen und Kittelschürze ging sie einkaufen und ihre Frisur brachte sie selbst mit einem Brenneisen in Form. Manchmal gelang ihr das nicht so, wie von ihr gedacht und die Haare wurden dabei mit dem heißen Eisen angesengt. Da der Geruch sehr intensiv war, roch das ganze Haus dann dementsprechend. Wenn die Familie zu den Großeltern zu Besuch kam, flog ihnen schon an der Eingangstür der stechende Duft in die Nase.

„Oma hat mal wieder ihre Haare angesengt“, bemerkten ihre Eltern dann gleichzeitig.

Paula störte das nicht, sie liebte ihre beiden Großmütter. In dem Punkt, was sie an betraf, waren die beiden gleich. Sie verwöhnten und verhätschelten ihr Enkelkind. Mit Wasser panschen durfte sie bei ihnen nach Herzenslust und es war kein Problem, wenn sie dabei nass oder dreckig wurde. Sogar beim Feuer anzünden und beim Backen durfte Paula mithelfen. Dass sie ihre kleinen Hände vor der Zubereitung nur oberflächlich wusch und die dadurch nicht immer vollständig sauber waren, störte die beiden Omas nicht. Ihre Mutter war da viel strenger. Ganz lieb hatte Paula, wie viele kleine Mädchen ihre beiden Großväter. Opa Wilhelm, der von allen nur Helbele genannt wurde, und Opa Willy. Im Garten von Opa Willy, dem Vater ihres Vaters, lernte sie alles über Pflanzen und Obstbäume. Mit ihm beobachtete sie Tiere, fütterte Ziegen und durfte länger als bei ihren Eltern aufbleiben.

„Heute Abend suchen wir Glühwürmchen“, versprach er ihr und Paula freute sich.

Um Glühwürmchen zu finden, muss es erst dunkel sein und im Sommer ist es dann spät am Abend. Das freute sie besonders. Da musste sie nicht schon um 19.00 Uhr ins Bett gehen. Opa Willy war sehr liebevoll, aber auch korrekt und streng. Herumalbern und Schabernack treiben, das konnte sie mit ihm nicht. Fehler wurden von ihm sofort korrigiert.

Er war Prokurist, Buchhalter und Controller zugleich in einer Firma mit mehr als 300 Mitarbeitern. Ihm fiel jedes Fehlverhalten sofort auf. Opa Helbele, der Vater ihrer Mutter, war das ganze Gegenteil. Korrekt war er auch, aber er nahm alles mit einem gewissen Humor und interpretierte die Vorschriften auf seine eigene Art und Weise. Streng war er und Fehler ließ er bei seinen Mitarbeitern nicht durchgehen, aber bei Paula war das anders. Zu ihr war er immer sehr lieb, tolerant und zeigte ihr auch das, was ein Kind nicht tun sollte.

Paulas Opa Helbele kam ursprünglich aus Bayern, aus Fürth. Die Liebe hatte ihn nach Thüringen verschlagen. Oma Gertrud hatte viel Verwandtschaft in Bayern und dort hatten sich beide kennen und lieben gelernt. Da die Großmutter ein bildhübsches, immer adrett gekleidetes, liebenswürdiges Wesen war, um die den Großvater viele beneideten, zog er zu ihr nach Thüringen, nach Tabarz. Anders hätte er sie nicht bekommen. In die Stadt nach Fürth wollte sie nicht. In Tabarz lebte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einer Mietwohnung. Sein heimlicher Wunsch war es, in seine alte Heimat nach Bayern zurückzukehren. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg kaufte er mit einem Bekannten eine Knopffabrik in München. Kurz vor dem Umzug der Familie änderte er seine Pläne. Der Zweite Weltkrieg brach aus.

„Wir ziehen nicht nach München. Dort ist es zu gefährlich“, entschied er und Oma Gertrud packte die schon in Kisten verstauten Gegenstände wieder aus und stellte sie an ihren gewohnten Platz.

Mit Ausnahme von Oma Gertrud waren alle sehr traurig, denn sie hatten sich schon sehr auf die Großstadt gefreut. Der Großvater wollte seine Familie nicht in Gefahr bringen und mit ihnen im Krieg in einer Großstadt leben. In München war es ihm zu unsicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Bombenangriffen kommen würde, war in dem kleinen Thüringer Ort viel geringer. Dort gab es wenig Industrie und keine strategischen Ziele, für die sich ein militärischer Angriff gelohnt hätte. Opa Helbele verkaufte seinen Anteil an der Knopffabrik und von dem Geld erwarb er ein für die damalige Zeit komfortables Wochenendhaus. Dorthin zog er mit seiner Familie. Er sollte Recht behalten. Die Knopffabrik in München und die neue private Wohnung hatten den Krieg nicht heil überstanden und waren nach Kriegsende völlig zerstört. An der Stelle, wo das Wohnhaus und die Fabrik standen, war nur noch ein Trümmerhaufen. Opa Helbele hatte die richtige Entscheidung getroffen. Der kleine Ort Tabarz blieb vom Krieg weitestgehend verschont. Unmittelbar nach Kriegsende übernahm Paulas Großvater in der Gemeinde die Leitung vom Sägewerk. Er liebte den Wald, kannte sich mit Holz gut aus, ließ viel aufforsten und freute sich, wie sich der Baumbestand von den Folgen des Raubbaus im Krieg erholte.

Mit ihrem Opa Helbele hatte Paula viel Spaß. In seiner ironischen Art zog er sie oft und gern auf. Nicht nur einmal sah er sie entsetzt an und mit ernster, erschrockener Miene behauptete er:

„Du bist ganz schwarz im Gesicht“, und Paula rannte zum Spiegel.

„Wo denn?“, fragte sie ihn verwundert.

Er antwortete mit einem Grinsen auf seinen Lippen:

„Na da die kleinen schwarzen Punkte in deinem Gesicht“, und zeigte auf Paulas Sommersprossen.

Ein anderes Mal erklärte er ihr:

„Im Garten habe ich ein seltsames Tier gesehen. Es hat zwei kleine Hörner.“

Paula suchte den ganzen Tag nach dem Wundertier.

Ihr Großvater erklärte ihr auch, wie sie sich Ausreden zu Nutzen machen kann, ohne dabei zu lügen. Als Paula wieder einmal in die Milchhandlung geschickt wurde und Milch holen sollte, war die Kanne nur noch halb gefüllt, als sie zu Hause ankam. Ihre Mutter fing gleich an zu schimpfen:

„Du hast die Kanne wieder herumgeschleudert. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du das nicht sollst. Jetzt gibt es keinen Pudding zum Nachtisch.“

Dass es keinen Pudding gab, störte Paula nicht. Aber dass die Mutter so zornig war und mit ihr schimpfte, das mochte sie ganz und gar nicht. Ihr Großvater hörte die Worte seiner Tochter und nahm Paula zur Seite:

„Das musst du anders machen. Wenn du die Milch verschüttet hast, dann nimmst du einen kleinen Schluck aus der Kanne und erzählst deiner Mutter, dass du von der Milch getrunken hast. Dann schimpft sie nicht mit dir. Und wenn du noch erwähnst, dass die Milch lecker geschmeckt hat, dann ist alles gut.“

Er war ein richtiges Schlitzohr und hatte Freude daran, dem kleinen Enkelkind allerlei Schabernack beizubringen. Er zeigte ihr, wie man Faxen macht und wie man Grimassen schneidet:

„Stell dich in die Ecke, schlag die Beine übereinander und mach ein lustiges Gesicht“, und dann verzog er sein Gesicht und grinste dabei.

Das sah so lustig aus, dass Paula jede Fratze gleich versuchte nachzumachen (Bild Titelseite). Ihre Mutter war von den Machenschaften ihres Vaters nicht begeistert:

„Das musst du ihr nicht auch noch beibringen!“, äußerte sie besorgt.

Aber sie wusste, dass es keinen Zweck hat, sich gegen ihren Vater zu stellen und akzeptierte misstrauisch und kritisch sein Tun. Die Pose nannte Opa Helbele dann Gassenbub und sie gefiel ihrem Großvater so gut, dass er Paula oft dabei ablichtete. Da jedes Foto auf Filmmaterial gespeichert wurde, Trägermaterial und Entwicklungsgebühr kostete, wurde in den 50er-Jahren wenig fotografiert. Es musste damals ein besonderer Anlass oder ein ansprechendes Motiv sein. Umso erstaunlicher ist es, dass von dem „Gassenbuben“ einige Aufnahmen existieren.

Opa Helbeles ständiger Begleiter war ein pfiffiger, kleiner Hund, eine Mischung aus Spitz und Schäferhund. Er verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Paula nannte ihn Mino. Auf Molli, seinen eigentlichen Namen hörte der kleine Hund, aber auf seinen Kosenamen von Paula noch bedeutend besser. Wenn sie ihn rief, kam er sofort angerannt. Bei den Erwachsenen ließ Molli sich da viel mehr Zeit. Nach dem Krieg gab es wenig Milch und der kleine Hund trank ständig die mit Wasser verdünnte Milch, die für die beiden zur Familie von Opa Helbele und Oma Gertrud gehörenden Katzen bestimmt war.

„Molli hat wieder die Milch von den Katzen gesoffen. Was soll ich denen nur geben?“, fragte Oma Gertrud verzweifelt.

„Dann müssen sie eben Mäuse fangen und Wasser trinken“, warf Opa Helbele ein.

„So geht das nicht weiter. Was gebe ich nur Molli?“

„Gib ihm was von meinem schwarzen Tee mit Zucker“, erwiderte ihr Mann.

Für Opa Helbele gehörte die Teestunde jeden Nachmittag zum festen Bestandteil in seinem Tagesablauf. Oma Gertrud gab Molli von Opa Helbeles Tee und tatsächlich schmeckte dem kleinen Hund das süße Getränk. Von dem Tag an ging er nur noch mit einem verächtlichen Blick an der Milch der Katzen vorbei. Die Teestunde mit Molli wurde zum Ritual am Nachmittag. Paula war oft dabei. Ihr Großvater setzte sich in den hohen Sessel mit den Ohren an der Seite und sie quetschte sich da noch mit hinein. Molli legte sich direkt davor auf die Hausschuhe vom Opa. Wenn er mit dem Schwanz wedelte und Paula dabei an den Beinen traf, kitzelte sie das und sie steckte ihre Füße schnell unter ihren Popo. Wenn sie vergaß, ihre Schuhe auszuziehen, brauchte ihr Opa ihr nur einen strengen Blick zuzuwerfen und schon streckte sie sie wieder nach unten. Ihr Großvater nahm sie dann auf seinen Schoß und Molli konnte mit seinem wedelten Schwanz ihre Beine nicht mehr erreichen. Opa Helbele erzählte ihr von Streichen aus seiner Jugend und von den Missetaten von Max und Moritz aus dem Buch von Wilhelm Busch. Die Stunden mit den beiden genoss sie sehr. Ihr Opa konnte die Episoden so spannend und lebendig beschreiben und sie faszinierten und begeisterten Paula. Sie kannte sie alle, die Geschichten. Opa Helbele brachte ihr alles das bei, was ihr weder ihr Vater noch ihre Mutter sowie die beiden Omas und Opa Willy gezeigt hätten.

Einige der Geschichten von Max und Moritz probierten die beiden gemeinsam aus. An den Schabernack mit den Hühnern kann sich Paula noch ganz genau erinnern. Obwohl ihre Großeltern selbst Geflügel hatten, verlagerte ihr Großvater den Streich in die Nachbarschaft. Er versteckte eine halb leere Flasche Korn in seiner Jackentasche und dann machten sich beide auf den Weg. Auf dem unbewohnten Nachbargrundstück kamen nur zweimal am Tag die Besitzer zum Füttern vorbei. Opa Helbele und Paula zwängten sich durch ein Loch im Gartenzaun und hofften, dabei nicht gesehen zu werden. Da ihre Großeltern gelegentlich bei den Nachbarn aushalfen, wäre das auch kein Problem gewesen, aber das wusste Paula nicht, und so erhöhte ihr Großvater die Spannung.

„Sei leise, mach bitte nicht so einen Krach“, flüsterte er ihr zu.

Dass das mit ihr schwierig war, wusste er. Umso mehr freute es ihn, als er bemerkte, dass sie sich sichtlich Mühe gab, leise zu sein.

„Opa, du musst auch leise sein“, kritisierte Paula, als er die alte Holztür vom Hühnerstall öffnete und es knarrte.

Dann suchten sie den Sack mit den Körnern, füllten etwas davon in den Futternapf, gossen reichlich Kornschnaps darauf und stellten das Gefäß vor den Stall.

„Jetzt müssen wir die Hühner nur noch anlocken, dann klappt das“, versicherte ihr Opa Helbele.

„Und wie machen wir das?“

„Das weißt du doch.“

„Aber da kann man uns doch hören!“

„Wir bleiben hier im Stall, da hören uns nur die Hühner, sonst niemand.“

Gesagt, getan. Als die Hühner zum Futternapf eilten, verdrückten sich die beiden und kletterten durch eine Lücke im Zaun zurück auf ihr Grundstück. Von da aus beobachteten sie das muntere Treiben. Die Hühner konnten nicht genug bekommen von dem leckeren Schnaps. Nach dem Genuss fielen sie dann ständig um und hatten enorme Schwierigkeiten, wieder aufzustehen. Paula kriegte sich vor Lachen kaum ein und ihr Großvater freute sich, dass er ihr eine so große Freude bereiten konnte.

Den Trick von Max und Moritz mit dem Portemonnaie erklärte Opa Helbele ihr auch. Es wird leicht einsehbar an einem Strick ausgelegt und dann, wenn es von Passanten aufgehoben wird, einfach weggezogen. Das allerdings wurde nur im Hof geübt.

„Wann machen wir das auf der Straße?“, nervte Paula ungeduldig.

Diese Frage wurde von ihm bewusst überhört. Paula fragte noch ein paar Mal nach und gab dann auf. Später probierte sie es mit ihren Freundinnen aus und der Trick funktionierte hervorragend. Die Geschichte mit den Käfern im Buch von Max und Moritz hingegen wurde mit Spinnen nachgestellt. Im gestapelten Holz in der Scheune suchten sie nach geeigneten Tierchen. Sie hatten Glück und fanden zwei schöne, große Exemplare der Gattung, die sich für diesen Zweck hervorragend eigneten. Der Streich musste nicht geübt werden. Zur „Freude“ von Oma Gertrud und Tante Elli wurden die Spinnen in der Küche ausgesetzt. Opa Helbele und Paula machten sich aus dem Staub und über das Gekreische der beiden freuten sie sich aus sicherer Distanz köstlich.

„Iii, wo kommen die den her?“, schrie Tante Elli.

„Pfui Teufel. Das hat uns gerade noch gefehlt. So ein Mist Zeug in unserer Küche. Nimm sie weg“, erschrak sich Oma Gertrud.

„Mach du das lieber“, erwiderte Tante Elli leise zitternd. Sie war froh, dass ihre Mutter die unangenehme Aufgabe übernahm. Oma Gertrud suchte ein altes Geschirrtuch, holte die Kehrschaufel aus dem Keller und machte sich auf die Jagd nach der Spinne. Anschließend brachte sie das Ärgernis behutsam nach draußen. Jeden Unfug, den man einem kleinen Wesen beibringen konnte, zeigte Opa Helbele Paula. Dabei ließ der Schelm von Großvater nichts aus.

Molli, der kleine schwarze Hund von ihrem Opa passte auf die Paula besser auf, als es jedes Kindermädchen hätte tun können. Schon als sie noch im Kinderwagen lag, kümmerte er sich rührend um sie. Den Auftrag vom Großvater:

„Pass auf das Baby auf! Lass niemanden an den Kinderwagen!“, interpretierte er als Befehl und nahm ihn sehr ernst.

Der nette Briefträger bekam das zu spüren, als er kurz in den Kinderwagen schaute und sich mit Paula abgeben wollte. Der ansonsten reizende, herzgewinnende Molli wurde aktiv. Er zerriss dem Postboten ein Kleidungsstück und schlug ihn in die Flucht. Opa Helbele musste dem Briefträger eine neue Hose bezahlen. Von dem Zeitpunkt an machte der Postbote einen großen Bogen um das Grundstück der Großeltern und weigerte sich, sie weiterhin postalisch zu versorgen. Er hatte Angst vor dem „Raubtier“. Der Großvater holte von nun an seine Post täglich persönlich auf dem Postamt ab. Paula durfte manchmal auch schon mit dabei sein. Zu der Zeit hatte jeder noch so kleine Ort eine Poststelle. Dort wurden Briefmarken und Briefpapier verkauft. In dem Gebäude gab es neben drei Schaltern eine Ausgabestelle für Päckchen und Pakete und mehrere Telefonzellen, denn Privattelefone gab es nicht. Als Paula dann größer wurde, begleitete sie ihrem Großvater oft zum Postamt. In dem alten Backsteingebäude war eine ganz besondere Atmosphäre. Es roch nach Papier und Leim. Paula liebte das Flair, die Ausstrahlung und den Geruch in dem alten Gebäude. An den drei Schaltern tummelten sich immer Leute. Großvaters kleiner Hund kam ständig mit.

Im Sommer 1957 war es sehr heiß. Oma Gertrud, Tante Elli und Paulas Mutter saßen gemütlich auf der Terrasse. Paula schwitzte:

„Mir ist es heiß“, stöhnte sie.

„Wir stellen für dich eine Badewanne zum Abkühlen in den Garten“, erwiderten die Erwachsenen.

Oma Gertrud holte die alte Holzbadewanne aus dem Schuppen. Tante Elli nahm den Wasserschlauch, schloss ihn am Wasserhahn in der Küche an und befüllte die Wanne mit kaltem Wasser. Paula zog ihr Kleidchen, ihre Schuhe, die Strümpfe und ihr Höschen aus und verteilte alles großzügig im Garten. Sie wollte gleich baden.

„Du kannst noch nicht hinein. Das Wasser ist noch zu kalt“, ordnete ihre Mutter besorgt an.

Dann erwärmte sie am Küchenherd noch einen großen Topf mit Wasser und goss es, als es heiß war, in die Wanne.

„Jetzt kannst du baden“, räumte ihre Mutter ein.

Paula vergnügte sich am und im Wasser. Sie spielte, spritzte und planschte herum, hüpfte heraus und jedes Mal, wenn es ihr wieder zu warm wurde, kletterte sie erneut hinein. Da das Holz sehr glitschig war, rutschte Paula einmal darin aus und lag kopfunter im Wasser. Sie konnte sich selbst nicht mehr aus der Situation befreien. Molli sah das als Erster und war viel schneller zur Stelle als die Erwachsenen. Um sie vor dem Ertrinken zu retten, kippte er die Wanne um und sie krabbelte pitschnass heraus.

Im Garten von Oma Gertrud war Paula gern. Dort gab es jede Menge herrlich duftender Blumen und in jedem der Beete standen kleine Gartenzwerge. Oma Gertrud liebte die kleinen Zwerge und hatte eine Vielzahl von ihnen gesammelt. Paula mochte die Gartenzwerge nicht. Sie entsprachen schon damals nicht ihrem ästhetischen Empfinden. Wenn sie einen der Zwerge sah, schubste sie ihn mit ihrem kleinen Fuß um. Das ging eine ganze Weile gut. Doch dann fiel einer der Gartenzwerge auf einen Stein und zerbrach. Paula erschrak fürchterlich. Damit hatte sie nicht gerechnet und das wollte sie nicht. Ihre ansonsten liebevolle Großmutter kam und begann mit ihr zu schimpfen:

„Mein schöner Gartenzwerg mit der Gießkanne. Jetzt ist er kaputt. Warum hast du ihn um gestoßen? Du bist kein gutes Kind!“

So böse kannte Paula ihre Großmutter nicht. Ängstlich rief sie nach Mino. Dieser war sofort zur Stelle und verteidigte sie lautstark. Er bellte ihre Großmutter an. Opa Helbele hielt zu Paula, vermutlich war er auch kein Fan der Zwerge und so fiel die Strafe für sie milde aus. Von dem Tag an ließ Paula die Gartenzwerge in Ruhe. Das war ihre erste Übung in Sachen Toleranz.

Weniger tolerant war Paula, als ihre reinliche Oma Gertrud meinte, ihre geliebte kleine Puppe unbedingt waschen zu müssen. Nach der Wäsche hängte sie die Puppe zum Trocknen auf die Wäscheleine. Als Paula sie so auf der Leine hängen sah erschrak sie und war erst einmal fassungslos. Der Puppenkopf war aus Zellophan. Das ist ein sehr umweltverträglicher Stoff, der bei Wasserkontakt seine Beständigkeit verliert. Die niedliche kleine Puppe hielt dem Reinigungsversuch ihrer Großmutter nicht stand. Ihr Liebling sah schrecklich aus. Paula liefen dicke Tränen über ihr Gesicht, sie schluchzte und schrie:

„Du hast meine Puppe totgemacht.“

Paula ließ sich eine ganze Weile nicht beruhigen. Sie weinte bitterlich und der Schmerz saß tief. Opa Helbele konnte Paulas Kummer nicht mit ansehen, fuhr in die Puppenfabrik nach Waltershausen und besorgte für sie einen neuen Puppenkopf. Der Körper ihrer alten Puppe mit dem anderen Kopf, das wollte Paula nicht.

„Das ist nicht meine Puppe“, schrie sie und warf sie trotzig auf den Boden.

So konnte man sie nicht trösten. Den gewohnten Puppenkörper mit dem neuen Puppenkopf wollte sie nicht. Sie bestand auf den alten Kopf und dem frisch gewaschenen Körper. Gemeinsam mit ihrem Großvater begrub sie ihren Liebling im Garten. So fand sie ihren Frieden und konnte mit dem Thema abschließen. Zum Trost kaufte ihr ihre Oma Gertrud eine für Paulas Empfinden hässliche, teure Rotkäppchen-Puppe. Die Puppe und Paula, die zwei freundeten sich nie an, aber ihrer Großmutter verzieh sie:

„Oma, du hast es gut gemeint. Aber meine Puppen darfst du nie, nie wieder waschen.“, so einigten sich die beiden.

Opa Helbele nahm Paula oft mit in den Wald, wenn er dienstlich unterwegs war, nach dem Wild sah, es fütterte oder zu fällende Bäume markierte. Molli war stets mit dabei. Eines Tages wurde der kleine Hund überfahren. Er war losgerannt und das Forstfahrzeug konnte nicht mehr bremsen. Zum Glück war Paula da nicht dabei. Ihr Großvater holte das tote Tier mit dem Handwagen ab und überbrachte ihr die traurige Nachricht schonend. Da lag er und sah sie mit großen, offenen Augen an. Sie war unendlich traurig.

Niemand konnte sie trösten. Eine ganze Weile stand sie vor dem Handwagen und hoffte, dass ihr bester Freund wieder vom Wagen herunterspringen und mit ihr spielen würde. Aber er rührte sich nicht mehr. Nie wieder konnte sie mit ihrem geliebten Mino spielen. Die Frage:

„Wer soll denn jetzt auf mich aufpassen?“, beschäftigte sie. Gemeinsam mit ihrem Großvater begrub Paula ihren Mino im Garten neben ihrer Puppe. Zur Erinnerung pflanzten beide einen kleinen Strauch an die Stelle. Paula wässerte den Busch eine Zeit lang täglich mit ihren Tränen und Leitungswasser. Bedrückt stand sie dann immer an der Stelle im Garten.

Kurz nach dem Unglück mit Mino war eines Tages auch Opa Helbele verschwunden. Er hatte sich nicht von ihr verabschiedet. Paula suchte ihn im Haus und im Garten. Ihre Mutter, ihr Vater und ihre Großmutter wollten ihr den Trennungsschmerz und die Tränen ersparen. Traurig fragte sie ihre Eltern:

„Wo ist Opa Helbele?“

„Der ist in den Westen nach Fürth“, bemerkten ihr gegenüber ihre Eltern beiläufig.

„Warum redet niemand mit mir? Warum ist Opa Helbele in den Westen gegangen? Hat er mich nicht mehr lieb? War ich nicht lieb?“, diese Gedanken quälten sie.

Paula überlegte:

„Was haben wir zuletzt gemacht? Bin ich schuld?“

Aber ihr fiel nichts ein, was sie falsch gemacht haben könnte. Sie war untröstlich. Es war jammervoll. Ihr über alles geliebter Opa Helbele war nicht mehr da. Verzweifelt grübelte sie:

„Wer soll mich jetzt auf die Welt vorbereiten?“

Einen weiteren Schelm gab es in der Familie nicht. Sie war wütend und schrie:

„So ein doofer, blöder Westen! Was will Opa Helbele nur da?“

Paula wusste zwar immer noch nicht, was Westen bedeutete, aber sie begann ihn zu hassen. Sie war deprimiert. Der Westen hatte ihr nicht nur ihr Eis, sondern auch ihren Großvater genommen. Der Filou, Spaßvogel und Schlawiner fehlte Paula. Alle Erwachsenen waren sehr lieb zu ihr, aber das Verhältnis zu ihrem Opa Helbele war ein ganz Besonderes. Die Lücke konnte keiner schließen. Alle anderen Erwachsenen erklärten ihr, wie man funktioniert, was man zu tun und zu lassen hat. Niemand sonst zeigte ihr, wie man Spaß und Freude am Leben hat. Ihr Onkel Kurt, der Mann der Schwester ihrer Mutter, den Paulas Anwesenheit beinahe in die Flucht geschlagen hätte, wäre imstande gewesen, die Lücke zu schließen. Ihre Tante Elli und ihre Mutter achteten mit Argusaugen darauf, dass er das nicht tat und erstickten jeden noch so kleinen Ansatz schon im Keim. Vor ihrem Vater, Paulas Opa Helbele, hatten sich die beiden das nicht getraut.

Was, wie und warum ihr Großvater gegangen war, verstand Paula erst viele Jahre später. Er hatte während der Nazizeit sehr darauf geachtet, dass seine Familie nicht den Parolen Hitlers verfiel. So hatte er zum Beispiel die Nazistiefel, die sein Sohn von einer Propagandaveranstaltung mitbrachte, kurzerhand auf ein Hackklotz gelegt und zerhackt. Was da im Osten Deutschlands in der DDR passierte, konnte und wollte er nicht mehr gutheißen. Er hatte genug von dem Genossen, der jetzt Befehle erließ, was wo und wie im Wald ab- und aufzuforsten und im Sägewerk zu tun sei.

Er kannte ihn von früher. Der unsympathische Mensch ordnete unter anderem Kahlschläge an. Da spielte Paulas Großvater nicht mit. Der Genosse saß während der Nazidiktatur im Gefängnis. Er gab sich nach dem Krieg als Verfolgter des Naziregimes aus und bekam in der DDR Sondervollmachten und Rechte. Viele seiner Parteigenossen wussten nicht, dass er nicht wegen seiner Gesinnung einige Zeit hinter Gittern verbringen musste. Es war wegen seiner Vergehen, die heute genauso wie damals zu einer Verurteilung führen würden. Das war neben der Sehnsucht nach seiner alten Heimat einer der Hauptgründe für sein plötzliches Verschwinden.

***

Herr Schwarz traf sich wie verabredet am nächsten Tag wieder mit Paulas Mutter. Sie hatte extra für ihn einen Erdbeerkuchen gebacken und war froh über ein wenig Abwechslung. Beim Kaffeetrinken im Garten erzählte sie Herrn Schwarz von Paulas Beziehung zu ihrer Mutter, Oma Gertrud, berichtete von Rosen und Hühnern und vom Abschied ihrer Mutter aus Tabarz. Sie redete von den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest und der traditionellen Stollen Bäckerei. Die meisten der Schilderungen handelten in der Zeit, bevor Paula in die Schule kam.

„Jetzt weiß ich viel über Paulas Vorschulalter, aber über ihre Schulzeit weiß ich noch gar nichts. Darf ich Sie morgen noch einmal besuchen?“, erkundigte sich Herr Schwarz höflich.

„Selbstverständlich!“, antwortete Paulas Mutter und freute sich über so viel Interesse am Leben ihrer Tochter.

„Einen echten Thüringer Stollen kann ich Ihnen nicht anbieten. Sie können morgen gern schon zum Mittag zum Essen kommen. Wenn Sie möchten, dann koche ich ein traditionelles Thüringer Gericht mit Klößen.“

Herr Schwarz war überrascht über so viel Gastfreundlichkeit, damit hatte er nicht gerechnet.

„Ich komme gern. Aber machen Sie sich bitte nicht so viel Arbeit.“

„Das mache ich doch gerne. Ich hoffe nur, es schmeckt Ihnen.“

„Sie kochen bestimmt auch sehr gut.“

Am Abend rief Steffen Paula an. Sie diskutierten eine ganze Weile über die Geschichten, die ihre Mutter erzählt hatte. Aus der Perspektive von Paula sahen manche Episoden anders aus bzw. sie hatte sie ganz anders in Erinnerung. Nach langen Diskussionen gab Paula dann endlich ihr Einverständnis für den Bericht. Und so konnte Steffen ein weiteres Kapitel aus ihrem Leben vollenden.

Das große schwarze Loch