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Wie weit geht die Gesellschaft, um Perfektion zu fordern? Ist vollkommene Perfektion erstrebenswert? Tauchen Sie ein in die bewegende Lebensgeschichte von Manuela Schlüssel, einem inspirierenden Zeugnis für die Macht der Selbstfindung. Von anfänglichen Rückschlägen bis zu triumphalen Erfolgen – jede Seite ist gespickt mit unvergesslichen Momenten. Erleben Sie Mut, Entschlossenheit und die Kraft des menschlichen Geistes. Manuelas vielfältige Erfahrungen sollen zum verbindenden Element für ihre Leser werden – quasi eine Brücke zu ihren eigenen Herausforderungen. Denn inmitten von Rückschlägen und Unsicherheiten lässt die Autorin etwas Wichtiges erkennen: Aufgeben ist keine Option! Begleiten Sie Manuela Schlüssel auf einer Reise durch die Extreme des Lebens mit einem klaren Ziel: Perfekt unvollkommen zu sein, ist absolut in Ordnung!
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2024
Manuela Schlüssel · Perfekt unvollkommen
Originalausgabe 2024
© 2024, Manuela Schlüssel
Lektorat/Redaktion: Eduardo Freundlinger
Layout, Satz & Umschlaggestaltung: Buch&media GmbH, München
Korrektorat: Dirk Peschl
Gesetzt aus der Adobe Garamond und DIN 2014
Druck und Distribution im Auftrag: tredition GmbH, Ahrensburg
ISBN Hardcover · 978-3-384-12532-3
ISBN Softcover · 978-3-384-12531-6
ISBN E-Book · 978-3-384-12533-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, An der Strusbek 10 22926 Ahrensburg
Manuela Schlüssel
Perfekt unvollkommen
Wie ich das Unerwartete als Chance begriff
Cover
Urheberrechte
Titelblatt
Vorwort
Fehlstart ins Leben
Pribys Wünsche an die magische Puderdose
Priby und der böse Wolf
Der Drüseneffekt
Priby und der Märchenprinz
Freudentränen eines Todgeweihten
Ach, lass sie doch!
Der offene Brief
Die große Freiheit
Vom Jackpot zum Ruin
Urologen küsst man nicht
Die Rosamunde-Pilcher-Brille
Literarische Giftbombe einer Stalkerin
Notlandung in Köln
Mister Right
Das Schicksal würfelt nicht
Das letzte emotionale Hindernis
»Das ist meine ›Buchhaltung‹. Viel Spaß!«
Showdown am Flughafen
Willkommen in der Brauweiler Straße!
Der Familienguru
Die Teufelsaustreibung
Die Kriegerin und der Gelehrte
Die Glückswürmchen
Das Bootcamp der Liebe
Der Unabhängigkeitstag
Wie ich auf mein Herz hörte – und erschrak
Ein Leben am seidenen Faden
Der Restart
Meine Werte
Danksagung
Cover
Urheberrechte
Titelblatt
Vorwort
Danksagung
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Vorwort
Während ich durch die Seiten meines autobiografischen Romans Perfekt unvollkommen blättere, frage ich mich, ob meine Leser und Leserinnen erkennen, dass diese Geschichte nicht nur meine eigene ist. Es handelt sich um die abenteuerliche Reise meiner Selbstfindung – geprägt von zahlreichen Höhen und Tiefen der Achterbahnfahrt meines Lebens. Mit Perfekt unvollkommen lade ich dich ein, nicht nur meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu betrachten, sondern sich auch selbst in mir wiederzufinden.
Ich frage mich, wie meine Leser und Leserinnen mit denselben Herausforderungen umgehen würden, die mein Leben geformt haben. Jeder von uns steht vor Entscheidungen, die den Kurs unseres Lebens verändern. Würden meine Leser dieselben Pfade wählen, die ich durch die Stürme meiner Existenz gebahnt habe?
In den Zeilen meiner Autobiografie spiegelt sich nicht nur meine Geschichte, sondern auch die universelle menschliche Erfahrung wider. Die Frage, die sich mir aufdrängt, lautet: Erkennen die Leser die Möglichkeiten zur inneren Stärke und persönlichen Entwicklung in ihren eigenen Rückschlägen? Wie würden sie anhand meiner Beispiele ihre Widerstandsfähigkeit entfalten?
Ich frage mich, ob meine Leser die Inspiration spüren, die aus den dunkelsten Momenten entspringt. Dieses Buch soll nicht nur eine Lebensgeschichte erzählen, sondern eine Flamme entfachen – eine Flamme der Motivation und des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten, trotz aller Widrigkeiten aufzustehen, um seine Träume und Ziele unbeirrt zu verfolgen. Meine Emotionen, die jede Seite durchdringen, sollen meine Leser dazu ermutigen, ihre eigenen Gefühle zu erkunden und hinterfragen.
Ich frage mich, ob meine Leser sich in meinen Worten verlieren – und dabei ihre eigene geistige Stärke entdecken. Denn in der Intensität unserer Emotionen liegt die Brücke zu persönlichem Wachstum. Viele meiner Stationen des Lebens sind schmerzhaft, manchmal aber auch humorvoll zu lesen – aber es sind genau die Meilensteine, die mich geprägt haben.
Ich frage mich, ob meine Leser Perfekt unvollkommen als eine Einladung zur Selbstreflexion verstehen – als einen Aufruf, das eigene Leben zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, dass in den Unvollkommenheiten die wahre Schönheit unseres Daseins liegt. Und sich das einzugestehen, ist doch im Grunde immer das Ziel, oder?
Während ich diese Worte niederschreibe, hoffe ich, dass meine Leser nicht nur einen Einblick in mein Leben erhalten, sondern auch in ihre eigene Seele blicken können. Die Reflexion über die eigenen Entscheidungen, die eigenen Träume und die eigene Stärke soll ein integraler Bestandteil dieser Reise sein.
In jedem »Ich frage mich …« steckt meine tiefe Sehnsucht, dass meine Leser nicht nur Zeugen meiner Geschichte werden, sondern auch Anregungen finden, um ihre eigene Geschichte zu träumen, zu schreiben oder einfach für sich im Herzen abzuspeichern – eine Heldengeschichte, die trotz aller Unvollkommenheiten ein Meisterwerk der persönlichen Entwicklung ist.
Fehlstart ins Leben
Ich versuchte, mit meinen dünnen Armen so viel wie möglich meines nackten neunjährigen Körpers zu verbergen. Schweiß tropfte von der Nasenspitze zwischen meinen Schenkeln auf die Holzbank. Ich zählte den Abstand zwischen den Tropfen, während der Sand viel zu langsam durch die Verengung im Glas rieselte. Zuletzt waren es zwölf. Weil mich der Knall erschreckte, flog der nächste Tropfen schon nach drei Sekunden in hohem Bogen von meiner Nase.
Der nackte Mann neben mir war rot wie eine zu lang gekochte Nordseekrabbe. Er schlug sich mit einer Rute auf den Rücken und stöhnte vor Schmerzen auf. Ich rutschte von ihm ab, bis ich mich an der Wand der Holzhütte verbrannte. So heiß konnte es nicht mal in der Hölle sein, dachte ich. Endlich hatte er ein Einsehen mit mir und goss Wasser auf die glühend heißen Steine. Das wird die Steine abkühlen und gleich wird es hier drin kühler, hoffte ich. Stattdessen umhüllte mich eine siedend heiße Dampfwolke. Durch das Fenster in der Tür sah ich den See mit dem Steg. Ich musste hier raus. Sofort! Aber eine feuchte Hand verhinderte meine Flucht aus dieser dampfenden Hölle.
»Erst wenn die Sanduhr abgelaufen ist, Priby!«
Mist. In der oberen Hälfte war noch mehr drin als in der unteren. Die Hitze raubte mir den Atem. Ich versuchte es durch die Nase und verbrannte mir die Nasenscheidewand. Das wusste ich so genau, weil Nase, Mund und Ohren Thema der letzten Biologiestunde waren.
Panisch im Endstadium befreite ich mich aus den Zangen der roten Riesenkrabbe und stolperte durch die Holztür ins Freie. Ich inhalierte kühle Luft und rannte zum See, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich spurtete über den Steg und sprang an dessen Ende in den finnischen Waldsee. Uwe hechtete nackt hinterher und kam mit wild rudernden Bewegungen auf mich zu gekrault.
»Na, wie war dein erster Saunabesuch, Priby?«, fragte mein Vater, zu dem ich nicht Vater sagen durfte. Was nach einer Szene eines Skandinavien-Krimis klingt, war mein Sommerurlaub in Finnland.
Nimmt man die Herausforderung auf sich, sein Leben zwischen zwei Buchdeckeln zu komprimieren, stellt sich bald eine Frage: Mit welchem Augenmaß bewertet man Erinnerungen? Mit dem meines neunjährigen Ichs? Oder mit der Abgeklärtheit einer zweifachen Mutter? In den Augen meines neunjährigen Ichs waren diese Urlaube Horror wie im Stephen-King-Roman: wild Campen und hinter eine Birke pinkeln, anstatt im kuscheligen Hotelbett zu schlafen und in einem Pool zu schwimmen. Ein Floß bauen, anstatt am Adriastrand mit dem Tretboot zu fahren. Eine Pinkelwurst ins Lagerfeuer halten, anstatt Pizza Quattro Stagione und Tiramisu zu mampfen.
Richtige Urlaube boten die Hochglanzbroschüren an, die uns Reisebüros ungefragt ins Haus schickten und ungelesen im Müll landeten. Unsere finnischen ›Survival-Sommerferien‹ hingegen waren für mich so cool wie die geflickten Bonanza-Latzhosen, wegen denen ich in der Grundschule nach damaligen Begriffen gehänselt und, nach heutigem Sprachgebrauch, gemobbt wurde.
Jahrzehnte später sind diese Erinnerungen zu einem Aquarell eines Blockhauses am einsamen See weichgezeichnet, an dem wir jeden Sommer vier Wochen am Stück verbrachten. Sie begannen alljährlich mit demselben Ritual: Als alle unsere Taschen im Kofferraum des Ladas verstaut waren, drückte Uwe eine Kassette ins Autoradio und drehte den Lautstärkeregler auf Anschlag. Während wir lauthals If you leave me now von Chicago aus den heruntergekurbelten Fenstern brüllten, fuhr er mit einem zufriedenen Lächeln aus der Stichstraße. Und unsere Nachbarn wussten: endlich mal wieder ein Monat Ruhe von dieser Sippe, deren Werte nicht in diese konservative Wohngegend passten. Erschreckend finde ich jedoch, dass meine schrecklichen Erinnerungen greifbarer zur Verfügung stehen als die Highlights meiner Jugend – als müssten sie durch das schwarze Loch meiner frühesten Kindheit tauchen, um ans Licht zu gelangen. Als hätte ich eine Kamera im Kopf, die dunkle Bilder tief und fest ins Unterbewusstsein ätzt, während die fröhlichen und überbelichteten Abzüge null Spuren hinterlassen. Als neunjähriges Mädchen spielte ich unheimlich gerne.
Als fast fünfzigjährige Frau weiß ich: Das gesamte Leben ist ein Spiel. Ein Pokerspiel.
Sobald man den Geburtskanal verlassen hat, werden dem Säugling die ersten beiden Karten im Spiel des Lebens zugeteilt. Die Frau, der das Neugeborene blutverschmiert auf die Brust gelegt wird, ist eine davon. Der Mann, der ihre Hand hält und dieses kleine Wunder noch gar nicht fassen kann, die zweite. Später kommen weitere Karten wie Ausbildung, Job und Ehepartner dazu, sodass mit dem ersten Blatt noch nichts gewonnen ist. Dennoch mischt sich mit einem König und einer Dame ein siegessicheres Grinsen ins Pokerface eines Neugeborenen. Meine erste Karte war eine Niete. Eine glatte Null. Nennen wir sie Manny. Er selbst hielt sich nicht für eine Null. Immerhin war er der Dorfheld. Mutig und stark. Zumindest, wenn er betrunken war – so wie fast jeden Tag.
So wie auf dem Dorffest des niedersächsischen Kaffs, aus dem seine Familie stammte. Dort fiel dem Dreißigjährigen ein zierliches blondes Mädchen auf. Manny machte sich an die Siebzehnjährige heran und demonstrierte ihr bei dem blinkenden Gerät seine Stärke. Er nahm drei Meter Anlauf und knallte mit seiner Faust einen Boxsack so heftig hoch in die Verankerung, dass das Licht in der Säule von Schwächling bis zu Herkules hochschnellte und sogar ein roter Alarm ausgelöst wurde. Das beeindruckte die junge Dame. Mit diesen starken Armen könnte der Mann sie vor den aufdringlichen Jungs im Zelt beschützen. Darum ließ sie sich auf einen Drink einladen. Und danach auf noch einen. Und noch einen.
Dass er seine starken Arme gegen sie erheben könnte, daran dachte die Unschuld vom Land nicht. Sie durfte zwar noch keinen Alkohol trinken, trotzdem flößte Manny ihr reichlich davon ein. Sie sollte ebenfalls mutig werden. Als sie kaum noch stehen konnte, führte er sie am Arm nach draußen und über die Wiese, auf der ein Dutzend Männer stand und pinkelte. Manny hielt kurz inne, weil sich das Mädchen übergeben musste, ehe er sie hinter einen Schuppen schleifte, weil ihre Füße mit seinen eiligen Schritten nicht mithalten konnte.
Neun Monate später wurde aus dem Kind auf dem Dorffest meine überforderte Mama. Mein zweites mieses Pokerblatt, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Damit mir wenigstens ein Name von ihr blieb, taufte ich sie Michaela. Manny und Micha. Meine leiblichen Eltern. Dorfheld Manny hatte bald schon genug von dem unerfahrenen Mädchen mit den Puppen und Plüschtieren im Kinderzimmer. Nüchtern betrachtet, stellte sich Micha doch nicht als die Dorfprinzessin heraus, für die er sie nach sieben doppelten Rum Cola hielt.
Doch so einfach war die Sache in der tiefsten niedersächsischen Pampa nicht. Ihre Familien kannten sich vermutlich und so wurde Manny von allen Seiten verdonnert, seiner Vaterrolle gerecht zu werden.
Leider hatte ihm keiner erklärt, wie das geht. Seine einzige Erfahrung im Großziehen von Lebewesen bezog sich auf seinen Goldhamster Willie und auf seinen Igel namens Charlie. Willie starb nach einer Woche, weil Manny ihn mit dem Rad überfuhr, und Charly floh in den Wald, weil sein Besitzer vergessen hatte, die Käfigtür zu schließen. Vermutlich war Manny genauso mit seiner Vaterrolle überfordert wie Micha. Auf den beiden lastete der Druck von zwei Großfamilien und von Geldnot.
Manny kompensierte ihn mit Fusel und Gewalt. Micha mit Lethargie und Gleichgültigkeit. Sie ertrug die Schreie ihres Babys genauso wie Mannys Schläge, weil diese Schreie nach Liebe einfach nicht verstummen wollten.
In den ersten fünf Lebensjahren knipste meine innere Kamera bloß Erinnerungen, die kein geistiges Photoshop weichzeichnen könnten. Ich wuchs in einem Sumpf aus Streit, Suff, Schlägen, Dreck, Gestank und Missbrauch auf.
Irgendein Schutzmechanismus meines Hirns hält die Details unter Verschluss. Darum basieren meine ersten Lebensjahre eher auf Vermutungen als auf Fakten.
Hypnose könnte der Schlüssel zu dieser Schlangengrube sein – die ich besser ungeöffnet lasse. Die Aufarbeitung dieses Morasts könnte sich als Schwerstarbeit herausstellen. Meine Kindheit muss ein einziges Schütteltrauma gewesen sein. Von meinen ersten Lebensjahren erinnere ich mich bloß an einen großen goldfarbenen Labrador. Ich mochte ihn, aber ich musste mit ihm im Kinderbett schlafen, dass für uns beide viel zu klein war. Oder an den Milchreis, vor dem ich mich damals so ekelte, dass ich mich übergeben musste. Dafür gab es Schläge, und weil ich ein so böses Kind war, wurde mir eine noch größere Portion Milchreis vorgesetzt.
In diesem lieblosen, dreckstarrenden und gewalttätigen Umfeld wurden manche Dämonen geboren – unter anderem ein etwas kompliziertes Verhältnis zu Nahrung, das mich jahrelang begleitete. Manny und Micha waren schlicht nicht in der Lage, eine Tochter großzuziehen. Diese Einsicht kam von Mannys Familie. Also machte ich eine Tournee durch Mannys Verwandtschaft und kam zur Familie seines Bruders.
Mannys Bruder Günter war von seinen eigenen Kindern schon genug genervt. Nun musste er auch noch das verdammte Gör seines Bruders durchfüttern. Und alles nur, weil seine gottverdammte Mutter das so entschieden hat! Anstatt dankbar zu sein, ihm diesen Quälgeist abgenommen zu haben, wollte Manny den Balg zurückhaben. Von mir aus könne er sie sofort zurückhaben, hatte er seinem Bruder versichert. Als könnte diese Nervensäge von Kind Gedanken lesen, ging das Theater schon wieder von vorne los.
»Kann man in diesem gottverdammten Haus nicht einmal in Ruhe sein Bier trinken? ANITAAA! Mach, dass das Kind zu schreien aufhört, verdammt!«
Nach einem Jahr ging es weiter zu Mannys Schwester. Ich war drei oder vier Jahre alt und kam endlich ins Schlaraffenland. Tante Maria, wieder ein Name, den ich als Pseudonym einsetze, schlug mich nicht, sie schrie nicht mit mir, sie stank nicht nach Alkohol und ihre winzige Wohnung war keine Müllhalde.
Das musste mir wie ein Paradies vorgekommen sein. Leider gab es in Tante Marias Dreißig-Quadratmeter-Heim keinen dauerhaften Platz für mich und der Druck seitens Manny und seiner Familie wurden ihr wohl zu groß, weshalb ich nach einem weiteren Jahr zurück zu meinen Erzeugern ins schmutzige Nest kam. Aber Tante Maria meinte es gut mit mir und behielt mich weiter im Auge.
Das latente Gefühl, keine Wurzeln zu haben, nirgends dazuzugehören und von niemandem gewollt zu sein, ist ein weiterer Dämon meiner frühen Kindheitstage. Von Onkel Günter verstoßen und Tante Maria entrissen, kam ich zurück zum Labrador im Kinderbett und dem Milchreis auf dem Teller. Zu Tante Marias Entsetzen hatten sich die Zustände nur noch verschlimmert.
Das veranlasste sie dazu, im Telefonbuch zum Buchstaben J zu blättern und Anzeige zu erstatten. Am nächsten Tag stand das Jugendamt auf Mannys Fußmatte. Mein Erzeuger öffnete den Beamten im schmutzigen Feinripp und Weinflasche in der Hand die Tür.
Eine Stunde später wurde ich vom Jugendamt als dringender Notfall klassifiziert. Das gab ein Erdbeben, dessen Epizentrum Tante Maria war, die als einzige in dieser Familie für mich einstand. Aus Tante Maria wurde Tante Judas. Damit sorgte die Familienverräterin für zwei neue Karten im Pokerspiel meines Lebens.
Ein Sozialpädagoge und seine Frau hatten sich als Pflegeeltern beworben. Ein Umstand, den Uwe und Angelika längst vergessen hatten, weil sie seitdem nichts vom Amt gehört hatten. Doch plötzlich herrschte Alarmstufe dunkelrot in seinem behaglichen Büro in der Deutschen Ausländischen Arbeitsgemeinschaft, für die Uwe arbeitete. Ein Mädchen suche ein neues Zuhause. Schwer traumatisiert. Zwar schon fünf Jahre alt, aber für einen erfahrenen Pädagogen wie ihn gewiss noch formbar. Uwe bekam kurze Bedenkzeit. Wegen Gefahr in Verzug. Er rief Angelika an, die das schließlich auch etwas anging.
»Traust du dir das zu?«, fragte er sie, nachdem er Angelika über die Schattenseiten des Pflegekindes unterrichtet hatte.
»Wieso nicht?«, meinte Angelika. Uwe musste ihr recht geben. Angelika trug maßgeblich dazu bei, seinem fünfjährigen Sohn Flori seine sozialverantwortliche Gesinnung beizubringen.
Zwei Wochen später übergab mich meine junge leibliche Mutter einer Beamtin des Jugendamts.
Es war das letzte Mal, dass ich meine Mama sah. Mir ist kein Bild im Kopf und auch kein Name geblieben, mit dem ich nach ihr suchen könnte. Sind an jenem Tag Tränen über ihre Wangen geflossen – oder war sie einfach nur erleichtert, mich endlich losgeworden zu sein? Sie hatte nie Kontakt zu mir gesucht, darum bleibt mir ihre Gefühlswelt für immer verschlossen.
Inzwischen selbst zweifache Mutter, kann ich nur ahnen, wie verzweifelt sie gewesen sein musste, ihr Kind wegzugeben. Darum hege ich keinen Groll gegen sie. Angestachelt von seiner Mutter, ›kämpfte‹ Manny einige Jahre um seine ›geliebte‹ Tochter.
Er bewirkte vor Gericht, dass er mich alle drei Monate eine Stunde unter Aufsicht einer Beamtin sehen durfte. Bei diesen Gelegenheiten saß er stumm neben mir und guckte mir beim Malen zu. Manny hatte seinem Töchterchen nichts zu sagen. Oder er brachte es nicht über die Lippen. Männer wie Manny sprachen nicht über Mädchenkram wie Gefühle. Männer wie Manny ertranken ihre Gefühle mit einem Kasten Bier.
Meine neue Pflegefamilie strebte siebzehn Jahre lang meine Adoption an und Manny stellte sich ebenso lange quer.
»Dann ist sie ja nicht mehr meine Tochter!«, war sein Einwand, dem seitens einer unfähigen Sachbearbeiterin des Jugendamts siebzehn Jahre lang stattgegeben wurde.
Das führte zur ständigen Sorge, dass ich meiner Pflegefamilie entrissen werden könnte, weil Manny inzwischen weniger oft besoffen war und nicht mehr so hart zuschlug wie früher. Später heiratete Manny und gründete eine Familie. Als seine Mutter starb, erbte er Ländereien in dem Kaff, aus dem er stammte.
Damit ich im Fall seines Todes nur bloß keinen Erbkrümel von diesem riesigen Kuchen abbekäme, verschenkte er seinen gesamten Besitz an seine neuen Kinder. Ich möchte keinen Anspruch darauf erheben – und doch stelle ich mir bis heute die Frage, was ich in meinen ersten fünf Lebensjahren und bei seinen einstündigen Besuchen verbrochen haben musste? Woher stammte seine Wut auf mich? Was hatte diesen Hass ausgelöst?
War es wegen des Milchreises, den ich ausspuckte, weil mir kotzübel wurde? Wegen meines panischen Gebrülls, wenn er sturzbetrunken auf Mama losging oder mich schlug? Letztendlich ist es egal. Es lag nicht an mir. Sein Versagen als Vater lag an seinem Dämon – dem Dämon Alkohol, der ihn fest im Würgegriff hatte.
Ich habe mit meinen frühen Kindheitsjahren Frieden geschlossen. Sie waren ein Fehlstart ins Leben – und trugen dennoch dazu bei, mich zu der Frau zu entwickeln, die ich heute bin. Für diese Entwicklung bin ich äußerst dankbar. Kann ich somit in der Retroperspektive von einem Fehlstart ins Leben sprechen?
Dieses Buchprojekt soll mir auf vieles eine Antwort geben – darunter auch auf diese Frage.
Pribys Wünsche an die magische Puderdose
Ich durfte meine miesen ersten Blätter zurückgeben und bekam drei neue Karten im Pokerspiel des Lebens zugeteilt: Uwe, Angelika und Flori. Endlich war das Glück auf meiner Seite. Mein neuer Bruder war ein echtes Herzass! Flori war gleich alt, aber deutlich kleiner als ich, was er aber nicht mit aufgeblasenem Jungsgehabe kompensierte.
Flori konnte sich der Zuneigung und Aufmerksamkeit seiner leiblichen Eltern sicher sein, weshalb er keinen Grund zur Eifersucht auf das pausbackige Pflegekind mit den traurigen Augen hatte, die sich diese Zuneigung erst hart erkämpfen musste. Er bot keine Angriffsflächen, weshalb wir uns auch nie zofften.
Nie wurde er wütend auf mich – nicht mal, als ich ein paar Mark aus seiner Schublade klaute, um sie in die Bravo und in Schokoriegel zu investieren. Flori verpfiff mich nicht bei den Eltern – sie fanden es von selbst heraus. Uwe jagte mich »sinnbildlich« mit der zusammengeknüllten Bravo durchs Haus, und die zuckersüßen Jungs von New Kids on the Block landeten zerknittert und faltig im Mülleimer, anstatt mich vom Poster an der Kinderzimmerwand anzulächeln.
Die Bravo stand für Trillern und hat Uwe abgrundtief genervt. Trillern ist die Übersetzung von »Driss verzäll«, wie man hier in Köln sagt. Oberflächliche, einfache geistige Hausmannskost, die man ausspricht. Immer wieder wurden meine Gespräche und Antworten als trillern bezeichnet – dabei sagte ich etwas, was ich in diesem Moment als für mich wichtig erachtet habe. Meine Kommunikation entsprach vom Vokabular und Inhalt nicht dem, was Uwe gern von mir gehört hätte. Und das gleiche galt für den Inhalt einer Bravo.
Damals wohnten wir in einem kleinen Haus in einer Sackgasse in Hamburg-Harburg. Am Ende der Straße gab es einen Stromzähler. Auf dem hockten Flori und ich oft und spielten Schlagzeug, indem wir mit den Fersen unserer Gummistiefel gegen den Stromkasten trommelten, dass den Omas beim Kaffeekränzchen vor Schreck die dritten Zähne rausflogen. Uwes Hausanschluss mutierte zur Beschwerdehotline.
Da es in der Straße mehr Kapitalisten und Helmut-Kohl-Wähler gab als Atomkraft-nein-danke-Aufkleber wie auf Uwes Lada, tadelte der Revoluzzer seine Kinder nur halbherzig. Und warum sollten wir wegen ein paar Spaßbremsen zu Trommeln aufhören? Verbote gab es zu Hause schon genug! Deshalb saßen wir auf diesem Stromzähler und nicht im Wohnzimmer, wo fast nichts erlaubt war, was Spaß machte oder nicht den Intellekt förderte. Alles, was nicht in sein linkes Weltbild passte, war für den Sozialpädagogen Uwe oberflächlich.
Für das karierte Palästinensertuch, mit dem Flori auf dem Jahrmarkt für das rechte Spektrum der jungen Besucher einer Haudrauf-Attraktion glich, feierte Uwe seinen Sohn. Das Kleidchen, mit dem ich als Teenager verzweifelt versuchte, den Jungs zu gefallen, fand er oberflächlich, zumindest aber nicht erwähnenswert.
Nach einer Weile Ruhe wurde der Reiz des Verbotenen zu groß und wir trommelten lauter als zuvor mit den Füßen gegen die blecherne Tür des Stromzählers. Inzwischen mussten so viele Anrufe bei der Polizei eingegangen sein, dass sie ein gefühltes Sondereinsatzkommando in unsere Biedermeier-Sackgasse schickte.
Die schwer bewaffnete Truppe sprang vor dem Stromkasten aus den gepanzerten Fahrzeugen, als hielten wir darin Geiseln gefangen. Flori stand da schon halb vollgepinkelt auf der Straße. Ich hockte auf dem Tatort und brach in Tränen aus. Jetzt kam ich ins Gefängnis! Oder Uwe und Angelika verstoßen mich – und ich werde wieder von Manny und Micha mit Milchreis vollgestopft und muss mit dem Labrador schlafen. Dann schon lieber Gefängnis, dachte ich gerade, als mein Bruder folgende Worte sagte, die ich nie vergessen werde: »Das war ich! Meine Schwester hat damit nichts zu tun!«
Natürlich waren wir nicht strafmündig und wurden mit einer Ermahnung nach Hause geschickt, aber Flori war der erste Mensch, der mir zeigte, wie es sich anfühlen konnte – das Gefühl von Familie.
Mein Bruder war die Konstante in meiner Kindheit und Jugend. Darum fackelte ich als Teenager auch nicht lange, als es darauf ankam, für Flori einzustehen. Auf einem Bierfest war Floris Palästinensertuch der Aufreger unter den Dorfdeppen, von denen einige ihn anpöbelten und beschimpften.
Flori war zwar mit Freunden gekommen, aber die waren sogar noch kleiner als er und zum Einschreiten noch nicht Manns genug. Darum riefen sie ausgerechnet mich zu Hilfe. Zwar ein Mädchen, sagten sie sich wohl, aber mit Hundertfünfundsiebzig Zentimetern einen halben Kopf größer als die meisten Jungs in dem Alter. Meine Kinder Kyra und Tom würde ich heute niemals dazu ermuntern, Konflikte mit Prügeln zu lösen.
Damals auf dem Bierfest war Diplomatie ein Fremdwort, von dem die pöbelnden Jungs noch nichts gehört hatten.
»Lasst meinen Bruder zufrieden!«, versuchte ich es dennoch.
»Was kümmert dich diese Pissnelke? Außerdem bist du gar nicht seine richtige Schwester!«, streute einer der Typen grobes Salz in meine Wunde, bis ich vor Schmerz rotsah.
»DOCH DAS BIN ICH!«, brüllte ich und ging auf die Bande los. Nach einem heftigen Gerangel hockte ich keuchend auf der Brust des Anführers, der einen lockeren Schneidezahn und mindestens hundert Haare weniger auf der Birne hatte.
»Mann ey, ist ja gut. Musst ja nicht gleich so ausflippen!«, gab er sich geschlagen und Flori war gerettet.
So wie ich mit dem Stromzähler, vergaß auch mein Bruder dieses Zeichen unseres Zusammenhalts nie. Bei ihm durfte ich sein, wie ich war. Ohne Kritik. Ohne Bewertung. Einfach nur Priby mit all ihren Macken und Schwächen.
Pribylie war eine Figur in meinem liebsten Kinderbuch. Ich konnte ihren Namen nicht richtig aussprechen, darum nannte ich meine Kinderbuchheldin Priby. Und nach dieser erhielt ich von Uwe und Angelika meinen Spitznamen Priby.
Pribylie hatte im Roman eine magische Puderdose, mit der sie sich wünschen konnte, was sie wollte. Ich fand das so toll und wollte unbedingt eine so zauberhafte Puderdose haben. Damit hätte ich mir den sehnlichsten Wunsch erfüllen können: Papa und Mama sagen zu dürfen! Natürlich wurden mir die beiden vom Jugendamt als Angelika und Uwe vorgestellt und nicht als Mama und Papa. Das Experiment hätte schließlich in die Hose gehen können.
Doch als allen klar war, dass Angelika und Uwe zeitlebens mein Vater und meine Mutter bleiben würden, hätte ich sie auch gerne so genannt. Doch das mochte Uwe nicht. Es war ihm wohl zu Mainstream. Uwe war anders als die Helmut-Kohl-Lemminge, die sich stolz Vater riefen ließen, als handele es sich dabei um einen Adelstitel. Das galt auch für seinen leiblichen Sohn Flori.
»Darf ich noch etwas Fernsehen, Uwe?«, fragte Flori Papa, was sich in meinen Ohren schrecklich anhörte. Überhaupt wurden wir gegen den Strom erzogen. Während sich Freundinnen Pretty Woman im Kino ansahen, musste ich mit einer brennenden Fackel über eine Straße laufen und so laut »ATOMKRAFT, NEIN DANKE!« brüllen, dass ich danach tagelang heiser war. Anstatt mit uns auf den Rummel zu gehen, schleppte er uns auf Maidemos und nach Auschwitz.
Ich wusste nicht, worum es dabei ging, und fand all die Reden ätzend – doch mit meinem Keiner-will-mich-haben-Trauma der Kindheit fühlte sich dieser Gruppenzusammenhalt toll an. Die Fackelumzüge und die Musik, die dazu lief, fand ich cool. Wir sollten Uwes Gesinnung kennen und lieben lernen. Flori tat sich damit wesentlich leichter als ich. Leider passte es nicht zu seiner Gesinnung, von seinen Kindern Papa genannt zu werden.
Nach Manny verzehrte ich mich nach einer starken Vaterfigur. Papa und Mama standen für meine Identität in dieser Familie. Uwe und Angelika standen für die Leiter eines Sozialprojekts namens Priby.
Schade, dass Uwe, dem cleveren Pädagogen, damals die Empathie fehlte, das zu verstehen. Es wäre ihm sicherlich kein Zacken aus der Krone des Revoluzzers gefallen.
Der zweite Wunsch an die magische Puderdose wäre gewesen, dass Oberlehrer Uwe mich als seine Tochter ansah – zumindest das, was ich mir damals darunter vorstellte – und nicht als eine Art Privatschülerin, die ihn zwar duzen konnte, aber nicht Papa sagen durfte.
Kaum etwas, das ich tat, konnte einfach so belassen werden. Alles wurde analysiert und bewertet wie in der Schule. Alles.
»Ja, aber …«, lautete die meistgehasste Wortkombination meiner Jugendzeit.
Bis heute kann es Uwe nicht lassen, sich einfach nur für mich zu freuen, ohne ein »aber pass bloß auf«, oder »aber denk immer daran« hinterherzufeuern. Eine Woche nach der Niederkunft packte ich den Säugling ein und wir fuhren erstmals als Familie fast fünf Stunden nach Hamburg, um Opa Uwe seine Enkelin vorzustellen. Uwe freute sich zunächst, als er Kyra im Arm hielt, wechselte aber schon im nächsten Moment vom Großvater zum Pädagogen – eine Rolle, in der er wesentlich mehr Erfahrung besaß.
