Perry Rhodan 3052: Terra - Christian Montillon - E-Book

Perry Rhodan 3052: Terra E-Book

Christian Montillon

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Beschreibung

Für die Menschen einer fernen Zukunft ist die Erde nicht mehr der "kleine blaue Planet", von dem aus sie ins All aufgebrochen sind. Die Menschen verstehen sich – nach der lateinischen Bezeichnung ihrer Ursprungswelt – als Terraner, obwohl sie auf Tausenden Welten siedeln. Terra selbst wurde von unbekannter Macht vor Jahrhunderten gegen einen nahezu identischen Planeten ausgetauscht und ist seither verschwunden; mittlerweile gilt die Erde als Mythos. Doch Perry Rhodan und seine Gefährten haben die Hoffnung nicht aufgegeben, die ursprüngliche Heimat der Menschen wiederzufinden. Sie sind mit der RAS TSCHUBAI, einem riesigen Raumschiff, in die ferne Galaxis Ancaisin gereist. Dort hoffen sie, hinter das Geheimnis der verschwundenen Erde zu kommen. Im Jahr 2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – es entspräche dem Jahr 5633 nach Christus – gibt es endlich eine klare Spur: Die Raumfahrer haben Zugang zur sogenannten Zerozone gefunden. Dahinter, so hoffen sie, verbergen sich die Erde und der Mond. Perry Rhodan landet in einem ungewöhnlichen Kosmos, wo neue Herausforderungen auf ihn warten. Aber dort erreicht er auch TERRA ...

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Nr. 3052

Terra

Brennpunkt Neu-Atlantis – die Gelegemutter schickt eine Botschaft

Christian Montillon

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Briefe aus einem fremden Universum

1. Die Stunden vor der Heimkehr

2. Ein Gespräch unter Freunden und ein einsamer Onryone

3. Ein Traumspiel (7)

4. Der Roboter und die Residentin

5. Die besten der Lunaren Flotte

6. Ein Traumspiel (8)

7. Kein Wiedersehen

8. Rückkehr in die Geisterstadt

9. Ein Traumspiel (9)

10. Verschwinden

Epilog: Aus: Hoschpians unautorisierte Chronik des 21. Jahrhunderts NGZ

Leseprobe PR NEO 210 – Oliver Plaschka – Imperium am Abgrund

Vorwort

TEIL I – Grabreden

1. Böses Erwachen

2. Flaschenpost

3. Kondolenzbesuch

Gespannt darauf, wie es weitergeht?

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Für die Menschen einer fernen Zukunft ist die Erde nicht mehr der »kleine blaue Planet«, von dem aus sie ins All aufgebrochen sind. Die Menschen verstehen sich – nach der lateinischen Bezeichnung ihrer Ursprungswelt – als Terraner, obwohl sie auf Tausenden Welten siedeln. Terra selbst wurde von unbekannter Macht vor Jahrhunderten gegen einen nahezu identischen Planeten ausgetauscht und ist seither verschwunden; mittlerweile gilt die Erde als Mythos.

Doch Perry Rhodan und seine Gefährten haben die Hoffnung nicht aufgegeben, die ursprüngliche Heimat der Menschen wiederzufinden. Sie sind mit der RAS TSCHUBAI, einem riesigen Raumschiff, in die ferne Galaxis Ancaisin gereist. Dort hoffen sie, hinter das Geheimnis der verschwundenen Erde zu kommen.

Im Jahr 2046 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – es entspräche dem Jahr 5633 nach Christus – gibt es endlich eine klare Spur: Die Raumfahrer haben Zugang zur sogenannten Zerozone gefunden. Dahinter, so hoffen sie, verbergen sich die Erde und der Mond.

Perry Rhodan landet in einem ungewöhnlichen Kosmos, wo neue Herausforderungen auf ihn warten. Aber dort erreicht er auch TERRA ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner setzt endlich wieder seine Füße auf Terra.

Homer G. Adams – Der Advisor besucht drei Gräber.

Ghizlane Madouni – Die Kommandantin begibt sich auf die Jagd.

Amalia Serran

Wer alles durchschaut,

sieht nichts mehr.

(Anonyme Sammlung altterranischer Weisen,

Kapitel 33: »Clive Staples Lewis«)

Prolog

Briefe aus einem fremden Universum

Lieber Mésren,

es gab viele Antworten, seit wir die andere Hälfte des Dyoversums erreichten. Es stellen sich aber mit fast jeder Antwort gleichzeitig eine Menge Fragen, besonders für jemanden wie mich, der versucht, die Dinge zu verstehen, indem er sie vergleicht und historisch einordnet.

Ich kann hören, wie du nachhakst: »Jemand wie dich? Es gibt niemanden wie dich!« Vielleicht hast du damit recht. Meine Profession ist in diesen Zeiten tatsächlich sonderbar.

Ich vermisse dich. Seit deinem Tod ist es so viel stiller geworden. Dein Herzschlag fehlt. Ich erinnere mich an die Jahre, als alles doppelt in mir hallte. Ich weiß, wie deine Gedanken hinter dem Nebelschleier klangen, gerade noch sichtbare, aber ungreifbare, wunderschöne Gewächse. Wenn ich die Augen schließe, ist es manchmal ganz nah, dann wieder ein ferner Traum, von dem ich mich immer häufiger frage, ob er je wirklich war.

Doch zurück zur Gegenwart! Es gibt eine Menge zu berichten, Bruder!

Nachdem Perry Rhodan mich als Mitglied seines Einsatzteams ausgewählt hatte, landeten wir auf Luna. Ich sitze hier in einem arkonidischen Kelchbau, mitten auf dem Erdmond, der gemeinsam mit Terra seit mehr als vierhundert Jahren verschollen war. In einigen Stunden soll es weitergehen. Unser neues Ziel ist die Erde.

In meinem letzten Brief habe ich dir von meiner Angst erzählt. Mir geht es aber mit jeder Minute, während der wir nicht in irgendwelche Kämpfe verwickelt werden, ein wenig besser. Es spuken eben zu viele wirre Vorstellungen in meinem Kopf herum – als müsste es ständig Angriffe geben, als würden Perry Rhodan und seine Leute unablässig um ihr Leben fürchten. Vielleicht wird es ja bis zum Ende ruhig bleiben.

Wobei – wie soll dieses Ende aussehen?

Kehren wir in unser Heimatuniversum zurück? Wie könnte das gelingen? Wir haben keine Möglichkeit, erneut in die Zerozone einzufliegen.

Oder bleibt nur die Wahl, einen Weg zu finden, Terra und Luna nach Hause zu schicken und uns gemeinsam mit dem Planeten auf die Reise zu machen?

Aber was heißt das schon – nach Hause?

Für die Menschen liegt ihr Zuhause längst in diesem Teil des Dyoversums. Sie sind dort geboren, genau wie ihre Eltern, Großeltern und die Generationen davor.

Und wie fremd kann ein Universum eigentlich sein, das mit unserem gleichzeitig entstanden ist? Ein siamesischer Zwilling, in dem offenbar dieselben Planeten und Sonnensysteme existieren, mit uns am Punkt der Zerozone dauerhaft verbunden?

Siehst du, Mésren? Jede neue Erkenntnis bringt Fragen mit sich. Das habe ich immer versucht, dir zu erklären.

Fragen über Fragen!

Ich könnte Hunderte weiterer anhängen, aber welchen Sinn hätte das, solange es keine Antworten gibt?

Oh, schon wieder eine Frage, entschuldige.

Lass es mich anders formulieren: Ich glaube, dass dieser Teil des Dyoversums gar nicht so andersartig ist. Ein Zwilling kann dem zweiten nicht fremd sein, erst recht nicht, wenn sie miteinander verbunden sind ... verwachsen.

So wie wir es waren, Mésren.

Sobald ich Perry Rhodan wiedersehe, werde ich ihm das sagen.

1.

Die Stunden vor der Heimkehr

Perry Rhodan lächelte, als er Sichu Dorksteiger mitten in der Kantine sah. Nur wenige Plätze waren belegt.

Seine Frau saß einer hochgewachsenen Gestalt mit heller Haut, albinotisch roten Augen, spitzem Kopf und glänzender Glatze gegenüber – einem Ara wie aus dem Bilderbuch. Die beiden führten offenbar eine angeregte Diskussion und hatten darüber die Kuchenstücke, die auf dem Tisch zwischen ihnen standen, völlig vergessen.

»Die extrem erhöhte Hyperimpedanz in diesem Teil des Dyoversums wirkt sich genetisch aus«, sagte der Ara gerade, »und das werde ich beweisen! Es gibt seit über zweihundert Jahren Aufzeichnungen einer speziellen Chromosomen-Anomalie, die bewirkt, dass hier geborene Kinder mit fortlaufender Generationenzahl ... oh.«

»Was ist?«, fragte Sichu, die ihren Mann bisher nicht bemerkt hatte, weil sie mit dem Rücken zu ihm saß.

»Du hast Besuch«, sagte Rhodan.

Sie drehte sich zu ihm. Wie so häufig kam es ihm vor, als veränderte sich das goldene Fleckenmuster auf ihrer hellgrünen Gesichtshaut aufgrund der Überraschung. Einen Beweis für diese Theorie hatte er jedoch nie gefunden, und sie hielt diese Beobachtung für Unfug.

»Perry!«, sagte sie.

»Der bin ich.« Rhodan breitete die Arme aus. »Frisch von NATHAN bestätigt, übrigens. Das Mondgehirn hält mich für echt und hat angekündigt, dass uns darum der Weg nach Terra offensteht.«

Denn genau wegen dieser ausstehenden Identitätsüberprüfung hatte Ghizlane Madouni, die Kommandantin des hiesigen Liga-Flaggschiffs, ihn und sein kleines Einsatzteam nicht sofort zur Erde, sondern zunächst zum Mond geführt. Die aktuelle Residentin bestand auf diesem Test, ehe sie den Fremden treffen wollte, der von sich selbst behauptete, Perry Rhodan zu sein. Ebenjener Rhodan, der bereits verschwunden gewesen war, bevor Terra und Luna in den Universenzwilling versetzt wurden.

Nach dem Besuch bei NATHAN war Rhodan zum arkonidischen Kelchbau gegangen, der mitten im Ylatorium stand – das einzige für Gäste frei zugängliche und sinnvolle Gebäude. Die zahllosen Bronzehütten der Ylanten lagen ebenso in Atmosphärelosigkeit wie normalerweise das scheinbar brennende, unförmig-klotzige Zentralgebäude.

Im Kelch wohnten die Raumpiloten der Lunaren Flotte und deren Angehörige – eine Art Oase normaler Zivilisation inmitten der Ylantenstadt, die sich im gesamten Mare Ingenii über etliche Quadratkilometer erstreckte.

Rhodan wandte sich an den Ara. »Entschuldige bitte die Störung. Ich wollte euer wissenschaftliches Gespräch nicht unterbrechen.«

»Hast du aber.« Der Ara lachte laut schallend – ein ungewöhnlich starker Gefühlsausbruch, der gekünstelt wirkte. »Bist du wirklich Perry Rhodan?«

»Ja.«

»Darf ich ehrlich sein?«, fragte der Ara.

Rhodan nickte.

»Es ist nicht gut, dass ...« Der Ara stockte. »Halt, lass es mich neu formulieren: Ich finde es nicht gut, dass du gekommen bist. Fast alle haben sich damit abgefunden, dass wir hier leben. Dieser Teil des Dyoversums ist unsere Heimat. Es gab eine Zeit, da kam es zu Unruhen, zu Demonstrationen und Aufständen, weil manche dafür eintraten, dass wir einen Weg zurück suchen sollen, andere in der Versetzung eine Chance und einen Neuanfang sahen.«

»Die Vanothen.«

»Ich sehe, du hast dich gut informiert. Es gab damals sogar Ausschreitungen, Tote und nach zwei Jahrhunderten das Pluto-Experiment. Weißt du etwas darüber?«

Rhodan schüttelte den Kopf. »Wenig genug.« Er erinnerte sich allerdings an den Moment direkt nach der Ankunft der TESS QUMISHA in diesem Teil des Dyoversums. Das erste Ortungsholo hatte statt des Planeten Pluto ein unwirkliches, fast geometrisches Gebilde gezeigt – jedoch noch verschwommen, und danach war sofort nahezu sämtliche Technologie ausgefallen, und alles hatte sich in Chaos aufgelöst.

»Was genau?«

»Ich weiß, dass wohl versucht wurde, Kontakt mit dem Heimatuniversum aufzunehmen. Eine Art ... Universentunnel, um wenigstens eine akustische Nachricht zu schicken.«

2.

Ein Gespräch unter Freunden und ein einsamer Onryone

»Du wolltest mich sprechen?« Jindo Kubertin stand in der offenen Tür.

Ghizlane Madouni betrachtete ihn. »Du hast ein wenig zugelegt, Jin.«

Tatsächlich hatte er sehr zugelegt. Nicht dass er fett wäre – kein Kommandant einer Raumjägerstaffel könnte fett sein. Doch man sah ihm überdeutlich an, dass er seinen Posten vor allem hinter dem Schreibtisch erledigte.

»Du nicht, Lane«, konterte er. »Drahtig wie immer, aber zu dürr, um wirklich sexy zu sein.«

»Charmant«, sagte sie.

»So bin ich eben.«

Er bat sie einzutreten und schloss die Tür, aber sie setzten sich nicht, sondern blieben im Flur stehen. Ein schmaler verspiegelter Schrank stand an der Seite, gegenüber hing eine kleine Garderobe, an der nur eine einzige Jacke baumelte – oder vielmehr ein exzentrisches Sakko, blau mit einem antiquiert wirkenden rötlich-braunen ornamentalen Blumenmuster.

»Weißt du, dass mich seit Jahren niemand mehr Lane genannt hat?«, fragte sie.

»Ach komm, so lange ist es noch nicht her, dass wir zum letzten Mal zusammen waren.«

»Vier Jahre, sechs Monate, siebzehn Tage.«

»Seit wann glänzt du denn mit einem eidetischen Gedächtnis?«

»Ich habe damals Tagebuch geführt und nachgesehen«, behauptete sie. »Außerdem hast du den Begriff falsch gebraucht.«

»Ich bin Militärangehöriger, kein Sprachwissenschaftler.«

Ghizlane hatte beim Kommandanten der Lunaren Flotte um ein Gespräch gebeten. Jindo Kubertin stand einer Raumjägerstaffel vor, die im Ylatorium stationiert war, wie es das Positronische Konkordat bestimmte, das NATHANS Rechte und Pflichten regelte.

Sie kannten einander schon jahrzehntelang, seit dem gemeinsamen Beginn ihrer militärischen Ausbildung auf der AMALIA SERRAN. Den Kontakt hatten sie vor allem in den ersten Jahren ihrer Karriere gepflegt, einschließlich einer fast zwanzig Monate dauernden Beziehung, die vor allem im Bett stattfand. Ob Liebe im Spiel gewesen war, fragte sich Ghizlane seitdem häufig, fand aber keine Antwort. In Sachen Liebe war sie kaum die richtige Ansprechpartnerin.

Illustration: Swen Papenbrock

Jindo führte sie ins Wohnzimmer, deutete auf die bequem aussehende Couch, ein breites Ungetüm aus schwarzem Kunstleder mit abgewetzten Sitzflächen. Seine Wohnung lag an der Außenwand des riesigen Kelchbaus und hatte kein simuliertes, sondern ein echtes Fenster – mit Aussicht auf das Einzige, das es rundum gab: das Meer der Bronzehütten, die einen matten Lichtschein in die Mondnacht emittierten.

Sie setzte sich. »Lädst du alle, die eine offizielle Anfrage an dich richten, in dein privates Wohnzimmer ein?«

»Nur die, die ich nackt gesehen habe.«

»Charmant und direkt.« Sie lächelte, aber es fühlte sich ein wenig verunglückt an. »Da könnte ich fast wieder schwach werden.«

»Lane, worum geht es?«, fragte er unvermittelt ernst. »Ich glaube kaum, dass du nur zum Plaudern gekommen bist, ausgerechnet an dem Tag, an dem du Perry Rhodan höchstpersönlich nach Luna bringst.«

»Du weißt davon?«

»Gerüchte verbreiten sich schnell, und dem Kommandanten der Lunaren Flotte entgeht sowieso nichts.« Er öffnete eine Kommode und holte etwas Salzgebäck heraus. »Elend geschmackloses Zeug. Ich habe sonst nichts hier. Ich muss schließlich auf mein Gewicht achten.« Er ließ sich neben Ghizlane fallen und reichte ihr die Packung.

Sie ignorierte es. »Was hast du gehört?«

»Rhodan ist genau dort angekommen, wo Jathao Vanoth es vor Jahrhunderten prophezeit hat. Sein Schiff drohte abzustürzen, Hanko Lee hat ihn mit der CISTOLO KHAN gerettet.« Er atmete tief durch, ehe er weitere Fakten herunterratterte. »Eine Vanothin in Lees Besatzung hat einen Anschlag auf Rhodan verübt, du hast ihn auf die ANDOLFI geholt und hierhergebracht. Ein Ylant hat euch eine Sightseeingtour spendiert – und zack, schon wieder wollte jemand unseren prominenten Gast erledigen.«

»Du bist gut informiert«, sagte Ghizlane beeindruckt.

»KLF.« Jindo klopfte sich selbst auf die Schulter.

»Die Abkürzung ist mir neu.«

»Ich versuche es schon immer als offizielle Amtsbezeichnung durchzusetzen, aber auf mich hört ja keiner. Kommandant der Lunaren Flotte.«

»Es geht mir um den Anschlag auf Luna.« Ghizlane blieb ernst. »Ich war für Rhodan verantwortlich.«

»Darum nimmst du es persönlich?«

»Erstens das, und zweitens will ich dafür sorgen, dass es sich nicht wiederholt. Ihm darf nichts zustoßen.«

»Er hat dich schwer beeindruckt, wie ich sehe.«

»Ob es uns gefällt, spielt keine Rolle, aber er ist hier, und das bringt die Dinge durcheinander. Jindo, wie stehst du zu den Vanothen?«

»Ich halte mich in dieser Sache neutral.«

»Sagt wer? Der KLF? Oder ... du?«

»Ich.« Er nahm einen der runden Salzcracker und drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern. »Das Thema ist nicht mehr aktuell. Die meisten Menschen haben sich damit abgefunden, dass wir hier leben. Schon generationenlang! Dass es die Vanothen noch immer gibt, ist erstaunlich genug.«

»Aber seit Rhodan aufgetaucht ist, liegt neue Brisanz in der Sache!«, stellte Ghizlane klar. »In Hanko Lees Schiff hat ein Besatzungsmitglied, das nie zuvor negativ aufgefallen ist, ihn gesehen und spontan versucht, ihn umzubringen. Jemand hat den Tunnel zerstört und wollte nicht nur Rhodan töten, sondern auch seine Begleiter.«

»Unter anderem dich.«

Sie stimmte zu. »Und deswegen, Jindo, ist das Thema nicht tot und war es nie. Zwei Vorfälle in so kurzer Zeit, dazu das Ultimatum der Topsider, die Rhodans Auslieferung verlangen.«

Der Cracker zerbrach zwischen seinen Fingern, und er ließ ihn achtlos fallen. »Was willst du von mir?«

»Mir liegen Unterlagen des TLD vor.«

»Und?«

»Etwa zwanzig Angehörige der Raumjägerpiloten unter deinem Kommando sympathisieren mit den Vanothen, waren auf Demonstrationen oder ...«

»Du beschuldigst meine Leute?«, fragte er.

»Ich beschuldige niemanden, sondern versuche herauszufinden, wer das Attentat verübt haben könnte.«

»Du kennst diese zwanzig Namen. Befrag sie!«

»Das könnte ich. Aber ich will von dir wissen, wem du es zutraust.«

Jindo Kubertin stand auf. Crackerkrümel fielen von seiner Hose. Er ging im Zimmer auf und ab, genau wie früher als junger Mann, sobald er sich unsicher gefühlt hatte.

Sie ließ ihm Zeit, und als sie an die gemeinsame Vergangenheit dachte, versetzte es ihr einen Stich. Vielleicht hätte sie bei ihm bleiben sollen.

»Wenn die Frage nicht ausgerechnet von dir käme, Lane, würde ich dich vor die Tür setzen.«

»Danke.«

Er schüttelte den Kopf. »Zeig mir die Liste.«

Doch er kam nicht dazu, sie sich anzusehen, denn ein Alarm heulte und ein Funkanruf ging ein.

*

Jindo war wie verwandelt. Er straffte seine Haltung und drehte sich zum Fenster. »Annehmen!«, befahl er der Zimmerpositronik.

»Die Absenderin hat das Gespräch auf hohe Sicherheitsstufe codiert, und du hast Besuch, sodass ...«

»Annehmen!«, unterbrach er.

Ein Holo formte sich vor ihm in der Luft. Das dreidimensionale Abbild zeigte Oberkörper und Kopf einer Frau in der Uniform einer Raumjägerpilotin. Ihr Gesicht war angespannt, und sie eilte durch einen Korridor. Die Aufnahme stammte offenbar von einer Sonde, die sie in geringem Abstand begleitete. »Kommandant, einer der Raumjäger ist entwendet worden. Die Kameras haben den Dieb aufgezeichnet. Es ist Eccpre Allocnar.«

»Wie kann er ...«

»Ich kann mir nicht erklären, wie er den Jäger überhaupt erreichen konnte, und schon gar nicht, wieso er in der Lage ist, ihn zu fliegen. Ich starte in einer Minute und verfolge ihn. Ich werde ihn einholen. Erwarte deine Anweisungen.«

»Fang ihn ab. Zwing ihn anzuhalten.«

Die Pilotin erreichte einen MASCER-Jäger, der auf dem Landefeld seitlich neben dem Kelchbau parkte. Die meisten der kleinen Schiffe waren auf einem Raumhafen jenseits des Ylatoriums stationiert.

»Autorisierst du Gewalt?«, fragte sie.

»Schieß ihn manövrierunfähig. Weitere Anweisungen bekommst du, sobald du ihn eingeholt hast. Ich schicke dir Verstärkung.«

»Ove Heller hat sich schon auf den Weg gemacht. Er kann kurz nach mir starten. Schöman Ende.« Das Holo zeigte noch, wie sie unter die Maschine rannte und dort den Einstieg öffnete, dann brach die Aufnahme ab.

»Verdammt!«, kommentierte Jindo, nahm Kontakt mit einem Unterstaffelführer auf, der das Kommando über zehn Raumjäger führte, und befahl ihm, die beiden Piloten, die bereits unterwegs waren, zu unterstützen.

Danach eilte er ins Badezimmer, um seine Uniform anzuziehen. Die Tür ließ er offen, sodass er und Ghizlane sich unterhalten konnten.

»Wer ist dieser Allocnar?«, fragte Ghizlane laut.

»Eccpre Allocnar«, antwortete er, »ist ein Eremit. Der einzige Onryone im Ylatorium.«

»Ein Onryone? Ich dachte, die wenigen, die es noch gibt, hätten sich in ihre Enklave in Neu-Atlantis zurückgezogen.«

»Alle«, stimmte Jindo zu, »bis auf einen – Eccpre Allocnar. Er bezeichnet sich selbst als Überbleibsel.«

»Du weißt viel von ihm.«

»Er ist ein Kuriosum, über das man hin und wieder redet. Bis eben ging ich davon aus, dass er völlig harmlos ist.« Er verließ dem Sanitärbereich. Die Uniform saß tadellos. »Ich glaube nicht an einen Zufall. Allocnar hat nicht ohne Grund ausgerechnet jetzt den Jäger entwendet. Du hattest den richtigen Riecher ... es hängt mit Rhodan zusammen, da bin ich mir sicher. Komm mit!«

Während sie den Raum verließen, sagte Ghizlane: »Aber Perry ist längst zur Erde unterwegs oder sogar schon dort angekommen. Warum stiehlt der Onryone zu diesem Zeitpunkt einen Raumjäger?«

Jindos zentrales Büro, ausgestattet mit aller nötigen Technologie, lag nur wenige Meter entfernt hinter einer energetischen Sicherheitsschleuse.

»Orterbild meiner Schiffe!«, befahl er der Positronik, und ein Holo baute sich auf.

Ghizlane fand sich mühelos zurecht – als Kommandantin des Flaggschiffs hatte sie Tausende schematische Bilder wie dieses gesehen.

Die Erde und der Mond bildeten die Fixpunkte der Darstellung. Ein kleines rotes Kreuz, weiter von Luna entfernt als die vergleichbaren Symbole, stand zweifellos für den gestohlenen Raumjäger in der Gewalt des Onryonen. Demnach war er auf einem Kurs in den Leerraum – zumindest lag kein solarer Planet auf seinem direkten Weg.

Eccpre Allocnar war vor mittlerweile zwölf Minuten gestartet und beschleunigte konstant mit sehr hohen Werten. Folglich blieben mindestens sechsundzwanzig weitere Minuten, um die halbe Lichtgeschwindigkeit zu erreichen und in den Linearraum einzutauchen.

Sollte ihm das gelingen, wurde eine Verfolgung schwierig bis unmöglich. Allerdings waren für eine Linearraumetappe Berechnungen nötig, der Einsatz von LOOKOUT-Sonden, der die Eisberge des aktuellen Linearlabyrinths kartografierte, der eine sichere Passage erst ermöglichte. Diese Hindernisse veränderten ständig ihre Position, und eine Etappe ohne vorherige Absicherung bedeutete ein großes Risiko. Wobei die für den Nahkampf optimierten Raumjäger ohnehin nur eine extrem geringe Reichweite besaßen.

Was in aller Welt plante der Onryone? Glaubte er wirklich, er könnte fliehen und entkommen?

Etwas stimmte nicht. Ghizlane überkam ein ganz mieses Gefühl.

Das Holo zeigte auch die Verfolger, in unterschiedlicher Entfernung.

Am nächsten kam die Pilotin, die die erste Meldung gebracht hatte – Nigella Schöman, wie Jindo sie informierte. Der von ihr erwähnte Ove Heller flog in wenigen Lichtsekunden Abstand, die danach alarmierte Staffel blieb wiederum abgeschlagen.

Jindo vergrößerte den Maßstab, bildete bald das gesamte Solsystem bis zur Plutobahn ab. Die Verfolgungsjagd spielte sich in diesem Gesamtbild noch nah an Terra und Luna ab, momentan näherte sie sich der Marsbahn an. Dieses Bild diente der groben Gesamtorientierung und der Anzeige weiterer im System stationierter Schiffe, ein zweites Holo zeigte den aktiven Ausschnitt in starker Vergrößerung.

»Sie können ihn tatsächlich einholen«, gab sich Jindo überzeugt. »Sämtliche Raumjäger haben dieselbe Leistung, aber meine Piloten sind besser. Vor allem Schöman und Heller. Sie werden ihre Jäger überlasten, gerade so weit, dass sie keinen echten Schaden davontragen.«

»Wieso ziehst du nicht Einheiten von außerhalb dazu?«

»Es stehen Schiffe bei Terra und momentan in Höhe des Saturn, aber auf der gegenüberliegenden Seite der Sonne. Außerdem einige an den Grenzen des Solsystems. Allocnar fliegt in eine andere Richtung. Meine Leute kommen zurecht.«

»Sicher?«

Er sah sie wütend an. »Bei einem Vorfall in deiner ORATIO ANDOLFI werde ich dir auch nicht reinreden, Lane!«

Tatsächlich zeigte das Orterholo, dass Schöman aufholte. Sie nahm außerdem Funkkontakt mit dem Onryonen auf, was sie gleichzeitig zu Jindo übertrug. Sie sprach eine Warnung aus, befahl Allocnar, sich zu stellen, und drohte massiven Beschuss an.

Ghizlane konzentrierte sich auf das Holo.

Etwas stimmte nicht. Sie übersah ein Detail, da war sie sicher. Irgendetwas ...

Sie fluchte. »Jindo! Erweitere die Darstellung über die Plutobahn hinaus!«

»Was ...«

»Jenseits des Pluto steht ein Topsiderschiff! Die OCHVRUR von Kommandantin Hokkno! Sie hat das Auslieferungsultimatum gestellt und erwartet an dieser Position, dass wir ihr Rhodan übergeben!«

»Glaubst du etwa, dass ...«

»Erweitere den Radius!«

Er gab einen entsprechenden Befehl.

Das Holo rechnete einige Sekunden, ehe es ein klares Bild lieferte.

Es gab keinen Zweifel: Eccpre Allocnar raste mit dem gestohlenen Raumjäger direkt auf die OCHVRUR zu.

3.

Ein Traumspiel (7)

Ich schlafe nicht, und ich träume nicht. Aber es gibt keine Worte, die die Bilder besser beschreiben könnten, die um mich wirbeln. Meine Erinnerungen werfen mich hinein, mal in dieses, mal in jenes Ereignis der Vergangenheit.