Perry Rhodan 3122: Im Apathengrund - Christian Montillon - E-Book

Perry Rhodan 3122: Im Apathengrund E-Book

Christian Montillon

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Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist. Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Während der Terraner eine Rettungsmission für zwei Besatzungsmitglieder der kosmokratischen LEUCHTKRAFT startet, verschlägt es zwei Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI an einen fremden Ort. Sie sind IM APATHENGRUND ...

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Nr. 3122

Im Apathengrund

Eine Terranerin und ein Haluter – sie sind im Reich des Sextadim-Anglers

Christian Montillon

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Vorher: Es beginnt

1. Angeln

2. Angriff

3. Von Hass und Gehöften

4. Eine Möglichkeit zur Flucht

5. Vorher: An Bord der RAS TSCHUBAI

6. Wendepunkte

7. Bußfertigkeit

8. Erkenntnis

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Während der Terraner eine Rettungsmission für zwei Besatzungsmitglieder der kosmokratischen LEUCHTKRAFT startet, verschlägt es zwei Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI an einen fremden Ort. Sie sind IM APATHENGRUND ...

Die Hauptpersonen des Romans

Tondar – Ein Angler verliert gerne – gegen den Richtigen.

Anzu Gotjian – Die Mutantin wird nicht nur aus dem Koma gerissen.

Bouner Haad – Der Haluter kümmert sich um seine Schutzbefohlenen.

Noch-717

Was es alles gibt,

das ich nicht brauche.

– Aristoteles –

Vorher:

Es beginnt

Ein Hauch streicht über mich hinweg, und er riecht nach Moder. Ekelhaft, aber wirkungsvoll, denn er weckt mich.

Oh.

Habe ich etwa geschlafen?

Ich weiß es nicht.

Der Hauch kitzelt mich an der Nase, umspielt meine Lippen, greift mir ins Haar. Es geschieht sanft und schmeichelnd, alles andere als unangenehm, dennoch fühlt es sich falsch und schmutzig an, als würde mich jemand gegen meinen Willen vorsichtig abtasten.

Ich bebe vor Abscheu und versuche, mich unter der unerwünschten Berührung wegzudrehen. Es gelingt nicht.

Da erkenne ich den Irrtum: Ich bin nicht wach. Ich schlafe weiterhin – falls ich überhaupt schlafe. Der Hauch streicht nicht über meinen Körper, sondern durch mein Bewusstsein. Der Modergeruch dringt mir nicht in die Nase; er umhüllt meinen Geist.

Was passiert mit mir? Wo bin ich? Was ist dieses Unbekannte, das nach mir greift und mich umschließt?

Und: Wer bin ich?

Ich kenne die Antworten nicht, auf keine dieser Fragen.

Angst umfasst mich – vor dem Fremden, vor der Hilflosigkeit, vor einer selbstvergessenen Existenz in Dunkelheit. Sie wird zur Panik, und als würde mich ein Schutzmechanismus vor dem Schlimmsten bewahren wollen, sinkt mein Bewusstsein wieder in die Finsternis, aus der es eben erst aufgestiegen ist.

*

»Soll ich ein ernstes Wort mit unserem Innenausstatter reden?«

Gry O'Shannon unterbrach ihren Trainingslauf, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und sah zu dem Mann, der sie angesprochen hatte.

»Perry! Entschuldige, ich habe dich gar nicht bemerkt. Ich war in Gedanken.« Nun erst sickerte seine Frage in sie ein. »Innenausstatter?«

Mit einem Lächeln deutete Rhodan den Gang der RAS TSCHUBAI entlang, der von der Haupt-Medostation Richtung Antigravschacht führte. »Ich meine nur, weil du durch die Korridore rennst. Die meisten nutzen das Ogygia-Habitat oder die Sportplätze im Wohnmodul. Falls es dir dort nicht gefällt, könnten wir die Ausstattung ...« Er winkte ab. »Vergiss es. Sollte ein Scherz sein. Mission kläglich gescheitert.«

O'Shannon lächelte zurück, merkte aber selbst, dass es ihr nicht allzu gut gelang. »Keine Sorge, die Sportangebote der RAS sind hervorragend. Ich habe mich nur nach etwas mehr ... Freiheit gesehnt, als sie ein festgelegter Laufparcours bieten kann. Am liebsten würde ich mich wieder einmal auf die Schiffshülle setzen und die unendliche Weite des Alls genießen.« Die Erinnerung daran fühlte sich gut an, doch sie schmerzte auch, weil es ihr so fehlte.

»Das könnte ein sonniges, aber kurzes Vergnügen werden. Schließlich steht die RAS gerade im Ortungsschutz von Rubin-Omega.«

»Deshalb habe ich mich für das Nächstbeste entschieden: die nicht ganz so unendliche Weite der verzweigten Gänge eines Raumschiffs. Platz genug gibt es schließlich. Hat schon mal jemand ausgerechnet, wie lange man laufen könnte, ohne einen Korridor ein zweites Mal zu nutzen? Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr?«

»Ich fürchte, Gry«, meinte Rhodan, »auf die Idee ist bislang niemand gekommen.«

»Dabei liegt sie so nahe.«

»Findest du?«

»Egal. Ich jedenfalls mag es – einfach nur laufen, ohne festgelegtes Ziel, spontan an jeder Abzweigung entscheiden, in welche Richtung es ...« Sie unterbrach sich selbst mitten im Satz und drehte sich zu dem leeren Korridor um.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Rhodan.

»Was?« Sie wandte sich ihm wieder zu und lachte unsicher. »Ja, klar, bestens.«

Wirklich? Warum spürte sie dann dieses Ziehen im Nacken und zwischen den Schulterblättern, als würde sie jemand beobachten?

»Du wirkst ein wenig aufgekratzt.« Er dachte kurz nach. »Beunruhigt.«

»Es ist nichts Spezielles. Es klingt wahrscheinlich albern, aber mir ist ... ich weiß auch nicht ... als stünde etwas bevor.«

»Positiv oder negativ?«

»Nichts davon. Oder beides. Keine Ahnung. Ich würde das nicht überbewerten. Vermutlich gibt es einfach nur zu viel Energie in mir, die rausmuss.«

»Ich bin auf dem Weg in die Medoabteilung. Willst du mitkommen und dich untersuchen lassen?«

Erneut lachte sie, und diesmal fühlte es sich echter an. »Ach was! Ich laufe noch einige Runden, das bläst das Hirn frei.«

»Wie du meinst.«

O'Shannon setzte sich wieder in Bewegung.

Positiv oder negativ?, hallten Rhodans Worte in ihr nach.

War ein Gewitter gut oder schlecht? Das kam darauf an, wen man fragte. Der Acker, der den Regen ersehnte, würde eine andere Antwort geben als der Baum, in den der Blitz einschlug.

Und so fühlte sich Gry O'Shannon plötzlich, als liefe sie vor dem Sturm davon, um nicht herausfinden zu müssen, ob sie der Acker oder der Baum war.

*

Irgendwann, vielleicht nach wenigen Minuten, womöglich nach mehreren Lebensspannen, verlasse ich die Dunkelheit erneut.

Nein, das ist nicht richtig. Ich tausche nur eine Finsternis gegen eine andere.

Kaum bin ich mir meiner selbstvergessenen Existenz bewusst, kehrt das fremde Tasten zurück. Wahrscheinlich war es nie verschwunden.

Diesmal bin ich darauf vorbereitet. Ach was, wen will ich eigentlich anlügen? Es trifft mich genauso unvermittelt wie beim ersten Mal, aber immerhin kann ich es besser einordnen. Ich halte es nicht mehr für ein Streichen über meine Haut, glaube auch nicht länger, Moder zu riechen.

Dennoch haftet der mentalen Berührung weiterhin etwas Fauliges an. Es ist zutiefst verstörend.

Wer bist du?, denke ich in die Schwärze hinein.

Die einzige Antwort besteht darin, dass das Tasten fester wird. Fordernder.

Wer bin ich?, wandle ich meine Frage ab, und das interessiert mich fast noch mehr.

Stille.

Was willst du von mir?

Diesmal erhalte ich eine Antwort. Oder bilde ich sie mir nur ein? Sie weht wie ein Flüstern aus der Ferne zu mir. Doch wie kann ich, ein erinnerungs-, aber vor allem körperloses Bewusstsein, es hören?

Es spielt keine Rolle, denn das eine Wort versetzt mich erneut in Panik.

Es lautet: Dich!

*

Der Haluter Bouner Haad machte sich Sorgen.

Obwohl er Anzu Gotjian kaum kannte, fühlte er sich der jungen Frau verbunden. Vielleicht weil sie eine Paragabe hatte, so wie er. Möglicherweise auch nur, weil sie wegen ihrer Hilflosigkeit den Beschützerinstinkt in ihm weckte.

Hin und wieder sah er nach ihr, besuchte die Krankenstation, betrachtete ihr entsetzlich blasses Gesicht und sprach zu ihr. Er erzählte von der Ausbildung in der Festung seines großen Vorbilds Icho Tolot, berichtete von den Abenteuern, die er mit Madru Bem und Kro Ganren erlebt hatte, oder schilderte, wie es sich anfühlte, als Parapassant feste Stoffe und Schutzschirme zu durchdringen.

Sie antwortete nie. Wie sollte sie? Schließlich lag sie seit dem Angriff des Zyu auf die BJO BREISKOLL in einem Koma, das sich niemand erklären konnte. Obwohl sein Planhirn darauf beharrte, dass die Besuche und das Mitleid nicht weiterhalfen, hoffte sein Ordinärhirn, dass sie es doch taten. Logik war eben nicht alles, nicht der Urgrund der Dinge.

Anzu ruhte auf einer Medoliege. Abgesehen von ihrer Blässe und davon, dass sie völlig regungslos blieb, sah sie aus, als würde sie schlafen.

Über der Liege schwebte eine Holoprojektion, die in regelmäßigen Abständen zwischen verschiedenen Darstellungen der Patientin wechselte: von ihrem Adernnetz, in dem bis vor einigen Tagen noch Nanoroboter nach einer Ursache für ihren Zustand gesucht hatten, hin zum Nervensystem. Dann weiter zum Bild ihrer Muskulatur und einer Anzeige ihres Skeletts, zurück zum Adernnetz.

Bouner Haad sah einem Medoroboter zu, wie er Anzu eine Injektion verabreichte, die sie mit allen nötigen Nährstoffen versorgte. Die tägliche Fütterung, wenn man es hart formulieren wollte.

Der Roboter verließ den Behandlungsraum, die Tür schloss sich hinter ihm ...

... und Haad überkam ein sonderbares Gefühl. Bekannt und dennoch fremd. Es erinnerte ihn an das, was er Anzu vorhin beschrieben hatte: die Empfindung beim Passieren fester Materie. Genauso fühlte es sich an, nur ... falsch herum. Als würde etwas ihn durchqueren.

Die Tür öffnete sich erneut, und Perry Rhodan trat ein. Im gleichen Augenblick erlosch das Gefühl und verblasste rasch. Wie ein Traum, der direkt nach dem Aufwachen noch deutlich vor einem stand, aber mit jeder weiteren Sekunde durch die mentalen Finger rann.

Illustration: Swen Papenbrock

»Hallo, Bouner«, sagte Rhodan. »Schön, dich zu sehen. Wie geht es ihr?«

»Unverändert. Die Mediker sind ratlos.« Der Haluter zögerte. »Sie wollen versuchen, Anzu aus dem Koma zu holen.«

»Ich habe davon gehört. Du klingst, als hieltest du es für keine gute Idee.«

»Richtig.«

»Wieso?«

»Ebendeshalb, weil die Mediker ratlos sind. Sie wissen nicht, was sie damit anrichten, wenn sie Anzu gewaltsam wecken.«

»Was richten sie denn an?«

»Ich weiß es genauso wenig. Vielleicht nichts. Oder sie bringen sie um. Solange sie nicht wissen, weshalb sich Anzu in sich selbst zurückgezogen hat, halte ich es für unverantwortlich. Sie könnten sie erneut dem aussetzen, vor dem ihr Körper bereits einmal kapituliert hat. Diesmal mit möglicherweise noch schlimmeren Folgen.«

»Ich verstehe.«

»Aber du siehst es anders?«

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Einerseits kann ich deine Befürchtung nachvollziehen, andererseits ... Nun, wir haben in der letzten Zeit einige schmerzhafte Verluste hinnehmen müssen. Lyu-Lemolat ist tot, Kroko so gut wie, und Axelle Tschubai ist schwer verletzt. Ich will nicht auch noch Anzu verlieren. Und solange wir nichts tun, wenn wir es nicht wagen, liegt sie vielleicht für immer so da.«

»Und was, wenn wir es wagen und sie stirbt?«

Rhodan seufzte und schwieg.

Haad ließ ihn für einige Sekunden mit seinen Gedanken allein, ehe er fragte: »Bist du nur gekommen, um nach ihr zu sehen?«

»Nicht nur, aber auch. Ich habe mich mit Matho Thoveno und Vahma Spoúr getroffen.«

»Mit der geballten chefmedizinischen Kompetenz? Um über Anzu zu sprechen?«

»Offen gestanden: nein. Obwohl wir sie durchaus erwähnt haben. Es ging eigentlich um Lyu-Lemolats Amulett.«

»Und?«

»Wie sich herausgestellt hat, lag Vahma mit ihrem Tipp richtig. Sie haben das Holz des Anhängers mit einem medizinischen Messgerät untersucht, das die Technik eines Kantor-Sextanten mit der des Vitalimpuls-Tarners kombiniert. Wie auch immer, das Amulett weist tatsächlich Spuren künstlich zugeführter oder übernommener Vitalenergie auf.«

»Wie ein Zellaktivator, nur aus Holz?«

Rhodan lachte auf. »Nicht annähernd. Matho Thoveno schätzt, dass die gespeicherte Vitalenergie nur geringfügig lebensverlängernde Wirkung haben konnte, vielleicht um ein Viertel, maximal ein Drittel der eigenen Lebenszeit. Sie hat belebend auf Lyu-Lemolat als Trägerin gewirkt.«

»Glaubst du, sie hat davon gewusst?«

Rhodan dachte einige Zeit darüber nach, als hätte er sich diese Frage nie gestellt. »Wieder etwas, das ich nicht weiß. Vermutlich, ja. Am Herzen gelegen hat ihr das Amulett aber in jedem Fall. Sonst hätte sie mich kurz vor ihrem Tod nicht darum gebeten, es ihrer Lebensgefährtin zu überbringen. Sie heißt Lousha Hatmoon, und sie besitzt das Gegenstück, die andere Hälfte des Anhängers.«

»Wirst du es tun?«

»Diese Lousha ist die Stellvertretende Leiterin des tefrodischen Geheimdienstes in Cassiopeia – der Agentur für die Stabilität Karahol. Lyu-Lemolat war hoch kompetent.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich denke, eine Zusammenarbeit mit der ASK könnte einige Vorteile bringen. Und vielleicht stellt das Amulett unsere Eintrittskarte in den Geheimdienst dar. Außerdem ist die Überstellung der Leiche eine schätzenswerte Geste, das sollten die Tefroder uns zugutehalten.«

»Du selbst?«

»Es war Lyu-Lemolats Wunsch. Und es ist wichtig. Also ja. Ich gehe als Allianz-Kommissar in offizieller Mission.« Nach einer kurzen Pause fügte Perry Rhodan hinzu: »Noch einmal zum ersten Thema. Ich rede vor meinem Aufbruch mit den Medikern und bitte sie, Anzu nicht zu wecken, bevor ich zurück bin. Danach setzen wir uns zusammen und versuchen zu entscheiden, was für sie das Beste ist.«

»Einverstanden. Ich wünschte nur, sie könnte selbst etwas dazu sagen.«

*

Mich?, frage ich in die Dunkelheit, nachdem der Schreck abgeklungen ist. Warum willst du ausgerechnet mich?

Eine Antwort bleibt aus, und wahrscheinlich habe ich sie mir schon beim ersten Mal nur eingebildet. Ist es ein Zeichen des Wahnsinns, irreale Stimmen zu hören? Oder ein Beweis für geistige Gesundheit, wenn man sich dessen bewusst ist und sich darüber Sorgen macht?

Eine Stimme im Kopf – dieser Gedanke bewirkt etwas. Eine Bewegung in der Finsternis, ein Schleichen und Lauern, ein langsames Anpirschen.

Wieder kriecht die Angst in mir hoch. Ich möchte davonlaufen, will mich dem Fremden im Dunkel nicht ausliefern, doch wie soll das gehen, ohne Körper? Es gibt keine Beine, die mich vor der Gefahr davontragen könnten, keine Augen, deren Blick mich davor bewahrt, in die falsche Richtung zu fliehen.

Ich muss verharren, bis mich der Feind erreicht.

Ich bin bereit!, denke ich. Komm und hol mich!

Dieser Aufforderung folgt er: Er kommt und holt mich. Allerdings anders, als ich es erwartet habe.

Kein Feind hat in der Finsternis gelauert. Oder vielleicht doch, denn auf mich stürzen Erinnerungsfetzen ein, die ich offenbar die ganze Zeit über verdrängen wollte.

Eine Stimme im Kopf! Mit einem Mal weiß ich, dass ich das schon einmal erlebt habe. Und damals war ich nicht wahnsinnig, sondern ... besessen? Ist es das? Es trifft das Erlebnis nicht exakt, aber es führt in die richtige Richtung.

Die Erinnerung wird klarer, und sie trägt einen Namen mit sich.

Zyu.

*

Voller Vorfreude biss Gucky mit lautem Knacken ein Stück von der Karotte ab und spuckte es im nächsten Augenblick auf den Boden der Zentrale in der BJO BREISKOLL.

Ein Reinigungsroboter surrte herbei, ein winziges Modell, kaum mehr als eine handtellergroße Scheibe.

»Ist etwas nicht in Ordnung damit?«, fragte Rhodan.

»Mit dem Roboter?« Gucky klopfte mit dem Schwanz auf die Maschine. »Funktioniert doch prima.«

»Mit der Karotte.«

Der Mausbiber grinste kurz, bis nach dem zwar zugegebenermaßen schwachen, aber ablenkenden Scherzlein der eklige Geschmack im Mund zurückkam. »Sie schmeckt widerlich faulig!«

»Sie sieht eigentlich frisch aus.«

Gucky betrachtete die Möhre. Die Farbe war kräftig orange. Er schnupperte daran. Nichts Ungewöhnliches. Vorsichtig nahm er einen weiteren Bissen – ganz vorzüglich. Nicht mehr so, als kaute er auf einem verrottenden Stück Fleisch.

Sonderbar.

Wahrscheinlich war es nicht die Karotte gewesen, sondern die gesamte Situation, die ihm nicht schmeckte. Das könnte auch erklären, warum sich seit dem Vortag ohne eigenes Zutun sein Fell im Nacken gelegentlich sträubte. Es fühlte sich an, als würde ihn jemand immer wieder an der gleichen Stelle gegen den Strich kraulen.

»Ich gebe es nicht gerne zu«, sagte er. »Aber ich fühle mich angespannt. Ich lasse Anzu nur ungerne allein.«

»Willst du lieber auf der RAS bleiben?«, fragte Rhodan.

Gucky verschränkte die Arme vor der Brust und hob telekinetisch ein paar Zentimeter vom Boden ab. »Damit du ohne die Unterstützung meines vielfach erprobten Charmes mit der Agentur Kontakt aufnehmen musst? Ganz bestimmt nicht. Wann geht es los?«

»Der Tefroder ...« Rhodan hüstelte. »... Dehodhat Opyas ist bereits an Bord. Lyu-Lemolats sterbliche Überreste sind auf Kemurs KE-wohlfeil gebracht worden, die uns ins Molatvosystem begleitet. Das heißt: alles startklar!«

»Das Molatvosystem ... ein Zentrum des hiesigen Geheimdienstes ...« Gucky betrachtete die Daten im Zentraleholo. »Was glaubst du, wie schnell wir wieder zurück sein werden?«

»Hm ... 1155 Lichtjahre bei einem Überlichtfaktor von sechs Millionen. Reine Flugzeit also etwas mehr als eine Stunde. Allerdings will ich behutsam vorgehen, den Stützpunktplaneten der ASK deshalb nicht direkt anfliegen. Wir parken einige Lichtjahre außerhalb, wechseln auf die KE-wohlfeil und legen mit ihr den Rest der Strecke zurück. Alles in allem sind wir zwei bis drei Tage unterwegs, schätze ich. Es hängt davon ab, wie kooperativ sich Lousha Hatmoon zeigt. Und nach der Rückkehr kümmern wir uns um Anzu. Versprochen.«

Gucky fühlte Rhodans Blick auf sich ruhen. »Es ist nur ... ich weiß auch nicht. Ich mag sie. Sehr. Sie ist mir eine gute Freundin geworden. Sie wollte dem Parakorps nicht beitreten, um nicht wieder in die ganzen kosmischen Verwicklungen reingezogen zu werden. Und nun ist genau das trotzdem passiert, und sie liegt im Koma, ohne dass ihr jemand helfen kann. Das ist einfach ungerecht! Ich hätte besser auf sie aufpassen müssen.«

»Manchmal hat das Schicksal andere Pläne für uns.«

»Das Schicksal?« Der Mausbiber lachte humorlos. »Seit wann so philosophisch, Perry? Wohl eher die Hohen Mächte des Universums. Oder in diesem Fall der Chaoporter und sein Gefolge. Wäre Anzu nie auf das Zyu gestoßen, könnte sie ...« Gucky führte den Satz nicht zu Ende. Wozu auch?

Rhodan verstand sowieso, was er meinte. »Ich war gestern kurz bei ihr. Bouner Haad sieht regelmäßig nach ihr. Ich denke, er wird dich gut vertreten, solange du unterwegs bist.«

»Klar. Der berühmte Bemutterungsinstinkt der Haluter. Ich habe sie vorhin selbst noch rasch besucht und versucht, sie zu espern.«

»Und?«

»Nichts. Oder nichts Ermutigendes. Nur ein stetiges Hintergrundrauschen aus Verlorenheit und Angst, ohne konkrete Gedanken.« Gucky rümpfte die Nase, sodass sich das Fell rundum sträubte. »Vielleicht projiziere ich aber nur meine eigene Sorge auf sie.«

Er hob die angebissene Karotte, betrachtete sie und steckte sie in die Tasche. Wegzehrung schadete nichts. »Kein Wunder, dass mir die Situation auf den Appetit schlägt.«

*

Mein Name ist Anzu Gotjian, und ich erinnere mich.

Endlich weiß ich wieder, dass eine Licht fressende Kreatur im Auftrag des Chaoporters die BJO BREISKOLL angegriffen hat. Das Zyu.

Ich weiß wieder, dass die Attacke viele Leben kostete – am Ende beinahe auch meines.

Ich weiß wieder, dass es durch meine Haut, durch Ohren und Mund in meinen Kopf gekrochen ist. Und in meinen Verstand.

Ich weiß wieder, dass es mir gelang, es zu vertreiben.

Aber was danach kam, weiß ich nicht.

Wie lange liegt das inzwischen zurück? Bin ich gestorben? Ist diese allumfassende Dunkelheit das, was jeden nach dem Tod erwartet?

Nein, ich weigere mich, das zu glauben. Wenn es eine Ewigkeit gibt, sieht sie nicht so aus. Das Universum ist mehr als ein zynischer Witz.

Eine andere Erklärung fällt mir ein. Eine, die die Frage aufwirft, ob ich nicht besser doch gestorben wäre.

Bist du das Zyu?, denke ich in die Finsternis. Ist ein Span von dir in mir zurückgeblieben?

Wieder bekomme ich keine Antwort, und ich frage mich, ob ich mich darüber freuen oder ob ich es bedauern soll.

Der Hauch, der mich umgibt, dieser Griff aus der Ferne, wird drängender. Und – ich erschauere bei der Erkenntnis – lockender.

Ich bebe, als mich etwas berührt.

Ich kämpfe gegen die Versuchung an, mich ihm zu ergeben.

Und mit einem Mal verstehe ich, warum dieses Fremde ausgerechnet mich haben will.

Weil ich wehrlos bin.

*

Lustlos stocherte Gry O'Shannon in ihrem Eisbecher.

Gemeinsam mit Donn Yaradua, Shema Ghessow und Damar Feyerlant saß sie auf der Außenterrasse eines der fünf Gartenrestaurants in Ogygia – mit Blick auf den See im Zentrum. Die Wasser glitzerten, und ein Laufvogel mit langen, blauen Hühnerbeinen stakste am Ufer.

Hinter ihr lag ein Dauerlauf, der sie auf verschiedenen Routen fünfmal durch das Habitat geführt hatte. Beinahe zehn Kilometer in wenig mehr als einer Stunde.

Sie fühlte sich erschöpfter als nach dem Lauf vom Vortag, mit dem sie zwölf Kilometer vor etwas davongelaufen war, ohne sagen zu können, was sie da verfolgte. Kein Wunder, denn es gab nichts. Zumindest nichts Sichtbares.

Der unerklärlichen Unruhe zu entkommen war ihr jedenfalls auch diesmal nicht gelungen.

Sie hatte sich gerade auf den Weg in ihre Kabine machen wollen, da waren ihr die Gäste aufgefallen, die einen Bogen um den Okrill Phylax machten, der neben dem Tisch vor sich hin döste. Also hatte sich Gry entschlossen, ihrem Körper ein wenig von der Energie zurückzugeben, die sie durch den Sport verloren hatte, und sich zu Donn Yaradua gesellt, der mit Damar Feyerlant und Shema Ghessow dort saß.

Die beiden vertilgten unverschämt große Eisbecher. Mit Sahne. Gry hatte sich den kleinen Bruder dieser Riesenportion servieren lassen.

Und nun saß sie da und brachte kaum einen Bissen hinunter.

»Schmeckt es dir nicht?«, fragte Yaradua.

»Nein. Doch. Ich weiß nicht.« Gry legte den Löffel neben den Teller, mitten in einen Klecks Schokosoße. »Ich fühle mich ein bisschen merkwürdig seit gestern.«

»Definiere merkwürdig«, bat Feyerlant.