Perry Rhodan 3360: Das Sternengrab - Christian Montillon - E-Book

Perry Rhodan 3360: Das Sternengrab E-Book

Christian Montillon

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Beschreibung

Gut 4000 Jahre in der Zukunft bildet die Erde das Zentrum eines Sternenreiches, das Tausende von Welten umfasst. Überall leben die Menschen in Frieden und Freiheit. Zu den ­anderen Völkern der Milchstraße und ihren ­Angehörigen besteht ein freundschaftlicher Austausch. Perry Rhodan hat darüber hinaus eine Vision: Er will die Verbindungen zu anderen Galaxien ausbauen. Das Projekt von San soll das ermöglichen. Künftig werden Kurierschiffe des Typs PHOENIX zwischen den Sterneninseln reisen. In der Milchstraße flieht derzeit John Wylon, eigentlich der erfolgreiche Gründer eines Mega­konzerns, vor den Behörden durch die Galaxis. Die Pläne des Topsiders, der auf der Erde aufgewachsen ist, zielen darauf ab, die Kulturen der Milchstraße zu destabilisieren. Eines der Mittel, die er dazu eingesetzt hat, sind die Reproiden, die nichts anderes tun, als jegliche Materie aufzulösen und in Duplikate ihrer selbst zu verwandeln. Aktiviert hat sie ­erstaunlicherweise eine Mumie, die seit Jahrzehntausenden existiert. Perry Rhodan sucht nach Hintergründen für diese Aktion – er befindet sich in der Nähe des Orion-Delta-Systems und stößt dort auf DAS STERNENGRAB …

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nr. 3360

 

Das Sternengrab

 

In der Halbraumtasche – die Hegemonie des Guten

 

Christian Montillon

 

 

 

Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Drei Nanosekunden

1. Müdigkeit ist ein schlechter Ratgeber

2. In der Halbraumtasche: Einer von den Guten

3. Zusammenkunft

4. Ein Friedhof ist kein guter Ort zum Sterben

5. Im Hegemonialgarten

6. Vergangenheit: ORAN VIII

7. Wieder vereint

8. Die kahlen Korridore der ÖPLAFNUR

9. Wechselspiel

Epilog: Topsid, im Gouberneurspalast

Report

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

 

Gut 4000 Jahre in der Zukunft bildet die Erde das Zentrum eines Sternenreiches, das Tausende von Welten umfasst. Überall leben die Menschen in Frieden und Freiheit. Zu den anderen Völkern der Milchstraße und ihren Angehörigen besteht ein freundschaftlicher Austausch.

Perry Rhodan hat darüber hinaus eine Vision: Er will die Verbindungen zu anderen Galaxien ausbauen. Das Projekt von San soll das ermöglichen. Künftig werden Kurierschiffe des Typs PHOENIX zwischen den Sterneninseln reisen.

In der Milchstraße flieht derzeit John Wylon, eigentlich der erfolgreiche Gründer eines Megakonzerns, vor den Behörden durch die Galaxis. Die Pläne des Topsiders, der auf der Erde aufgewachsen ist, zielen darauf ab, die Kulturen der Milchstraße zu destabilisieren.

Eines der Mittel, die er dazu eingesetzt hat, sind die Reproiden, die nichts anderes tun, als jegliche Materie aufzulösen und in Duplikate ihrer selbst zu verwandeln. Aktiviert hat sie erstaunlicherweise eine Mumie, die seit Jahrzehntausenden existiert.

Perry Rhodan sucht nach Hintergründen für diese Aktion – er befindet sich in der Nähe des Orion-Delta-Systems und stößt dort auf DAS STERNENGRAB ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Atlan – Der Arkonide stellt sich den Topsidern der neuen Zeit.

Trek-Trekr – Der Ex-Gouberneur sucht Asyl wider Willen.

Chir-Wrem – Der neue Gouberneur begreift die Grenzen seiner Macht.

Perry Rhodan – Der Terraner wird erkannt.

Chrexelchoom – Der Topsider stellt sich der neuen Zeit.

Prolog:

Drei Nanosekunden

 

»Das willst du mir als Erfolg verkaufen?«, fragte Atlan. Sein Abbild im Kommunikationsholo schwebte fast lebensgroß vor der Wand, allerdings zeigte es nur Kopf, Schultern und die obere Hälfte des Brustkorbs samt einem Teil der Arme.

»Das will ich nicht nur«, antwortete Sichu Dorksteiger, »das ist ein Erfolg.«

Atlan sah sie an. Das Rot seiner Augen kam ihr intensiver vor als sonst; fast wie Blut. Er seufzte. Auch dieses Geräusch wurde störungsfrei und deutlich übertragen. Sichu hätte darauf verzichten können.

»Also drei Nanosekunden?«, fragte er.

Sie bestätigte. »Mehr ist nicht möglich. Nicht, solang wir keinen radikal neuen Denkansatz finden.«

»Ziemlich kurz«, sagte der Arkonide trocken.

»Wesentlich besser als vorher«, stellte sie fest. »In drei Nanosekunden kann viel geschehen. Sag selbst: Was findest du besser? Drei Nanosekunden – oder gar nichts?«

Atlan zeigte ein schmallippiges Lächeln. Er sah erschöpft aus. »Mach weiter. Ich vertraue dir. Wir sehen uns bald«, sagte er. »Ich bin auf dem Weg zu dir.«

»Ich erwarte dich.« Sichu Dorksteiger löschte das Kommunikationsholo.

Für einen Augenblick schwebte ein letzter Lichtpunkt in der Luft, wo Atlans Nase gewesen war. Dann verschwand auch er. Sie atmete einmal tief durch, dann wandte sie sich ihren Mitarbeitern in dem vollgestopften Raum zu.

Nun, da sie ihren Fokus wieder weitete, schien ihr, als hätte es die ganzen Geräusche während des Gesprächs mit dem Arkoniden nicht gegeben; tatsächlich hatte sie nichts davon gehört. Kein Summen der Maschinen; kein leises, rhythmisches Knacken, das – aus welchen Gründen auch immer – die Lampe von sich gab; kein schweres, etwas rasselndes Atmen; keine Schritte und kein Kleiderrascheln.

»Hergehört!«, rief sie.

Kaum war das Wort – oder der Befehl – draußen, kam es ihr selbst eigenartig vor. Das war nicht ihre Art. Auf diese Weise forderte sie üblicherweise nicht Aufmerksamkeit ein. Sie ging dezenter vor, stiller, eher kraft ihres Wesens und durch das, was sie tat. Wahrscheinlich, dachte sie, suchte sich momentan ihre innere Anspannung ein Ventil und äußerte sich in Lautstärke und barscher Wortwahl.

Im Augenblick arbeiteten sie zu viert an dem Problem. Zumindest waren es in diesem Raum vier, Sichu eingeschlossen. Die anderen drei standen jeweils eigenverantwortlich mit einigen Leuten außerhalb in Kontakt und ließen sich zuarbeiten.

Da war Valon-Wor, ein Pranter. Angehörige seines Volkes sorgten sonst nicht für viel Aufmerksamkeit, aber in Wissenschaftlerkreisen der Hyperphysikforschung war Valon-Wor eine Sensation. Er galt als absolute Koryphäe; ihm eilte der Ruf voraus, der beste siebenarmige Hyperphysiker aller Zeiten zu sein. Was zugegebenermaßen angesichts so weniger siebenarmiger Völker nicht allzu schwierig war. Dennoch, er war eine große Bereicherung.

Außerdem hatte sich ein Posbi zu ihnen gesellt, der brillante Denker Einundzwanzig. Diesen für die meisten eigenartig klingenden Namen hatte er sich vor mittlerweile sechs Jahren selbst gegeben, als er jeden Kontakt zu seinem Volk abgebrochen und eine atemberaubende Karriere an der Universität von Terrania begonnen hatte. Danach befragt, warum er ausgerechnet diese Zahl gewählt hatte, antwortete er in Interviews üblicherweise ausweichend – meist mit einer Bemerkung wie: Ich habe erst die Hälfte meines Potenzials erreicht. Was immer das bedeuten sollte.

Der Letzte im Raum war ein Ferrone namens Teren-Jor, ein Mann unbestimmbaren Alters. Fest stand nur, dass er sehr viele Jahre hinter sich gebracht hatte. Das Blau seiner Haut war zu einer Art stumpfem, ungesund wirkendem Grau verfallen, was darauf schließen ließ, dass er nicht nur ein Greis war, sondern sich auch seit Jahren äußerst selten an der frischen Luft aufhielt.

»Ich gebe euch einen aktuellen Überblick«, sagte Sichu Dorksteiger, »und ich beginne ganz vorne.«

Bei Pontius und Pilatus, kam ihr in den Sinn. So hatte Perry es einmal ausgedrückt. Eine uralte terranische Redewendung, deren Sinn sie nicht verstand. Sie hatte auch nie nachgefragt; aber der eigenartige Klang dieser kurzen Aufzählung war ihr im Gedächtnis geblieben.

»Erstens ist mir nicht klar, wer von euch was genau weiß, und zweitens hilft es mir, meine Gedanken zu sammeln. Also, hier das grundlegende Problem: Ein Teil der HELIOS, die erste Zelle, also die HZ-1, ist in der Halbraumtasche verschollen – dieses Raumphänomen gibt es im Tetkra-Sektor offenbar schon lange. Es könnte die Erklärung für etliche verschwundene Schiffe sein. In der HZ-1 halten sich unsere Leute auf – unter anderem Perry Rhodan. Sie sind freiwillig hineingegangen, weil ... nun, kurz gesagt, weil es notwendig war. Wir müssen unbedingt mit ihnen Kontakt aufnehmen, sobald wir wissen, wie wir eine Kommunikation in die Halbraumtasche ermöglichen können. Außerdem ist das Topsiderschiff KNAH-PET bereits in dieser Tasche und wird sie zweifellos angreifen. Wir müssen sie kontaktieren und ihnen einen Rückweg ermöglichen. Und das, ehe es zu einem unfreundlichen Zwischenfall kommt.«

»Wenn der nicht längst da ist«, rief irgendwer; Teren-Jor vermutlich, der nicht nur als Hyperphysiker, sondern auch als Untergangsprophet zu überzeugen wusste.

Sichu achtete nicht darauf. Sie überlegte, wie sich die Machtverhältnisse im topsidischen Sternenreich nach dem Erstarken der Despotismuspartei und dem Sturz der Regierung gerade kräftig durchmischten. Niemand wusste, wohin der politische Kurs Topsids nun führen würde – Topsid voran! konnte alles Mögliche bedeuten, von Einreiseschranken bis zum Austritt aus dem Galaktikum.

Aber Sichu versuchte, das auszublenden. Darum mussten sich andere kümmern. Sie brauchte volle Konzentration auf ihre Aufgabe. Die größeren Zusammenhänge durften sie momentan nicht ablenken.

»Noch mal!«, forderte sie. »Wir kümmern uns darum, einen Kommunikationskanal zu schaffen, und um nichts sonst. Unser Ziel lautet: Kontakt mit der HZ-1. Mit Perry Rhodan. Um der Gesamtmission zum Erfolg zu verhelfen. Uns ist ein wesentlicher Schritt gelungen. Wir konnten einen Kommunikationskanal aufbauen, der exakt drei Nanosekunden lang stabil geblieben ist.«

Valon-Wor gab einen Laut von sich, der wie ein Mittelding zwischen Löwenbrüllen und dem Meckern eines Schafs klang. Bei seinem Volk galt das als Jubelruf.

»Eine Sensation!«, rief er. »Darauf können wir aufbauen. Warum hast du uns nicht längst die exakten Spezifikationen weitergeleitet?«

»Weil ich die Daten überprüft habe«, sagte sie und verschwieg das, was ihr danach in den Sinn kam: Und weil ich mich durch Atlans bevorstehende Ankunft habe ablenken lassen. Sichu spürte, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten. »Wir werden unsere Aufgabe erfüllen! Wir werden Kontakt mit unseren Leuten in der Halbraumtasche aufnehmen – und sobald sie ihre dortige Aufgabe erfüllt haben, sorgen wir dafür, dass sie zurückkehren können!«

1.

Müdigkeit ist ein schlechter Ratgeber

 

»Ortung!«, rief Captain Poppea da Perira. »Die KNAH-PET! Ausweichmanöver!«

Perry Rhodan, der zurzeit den Posten des Waffenoffiziers ausfüllte, unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und zu überprüfen, wie es der Pilotin ging.

Die junge Plophoserin Courtney LaFlor war zwar eine begnadete Pilotin, aber in der Halbraumtasche galten eigene Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht würde sie Hilfe ...

»Verstanden!«, meldete LaFlor zu Rhodans Erleichterung. »Ich habe das Schiff in manueller Steuerung. Sind unterwegs.«

In diesem Augenblick feuerten die Topsider in der KNAH-PET.

Nicht, dass sich Perry Rhodan irgendeine Situation vorstellen könnte, in der ein Angriff durch ein gegnerisches Schiff angenehm wäre – aber in der Enge und dem Chaos dieses irrsinnigen Raumschiffsfriedhofs war es ein Albtraum. Oder nein, schlimmer als das, denn man konnte daraus nicht einfach aufwachen.

Die Salve der Angreifer ging fehl, weil die Pilotin rasch reagiert hatte. Die Energiestrahlen trafen eines der zahllosen Wracks – einen lang gezogenen Raumer mit stachelartigen Aufsätzen. Einer dieser Aufsätze detonierte und brach dicht oberhalb der Stelle ab, an der er mit dem Hauptschiff verbunden war.

Perry Rhodan reagierte geistesgegenwärtig und schnell: Er feuerte ebenfalls und gab Punktfeuer auf das ohnehin beschädigte Wrack.

Eines der Enden zerbarst und schleuderte Trümmer in sämtliche Richtungen. Sie prallten auf andere Schiffe – in der Halbraumtasche trieben sie überall, dicht an dicht, mit geringem Abstand. Den wenigen Freiraum zu nutzen, um darin zu manövrieren, war extrem anstrengend und erforderte höchstes Können.

Das galt für ihr eigenes Schiff, die HZ-1, ebenso wie für den Angreifer, also die KNAH-PET. Zumal sich in der Halbraumtasche keinerlei Schutzschirme aktivieren ließen.

Durch das neu entstandene Trümmerfeld wurde der KNAH-PET der Weg effektiv abgeschnitten.

Die HZ-1 entfernte sich, langsam, aber doch schnell genug, um in diesem bizarren Raumschiffslabyrinth die Verfolger abzuhängen.

Wieder einmal.

Und wahrscheinlich nicht für sehr lange Zeit.

Sie würden wiederkommen, würden erneut zum Angriff übergehen.

Die Pilotin steuerte an weiteren Wracks vorbei, nutzte die kleinen Lücken und Passagen, die die Ortung ihr offenbarte. Sie arbeitete hoch konzentriert und drosselte die Geschwindigkeit extrem, um die HZ-1 in engste Kurven zu lenken. Ihr Blick fraß sich im Steuerholo fest, das die unmittelbare Umgebung des Schiffes schematisch darstellte.

Illustration: Dominic Beyeler

»Courtney«, tönte eine Stimme auf, »ich habe aus dem Fenster geschaut. Dort draußen hat uns gerade ein Jogger überholt.« Der Sprecher, Christo Barton, seines Zeichens Chefingenieur, kniete am Rand der Zentrale, hatte ein Stück der Bodenverkleidung abgenommen und wühlte sich durch einen Kabelstrang.

»Witzig, Christo«, sagte die Pilotin. »Du kannst gern übernehmen und schneller fliegen. Oder du überlässt deiner Frau die Sachen, die sie besser kann als du.«

Barton lachte. »Man muss sie lieben, nicht wahr? Als ob sie etwas besser könnte als ich.«

»Depp«, sagte sie.

»Ja, ich dich auch.« Damit versenkte er sich wieder in seiner Aufgabe.

Was genau er dort unten tat, wusste Rhodan nicht, aber er vertraute Christo Barton genau wie jedem anderen der Mannschaft, der von der SHIKARI zur HZ-1 gewechselt war, um mit ihm den Vorstoß in die Halbraumtasche zu wagen.

Barton war sonst ein eher schwermütiger Mann – Scherze gehörten eigentlich nicht zu seinem Repertoire. Vielleicht war es für ihn eine Art verzweifeltes Aufbäumen gegen die allgegenwärtige Müdigkeit, die ihn wie alle anderen an Bord niederdrückte. Alle außer Perry Rhodan selbst.

Es musste mit den Bedingungen in der Halbraumtasche zusammenhängen, vielleicht ein hyperphysikalisches Phänomen, das auf das Bewusstsein der Mannschaftsmitglieder einwirkte. Dass Rhodan nicht davon betroffen war, ließ sich am einfachsten mit seinem Zellaktivator erklären.

Rhodan hatte im Verlauf der Jahrtausende aus vielerlei Gründen auf kosmische Besonderheiten anders reagiert als ... Durchschnittsmenschen. Nicht dass er stolz darauf wäre, kein solcher Durchschnittsmensch zu sein. Jedenfalls stand auf der Prioritätenliste nicht sonderlich weit oben, die genauen Gründe für seine aktuelle Immunität zu erforschen.

Denn dort überragte derzeit unangefochten eine Prämisse alles andere: Irgendwie die Angriffe der KNAH-PET überleben.

Nummer zwei bildete das ursprüngliche Missionsziel: Das Sternengrab der Ilt-Mumie finden.

Und die Kür des Ganzen bestand darin, sich um das Erste zu kümmern, ohne das Zweite zu vernachlässigen.

 

*

 

Seine Haare waren lang und standen verwuschelt, als wäre er gerade aus dem Bett gefallen und hätte bislang keine Zeit gefunden, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Rhodan zweifelte jedoch nicht daran, dass sie genau so aussahen, wie Oberstleutnant Ra'U Reynolds das wollte. Eigenwillige Frisuren waren eines seiner Markenzeichen. Weniger freundliche Zeitgenossen hätten sie vielleicht eher als abgrundtief hässlich bezeichnet.

»Also gut«, sagte Reynolds. »Wir sind wieder an diesem Punkt angelangt, Perry. Das Ganze von vorne? Noch mal dasselbe?«

»Hast du eine bessere Idee?«

Ein sanftes Kopfschütteln. Unter den Augen des Oberstleutnants lagen dunkle Ringe. »Bis auf den Wunsch, ein ausgedehntes Nickerchen zu halten, habe ich nichts zu bieten.«

»Müdigkeit ist ein schlechter Ratgeber.«

»Ach?«

Rhodan lächelte dünn. »Das sollte nicht wie eine abgedroschene Weisheit klingen.«

»Hat es aber.«

»Entschuldige.«

»Ich hingegen bin so fertig, dass mir nicht einmal eine abgedroschene Wahrheit einfällt. Wer von uns beiden sollte sich also entschuldigen?«

Das Lächeln auf Rhodans Lippen wurde etwas breiter. »Einigen wir uns auf unentschieden?«

»Deal.«

Perry Rhodan hatte sich mit Ra'U Reynolds in einen kleinen Besprechungsraum neben der Zentrale zurückgezogen. Der Oberstleutnant war Kommandant der SHIKARI und hatte derzeit automatisch das Kommando über die HZ-1. Rhodan war ihm als Gesamtleiter der Mission übergeordnet, was jedoch eher eine theoretische Festlegung war, als dass es bislang von praktischer Bedeutung gewesen wäre.

»Starten wir den nächsten Versuch«, sagte Ra'U Reynolds. »Ich bin sicher, Poppy wird bald einen passenden Raumer ausfindig machen.«

Captain Poppea da Perira – Poppy – saß wieder auf ihrem Posten als Funk- und Ortungschefin, den kurzzeitig Rhodan übernommen hatte. Bei ihr war die Müdigkeit übermächtig gewesen, und sie hatte Ra'Us unkonventionellen Befehl befolgt, sich für mindestens eine halbe Stunde schlafen zu legen. Als sie sich wieder diensttauglich gemeldet hatte, war ihr Erfahrungsbericht ebenso kurz wie frustrierend gewesen: Hat nicht geholfen. Stattdessen hatte sie sich ein Aufputschmittel injiziert.

»Sie wird nicht suchen müssen«, teilte Rhodan dem Oberstleutnant mit. »Ich habe vor dem letzten Angriff ein passendes Wrack entdeckt. Wir sind bereits dorthin unterwegs.«

Ra'U Reynolds wirkte nicht sonderlich überrascht und fragte nur knapp: »Wo?«

»Knapp hundert Kilometer«, teilte Rhodan mit.

Im Normalfall für ein Raumschiff im All eine kaum nennenswerte Distanz; auch bei gezieltem Manövrieren eine Sache von Sekunden. In der Halbraumtasche, im Chaos des Raumschiffsfriedhofs, war es allerdings eine Strecke, die einige Zeit in Anspruch nehmen würde – und etliche Schweißtropfen der Pilotin, bis diese eine mögliche Passage gefunden haben würde. Zumal ein direkter Weg nicht möglich war.

Als sie vor mittlerweile knapp acht Stunden in der Halbraumtasche angekommen waren, hatten sie etwas vorgefunden, mit dem sie so nicht gerechnet hatten. Ein abgegrenztes, hyperphysikalisch abgeschottetes und isoliertes Raumgebiet – so weit zwar außergewöhnlich, aber so oder ähnlich durchaus bekannt. Damit hörte das Erwartete allerdings schon auf.

Die Messungen, wie weit sich dieses Gebiet erstreckte, verblüfften von Anfang an.

Wenige Lichtsekunden, lauteten die ersten Ergebnisse.

Siebenhundert Lichtjahre, hieß es kurz danach.

Und diese wurden auf den im Vergleich bizarr geringen Wert von drei Kilometern verbessert.

Während Ra'U Reynolds nahe daran gewesen war, den Verantwortlichen für diese extrem schwankenden Ergebnisse den Rüffel ihres Lebens zu verpassen, war Perry Rhodan sofort klar gewesen, dass es sich nicht um menschliches Versagen handelte. Niemand konnte etwas dafür, dass die Maschinen wechselnde Ergebnisse lieferten: An diesem Ort versagte Technologie, und das wahrscheinlich wegen unklarer hyperphysikalischer Einflüsse, die die Ortungen verfälschten.

Schließlich war es gelungen, ein klares Ergebnis zu erhalten. Zumindest ansatzweise. Der Raum in der Halbraumtasche durchmaß etwa zweieinhalbtausend Kilometer.

Mehr als genug Platz für ein Raumschiff von der Größe der HZ-1.

Aber nicht für Zigtausende oder mehr Schiffe aller denkbaren Größen und Bauarten.

Schiffe, die im Lauf von Jahrtausenden und mehr in die Halbraumtasche geraten waren und sie nie wieder hatten verlassen können.

Schiffe, die nun einen gewaltigen Technikfriedhof bildeten ... ein Labyrinth, durch das sich die HZ-1 nur mit Mühe fortbewegen konnte. Immerhin bildeten sie auch einen Schutzwall vor der KNAH-PET, die sie verfolgte und soeben zum sechsten Mal angegriffen hatte. Die nächste Attacke würde zweifellos nicht lange auf sich warten lassen.

Die Zeit bis dahin mussten sie nutzen, um – wie Ra'U Reynolds es ausgedrückt hatte – das Ganze von vorne zu beginnen. Womit er den Versuch meinte, das Sternengrab, wie sie ihr Ziel vorläufig getauft hatten, zu finden. Das Sternengrab, dessentwegen sie den Weg an diesen eigenartigen Ort überhaupt erst angetreten hatten.

»Wir sind da«, meldete in diesem Augenblick LaFlor über Funk.

»Schon?«, fragte Rhodan.

»Hey, du verschaffst mir den Erfolg des Tages. Ich habe es geschafft, den Unsterblichen Rhodan, der alles schon gesehen hat, zu überraschen.«

»Menschen«, meinte Rhodan, »überraschen mich immer wieder.«

 

*

 

Das Schiff war, wie die Sensoren zuverlässig ermittelten, 400 Meter lang und zwischen 100 und 300 Metern tief und hoch – als hätte es Beulen und Auswüchse, die keinem logisch erkennbaren Schema folgten. Im Licht der Scheinwerfer, die die HZ-1 darauf richtete, glänzte die Hülle in stumpfem Gelb. Auf routinemäßige Funkrufe antwortete niemand – nicht, dass man damit gerechnet hätte.

Der Raumer erfüllte die beiden grundlegenden Voraussetzungen, dass sich darin das Sternengrab befinden könnte. Erstens gehörte er keiner bekannten Bauweise eines Milchstraßenvolkes an, war also mit großer Wahrscheinlichkeit von außerhalb der Heimatgalaxis gekommen, und zweitens passte das Alter. Den Messungen zufolge war dieses unförmige Schiff etwa 54.000 Jahre alt. Das gleiche Alter wie die Ilt-Mumie, die Wylons Leute in der Hyperraumtasche gefunden hatten. Konnte sie also in diesem Schiff in die Milchstraße gekommen sein? Lag darin auch das Sternengrab der gestohlenen Mumie?

Eine solche Hoffnung hegte man an Bord der HZ-1 nicht zum ersten Mal.

Aber so verhielt es sich eben mit Hoffnungen: Man musste sie stets aufs Neue schöpfen, bei jeder Gelegenheit neu. Nur wurde es von Mal zu Mal schwieriger, daran festzuhalten.

Also wechselte Rhodan über, begleitet von einem kleinen Einsatzteam. Das war geübt, das hatten sie seit der Ankunft schon einige Male durchexerziert, in wechselnden Zusammensetzungen.

Diesmal begleitete ihn Major Roryc Lewlow, der Erste Offizier und Leiter der Einsatztruppen, ein Epsaler. Außerdem zwei seiner Leute, die er ausgewählt hatte, weil sie aktuell von der allgegenwärtigen Müdigkeit nicht so extrem betroffen waren: die Soldatinnen Andrea Moren und Birry Flarion, beides Terranerinnen im »besten Alter« – ohne dass Rhodan wusste, wie alt genau sie waren.

Sie verließen die HZ-1 in SERUNS und steuerten das stumpfgelbe Schiff an.

Major Lewlow flog voraus und steuerte ein Schott an, das sich leicht hatte orten lassen. Als Rhodan die Schiffshülle erreichte, verschaffte ihnen Roryc Lewlow gerade auf radikale Weise eine Zutrittsmöglichkeit, indem er ein Loch in das Schott sprengte, das in einen kleinen Schleusenraum führte.

Im Schiff gab es weder eine Bordatmosphäre noch künstliche Schwerkraft. Sie nutzten weiterhin die Flugaggregate ihrer Schutzanzüge.

Der Major sprengte anschließend das gegenüberliegende Schott und flog voraus, die anderen folgten. Es ging einige Meter durch einen Korridor, dann erreichten sie den offen stehenden Zugang zu einer Lagerhalle. Sie schwebten hinein.

Das Licht ihrer SERUN-Helmlampen schuf diffuse Helligkeit in dem Raum. Metallkisten klebten magnetisch verankert an den Wänden. Davor gab es viele Mulden im Boden – wozu immer diese ursprünglich gedient haben mochten. Unterschiedliche Sternenvölker hatten unterschiedliche Bedürfnisse, und solang sie nichts über die damalige Besatzung dieses Schiffes wussten, war es müßig, darüber zu spekulieren.

Rhodan erreichte das gegenüberliegende Ende der Lagerhalle zuerst. Der Ausgang stand offen, breit wie ein Tor.

Ein uralter Roboter stand dort, ohne Anzeichen einer Aktivität. Wahrscheinlich war er bereits seit Jahrzehntausenden desaktiviert. Dem klobigen Aussehen und den vielen schlaff herabhängenden Tentakelarmen nach zu urteilen, hatte es sich wohl um ein Modell für gröbere Arbeiten gehandelt, vielleicht einen Lastenroboter. Die Maschine war weder humanoid gestaltet, noch ähnelte sie einer sonstigen Lebensform, sondern vielmehr einigen willkürlich kombinierten, unförmigen Klötzen, denen man Arme oder Tentakel angeflanscht hatte.

Perry Rhodan und seine drei Begleiter schwebten weiter.

Die Stille und Dunkelheit in diesem verlassenen Schiff wirkten bedrückend.

»Bislang keine Ortungen, die darauf schließen ließen, dass wir am richtigen Ort wären«, meldete Andrea Moren. »Was wir allerdings auch nicht als Beweis für das Gegenteil ansehen können, solang ...«

Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden.

Via Funk kam von der HZ-1 ein Alarmsignal, gefolgt von Kommandant Reynolds' Stimme: »Wir werden angegriffen.«

Gleichzeitig bebte der Boden. Das Schiff hatte offenbar einen ersten Treffer erhalten. Kein Zweifel, ihre Gegner in der KNAH-PET wussten, dass sich das Außenteam an Bord befand.

2.

In der Halbraumtasche: Einer von den Guten

 

Wenn man den allgemeinen Zerfall akzeptierte, das Alter und die damit einhergehenden kontinuierlichen Schmerzen an etwa hundert Stellen des Körpers, konnte man sich über das Leben in der Halbraumtasche und als Angehöriger der Hegemonie des Guten nicht beschweren.

Nun ja, wenn Tzeheranoga Pollogarinowek genauer darüber nachdachte, konnte man das sehr wohl. Aber er hatte entschieden, es nicht zu tun. Es brachte ohnehin nichts. Man musste aus dem, was das Leben einem anbot, das Beste machen. Und wenn es eben kein guter Wein war, sondern brackiges Abwasser, sollte man nicht jammern, sondern lieber nach einer Filtermöglichkeit Ausschau halten.

Dass seit einiger Zeit die allgegenwärtige Müdigkeit hinzukam, machte die Dinge allerdings nicht einfacher.