Perry Rhodan Neo 261: Die Imperatrix - Ben Calvin Hary - E-Book

Perry Rhodan Neo 261: Die Imperatrix E-Book

Ben Calvin Hary

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Beschreibung

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit ihren Einflussbereich ausgedehnt und ferne Sonnensysteme besiedelt. Dann aber werden im Jahr 2102 die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Mit dem Großraumschiff SOL bricht Rhodan auf, um dieses Geschehen rückgängig zu machen, und strandet 10.000 Jahre in der Vergangenheit. Auf der Hauptwelt des arkonidischen Imperiums will Perry Rhodan einen Weg zurück in die Gegenwart finden. Aber die Arkoniden sind in einen erbitterten Krieg mit den Wasserstoff atmenden Maahks verstrickt, und bald wird auch die SOL von einer übermächtigen Maahkflotte attackiert. Die terranischen Raumfahrer erhalten Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite und begegnen einer sehr besonderen Person – es ist DIE IMPERATRIX ...

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Band 261

Die Imperatrix

Ben Calvin Hary

Cover

Vorspann

1. Nivoo

2. Atlan da Gonozal

3. Atlan da Gonozal

4. Auf den unteren Decks

5. Nivoo

6. Atlan da Gonozal

7. Alaska Saedelaere

8. Atlan da Gonozal

9. Nivoo

10. Atlan da Gonozal

11. Nivoo

12. Atlan da Gonozal

Impressum

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit ihren Einflussbereich ausgedehnt und ferne Sonnensysteme besiedelt.

Dann aber werden im Jahr 2102 die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Mit dem Großraumschiff SOL bricht Rhodan auf, um dieses Geschehen rückgängig zu machen, und strandet 10.000 Jahre in der Vergangenheit.

Auf der Hauptwelt des arkonidischen Imperiums will Perry Rhodan einen Weg zurück in die Gegenwart finden. Aber die Arkoniden sind in einen erbitterten Krieg mit den Wasserstoff atmenden Maahks verstrickt, und bald wird auch die SOL von einer übermächtigen Maahkflotte attackiert.

Die terranischen Raumfahrer erhalten Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite und begegnen einer sehr besonderen Person – es ist DIE IMPERATRIX ...

1.

Nivoo

Falls die Ausbilder dich nicht kleinkriegten, schaffte es die Wüste.

Wenn Nivoo in den vier Monaten des Trainings auf Salex IV eins gelernt hatte, dann das: Ein Leben als Rekrut in der arkonidischen Raumflotte war nichts für Weichlinge. Nicht jeder überlebte die erste Woche. Manchen erledigte der Sand.

Sechs ausgemergelte Gestalten schleppten sich durch die Einöde. Nivoo gehörte dazu. Um ihn herum: Dünen und Himmel. Hängende Schultern, Sonnenbrand und, wann immer einer sich umwandte, rissige Lippen und eingefallene Wangen. Alles schmerzte: jeder Muskel, die Luft in der Lunge und die Sonnenstrahlen auf der versengten Haut. Wer stehen blieb, den erwartete das Ende.

»Beeil dich, du Zwergin!«, drängte Radorjan. »Wir verlieren den Anschluss. Schon wieder!« Der Arkonide bildete hinter Nivoo den Abschluss des Trupps. Er war der Jüngste, steckte mitten in der Grundausbildung. Der Ehrgeiz machte ihn ruppig.

»Ich sehe es.« Nivoos Atem ging krampfhaft, schwarze Punkte tanzten vor den Augen. Seine Stimme war die eines Mädchens, und er hasste sie. Dass der andere ihn ungefragt duzte, versetzte ihm einen Stich.

Verbissen kämpfte er sich voran. Jeder Tritt endete im Fußabdruck eines Kameraden, machte die unförmigen Sandkuhlen tiefer und breiter. Das war Teil der Ausbildung. Ein Verfolger hätte nicht zu sagen vermocht, ob die Spur von einem oder zweihundert Rekruten stammte. Mit jedem Schritt wuchs der Abstand zu Nivoos Vordermann. Die kurzen Beine waren schuld. Kolonisten von Trunga IX reichten »echten« Arkoniden oft nur bis zur Brust, und Nivoo war sogar für einen Trunguten klein gewachsen. Mitzuhalten kostete ihn Kraft. Seine Kehle brannte vor Durst, doch er klagte nicht. Der Tod kümmerte sich nicht um Befindlichkeiten.

Salex IV war der größte Flottenstützpunkt des Sektors. Er lag nah an der Front und strategisch günstig – aber es war ein lebensfeindliches Drecksloch. Oskam da Quertamagin, der Kommandant, hatte das Terrain zum Übungsareal erklärt.

Der Einsatzbefehl war schlicht gewesen: »Ein Gleiter setzt euch jenseits der östlichen Salzpfanne ab. Findet den Weg zurück. Wer da draußen überlebt, übersteht jeden Kampfeinsatz.«

Acht Nächte hatten sie seither in der Wildnis verbracht, ohne Zelt und Nahrung, mit nichts als den Uniformen am Leib. Sie zehrten von ihren Fett- und Muskelreserven.

Ursprünglich waren sie zu acht gewesen. Am siebten Tag hatte der Durst aber Tilgut und Verm hingerafft.

Am neunten Tag griff die Bestie an.

Die Tontas zuvor waren in geistloser Eintönigkeit verstrichen. Yombathan, der Gruppenleiter, hatte den Trupp eine Düne hinaufgeführt. Seine Sohlen hinterließen die ersten Kuhlen in der Flanke. Wann immer er sie hob, rieselte Sand von den Rändern nach. Verbissen trieb er sie weiter. Ihm folgten Wellon, Tret und Ygnian. Der Gleichmarsch war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Nivoo bemühte sich, mitzuhalten.

Auf dem Grat der Sandwehe sammelten sie sich. Yombathan gewährte ihnen eine Verschnaufpause. »Eine Dezitonta. Kommt zu Atem!«

Nivoo nahm die Gelegenheit dankbar wahr. Keuchend stand er da, schirmte die Augen vor der Helligkeit ab und blickte über die Ebene hinweg. Ein gutes Stück weit weg zog ein einsamer Gleiter seine Bahn – ein flackernder Punkt, kaum zu erahnen zwischen den aufsteigenden Schwaden heißer Luft. Verheißungsvoll glitzerten die Türme des Flottenstützpunkts am Horizont. Nur ein schmaler Streifen offener Wüste trennte sie noch vom Ziel.

»Die Basis ist keinen halben Tagesmarsch mehr entfernt«, freute sich Ygnian.

»Salextage«, präzisierte Nivoo, »aber besser als nichts.«

Der Planet drehte sich einmal alle 35 Tontas um seine Achse. Gut gelaunt klopften sie einander auf die Schultern. Nivoo tauschte Handschläge mit jedem, nur Radorjan mied ihn. Der Trungute tat, als mache es ihm nichts aus.

In diesem Moment bebte der Boden.

Tret bemerkte es als Erster. Eben noch wuschelte er Nivoo durchs Haar – dann erstarrte er. Die Vorfreude auf eine baldige Rückkehr, vermutlich auch auf eine Mahlzeit und ein Bett, hatten ein Grinsen in sein blasses Gesicht gezwungen. Nun verwehte es. Namenloser Schrecken trat an seine Stelle. »Horcht!«

Nivoo spürte es nun ebenfalls: ein Zittern unter seinen Füßen, als habe jemand ein Akustikfeld zu stark hochgeregelt – doch es herrschte vollkommene Lautlosigkeit in der Wüste. Kein Lüftchen wehte um seine Ohren. Er horchte.

Nacheinander schraken die Kameraden zusammen. Rubinrote Augen blickten ängstlich, weißblondes Haar schimmerte in der Sonne. Das Beben, in diesem Teil der Salzpfanne und zu dieser Tageszeit, konnte nur eins bedeuten. Die Ausbilder hatten sie gewarnt, doch das half ihnen nicht gegen das drohende Unheil.

Eine Krexxe näherte sich der Oberfläche. Die Quelle der Bodenerschütterung lag bestenfalls zwanzig Mannslängen in der Tiefe. Das Biest musste ihre Schritte gehört oder die Vibrationen gespürt haben. Vermutlich war es ein Muttertier, das seine Brut verteidigte. Es herrschte Legesaison.

In der Ferne wechselte der einsame Gleiter den Kurs. Reflektiertes Sonnenlicht blitzte auf seinem Rumpf auf.

Endlose Millitontas lang waren sie wie gelähmt. Als der Schreckmoment verflog und Yombathan das Kommando zur Flucht erteilte, war es zu schon zu spät.

»Rennt!« Der Gruppenleiter hetzte die Düne hinab. Wölkchen aus Sand spritzen von seinen Stiefeln auf, bildeten Staubschwaden vor dem hellblauem Himmel. Der Rest des Trupps folgte in wildem Durcheinander, ohne sich mehr um den Gleichmarsch zu scheren. Sie mussten von diesem Sandhügel herunter!

Am Fuß der Düne zerstreuten sie sich. Das hatten die Ausbilder ihnen eingebläut: Wenn das Ungeheuer aus dem Grund barst, würde es den Nächststehenden schnappen. Die Verbliebenen würden dadurch wenigstens einige Zentitontas länger überleben.

Das Beben wurde stärker. Nivoos Stiefel sanken ein, als wolle der Sand sie schlucken und nie mehr freigeben. Er bildete sich ein, der schuppige Riesenleib des Ungeheuers streife seine Sohlen.

Yombathan starb beinahe beiläufig. Unter dem Anführer wölbte sich ein Hügel auf, brachte ihn zum Straucheln. Dann stürzte er in einen Schlund, der unvermittelt aufklaffte. Der Gruppenleiter rollte schreiend in den Abgrund.

Keine Millitonta später schoss die Bestie senkrecht aus der Tiefe: ein wurmartiges, krallenbewehrtes Etwas mit ringförmigen, hellbraunen Schuppen und verkümmerten Insektenflügeln, jeder länger als Nivoos gesamter Körper. Der Kopf lief in einen Schnabel aus, der den Rumpf einer Leka-Disk zu knacken vermocht hätte. Es war ein ausgewachsenes Exemplar, bestimmt zweihundert Armlängen hoch. Und das war nur der Teil, der in diesem Moment den Sand überragte.

Das Vieh brüllte markerschütternd und tief. Der Laut fühlte sich wie ein Schlag in den Bauch an. Der Gestank von Verdautem wehte über die Wüste, und Nivoo verspürte einen heftigen Brechreiz.

Panisch stoben die Rekruten auseinander. Längst hatten sie jede militärische Disziplin verloren. Nivoo hetzte zurück, die Düne hinauf, die sie herabgekommen waren, hörte die Schreie der Kameraden hinter sich und sah den Schatten der Krexxe vor sich. Das Monstrum beugte den schlanken Leib zu einem riesigen, perfekten Bogen und ließ sich mit dem Schnabel voran zu Boden stürzen. Als es aufprallte, zerschnitt ein neuer Todesschrei die Luft. Wellon war das zweite Opfer.

Nur über diese Düne!, feuerte sich Nivoo an. Krexxen waren territoriale Geschöpfe. Ihre Angriffe beschränkten sich stets auf ein winziges Gebiet. Wenn es ihm gelang, auf die andere Seite des Sandhügels zu fliehen, war er in Sicherheit. Der Grat kam näher, lockte höhnisch. Seine kurzen Beine schienen Tonnen zu wiegen.

Wieder brüllte das Tier. Tret und Ygnian schrien und verstummten binnen zweier Herzschläge.

Am Himmel war Bewegung. Der einsame Gleiter hatte Kurs auf die offene Wüste genommen und näherte sich. Nivoo war indes zu sehr im Augenblick gefangen, um darüber nachzudenken. Der Dünengrat war nur noch drei Schritte entfernt, als der Schatten der Krexxe erneut seinen Bogen beschrieb und wieder das entsetzliche Brüllen durch die Ebene gellte.

Ein dünner Hilferuf holte Nivoo ein. Er sah zurück. Von den anderen war keine Spur mehr zu entdecken. Das Ungetüm hatte sie entweder gefressen oder ihre Körper in die Tiefe gerissen und begraben.

Nur Radorjan lebte noch. Er stand etwa zehn Schritte hinter Nivoo, genau dort, wo die Krexxe gleich niedergehen würde. Wie versteinert starrte er in das aufgerissene Maul. Winzige Augen blinzelten voll teuflischer Dümmlichkeit.

»Laufen Sie!«, brüllte Nivoo.

Radorjan regte sich nicht. Entsetzen flackerte in seinen Zügen.

Nivoo traf eine Entscheidung.

»Der perfekte Raumsoldat«, pflegte Stützpunktkommandant da Quertamagin zu sagen, »ist innerlich tot.« Die Maahks, ihr Gegner in diesem elenden Krieg, kannten keine Skrupel. Wer verzagte, galt als Leiche, noch bevor er den Kampfanzug angelegt hatte.

Aber Nivoo war nicht perfekt. Sein schlimmster Feind waren nicht Maahks oder Krexxe – sondern seine Gefühle. Der Zweifel. Die Angst. Vor allem dieses bescheuerte Mitleid brachte ihn immer wieder in Schwierigkeiten.

Nivoo ließ alle Vorsicht fahren. Niemand war da, den Jungen zu retten. Yombathan hatte die Flucht befohlen – aber der war fort, und so waren nur noch Nivoo und Radorjan übrig. Er war der Dienstältere. Somit hatte er das Kommando.

Ohne zu wissen, was er tat, rannte er die Düne hinab und versetzte dem Kameraden einen Stoß. »Bewegen Sie sich!«

Der Schatten der Krexxe war über ihnen. Etwas Großes näherte sich von Westen. Der Gleiter. Erneut registrierte Nivoo es nur am Rande.

Radorjan war gelähmt vor Angst. Bei Nivoos Aufprall blieb er mit den Fersen in einer Sandverwehung hängen. Sie stürzten beide und machten sich klein. Der Trungute lag auf dem größeren Arkoniden.

Und dann umschloss sie das Maul des Ungeheuers, seine Kiefer bohren sich in den Untergrund. Gleich würden messerscharfe Schnabelkanten ihre Gliedmaßen zermalmen und sie mit sich in die Tiefe reißen. Radorjans Herz pochte so heftig, dass Nivoo es durch die Schutzkleidung hindurch spürte.

Dunkelheit.

Gestank.

Enge.

Zeit war bedeutungslos. Die Rekruten klammerten sich aneinander. Radorjan wimmerte.

Plötzlich wurde die Welt zu einem Brei aus Licht und Lärm. Ein Knall. Dann ein Ruck. Ein flaues Gefühl im Magen, als Nivoo und der Kamerad in die Höhe gerissen wurden – offenbar hatte sich das Monster blitzschnell aufgerichtet. Unvermittelt öffnete es den Schnabel. Ein letzter Krexxenschrei fegte über das Land.

Nivoos Nackenhaare sträubten sich. Licht flutete ihr Gefängnis, unter sich sah er den Wüstengrund. Dann rutschten sie heraus und stürzten in die Tiefe. Zu zweit prallten sie auf, Arm in Arm, rollten den Hang hinunter.

Irgendwo klatschte das Ungeheuer auf, Staub wirbelte empor und umhüllte sie wie Nebel. Dann, weiter weg, ein zweiter Knall, schließlich ein Schleifen, als glitte etwas durch Schnee. Die Eindrücke ergaben keinen Sinn. Warum lebte er? Wieso hatte das Vieh sie ausgespuckt? Seine Welt bestand nur noch aus Radorjans Wangen. Aus der Nähe sah der Arkonide unfassbar jung aus – ein Kindsoldat wie Nivoo selbst, bestenfalls fünfzehn Jahre alt. Ihre Gesichter waren einander so nah, dass er ihn hätte küssen können.

Es war das Letzte, was er dachte, bevor die Erschöpfung ihm das Bewusstsein raubte.

Jemand schlug ihn.

»Runter von mir, Kolonistenweib!«, explodierte eine Stimme in seinem Ohr. Fäuste trommelten schwach gegen sein Schulterblatt. »Zu Hause hättest du mir die Koffer getragen!«

Kein Gegner, durchfuhr es Nivoo. Es ist Radorjan. Die Krexxe hat uns verschmäht, und ich liege auf ihm.

Hustend kam er zu sich, wälzte sich von dem Jüngeren und spuckte Sand aus. Wie lange war er ohnmächtig gewesen? Er stemmte sich auf die Knie, wollte Radorjan aufhelfen, doch der schlug seine Hand weg.

»Verpiss dich, Kolonistenweib. Ich komme allein auf die Beine.« Die Rubinaugen starrten hasserfüllt.

Nivoo war zu müde, um sich über die Abfuhr zu ärgern. Mit angewinkelten Knien setzte er sich hin und sah zum Fuß der Düne.

Es war ein unappetitlicher Anblick. Die Krexxe lag auf dem Bauch, benetzt von einem Film gelben Staubs – Reste der Sandwolke, die sie im Todeskampf aufgewirbelt hatte. In der Körpermitte klaffte eine Wunde, aus der Gedärme hingen und gelbliches Blut sickerte. Das Ding hatte seinen letzten Rekruten gefressen.

Hinter dem nächsten Dünenkamm stieg eine tiefschwarze Rauchfahne in den Himmel. Dicht unterhalb des Grats erahnte Nivoo die Unterseite eines Fahrzeugs, das kopfüber niedergegangen war. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich die Geschehnisse zusammenzureimen. Der Gleiter, der sich ihnen während des Angriffs genähert hatte, war mit der Krexxe kollidiert. Der Aufprall hatte das Tier getötet.

»Das kann kein Unfall gewesen sein«, murmelte Nivoo. Das Land war so gut wie leer. Der Pilot hatte das Tier offenbar absichtlich gerammt und den beiden Rekruten das Leben gerettet.

»Sicher ein Zivilist!« Radorjan tat, als würde er spucken – nach neun Tagen in der Wildnis waren seine Schleimhäute freilich ausgetrocknet. »Jeder Soldat wüsste, dass dich ein Eingriff in einen laufenden Übungseinsatz direkt vors Militärgericht führt.«

Sei froh, du Schwätzer. Nivoo hütete sich, den Tadel auszusprechen. Vor wenigen Augenblicken, als Radorjan wimmernd und mit schlagendem Herzen unter ihm gelegen hatte, war von der Großmäuligkeit des Arkoniden nichts vorhanden gewesen.

Nivoo stand auf. Sie mussten ihrem unbekannten Retter helfen. Die Rauchfahne war ein Fanal, das sicher bis in die Basis zu sehen war – doch das hieß nicht, dass man ein Bergungskommando schicken würde.

Aber zuvor galt es, etwas zu klären. Er starrte zu den Türmen des Stützpunkts hinüber.

»Yombathan ist tot«, sagte er ruhig und versuchte, wie eine Respektsperson zu klingen. Seine Mädchenstimme klang dünn und schwächlich. »Ohne mich wären Sie es ebenso. Im ›richtigen‹ Leben hätte ich Ihnen vielleicht tatsächlich die Koffer getragen, Radorjan. Aber nicht hier. Sie sind ein Frischrekrut, ich einige Wochen dienstälter. Ich bin folglich Ihr Vorgesetzter.«

»Ich weiß.« Der Arkonide blickte zum Kadaver der Krexxe, mied Nivoos Blick. Seine Lippen bildeten einen Strich.

»Begegnen Sie mir also noch einziges Mal mit Respektlosigkeit, werde ich Sie töten«, versprach Nivoo.

Der Strich wurde dünner. »Das ist Ihr Recht, Arbtan.«

Und das war es auch. Offiziere entstammten meist dem Adel, doch die gemeinen Truppen – zu denen sie beide gehörten – kamen von überall her. Kolonisten dienten neben reinblütigen Arkoniden, Adlige gehorchten Essoya. Es spielte keine Rolle, welcher Klasse oder welchem Geschlecht jemand angehörte und wie der Stammbaum aussah. Unter den niederen Rängen gab es weder Titel noch Vergangenheit, nur den Vornamen und die Position. Das Militär war der große Gleichmacher, wenngleich der Offiziersadel nach wie vor gewisse Privilegien genoss.

Nivoo war glücklich, einer von vielen zu sein. Und dieser Junge würde ihm das mit seinem Dünkel nicht zerstören.

»Auf!« Er streckte den Arm, um Radorjan aufzuhelfen.

Der Jüngere ließ es zu. Seine Lippen zitterten vor unterdrückter Abscheu.

Sie eilten den Hügel hinab und an dem Riesenkadaver vorbei. Zwei Zentitontas später standen sie auf der gegenüberliegenden Düne. Das Wrack war in einem Dutzend Schritten Entfernung niedergegangen.

Bei der Bruchlandung hatte der Gleiter eine Schleifspur hinter sich hergezogen. Das Fahrzeug lag auf dem Dach. Feuer war keins zu sehen – das hätte Nivoo auch gerochen. Der Rauch stammte von einem der Antriebsaggregate, das bei der Kollision mit der Krexxe abgerissen war und nun in einiger Entfernung in einer Bodenvertiefung lag. Auf der Gleitertür prangte das imperiale Siegel, ein seltener Anblick auf diesem von allen Sternengeistern verlassenen Planeten.

»Ein hohes Tier also. Schauen wir mal, wer uns das Leben gerettet hat! Arbtan.« Radorjan überließ ihm mit einer übertrieben unterwürfigen Geste den Vortritt.

Nivoo tat, als bemerke er es nicht.

Sie erreichten das Wrack und entriegelten das Schott. Es war verzogen und klemmte, doch mit vereinten Kräften konnten sie es aufstemmen.

Das Innere des Gleiters war voller Rauch, obwohl nach wie vor nirgends ein Feuer zu sehen war. Nivoo tastete im Trüben, bis er gegen einen Arm stieß. Der Pilot war angeschnallt, hing kopfüber im Sitz und regte sich nicht. Unbeholfen löste er den Gurt und ließ den Leib herabgleiten. Er fasste die Person unter den Armen, zerrte sie nach draußen und legte sie in etwas Abstand zum Wrack ab.

Nun erst sah er, wer sie vor der Krexxe gerettet hatte.

Eine Weile standen die beiden Rekruten fassungslos da und starrten die Gestalt an: eine Frau, etwa sechzig Jahre alt und schön. Doch sie war nicht irgendjemand. Das edle Gesicht, die schmalen Lippen über dem ebenso schmalen Kinn, die leicht gebogene Nase – jeder, der einmal Trividnachrichten gesehen hatte, kannte es. Sie hatte eine andere Frisur als in den Bildern, handspannenlang, die Haare an einer Seite ausrasiert, doch das genügte zur Tarnung nicht.

Sie, dachte Nivoo. Kein Zweifel. Aber was macht sie hier? Warum wurde ihre Ankunft nicht mit viel Tamtam angekündigt? Ein Gast dieser hohen Stellung hatte mindestens eine Parade verdient. Die Begegnung war bizarr.

Radorjan stieß einen heiseren Laut aus. Etwas glitzerte in seinen Augen, das wie Gier aussah. »Ist das ...?«

»Still!« Nivoo hielt seinem Kameraden den Mund zu. »Vielleicht wurde sie verfolgt und war auf der Flucht. Vielleicht war sie in geheimer Mission unterwegs. Solange wir es nicht wissen, gilt Befehl 23/33-F. Wir halten ihre Identität geheim. Auch voreinander, im Fall, dass wir belauscht werden.« Letzteres war natürlich Blödsinn, da sie nur zu zweit waren und in der Wüste keine Abhöreinrichtungen existierten, aber so lauteten die Vorschriften. Die Regeln der Flotte waren dazu da, befolgt zu werden.

Nivoo prüfte den Atem der Frau und ertastete ihren Puls. Ein Bein war gebrochen, und an der Stirn klaffte eine Platzwunde, aber sie lebte. Das machte vieles einfacher. Er traute sich nicht, ihren Namen auch nur zu denken, aus Furcht, etwas Verbotenes zu tun.

»Und was machen wir mit ihr, Arbtan?«

2.

Atlan da Gonozal

Siebenhundert gegen sieben! Das All glich einem Wespennest, und die SOL und ihre Begleitschiffe waren mittendrin. Der Tod war eine Frage von Minuten.

Aufgeregt eilten Männer und Frauen zu ihren Konsolen und Sitzplätzen in der SOL-Zentrale. Blicke stachen unter nassen Stirnen hervor. Ich versuchte, mich nicht anstecken zu lassen.

Reglos verharrte ich auf einer der ringförmig umlaufenden Galerien und blickte wie ein antiker Feldherr auf das Geschehen hinab. Direkt unter mir befand sich die Arbeitsstation des Astrogators. Alarmsymbole wirbelten durchs Taktikholo. Mattgelbe Linien stellten die Kursvektoren dar. Ohne Vorwarnung war eine Maahkflotte aus dem Hyperraum aufgetaucht. Der Überfall hatte uns überrascht.

Im Basiskreis der Zentrale ließen Perry Rhodan und Thora Rhodan da Zoltral sich neben dem Kommandanten Chart Deccon nieder. Ich blieb, wo ich war. Obwohl ich derzeit die Befehlsgewalt über das Hantelraumschiff innehatte, stand mir lediglich ein Gästesitz zu. Sofgart und Mirona Thetin hatten sich gar nicht erst herbemüht.

Fragend blickte ich über die Brüstung in die Tiefe, wechselte Blicke mit Thora und Rhodan. Ihre Mienen wirkten leer, doch ich wusste, dass wir alle dasselbe dachten. Wir mussten uns der Übermacht stellen. Jeden Moment würde die andere Seite das Feuer eröffnen.

»Heckansicht!«, befahl ich der Bordpositronik.

SENECA wechselte das Bild in einem Hauptsektor der Holosphäre. Der Weltraum hinter uns war frei von Gegnern, eine Flucht dennoch nicht möglich. Die zur Nottransition nötige Mindestgeschwindigkeit zu erreichen, hätte womöglich fünfzehn Minuten gedauert. So viel Zeit blieb uns nicht.

»Die SOL soll zurückfallen!«, befahl ich. »Wir nehmen die anderen Einheiten unter den Libraschirm.« Die Abwehrtechnik der SOL war jener der Arkoniden um Jahrtausende voraus, und ich hoffte, uns mit diesem Manöver wertvolle Sekunden zu verschaffen. Was wir aber wirklich brauchten, war ein Wunder.

Es war nicht die erste Raumschlacht, die wir seit unserer Ankunft in dieser Vergangenheit der Milchstraße bestritten. Zuletzt hatten wir uns gemeinsam mit dem arkonidischen Flottenkommandanten Kolak da Hozarius gegen die Methans verteidigt. Nun waren wir ihm und seiner Flotte ausgeliefert, verwoben in eine Lügengeschichte um unsere angebliche Herkunft: die SOL als Prototyp eines Ultraschlachtschiffs, ich als Kristallprinz, der sie im Auftrag meines Vaters nach Arkon brachte. Das Märchen diente dem Schutz der Zeitlinie. Anders hatten wir die radikal überlegene Technologie der SOL nicht erklären können. Niemand durfte von unserer unfreiwilligen Zeitreise wissen.

Zusammen mit dem Begleitgeschwader der sechs verbliebenen imperialen Kampfraumer unter dem Kommando von da Hozarius waren wir mittlerweile unterwegs nach M 13. Der Nebelsektor, den wir dabei durchqueren mussten, war ein Hauptkampfgebiet. Die Maahks drängten die arkonidischen Streitkräfte dort zunehmend in die Enge.

Bei einem Orientierungsstopp hatte uns das Glück verlassen. Plötzlich war diese Feindflotte vor uns materialisiert, nachdem sie sich bislang anscheinend im Ortungsschutz eines nahen Pulsars verborgen hatte. SENECA übersetzte den aufgefangenen Funkverkehr der Maahks ins Englische. Offenbar sammelte sich der Gegner eigentlich für eine Offensive auf das Glowartsystem, aber unsere Vernichtung war es den Wasserstoffatmern augenscheinlich trotzdem wert, ihren Überraschungsmoment zu opfern. Wie so oft entzog sich mir die maahksche Denkweise.

Tränen der Aufregung brannten in meinen Augen. Ich wischte sie weg, sah zu der semitransparenten Sphäre, die als Hauptholo die Mitte des amphitheaterähnlichen Runds dominierte.

Das Schlachtareal präsentierte sich mir als eine Mischung aus Echtbildern sowie positronisch mit Ortungs- und Taktikinformationen ergänzten Grafiken und Diagrammen. Bewegungsvektoren und Schirmfeldauslastungsfarben waren eingeblendet. Die Terraner hatten diese Darstellungsmethode von den – modernen! – Arkoniden übernommen. Ein perfektes System konnte man nicht verbessern.

SENECA hob einen Ausschnitt des Alls besonders hervor: Die SOL schwebte darin als Piktogramm im Zentrum, umgeben von den sechs arkonidischen Kugelraumern. Rundum formierte sich ein stetig dichterer Kokon aus gegnerischen Raumschiffen – plumpe Walzen, gefertigt ohne Sinn für Schönheit. Selbst nach Jahrtausenden bereiteten sie mir Gänsehaut. Es waren Todesbringer.

Deccon tippte Komsymbole in einem kleinen Hologramm an, das direkt vor ihm schwebte, und rief Kommandos in ein Akustikfeld: »Kosum, abbremsen! Tun Sie, was der Arkonide sagt! Tanaka, kontaktieren Sie da Hozarius und die anderen arkonidischen Kommandanten. Sie sollen in fünf Kilometern Distanz eine Traube um die SOL bilden. Die FAIRY soll Manöver Kappa Kappa Delta Zwei vorbereiten.«

Was auch immer das hieß. Ich war nicht mit den Codes vertraut, die die Terranische Flotte in den Jahrzehnten meiner Abwesenheit festgelegt hatte.

Mentro Kosum gehorchte, ebenso die Funk- und Ortungsoffizierin Mai Tai Tanaka. Dass Deccon Anweisungen erteilte, obwohl formal ich das Kommando übernommen hatte, nahm ich hin. Mein Extrasinn hatte mir abgeraten, mich einzumischen: »Never touch a running system«, wie irdische Informatiker zu sagen pflegen – man soll nie in ein funktionierendes System eingreifen. Außerdem ist die SOL dir nach wie vor fremd. Was weißt du schon über ihre technischen Möglichkeiten?

Im Außenbeobachtungsholo entstand Bewegung. Die KAI'MOA, die DANTOR und die restlichen Kugelraumer unserer Begleitflotte wirbelten durcheinander. Sie wichen zurück, erreichten die Positionen, die Tanaka den Piloten zugewiesen hatte.

Das hieß: alle – bis auf einen.

Entsetzt sah ich, wie die TAIGOR in Richtung galaktischer Westen ausscherte. Da Hozarius hatte offenbar beschlossen, den Heldentod zu sterben. Seine Besatzung verurteilte er damit ebenso. Es war ein Akt heroischer Dummheit – typisch für die Krieger dieser Epoche, in der wir uns aufhielten. Sofort richteten die Maahks ihre Waffen auf den Ausreißer.

»Dieser Idiot!« Hastig gestikulierte ich Tanaka zu. Ich war der Einzige, der diese Wahnsinnstat verhindern konnte. Der Arkonide würde auf niemanden sonst hören, auf Thora nicht und schon gar nicht auf Rhodan.

Die Funkoffizierin stellte eine Verbindung zur TAIGOR her. Vor mir entstand ein Akustikfeld.

»Rückzug!«, forderte ich unbeherrscht. »Solange nicht alle Schiffe auf ihren Positionen stehen, können wir den Libraschirm nicht aktivieren.«

Da Hozarius' Antwort drang aus Tanakas Station: »Negativ. Wir halten die Stellung und beschäftigen die Methans. Ziehen Sie sich zurück!« Beiläufig registrierte ich, dass er auf die Anrede »Höchstedler« verzichtete. Sicher hörten die Maahks unseren Funkverkehr ab, und niemand sollte erfahren, dass der Kristallprinz an Bord des seltsamen Hantelschiffs war.

»Da Hozarius!«, rief ich, doch die TAIGOR hatte die Verbindung beendet.

»Narr«, flüsterte ich. Ich verstand, was ihn zum Opfergang trieb. Befehlsverweigerung hin oder her – da Hozarius handelte, wie seine Ausbilder es ihm eingetrichtert hatten: Flucht war Feigheit, der Tod mit speienden Waffen hingegen galt als ehrenhaft. Ich selbst war einst ebenso erzogen worden. Es war nur ... so sinnlos!

Deccon übernahm die Leitung, ohne dass ich, Rhodan oder Thora eingreifen mussten. Die Waffenmodule lösten sich aus ihren Verankerungen, umkreisten die SOL und gingen in Angriffsformation. Unsere Seite eröffnete das Feuer zuerst.

Die schweren Impulsgeschütze rissen Lücken in die Front. Unter dem Jubel der Offiziere explodierte ein Dutzend gegnerischer Schiffe, die sich auf zweihunderttausend Kilometer herangewagt hatten. Den Vormarsch stoppten wir damit nicht, doch die Walzenraumer verlangsamten. Der Funkverkehr der Maahks wurde merklich hektischer. Die Wasserstoffatmer merkten, dass der Verband nicht die leichte Beute war, die sie sich erhofft hatten.

Es war so weit. Außer der TAIGOR hatten alle arkonidischen Einheiten ihre zugewiesene Position erreicht. »Libraschirm aktivieren!«, befahl ich schweren Herzens.

»Was ist mit der TAIGOR?« Rhodan deutete auf die Holosphäre. Das arkonidische Flaggschiff raste den Gegnern entgegen. Ein Geschwader aus Maahkschiffen stellte sich ihm.

»Keine Zeit!« Ich winkte ab. Jede Sekunde ohne aktiven Schirm mochte uns den Untergang bringen. Selbst wenn da Hozarius sofort umkehrte, würde er es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Rhodans Mitgefühl war fehlgeleitet.

Die Ereignisse überschlugen sich. Jedem Außenstehenden wären sie chaotisch erschienen, doch natürlich waren sämtliche Handgriffe der Zentralebesatzung koordiniert und abgestimmt. Der Libraschirm baute sich auf, eine schützende Energieblase von fünfzehn Kilometern Durchmesser, welche die SOL und die fünf verbleibenden Kugelraumer der Arkoniden umschloss. Kurz zuvor hatte darüber hinaus die FAIRY abgekoppelt, der 500 Meter durchmessende Schlachtkreuzer, der üblicherweise in der Nordpolmulde der SOL ruhte.

Ihr Pilot Senco Ahrat setzte einen Schwarm Schwarzschild-Schrapnelle aus, ließ sie über den Schirmrand hinwegdriften.

Die Einmaltriebwerke der Selbstlenkgeschosse zündeten. Ich sah, wie sie mit den Schutzschirmen etlicher Maahkraumer kollidierten, wartete auf die Leuchtbälle von Explosionen.

Nichts geschah. Stattdessen blieben die kugelförmigen Raumtorpedos in den gegnerischen Schirmen ... stecken? Ich traute meinen Augen nicht.

Sie reißen Strukturlücken in die Abwehrfelder der Maahks, diagnostizierte der Extrasinn. Durch diese Öffnungen werden sie ihre Richtfusionsladungen leiten. Beachte die Statusanzeigen am unteren Holorand.