Perry Rhodan Neo 266: Schach für Thora - Ben Calvin Hary - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 266: Schach für Thora E-Book und Hörbuch

Ben Calvin Hary

5,0

Beschreibung

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit eine Reihe von Sonnensystemen besiedelt. Dann aber werden im Jahr 2102 die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Mit dem Großraumschiff SOL bricht Rhodan auf, um dieses Geschehen rückgängig zu machen, und strandet 10.000 Jahre in der Vergangenheit. In dieser Zeit kämpfen die Arkoniden und Maahks in fürchterlichen Schlachten gegeneinander. Weil sie es schaffen, die Pläne der Konverterkanone für sich zu gewinnen, bieten die Menschen den arkonidischen Verteidigern wieder Hoffnung. Allerdings hat Perry Rhodan neue Sorgen. Seine Frau Thora erkrankt schwer; Ursache ist offenbar ihr Extrasinn. Auf der Suche nach Hilfe reist sie nach Iprasa, zu den entsprechenden Experten. Doch dort stößt sie auf ein uraltes Geheimnis, das ihr bisheriges Bild von ihren Vorfahren schwer erschüttert – und es heißt SCHACH FÜR THORA ...

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Seitenzahl: 215

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Zeit:5 Std. 56 min

Sprecher:Axel Gottschick

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Band 266

Schach für Thora

Ben Calvin Hary

Cover

Vorspann

Tuales Träume I

1. Thora

Tuales Träume II

2. Kopramir

Tuales Träume III

3. Thora

Tuales Träume IV

4. Thora

Tuales Träume V

5. Thora

Tuales Träume VI

6. Kopramir

Tuales Träume VII

7. Thora

Tuales Träume VIII

8. Kopramir

Tuales Träume IX

9. Thora

10. Thora

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit eine Reihe von Sonnensystemen besiedelt.

Dann aber werden im Jahr 2102 die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Mit dem Großraumschiff SOL bricht Rhodan auf, um dieses Geschehen rückgängig zu machen, und strandet 10.000 Jahre in der Vergangenheit.

In dieser Zeit kämpfen die Arkoniden und Maahks in fürchterlichen Schlachten gegeneinander. Weil sie es schaffen, die Pläne der Konverterkanone für sich zu gewinnen, bieten die Menschen den arkonidischen Verteidigern wieder Hoffnung.

Allerdings hat Perry Rhodan neue Sorgen. Seine Frau Thora erkrankt schwer; Ursache ist offenbar ihr Extrasinn. Auf der Suche nach Hilfe reist sie nach Iprasa, zu den entsprechenden Experten. Doch dort stößt sie auf ein uraltes Geheimnis, das ihr bisheriges Bild von ihren Vorfahren schwer erschüttert – und es heißt SCHACH FÜR THORA ...

Tuales Träume I

Vor zwei Jahrtausenden

Mein Geist ist umgekippt.

Was mir bleibt, sind Erinnerungen. In meinen Träumen bin ich wie sie: eine Frau aus Fleisch und Blut mit Armen, Beinen und einem Verstand so hell wie der ihre. Doch dieses Mal würde mir nichts davon helfen. Mein Tod stand bevor.

Es ist Jahrtausende her.

Ich war allein in der Gletscherwüste.

Eiskristalle prasselten gegen meine Wangen und machten sie taub. Bei jedem Schritt brach ich ein, sank knietief in den rosafarbenen Schnee. Er schmolz in meinen Stiefeln. Kaltes Wasser tränkte meine Strümpfe und drang mir bis auf die Haut. Die Sicht betrug nur wenige Armlängen.

Gib nicht auf, Tuale!, rief ich mich zur Ordnung. Immer geradeaus, nach Norden. Dort warten die anderen auf dich! Aber wo war Norden? Dichte Wolkenschleier verbargen die Sonne. Die Oberschenkel brannten, doch Iprasas Wildnis duldete keine Schwäche. Stehen bleiben kam nicht infrage. Ich kämpfte buchstäblich um mein Leben.

Es hatte als reine Expedition begonnen. Gemeinsam mit drei Kollegen aus dem Forscherstab der Grinnis-Universität auf dem Bhedan-Mond Nhodas suchte ich nach Genmarkern mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Der fünfte Planet des Arkonsystems bot Potenzial.

Iprasa wurde von zweierlei Klimazonen geprägt. Nur dünne fruchtbare Streifen trennten die dominanten Regionen aus vulkanischem Magma und Wüsten vom ewigen Eis im Norden und Süden. Unser Forscherdrang hatte uns zum nördlichen Polarkreis getrieben. In den dortigen Blutgletschern lebte ein Volk primitiver Insektoiden, aber keiner wusste, woher sie stammten und wie sie sich am Leben hielten. Vor der kalten Witterung hatte ich mich nicht gefürchtet. Ich war Entbehrungen gewohnt und liebte das Extrem.

Zumindest hatte ich das geglaubt.

Unsere Leka-Disk parkte einen halben Tagesmarsch entfernt auf einem Hochplateau. Meine Kollegen Nongra, Lilliam, Dergor und ich hatten Proviant und Ausrüstung auf Schlitten verteilt, waren ins Bergland aufgebrochen und hatten nach den Siedlungen der Ureinwohner gesucht. Fündig waren wir nicht geworden. Die Taa waren scheu. Die letzte Begegnung zwischen Arkoniden und einem der ihren lag siebzig Jahre zurück.

Am dritten Tag waren die Nahrungsvorräte knapp geworden. Wir hatten die Zelte abgebrochen und den Rückweg durchs Felsenland geplant.

Wir waren noch keine Tonta unterwegs gewesen, als der Schneesturm uns überrascht hatte. Die Kontrollsatelliten hatten ihn nicht gemeldet.

Schnell war die Sicht so schlecht geworden, dass wir uns aus den Augen verloren. Mehrmals ging ich den Weg zurück, suchte nach den Spuren meiner Gefährten, doch sie waren längst verweht. Dergor und Lilliam riefen nach mir. Der Wind trug ihre Stimmen davon und lockte mich in die falsche Richtung. Die Funkgeräte versagten den Dienst, warum auch immer – ich war Biologin, keine Physikerin oder Technikerin. Schließlich übertönte der Wind die Rufe meiner Kollegen.

Das war nun anderthalb Tage her. Das Unwetter tobte noch immer.

Nach schier endlosem Tagesmarsch übermannten mich Müdigkeit und Erschöpfung. Wieder wickelte ich mich in den Thermalschlafsack und schlief todesgleich.

Als ich erwachte, herrschte Nacht. Eine dünne Schneewehe bedeckte den Schlafsack. Ich grub mich an die Oberfläche und setzte meinen Weg im Finstern fort. Nur Sturmgeheul und ein sternenloser Himmel umgaben mich. In einem Moment glaubte ich, vor mir den Umriss jenes Hügels zu erkennen, auf dem unsere Leka-Disk wartete, im nächsten waren da nur noch Schneeschwaden und Eisnebel.

Im Gehen schob ich den letzten Konzentratriegel in den Mund. Das komprimierte Fleisch brannte auf meinen aufgesprungenen Lippen, doch ich zwang es hinunter. Der Magen fühlte sich wund an, der Kopf seltsam benebelt. Je leichter der Rucksack wurde, desto schwerer wurden meine Beine.

Schritt um Schritt kämpfte ich mich voran, einen Fuß vor den anderen setzend. Die Zeit war ein Fluss.

Das Schwarz der Nacht hellte zu dunklem Grau auf. Das Armbandthermometer zeigte eine Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt an. Ich musste mich beständig weiterbewegen, um nicht auszukühlen.

Irgendwann sah ich sie.

Im ersten Moment hielt ich sie für eine Halluzination, für einen Streich, den meine unterforderten Sinne mir spielten. Seit Tagen waren rötliches Weiß und Kälte die einzigen Sinneseindrücke. Die Gestalt, die kaum daumengroß da drüben am Horizont kauerte und mich anzustarren schien – sie konnte nicht real sein.

Mein Geist war wach genug, um das Warnzeichen zu verstehen: Es ging zu Ende mit mir.

Trotzdem hielt ich auf sie zu, ohne zu begreifen, warum. Ich erwartete, dass die Gestalt sich auflösen oder sich als eigenwillig geformter Felsen entpuppen würde, doch je näher ich kam, desto wirklicher erschien sie mir. Nachdem ich mich etwa hundert Schritte durch losen Schnee vorgekämpft hatte, richtete sie sich auf.

Vor Schreck hielt ich inne. »Wer sind Sie?«

Die Gestalt war keine Arkonidin. Es war ein Tier – und zugleich wieder nicht. Der Körper wirkte arkonoid, mit zwei Beinen und Armen, doch der Kopf war der einer Raubkatze. Schmale, geschlitzte Augen verströmten Ruhe und Gefahr, ein Widerspruch, der mir Angst machte. Nichts an diesen Gesichtszügen ließ Rückschlüsse auf ihr Geschlecht zu, und doch war ich überzeugt, dass sie weiblich war.

Die Katzenfrau beantwortete meine Frage nicht. Sie winkte mich zu sich. »Kommen Sie!«, rief sie auf Arkonidisch und über den Sturm hinweg. Ihr Tonfall war weich und vertrauenerweckend, jedoch unsagbar fremdartig.

Beiläufig bemerkte ich Fußspuren, die einige Dutzend Schritte hinter ihr im Dunst versanken. Halluzinationen hinterlassen keine Spuren, redete ich mir ein. Sie ist so real wie du. Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedankens, doch ich klammerte mich an ihm fest. Jemand hatte mich gefunden. Woher auch immer sie so unvermittelt kam: Die Rettung war nah. Womöglich würde sie mir helfen, meine Kameraden zu finden.

Wortlos folgte ich der Fremden. Sie bahnte einen Weg durch die Schneeverwehungen. In ihrer Spur fiel das Vorankommen leichter.

Hintereinander stiegen wir eine Bergflanke empor. Inzwischen war die Dämmerung dem rötlichen Weiß gewichen, das meine Sehnerven seit Tagen malträtierte.

Wie gebannt beobachtete ich ihren geschmeidigen Gang. Wer auch immer sie war, sie wusste sich zu bewegen. Kein Hüftschwung und kein Schlenker mit dem dünnen Schwanz, der aus dem Gesäßteil ihrer Kleidung ragte, schienen überflüssig. Ich hingegen stapfte wie ein altersschwacher Kampfroboter hinterher. Meine Gliedmaßen waren taub und jeglicher Feinmotorik beraubt.

Ein Felsmassiv schälte sich aus dem grauroten Einerlei. Die Katzenfrau führte mich um eine Steilwand, die sich scheinbar endlos vor uns in die Höhe streckte, und über eine Moräne. Dahinter klaffte ein Felsspalt, der Zugang zu einer Höhle. Im Innern war ein goldener Lichtschein erahnbar.

»Ist dies Ihr Stützpunkt?«, schrie ich gegen den Lärm des Sturms an. »Werden wir dadrin Hilfe erhalten? Wie haben Sie mich gefunden?« Die Hoffnung weckte meinen Lebensgeist. Ich kannte nicht mal ihren Namen. Auch wenn ich keine andere Wahl hatte, als ihr zu vertrauen – ich verdiente Antworten!

Die Katzenfrau winkte erneut nach mir. Ein krallenbewehrter Finger zeigte in die Höhle. »Stillen Sie Ihren Hunger und ruhen Sie sich aus.« Mit einer Geste bedeutete sie mir, vorauszugehen.

Was blieb mir übrig? Ich tat, wie sie verlangte, und trat durch den Felsspalt.

Sofort kam es mir vor, als sei der Sturm abgeschnitten. Draußen tobte er natürlich weiter. In der Höhle war es kalt, doch ein warmer Luftzug wehte mir entgegen. Weiter innen musste eine Hitzequelle sein, ich tippte auf ein geothermales Phänomen. Iprasa war eine tektonisch aktive Welt.

»Wer sind Sie?«, rief ich der Unbekannten zu, doch als ich mich umwandte, war sie verschwunden.

Einen Moment lang starrte ich zum Ausgang, beobachtete das Schneegestöber und suchte nach ihr. Hatte ich sie mir doch nur eingebildet? War es eine Vision gewesen, die mich an diesen Ort geführt hatte?

Unsicher drang ich in den Berg vor.

Die Höhle schien künstlichen Ursprungs oder zumindest von der Hand intelligenter Wesen urbar gemacht worden zu sein. Der Boden war eben und wies senkrechte Kerben auf, Zeugen einer Bearbeitung durch grobe Werkzeuge. Ich schob die Kapuze in den Nacken, genoss die milde, trockene Brise. Verglichen mit der Kälte draußen kam sie mir beinahe tropisch vor.

Der Gang fiel ab. Nach etwa vierzig Schritten beschrieb er einen Knick und öffnete sich zu einer Art Kuppeldom. Die Wände waren behauen, da und dort hatten die unbekannten Baumeister geometrische Reliefs hinterlassen. Das goldene Licht, das ich von draußen gesehen hatte, stammte von Fackeln aus bernsteinartigem Material. Sie steckten rundum in Halterungen und glommen lautlos vor sich hin. Schwerer Harzgeruch füllte den Raum.

In der Mitte des Gewölbes befand sich eine Einfassung mit einem Becken. Es enthielt eine grüne, zähe Flüssigkeit.

Stillen Sie Ihren Hunger, hatte die Katzenfrau zu mir gesagt.

Ich ging vor dem Schleim auf die Knie, zog den Handschuh aus und steckte prüfend einen Finger hinein. Das war keine wissenschaftliche und auch keine vorsichtige Vorgehensweise, doch die Not hatte mir beides ausgetrieben.

Ich ahnte, um welche Substanz es sich handelte. Expeditionsberichte über die Taa, die ich auf Nhodas gelesen hatte, erwähnten Nährschleim, mit dem die Insektoiden ihren Nachwuchs fütterten. Mein Magen zog sich zu einem schmerzhaften Klumpen zusammen.

Ich roch am Finger. Süßliches Aroma stieg mir in die Nase. War das Zeug von einem arkonidischen Metabolismus überhaupt verdaubar?

1.

Thora

Und dann kam der Tag, an dem Thora Rhodan da Zoltral urplötzlich den Verstand verlor.

Es begann mit einem Rat ihres Extrasinns: Im Bluteis ruht das Mahnmal, lautete er. Hilf, die Schuld zu sühnen!

Was? Thora rieb sich die Lider und blinzelte ins Licht des Holoprojektors. Bilder von Positronikbausteinen und eingebetteten Systemen schwirrten über den Konferenztisch, dreidimensional, aber nicht greifbar. Der Ratschlag des Logiksektors klang dringlich, doch normalerweise drückte er sich nicht so kryptisch aus. Was versuchte er zu sagen?

Es war später Vormittag, Bordzeit. Thora saß inmitten der Führungsmannschaft an einem gestreckten Tisch in einem der Besprechungsräume der SOL. Sie hatte schlecht geschlafen und – wieder mal! – irgendeinen Unsinn geträumt, an den sie sich nicht erinnerte. War sie so müde, dass sogar ihr körperloser Ratgeber schwächelte? Ihr Kopf schmerzte, und sie wünschte sich ins Bett.

Es war eine Konferenz in sehr kleinem Kreis. Neben ihr saß Perry Rhodan, ihr gegenüber hatten Atlan und Chart Deccon Platz genommen, der Kommandant der SOL.

Geoffry Abel Waringer stand am Kopf der Tafel und referierte: »IRMINSUUL war der Name einer Künstlichen Intelligenz, die vor Jahrtausenden von einem Quantenschatten befallen wurde. Sie stammte aus dem Akonsystem, und dort fand auch die Infektion statt. Am Ende kontrollierte sie fast sämtliche positronischen Rechner und Geräte der Akonen.«

Die Klimaanlage trug frische Luft in den Saal. Thora unterdrückte ein Gähnen und konzentrierte sich auf die Besprechung. Viel war geschehen in den vergangenen Tagen, und nicht jedes Besatzungsmitglied hatte Zugriff auf dieselben Informationen. Der Austausch war somit notwendig, doch das Gespräch zog sich hin.

»Inzwischen hat mein Mitarbeiterstab eine Theorie, wie IRMINSUUL die Kontrolle über so viele Positroniken zugleich gelungen war«, sagte der Chefwissenschaftler. »Die Details sind allerdings noch unklar. Meine Überlegungen gehen in Richtung quantenmechanischer Verschränkungen.«

Es folgte eine Kette wissenschaftlicher Erläuterungen, die der Hyperphysiker pflichtbewusst herunterrasselte. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, auch er wirkte übernächtigt. Die Situation forderte allen ihren Teil ab.

Halt die Augen auf, Mädchen! Thora bemühte sich mit aller Macht, ihre Lider offen zu halten.

Rhodan hakte nach: »Was bedeutet das, Mister Waringer? Grob gesagt, der Quantenschatten hat diese Geräte wie ein Marionettenspieler beherrscht?«

Waringer bejahte. Er blätterte durch die holografische Darstellung, deutete auf einige der abgebildeten Bausteine und ratterte Daten herunter: Rechenkapazitäten, Speicherkonfigurationen, Fertigungsvorgaben. Der Positroniker Cole Reeves hatte das Dossier mit Atlans Hilfe aus den imperialen Archiven zusammengestellt. Der Chefwissenschaftler las es nur vor.

Nach dem dritten Satz hörte Thora nicht mehr zu. Das meiste wusste sie ohnehin aus den Protokollen. Die Unterhaltung schwappte über sie hinweg.

»Ich kann leider nur mit Simulationen und Modellen arbeiten, was unsere Unsicherheiten erklärt. Die hier dargestellten Positronikneuronate sind keine physisch realen Beispielexemplare. SENECA hat sie als virtuelle Konstrukte dupliziert.« Waringer nickte der Schiffspositronik dankend zu, indem er das Kinn kurz zur Decke hob. »In ihnen allen hat mein Team ›Ossea‹ entdeckt. So nennen wir kleinste atomare Strukturen, die auf das Wirken eines Quantenschattens hindeuten.«

Das Holo wechselte zur atomaren Ansicht eines Positronikelements: Molekülketten schwirrten umeinander, darin golden markierte Teilchen und stilisierte Wellenformen. Ein Muster war nicht erkennbar. Vermutlich musste man Quantenforscher sein, um das Bild zu verstehen.

»Um bei Mister Rhodans Vergleich zu bleiben«, fuhr Waringer fort, »sind dies die Reste der Fäden, mit denen der Spieler einst seine Marionetten lenkte. Als IRMINSUUL gebannt und die Verschränkungen gekappt wurden, blieben sie in sämtlichen befallenen Maschinen zurück. Nun will die Kaskade neuerlich erwachen. Geschieht das, erhält sie Zugriff auf diese Reste.«

»Der Puppenspieler bindet die zerschnittenen Fäden wieder zusammen?« Atlan hob die Brauen. Ein skeptischer Zug umspielte seine Mundwinkel. Der Ernst der Lage setzte ihm vermutlich zu, doch er zeigte es nicht oder wollte es nicht zeigen.

»Unsere Positroniker haben solche Muster auch in den Neuronaten des ursprünglichen Hauptrechners der SOL entdeckt«, bestätigte SENECA. Die Bordintelligenz fungierte als sechster Teilnehmer der Besprechung. »Der Schatten, der die Schiffssysteme nach den Ereignissen auf Carat befallen hatte, war jedoch ein anderer. Deshalb ist die SOL nicht direkt bedroht.«

Die Bedrohung besteht im Bekannten, behauptete der Extrasinn. Verhindere, dass ihr euch in der Routine verliert!

Thora rieb sich die Schläfen. Noch so ein seltsamer Rat. Bezog er sich darauf, dass sie todmüde an einem Besprechungstisch hockte und Dingen lauschte, die sie bereits wusste? Es war aber wichtig, dass jeder in der Führungsmannschaft auf dem aktuellen Stand war. Die »Routine« mochte ihnen später das Leben retten.

»Mit Verlaub«, mischte sie sich dennoch ein. »Die SOL ist in der tiefsten Vergangenheit gestrandet. Die Rückkehr in unsere Heimatzeit ist wichtiger als dieser Geschichtsunterricht.« War es das, was der Logiksektor von ihr wollte? Es war das Erste, was sie seit Beginn der Sitzung sagte.

Irritierte Blicke trafen sie. Rhodan runzelte die Stirn.

Thora war sich bewusst, wie schwach ihr Einwand war. Sie wussten längst, dass sie eine Aufgabe erfüllen mussten. Durch ein Wiedererwachen der Kaskade wäre Arkons Existenz bedroht – und die der Zukunft. Gerade als Arkonidin sollte für Thora nicht die bloße Rückkehr Priorität haben. Die Stimme in ihrem Kopf hatte sie jedoch zum Protest bewegt, und bislang hatten sich ihre Vorschläge stets als sinnvoll erwiesen. Sie vertraute ihr.

Lässt du mich wirklich im Stich, Gedankenschwester?

Der Logiksektor schwieg – beleidigt, wie ihr schien.

»Immerhin wissen wir mittlerweile, dass die Konverterkanone nicht der primäre Grund ist, warum wir hier sind«, ergriff Atlan das Wort. »Sofgarts und Omar Hawks Bericht aus dem Karminsuul-Archiv lässt keinen Zweifel zu. IRMINSUUL droht zu erwachen. Wir sollten also in Erfahrung bringen, was wir dagegen tun können.«

Thora presste die Lippen aufeinander. Kanzelte ihr arkonidischer Freund sie ab?

Waringer schnippte mit den Fingern. SENECA interpretierte die Geste und projizierte holografische Folienstapel vor die anderen Teilnehmer. Einer materialisierte vor Thora.

Desinteressiert blätterte sie ihn durch: Skizzen, Texte, Ziffern. Die Zeichen verschwammen vor ihren Augen.

»IRMINSUUL ist seit Jahrtausenden inaktiv.« Mehr technische Details von Waringer. »Wir haben Theorien, warum diese ›Schattenreste‹ sich auch in Positroniken finden, die erst lange nach IRMINSUULS Ende gebaut wurden. Wenn Sie hierzu Zeile fünfhundert des Berichts beachten würden ...«

Der Wissenschaftler blätterte zu einer farbig markierten Textstelle. Der Holostapel vor Thora blendete zur selben Markierung um. Sie las. Im Grunde lief es darauf hinaus, dass Positroniken andere Positroniken bauten und somit jede Rechnergeneration die nachfolgende infizierte.

»Im Laufe der Jahrtausende haben diese Ossea die arkonidische Technologie durchseucht«, erläuterte Waringer. »Im Normalzustand hat das keine Auswirkungen, aber sobald die Rakkor-Grenze überschritten wird, wird das Quantenbewusstsein die Ossea-Keime wie magisch anziehen. Wir sprechen von einer Art der Intelligenzwerdung. Die Anwesenheit der Atorakte in dieser Zeitebene ist ein verstärkender Faktor.«

Die Worte verloren mit jeder Silbe mehr an Sinn. Thora starrte auf eng gesetzte Textspalten, las, ohne dass der Inhalt ihren Geist berührte. Die Buchstaben schienen vor ihr zu tanzen.

Irgendwann schloss sie die Augen, schweifte mental zu dem Traum ab, der sie in der Nacht zuvor wach gehalten hatte.

Die Erinnerung war bruchstückhaft, doch sie sah sich in einer Höhle stehen. Ein Meer von Käfern wogte auf sie zu und wollte sie begraben, dann war sie aufgewacht. War es eine unbewusste Reminiszenz an den Angriff der Druuns in den unterplanetaren Gängen von Carat? Es war nicht der erste Traum dieser Art gewesen.

Träume sind Bilder, der Maler sind wir selbst, kommentierte der Logiksektor. Ein Käfer kann für vieles stehen. Kümmere dich um das Ungeziefer, Närrin!

Die Arkonidin grübelte. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Der Extrasinn redete ... nun, Extraunsinn. So ging es schon seit Stunden. Ihr wurde schwindlig.

»Können wir den Quantenschatten ausräuchern?«, fragte sie. »Wenn Parasiten ein Haus befallen, stellt man Insektenfallen auf. Gibt es kein quantenmechanisches Äquivalent dafür? SENECA zum Beispiel! Wir fangen den Quantenschatten auf der SOL und sprengen das Bordgehirn.« Ihr Kopfschmerz hinderte sie am Denken.

Die Arkonidin wusste nicht, welche Reaktion sie sich erhofft hatte. Der Vorschlag war ihr logisch vorgekommen: Mäuse fing man mit Käse, Positronikgeister mit Positroniken. Zwar hatte sie nicht mit Begeisterungsstürmen gerechnet, immerhin war sie Laie in Sachen Quantenmechanik. Aber sie war es gewohnt, dass Ideen innerhalb der Führungsmannschaft zumindest diskutiert wurden. Fachfremde hatten gelegentlich ungewöhnliche Blickwinkel, und selbst ein unbrauchbarer Vorschlag mochte den richtigen Denkanstoß liefern. In Runden wie dieser gab es keine falschen Antworten.

Kaum hatte sie jedoch ausgesprochen, spürte sie, wie die anderen zurückwichen. Blicke eilten fragend umher. Deccon und Atlan steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Es war, als hätten Thoras Worte sie aufgeschreckt. Rhodan musterte sie nachdenklich.

»Ich muss doch sehr bitten, Miss Thora!« Das Bordgehirn klang pikiert.

Thoras Herzschlag beschleunigte sich. Tränen der Erregung rannen über ihre Wangen. Sie wischte sie weg. Etwas war ... seltsam! Die Wirklichkeit geriet in Unruhe. Ihr schien, als zöge ihr jemand einen Teppich unter den Füßen weg.

»Nun?« Sie mimte Unerschrockenheit.

»Es ist nicht so einfach«, entgegnete Waringer nach kurzem Zögern. Er desaktivierte die holografischen Dossiers und setzte sich. Die Raumbeleuchtung kehrte auf ein normales Niveau zurück; für die Präsentation war sie zuvor abgedunkelt worden. »Wir reden nicht von einem ›Schädlingsbefall‹, wie es mit den Druuns der Fall war. Der Quantenschatten lebt nicht in den befallenen Neuronaten, er benutzt sie nur. Mister Rhodans Marionettenvergleich war durchaus treffend.«

»Zumal wir die SOL ohne SENECA nur sehr schwierig steuern könnten«, ergänzte Deccon.

Es gibt viele Positroniken an Bord der SOL. Wieder mischte sich der Extrasinn ein. Ist der Karren defekt, lässt er sich immer noch schieben. Lass nicht zu, dass sie dich erniedrigen. Rhodan ist nicht dein Freund.

»Was?«, fragte sie laut. Vielleicht dachte sie es auch nur.

Sie lauschte, überlegte verzweifelt, was die Äußerung ihrer inneren Stimme bedeuten mochte. Welche anderen Positroniken waren gemeint? Die der Beiboote? Sie spürte ein Kribbeln unter der Haut, als bohrten sich Hunderte Insekten durch ihren Leib.

»Wir brauchen SENECA nicht«, beharrte sie, noch immer im Vertrauen auf ihren Logiksektor. »Die FAIRY wird die Besatzung aufnehmen und als Einsatzfahrzeug dienen.«

Wieder trafen sie verwirrte Blicke. Atlan kniff die Augen zusammen. Deccon räusperte sich.

Perry beugte sich zu ihr. »Ist alles in Ordnung?« Er flüsterte. »Du wirkst ... zerstreut. Unkonzentriert. Ich mache mir Sorgen.«

Sie stockte.

Perry Rhodan war der Mann, der stets hinter ihr stand. Niemand kannte sie so gut wie er. Nun war seine Miene voll Kummer.

Wirke ich tatsächlich so sehr neben mir?

Thora Rhodan da Zoltral hatte lange genug als Kommandantin gedient, um zu wissen, dass ein Offizier im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein hatte. Seit der Akademie wusste sie, die Warnzeichen bei sich zu bemerken. Die Prüfung war ein Automatismus geworden. Wer den Griff auf die Realität verlor, dem entglitt oft auch das Gefühl für das Selbst.

Jahrelanges Training übernahm Thoras Handeln. Die Wut, die ihren Puls beschleunigte, schien von weit her zu kommen. Nacheinander ging sie die gelernten Denkschritte durch:

Erstens: Sie glaubte, dass sie sich vernünftig verhielt. Zweitens: Sie wusste, dass ihre Vorschläge klug waren. Dass etwas jedoch nicht stimmte, merkte sie an der Reaktion ihrer Kameraden.

Der nächste Schritt: Dass alle anderen einem unbekannten Einfluss erlagen, nur sie selbst nicht, war unwahrscheinlich. Der Fehler musste also bei ihr liegen und nicht beim Rest der Besatzung – das diktierte das Gesetz der Probabilität.

Von da an war es nur noch eine Frage des Protokolls. Ob sie tatsächlich krank war, spielte keine Rolle. Schon die Möglichkeit war Risiko genug. Die Vorschriften verlangten, dass sie sich dem Bordarzt anvertraute. Noch aber sah sie wenig Grund zur Aufregung.

Sie fasste ihren Mann bei den Händen, versuchte sich an einem Lächeln. »Es ist nichts, Perry. Ich bin nur in Gedanken. Mein Extrasinn erteilt mir Ratschläge, die ...«

Dieser Mann ist nicht dein Freund! Der Logiksektor schrie so unvermittelt, dass sie zurückwich. Er wird dich rauben. Er wird dich von deinem Volk entfremden.

Das Pochen hinter ihren Schläfen nahm zu.

»Nein!«, sagte sie laut. »Wo nimmst du das her? Was bringt dich dazu, so etwas zu sagen?«

Thora kümmerte es nicht, dass Deccon, Atlan und Waringer sie nun ganz offen anstarrten. Die Furcht verdichtete sich zu einem rot glühenden, zitternden Ball. Das Gefühl stand mit einem Mal zwischen ihr und ihrem Mann.

»Thora?« fragte Rhodan alarmiert.

Traumbilder stiegen vor der Arkonidin auf: Käfer, mannsgroß und bewaffnet. Eine Höhle und ein Meer aus Eis. Sie vergaß, was sie sagen wollte.

Der Extrasinn schrie: Atlan da Gonozal und Perry Rhodan – töte sie beide! Sie haben sich gegen Arkon versündigt. Die Schuld muss gesühnt werden!

Das war wieder Unsinn, und Thora wusste es, doch ihr fehlte die Kraft, zu widersprechen. Wo hörten ihre Gedanken auf, wo fingen die des Extrasinns an?

Das war der Moment, in dem die Wirklichkeit zu kippen begann. Der Logiksektor übernahm. Alles geschah wie in Zeitlupe.

Thora stand aus dem Sessel auf, ging in Dagorgrundstellung. Sie brüllte unartikuliert und versetzte Rhodan einen Tritt. Mit sattem Laut krachte ihre Sohle gegen seine Brust.

Was tue ich da? Entsetzt sah sie sich selbst zu, konnte aber nicht verhindern, was geschah.

Kurz drohte Rhodan aus dem Sitz zu fallen, fing sich aber sofort. Blitzschnell rollte er sich über die Armlehne. Auf den Knien kam er auf.

Thora setzte nach, versetzte ihm Tritt um Tritt, ließ Handkantenschläge gegen seinen Brustkorb prasseln.

Hör auf!, flehte sie ihren Extrasinn an. Was auch immer du da tust, lass es! Es war, als habe er ihren Körper in Geiselhaft genommen.

Rhodan wehrte sich nicht. Zwar blockierte er ihre Attacken – sie hatte ihn jahrelang Dagor gelehrt, und inzwischen war er ganz gut darin –, doch er platzierte keinen Gegenangriff. Mit dem Ellbogen lenkte er ihre Ferse ab, verhinderte einen weiteren Treffer.

Es war ein kurzer Kampf. Thoras Rage hielt sie so gefangen, dass sie den Blick für ihre Umgebung verlor. Ein Anfängerfehler, für den sie sich normalerweise geschämt hätte. Nun indes war sie froh, dass die anderen sie an ihrem Amoklauf hinderten. Atlan hatte unbemerkt den Tisch umrundet. Er fasste sie von hinten und zwang ihren Arm in einen schmerzhaften Haltegriff.

»Thora ...« Rhodan stand auf und machte einen Schritt auf sie zu. Sein Gesicht schien zu verschwimmen, es verlor seine Vertrautheit.

Er greift dich an! Töte ihn!

Sie versuchte zurückzuweichen, doch Atlan hielt sie fest.

Erneut schaltete Wut ihr Denken aus.

Sie widersetzte sich. Es gelang ihr, sich zu befreien und den Arkoniden mit einem Schulterwurf zu Boden zu befördern. Dass der Gegner erheblich schwerer und stärker war, spielte für sie als erprobte Kämpferin keine Rolle.

Atlan prallte hart auf. Ein Schmerzlaut entfuhr ihm. Seine Züge verzerrten sich.

Thora hatte ihn schnell vergessen. Sie hob die Arme und trat Rhodan entgegen. Das da war nicht ihr Mann, sondern ein Dämon, ein finsteres Etwas in der Gestalt eines Terraners. Ein Ausfallschritt, ein entschiedener Hieb auf den Kehlkopf, und er würde Geschichte sein.

Der Kopfschmerz wurde übermächtig. Die Pein brachte sie ins Wanken. Ihr Angriff stockte.

»Komm zu dir, Thora!« Rhodans Gesichtsausdruck wandelte sich einmal mehr. Die Sorge wich etwas, das sie nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Es raubte ihr beinahe den Verstand. Rhodan wirkte hilflos.

Ihr war, als überschütte sie jemand mit einem Eimer eiskaltem Wasser. Die Wut verwehte. Mit einem Mal sah sie sich mit klarem Geist, bemerkte das Entsetzen in Waringers Zügen und die heillose Verwirrung in denen von Deccon.

Rhodan half Atlan vom Boden. Eine Schramme zog sich über die Wange des Arkoniden. Sie musste ihn gekratzt haben, und es war ihr nicht mal aufgefallen.

Schlagartig wurde ihr klar, was wirklich geschah.

Rhodan hatte sie nicht angegriffen. Er hatte seine Hilfe und seinen Rückhalt angeboten, und sie hatte ihn grundlos attackiert. Der Logiksektor hatte gelogen – aber ...

Das war unmöglich!

»Es ... Es geht mir nicht gut, Perry.« Thora versagte der Atem. Ihr Blick verschwamm, diesmal vor Tränen. »Ich muss auf die Medostation. Mein Extrasinn ... spielt verrückt.«