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Der vielschichtige Protagonist der katholischen Reform Die neue Biographie zum 500. Geburtstag Petrus Canisius (1521–1597) oder Peter de Hondt (lat. canis) ist nichts weniger als eine Schlüsselfigur des dramatischen 16. Jahrhunderts. In ihm verkörperte sich das Ringen der katholischen Kirche, sich angesichts der Reformation neu zu erfinden. Beweglichkeit und überschäumender Tatendrang kennzeichnete den ersten "deutschen" Jesuiten, er gründete Kollegien und Schulen, Köln, Mainz, Ingolstadt und Augsburg, das Konzil von Trient, Wien und Prag, Innsbruck und Freiburg (CH) sind nur einige seiner Stationen. Er wurde 1864 selig- und 1925 von Pius XI. heiliggesprochen, der ihn auch zum Kirchenlehrer ernannte. Dieses biographische Porträt beleuchtet die kampfeslustige intellektuelle Beschäftigung des Petrus Canisius mit den Kirchenvätern und seine Rolle als Autor des ersten katholischen Katechismus, des erfolgreichsten Religionsbuches aller Zeiten, thematisiert aber auch seine gravierenden Fehlleistungen, etwa im Bereich der Hexenverfolgungen. Dem Historiker und Theologen Mathias Moosbrugger gelingt es – basierend auf den neuesten Forschungen und doch spannend erzählt - einem breiten Publikum die Persönlichkeit des Canisius zu erschließen und nicht einfach nur sein Leben nachzuerzählen.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2021
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MathiasMoosbrugger
Wanderer zwischen den Welten
Vorwort
Einleitung
1.Zwischen Nimwegen und Freiburg in der Schweiz
Nimwegen: Der junge Peter Kanis und sein Blick in die Zukunft
Freiburg in der Schweiz: Der alte Petrus Canisius und sein Blick in die Vergangenheit
2.Zwischen Kartäusern und Jesuiten
Ein Beinahe-Kartäuser: Petrus Canisius und der mystische Drang nach innen
Ein ganzer Jesuit: Petrus Canisius und der aktivistische Drang nach außen
3.Zwischen Kollegien und Konzil
Jesuitenkollegien: Petrus Canisius und die Neuerfindung der Gesellschaft Jesu
Konzil von Trient: Petrus Canisius und die Neuerfindung der katholischen Kirche
4.Zwischen Kirchenvätern und Katechismus
Kirchenväter: Petrus Canisius und der Kampf um die kirchliche Tradition
Katechismus: Petrus Canisius und der Kampf um die kirchliche Zukunft
5.Zwischen Schuld und Sühne
Schuld: Petrus Canisius und eine Lebensgeschichte des Versagens
Sühne: Petrus Canisius und eine Lebensgeschichte des Wiedergutmachens
Statt eines Nachworts
Dank
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Personenregister
Ortsregister
Bildnachweis
Das ist keine Biographie über Petrus Canisius – jedenfalls dann nicht, wenn man die Maßstäbe des berühmten Mozart-Biographen Volkmar Braunbehrens anlegt. Braunbehrens schreibt, dass eine Biographie die Aufgabe habe, „ein möglichst lückenloses Bild des Lebenslaufes ‚ihres Helden‘ zu zeichnen“1. Wer nach einem solchen möglichst lückenlosen Lebenslauf von Petrus Canisius (1521–1597) sucht, dem kann ich nur raten, dieses Buch sofort zuzumachen und sich stattdessen in der Bibliothek oder im Antiquariat seines Vertrauens die Biographie des irischen Historikers James Brodrick von 1935 zu besorgen. In der zweibändigen deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1950 umfasst dieses Mammutwerk mehr als zwölfhundert Seiten.2 Auch wenn die Canisius-Forschung seit damals auf vielen Feldern vorangeschritten ist, gibt es bis heute nichts, was sich an biographischer Vollständigkeit mit diesem Buchgebirge vergleichen ließe.
Das vorliegende Buch ist also keine Biographie. Es ist mehr so etwas wie ein biographisches Porträt bzw. vielleicht sogar noch eher eine biographische Skizze und damit für diejenigen gedacht, die keine Zeit für zwölfhundert Seiten haben (oder keine Lust darauf) und sich trotzdem auf dem Stand der gegenwärtigen Forschung über Petrus Canisius informieren möchten. Das Ziel besteht darin, die Persönlichkeit von Petrus Canisius sichtbar zu machen, indem er in die wichtigsten historischen Spannungsfelder eingeordnet wird, in denen er sich bewegt hat. Viele Details – teilweise auch durchaus wichtige Elemente – wurden bewusst kurz behandelt oder sogar ausgelassen, um das Profil seiner Persönlichkeit nicht unter einer Überfülle von biographischen Einzelheiten verschwinden zu lassen.
Der Aufbau sieht folgendermaßen aus: Nach einer Einleitung, die dafür wirbt, dass es sich lohnt, diesem weitgehend vergessenen frühneuzeitlichen Jesuiten historisch auf die Spur zu kommen, bietet das erste Kapitel einen Überblick über die wesentlichen Eckpunkte des Lebens von Petrus Canisius zwischen seiner familiären Prägung und seiner religiösen Berufung; das zweite Kapitel beschäftigt sich dann mit der Ausgestaltung seiner Spiritualität zwischen Mystik und Aktivismus, die das Fundament seines ganzen weiteren Lebens gebildet hat; das dritte Kapitel erschließt darauf aufbauend seine Lebensaufgabe der Wiederbelebung der katholischen Kirche im römisch-deutschen Reich zwischen dem Aufbau eines jesuitischen Schulwesens und der Neugestaltung des katholischen Selbstbewusstseins im Umfeld des Konzils von Trient; das vierte Kapitel rekonstruiert Petrus Canisius als Denker und Autor, der nichts lieber getan hat, als sich in ein Buch zu vertiefen (vorzugsweise das eines Kirchenvaters) oder selbst eines zu schreiben (besonders erfolgreich in seinem Katechismus); das fünfte und letzte Kapitel thematisiert schließlich die Schattenseiten seines langen Lebens, aber auch das, worin er über seine Zeit hinausgewiesen hat.
Alle diese Kapitel sind so konzipiert, dass sie grundsätzlich jeweils für sich bzw. auch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können; deswegen haben sich auch einige wenige Wiederholungen nicht ganz vermeiden lassen. – Ich glaube allerdings, dass man das größte Lesevergnügen (und den größten Erkenntnisgewinn) dann hat, wenn man sich die Kapitel in der vorgegebenen Reihenfolge vornimmt. Der Aufbau des Buches folgt nämlich dem Grundsatz, dass jedes Kapitel das vorhergehende vertieft, um so Schritt für Schritt ein immer vielfältigeres Bild eines außergewöhnlich vielfältigen Lebens sichtbar zu machen.
Bei allem Bemühen darum, eine historische Persönlichkeit so zu skizzieren, wie sie nach momentanem historischem Wissensstand gewesen ist, ist diese Einleitung in das Leben von Petrus Canisius aus Anlass seines 500. Geburtstages natürlich in allen Teilen meine Einleitung. Sie ist von den Aspekten bestimmt, von denen ich glaube, dass sie besonders wichtig sind für das Verständnis seiner Persönlichkeit. Ich habe mich allerdings bemüht, diese Aspekte in einer Weise darzustellen, dass sie auch für andere interessant werden: Denjenigen mit ausgeprägt historischen Interessen wollte ich eine nahezu unbekannte Schlüsselfigur der Religionsgeschichte des 16. Jahrhunderts präsentieren. Ihnen bietet sein Leben nicht zuletzt einen Einblick in das bewegte Reformationsjahrhundert aus einer Perspektive, die im heutigen durchschnittlichen Geschichtsbewusstsein kaum präsent ist: aus der Perspektive eines überzeugten Katholiken. Denjenigen mit ausgeprägt religiösen Interessen wollte ich einen Heiligen vorführen, dessen Leben besonders eindrucksvoll deutlich macht, dass Heiligkeit keine Ewigkeitskategorie ist. Ihnen zeigt sein Leben, dass sich Heiligkeit immer in ganz konkreten (und aus heutiger Perspektive mitunter auch verstörend konkreten) historischen Biographien verkörpert.
Allen – den historisch Interessierten, den religiös Interessierten und allen anderen auch – wollte ich ein spannendes Buch über einen spannenden Menschen schreiben.
Ob mir das gelungen ist, müssen die Leserinnen und Leser entscheiden!
Es ist noch gar nicht so lange her, dass der frühneuzeitliche Jesuit Petrus Canisius in aller Munde war. Als der Osttiroler Bergbauernbub Franz Josef Kofler am Beginn des 20. Jahrhunderts von seiner strengkatholischen Base wieder einmal gefragt wurde, ob er die im Religionsunterricht aufgegebenen Fragen auch wirklich gelernt habe, hatte er keine besonderen Skrupel, ein wenig zu schwindeln. Er versicherte ihr, dass da alles in bester Ordnung sei. Sie könne ihn ruhig ausfragen. Das tat sie aber erfahrungsgemäß nie, denn: „Sie wußte nicht, wo wir waren und zudem kannte sie sich nur im alten ‚Kanisi‘ aus, nicht im neuen.“3
Der Name Canisius bzw. Kanisi war bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur im tiefkatholischen Osttirol, sondern im ganzen deutschen Sprachraum (und darüber hinaus) praktisch gleichbedeutend mit katholisch-religiöser Bildung. Wer ein ganzer Katholik war, hatte seinen Kanisi gelernt oder machte es wie der kleine Franz Josef Kofler und behauptete es zumindest. Unter dem Kanisi verstand man in der Regel einen Katechismus im Frage-Antwort-Format, in dem die zentralen Inhalte der katholischen Lehre auf Schulniveau zusammengestellt waren. Zwar hatte man schon seit dem 18. Jahrhundert damit begonnen, im Unterricht bevorzugt andere Katechismen zu verwenden. Die volkstümliche Bezeichnung auch dieser neuen Katechismen nach Petrus Canisius wurde aber beibehalten. Immerhin hatte er das literarische Genre des katholischen Katechismus im 16. Jahrhundert praktisch neu erfunden und war damit unglaublich erfolgreich gewesen. Sein Katechismus in drei unterschiedlich langen und unterschiedlich komplexen Versionen aus den Jahren 1555, 1556 und 1558 war innerhalb kürzester Zeit zu einem regelrechten Bestseller geworden – und ist es über Jahrhunderte hinweg geblieben. Ein besonders fleißiger Geschichtsforscher hat genau nachgezählt. Die von ihm erhobenen Zahlen sind beinahe unglaublich: Allein zu Lebzeiten von Petrus Canisius (gest. 1597) und damit in gerade einmal vierzig Jahren sind demnach 347 Katechismus-Auflagen erschienen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts sind dann noch einmal unbegreifliche 832 weitere Auflagen dazugekommen – soweit wir jedenfalls momentan wissen. Vielleicht waren es sogar noch mehr. Ursprünglich geschrieben auf Latein, der Weltsprache des 16. Jahrhunderts, war dieser Katechismus in seinen drei Varianten praktisch sofort in die verschiedensten Volkssprachen übersetzt worden; in die gängigen europäischen sowieso, aber offenbar sogar unter anderem auch ins Äthiopische und ins Japanische.4 Ein Jesuit mit einem Faible für alte Sprachen hat sich sogar die etwas kuriose Mühe gemacht, dieses für den Schulgebrauch gedachte Buch in die Gelehrtensprachen Altgriechisch (1595) und Hebräisch (1620) zu übersetzen. Aber auch die zahlreichen Analphabeten wurden nicht vergessen. Für sie wurde auf der Grundlage des Textes von Petrus Canisius ein Bilderkatechismus erarbeitet, der 1589 das erste Mal veröffentlicht wurde.5
Noch beeindruckender aber: Diese regelrechten Massen an Katechismusbüchern sind nicht nur immer wieder neu aufgelegt und gekauft, sondern von noch größeren Massen an Lesern auch tatsächlich gelesen und im Schulbetrieb sogar konsequent auswendig gelernt worden. Was Petrus Canisius über den christlichen Glauben geschrieben hat, ist von vielen Generationen von Schülern immer und immer wieder aufs Neue und Wort für Wort wiederholt und damit nachhaltig verinnerlicht worden. Man darf sich natürlich fragen, mit wie viel Begeisterung und spiritueller Nachhaltigkeit das im Einzelnen jeweils verbunden gewesen sein mag. Dennoch übertreibt man wohl nicht, wenn man Petrus Canisius als den meistgelesenen und damit breitenwirksamsten katholischen Autor mindestens der letzten 500 Jahre bezeichnet.
Das hat sich in kürzester Zeit schlagartig geändert. Als kluger Schüler konnte man zwar noch vor einem halben Jahrhundert im vorarlbergischen Bregenzerwald von seinen stolzen Eltern als ein echter Petrus Canisius bezeichnet werden. Aber schon damals wusste man auch als kluger Schüler kaum noch etwas mit der historischen Figur hinter dem Namen anzufangen.6 Heute kennt man in der Regel nicht einmal mehr den Namen. Das hat natürlich nicht zuletzt mit den einschneidenden Veränderungen im Religionsunterricht der jüngeren Vergangenheit zu tun. Das Pauken von religiösen Inhalten gilt mittlerweile (ob nun zu Recht oder zu Unrecht) in weiten Kreisen als heillos überholt – und damit auch das Konzept des Katechismus, egal, ob ein solcher von Petrus Canisius oder von jemand anderem geschrieben worden ist. Mit dem Katechismus ist aber zugleich auch der wichtigste canisianische Erinnerungsort sozusagen über Nacht verloren gegangen.
Petrus Canisius ist jedoch nicht nur als Autor des einst wichtigsten katholischen Religionsbuches mittlerweile praktisch vergessen. Dass er ein außerordentlich wichtiger Berater von Kaisern, Königen und Herzögen gewesen ist und so im Auftrag seiner jesuitischen Ordensoberen auf die Gestaltung der in der frühen Neuzeit für praktisch alle Lebensbereiche maßgeblichen Religionspolitik7 entscheidenden Einfluss genommen hat, weiß außerhalb absoluter Expertenkreise kein Mensch.8 Seine Bedeutung beim geistlichen Wiederaufbau der im Reformationsjahrhundert am Boden liegenden katholischen Kirche, die sich nicht in seiner Beratertätigkeit an Fürstenhöfen erschöpfte, ist überhaupt nahezu unbekannt. Während man sich mindestens in bewusst protestantischen Kreisen nicht nur an den reformatorischen Übervater Martin Luther, sondern auch durchaus noch an einen Philipp Melanchthon als entscheidenden Gestalter der lutherischen Identität im 16. Jahrhundert erinnert, ist Petrus Canisius bei den Katholiken zu einem großen Unbekannten geworden. Und das, obwohl kaum eine andere einzelne Person so viel zur Neugestaltung der katholischen Identität in der frühen Neuzeit beigetragen hat und man ihn sogar ohne Übertreibung den „Inbegriff der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts“9 genannt hat. Es drängt sich sogar der Verdacht auf, dass Petrus Canisius in den vergangenen Jahrzehnten gerade im kirchlich-katholischen Milieu mehr oder weniger bewusst verdrängt worden ist. Nachdem ihn die antimodernistisch-kulturkämpferische Kirche 1864 zuerst selig- und 1925 dann heiliggesprochen und sogar zum Kirchenlehrer ernannt hatte, war dieser neue Heilige, der schon im 19. Jahrhundert mit mangelnder Verehrung zu kämpfen hatte,10 schon bald offenbar grundsätzlich peinlich geworden. Wie es scheint, konnte man in ökumenisch zunehmend sensibleren Zeiten nur wenig mit einem wie ihm anfangen, den Papst Leo XIII. 1897 als Kämpfer gegen die „lutherische Auflehnung“11 gepriesen und den der besonders streitbare Papst Pius XI. sogar noch 1925 im Heiligsprechungsdekret Misericordiarum Deus mit Hochachtung als „Zertrümmerer der Ketzer“ (haereticorum malleus)12 – gemeint waren damit natürlich wieder die Protestanten – bezeichnet hatte.13 Die seit damals immer wieder unternommenen allzu bemühten Versuche, die Quellen gegen den Strich zu bürsten und ihn als einen „Ökumeniker der ersten Stunde“14 ins Spiel zu bringen, haben nicht nur historisch wenig überzeugt.15 Sie haben auch nicht zu einer Popularisierung dieses unpopulären Heiligen beigetragen. Die Diözese Innsbruck, die 1964 und damit genau hundert Jahre nach seiner Seligsprechung gegründet worden ist, hat ihn sich zwar noch als Diözesanpatron ausgesucht, richtig volkstümlich ist Petrus Canisius aber auch dort nicht mehr geworden. Es dürfte kein Zufall sein, dass er in dem vielstrophigen Lied „O Gott, streck aus die milde Hand“ in der Österreich-Ausgabe des offiziellen kirchlichen Gesangsbuches Gotteslob, in dem die zahlreichen Patrone der Bundesländer und Diözesen Österreichs besungen werden, als einziger noch nicht einmal namentlich erwähnt wird.16
Das vorliegende Buch möchte dem entgegenwirken und diesen großen Unbekannten des 16. Jahrhunderts anlässlich seines 500. Geburtstages wieder etwas bekannter machen. Verdient hätte er es: Sein Leben ist nämlich tatsächlich unglaublich spannend, eine geradezu atemlose Kaskade von glänzenden Erfolgen und schallenden Niederlagen, in der sich die nervöse Unruhe widerspiegelt, die am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit in allen Lebensbereichen herrschte. Petrus Canisius war sozusagen ständig in Bewegung und geprägt von der unbedingten Bereitschaft, sich in dieser vor allem religiös unruhigen Zeit für die Überzeugungen zu verbrauchen, die für ihn entscheidend waren. Seine Aktivitäten waren dementsprechend zahlreich – so zahlreich, dass er hinter ihnen mitunter geradezu zu verschwinden droht. Es ist eine echte Herausforderung, den Menschen Petrus Canisius mit seiner tiefreligiösen, geradezu mystischen Innerlichkeit angesichts seiner Hyperaktivität als Organisator in Ordensangelegenheiten und als religiöser und religionspolitischer Berater von Kaisern, Päpsten und Bischöfen nicht aus den Augen zu verlieren.
Glücklicherweise kann man sich bei der Suche nach dem Menschen Petrus Canisius auf eine kleine, aber sehr feine historische Canisius-Forschung stützen, die quasi unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung seit vielen Jahren konsequent gearbeitet hat. Wobei klein gerade für die Anfangsphase nicht wirklich zutrifft: Tatsächlich sind im ausgehenden 19. und bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus im Gefolge seiner Selig- und Heiligsprechung die relevanten Quellen, nicht zuletzt seine umfangreiche Korrespondenz, zu einem großen Teil in einem geschichtswissenschaftlichen Kraftakt, der seinesgleichen sucht, in vorbildlichen kritischen Editionen erfasst und zum Teil auch bereits in gewichtigen Studien verarbeitet worden.17 Einige dieser Studien sind bis heute unübertroffen geblieben.18 Diese altehrwürdige, nicht selten allerdings etwas hagiographisch angehauchte frühe Forschungstradition, die im Umfeld der Gesellschaft Jesu von einigen wichtigen Forschern äußerst verdienstvoll weiterentwickelt worden ist,19 hat in jüngster Zeit sehr davon profitiert, dass die frühe Geschichte des 1540 gegründeten Jesuitenordens in ganz neuer Intensität das Interesse der Frühneuzeithistoriker auf sich gezogen hat. Das hat zu höchst innovativen kleineren und größeren Untersuchungen geführt, die zwar das spirituelle Selbstverständnis der Gesellschaft Jesu mehr denn je als tieferen Grund ihrer massiven historischen Bedeutung betonen, dabei aber bewusst auf jede fromme Übermalung verzichten.20 Petrus Canisius, der im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum geradezu als Verkörperung des jungen Jesuitenordens galt, kann auf dem Hintergrund dieser Neujustierung der frühneuzeitlichen Jesuitenforschung in ein ganz neues Licht gerückt und als historische Figur spannender und facettenreicher gezeichnet werden denn je.21
Auf den eindrucksvollen Leistungen aus der Frühzeit der kritischen Canisius-Forschung, aber nicht zuletzt auch auf dem neuen historischen Blick auf die ersten Jesuiten baut dieses Buch auf. Sein zentrales Ergebnis kann gleich am Beginn vorweggenommen werden: Petrus Canisius war in seinem ganzen Leben ein Wanderer zwischen den Welten. Das ist zuerst einmal wortwörtlich gemeint: Er hat Europa von Sizilien bis Osnabrück und vom schweizerischen Freiburg bis Warschau durchwandert und dabei im Auftrag von Päpsten, Fürsten und Ordensoberen zigtausende Kilometer zurückgelegt. Es ist berechnet worden, dass er während seines geschäftigsten Lebensabschnitts von etwa 1550 bis etwa 1570 im Durchschnitt etwa 2000 Kilometer pro Jahr zurückgelegt hat. Als Gesamtbilanz seiner Wanderungen stehen nach vorsichtigen Schätzungen an die 100.000 Kilometer zu Buche. Kein Wunder, dass in seiner niederländischen Heimatstadt Nimwegen als Erinnerung an ihn bis heute ein vom vielen Wandern zerschlissenes Paar Schuhe aufbewahrt worden ist. – Er ist aber auch im übertragenen Sinne ständig zwischen verschiedenen Welten hin- und hergewandert: Zwischen der Welt der hohen Politik und der Welt der kleinen Leute; zwischen der Welt der Päpste und der Welt der Landpfarrer; zwischen der Welt der Universitäten und der Welt der unbedeutenden Dorfschulen; zwischen der Welt der mystisch-innerlichen Frömmigkeit und der Welt der knallharten Religionspolitik; vor allem aber zwischen der Welt der althergebrachten kirchlichen Traditionen, die für ihn so wertvoll waren, und der Welt der religiösen Aufbrüche im Reformationsjahrhundert, die ihn so massiv herausforderten.
Die Wiederbelebung der darniederliegenden katholischen Kirche war nach seiner Überzeugung der einzige Weg, auf dem das Auseinanderfallen dieser sich im 16. Jahrhundert zusehends voneinander entfremdenden Welten verhindert werden konnte: Nur die katholische Kirche konnte die alte kirchliche Tradition mit den weißglühenden religiösen Bedürfnissen der Gegenwart verbinden; zu diesem Zweck hat Petrus Canisius wichtige Texte der antiken Kirchenväter als religiöse Mahnschriften für seine Zeitgenossen neu herausgebracht. Nur die katholische Kirche konnte die immer stärker auseinanderfallenden kulturellen Räume des italienischen Südens und des deutschen Nordens zusammenhalten;22 zu diesem Zweck hat sich Petrus Canisius in Deutschland unablässig für Rom und in Rom unablässig für Deutschland eingesetzt. Und nur die katholische Kirche konnte zwischen dem in der Entdeckungszeit wachsenden globalen Anspruch des Christentums und den religiösen Bedürfnissen vor Ort bei den einzelnen Gläubigen vermitteln; zu diesem Zweck hat er sich auf dem ökumenischen Konzil von Trient genauso engagiert wie als Prediger auf der Domkanzel in Augsburg oder als Exerzitienmeister und spiritueller Ratgeber an praktisch allen Orten, an denen er je gewirkt hat.
Aufgrund dieser tiefen Überzeugung von der einzigartigen Bedeutung der katholischen Kirche ist er im wörtlichen wie im übertragenen Sinne ohne Pause als Botschafter der Erneuerung dieser Kirche unterwegs gewesen. Er hat so versucht, quasi als Verkörperung der kirchlichen Berufung zum Brückenbauen zwischen den immer stärker auseinanderdriftenden geistigen, kulturellen und religiösen Welten, tragfähige Verbindungen herzustellen. Er hat dabei Bemerkenswertes geleistet. Man muss aber auch ganz unumwunden feststellen: Oft genug ist er damit gescheitert. Gerade in den religiös aufgeladenen Konflikten in Deutschland hat er selbst fatalerweise bei etlichen Gelegenheiten nicht unerheblich dazu beigetragen, dass es zwischen der protestantischen und der katholischen Welt über Jahrhunderte hinweg zu einer nachhaltigen Entfremdung gekommen ist. Er war bei aller geographischen und geistigen Beweglichkeit immer auch ein Kind einer in Religionsdingen zum Teil geradezu hysterischen Welt. Seinen unrühmlichsten Ausdruck hat diese religiöse Hysterie bei ihm in seiner berühmt-berüchtigten Verteidigung der im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum immer massiveren Hexenverfolgung gefunden. Er hat mit seinen Wortmeldungen und seinem Hang zum Dämonenglauben zur Verschärfung einer ohnehin bereits äußerst verschärften Situation beigetragen. – Dennoch: Man versteht ihn am besten nicht von diesen bedauerlichen Extremen her, sondern von der grundlegenden Dynamik, von der sein Leben geprägt war: Vom unablässigen Wandern zwischen den politischen, kulturellen und geistigen Welten seiner Zeit, die sich fatalerweise immer mehr voneinander entfremdeten und dabei Verwerfungslinien aufrissen und an denen Europa – und die Welt – über Jahrhunderte hinweg gelitten hat und teilweise bis heute leidet. Petrus Canisius erfüllte so mit seiner ganzen Existenz das spirituelle Idealbild eines Jesuiten, der sich nach einer berühmten Kurzformel seines Zeitgenossen und Mitbruders Jerónimo Nadal erst dann so richtig zuhause fühlt, wenn er unterwegs ist.23
Und wer weiß: Vielleicht kann gerade ein Blick in das bewegte Leben von Petrus Canisius dabei helfen, uns am Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends die höchst faszinierende, aber oft nur schwer zugängliche Welt der frühen Neuzeit mit ihrem kaum zu bändigenden religiösen Eifer etwas näherzubringen. Vielleicht ist er auch ein Wanderer zwischen der Welt von damals und der Welt von heute.
Der Bub, der auf dem linken Flügel des Nimwegener Renaissance-Flügelaltars vom Ende der 1520er Jahre hinter seinem Vater kniet und betet, blickt unter seinem Pagenschnitt etwas versonnen in die Welt hinein. Als Betrachter fragt man sich unwillkürlich, woran er wohl denkt. Nachzudenken gäbe es für ihn genug: Der 1521 geborene Peter Kanis ist noch keine zehn Jahre alt, aber er hat in seiner überschaubaren Vergangenheit schon einiges erlebt, das einen ins Grübeln bringen könnte.24 Vor allem: Seine Mutter Jelis van Houweningen ist erst vor Kurzem gestorben und hat ihn und seine jüngeren Schwestern Wendelina und Philippa als Halbwaisen zurückgelassen. Sie ist auf dem gegenüberliegenden rechten Flügel des Altars mit ihren insgesamt sechs Töchtern abgebildet, von denen fünf – inklusive Philippa – früh gestorben sind. Dass ihr einziger Sohn später zu einem besonders eifrigen Marienverehrer geworden ist, der sich am Ende eines dicken Buches über Maria direkt an die Gottesmutter wendet und darum bittet, „dass mein Name nicht etwa in die Liste deiner Freunde oder Söhne, aber doch wenigstens deiner kleinen Schützlinge und Diener hineingeschrieben werde“25, ist von einer intimen Kennerin seines Lebens psychologisch mit diesem frühen Verlust der leiblichen Mutter erklärt worden.26
Aber nicht nur Peter, auch sein Vater Jacob Kanis musste mit diesem harten Verlust umgehen. Er tat es so, wie man es sich damals von einem gutsituierten Bürger erwartete: Zuerst gab er den Flügelaltar mit den Abbildungen seiner Familie auf dem linken und rechten Flügel und dem zentralen Bild der Kreuzigungsgruppe als Andenken an seine erste Frau in Auftrag – und sah sich dann als verantwortungsbewusster Vater so schnell wie möglich nach einer neuen Mutter für seine beiden unmündigen Kinder um. Zu dem Zeitpunkt, als der Altar fertig gestellt war, dürfte er sie bereits gefunden haben. 1530 wurde geheiratet. Wendelina van den Bergh, die ihrem Jacob in den kommenden Jahren ein volles Dutzend Kinder schenken sollte, wurde für den jungen Petrus Canisius glücklicherweise zu mehr als nur einer mehr oder weniger geduldeten Stiefmutter. Er blieb ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1557 eng verbunden, obwohl sie sich mit einigen seiner Lebensentscheidungen nicht leicht abfinden konnte und er sie immer wieder per Post ermahnte, dass sie in der Erziehung seiner zahlreichen Halbgeschwister zu lax sei. Seinen ersten erhaltengebliebenen Brief an sie unterzeichnete er als „Peter Kanis, dein Sohn, für immer dir in Gott ergeben“.27
Einem Flügelaltar (1526/30) verdanken wir das erste Porträt von Petrus Canisius im Alter von noch nicht einmal zehn Jahren. Er kniet betend hinter seinem Vater Jacob Kanis, der den Flügelaltar zum Andenken an seine verstorbene erste Frau in Auftrag gegeben hat.
Vielleicht hat der noch nicht zehnjährige Peter Kanis auf dem Flügelaltar aber nicht nur über die tiefgreifende Erfahrung des Verlusts seiner Mutter und dessen damals noch nicht ganz absehbaren Folgen für ihn und seine Schwester nachgedacht bzw. nachdenken müssen, sondern auch schon über seine persönliche Zukunft. Dass er auf dem linken Flügel des Altars als damals noch einziger Sohn und Erbe in Aussehen und Kleidung als verkleinerte Version seines Vaters Jacob unmittelbar hinter diesem abgebildet wurde, war nämlich nicht nur künstlerische Konvention. Jacob Kanis dürfte seine Zukunft schon damals relativ genau für ihn vorausgeplant haben, und klar war: Der kleine Peter sollte eines Tages in seine Fußstapfen treten und auf dem weiterbauen, was er als Vater grundgelegt hatte. Peter kam aus einer guten Familie und das sollte sich auch in seiner beruflichen und persönlichen Entwicklung widerspiegeln. – Jacob konnte auch wirklich zu Recht stolz auf sich und seine Lebensleistungen sein. Er hatte bereits eine höchst beeindruckende Karriere hinter sich, als er seine Familie auf dem Flügelaltar verewigen ließ, und sollte auch in weiterer Folge bis zu seinem Tod knapp fünfzehn Jahre später stets ein einflussreicher und hochgeachteter Mann bleiben. Nach rechtswissenschaftlichen Studien in Köln und Orléans war er in die Dienste von Herzog René II. von Lothringen getreten, für den er aber nicht nur in juristischen Angelegenheiten tätig war. Er hatte sich als sein Gesandter ausgezeichnet, war zum Erzieher der herzoglichen Söhne ernannt worden und hatte sich für seinen Brotherrn auch als Verwalter und Gouverneur der Festung Mayenne erfolgreich engagiert. Als es ihn schließlich doch wieder in seine Heimatstadt Nimwegen zurückzog, war er aufgrund seiner Leistungen in den Adelsstand erhoben worden und konnte zudem fortan Jahr für Jahr mit einem Geldgeschenk des dankbaren Herzogs rechnen. Zurück in Nimwegen gründete er 1519 im nach den damaligen Vorstellungen für einen Mann perfekten Alter von 30 Jahren eine Familie mit der vermögenden Apothekerstochter Jelis van Houweningen. Von einem Rückzug ins Familien- und Privatleben konnte allerdings auch jetzt keine Rede sein. Er engagierte sich mit größtem Einsatz in der kommunalen Politik und wurde insgesamt neunmal zum Bürgermeister von Nimwegen gewählt. Sein mühsam erarbeitetes Renommee blieb ihm auch in dieser neuen Lebensphase über die Stadtmauern hinaus weiter erhalten. So vertrat er im Jänner 1540 seinen Landesfürsten, den Herzog von Geldern, bei der vierten Hochzeit des berüchtigt heiratswütigen englischen Königs Heinrich VIII., diesmal mit der unglücklichen Anna von Kleve. Kurz vor seinem Tod Ende Dezember 1543 leistete Jacob noch im September als erster Vertreter des Magistrats von Nimwegen seine Unterschrift unter den Vertrag von Venlo, mit dem das Herzogtum Geldern nach längeren Konflikten an Kaiser Karl V. fiel.28
Eine solche Musterbiographie wünschte sich der honorige Nimwegener Patrizier Jacob Kanis auch für seinen Sohn Peter. 1535 und damit nur wenige Jahre nach der Anfertigung des familiären Flügelaltars wurde der 14-Jährige deshalb ins nahe Köln auf der deutschen Seite des Rheins geschickt. Bis dahin hatte er eine eher mäßige elementare Schulbildung genossen. Das sollte sich nun ändern: Im Jänner 1536 wurde er an der Kölner Universität und damit an der Alma Mater seines Vaters immatrikuliert. Das Ziel war klar definiert: Auch aus dem kleinen Peter sollte ein Jurist werden. Das sollte der erste Schritt in einer erfolgreichen Karriere nach väterlichem Vorbild werden. Seine Studienerfolge waren dann auch wirklich bemerkenswert. Er machte bereits im gleichen Jahr seinen Abschluss als Bakkalaureus, wurde im Jahr darauf zum Magister artium promoviert und ging dann auf väterlichen Druck nach seinem Lizentiat 1539 ins belgische Löwen, um dort auch noch Kirchenrecht zu studieren. Ein ganzer Jurist musste entsprechend der seinerzeitigen Vorstellungen nämlich auch in diesem Fach firm sein. Aber es war bereits zu spät: Der noch nicht zwanzigjährige Peter hatte mittlerweile seine eigene Berufung gefunden und die passte so gar nicht zu den Plänen seines Vaters. Er wollte sein Leben ganz und gar der Religion widmen – und zwar ganz sicher nicht als Kirchenrechtler.
Tatsache ist nämlich, dass sich Peter Kanis bereits im frühen Kindesalter nicht nur mit dem Tod der Mutter und mit den ausgesprochenen oder unausgesprochenen väterlichen Plänen für seine berufliche Zukunft auseinandersetzen hatte müssen. Er hatte bereits damals mit geistlichen Erfahrungen zu ringen gehabt, die ihn innerlich tief bewegten und herausforderten. Vielleicht waren es gerade diese Erfahrungen, die den versonnenen jungen Patriziersohn, der vom Nimwegener Flügelaltar herausblickt, schon im Alter von noch nicht einmal zehn Jahren im tiefsten Inneren beschäftigten. Immerhin erinnert er sich als alter Mann daran, „dass ich schon als Knabe ernstlich über die Wahl einer heilsamen, mir zusagenden Lebensweise nachdachte“29. Glücklicherweise wissen wir, wie eine für ihn besonders prägende religiöse Erfahrung aus dieser frühen Phase seines Lebens konkret ausgesehen hat: Der Vielschreiber Petrus Canisius war normalerweise ein nur wenig auskunftsfreudiger Protokollant seiner innersten seelischen Erfahrungen. Aber um das Jahr 1570 herum berichtete er in seinen autobiographischen Bekenntnissen mit untypischem Gefühl davon, was er irgendwann im Alter zwischen acht und zehn Jahren in der Nimwegener Stephanskirche erlebt hatte. Man führt sich diese eindrucksvolle religiöse Erfahrung am besten in seinen eigenen Worten zu Gemüte:
„Ich war noch ein Knabe, als ich einst in der Kirche des heiligen Erzmärtyrers Stephanus zu Nymwegen betete und deinen hochheiligen Leib, o Herr, neben dem Hochaltar demütig flehend verehrte. Ich kann nicht die Gnade vergessen, die du mir als Kind bei dieser Gelegenheit erwiesen hast. […] Ich glaube bestimmt, daß du, o Herr, diesen Geist der Furcht und frommer Besorgnis erweckt und erhalten hast, damit ich in der unbeständigen und zum Leichtsinn neigenden Jugendzeit an deiner Furcht gleichsam einen Erzieher und Beschützer hätte und nicht so leicht auf verkehrte Wege gerate. Denn du durchbohrtest ‚mit der Furcht vor dir mein Fleisch‘, damit ich anfinge, mich vor deinen Gerichten zu fürchten.“30
Vielleicht kommen bei dem einen oder anderen angesichts dieser massiven Betonung der Furcht vor Gott am Beginn des spirituellen Lebens von Petrus Canisius alle möglichen und unmöglichen (jedenfalls aber anachronistischen) Vorbehalte gegen eine solche religiöse Erfahrungswelt auf. Aber egal, ob man das, was Petrus Canisius hier beschreibt, im Einzelnen für gut oder weniger gut hält, sicher ist, dass man auch noch ein halbes Jahrtausend später durch die ungewohnte fromme Sprache hindurch eine große spirituelle Empfindsamkeit hören kann. Petrus Canisius war offenbar schon als Bub für innerliche Erfahrungen empfänglich, die ihn sehr früh zu einer sehr bewussten und tiefempfundenen Religiosität geführt hatten.31 Diese religiöse Empfindsamkeit lässt sich nicht soziologisch mit der damaligen Selbstverständlichkeit von religiösen Überzeugungen erklären. Man wird ihr auch nicht gerecht, wenn man sie psychologisch auf das Pflichtgefühl gegenüber seiner verstorbenen Mutter zurückführt, die ihre Familie auf dem Sterbebett eindringlich ermahnt hatte, sich angesichts der religiösen Umwälzungen der frühen Reformation, die in den 1520er Jahren auch in Nimwegen überdeutlich spürbar geworden waren, niemals von der katholischen Kirche abzuwenden. Sie war für ihn eine echte Herzenssache.
Wahrscheinlich hat Jacob Kanis schon lange, bevor er seinen Sohn zum Studium nach Köln geschickt hatte, geahnt, dass Peter aus einem anderen Holz geschnitzt war als er selbst. Peter hatte sich schon in Nimwegen in einem Milieu bewegt, das vom Streben nach spiritueller Innerlichkeit bestimmt war, und er hatte sich darin offenbar wohlgefühlt wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Seine Mutter war fromm gewesen, seine Stiefmutter war fromm. Noch dazu war sie nicht nur die Schwester eines späteren Hofkaplans von Kaiser Ferdinand I., sondern (und für Petrus Canisius viel wichtiger) die Nichte der bekannten niederländischen Mystikerin und Begine Maria van Oisterwijk. Zur erweiterten Familie gehörte dann auch noch die Großtante Reinalda van Eymeren, die mit Die evangelische Perle das letzte große Werk der flämisch-rheinischen Mystik verfasst hat.32 Mit beiden Frauen kam der junge Peter in näheren Kontakt.33 Bei seinen Gesprächen mit ihnen wurden Dinge zur Sprache gebracht, die sich ihm tief ins Gedächtnis einbrannten und seine weitere geistliche Biographie maßgeblich beeinflussen sollten. Reinalda, die oft im Nimwegener Bürgermeisterhaus zu Gast war, sagte ihrem jungen Verwandten Peter schon vor seinem Umzug nach Köln bei einer Gelegenheit „die Gründung eines neuen Priesterordens voraus, […] dem auch ich mich anschließen werde“, obwohl doch damals „noch kein Mensch an die Jesuiten“ dachte. Maria van Oisterwijk ihrerseits erklärte ihrem Stiefgroßneffen etwas später, „ich würde einst durch meine schriftstellerischen Arbeiten der Kirche gute Dienste leisten“. So jedenfalls erinnerte sich der als Schriftsteller berühmtgewordene Jesuit Petrus Canisius mehr als ein halbes Jahrhundert später und bekräftigte, was wie eine allzu fromme Geschichte klingt, mit dem größtmöglichen Nachdruck: „Bei Gott, ich erdichte nichts; ich gebe nur der Wahrheit Zeugnis.“34
Nikolaus van Essche (1507–1578) war der maßgebliche geistliche Mentor von Petrus Canisius in seiner Zeit an der Universität Köln. Seine von der Kartäuserfrömmigkeit geprägte mystische Religiosität hat auf den jungen Studenten großen Eindruck gemacht.
Kupferstich von J. B. Berterham, um 1700.
Dass ihn sein Vater aus dieser religiös durchtränkten Umgebung nach Köln geschickt hatte, führte nicht zu einer Eindämmung der spirituellen Neigungen Peters durch die nüchternen Anforderungen des Studiums, ganz im Gegenteil. In Köln wurde er nicht nur zuerst Mitglied der von seinen Landsleuten dominierten Montanerburse, die sich dem wichtigsten mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin als ihrem geistigen Patron verschrieben hatte, sondern kam dann vor allem als Untermieter in das Studentenpensionat von Andreas Herll, wo er unter die geistliche Führung von Nikolaus van Essche geriet. Dieser van Essche stand unter anderem auch mit Maria van Oisterwijk in engem Kontakt, die bereits 1530 nach Köln übersiedelt war. Er machte den jugendlichen Peter noch intensiver mit der ihm bereits aus seiner Nimwegener Heimat in Ansätzen bekannten spätmittelalterlichen Frömmigkeitstradition der Devotio moderna vertraut, der es in erster Linie um die innerliche Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott ging und nicht so sehr um äußerliche religiöse Formen und Rituale.
Zudem lehrte er ihn, die Bibel als einen geistlichen Fahrplan in eine solche persönliche Beziehung zu Gott hinein zu lesen, und förderte die Vertrautheit Peters mit dem Evangelium, indem er ihn täglich einen kurzen Textabschnitt daraus meditieren und auswendig lernen ließ. Hier dürfte der Anfang der unglaublichen Bibelfestigkeit von Petrus Canisius liegen, die einige seiner Biographen sogar zur Vermutung veranlasst hat, dass er die ganze Bibel oder mindestens wesentliche Teile auswendig gekannt haben muss.
Für seine zukünftige geistliche Entwicklung vielleicht noch wichtiger war aber, dass van Essche ihn mit der Kölner Kartause unter ihrem berühmten Prior Gerhard Kalckbrenner und so mit einem der pulsierendsten Zentren spirituellen Lebens im katholischen Milieu des römisch-deutschen Reiches intensiv in Kontakt brachte. Van Essche wurde auf diese Weise ein wichtiges Verbindungsglied in die religiöse Zukunft seines jungen Schützlings. Für Peter Kanis sollten die Kartäuser von Köln nämlich zu enorm wichtigen Geburtshelfern in sein zukünftiges geistliches Leben als Jesuit hinein werden.
Für den nüchternen Jacob Kanis musste es scheinen, dass sein Sohn mit dem Beginn seiner Studien vom frommen Regen Nimwegens in die noch frömmere Traufe Kölns gekommen war. Für Peter selbst dagegen war es wie ein Heimkommen. Sein spiritueller Appetit wuchs, je mehr er von Spiritualität umgeben war. Jacob versuchte, ihm anders beizukommen und ihn doch noch auf Schiene zu bringen, diesmal mit Hilfe einer hübschen Erbin, die ihn ins großbürgerliche Leben eines Nimwegener Bürgermeistersohnes locken sollte. Als auch das scheiterte und Peter sich in einem privaten, aber nach den damaligen Vorstellungen bindenden Gelübde im Alter von 18 Jahren auf lebenslange Keuschheit verpflichtete, bemühte sich Jacob in einer letzten Aufwallung väterlichen Engagements, aus Peters offensichtlich unüberwindlicher Berufung ins religiöse Leben das Beste zu machen, was nach seinen Maßstäben noch möglich war. Peter sollte zu seiner standesgemäßen Versorgung wenigstens eine gut dotierte geistliche Pfründe im Kölner Domkapitel erhalten, die er als Bürgermeister von Nimwegen verleihen durfte. Man wird Jacob nicht unrecht tun, wenn man ihm unterstellt, dass er seinem Sohn damit eine kirchliche Karriere ermöglichen wollte, die ihn bei seinen offensichtlichen Talenten vielleicht sogar bis zum Bischofsamt geführt hätte. Aber Peter verweigerte sich auch diesmal. Er wollte anders, nämlich echt geistlich leben, und beharrte gegen alle väterlichen Vorstellungen darauf, seinen eigenen Weg zu finden, wie das für ihn möglich war. Dass das Leben eines Kirchenfürsten für ihn jedenfalls nicht der geeignete Weg war, stand für ihn offensichtlich von allem Anfang an außer Frage.
Vielleicht hat sich dieses unaufhörliche jugendliche Ringen mit den väterlichen Erwartungshaltungen und Plänen auch unmittelbar auf seine späteren theologischen Überzeugungen ausgewirkt. Dass Petrus Canisius etwa zwanzig Jahre später in seinem berühmten Kleinen Katechismus das alttestamentliche vierte Gebot der Ehrerbietung gegenüber den Eltern auffällig stark aus dem familiären Zusammenhang herauslöste und es vor allem als Gebot der Unterordnung unter die kirchliche Obrigkeit interpretierte, könnte man durchaus in diesem Sinne verstehen.35 Sicher ist jedenfalls, dass er selbst als Jugendlicher die väterliche Autorität eher als belastend für seine religiöse Entwicklung empfunden haben dürfte, die Repräsentanten der kirchlichen Welt dagegen als diejenigen, die ihm seinen Traum von einem echt geistlichen Leben ermöglichten. – Es ist auf diesem Hintergrund kein Wunder, dass das erste geschriebene Wort, das uns von Petrus Canisius erhalten ist, „PERSEVERA“ lautet: „Halte durch!“ Er hatte es als 17-jähriger Student in Köln in Großbuchstaben oben auf die erste Seite seines Schulheftes geschrieben. Es war genau die Zeit, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass sich seine eigenen Pläne und die seines Vaters grundsätzlich nicht auf eins bringen ließen. Da hieß es entweder nachgeben oder durchhalten. Petrus Canisius entschied sich mit Nachdruck und in Großbuchstaben für das Durchhalten. Es sollte das Motto seines Lebens werden.
Auf dieser ersten Seite eines Schulhefts des 17-jährigen Petrus Canisius findet sich in Großbuchstaben sein Lebensmotto: „PERSEVERA“ (Halte durch!) – und andere nützliche Notizen wie z. B. ein Rezept gegen Nasenbluten.
Was dann passierte, könnte man sich nicht symbolträchtiger vorstellen: So wie der rebellische Teenager Peter Kanis Schritt für Schritt aus den Plänen seines Vaters verschwand, so verschwand schließlich auch der noch nicht zehnjährige Bub Peter Kanis aus dem Familienbild auf dem Nimwegener Flügelaltar. Er wurde etwa um 1580 herum übermalt mit seinem Halbbruder Gerit Kanis, dessen Lebensweg mehr nach dem Geschmack Jacobs war und der nach dem Tod des Vaters zum Oberhaupt der Familie werden und ihn viel später auch noch als Bürgermeister von Nimwegen beerben sollte. Wer diese massive Retusche am Flügelaltar in die Wege geleitet hat, wissen wir nicht. Genauso wenig wissen wir, ob sich Peter davon getroffen fühlte, dass man ihn aus dem Doppelporträt mit seinem Vater quasi ausradiert hatte (oder ob er vielleicht sogar erleichtert war). Als Jacob im Dezember 1543 im Sterben lag, war er aber jedenfalls sofort nach Nimwegen aufgebrochen. Er hatte seinen lange gesuchten geistlichen Weg jenseits der väterlichen Welt kaum mehr als ein halbes Jahr zuvor endlich gefunden. Im Mai war er zum ersten Mitglied der Gesellschaft Jesu aus dem römisch-deutschen Reich geworden. In seinen zahlreichen Briefen und vielfältigen anderen Schriften gibt es keinen Hinweis, wie sich Petrus Canisius angesichts des Todes des Vaters gefühlt haben mag. Allerdings gab er etwa ein Vierteljahrhundert später in seinen Bekenntnissen eine gewisse Furcht um das Seelenheil des Vaters zu Protokoll, der „viele Fehler begangen und manches nicht gesühnt hat“36. Ein anderer seiner Halbbrüder, Derick Canisius, der auch Jesuit geworden war, erinnerte sich viel später jedoch daran, dass Peter diesem Problem unmittelbar am Totenbett des Vaters auf seine typische Art begegnet war: Er bat „nach dem Tode seines Vaters die ganze Nacht unter vielen Tränen Gott […], seinem Vater Verzeihung und Frieden zu schenken. Und Gott, der Vater der Erbarmungen hörte seine kindlichen Seufzer und tat Canisius kund, daß sein Vater und seine Mutter im Himmel seien.“37
Einen vielleicht noch intimeren – und biographisch versöhnlicheren – Einblick in das komplizierte Vater-Sohn-Verhältnis als diese sehr fromme Erinnerung bietet das, was Petrus Canisius selbst etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später in seinem letzten Lebensjahr an seinen Neffen schrieb: „Mach deinem Namen Jakobus keine Schande; du hast dir ja mit diesem Namen das Leben meines Vaters zum Vorbild genommen, und du weißt wohl, welch seltene und hervorragende Fähigkeiten er hatte.“38 Die Befreiung aus der väterlichen Welt hatte seinen Traum von einem geistlichen Leben überhaupt erst möglich gemacht. Aber trotzdem blieb er bis zu seinem Tod mit spürbarem Stolz der Sohn des Jacob Kanis, der sich nicht nur unermüdlich um seine eigene Karriere gesorgt hatte, sondern genauso unermüdlich (wenn auch erfolglos) auch um die Karriere seines Sohnes.
Das Bild des jungen Peter Kanis auf dem Nimwegener Flügelaltar wurde erst bei einer Restaurierung im Jahr 1988 hinter der nachträglichen Übermalung wieder freigelegt, nachdem es kurz zuvor mit Hilfe von Röntgenstrahlen dort wiederentdeckt worden war. Der Altar wird heute in dieser ursprünglichen Form im Stadtmuseum von Nimwegen aufbewahrt.39 Erst seit damals blickt dieser noch nicht zehnjährige Bub mit seinem versonnenen Blick wieder in eine ihm noch weitgehend unbekannte Welt hinein – eine Welt, die er als Erwachsener vor allem auf religiöser Ebene wie kaum einer seiner Zeitgenossen im religiös höchst turbulenten 16. Jahrhundert mitgestaltet hat. Dazu musste er aber aus der väterlichen Welt von Nimwegen ausbrechen und nach neuen Welten Ausschau halten.
Viel erinnert auf dem Bild des altgewordenen Petrus Canisius, das ihn in den späten 1590er Jahren und damit in seiner letzten Lebensphase im schweizerischen Freiburg zeigt, nicht mehr an den jungen Peter Kanis vom Nimwegener Flügelaltar, das auffallend volle Haupthaar und die Frisur vielleicht ausgenommen.
Das dürfte ihm durchaus recht gewesen sein. Immerhin hatte er über die Jahre hinweg eifrig daran gearbeitet, sich von seinen heimatlichen und familiären Wurzeln zu emanzipieren und ganz in dem geistlichen Leben aufzugehen, für das er sich gegen die väterlichen Pläne entschlossen hatte. Dieses neue geistliche Leben hatte er mit einem existenziellen Befreiungsschlag begonnen, als er sich am 8. Mai 1543 und damit punktgenau an seinem 22. Geburtstag durch seine ersten Gelübde an die junge Gesellschaft Jesu gebunden hatte, die nördlich der Alpen damals noch kaum bekannt war. Der 8. Mai war für ihn fortan dementsprechend nicht mehr in erster Linie sein Geburtstag als Sohn einer wohlhabenden Bürgermeisterfamilie, sondern der Tag seiner geistigen Wiedergeburt als Jesuit. Damit hatte er sein altes Leben – diesen bis auf einige göttliche Gnadeninterventionen geistlich mehr oder weniger vergeudeten „Zeitraum vor meinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu“40 – endgültig hinter sich gelassen, und zwar ganz bewusst „ohne Abschied von meinen Eltern zu nehmen und ohne Wissen meiner Freunde“41. Sie waren ja ein Teil seines alten Lebens. 1547 instruierte er sogar einen seiner jesuitischen Mitbrüder, dass die Briefe seiner leiblichen Brüder erst nach einer ordensinternen Zensur an ihn weitergeleitet werden sollten.42 Nichts sollte ihn mehr unmittelbar mit seinem alten Leben verbinden. Was er für seine Familie in Zukunft noch sein sollte, das war er (und zwar tatsächlich mit sehr großem Einsatz) als religiöser Ratgeber und Wächter über ihre katholische Rechtgläubigkeit.43
Dieser ausdrucksstarke Kupferstich von Dominikus Custos aus dem Jahr 1599 bietet ein authentisches Porträt des altgewordenen Petrus Canisius. Er ist zur Grundlage aller späteren Darstellungen in Kunst und Kitsch geworden.
Als der alte Petrus Canisius in den späten 1590ern quasi von seinem Altersbildnis auf sein Leben zurückblickte, blickte er dementsprechend vor allem auf sein zweites Leben und damit sein Leben als Jesuit zurück. In diesem zweiten Leben hatte er auch tatsächlich unglaublich viel erlebt: Grundlegend für alles Weitere war, dass er seiner jesuitischen Berufung schon sehr früh ein klares Profil gegeben hatte. Ihm war bewusst geworden, dass seine Lebensaufgabe als Jesuit darin bestand, „mit dem Engel der Deutschen (dem hl. Michael)“44 zusammenzuarbeiten und sich dementsprechend vor allem für die Wiederbelebung des scheintoten deutschen Katholizismus einzusetzen. Das ging so weit, dass er während seiner zweieinhalb italienischen Jahre von 1547 bis 1549 von seinem Ordensvater Ignatius von Loyola wegen seines ständigen „Brütens über Deutschland“45 ermahnt werden musste. Aber er konnte nicht anders: Der Einsatz für die Wiederaufrichtung der katholischen Kirche in Deutschland war das große Anliegen, das sein ganzes weiteres Leben prägte, und er war bereit, sich und seine ganze Existenz dafür in die Waagschale zu werfen. Der Rektor des Prager Jesuitenkollegs Ursmar Goisson traf in diesem Zusammenhang den entscheidenden Punkt, wenn er feststellte, er „besitzt die Gabe, allen alles zu sein“46
