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Pflicht, Panzer, Pazifismus – und die Frage, wie man Frieden wirklich schützt. Ein ehemaliger Soldat der Bundeswehr blickt zurück und trifft die Gegenwart mitten ins Mark.
Pflicht und Frieden! ist eine autobiografische Erzählung über 15 Monate Wehrdienst plus anschließendem Reservedienst in der Panzertruppe Anfang der 1970er – ehrlich, detailgenau, ohne Heldenton. Das Buch verknüpft diese Erfahrung mit einer schonungslosen Analyse der heutigen Sicherheitslage. Martin E. Bertram, Jahrgang 1953, schildert seinen Weg vom unsicheren Abiturienten zum ausgebildeten Panzersoldaten: Grundausbildung, erster Alarm, Vollausbildung am Kampfpanzer, Lehrgänge in Munster und Baumholder, Routine, Unfälle, Reserve – bis „Ende, Schluss, aus!“
Zwischen Anekdote und Ernst leuchtet er das Spannungsfeld aus: persönliche Prägung durch den Dienst, kritisch-pazifistische Sozialisation, das schwierige Verhältnis der Gesellschaft zur Bundeswehr – und warum Verteidigungsfähigkeit kein theoretischer Luxus ist. Aktuelle Bezüge zu Ukrainekrieg, Nahost, NATO, „Zeitenwende“ und Zivilschutz verorten die Erinnerungen klar im Heute, ohne sie zum Sachbuch zu verbiegen. Ergebnis: ein persönliches, pointiertes Plädoyer für nüchternes Denken jenseits von Schlagworten.
Das erwartet Sie: - Authentische Bundeswehr-Erfahrung: vom Einzug in die Graf-Goltz-Kaserne über die Sprache der Truppe bis zur Technik des Kampfpanzers M48 – nah dran, verständlich, ohne Pathos. - Zeitdiagnose mit Haltung: wie man mit Pazifismus, Abschreckung und Bündnissen ehrlich umgeht, wenn die Weltlage kippt. - Autor mit Doppelperspektive: Offiziersanwärter der Reserve damals; später Manager in der Luftfahrtindustrie.
Lesen Sie Pflicht und Frieden! jetzt – und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil darüber, was Dienst, Verantwortung und echter Frieden heute bedeuten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Martin E. Bertram
Pflicht und Frieden!
Gedanken über Krieg und Frieden in der Zeitenwende
EK-2 Militär
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Klappentext: Der deutsche UN-Soldat Rick Marten kämpft in dieser rasant geschriebenen Fortsetzung zu H.G. Wells »Krieg der Welten« an vorderster Front gegen die Marsianer, als diese rund 120 Jahre nach ihrer gescheiterten Invasion erneut nach der Erde greifen.
Deutsche Panzertechnik trifft marsianischen Zorn in diesem fulminanten Action-Spektakel!
Band 1 der Trilogie wurde im Jahr 2017 von André Skora aus mehr als 200 Titeln für die Midlist des Skoutz Awards im Bereich Science-Fiction ausgewählt und schließlich von den Lesern unter die letzten 3 Bücher auf die Shortlist gewählt.
»Die Miliz-Szenen lassen einen den Wüstensand zwischen den Zähnen und die Sonne auf der Stirn spüren, wobei der Waffengeruch nicht zu kurz kommt.«
André Skora über Band 1 der Weltenkrieg Saga.
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Die aktuellen Ereignisse in der Welt, insbesondere in Bezug auf den Krieg in der Ukraine, lassen den Autor an seine eigenen Erfahrungen mit der Bundeswehr zurückdenken, die mittlerweile über 50 Jahre zurückliegen. Nach vielen Jahren des Friedens in Mitteleuropa gewinnt das Thema Landesverteidigung plötzlich wieder dramatisch an Bedeutung und die alten Überlegungen, die er in den Siebzigern zu diesem Thema anstellte, sind aktueller als je zuvor. Das Buch will kein historisches oder wehrtechnisches Sachbuch sein und streift diese Dinge nur am Rande ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr schildert Martin E. Bertram bewusst subjektiv seine Erinnerungen an die Wehrdienstzeit, die anders verlief als erwartet und ergänzt sie um Gedanken zur heutigen Situation. Es soll kein Loblied auf die Bundeswehr sein, sehr wohl aber die Einsicht in ihre Notwendigkeit zum Ausdruck bringen.
Martin E. Bertram, Jahrgang 1953, leistete 1972/73 den 15-monatigen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr in einer Kampfpanzereinheit ab und beendete ihn als Fähnrich der Reserve. Nach Beendigung einer kaufmännischen Ausbildung und des Studiums der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er zunächst als technischer Einkäufer, dann als Manager für die Bereiche Einkauf und Logistik und als Director Supply Chain Management in der Luftfahrtindustrie. Seit seiner Pensionierung widmet er sich dem Schreiben von Texten zum Zeitgeschehen und betreibt als „professionelles Hobby“ gemeinsam mit seinem Bruder eine Künstleragentur.
Si vis pacem para bellum
(Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg)
Marcus Tullius Cicero
„Für die meisten Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen ist die Bundeswehr tabu. Erlaubt ist ein diffuses Dagegensein. Ansonsten gilt: tarnen, täuschen und verpissen.“
(Cora Stephan in WELT PRINT am 04.09.2008)
Na, dann wollen wir mal. Wobei ich mich nicht unbedingt als Künstler, Schriftsteller oder Intellektuellen, sondern eher als ganz normalen Bürger unseres Landes bezeichnen möchte.
Das Jahr 2025 neigt sich dem Ende zu und ich habe das Gefühl, dass die Welt immer mehr aus den Fugen gerät. Der Ausbruch der Coronakatastrophe liegt gerade fünf Jahre zurück. Wie viele andere auch habe ich mir in meinem Leben nicht vorstellen können, dass wir einmal mit einer so gigantischen Katastrophe konfrontiert werden und dass der Umgang mit dieser Situation zu Verwerfungen in der Gesellschaft führen würde, die bis heute nachwirken. So werde ich von wildfremden Leuten beschimpft, wenn ich erwähne, dass ich mich wie all die Jahre zuvor auch dieses Jahr wieder gegen Grippe impfen lasse. Verrückt.
In 2022 hat Russland die Ukraine überfallen und einen fürchterlichen, nunmehr Jahre andauernden grausamen Krieg angezettelt, dessen Ende nicht absehbar ist. Alle Friedensbemühungen sind bisher fehlgeschlagen, perlen am russischen Staatschef Putin regelrecht ab. Mehr noch, im Juni 2025 lässt er bei einer Rede in St. Petersburg verlauten: "Wo der Fuß eines russischen Soldaten steht, das gehört uns".
Im Nahen Osten hat die Hamas am 07. Oktober 2023 Israel auf breiter Front überfallen und mit einer unfassbar brutalen terroristischen Aktion eintausendzweihundert Männer, Frauen und Kinder, man kann es nicht anders sagen, abgeschlachtet. Israel schlägt fürchterlich und unangemessen hart zurück, so dass der Gazastreifen völlig in Trümmern liegt und unendliches Leid über die Bevölkerung gebracht wird.
Vom Iran unterstützte Huthi Rebellen beschießen und versenken im Roten Meer Frachtschiffe mit modernsten Waffen, die USA, England und die EU setzen Kriegsschiffe zum Schutz des Schiffsverkehrs ein.
Als wenn das alles nicht schon genug wäre, eskaliert die Lage im Sommer 2025 noch einmal. Israel greift den Iran an, um dessen Bemühungen, sich zu einer Atommacht zu entwickeln, zunichtezumachen. Der Iran antwortet mit Raketen- und Drohnenbeschuss auf Israel, die USA greifen ein und werfen bunkerbrechende Bomben auf iranische Atomanlagen.
Nordkorea, auch Atommacht, rüstet immer weiter auf und droht offen mit Krieg. China lässt keinen Zweifel daran, sich Taiwan notfalls mit Waffengewalt einverleiben zu wollen und unterstreicht diese Drohung mit großangelegten Militärübungen, bei denen sich Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge der Insel von allen Seiten nähern.
Dazu die Klimakrise mit ihren dramatischen Folgen wie Unwetterkatastrophen und Überschwemmungen.
Die in Deutschland politisch ungeschickt getroffenen Maßnahmen zur Einleitung der notwendigen Energiewende und insbesondere das Dauerthema „Zuwanderung“ lösen eine starke Verunsicherung und auch Spaltung der Bevölkerung aus.
Und als wenn das alles nicht schon genug wäre, so sind weltweit Populisten und Autokraten auf dem Vormarsch und verdrängen die klassischen demokratischen Systeme, dass es einem nur so graut. Die Weltlage verheißt nichts Gutes. Wenn man meint, schlimmer kann es nicht mehr kommen, dann läuft in den USA Donald Trump nach seiner Wiederwahl mit seinem Gruselkabinett regelrecht politisch Amok und kündigt neben vielen anderen Eskapaden de facto das transatlantische Bündnis auf. Mit vielen Worten und durch sein Handeln signalisiert er, dass Europa sich im Falle eines militärischen Konfliktes in Zukunft nicht mehr zweifelsfrei auf die Unterstützung durch den amerikanischen Partner verlassen kann.
Es wird endgültig klar, dass, wie man so sagt, „die Hütte brennt“. Nichts ist mehr so und wird auch nicht mehr so sein wie früher.
Es vergeht kein Tag, ohne dass man von irgendeiner Seite mit aktuellen Nachrichten zu Themen wie Krieg, Waffen und Bundeswehr regelrecht zugeschüttet wird. Natürlich ist all dieses bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit das dominierende Thema im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, bei Gesprächen mit Nachbarn über den Gartenzaun oder mit Menschen, die man beim Hundespaziergang trifft.
Die Diskussionen sind sehr oft kontrovers, je nach persönlichem oder politischem Standpunkt zu den Geschehnissen, und wenn man auf Hardliner trifft, gleiten sie schon einmal in üble Pöbeleien ab, besonders in den sozialen Medien. In einem Punkt sind sich aber mit großer Mehrheit alle einig: man will keinen Krieg. Man möchte eigentlich noch nicht einmal darüber nachdenken oder davon hören und am liebsten überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben. Mit Aktien oder Fondsbeteiligungen Geld in der Rüstungsindustrie anlegen? Das kommt gar nicht in Frage. Mit Waffen Geld verdienen, das ist unmoralisch. Vom Thema Bundeswehr möchte man nichts hören. „Ich schaue schon gar keine Nachrichten mehr!“ höre ich oft.
Mich erinnert das an das sprichwörtliche Vogel-Strauß Verhalten. Was ich nicht sehe und wovon ich nichts höre, das existiert auch nicht. Also kann mir dann auch nichts passieren.
Wenn das mal kein Trugschluss ist! Wer so denkt, tanzt auf dem Vulkan, um die Metapher für riskantes und ahnungsloses Verhalten angesichts einer drohenden Katastrophe zu bemühen.
Was macht das alles mit mir? Welche Gedanken schießen mir durch den Kopf, welche Erinnerungen kommen in mir hoch?
Seit über fünfzig Jahren schlummern die Erinnerungen an meine Wehrdienstzeit in den Siebzigern tief in meinem Gedächtnis. Nach Beginn meines zivilen Berufslebens war das Thema Bundeswehr für mich abgehakt. Auch wenn ich vieles von damals nur noch schemenhaft und sicher auch unvollständig im Kopf habe, so hat mich der Wehrdienst doch sehr geprägt und es ist jetzt für mich an der Zeit, alles wieder hervorzukramen und die Geschichte meines Soldatenlebens als Wehrpflichtiger zu erzählen. Auch beeinflusst die Zeit, die ich damals „beim Bund“ verbracht habe, nicht ganz unerheblich meine eigene Sicht auf die aktuelle Weltlage.
Ich möchte in diesem Buch anhand meiner eigenen Erfahrungen beschreiben, wie ich mit den Themen Militär, Bundeswehr und Krieg konfrontiert wurde und davon erzählen, wie ich ganz persönlich in den Siebzigern zur Zeit des Kalten Krieges die Zeit bei der Bundeswehr erlebt habe. Diese Zeit liegt schon sehr lange zurück und meine Erinnerungen werden in keiner Weise repräsentativ sein, das ist mir klar. Auch sind die Randbedingungen heute sicher völlig andere. Vielleicht kann ich aber doch die eine oder andere Frage beantworten und dazu motivieren, über das Thema „kriegstüchtige Bundeswehr“ unvoreingenommen nachzudenken. Zu welchen Schlüssen man dann gelangt, das bleibt dem Leser überlassen.
Ich hatte das große Privileg, als „Babyboomer“, wie die „Generation Wohlstand der Nachkriegszeit“ heute bezeichnet wird, im sicheren und wohlhabenden (West-) Deutschland geboren zu sein. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa war aus heutiger Perspektive regelrecht berauschend: alte „Erzfeinde“, die noch einige Jahre zuvor einen von Deutschland angezettelten erbitterten Krieg gegeneinander geführt hatten, versöhnten sich, wuchsen wirtschaftlich und kulturell zusammen und bildeten gemeinsam das, was heute die EU ist. Schon in den 60ern und 70ern reisten wir in den Ferien wie selbstverständlich in die Niederlande, nach Frankreich, Spanien, Italien, um nur einige Länder zu nennen. Wir wurden überall freundlich aufgenommen und verbrachten dort eine tolle Zeit. Ein Wochenendtrip nach Amsterdam oder sogar Paris? Kein Problem! Dann in den 80ern der endgültige Wegfall der Grenzen im sogenannten Schengenraum. Völlige Reisefreiheit, man hatte das Gefühl, Europa ist ein einziges großes tolles Land.
Dann leitete Michail Gorbatschow ab 1985 in der Sowjetunion die „Perestroika“, die Umgestaltung der Wirtschaft, der Gesellschaft und der politischen Doktrin ein. Durch eine Reihe friedlicher Revolutionen in den damaligen Sowjetstaaten und letztlich die Wiedervereinigung Deutschlands in 1990 löste sich die Sowjetunion auf. Der „kalte Krieg“ war de facto beendet. Durch die folgende Osterweiterung der EU erweiterte sich der Radius unserer Reisefreiheit weit nach Osten. Die Schrecken des 2. Weltkrieges und die Repressalien, denen die Bevölkerung der Staaten des Warschauer Paktes bis zur Auflösung der Sowjetunion unterlagen, schienen vergessen. Militär, Aufrüstung, Bundeswehr waren für uns keine beherrschenden Themen mehr.
Bis dann in 2014 Russland die Krim völkerrechtswidrig militärisch besetzte und annektierte und in 2022 einen offenen Krieg gegen die Ukraine begann. Von da an sah die Welt für uns schlagartig wieder anders aus und die von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ rückte das Thema Bundeswehr wieder ganz weit nach vorne.
Ein großer Teil meiner und auch der jüngeren Generationen ist ziemlich stramm pazifistisch eingestellt. Aber was heißt das überhaupt? Ich möchte das alles einmal genauer betrachten und meine eigenen ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema rekapitulieren.
Um es bereits an dieser Stelle ganz klar zu sagen: es soll kein Lobgesang auf das Militärwesen, auf Waffen oder gar kriegerisches Heldentum werden. Ganz im Gegenteil. Es gibt nichts fürchterlicheres als Krieg, in dem sinnlos und mit größtmöglich vorstellbarer Brutalität Leid und Tod über Menschen gebracht wird. Genau das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern. Aber was sind die richtigen Mittel, um größenwahnsinnige Potentaten und sonstige Aggressoren in die Schranken zu weisen? Eine grundpazifistische Einstellung und eine totale Abrüstung, wie sie in den Achtzigern von einigen Seiten gefordert wurde, helfen da nicht, das ist meine persönliche Überzeugung. Russland selbst stellt beeindruckend oder besser bedrückend unter Beweis, dass der beste Schutz eine eigene starke und schlagkräftige Armee ist. Ein „atomarer Schutzschild“ unterstreicht dabei das Abschreckungspotential. Niemand wagt es auch nur darüber nachzudenken, einen Angriffskrieg auf russischem Territorium zu führen.
Ein souveräner Staat braucht eine angemessene, funktionsfähige Armee, besser noch mit zusätzlicher Einbindung in ein starkes Verteidigungsbündnis, um eventuellen Aggressoren zu signalisieren: „Lasst die Finger von uns!“ Unter einem solchen Schutzschild haben wir seit dem Ende des 2. Weltkrieges hier bei uns in Frieden leben können.
Wie bekomme ich jetzt eine Leserschaft, die zum großen Teil eine pazifistische Sozialisierung erfahren hat, vielleicht niemals Kontakt zu militärischen Themen hatte und auch gar nicht haben wollte dazu, sich für die Beschreibung von Waffentechnik und anderen militärischen Dingen zu interessieren, überhaupt Zeit darin zu investieren, darüber zu lesen?
Und weiter: Wie kann man den Blick auf die dramatische Weltlage, wie sie sich im Jahr 2025 darstellt, in einen Topf mit teils launigen Anekdoten aus der zig Jahre zurückliegenden Zeit bei der Bundeswehr werfen? Das passt doch irgendwie nicht zusammen und wird dem ernsten Thema so gar nicht gerecht, könnte man meinen.
Ich habe mich dennoch entschieden, die Dinge genau so anzugehen, und das mit gutem Grund. Denn: am Ende großer nationaler und weltpolitischer Entscheidungen und den sich daraus ergebenden Entwicklungen steht doch immer der einzelne Mensch, das Individuum, das im Grunde völlig macht- und hilflos dem Geschehen ausgesetzt ist. Die Auswirkungen für jeden von uns sind ganz konkret im täglichen Klein-Klein spürbar, sie bleiben nicht abstrakt in der Presse, den TV-Nachrichten oder im Internet eingeschlossen.
Entwickeln sich die Dinge gut, wie meine Generation es in der Nachkriegszeit erleben durfte, hat man großes Glück gehabt. Die meisten haben ihr Leben in Sicherheit und Wohlstand leben können, Karriere gemacht, eine Familie gegründet. Man konnte und kann sich bis heute bei uns beliebig politisch engagieren, seine Meinung äußern. Man konnte sich bis zur Aussetzung der Wehrpflicht in 2011 im Schutze des Regelwerkes unseres Rechtstaates vom Wehrdienst befreien lassen oder den Dienst an der Waffe verweigern. Wir wissen unsere Freiheit als hohes Gut zu schätzen.
Hättest du nur ein paar hundert Kilometer weiter entfernt gelebt, hätten sich die Dinge vielleicht grundlegend anders entwickelt. Vielleicht lebtest du in der Ukraine, hättest noch die Ära der Sowjetunion und ihren Zusammenbruch und die damit verbundene Befreiung von einem autokratischen Regime erlebt. Vielleicht hättest du dort einen guten Job gehabt, als IT-Entwickler, Arzt oder Techniker. Du hättest eine Familie, ein Häuschen gehabt und gelassen und hoffnungsvoll für dich und deine Familie in die Zukunft geblickt.
In der heutigen Zeit, in der Nachrichten nur noch Halbwertzeiten von wenigen Stunden haben, werden es viele schon wieder vergessen haben. In 2022, man muss sich das einmal vorstellen, stehen dann plötzlich innerhalb weniger Tage russische Soldaten und Panzer vor Kiew, der Hauptstadt deines Landes, und richten ein Massaker an der Zivilbevölkerung im Vorort Butscha an. Die eigene Armee öffnet, wie tatsächlich geschehen, panisch ihre Waffenlager und verteilt Sturmgewehre an die Zivilbevölkerung, erteilt Unterweisungen zum Bau von Molotowcocktails und gibt Erste-Hilfe-Kurse. Wehrfähige Männer, auch du, werden eingezogen und finden sich in irgendwelchen Schützengräben, die unter Dauerbeschuss der russischen Artillerie liegen, wieder. Du musst auf Menschen schießen, wirst selbst beschossen, vielleicht verletzt und nur mit viel Glück im Unglück nicht getötet. Und dieser Zustand dauert an. Jahrelang. Dein Haus ist mittlerweile zerbombt, deine Frau ist mit den Kindern ins Ausland geflohen, wo sie von einem großen Teil der dortigen Bevölkerung nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wurde. Mit DIESER Entwicklung in deinem Leben hast du nicht gerechnet. Und du kannst dagegen überhaupt nichts tun, du bist hilfloser Spielball der Umstände.
Ein ähnliches fürchterliches Schicksal hätte dich auch ereilen können, wenn du 1990, als die Balkankriege ausbrachen, in einem der Ex-Jugoslawien Staaten gelebt hättest. Die kroatische Adriaküste ist eine wunderschöne Gegend, in der wir bis dahin gerne unbeschwert unsere Sommerurlaube verbracht hatten. Der Clubanimateur, die Kellnerin im Ferienhotel, der Gastwirt dort hätte es sich auch nicht träumen lassen, dass man plötzlich begann sich gegenseitig zu massakrieren. Den grausamen Höhepunkt erreichte der Konflikt im Sommer 1995, als bei dem Massaker von Srebrenica von Soldaten der Armee der Republika Srpska, der Polizei und von serbischen Paramilitärs 8000 unbewaffnete bosnische Zivilisten brutal ermordet wurden. Das alles geschah nur knapp tausend Kilometer, eine eintägige Autofahrt weit von uns entfernt.
Die neuere Geschichte ist voller Beispiele. Ich empfehle hierzu unbedingt, sich einmal die SWR Doku „Die Überlebenden von Mariupol“ und die Oscar-prämierte Doku „20 Tage in Mariupol“ anzuschauen. Auch die nur schwer zu ertragende Dokumentation „We will dance again“, die den Terrorangriff der Hamas auf das NOVA-Musikfestival in Israel in 2023 rekonstruiert, zeigt, wie eine Zivilgesellschaft von einem Augenblick auf den anderen, tatsächlich in wenigen Minuten, mit dem Thema Krieg konfrontiert werden kann.
Der 2. Weltkrieg liegt fast 80 Jahre zurück. Meine Eltern haben diese schreckliche Zeit erleben müssen. Auch für meine Generation, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufwuchs, waren die Auswirkungen des Krieges in der Jugend noch allgegenwärtig. Wir spielten auf Trümmergrundstücken, überall waren noch alte Bunker und Wehranlagen zu sehen. Bis zum heutigen Tag werden bei Bauarbeiten Blindgänger, also nicht explodierte Bomben und Granaten aus dem 2. Weltkrieg gefunden, die aufwändig unter großen Gefahren und nicht zuletzt zu hohen Kosten entschärft werden müssen. Man hat allerdings das Gefühl, dass die heutige Generation irgendwie keine emotionale Verbindung mehr zu der Tatsache herstellt, dass es sich dabei um Relikte eines fürchterlichen Krieges handelt.
Zu meiner Schulzeit hatten die meisten Lehrer in der Schule das „Dritte Reich“ als Erwachsene erlebt. Einige waren offensichtlich damals und nun immer noch stramme Nazis, die aus ihrer Gesinnung keinen Hehl machten und ihre Vorstellung von Zucht, Ordnung und nationaler Gesinnung in den Unterricht einfließen ließen. Auf der anderen Seite erinnere ich mich an Lehrer, die sehr kritisch, ja mit Wut auf die Vergangenheit zurückblickten und sich alle Mühe gaben, uns zu vermitteln, dass so etwas wie die Herrschaft einer Diktatur und ein Krieg nie wieder passieren darf. Ein alter Deutschlehrer, Jude, war von den Nazis in ein KZ gesteckt worden und hatte dieses knapp überlebt, dabei allerdings einen Arm verloren. Er wurde nicht müde, uns vor dem Nationalsozialismus und den Gräueln eines Krieges zu warnen. Seine bevorzugte Lektüre war der Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, dessen Namen er stets mit erhobener, schnarrender Stimme aussprach. Dann gab es noch die dritte Fraktion unter den Lehrern, die das Thema einfach nicht ansprachen, wie wir es zu Hause von den Eltern ja auch gewohnt waren. Der Krieg war wohl so schrecklich, dass man die Erinnerung daran einfach verdrängte. Ich möchte mir nicht vorstellen, welche Stimmung Tag ein, Tag aus im Lehrerzimmer herrschte, wenn all diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten und Einstellungen aufeinandertrafen.
Ja, unsere Generation kann sich wirklich sehr glücklich schätzen, bis heute in Frieden gelebt zu haben. Ich halte das keinesfalls für selbstverständlich, wenn man die Krisen und Kriege seit 1945 betrachtet. Das sind ja nicht nur der bereits angesprochene Ukrainekrieg und die Balkankriege sowie Konflikte, die sich irgendwo weit entfernt in anderen Teilen der Welt abgespielt haben, wie der Koreakrieg oder der Vietnamkrieg. Es gab auch genügend dramatische Ereignisse in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. 1953, in meinem Geburtsjahr, die Niederschlagung der Proteste in der „Ostzone“ mit russischen Panzern, der ungarische Volksaufstand 1956 gegen die sowjetische Besatzungsmacht, der durch Truppen des Warschauer Paktes blutig beendete „Prager Frühling“ in 1968. Auch viele brutal ausgetragene regionale Konflikte im westlichen Europa füllen die neueren Geschichtsbücher. Mir fallen dazu die Anschläge der baskischen ETA in Spanien und der blutige Nordirlandkonflikt ein.
Was ich mit diesen Ausführungen sagen will: Auch nach dem 2. Weltkrieg gab es nie wirklich Frieden in Europa, in der Welt schon gar nicht.
Nur durch eine vielleicht glückliche Fügung, sicher aber auch durch das vom Willen zur Völkerverständigung geprägte umsichtige Verhalten unserer Politiker – ja, man kann die Politik hier auch einmal loben! – ist es uns in Deutschland seit 1945 gottseidank erspart geblieben, Krieg am eigenen Leib erfahren zu müssen. Wir haben dieses Glück festgehalten und verteidigt durch die Teilnahme an großen Ostermärschen für den Frieden, Antikriegsdemos mit Parolen wie „Frieden schaffen ohne Waffen“ und überhaupt engagiertes Eintreten für Abrüstung und den Weltfrieden. Das war und ist bis heute sicherlich gut, edel und ethisch geboten, das möchte ich gar nicht anzweifeln.
Ich benutze dabei ganz bewusst nicht das Attribut „richtig“, das wäre zu einfach. Denn unter dem Schutzmantel der NATO ließ es sich gut und vor allem halbwegs sicher demonstrieren. Eine steile These, die alle Friedensbewegten sicherlich auf die Barrikaden bringt. Aber: wären derartige Demos in den Staaten des Warschauer Paktes denkbar gewesen? Sind sie heute in Belarus oder in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens möglich? Was passiert, wenn man heute auf dem Roten Platz in Moskau gegen den Ukrainekrieg demonstriert?
In der offiziellen Sichtweise auf das Thema Frieden lag teilweise eine gewisse Perversion, wie eine Anekdote aus 1984 verdeutlicht.
Die Kölner Band BAP plante eine Tour durch die damalige DDR, die letztlich nicht zustande kam, weil, so das offizielle Statement der staatlichen DDR-Veranstalter, die Band sich weigerte, „unter dem Symbol der weißen Taube aufblauem Grund“ aufzutreten. Das war natürlich völliger Blödsinn. Fakt war, so schilderte es Sänger und Frontmann Wolfgang Niedecken immer wieder, dass die Band selbst die Tournee absagte, weil die DDR-Behörden untersagten, einen bestimmten Song zu spielen, dessen kritischer Text ihnen nicht gefiel. De facto fand also eine Zensur statt, was die Band nicht akzeptieren wollte. Eine weniger bekannte Begebenheit in Zusammenhang mit der geplatzten Tournee verdeutlicht, was ich mit „Perversion“ meine. Wolfgang Niedecken sollte ein Interview in einem DDR-Sender geben, das letztlich nicht ausgestrahlt wurde. „Man wollte wohl unbedingt von mir hören, dass SS20 Friedensraketen sind und Pershings Kriegsraketen“, so Niedecken. Friedensraketen, darauf muss man erst einmal kommen!
Alle eingangs genannten Kriege und Konflikte seit 1945 und überhaupt alle Kriege haben unfassbares Leid über Menschen gebracht. Über Menschen, die bis zum Ausbruch dieser Kriege in Frieden lebten, deren Leben in normalen Bahnen verlief und die ganz normale Träume davon hatten, wie das Leben bestenfalls verlaufen sollte. Das war sicher vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Deutschland so, sicher auch in Kroatien, in der Tschechoslowakei vor 1968, in großen Teilen der Ukraine bis 2022. Niemand dort hätte es sich träumen lassen, dass sich dieses friedliche Leben von heute auf morgen ändert.
Klingt das übertrieben? Das kann uns nicht passieren, wenn wir nur weiter fest an den Frieden glauben auf unserer Insel der Glückseligen? Dann schaue man sich bitte die Bilder der Flüchtlingsströme in der Welt an oder führe sich die Berichte der Betroffenen zu Gemüte, jetzt, heute, in der Zeit, in der wir aktuell leben.
Spätestens seit Februar 2022 sieht die Welt auch für uns wieder anders aus. Erstaunlicherweise sieht das ein beachtlicher Teil der Bevölkerung immer noch anders oder möchte es nicht wahrhaben, ich möchte meinen engeren Bekannten-, Freundes- und Familienkreis davon ausdrücklich nicht ausnehmen. Besonders hervor tun sich dabei wieder einmal die üblichen Verdächtigen, die Montagsmarschierer, „Merkel muss weg!“- Rufer, Querdenker, Impfgegner und CORONA-Leugner, Rechtspopulisten, linke Spätkommunisten und andere. Während in dem russischen Staatsfernsehsender Russia 1 zu hören ist, russische Truppen müssten Paris besetzen, eine einzige Sarmat Rakete reiche aus, um Großbritannien „ein für alle Mal“ zu versenken, der Reichstag in Berlin solle nicht mehr stehen, sondern bloß ein flacher, leicht radioaktiver, eingeschmolzener Platz sein, sieht man darin keine Bedrohung, man hält dies lediglich für eine Erzählung der Rüstungsindustrie. Was auch immer die Beweggründe sind, man legt, ich sagte es bereits, ein gefährliches Vogel-Strauß-Verhalten an den Tag: Was ich nicht sehen will und leugne, das gibt es auch nicht.
Putins Russland hat nach den bereits erwähnten Interventionen und nach Kriegen in Afghanistan, Georgien und Tschetschenien wieder einmal gezeigt, was es von Abrüstung, Friedensmärschen und überhaupt von der militärischen Schwäche anderer Staaten hält: gar nichts. Man betrachtet auch heute Kriegsführung offensichtlich als völlig legitimes Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen und zur Realisierung von Großmachtträumen.
Am 9. September 2023 sagte der ranghohe russische General Andrej Mordwitschew im Interview mit dem russischen Propagandisten Wladimir Solowjow, dass der Krieg gegen die Ukraine lediglich ein „Zwischenschritt“, das Nachbarland „erst der Anfang“ sei. Präsident Putin hat Mordwitschew daraufhin befördert. (Zitat entnommen aus der Frankfurter Rundschau).
Im Dezember 2023, der Krieg in der Ukraine tobte seit fast zwei Jahren, lässt Putin mit Bezug auf die seiner Ansicht nach unterdrückte russischstämmige Bevölkerung in Lettland verlauten: „Ich glaube nicht, dass das Glück in die Häuser derjenigen kommt, die so eine Politik verfolgen. Wenn sie so eine Politik gegenüber Menschen betreiben, die in diesem oder jenem Land leben wollten, dort arbeiteten, diesem Land Vorteile verschafften und jetzt wie Schweine behandelt werden, dann werden sie am Ende selbst solche Schweinerei erleben, innerhalb ihrer Länder.“ (Zitat entnommen aus der Frankfurter Rundschau). Ich muss hier nicht erwähnen, dass Lettland ein NATO- Mitgliedsstaat ist.
Nicht nur der lettischen Bevölkerung macht das Angst, zumal man sich noch sehr wohl an den letztlich erfolglosen Überfall sowjetischer Truppen auf das baltische Nachbarland Litauen in 1991 erinnert. Auch mir und vielen anderen Menschen bereiten derartige Aussagen große Sorge. Es wird uns dadurch überdeutlich vor Augen geführt, dass das hehre Ziel „Frieden“ nur erreicht werden kann, wenn ausnahmslos alle im Sandkasten mitspielen. Solange es diese Russlands, Nordkoreas, Irans und Gruppen wie die Hamas, die die Zerstörung des Staates Israel in ihren Statuten fest verankert hat, gibt und sie nicht Abstand von ihren Doktrinen nehmen, bleibt der Weltfrieden leider ein schöner Traum.
Ich höre oft: ja aber der Westen, insbesondere die USA, unsere traditionellen Verbündeten seit 1945, haben sich in der Nachkriegszeit auch nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Sie haben, basierend auf der 1919 vom damaligen Präsidenten Woodrow Wilson verfassten Doktrin, nach der US-Interessen weltweit unter anderem notfalls auch durch den Einsatz von militärischen Mitteln durchgesetzt werden sollten,
Auch der Hinweis auf die von geostrategischen Interessen geleitete Politik der westlichen Großmächte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wirkt auf mich völlig fehl am Platz und oft sogar peinlich, „cringe“, wie man heute sagt. Natürlich sind da schlimme Fehler gemacht worden, die mit großer Ungerechtigkeit und viel Leid für die Menschen in den betroffenen Regionen und Ländern verbunden waren. Ausbeutung von Menschen und Ländern durch die Kolonialmächte, willkürliche Grenzziehungen ohne Rücksichtnahme auf die ethnische Zugehörigkeit der in den Gebieten lebenden Menschen. Die Fachliteratur ist voll von Beschreibungen, Analysen und Erklärungen. Natürlich war das alles nicht in Ordnung, imperialistisch und unmoralisch, aber man muss auch anerkennen, dass nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges 1945 die Vereinten Nationen durch eine Initiative des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und des britischen Premiers Winston Churchill gegründet wurden. Die Charta der Vereinten Nationen verbietet beispielsweise Angriffskriege. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete am 10. Dezember 1948 durch eine entsprechende Resolution die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“.
Da sitzen nun heute Personen des öffentlichen Lebens in Talkshows und erklären, nachdem sie das obligatorische Lippenbekenntnis zur Verwerflichkeit und Völkerrechtswidrigkeit des russischen Angriffs auf die Ukraine abgegeben haben, man müsse Putin aber eigentlich doch verstehen. Schließlich habe der Westen ihn ja auch mit der Osterweiterung der NATO provoziert und Russlands geostrategische Interessen verletzt. Herrje: Putin „fühlt sich provoziert“ und deshalb wird um Verständnis dafür geworben, dass ein russischer Panzer im Jahr 2022 in Butscha eine Oma „wegen geostrategischer Interessen“ vom Fahrrad schießt! Nein, das ist kein makabrer Scherz. Wir alle wissen, dass dieses genau so geschehen ist! Ganz nebenbei spricht man mit solchen Argumenten der Ukraine als souveränem Staat das Selbstbestimmungsrecht ab.
Diejenigen, die so argumentieren, erteilen quasi posthum den militärischen Einsätzen der USA in der Vergangenheit ihre Absolution. Denn demnach wäre die Durchsetzung geostrategischer Interessen mit militärischen Mitteln doch für alle Seiten völlig in Ordnung. Oder?
Für uns in Deutschland ging eine wirkliche, direkte Kriegsgefahr seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht von den USA oder unseren westlichen Nachbarstaaten, sondern zu Zeiten der Sowjetunion ausschließlich vom Warschauer Pakt, heute von Russland aus. Bis zum Zerfall des Ostblockes ab 1989 und dem Ende der Sowjetunion bis Ende 1991 trug man dieser Tatsache noch in gewisser Weise Rechnung. Man unterhielt eine halbwegs funktionsfähige Bundeswehr und fühlte sich durch die Mitgliedschaft in der durch die USA dominierten NATO sicher.
Nach der Wiedervereinigung wurde die Bundeswehr reformiert. Zum 01. Juli 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, die Truppenstärke von 220.000 Soldaten in 2010 auf 185.000 bis Dezember 2013 reduziert. Während der Hochzeit des kalten Krieges in den 1960er Jahren hatte die Bundeswehr noch eine annähernde Stärke von 500.000 Soldaten.
Ich denke, man muss feststellen, dass die Bundeswehr nicht nur „reformiert“ wurde. Sie verschwand regelrecht völlig aus dem Bewusstsein der Bevölkerung, befeuert von einem großen Unwillen der Politik, sich mit diesem lästigen Thema auseinander zu setzen. So sehr man sich für den Frieden und Völkerverständigung einsetzte, so sehr verdrängte man den Gedanken, dass es im Weltgeschehen doch einmal anders für uns kommen könnte. Im Dezember 1989 bezeichnete der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine die Einbindung des vereinten Deutschlands in die NATO als historischen Schwachsinn. Der Verteidigungshaushalt müsse auf mittlere Sicht halbiert werden. Bündnis90/die Grünen vertraten damals die Position, Deutschland solle aus der NATO austreten und die Bundeswehr ganz abschaffen.
Die Rolle der Bundeswehr änderte sich grundlegend. Landes- und Bündnisverteidigung traten in den Hintergrund. 1994 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass die Bundeswehr künftig mit einem entsprechenden Bundestagsmandat Auslandseinsätze im Rahmen internationaler Konfliktverhütung durchführen darf. Es folgten Auslandseinsätze in Ex-Jugoslawien, Afghanistan und Mali, die allerdings von vielen kritischen Tönen begleitet wurden und werden.
Mit den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 änderte sich die Situation nochmals. Die Anschläge wurden als Angriff auf ein NATO-Mitglied gewertet und der NATO-Rat stellte den „Bündnisfall“ fest. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder versicherte die „uneingeschränkte Solidarität Deutschlands gegenüber den Vereinigten Staaten“, hielt Deutschland aber Gott sei Dank aus dem Zweiten Golfkrieg heraus. Auch hier muss man die Politik loben.
Natürlich gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf diese ganze Entwicklung, das liegt im Wesen einer Demokratie. Die Bandbreite erstreckte sich bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine in 2022 von völliger Ablehnung einer Armee bis hin zu, sagen wir einmal, „Duldung“. Die Auslandeinsätze waren und sind nicht unumstritten, kosten durfte die ganze Geschichte auch nicht allzu viel, die Bundeswehr wurde zu einer weitgehend handlungsunfähigen Truppe zu Tode gespart.
Was das Thema Bundeswehr betrifft, so spielt für mich die SPD im deutschen Parteienspektrum eine besondere Rolle.
Ich möchte hier nicht generell auf die SPD eindreschen, dafür habe ich zu viel Respekt vor der Geschichte dieser Partei und aufgrund meiner eigenen Sozialisierung hege ich durchaus Sympathien für sie. Ich habe aber anlässlich der zunächst sehr zögerlichen Haltung des SPD-Kanzlers Olaf Scholz hinsichtlich einer militärischen Unterstützung der Ukraine heftige Diskussionen mit einem meiner besten Jugendfreunde, einem versierten Historiker, geführt. Natürlich wissen wir nicht, was Lafontaine in den Achtzigern und Scholz im Jahr 2022 wirklich antrieb, aber genau das lässt Raum für Spekulationen.
Mein Freund stellte zum Beispiel folgende These, wie gesagt These (!), auf:
Mit der Industrialisierung, der Entstehung einer „Arbeiterschaft“ und ihrer Organisation in der Allgemeinen Deutschen Arbeiterpartei bzw. später der Sozialdemokratischen Partei entstand eine Opposition im Deutschen Reich, die sich als Vertreter der Arbeiterinteressen gegenüber den Arbeitgebern und der Regierung als Vertreter der herrschenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung verstand. Auflehnung gegen diese Ordnung und die staatliche Autorität wurden mit deren Machtmitteln, Polizei und Militär, bekämpft. Das Militär des Monarchen – Institution des Vertreters der monarchistischen Ordnung - war also der „geborene“ Gegner, der Feind des Arbeiters. Bekräftigt wurde diese Weltsicht durch die nationalsozialistische Diktatur, als die staatlichen Autoritäten die Sozialdemokratie als Staatsfeind betrachteten und sie verfolgten. Diese grundsätzliche Ablehnung des Militärs, ungeachtet der Tatsache, dass die heutige Bundeswehr unter dem Primat der Politik und damit der demokratischen Staatsordnung steht, ist auch in der Zeit nach 1945 und insbesondere ab den 1960er Jahren zu beobachten. Die „Linke“, vor allem die Jugend, betrachtete das Militär wie im 19. Jahrhundert als Repräsentant der verhassten kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und mit Bezug auf die Rolle des Militärs im Dritten Reich als „faschistisch“ (ohne eine rechte Ahnung davon zu haben, was dieser Begriff eigentlich beinhaltet).
Diese negative, grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber dem Militär und militärischen Themen überhaupt kann man für eines der „Gene“ der Sozialdemokratie halten. Dies gilt sicherlich nicht für die Gesamtheit der Sozialdemokraten. Aber vom Grundsatz her scheint vieles für diese Theorie zu sprechen. Dazu passt auch die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Führungsriege der SPD keinen Wehrdienst geleistet hat. Dies war auch für die „intellektuelle“ Jugend dieser Generation keine Option. Man kann den Eindruck haben, dass ein nicht unbedeutender Anteil der Sozialdemokraten immer noch im Klassenkampf steckt und das Militär als „Paria“ betrachtet. Sie haben wohl immer noch nicht verstanden, dass die Bundeswehr nicht mehr „die Armee des Monarchen“, sondern eine Parlamentsarmee ist, über die auch die Sozialdemokraten im Bundestag mitentscheiden.
Wie auch immer man dazu steht, der schleppende Beginn der Unterstützung für die Ukraine zeigte tatsächlich, wie schwer man sich mit dem Thema Militär tut. Der ständig wiederholte Hinweis, man wolle Putin nicht provozieren und heute sei Deutschland nach den USA der größte Unterstützer der Ukraine, macht es nicht besser. Nach meiner Auffassung sind hier, vielleicht aus einer politischen Haltung heraus oder aufgrund mangelnder Sachkenntnis oder falscher Beratung viele Fehler gemacht worden. Dieser Punkt wäre einer genaueren, unvoreingenommenen und sachlichen Betrachtung wert. Das aber an dieser Stelle zu besprechen, würde den Rahmen sprengen.
Während mein Freund und ich noch überlegen, ob die These zur SPD nicht vielleicht doch zu gewagt ist und ob diese Ausführungen überhaupt zum Kontext dieses Buches passen, wird von führenden Köpfen der SPD im Juni 2025 ein „Manifest“ zur „Friedenssicherung in Europa durch Verteidigungsfähigkeit, Rüstungskontrolle und Verständigung“ veröffentlicht. Das Pamphlet, so will ich es nennen, schlägt ein wie eine Bombe.
In dem knapp vierseitigen Text wird gerade einmal in einem kurzen Satz erwähnt, dass man eine „verteidigungsfähige Bundeswehr“ für notwendig erachtet. Ansonsten strotzt das Papier bereits einleitend von Klassenkampfparolen und im späteren Verlauf von Schuldzuweisungen an den Westen, insbesondere an die USA. Zusammenhangslos werden Aussagen zur „vom Menschen gemachte(n) Krise des Erd- und Klimasystems“ eingefügt wie „Schrittweise Rückkehr zur Entspannung der Beziehungen und einer Zusammenarbeit mit Russland sowie Berücksichtigung der Bedürfnisse des Globalen Südens insbesondere auch zur Bekämpfung der gemeinsamen Bedrohung durch die Klimaveränderungen.“ Diese Hinweise auf die Klimakrise haben mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun und erscheinen mir eher als ein populistisches Zugeständnis an all die Leser, die sich berechtigterweise Sorge um das Weltklima machen.
Der Grundtenor des Manifestes ist jedenfalls eine weitgehende Ablehnung weiterer Rüstungsanstrengungen und die Forderung nach mehr diplomatischen Bemühungen des Westens zur Beendigung des Ukrainekrieges. So lehnt man auch eine Erhöhung des Verteidigungshaushaltes auf 3,5 oder gar 5 Prozent ab.
Dabei ist es eine ungewollte Ironie, dass einerseits darauf hingewiesen wird, dass die SPD Ikone Willy Brandt während seiner Kanzlerschaft Anfang der Siebziger Jahre „die richtigen Konsequenzen aus der in der Kuba-Krise offensichtlich gewordenen Perspektivlosigkeit dieser Rüstungsspirale gezogen“ hat (gemeint sind hier seine Bemühungen um Abrüstung), andererseits aber unter Brandt die deutschen Rüstungsausgaben konstant bei 3,5 bis 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und damit deutlich über dem Niveau der letzten Jahre lagen.
Also, um es freundlich auszudrücken: ein interessantes Manifest. Währenddessen lässt Putin Tag für Tag durch seine Truppen ukrainische Städte bombardieren. Jede diplomatische Annäherung, die nicht de facto die vollständige Kapitulation der Ukraine beinhaltet, lehnt er ab.
Ich denke, die These zum Verhältnis der SPD zum Militär hat durchaus ihre Berechtigung.
Neben vielen anderen Dingen zählt für einen demokratischen Staat auch die Garantie der äußeren Sicherheit und somit der Schutz der Bevölkerung vor Angriffen von außen zu seinen hoheitlichen Aufgaben.
Wenn man die Verteidigungsfähigkeit eines Staates auf fast null herunterfährt und dann bei Bedarf, quasi mit einem Fingerschnipp, eine funktionsfähige Armee auf die Beine stellen muss, falls der „Friedensgedanke“ doch nicht wie gehofft funktioniert und plötzlich Handlungsbedarf besteht, dann funktioniert das nicht. Man stattet ja auch eine Feuerwehr nicht erst mit Löschfahrzeugen aus, wenn es brennt. Bereitstellung von Technik und die Ausbildung von qualifizierten Soldaten sind ein Prozess, der viele Jahre in Anspruch nimmt. Das ist im Ernstfall viel zu lange, zumal die Entscheidungsprozesse in einer Demokratie, in der wir gottseidank leben, erheblich länger sind als in totalitär geführten Regimen, von denen naturgemäß eher die Gefahr einer Aggression ausgeht.
Die Möglichkeit eines Ernstfalles einfach auszublenden, halte ich für höchst leichtsinnig. Der Mensch im Allgemeinen und der Deutsche im Besonderen hat die Neigung dazu, eher im Hier und Jetzt zu leben als sich Gedanken über künftiges Ungemach zu machen. Und dazu muss man nicht einmal gleich an die Bundeswehr denken. Marode Autobahnbrücken, mangelhafter Katastrophenschutz: „Et hätt noch emmer joot jejange“, wie der Kölner den Artikel 3 des humoristischen kölschen Grundgesetzes gerne zitiert. Geld für vorbeugende Maßnahmen ausgeben? Nicht unser Ding. Im Ahrtal hätt et dann im Jahr 2021 net mieh joot jejange, so ganz ohne präventive Maßnahmen gegen Hochwasser und ohne funktionierendes Frühwarnsystem.
Ein weiteres Beispiel: Bereits in 2013 lag dem Deutschen Bundestag eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ vor, die das Robert Koch - Institut unter Mitwirkung weiterer Behörden erstellt hatte. Der Ablauf einer Pandemie, wie der in 2020 dann tatsächlich ausgebrochenen Corona Pandemie, wurde darin bis ins Detail beschrieben. Die Risikoanalyse verschwand in der Schublade und wir hatten, als der Fall dann eintrat, nicht einmal genügend Schutzmasken oder Schutzkleidung für das medizinische Personal zur Verfügung.
Auch beim Thema Zivilschutz sieht es 2025 in Deutschland nicht gut aus.
Die Verfügbarkeit von Schutzräumen für die Bevölkerung ist in den Europäischen Staaten sehr unterschiedlich. Deutschland liegt allerdings mit 579 Bunkerräumen für 478.000 Menschen, das sind gerade einmal 0,6 % der Bevölkerung, ganz weit hinten in der Rangliste. Zum Vergleich: Finnland bietet mit 54.000 Schutzräumen 90 %, Schweden mit 64.000 Räumen 70% der Bevölkerung Schutz. In der Schweiz liegt die Abdeckung bei 100 %. Erwähnenswert ist, dass Finnland dabei einen interessanten Weg geht. Damit sich die doch erheblichen Investitionen auch in Friedenszeiten amortisieren, wird ein großer Teil der Schutzräume für öffentliche Einrichtungen wie Sportstätten, Kultureinrichtungen, KITAs und sogar als Schwimmbad genutzt. Ganz nebenbei hat das den Effekt, dass die Bevölkerung mit diesen Einrichtungen vertraut ist und in einem Ernstfall das Ausmaß der psychischen Belastung gesenkt werden kann.
Insgesamt täte Vorbeugung gut. Wer hätte sich noch vor wenigen Jahren katastrophale globale Ereignisse wie eine CORONA – Pandemie, den dramatischen Klimawandel, den Krieg in der Ukraine oder regionale Katastrophen wie die Ahrtal-Flut auch nur annähernd vorstellen können? Man kann nichts mehr ausschließen.
Nach fast 80 Jahren wird auch ein Krieg bei uns leider wieder vorstellbar. Bundeskanzler Olaf Scholz ruft in 2022 die „Zeitenwende“ aus, es wird ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr zur Verfügung gestellt. Verteidigungsminister Boris Pistorius fordert, dass Deutschland wieder „kriegstüchtig“ werden müsse und man stellt seit Dezember 2023 Überlegungen an, die 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder einzuführen. Bei aller Komplexität und bei allem Für und Wider halte ich diese Überlegungen für richtig und dringend geboten, jedoch löste dieses einen Aufschrei in großen Teilen der Bevölkerung aus. In 2025 wird aufgrund der aktuellen Entwicklung eine Erhöhung des Sondervermögens um viele hundert Milliarden beschlossen, wieder gibt es kontroverse Diskussionen.
Wie auch immer die Dinge sich, vielleicht sogar in naher Zukunft, entwickeln mögen, nach aller Diskussion, allen weltpolitischen Überlegungen und politischen Entscheidungen in unserem Land ist nur eines sicher: am Ende wird der einzelne Mensch mit den ganz konkreten Folgen für sich konfrontiert werden.
Ich habe bis hier hin so einen großen Bogen geschlagen, bevor ich zu meiner Geschichte komme, weil ich bis zum heutigen Tag, wann immer ich das Thema Bundeswehr anspreche, kontroverseste Diskussionen auslöse. Deshalb halte ich es für sinnvoll, zunächst ein paar generelle Gedanken zu den Hintergründen darzulegen. Allerdings kann ich natürlich nur an der Oberfläche kratzen – dieses Buch soll ja auch keine wissenschaftliche Arbeit sein.
Es ist an der Zeit, an meine eigene, ganz persönliche Erfahrung mit der Bundeswehr in den 70ern zurückzudenken.
Versetzen wir uns zurück in die Siebziger. Wie war das damals mit der Wehrpflicht in West-Deutschland?
