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Deutschland im Jahr 1999: Frieden sucht nach einem Ausweg aus dem Hamsterrad des kapitalistischen Systems und findet sich in der "Gemeinschaft der Schenker" wieder. In seinem neuen Leben gibt es kein Geld, einfachste hygienische Bedingungen und nur das Nötigste zum Überleben. Zusammen mit dem katholischen Mönch Bruder Winfried, seiner Weggefährtin Maria-Anna und Alexandra begibt er sich auf einen abenteuerlichen Pilgerweg. Dabei verliebt er sich in Alexandra, die normal "bürgerlich" lebt. Für sie ist das Leben auf der Straße ein großes Abenteuer. Aber die Beiden haben keine gemeinsame Zukunft. Alexandra möchte nicht "aussteigen" und Frieden möchte nicht wieder zurück ins "bürgerliche" Leben.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2020
Komm,
wir wollen die Zeit anhalten,
hier und jetzt sein.
Von Moment zu Moment
die Dichte des Lebens zu spüren,
Vergangenheit und Zukunft wie Ballast abstoßen
und die Gegenwart packen
wie einen auf die Erde gefallenen Himmel.
Wir haben nichts als diesen Moment.
Alles Leben und Lieben
muss jetzt geschehen.
Prolog
Teil – Mein Ausstieg
Auf der Suche
Ausbruch
In Pommritz
Taizé
-
Treffen in Warschau
Zum ersten Mal als Pilger auf der Straße
Im Haus der Gastfreundschaft
Teil – Pilgerweg in Hessen
Bruder Winfried
Unser Pilgerweg – erster Abschnitt von Fulda bis nach Lauterbach
Und weiter geht es von Lauterbach nach Alsfeld
In Gießen
Die nächste Pilgerreise
Teil – Pilgerweg im Sauerland
Komm – es geht los!
Erwartungen
Eifersucht
Unbeabsichtigte Trennung
Am See
Nach Sichtigvor
Nach Warstein
Nach Werl
Von Werl nach Unna
Von Unna nach Dortmund
In Phantásien
Der Traum geht zu Ende
Nachwort
Danksagung
Anmerkungen
Der Abschied
Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. (Antoine de Saint-Exupéry)
Es ist drei Uhr nachts. Die Stadt schläft, nur wir sind wach. Hand in Hand gehen wir schweigend durch die leeren Straßen. „Schau, da …“, ruft Alexandra. Drei Kaninchen huschen aus einem Gebüsch über eine Wiese. Ich kann mich jetzt nicht freuen, bin traurig, möchte am liebsten losheulen. Ein schöner Traum geht zu Ende. Jetzt heißt es: aufwachen, wieder zurück in die kalte Wirklichkeit.
„Frieden“, sagt sie, „du guckst so unglücklich. Versuche, nicht traurig zu sein, wenn ich weg bin. Du würdest mir damit weh tun.“
Ich kann es nicht versprechen. Gegen meine Gefühle komme ich nicht an.
Werden wir uns wiedersehen? Und falls ja, wann? Ich weiß es nicht. Es ist eher unwahrscheinlich. Unsere beiden Leben sind zu verschieden. Sie ist eine berufstätige Frau, die heiraten und Kinder haben möchte. Ich bin ein Aussteiger ohne Geld, der nicht für Frau und Kind finanziell sorgen kann.
Auf dem Dortmunder Hauptbahnhof sitzen ein paar müde Nachtgestalten - die, die immer hier sind und sonst kein Zuhause haben. Ansonsten ist der Bahnhof leer und ausgestorben.
In fünf Minuten soll Alexandras Zug abfahren. Wir gehen auf den Bahnsteig. Auf der Anzeigetafel steht, dass der InterRegio von Hamburg nach Köln 20 Minuten Verspätung hat - 20 Minuten Aufschub für uns.
„Frieden, ich danke dir für alles. Es war eine wundervolle gemeinsame Zeit.“
Sie zieht ihre Schuhe aus und stellt sich auf eine Bank. Alexandra ist 1,59 m, ich bin 1,78 m groß. Wir pressen unsere Körper eng aneinander und küssen uns. Ein letztes Mal spüre ich die Wärme ihres Körpers, fühle ihre weiche zarte Haut.
Die Zeit verrinnt unbarmherzig – tick, tack, tick, tack …
„Frieden, wir haben uns heute noch gar nicht begrüßt“, sagt sie lächelnd.
Während unserer gemeinsamen Pilgerreise ist es zum Ritual geworden, dass wir den neuen Morgen begrüßen, indem wir uns umarmen und sprechen: „Ich grüße das göttliche Licht in dir.“ Zum letzten Mal grüßen wir das göttliche Licht in uns.
Als wir vor knapp 2 Wochen gemeinsam loszogen, hatte Alexandra eine Knöchelverletzung am Fuß. Während der letzten Tage spürte sie nichts mehr von dieser Verletzung. Jetzt fängt der Fuß auf einmal wieder an zu schmerzen.
Der Zug fährt ein. „Frieden, ich werde im Geist bei dir sein. Auch wenn wir körperlich voneinander getrennt sind, bleiben wir so immer miteinander verbunden.“
Alexandra zieht ihre Schuhe an. Ich nehme ihren Rucksack. Sie steigt ein. Wir küssen uns ein letztes Mal und halten uns an den Händen, bis die Tür zuschlägt.
Der Zug fährt an. Alexandra presst ihr Gesicht an die Fensterscheibe, küsst die Scheibe und winkt mir zu. Langsam verschwinden die Lichter des Zuges in der Dunkelheit. Ich brauche eine Weile, um zu realisieren, dass ich jetzt allein bin, ganz allein. Meine Liebste ist weg, weit weg, und mit jedem Sekundenschlag weiter weg.
Der Traum ist aus. Ich taumele die Treppe hinunter und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Aber nun von Anfang an. In den folgenden Kapiteln werde ich Euch erzählen, wie alles begann.
Auf der Suche
Der Mensch
Er opfert seine Gesundheit, um Geld zu verdienen.
Dann opfert er Geld, um seine Gesundheit zurückzubekommen.
Er ist so auf die Zukunft fixiert, dass er die Gegenwart nicht genießen kann.
Das Ergebnis ist, dass er weder die Zukunft noch die Gegenwart lebt.
Er lebt so, als würde er niemals sterben, und er stirbt so, als hätte er niemals gelebt.
(Dalai Lama)
„Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie, sag ja zu einem pervers großen Fernseher, sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern.
Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherungen.
Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden, sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung mit Hunderten von Scheiß-Stoffen, sag ja zu Do-it-yourself und dass du am Sonntag nicht mehr weißt, wo du bist.
Sag ja dazu, auf deiner Couch zu hocken und dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen und dich dann mit Scheiß-Junkfraß vollzustopfen.
Sag ja dazu, am Schluss vor dich hinzuverwesen, dich in deiner elenden Bruchbude vollzupissen und den missratenen Egoratten von Kindern, die du gezeugt hast, damit sie dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein.
Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben ...“ (aus dem schottischen Film „Trainspotting“ von Danny Boyle, 1996).
Ich hatte Ja gesagt zum Ja-Sagen. Und der Grund dafür? Es gibt mehrere Gründe:
1. Ich wusste es damals nicht besser.
2. Ich wollte nicht auffallen.
3. Meine Familie und meine Lehrer hatten mir jahrelang eingetrichtert, dass ich nur ein Mensch wäre, wenn ich etwas leiste – im Sinne der Konsumgesellschaft, versteht sich.
Deshalb war ich artig wie alle anderen Schlafschafe, ging brav zur Arbeit und nach der Arbeit einkaufen.
Doch manchmal – und später immer öfter - fragte ich mich: „Fehlt da nicht etwas? Gibt es nicht doch ein besseres Leben für mich? Was ist der Sinn meines Lebens?“
Ist es wirklich das: Jeden morgen früh aufstehen, zur Arbeit fahren, Dinge tun, die mir keine Freude machen, die mich nicht erfüllen und in denen ich keinen Sinn sehe? Und dann abends müde nach Hause kommen, die Familie bespaßen, abends vor dem Fernseher ein paar Bier trinken und irgendwann ins Bett fallen. Und schließlich das Wochenende, das immer viel zu kurz und am Ende auch nur öde ist, bis sich am Sonntagabend wieder die Depressionen und die Angst vor dem Montag und der neuen Woche einstellen.
Ich fürchtete mich davor, am Ende meines Lebens dahinzuvegetieren und mich zu fragen: „War das nun schon alles? Wofür habe ich eigentlich gelebt?“
Nach mehr als fünf Jahren im Hamsterrad der „Normalität“ in meinem Leben sah ich die ersten Zeichen der Veränderung.
Es begann mit einem Tagesausflug nach Braunschweig. Mit meiner damaligen Ehefrau und ihrer Schwester fuhren wir nach Braunschweig. Die beiden Frauen verschwanden zum Einkaufsbummel in einem großen Kaufhaus. Da ich nicht gern in große Kaufhäuser gehe, vertrieb ich mir die Zeit auf der Fußgängerzone vor dem Kaufhaus.
Dort sah ich einen merkwürdigen Mann mit einer selbstgestrickten Jacke aus Schafwolle auf dem Boden sitzen. Er war recht groß, hatte lange Haare und einen Vollbart und sah ein bisschen aus wie eine Mischung aus Hippie und Jesus.
Hinter dem Mann hing ein großes Spruchband, ein bemaltes Betttuch mit der Aufschrift: „Wir sitzen und arbeiten hier nicht, weil wir Geld wollen, sondern ein Leben ohne Geld, Luxus, Ausbeutung und Gewalt – dafür verantwortlich leben, teilen nach Bedürfnissen, z.B. in selbstversorgenden Dörfern. Gespräche erwünscht“.
Der Mann war damit beschäftigt, an einem Kleidungsstück zu nähen.
„Das ist ja interessant“, dachte ich mir, „da sitzt endlich mal jemand, der kein Geld will, sondern nur reden möchte“.
Die meisten Leute, die auf der Straße sitzen oder stehen, wollen etwas von uns – fast immer unser Geld.
Zunächst traute ich mich nicht, ihn anzusprechen, sondern beobachtete die Reaktion der anderen Leute auf der Straße.
Ein älterer Mann sprach ihn an: „Das geht doch nicht. Man muss doch arbeiten. Wovon wollt Ihr denn leben? Ohne Geld funktioniert das nicht. Jeder braucht Geld zum Leben.“
„Doch, es ist möglich. Wenn man aufhört, miteinander abzurechnen und beginnt, nach Bedürfnissen zu teilen und sich gegenseitig zu beschenken. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Wer darauf vertraut, bekommt auch alles zum Leben Notwendige geschenkt.
Wenn man jedoch Mitglied im Staats- und Geldsystem ist, macht man sich mitschuldig an großem Unrecht. Unser Staat ist auf Gewalt aufgebaut und setzt seine Interessen mit Gewalt durch. Das Geldsystem beruht auf der Abrechnung nach dem Recht des Stärkeren. Es ist dafür verantwortlich, dass Menschen in armen Ländern verhungern, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden und dass die Natur zerstört wird. Die reichsten 86 Milliardäre besitzen mehr Geld als 3,5 Milliarden der ärmsten 50 Prozent. Die Mächtigen dieses Systems führen Kriege in unserem Namen – für billige Rohstoffe und neue Absatzmärkte.
Wir wollen verantwortlich leben, wie eine gesunde Zelle im Organismus der Welt. Wir wollen nur unserem Gewissen folgen, wollen mit den Bedürftigen teilen, gewaltfrei leben und achtsam mit der Natur umgehen.“
„Das ist ja alles nur schöne Theorie. Aber in der Praxis funktioniert das nicht. Wo bekommt Ihr denn euer Essen her, wenn Ihr kein Geld habt? Wenn Ihr kein Geld habt, habt ihr auch keine Krankenversicherung.“
„Unser Essen retten wir aus den Abfällen der Überflussgesellschaft. Für unsere Gesundheit sind wir selbst verantwortlich. Wer bewusst lebt und sich gesund ernährt, hat auch nur ein geringes Risiko, krank zu werden. Für den Notfall gibt es befreundete Ärzte, die uns geschenkt behandeln würden. Wenn es Sie wirklich interessiert, wie wir leben, sind Sie herzlich eingeladen, uns zu besuchen. Hier ist ein Flugblatt, da steht alles drin: Wer wir sind, was wir wollen, wie wir leben und wie man uns erreichen kann.“
Eine junge Frau, offensichtlich eine Studentin, kam dazu. „Das hört sich gut an“, sagte sie, „Aber ich hätte nicht den Mut dazu, so zu leben.“
Nachdem alle anderen weggegangen waren, fragte ich den Mann mit dem Spruchband nach einer Kontaktadresse. Ich würde mir diese Gemeinschaft gerne einmal ansehen.
Später geriet diese Begegnung wieder in Vergessenheit. Die großen und kleinen Probleme des Alltags beschäftigten mich mehr, als dass ich mir die Zeit nahm, um den Pilger aus der Fußgängerzone von Braunschweig und seine Gemeinschaft wirklich zu besuchen.
Dann kam die Scheidung. Meine Familie zerbrach, meine heile bürgerliche Welt bekam erste Risse. Die innere Einsamkeit, unter welcher ich schon lange litt, wurde nun auch zur äußeren Einsamkeit. Ein Jahr lang zog ich mich völlig zurück, hatte außerhalb meiner Familie und den Arbeitskollegen während der Arbeitszeit keinen Kontakt zu anderen Menschen.
Ein Hoffnungsschimmer war das Taizé-Gebet in der Laurentiuskirche einmal in der Woche.
In meine Heimatstadt Halle (Saale) kamen die Gesänge und Gebete aus Taizé zum ersten Mal im Jahr 1988 mit dem evangelischen Kirchentag. Ich las auf einem Plakat in der katholischen Moritzkirche: „Andacht mit Gesängen und Gebeten aus Taizé, jeden Donnerstag um 19.00 Uhr.“ Da ich neugierig war, ging ich hin und war sofort davon begeistert. Jeder ist willkommen, egal welcher Religion oder Nicht-Religion er angehört.
Das Taizé-Gebet beginnt mit einprägsamen Gesängen in verschiedenen Sprachen. Diese bestehen aus wenigen Versen, die sich immer wiederholen. Danach folgt eine Zeit der Stille. Nach der Stille kann jeder, wer möchte, ein Gebet sprechen – einen Dank, eine Fürbitte, was auch immer. Im Anschluss an die freien Gebete beten alle gemeinsam das Vaterunser. Das Taizé-Gebet schließt ab mit weiteren Gesängen und dem Segen.
Ich kann es schlecht mit Worten beschreiben, aber die Stille, die Gesänge und die Gebete gaben mir zumindest für eine kurze Zeit solch eine Erfüllung und Geborgenheit, wie ich sie vorher noch nie erlebt hatte. Während des Gebetes fühlte ich einen starken inneren Frieden. Meistens war der innere Frieden am nächsten Tag schon wieder verflogen.
Das Taizé-Gebet begleitete mich und später auch meine Frau bis 1990, also bis nach der Wende in der DDR. Später geriet es nach und nach in den Hintergrund, weil uns nun andere (weltliche) Themen mehr bewegten.
Erst in meiner Einsamkeit entdeckte ich das Taizé-Gebet wieder – ein Rettungsanker, der mir zumindest ein klein wenig Hoffnung brachte.
Später hatte ich diese Träume. Ich träumte, ich wäre in einem alten Haus auf dem Land mit einem Garten voller Apfelbäume. In diesem Haus lebte eine geheimnisvolle Jungfrau.
Normalerweise habe ich meine Träume schon am Morgen vergessen. Doch dieser Traum kehrte mehrmals zurück und bewegte mich auch noch Tage später.
Nach einem Jahr Einsamkeit zerbrach ich mein inneres Gefängnis, suchte und fand neue Freunde.
„Du musst dein Leben ändern, sonst gehst du langsam zugrunde“, sagte ich mir. Doch zunächst suchte ich die Veränderungen im Außen. Ich wollte nur weg, ganz weit weg, ich wollte raus! Vielleicht ins Ausland gehen und dort arbeiten – Hauptsache weit weg von Deutschland, dorthin wo es schön warm ist, wo immer die Sonne scheint und wo die Menschen freundlich und fröhlich sind.
Doch mit dem Arbeitsplatz im Ausland hatte ich kein Glück. Nach einem halben Jahr Hoffen und Bangen war ich arbeitslos.
Die nächste Arbeit, die ich fand, war noch schlimmer. Mein neuer Arbeitsplatz war in Magdeburg. Ich wollte aber meine Heimatstadt Halle nicht verlassen. Also war ich gezwungen, jeden Tag von Halle nach Magdeburg und zurück zu fahren. Das bedeutete, morgens vor 5.00 Uhr aufstehen, mit dem Fahrrad zum Hauptbahnhof fahren und dann in den Zug nach Magdeburg steigen. Während der Dreiviertelstunde Zugfahrt konnte ich 40 Minuten schlafen – ein schwacher Trost. Am Magdeburger Hauptbahnhof stand mein zweites Fahrrad. Mit diesem fuhr ich dann zu meiner neuen Arbeitsstelle. Es folgte ein öder Arbeitstag - den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen und Zahlenkolonnen hin und herbewegen – hab keine Ahnung, wozu das gut sein soll.
Die Arbeit machte mir keine Freude, das Arbeitsklima war schlecht. Es gab keinen Betriebsrat. Überstunden wurden nicht vergütet, aber es wurde erwartet, dass man regelmäßig länger blieb. Am Abend ging es auf dieselbe Weise wieder retour.
Gegen 19.00 Uhr war ich dann, wenn alles gut ging, wieder zu Hause. Um am nächsten Morgen nicht völlig übermüdet am Arbeitsplatz anzukommen, ging ich spätestens um 21 Uhr ins Bett. Da blieb keine Zeit mehr für Freunde und Freizeit. Für mich fühlte sich das wie Prostitution an, so als würde ich meine Seele an den Teufel verkaufen.
Nun wird der eine oder andere Leser vielleicht denken: „Was hat der nur? Das ist doch nicht so schlimm. Tausende Menschen fahren täglich lange Wege zur Arbeit, haben einen langen und anstrengenden Arbeitstag, und die Arbeit macht nicht immer Spaß.“
Aber das ist Scheiße! Wir Menschen leben nicht, um zu arbeiten, wir arbeiten, um zu leben. Es ist ein Armutszeugnis für unsere Art, wenn wir ins Weltall fliegen können, Computer und Roboter bauen, aber selbst nicht artgerecht leben.
Wir wurden nicht geboren, um in gesichtslosen Städten dahinzuvegetieren und den ganzen Tag auf Bildschirme zu starren oder an einer Supermarktkasse zu stehen. Frage dich doch einmal, welche Arbeit macht denn wirklich Sinn? Welche Arbeit dient dem Leben? Die Arbeiten, welche dem Leben dienen, werden meistens nicht bezahlt. Eine Mutter, die ihre Kinder großzieht, wird nicht dafür bezahlt. Menschen, die aus Idealismus Bäume am Straßenrand pflanzen oder Gärten in Großstädten anlegen, bekommen kein Geld dafür.
Früher, als es noch den Sozialismus und die DDR gab, war unser Gefängnis klein und grau. Heute ist unser Gefängnis etwas größer, bunter und bequemer, und wir dürfen wählen, welche Farbe das Gefängnis hat. Aber es bleibt eben ein Gefängnis. Und vielen Menschen ist nicht klar, dass sich seitdem nicht viel geändert hat. Nur die Art und Weise der Unterdrückung ist viel raffinierter, so dass sie es nicht merken. Im Mittelalter gab es Folter und Hexenverbrennungen, während der Nazizeit Konzentrationslager und im kommunistischen China Umerziehungslager. Bei uns werden heute politische Gegner lächerlich gemacht, mit Prozessen überzogen, bis sie zahlungsunfähig sind oder sie werden entlassen. Das ist nicht ganz so grausam, aber genauso wirkungsvoll und eigentlich noch gefährlicher, weil schwerer durchschaubar.
Viele arbeiten ihr Leben lang, um sich Dinge zu kaufen, die sie nicht wirklich brauchen. Geh doch einmal in ein Kaufhaus und sieh dich um! Die meisten Dinge, die es dort zu kaufen gibt, braucht kein Mensch.
Lohnt es sich wirklich, für diese Dinge gegen deinen Nachbarn oder gegen deinen Arbeitskollegen zu konkurrieren – aus Angst um einen der wenigen schlecht bezahlten Jobs oder um einen Auftrag, der deiner Firma das Überleben sichert? Ja, man redet uns Angst ein. Wir sollen Angst haben um unseren Arbeitsplatz, Angst, die Raten für unser Reihenhaus nicht mehr abzahlen zu können, Angst davor, dass unsere Nachbarn mit den Fingern auf uns zeigen, Angst vor dem Arbeitsamt. Diejenigen, die versuchen, uns diese Angst einzureden, wollen lieber anonym bleiben. Sie sind stets freundlich, die Damen und Herren in den obersten Etagen. Aber sie sind nie greifbar, sie sind nie ansprechbar. Dabei leben sie selbst in ständiger Angst, ihren Reichtum und ihre Macht zu verlieren. Wegen dieser irren Angst schotten sie sich vor den „normalen“ Menschen ab, da sind sie unerreichbar. Sie trauen niemandem über den Weg, nicht ihrer Sekretärin, nicht ihren Mitarbeitern, nicht ihrem Wachmann, nicht ihrer Putzfrau und nicht einmal ihrer Ehefrau.
Für die Drecksarbeit haben sie ihre Büttel – Polizisten, Anwälte, Richter, Fernsehclowns und Arbeitsvermittler im Arbeitsamt. Die merken nicht, dass sie auf der falschen Seite stehen. Und wenn sie es merken, dann haben sie Angst, es sich einzugestehen. Alle machen mit bei diesem teuflischen Spiel – und alle verlieren. Warum nur?
Während der friedlichen Revolution in der DDR 1989 haben wir DDR-Bürger den aufrechten Gang gelernt. Leider haben manche ihn schon wieder verlernt. Es wird Zeit, dass jetzt alle Bürger der BRD den aufrechten Gang lernen. Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Ketten!
Niemand braucht noch ein neues elektronisches Spielzeug! Was wir brauchen, ist eine neue Beziehungskultur, in der ich meine Gefühle zeigen kann, ohne dass ich Angst haben muss, verletzt zu werden.
Es blieben mir nur die Depressionen und meine Träume. Aber lange würde ich das nicht mehr aushalten. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg. Mein Ziel war es, frei und selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten. Ich sehnte mich nach Menschen, die mich verstehen, ich sehnte mich nach Liebe, Zärtlichkeit und menschlicher Wärme. Ich suchte nach dem Land, wo die Zeit nicht drängt. Ich wollte nicht auf bessere Zeiten warten, wollte mich nicht auf ein Leben nach dem Tod vertrösten lassen, sondern ich wollte das verlorene Paradies noch in diesem Leben finden.
Ich hatte auch schon darüber nachgedacht, in ein Kloster zu gehen. Aber das größte Problem für mich dort wäre das Zölibat. Keine Frauen und keinen Sex mehr – da würde ich früher oder später wieder depressiv werden. Also musste eine andere Lösung her.
Und die andere Lösung kam. Eine Freundin riet mir: „Warum siehst du dich nicht nach einer alternativen Gemeinschaft um?“
Auf diese Idee war ich allein noch nicht gekommen.
Es gab sogar eine Art „Reiseführer“ für alternative Gemeinschaften in Deutschland. Das Buch nennt sich „Eurotopia – Leben in Gemeinschaft“ und existiert bis heute.
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Wer aus dieser Welt, wie sie uns vorgeführt wird, ausbrechen will, der muss so tun, als gäbe es sie nicht bei sich selbst. Und dann muss er leben, sein Leben leben, und darf sich durch nichts davon abbringen lassen. Jegliche Versuchung, ihr die Hand und den Geist anzubieten, endet im Nebel dieser Lügen und regt die Ich-Erhöhung bis ins Entsetzlichste an. Wer nicht werden will wie die, der sollte nicht werden wie die. (Hannah Arendt)
Ich begann, den alternativen „Reiseführer“ zu studieren und machte mir eine Liste der Gemeinschaften, die ich besuchen wollte.
Nummer eins auf meiner Liste war das Lebensgut Pommritz in der Oberlausitz in Sachsen.
Am gleichen Ort gab es noch ein zweites alternatives Projekt – die „Naturfriedenszone“. Die „Naturfriedenszone“ war nicht so bekannt wie das Lebensgut und stand deshalb eher in dessen Schatten. Hier lebte, sozusagen als Einsiedlerin, eine einzige Frau. Sie nannte sich „Tamura“.
„Tamura“ lebte ohne Geld, nur von Kräutern und Früchten.
Ich war neugierig sowohl auf das Lebensgut Pommritz als auch auf die „Naturfriedenszone“ und machte mich auf den Weg nach Pommritz.
An einem sonnigen Augusttag stieg ich aus der Regionalbahn Dresden – Görlitz. Der Haltepunkt Pommritz befindet sich einen knappen Kilometer außerhalb des Dorfes Pommritz. Eine Hügellandschaft mit Feldern und Streuobstwiesen breitete sich vor meinen Augen aus.
Auf dem Weg zum Lebensgut Pommritz kam ich an einer Streuobstwiese voller Apfelbäume vorbei. Auch im Dorf gab es viele Obstbäume.
Das Lebensgut war nicht zu übersehen. Es erstreckt sich auf mehr als der Hälfte der Fläche von Pommritz. Auf einer Wiese vor dem Hauptgebäude wurde an einem Strohballenhaus gearbeitet.
Ich hatte mich telefonisch im Lebensgut zu einem „Kennenlern-Wochenende“ angemeldet. Etwas verloren suchte ich nach einem Ansprechpartner, kam an einem Ziegenstall vorbei und landete schließlich in der Küche.
Hier saßen einige Jugendliche und eine Frau im mittleren Alter und schnippelten Gemüse.
„Hallo, ich heiße Edgar“, stellte ich mich vor, „Ich möchte gern eure Gemeinschaft kennenlernen und hatte mich für dieses Wochenende angemeldet.“
„Ich bin Tanja. Wenn du magst, kannst du uns beim Gemüse schnippeln helfen. Um 13.00 Uhr gibt es Mittag. Am Nachmittag, gegen 16.00 Uhr machen wir eine Führung durch das Gelände. Und um 18.00 Uhr gibt es Abendessen. Im ersten Stock, im zweiten Zimmer rechts, ist noch ein Bett frei. Da könntest du schlafen. Die Toiletten sind auf dem Gang.“
Beim Gemüseschneiden erfuhr ich so nach und nach einiges über das Leben im Lebensgut. Zum Lebensgut Pommritz gehören ein ökologischer Landwirtschaftsbetrieb und ein Bildungszentrum für Kultur- und Sozialökologie.
Zu dieser Zeit lebten im Lebensgut ca. 50 Leute, Familien, alleinerziehende Frauen mit Kindern und Einzelpersonen. Arbeit gab es in der Gärtnerei, in der Tischlerei, in der Bäckerei, in der Käserei und in der Landwirtschaft.
Für seinen Lebensunterhalt muss jeder selbst aufkommen. Wer hier leben möchte, muss einen monatlichen Festbetrag für Unterkunft, Strom, Wasser, Heizung und Essen bezahlen.
Wie ich später erfuhr, bezogen viele der „Ökos“, wie sie von den anderen Pommritzern genannt wurden, Arbeitslosengeld. Das Lebensgut bekam außerdem noch jede Menge staatlicher Subventionen vom Land Sachsen – in Form von Geld und in Form von kostenlosen Arbeitskräften. Letztere wurden nämlich dem Lebensgut im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Eine Gemeinschaft als Modellversuch für neue Lebensformen, die Arbeitslose ausbeutet, deren Bewohner aber selbst auch teilweise von staatlicher Unterstützung leben, erschien mir widersprüchlich. Was, bitte schön, soll daran alternativ zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung sein?
Also ging ich erst einmal weiter zur Naturfriedenszone von „Tamura“.
Nur ein paar hundert Meter vom Lebensgut, in einer Seitenstraße, fand ich die Naturfriedenszone – ein altes baufälliges Umgebindehaus, mehr als 100 Jahre alt. Umgebindehaus nennt man Häuser, bei denen der Dachstuhl auf hölzernen Stützen ruht. Das Erdgeschoss steckt eigenständig unter bzw. zwischen diesen Stützen, wird sozusagen „umgebunden“.
Die Eingangstür war unverschlossen. Im Gang standen Kisten mit Äpfeln. Eine enge Treppe führte hinauf zum Obergeschoss. Dort stand ein kleiner Tisch mit einer Spindel, daneben Körbe voller Schafwolle. Die beiden Zimmer im Obergeschoss waren eng, muffig und finster. Durch die kleinen Fenster fiel nur wenig Sonnenlicht. Keine Menschenseele zu sehen.
Ich ging wieder hinunter. Strom gab es im ganzen Haus nicht. Immerhin befand sich im Untergeschoss neben der Tür ein Wasserhahn. Wie ich später erfahren sollte, wurde das alte Haus über eine „vergessene“ Wasserleitung von einem ca. 1 km entfernten alten Brunnen mit Wasser versorgt. Da der Brunnen höher als der Wasserhahn gelegen war, konnte das Wasser nur mittels Schwerkraft, also ohne Strom zu verbrauchen, in die Naturfriedenszone fließen.
Eine Art Plumpsklo befand sich hinter dem Haus.
Zum Garten hin gab es eine zweite Tür. Ich trat hinaus und fand einen etwas verwilderten Garten voller Obstbäume. Mitten auf der Wiese, zwischen Kräutern und Apfelbäumen, saß eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, und aß Äpfel. Ihr langes dunkelbraunes Haar wurde von einem lila Band zusammengehalten. Sie trug einen langen Rock und Kleider, die aus einem Mittelaltermarkt stammen könnten. Das musste „Tamura“ sein.
Mein Traum kam mir wieder ins Bewusstsein: der Garten, das alte Haus, die Äpfel – und inmitten der Äpfel eine geheimnisvolle Jungfrau. Nun war es kein Traum mehr, sondern Realität! Sofort war ich wie gebannt von der Magie dieses Ortes. „Hier möchte ich leben.“, war mein erster Gedanke. Manche Dinge kann man nicht rational erklären, sie geschehen einfach – so wie jetzt.
„Hallo, ich bin Edgar aus Halle. Ich hatte dir geschrieben, dass ich komme“, sagte ich zur Begrüßung.
„Hallo, ich bin Tamura. Magst du Äpfel?“ Ich setzte mich zu ihr und nahm einen Apfel. „Ich war erst im Lebensgut. Die machen ein Kennenlern-Wochenende. Aber eigentlich wollte ich hierher. Ich muss später nochmal rüber zum Lebensgut, mir einen Schlafplatz organisieren.“
„Wenn du willst, kannst du hier übernachten. Falls du mit dem zufrieden bist, was du hier vorfindest.“
„Ach, ich habe keine großen Ansprüche. Solange ich einen trockenen Platz für meinen Schlafsack finde, reicht mir das vollkommen.“
Irgendwie war ich froh und erleichtert, hier in diesen einfachen Verhältnissen und nicht im Lebensgut übernachten zu können.
„Wie bist du zu diesem Haus und zu diesem Leben hier gekommen?“, fragte ich „Tamura“.
„Tamura“, die mit bürgerlichem Namen Birgit heißt, erzählte mir, wie sie auf dem Deutschen Katholikentag in Karlsruhe 1992 den Aussteiger „Öff!Öff!“ kennengelernt hatte.
„Das ist ja ein bescheuerter Name! „Öff!Öff!“, das hört sich so an, wie ein Schwein grunzt“, fiel mir dazu ein.
„Öff!Öff!“ lebte als Pilger ohne Geld auf der Straße und erzählte ihr von seinen Ideen, vom Teilen nach Bedürfnissen und von der gewaltfreien Weltrevolution.
Die Abiturientin Birgit, die bis zu diesem Zeitpunkt ganz stinknormal bürgerlich-spießig gelebt hatte, war sofort von dem Pilger „Öff!Öff!“ und seinen radikalen Ideen begeistert.
Es dauerte noch eine Weile, bis sie sich traute, selbst so radikal zu leben. Im zarten Alter von 19 Jahren schmiss sie ihr Abitur in die Tonne und schloss sich „Öff!Öff!“ und seinen Ideen an. Die beiden fanden nicht nur idealistisch, sondern auch körperlich zueinander und wurden ein Paar. Aus Birgit wurde „Tamura“. Ihre Eltern fanden das überhaupt nicht lustig und brachen schließlich den Kontakt zu ihrer Tochter ab. Als Begründung für ihren „Ausstieg“ sagte sie: „Ich will mich nicht für materielle Dinge krummbiegen lassen, sondern als ein gerader Mensch, als ein ehrlicher, aufrechter Mensch, durchs Leben gehen und mit meinem Gewissen in Einklang leben.“
Aus „Tamura“ und „Öff!Öff!“ und zwischenzeitlich noch anderen Mitstreitern wurde die „Bewegung von Menschen, welche nur noch Geschenke miteinander austauschen“, kurz genannt, die „Schenkerbewegung“. Es gibt vier Grundsätze, welche die „Schenkerbewegung“ vereint:
1. Man wird nur glücklich, wenn man seinem Gewissen folgt.
2. Das bedeutet, insgesamt verantwortlich leben zu wollen – wie eine gesunde Zelle im Organismus der Welt.
3. Es beginnt mit gewaltfreiem Teilen (einander Beschenken) unter Menschen.
4. Wer das ernst meint, muss bei sich selbst anfangen und das so konsequent tun, dass es wirklich im Ganzen eine Lösung ergeben soll – d.h. man kann nicht konsequent genug sein.
„Das mit dem Schenken funktioniert so“, erklärte mir Tamura, „Wir Menschen bekommen doch auch alle wirklich wichtigen Dinge geschenkt: unser Leben, die Luft zum Atmen, das Wasser in den Flüssen und Seen, die Pflanzen, die in der Natur, im Garten oder auf dem Acker wachsen, und vieles mehr. In einer guten Familie wird ja auch alles geschenkt: die Kinder müssen ihren Eltern kein Geld für Unterkunft, Essen und Trinken bezahlen. Wenn wir die Menschheit als eine Familie ansehen, dann beschenken sich die Mitglieder dieser Familie untereinander. Das heißt aber nicht, dass der- oder diejenige, dem ich etwas geschenkt habe, mir nun wieder etwas als Gegenleistung zurückschenken muss. Das wäre ja dann schon wieder eine Art Tauschgeschäft, also eine Abrechnung. Ich vertraue darauf, dass mir dann, wenn ich etwas brauche, dieses auch wieder geschenkt wird. Und das kann dann von jemand ganz anderem kommen, zum Beispiel von jemandem, dem ich noch nie etwas geschenkt habe. Verstehst du, was ich meine?“
„Ja, ich glaube schon. Wenn ich jemandem etwas schenke, gehe ich sozusagen in Vorleistung und vertraue darauf, dass mir auch alles, was ich brauche, geschenkt wird. Aber das kann doch nur funktionieren, wenn die Menschen bewusst sind und sich gegenseitig vertrauen.“
„Um dieses Bewusstsein und Vertrauen aufzubauen und zu fördern, versuchen wir als „Schenker“, das vorzuleben. Dafür machen wir auch „Bewusstseinsarbeit“ als Pilger auf der Straße.“
Irgendwo hatte ich das doch schon einmal gehört. Da fiel mir wieder der Pilger in der Fußgängerzone von Braunschweig ein. Richtig, das musste er sein – dann war das „Öff!Öff!“, dem ich damals begegnet war.
Die ersten Jahre begleitete „Tamura“ ihren neuen Freund „Öff!Öff!“ immer öfter auf seinem Pilgerleben auf der Straße.
Im Jahr 1998 bot ein Bauunternehmer aus der Oberlausitz der „Schenkerbewegung“ ein altes, verfallenes Haus in Pommritz zur unentgeltlichen Nutzung an.
Das Haus war von den Behörden als „unbewohnbar“ erklärt worden. Für einen Abriss fehlte dem Eigentümer aber das Geld. Später sollte ein Unterstützerverein der „Schenkerbewegung“, der „Verein zur Förderung des Schenkens“, das Haus kaufen. Zu diesem Kauf kam es jedoch nie, weil der Eigentümer mehrere Male nicht zum vereinbarten Termin beim Notar erschien.
So entstand die „Naturfriedenszone“. „Tamura“ zog in das verfallene Haus ein. Mit Hilfe von „Öff!Öff!“ und anderen Unterstützern wurde es notdürftig bewohnbar gemacht.
Die Naturfriedenszone sollte ein Selbstversorgungsprojekt werden. Das Leben in der Naturfriedenszone war für „Tamura“ eine Herausforderung. Das größte Problem war, dass es keinen funktionsfähigen Schornstein und keinen Ofen gab. In der Praxis bedeutete das für „Tamura“, im Winter bei bis zu minus 20 °C Außentemperaturen in kalten Räumen zu sitzen, eingewickelt in dicke Decken. Gelegentlich konnte sie sich im benachbarten Lebensgut aufwärmen.
Auch die angestrebte Ernährung von veganer Rohkost erwies sich in der Praxis als schwierig. „Tamura“ ernährte sich ausschließlich von gesammeltem Obst und Wildkräutern. Was im Sommer und im Herbst noch relativ einfach war, wurde ab spätestens Januar zu einem Drahtseilakt. Die gesammelten Äpfel mussten vor Frost und Mäusen geschützt werden und außerdem noch bis Anfang Juni reichen. Erst dann gab es in Form von Erdbeeren und Johannisbeeren wieder neues frisches Obst. Wildkräuter gab es im Winter auch nur sehr spärlich.
„Im letzten Winter habe ich sehr gefroren“, gestand mir „Tamura“, „Manchmal musste ich sogar hungern, weil so viele Äpfel verfault sind.“
Die Erzählungen von „Tamura“ über das Leben in der Naturfriedenszone dämpften meinen Enthusiasmus über das Leben ohne Geld doch erheblich. Eigentlich hatte ich mir mein neues alternatives Lebens anders vorgestellt, als in einem muffigen alten Haus zu hungern und zu frieren. Ich überlegte, wie ich hier einigermaßen menschenwürdig leben könnte.
Als Übergangsstation kam nun doch wieder das Lebensgut Pommritz ins Spiel.
Am Nachmittag ging ich wieder hinüber zum Lebensgut und unterhielt mich mit verschiedenen Leuten. Auf jeden Fall bräuchte ich Geld, wenn ich im Lebensgut Pommritz leben wollte. Die einfachste Möglichkeit wäre es, Arbeitslosengeld zu beantragen, so wie viele andere „Lebensgütler“.
Am nächsten Tag half ich „Tamura“ im Garten. Während der Arbeit fragte ich sie, wie ich hier mitleben könnte: „Tamura, ich möchte gerne aussteigen und in Pommritz leben, sowohl in der „Naturfriedenszone“ als auch im Lebensgut. Ein totaler Ausstieg, so ohne Geld und ohne Heizung, wäre für mich zu hart – zumindest am Anfang. Vielleicht könnte ich erst einmal beim Lebensgut anfangen und mich in der „Naturfriedenszone“ so nach und nach immer mehr einbringen. Später, wenn ich mich an das Leben hier gewöhnt habe, kann ich mir ja überlegen, ob ich dann ohne Geld leben will.“
„Das ist eine gute Idee. Ich könnte einen starken Mann für die Arbeit am Haus und im Garten gut gebrauchen. Du kannst es ja mal im Lebensgut versuchen. Vielleicht findest du dort eine auch passende Frau für dich. Du hast doch sicher schon gehört, dass im Lebensgut die „freie Liebe“ gelebt wird? Im Volksmund wird das Lebensgut deshalb auch „Liebesgut“ genannt.“
Das hörte sich doch schon viel besser an: Auf die „sanfte“ Weise aussteigen und dann noch die Aussicht, eine Partnerin zu finden, gaben mir neuen Mut und Zuversicht.
Die Rückkehr nach „Babylon“, in den real existierenden Kapitalismus, war ein heftiger Kulturschock für mich. Nach meinem ersten Ausflug in die Welt der alternativen Gemeinschaften erschien mir das normale „bürgerliche“ Leben noch unerträglicher. Ich empfand den unnützen Lärm und die Enge der Großstadt als viel belastender als je zuvor.
Zunächst zögerte ich, den entscheidenden Schritt zu wagen. Erst einmal besuchte ich noch andere alternative Gemeinschaften, zum Beispiel das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung in Belzig (Brandenburg), eine Wagenburg in Haina (Thüringen) und Zarnekla, die Zweite – eine kleine Ökogemeinschaft in der Nähe von Demmin (Vorpommern).
Da alle diese von mir besuchten Gemeinschaften nicht meinen Vorstellungen vom neuen alternativen Leben entsprachen, entschied ich mich für eine Kombination aus Lebensgut und Naturfriedenszone in Pommritz.
Für meine Familie in Halle war meine Entscheidung, „auszusteigen“ ein großer Schock. Ich stieß auf Ablehnung und Unverständnis. Das Verhältnis zu meinen Eltern war seitdem stark belastet. Aber mein Entschluss stand fest. Ich kündigte mein Arbeitsverhältnis. Das Arbeitsamt verhängte eine dreimonatige Sperrzeit über mich, das heißt, es gab drei Monate kein Geld.
Diese Sperrzeit brachte mich auf eine neue Idee: „Wenn ich jetzt schon drei Monate kein Geld bekomme, dann kann ich auch gleich anfangen, ohne Geld zu leben.“
