Plötzlich Prinz - Die Rache der Feen - Julie Kagawa - E-Book

Plötzlich Prinz - Die Rache der Feen E-Book

Julie Kagawa

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Beschreibung

Knapp dem Tode entronnen, muss Ethan Chase, der Bruder der Feenkönigin Meghan, feststellen, dass Nimmernie und die Welt der Menschen bedroht sind. Nachdem die Barrieren zwischen den beiden Welten durchlässiger geworden sind, gewinnt die Herrscherin der Vergessenen, beflügelt durch die Furcht der Menschen, zunehmend an Macht. An der Spitze ihrer Armee: Keirran, Ethans Neffe und Meghans abtrünniger Sohn! Die Vergessenen wollen die Herrschaft über ganz Nimmernie an sich reißen, und der Einzige, der sie jetzt noch stoppen kann, ist Ethan. Doch er muss dafür alles riskieren: das Vertrauen seiner Schwester, seine Liebe zu seiner Freundin Kenzie und sein Leben …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 584




JULIE KAGAWA

Plötzlich Prinz

DIE RACHE DER FEEN

Aus dem Amerikanischen von

Charlotte Lungstrass-Kapfer

 

 

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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel TheIron Fey 3 –

The Iron Warrior bei Harlequin Teen, Ontario

Copyright © 2015 by Julie Kagawa

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkterstr. 28, 81673 München.

Alle Rechte sind vorbehalten.

Redaktion: Sabine Thiele

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Motivs von © Shutterstock/Artfamily

und Shutterstock/Worraket

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-17182-7V001

www.heyne-fliegt.de

 

Für Laurie und Tashya, die mich von Anfang an auf dieser verrückten Reise begleitet haben.

 

 

Erster Teil

 

 

1

Schwebezustand

Mein Name ist Ethan Chase.

Und auch wenn ich es nicht mit Sicherheit sagen kann, bin ich vermutlich tot.

 

2

Erwachen

Der Traum endet immer gleich.

Ich bin wieder in meinem Zimmer. Oder vielleicht ist es auch das meiner Schwester oder irgendein fremdes. Keine Ahnung. An der Wand hängen Bilder, die ich noch nie gesehen habe, Fotos von einer Familie, die nicht meine ist. Aber der Schreibtisch gehört mir, glaube ich. Bett, Stuhl und Computer ebenfalls. Auf dem Bett liegt eine schlafende Gestalt, ihre langen braunen Haare sind auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Um sie nicht zu stören, bewege ich mich möglichst lautlos. Dabei weiß ich nicht einmal, was sie hier in meinem Zimmer macht. Falls es überhaupt mein Zimmer ist.

Es ist dunkel. Der Regen trommelt auf das Metalldach, und im Stall draußen quieken die Schweine. Dad hat verlangt, dass ich heute die Fütterung übernehme; das wird kein Spaß bei dem Regen und dem Matsch da draußen. Deshalb habe ich ihm gesagt, ich würde zum Füttern gehen, wenn das Wetter besser wird. Aber eigentlich will ich im Dunkeln gar nicht da raus. Ich weiß, dass es in den Schatten lauert und nur auf mich wartet. Ich habe es im Spiegel gesehen, eine kurze Reflexion: die schmale, dünne Silhouette am Schlafzimmerfenster, die suchend hereinspähte. Manchmal glaube ich, aus dem Augenwinkel lange schwarze Finger zu erkennen, die sich unter dem Bett hervortasten. Aber wenn ich mich dann umdrehe und hinsehe, ist da nichts.

Mein Handy summt, aber ich lasse es liegen. In meinem Magen bildet sich ein drückender Knoten, während ich zusehe, wie es auf dem Schreibtisch vibriert.

»Warum gehst du nicht ran?«, fragt das braunhaarige Mädchen. Jetzt sitzt es aufrecht in meinem Bett und sieht mich mit seinen grünen Augen an. Sie scheinen im Dunkeln zu leuchten.

»Weil sie bestimmt wütend auf mich ist«, erwidere ich. »Ich habe sie sitzen lassen. Erst habe ich versprochen, dass ich zurückkomme, und dann habe ich mein Wort gebrochen. Das wird sie mir nicht durchgehen lassen.«

Das Telefon verstummt. Von unten dringen Stimmen herauf: Meine Eltern rufen mich zum Abendessen. Als ich mich wieder zu dem braunhaarigen Mädchen umdrehe, ist es verschwunden, stattdessen sitzt dort Meghan, auf ihrem Bett diesmal. Ihre langen silberblonden Haare bilden einen Lichtfleck im dunklen Zimmer. Als sie mich anlächelt, bin ich plötzlich wieder vier Jahre alt und drücke meinen Stoffhasen an die Brust.

»Geh zum Essen, Zwerg«, sagt Meghan liebevoll. Sie lächelt immer noch, aber ich sehe, wie ihr Tränen über das Gesicht laufen. »Sag Mom und Luke, dass ich mich nicht wohlfühle. Aber komm zurück, wenn du fertig bist, dann lese ich dir noch etwas vor, okay?«

»Okay«, sage ich leise und tapse zur Tür, Floppy immer noch fest im Arm. Dabei frage ich mich, warum sie weint und ob ich vielleicht irgendetwas tun kann, damit sie wieder fröhlich wird. Ich kann es nicht leiden, wenn meine Schwester traurig ist.

»Sie hat jemanden verloren«, flüstert mir Floppy zu. Das macht er manchmal, wenn wir allein sind. »Jemand ist fortgegangen, deshalb ist sie so traurig.«

Im Flur vor meinem Zimmer herrscht Dunkelheit, überhaupt scheint sich das ganze Haus in Schatten zu hüllen. Nur aus unserer winzigen Küche dringt etwas Licht. Also gehe ich die Treppe hinunter und versuche, nicht auf die finsteren Dinge zu achten, die sich knapp außerhalb meines Gesichtsfeldes herumdrücken. Am Fuß der Treppe erwartet mich ein Junge mit abgerissener Kleidung und zerzausten Haaren. »Kannst du mir helfen?«, fragt Todd Wyndham flehend. Die Schatten schmiegen sich an seinen schmalen Körper und zerren ihn zurück in die Dunkelheit. Schaudernd laufe ich weiter und drücke Floppy vors Gesicht, um es nicht sehen zu müssen. »Ethan, warte«, haucht Todd noch, als die Schatten ihn einsaugen. »Geh nicht. Bitte, komm zurück. Ich glaube, ich habe etwas verloren.«

Dann verschluckt ihn die Finsternis, und ich kann ihn nicht mehr sehen.

»Da bist du ja«, sagt Mom, als ich endlich die Küche betrete. »Wo ist deine Schwester? Das Abendessen ist fertig. Kommt sie nicht runter?«

Ich blinzele kurz, bin nicht mehr der Vierjährige und spüre, wie sich die Bitterkeit wie eine zweite Haut um mich legt. »Sie wohnt nicht mehr bei uns, Mom«, antworte ich mürrisch. Plötzlich bin ich richtig wütend. »Schon lange nicht mehr, hast du das etwa vergessen?«

»Oh, stimmt ja.« Mom nimmt einen Stapel Teller aus dem Schrank und reicht ihn mir. »Na ja, wenn du sie das nächste Mal siehst, sag ihr doch bitte, dass ich ihr eine Portion warmhalte, ja?«

Bevor ich etwas erwidern kann, klopft es an der Tür. Das dumpfe Geräusch hallt durch das ganze Haus und lässt die Schatten, die sich bis zum äußersten Rand des Lichts vorgewagt hatten, ängstlich zurückweichen.

»Oh, gut, er ist pünktlich.« Mom holt eine dampfende Pastete aus dem Ofen, aus der eine rote Flüssigkeit quillt. »Machst du bitte mal auf, Ethan? Man lässt seine Gäste nicht draußen im Regen warten.«

Ich stelle die Teller auf dem Esstisch ab, gehe durchs Wohnzimmer nach vorne und öffne die Haustür.

Keirran steht auf der Schwelle.

Er ist klatschnass, die silbernen Haare kleben ihm an Hals und Stirn, und seine Kleidung trieft vor Nässe. Um seine Füße hat sich eine Pfütze gebildet, doch die Flüssigkeit ist zu dunkel für Regenwasser.

Unter seinem Hemd sehe ich ein bedrohliches, finsteres Pulsieren, wie ein aus dem Takt geratener Herzschlag. Und plötzlich spüre ich es auch, direkt unter seinem Brustbein – den Zwilling des schweren, kalten Eisenrings, den ich an einer Kette um den Hals trage.

Hinter Keirran tobt das Unwetter, Blitze zucken über den Himmel, sodass ich die roten Streifen in seinem Gesicht sehen kann sowie das eisige Funkeln seiner Augen. Als ich kurz über seine Schulter schaue, meine ich dort draußen in der Dunkelheit noch jemanden zu sehen. Eine große, blasse Gestalt mit Haaren wie Nebelschwaden. Doch dann verschwindet der Blitz und mit ihm auch das Wesen.

Ich konzentrierte mich wieder auf Keirran, und als mein Blick zu seinen Händen gleitet, überläuft mich ein eisiger Schauer. Sie sind bis zu den Ellbogen mit nassem, glänzendem Blut beschmiert. Außerdem hält er ein Schwert in der Hand. Die gebogene Klinge funkelt bedrohlich.

Als ich in seine eisblauen Augen sehe, lächelt er traurig.

»Es tut mir leid, Ethan«, flüstert er, jedes Mal wieder.

Dann rammt er mir das Schwert in den Bauch.

Mit einem atemlosen Keuchen riss ich die Augen auf.

Um mich herum war es dunkel. Ich blieb reglos liegen, starrte an eine scheinbar vollkommen normale Zimmerdecke und fragte mich, wo ich war. Die Risse im Putz über mir bildeten seltsame Formen und Gesichter, aber sie verschwammen nicht und lachten mich auch nicht aus, wie es in der Vergangenheit öfter mal vorgekommen war. Eigentlich war mein Kopf zum ersten Mal seit … keine Ahnung wie langer Zeit … mal wieder vollkommen klar. Sonst hatte ich mich immer von einer finsteren, surrealen Traumwelt losgerissen und war direkt in der nächsten gelandet, wo alles verdreht und unheimlich und seltsam war, was man aber nicht merkte, weil man ja in einem Traum festhing. Es hatte nur wenige wache Momente gegeben, und wenn ich mich sehr anstrengte, glaubte ich mich an besorgte Gesichter zu erinnern, die sich über mich beugten. Eine Frau tauchte besonders oft in meinen Träumen auf, und immer waren ihre Wangen tränennass gewesen. Manchmal hatte sie mit mir gesprochen, mir gesagt, ich solle durchhalten, hatte flüsternd gestanden, wie leid es ihr tue. Mit verzweifelter Anstrengung hatte ich versucht, mit ihr zu reden, ihr zu versichern, dass es mir gut ging. Aber die Wirklichkeit entglitt mir immer viel zu schnell, und schon tauchte ich wieder in die albtraumhaften Tiefen in meinem Kopf ab.

Zwar fehlte mir die Erinnerung daran, wie ich hierhergekommen war, aber zumindest hatte ich mein Gehirn endlich wieder unter Kontrolle. Ich war bei Bewusstsein, wach und wild entschlossen, diesen Zustand nicht wieder aufzugeben.

Vorsichtig ging ich meine wackeligen Gedanken durch, sammelte die Bruchstücke meiner Erinnerungen ein und versuchte zu rekonstruieren, was passiert war. Eins nach dem anderen.

Wo bin ich?

Langsam drehte ich den Kopf und sah mich um. Ich lag in einem großen Bett, die Decke bis zur Brust hochgezogen, die Arme an den Seiten ausgestreckt. Der Raum schien ein normales Schlafzimmer zu sein, vielleicht auch eine Art Arbeitszimmer, allerdings kam mir nichts bekannt vor, offenbar war ich noch nie hier gewesen. In einer Ecke stand ein Schreibtisch mit Computer, dessen Monitor blau flimmerte. Daneben eine Kommode. Rechts von mir drangen durch ein halb geöffnetes Fenster kühle Nachtluft und silbriges Licht ins Zimmer. Hinter der Scheibe leuchtete ein riesiger, runder Vollmond; so nah hatte ich ihn noch nie vor mir gesehen.

Blinzelnd drehte ich den Kopf in die andere Richtung, und mir stockte der Atem.

In der Ecke direkt neben dem Bett stand ein Sessel, in dem eine zusammengesunkene Gestalt saß, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf an die Lehne gestützt: ein Mädchen mit silberblonden Haaren und spitzen Ohren.

Meine Schwester. Meghan Chase, die Eiserne Königin.

Einen Moment lang starrte ich sie einfach nur an, während mein träges Gehirn versuchte, das alles zu begreifen. Meghan bewegte sich im Schlaf, versuchte eine bequemere Position zu finden – eine Königin, die es sich gemütlich machen wollte. Jemand hatte ihr eine Decke gebracht, und neben dem Sessel lag ein Buch auf dem Boden. Plötzlich hatte ich einen dicken Kloß in der Kehle. Hatte sie etwa über mich gewacht, die ganze Zeit an meinem Bett gesessen? Wie lange lag ich hier überhaupt schon? Und was war verdammt noch mal passiert, während ich weggetreten war?

Ich wollte mich aufsetzen und Meghan ansprechen, doch selbst bei dieser kleinen Bewegung fing der Raum an, sich wie wild um mich zu drehen, und ich brachte nur ein ersticktes Ächzen heraus. Mit einer frustrierten Grimasse ließ ich mich zurücksinken. Ich fühlte mich so schwach und ausgelaugt, als wäre ich lange krank gewesen. Meghan hatte offenbar nicht besonders fest geschlafen, denn sie war sofort wach, und ihre leuchtend blauen Augen fixierten mich.

»Ethan«, flüsterte sie fast unhörbar und sprang auf, um an mein Bett zu treten. Ihre schlanken Finger packten meine Hand, sie sank auf die Knie und strich mir sanft über die Wange. Mit einem verräterischen Glanz in den Augen sah sie mich an. »Du bist wach«, stellte sie erleichtert fest. »Wie fühlst du dich?«

Ich schluckte schwer. Meine Kehle war rau und trocken wie Schleifpapier, und wenn ich sprach, kam es mir vor, als schütte mir jemand winzige Rasierklingen in den Hals, aber ich brachte ein heiseres »Ganz okay« hervor. Der darauf folgende Hustenanfall trieb mir die Tränen in die Augen.

»Warte.« Meghan verschwand und kam kurz darauf mit einem Becher zurück, den sie mir mit einem strengen »Langsam trinken« in die Hand drückte.

Mit einem vorsichtigen, winzigen Schluck prüfte ich, ob es irgendein Feengebräu war. Doch die Flüssigkeit entpuppte sich als Wasser – normales, vollkommen unmagisches Wasser, soweit ich das feststellen konnte. Plötzlich spürte ich, wie ausgetrocknet ich war, und musste mich zwingen, langsam zu trinken. Schließlich wusste ich, dass es wahrscheinlich alles wieder hochkommen würde, wenn ich es zu schnell in mich reinschüttete. Meghan wartete geduldig, bis ich fertig war, dann zog sie ihren Sessel ans Bett heran.

»Besser?«

Ich nickte. »Ja«, testete ich leise meine Stimme. Sie klang noch etwas rau, aber wenigstens konnte ich sprechen, ohne gleich wieder loszuhusten. »Wo bin ich?«

»Im Eisernen Reich«, antwortete Meghan sanft. »Du bist in Mag Tuiredh.«

Der Hauptstadt des Eisernen Reiches, Meghans Regierungssitz, mitten im Nimmernie. Ich war also wieder einmal im Feenreich gelandet.

Ich setzte mich zurecht, woraufhin der Raum etwas in Schieflage geriet und ich angestrengt die Zähne zusammenbiss. Sofort wirkte Meghan wieder besorgt, aber ich reckte nur trotzig das Kinn. Hoffentlich holte sie jetzt nicht den Arzt oder Heiler oder welches Feenwesen auch immer in solchen Fällen zuständig war. Ich war bei Bewusstsein und wach und hatte immer noch keinen blassen Schimmer, was los war. Ich brauchte Antworten.

»Wie lange war ich weg?«, fragte ich meine Schwester deshalb. Anstatt zu antworten, warf sie mir einen langen, besorgten Blick zu. Irgendetwas daran bereitete mir Bauchschmerzen. »Meghan? Wie lange war ich hier im Nimmernie?«

»Etwas über einen Monat«, verriet Meghan schließlich. »Soweit ich das sagen kann, hast du im Koma gelegen, und das bis heute. Niemand wusste mit Sicherheit, ob du wieder aufwachen würdest. Wir haben dich … bei dem Feenring in Irland gefunden und hierhergebracht.«

»Einen Monat?«, ächzte ich. Was im Nimmernie ein Monat war, konnte in der wirklichen Welt eine unfassbar lange Zeitspanne sein. Vielleicht war ein ganzes Jahr vergangen, während ich nichts ahnend hier gelegen hatte. »Warum hierher?«, fragte ich schwach. »Warum habt ihr mich nicht in die Menschenwelt zurückgebracht?«

Wieder bedachte mich Meghan nur mit einem ernsten, traurigen Blick.

»Was ist mit Mom und Dad?«, wollte ich wissen. Noch kurz bevor ich aufgebrochen war, hatte ich ihnen versprochen, nicht mehr für wer weiß wie lange ins Feenreich zu verschwinden. Wieder einmal hatte ich ein Versprechen gebrochen, hatte jene belogen, die ich liebte. Mom drehte inzwischen wahrscheinlich völlig durch. »Wissen sie, wo ich die ganze Zeit war?«, fragte ich weiter. »Hat ihnen jemand Bescheid gesagt? Wissen sie, dass es mir gut geht?«

»Ethan …« Meghans Stimme zitterte. Als ich meiner Schwester ins Gesicht sah, grub sich die Angst wie eine eisige Faust in meinen Magen. Sie wirkte erschöpft und starrte mich an, als wäre ich ein Geist. Zwar hatte sie ihre Mimik im Griff, hatte die ruhige, kontrollierte Maske der Eisernen Königin aufgesetzt, doch dahinter sah ich tiefen Schmerz. Und obwohl meine Erinnerungen mehr als verschwommen waren, wusste ich in diesem Moment, dass etwas Schreckliches passiert war.

Meghan holte tief Luft und schloss kurz die Augen, bevor sie mit ihrer Erklärung fortfuhr.

»Als wir dich gefunden haben«, erzählte sie mit etwas festerer Stimme, »warst du so gut wie tot. Du hattest sehr viel Blut verloren und bereits aufgehört zu atmen. Wir haben mit allen Mitteln versucht, dein Leben zu retten, aber …« An der Art, wie sie schluckte, erkannte ich, dass sie krampfhaft versuchte, nicht in Tränen auszubrechen. »Aber am Ende haben wir dich verloren.«

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Fassungslos starrte ich sie an, mein Verstand weigerte sich einfach, es zu begreifen. »Was … was soll das heißen?«

»Ethan … du bist gestorben. Du warst ein paar Minuten lang tot.«

Entsetzt ließ ich mich in die Kissen zurückfallen. Plötzlich lösten sich einzelne Bilder aus jener Nacht aus den verworrenen Albträumen. Einiges davon war also wirklich passiert. »Aber ich bin doch hier«, versuchte ich es mit Logik. »Ich lebe noch. Wie geht das?«

»Keine Ahnung«, sagte Meghan. »Allerdings haben die Heiler das hier bei dir gefunden.«

Sie beugte sich vor und ließ etwas in meine Hand fallen. Kalt lagen die beiden Kupferstücke auf meiner Haut. Sie passten perfekt zusammen, bildeten eine runde, flache Scheibe, in deren Mitte ein Dreieck eingestanzt war.

Ein Amulett. Ich hatte es geschenkt bekommen von … meinem Mentor, Guro Javier, als Schutz vor den vielen Gefahren des Nimmernie. Aber ich hatte es nicht die ganze Zeit bei mir gehabt … Krampfhaft versuchte ich, mich zu erinnern, doch meine Gedanken drehten sich wild im Kreis. Ich hatte es getragen, als ich zusammen mit Keirran nach Irland gegangen war, zu dem Treffen mit der Herrin der Vergessenen. Und während ich in dem Feenring gestanden hatte, umgeben von Dutzenden von ihnen, und die Herrin Keirran erklärt hatte, was er tun musste, um den Schleier zu zerreißen – die magische Barriere, die es normalen Menschen unmöglich machte, die Feen zu sehen. Ein Opfer musste er darbringen. Ein Opfer, dessen Blut alle drei Reiche in sich vereinte, das familiäre Bande mit Sommer, Winter und Eisen teilte. Damit die verbannten Feen leben und die Vergessenen sich wieder im Bewusstsein der Menschen verankern konnten, musste ich sterben.

Und dann hatte Keirran mich erstochen. Und ich war gestorben.

»Meine Heiler haben mir gesagt, dass dieses Amulett von starker Magie umgeben war«, fuhr Meghan mit gezwungener Ruhe fort. »Und als du … gestorben bist … ist es zerbrochen. Ich dachte, ich hätte dich verloren.« Kurz zitterte ihre Stimme, dann hatte sie sich wieder im Griff. »Doch gerade als wir unsere Wiederbelebungsversuche aufgegeben hatten, fing dein Herz wieder an zu schlagen. Nur sehr langsam, und wir haben es auch nicht geschafft, dich aus der Bewusstlosigkeit zu holen, aber du warst wieder bei uns.« Sie starrte auf das zerbrochene Amulett in meiner Hand, dann fügte sie erleichtert und erstaunt hinzu: »Was auch immer das war, es hat dir wahrscheinlich das Leben gerettet.«

Fassungslos starrte ich auf die schimmernden Kupferstücke, unsicher, was ich eigentlich empfand. In mir schwirrten so viele Gefühle herum, dass ich mich kaum auf eines davon konzentrieren konnte. Immerhin bekam man ja nicht alle Tage von seiner großen Schwester zu hören, dass man gestorben war, wenn auch nur für ein paar Minuten. Und dass es ein Familienmitglied gewesen war, das einen hinterrücks ermordet hatte.

Keirran.

Ganz bewusst verdrängte ich meinen verräterischen Neffen aus meinen Gedanken. »Mom und Dad?«, fragte ich noch einmal. »Wissen sie Bescheid?«

Mit leicht gequälter Miene erklärte Meghan: »Man hat ihnen mitgeteilt, wo du dich aufhältst. Sie wissen, dass du bei mir im Nimmernie bist. Außerdem habe ich ihnen gesagt, dass dir etwas zugestoßen ist und dass du zu deinem eigenen Schutz eine Weile hierbleiben musst.« Sie holte mühsam Luft. »Ich konnte ihnen nicht die Wahrheit sagen, noch nicht. Das hätte Mom umgebracht. Ich hatte gehofft, dass du aufwachst, bevor ich ihnen erklären muss, was wirklich passiert ist. Und warum ich dich nicht nach Hause schicken konnte.«

Wir saßen in dem dunklen Schlafzimmer, starrten die glänzenden Überreste des Amuletts an, dem ich mein Leben verdankte, und plötzlich brach Meghan zusammen. Die Maske der Eisernen Königin verschwand, als sie eine Hand vors Gesicht schlug. Ihre Schultern begannen zu zucken, und als ich ihre leisen, abgehackten Schluchzer hörte, breitete sich ein drückender Schmerz in mir aus. Meghan war von uns beiden immer die Stärkere gewesen. Bevor sie im Feenreich verschwunden war, hatte ich immer mit allem zu ihr kommen können. Ja, damals war ich noch ein kleines Kind gewesen, das den Boden anbetete, auf dem die große Schwester wandelte, aber wann immer mich Albträume, nächtliche Ängste oder die Monster quälten, die nur ich sehen konnte, war ich damit zu Meghan gelaufen. Bei ihr hatte ich mich immer sicher gefühlt. Und selbst jetzt, so viele Jahre später, konnte ich es nicht ertragen, dass sie unglücklich war. Nachdem sie gegangen war, hatte ich viel Zeit damit verbracht, zu schmollen und wütend auf sie zu sein, weil sie die ihrer Familie vorgezogen hatte. Wie sehr hatte ich die Welt gehasst, die sie mir weggenommen hatte. Doch trotz allem hatte ich meine Schwester wahnsinnig vermisst und mir gewünscht, sie könnte wieder nach Hause kommen.

»Hey.« Da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, beugte ich mich vor – den kurzen Schwindelanfall nahm ich einfach nicht zur Kenntnis – und griff nach ihrer Hand. Ihre Finger schlossen sich so fest um meine, als müsste sie sich erst davon überzeugen, dass ich auch wirklich da war. Und lebendig. »Ich bin okay«, versicherte ich ihr. »Alles ist gut, Meghan. Ich bin noch hier. Und ich werde so schnell auch nicht abtreten.«

»Nein«, flüsterte sie, »es ist nicht alles gut. Schon lange nicht mehr.« Sie versuchte sich zu beruhigen und holte tief Luft, doch noch immer quollen Tränen zwischen ihren Fingern hervor. »Es tut mir so leid, Ethan«, fuhr sie fort. »So unendlich leid. Ich wollte dich vor all dem schützen. Wie sehr habe ich versucht, es aufzuhalten, bin auf Abstand gegangen, habe dich nicht mehr besucht, wollte Keirran von dir fernhalten …« Als sie den Namen ihres Sohnes aussprach, versagte ihre Stimme, und ich spürte eine so starke Welle von Trauer, Wut, Schuld und Verzweiflung, dass ich eine Gänsehaut bekam. »So viele Dinge musste ich geheim halten, so viele Leute verletzen, um es zu verhindern. Und jetzt ist Keirran irgendwo dort draußen, und du wärst fast gestorben …« Sie schüttelte den Kopf und klammerte sich so fest an meine Hand, dass es fast schon wehtat. »Es tut mir leid«, flüsterte sie noch einmal. »Das ist meine Schuld. Ich wusste, was passieren würde. Natürlich hätte ich euch beide noch besser im Auge behalten sollen, aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass Keirran … dass er dazu in der Lage wäre …«

Ihr schmaler Körper zitterte unkontrolliert, und sie begann erneut zu schluchzen. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich in jener Nacht, in der kurzen Zeit zwischen Keirrans Angriff und der einsetzenden Ohnmacht, Hufschläge gehört hatte. Waren das Meghan und ihre Ritter gewesen, die mich hatten retten wollen? Hatte sie etwa mit angesehen, wie Keirran, ihr einziger Sohn, mir das Schwert in den Körper gerammt und mich dann sterbend zurückgelassen hatte?

Und dann erinnerte ich mich an noch etwas.

»Es war wegen der Prophezeiung.« Ich kam mir vor wie der letzte Idiot, weil ich es nicht begriffen, nie auch nur die leiseste Ahnung gehabt hatte. Aber wie hätte ich es auch wissen sollen? Wie hätte ich ahnen können, dass Keirran, mein Neffe und ganz ehrlich gesagt einer meiner sehr wenigen Freunde, mich hinterrücks ermorden würde? »Deshalb waren sie alle so besorgt: du, Ash, Puck, sogar Titania. Als ihr mich mit Keirran zusammen gesehen habt, hattet ihr alle fast einen Herzinfarkt. Wegen dieser Prophezeiung.«

Meghan nickte müde. »Es sollte mich wohl nicht überraschen, dass du es herausgefunden hast.« Sie fuhr sich über die Augen, setzte sich aufrecht hin und sah mich an. »Wer hat es dir gesagt?«

»Das Orakel.« Noch während ich es sagte, sah ich wieder das verstaubte alte Feenwesen mit den leeren Augenhöhlen vor mir, spürte den stechenden Schmerz, als es meine Stirn berührt hatte – ein Gefühl, als würde es seine Krallen direkt in mein Gehirn bohren. Und ich erinnerte mich an das Bild, das plötzlich in meinem Kopf aufgetaucht war: Keirran, blutverschmiert und mit dem Schwert in der Hand, wie er sich über meinen leblosen Körper beugte. »Kurz vor ihrem Tod«, fügte ich hinzu und registrierte, wie Meghan die Augen aufriss. »Die Vergessenen haben sie umgebracht.«

Das schien Meghan zu erschüttern. »Dann sind die Gerüchte also wahr«, murmelte sie nachdenklich. »Es tut mir leid, das zu hören. Wir haben uns zwar nicht im Guten getrennt, aber ich werde ihr immer dankbar sein für ihre Hilfe.« In stillem Gedenken schloss sie die Augen, bevor sie mich erneut fixierte. »Hat sie dir sonst noch etwas verraten? Welche Bedeutung hinter der Prophezeiung steckt? Wie sie sich erfüllen sollte und welche Rolle du dabei spielst?«

Mit einem Kopfschütteln antwortete ich: »Ihr blieb keine Zeit für weitere Erklärungen, bevor die Vergessenen sie erwischt haben. Ich habe nur gesehen, wie ich vor Keirrans Füßen auf dem Boden lag. Na ja, mir war schon klar, dass ich tot war, also, dass sie mir damit meinen eigenen Tod zeigte …« Mich überlief ein kalter Schauer, und auch Meghan biss die Zähne zusammen. »Es sah so aus, als wäre ich umgebracht worden. Aber ich hätte nie gedacht, dass es … Keirran gewesen sein könnte.«

Wut flackerte in mir auf und vertrieb die letzten Reste des Schocks. Verbissen ballte ich die Fäuste. »Aber du hast es gewusst.« Es fiel mir sehr schwer, das nicht wie einen Vorwurf klingen zu lassen. Während ich mit dem Chaos in meinem Inneren kämpfte, um mich nicht von allen und jedem verraten zu fühlen, musterte mich meine Schwester traurig. »Du wusstest von der Prophezeiung«, betonte ich noch einmal. »Deshalb hast du Keirran und mich voneinander ferngehalten. Deshalb bist du nicht mehr zu uns gekommen.« Als sie nicht antwortete, beugte ich mich zu ihr. Verdammt, ich wollte es wissen, ein für alle Mal. »Wie lange wusstest du es schon?«

»Ich habe es vor Keirrans Geburt erfahren.« Meghans Blick richtete sich in die Ferne. »Kurz nach meiner Ernennung zur Eisernen Königin kam das Orakel zu mir und behauptete, mein Erstgeborener würde nur Kummer und Leid über uns bringen. Dass Keirran dazu bestimmt sei, die Feenreiche entweder zu einen oder zu vernichten.« Sie blickte auf unsere ineinander verschlungenen Finger. »Und dass ein bestimmtes Ereignis diesen Prozess auslösen würde … dein Tod, Ethan. Sollte Keirran dich töten, würde das die Vernichtung in Gang setzen.«

Ungläubig starrte ich sie an. Schon vor Keirrans Geburt. Seit Jahren wusste sie davon, jahrelang hatte diese finstere Wolke über ihr gehangen. Vom Tag seiner Geburt an hatte sie mit dem schrecklichen Wissen leben müssen, dass ihr Sohn einmal etwas so Entsetzliches tun würde.

»Und nun ist es geschehen«, sagte Meghan ausdruckslos. »Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Keirran hat etwas ausgelöst, was er nicht mehr rückgängig machen kann, und ich muss darauf reagieren – als Königin dieses Reiches.«

In meinem Bauch breitete sich Kälte aus, und mein Hals war plötzlich wieder wie ausgetrocknet. »Was ist denn los?«, fragte ich leise. Gleichzeitig fürchtete ich mich vor der Antwort. »Wo steckt Keirran überhaupt?«

»Seit jener Nacht hat ihn niemand mehr gesehen«, erklärte Meghan. »Aber es gibt Gründe, anzunehmen, dass er sich bei den Vergessenen aufhält.«

Die Vergessenen. So bezeichnete man jene Feen, deren Existenz langsam erlosch, weil niemand sich mehr an sie erinnerte. Mir gefror fast das Blut in den Adern. Wenn ich wirklich »gestorben« war, dann hatte sich der Schleier, der das Feenreich vor den Blicken der Menschen verborgen hatte, aufgelöst. Keirran war der Meinung, dass seine Zerstörung die Vergessenen retten würde, da sie so an menschlichen Glauben gelangen konnten. Sie verfügten nicht über eigene Magie und brauchten deshalb dringend diesen Glauben, um zu überleben. Doch ich konnte mir kaum vorstellen, welches Chaos überall auf der Welt ausbrechen und welcher Wahnsinn und welche Furcht die Menschen erfassen würden, wenn sie plötzlich feststellen mussten, dass es tatsächlich Feen gab.

»Was ist passiert?«, wollte ich von Meghan wissen. Als sie die Augen schloss, wurde mir ganz anders. Hatte Keirran wirklich die Feenapokalypse ausgelöst? »Wurde der Schleier zerstört?«, würgte ich hervor. »Können jetzt alle die Feen sehen?«

»Nein«, flüsterte Meghan. Erleichtert sackte ich in mich zusammen. »Es ist nicht möglich, den Schleier dauerhaft zu zerstören«, fuhr sie leise fort. »Selbst wenn das Ritual so funktioniert hätte, wie es geplant war, hätte sich der Schleier irgendwann wieder neu gebildet. Aber …« Sie zögerte kurz und fuhr dann ernst fort: »Als du gestorben bist, hat man es im gesamten Nimmernie gespürt. Es gab eine Art Welle, einen Gefühlssturm aus der Welt der Sterblichen, wie man es im Feenreich noch nie erlebt hat. Sie erfasste die beiden Höfe, den Wilden Wald, Mag Tuiredh, einfach alles. Zuerst konnten wir es nicht einordnen, aber dann kamen die Berichte aus der Menschenwelt. Nach deinem Tod war der Schleier für ein paar Minuten verschwunden, Ethan. Für ein paar Minuten …«

»… konnten die Menschen die Feenwesen sehen«, beendete ich flüsternd ihren Satz.

Meghan nickte. »Zum Glück hat sich der Schleier nach deiner Wiederbelebung schnell wieder erholt, und wenige Minuten danach haben alle vergessen, was sie gesehen hatten. Doch während dieser kurzen Zeit herrschte in der Menschenwelt das absolute Chaos. Viele wurden verletzt, als sie versuchten, vor den Feen zu fliehen, sie zu töten oder einzufangen. Manche wurden wahnsinnig oder dachten zumindest, sie wären es geworden. Einige Halbblüter wurden verletzt, ein paar sogar getötet, als die Menschen ihr wahres Wesen erkannten. Obwohl es nur ein paar Minuten dauerte, hat dieses Ereignis Spuren hinterlassen. Beide Welten sind immer noch dabei, sich davon zu erholen, auch wenn eine von ihnen nicht mehr weiß, wovon.«

Mir wurde schlecht, und ich versuchte nicht daran zu denken, was in der Nacht meines Todes noch alles hätte passieren können. »Mom und Dad?«, fragte ich mit erstickter Stimme. Nie hätte ich gedacht, dass ich mir einmal Sorgen um jene machen würde, die ich in der Welt der Sterblichen zurückließ, in der normalen Welt. Aber nun war wohl alles möglich. »Wo waren sie in jener Nacht?«

»Es geht ihnen gut«, versicherte Meghan mir schnell, und ich hörte, wie erleichtert sie selbst darüber war. »Sie haben beide geschlafen, als es passierte, außerdem haben deine Feenabwehrzauber das Haus geschützt. Als sie aufgewacht sind, hatte sich die Lage schon wieder so gut wie normalisiert. Obwohl es in den folgenden Tagen noch einige Verwirrung und eine Menge Ärger gab.«

Ich atmete tief ein und aus, bis sich der Panikknoten in meinem Bauch aufgelöst hatte. Wenigstens ging es meiner Familie gut, und sie waren von dem Feenwahnsinn verschont geblieben, der anscheinend über die Welt hereingebrochen war. Und doch nagte noch etwas an mir. Stirnrunzelnd durchforstete ich meine verschwommenen Erinnerungen an jene Nacht. Was war echt gewesen, was nur ein Albtraum? Irgendetwas hatte ich vergessen … oder irgendjemanden. Keirran und ich waren zusammen nach Irland gereist, um uns mit der Königin der Vergessenen zu treffen, aber dabei hatten wir jemanden zurückgelassen …

»Kenzie!« Sofort schnürte mir der nächste Panikanfall die Luft ab. Kenzie hatte das Amulett getragen. Während unseres Aufenthaltes im Nimmernie hatte es ihr mehrmals das Leben gerettet, aber dann hatte sie es mir zurückgegeben, bevor ich sie in jener letzten Nacht im Krankenhaus zurückgelassen hatte. Plötzlich überschlugen sich meine Erinnerungen an das schlanke, willensstarke Mädchen mit den dunkelbraunen Augen und den blauen Strähnen im Haar. Mackenzie St. James war der dritte Teil unseres Kleeblatts gewesen; ein Mädchen, das mit Feenköniginnen feilschte, um den Blick zu erhalten, sich mit nervtötenden sprechenden Katzen herumstritt und sich strikt weigerte, in der sicheren Menschenwelt zu bleiben. Fröhlich, starrköpfig und unerbittlich war sie mir ins Feenreich gefolgt und hatte sämtliche Versuche, sie auf Abstand zu halten, einfach ignoriert. Und obwohl ich es besser wusste, hatte ich mich Hals über Kopf in sie verliebt.

Was ich ihr auch gesagt hatte, bevor ich mit Keirran zur Königin der Vergessenen nach Irland gereist war. Wir hatten Kenzie nicht mitnehmen können, weil Keirran vorher Streit angefangen hatte – ausgerechnet mit Titania, der verdammten Königin des Sommerhofes. Dabei war Kenzie zwischen die Fronten geraten. Nun erinnerte ich mich auch wieder an mein geflüstertes Geständnis in ihrem Krankenzimmer, an mein Versprechen, zu ihr zurückzukommen. Plötzlich war mir ganz elend zumute. Wie viel Zeit war wohl in der wirklichen Welt vergangen? Ging es Kenzie gut? Wartete sie noch auf mich?

Oder hatte sie es aufgegeben und ging davon aus, dass mich das Feenreich diesmal ganz verschlungen hatte und ich nicht zurückkommen würde?

»Wo ist Kenzie?«, fragte ich Meghan, die mir daraufhin wieder einen dieser besorgten Blicke zuwarf. »Als ich mit Keirran aufgebrochen bin, lag sie im Krankenhaus. Geht es ihr gut? Wo ist sie jetzt?«

Meghan seufzte schwer. »Ich weiß es nicht, Ethan.« Vor lauter Sorge begann mein Puls zu rasen. »Mir war nicht klar, dass das Mädchen verletzt wurde. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich sofort jemanden losgeschickt, um nach ihr zu sehen. Aber da warst du und Keirran und der drohende Krieg … mir blieb kaum Zeit, an etwas anderes zu denken. Es tut mir leid.«

»Krieg? Was für ein Krieg?«

Einen Moment lang schien Meghan einfach durch mich hindurchzusehen, und in ihrer Miene spiegelten sich Schuldgefühle, Wut und Trauer. Doch dann stand sie auf, und plötzlich füllte die Präsenz der Eisernen Königin den Raum aus – einerseits ruhig und entschlossen, aber gleichzeitig voll kaum gebändigter Macht.

»Die Königin der Vergessenen hat genug Kraft erlangt, um im Nimmernie einzufallen.« Meghans Stimme klang gelassen, doch ihr Blick war unerbittlich. »Ihre Vergessenenarmee hat das Reich der Sterblichen verlassen und ist in den Wilden Wald vorgedrungen. Morgen Abend wird in Tir Na Nog eine Versammlung stattfinden, um zu entscheiden, was zu tun ist. Sollte es zum Krieg kommen, sind wir eindeutig im Nachteil.«

»Warum das?«

Leiser Schmerz schlich sich in Meghans Stimme, und bei ihren Worten wurde mir ganz anders.

»Weil Keirran diese Armee anführt.«

 

3

Wie man am Dunklen Hof eine Versammlung sprengt

Ich starrte aus dem Fenster der Kutsche, die mich schaukelnd durch die Straßen von Mag Tuiredh fuhr. Wie immer schien die Hauptstadt der Eisernen Feen einem Steampunk-Roman entsprungen zu sein. Auf dem Kopfsteinpflaster der breiten Straßen tummelten sich unzählige Feen, und die letzten Strahlen der Abendsonne wurden von dem vielen Metall – bevorzugt Kupfer –, Draht und Blech reflektiert, aus dem vor allem die Feen selbst bestanden. An den Mauern der Türme huschten Gremlins hinauf und ließen ihre neonblauen Zähne aufblitzen. Drei Geister aus Lumpen und verknoteten Kabeln glitten über die Straße und hinterließen den Geruch von Batteriesäure. An einer Ecke stand ein grünhäutiges Feenwesen in Gehrock und Zylinder, das grüßend den Kopf neigte, als wir vorbeifuhren. Neben ihm hockte brav ein leicht verrostetes, mechanisches Hündchen.

Mir gegenüber saß Glitch, Meghans Erster Leutnant. Die leuchtenden Blitze, die durch seine Haare glitten, sorgten für irre Lichteffekte in der Kutsche; allerdings bekam ich davon Kopfschmerzen, und mir war sowieso leicht schlecht. Zuerst die Neuigkeiten, die Meghan mir gestern Abend überbracht hatte, und dann noch das üble Gefühl, das mich überkam, wenn ich an das Ziel unserer Reise dachte … nein, in diesem Moment hätte ich kein Problem damit gehabt, mich zu übergeben.

Außerdem erholte ich mich immer noch davon, dass mir jemand ein Schwert in den Bauch gerammt hatte. Vielleicht lag es ja auch daran.

»Geht es Euch gut, Prinz Ethan?«, erkundigte sich Glitch besorgt.

Um nicht abweisend zu wirken, schaute ich kurz zu ihm. Das schlanke Feenwesen saß entspannt in seiner Ecke, ließ mich aber nicht aus den Augen. Wie alle Angehörigen des Schönen Volkes schien er äußerlich kaum älter zu sein als ich, doch ich wusste, dass er schon im Eisernen Reich gelebt hatte, bevor Meghan Königin geworden war. Genauso wie ich wusste, dass Meghan ihn als Babysitter für mich abgestellt hatte. Und auch wenn es nicht seine Schuld war, passte es mir überhaupt nicht, von einer Fee bewacht zu werden, die aussah wie ein Punk mit einem Plasmaballkopf.

»Ja«, seufzte ich und starrte wieder aus dem Fenster. »Alles okay.« Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er mich nicht mit »Prinz« ansprechen sollte, aber es hätte nichts gebracht. Ich war der Bruder der Königin. Und deshalb war ich – zumindest für die Feen von Mag Tuiredh – ein Prinz.

Der Status als Bruder der Eisernen Königin würde mir an unserem Zielort allerdings wohl kaum irgendetwas bringen.

Tir Na Nog: das Winterreich, Heimat von Königin Mab und den Dunklen Feen. Und der letzte Ort im Nimmernie, an dem ich mich freiwillig aufgehalten hätte. Natürlich waren alle Feen gefährlich; selbst in Meghans Reich gab es keine absolute Sicherheit. Im Vergleich zu Mabs Herrschaftsgebiet war das allerdings gar nichts. Die Eisernen Feen waren ein merkwürdiger, skurriler, exzentrischer Haufen und konnten nervtötend und sogar mörderisch sein. Aber soweit ich es bisher erlebt hatte, rissen sie einem nicht einfach aus reinem Spaß an der Freude das Gesicht ab. Am Dunklen Hof sah das ganz anders aus, immerhin residierten dort so charmante Wesen wie Kobolde, Dunkerwichtel und Oger. Und noch jede Menge andere finstere, grausame Gestalten, auf die man weder in einer dunklen Gasse noch unter seinem Bett stoßen möchte.

Du hast es ja nicht anders gewollt, rief ich mir in Erinnerung. Du hast darauf bestanden, sie zu begleiten. Du hast dich sogar mit Meghan angelegt, um jetzt hier zu sein. Es ist also allein deine Schuld.

Mein Bauch verkrampfte sich, als ich an die hitzige Debatte vom Morgen zurückdachte, auf die hektische Vorbereitungen für diese Reise gefolgt waren.

»Ihr solltet noch nicht aufstehen, Sire.«

Ich warf dem Feenwesen im weißen Kittel nur einen finsteren Blick zu. Hatte der Typ etwa die ganze Zeit vor meiner Tür gelauert und nur darauf gewartet, mich zu überfallen, sobald ich das Bett verließ? Es war früher Nachmittag, und man hatte eine halbe Ewigkeit an mir herumgepiekt, gekniffen und geknetet. Das ganze Theater war doch sicher nicht nötig. Meghan war verschwunden, um ihren Regierungspflichten nachzugehen, und hatte mich der Gnade einiger zuvorkommender, aber nerviger Heilerfeen ausgeliefert, die ständig mit ihren Nadeln und Thermometern um mich herumschwirrten und andauernd fragten, ob ich Schmerzen hätte. Je öfter ich ihnen sagte, dass es mir gut ging, desto weniger schienen sie mir das zu glauben. Nachdem der Schwarm sich dann endlich selbst davon überzeugt hatte, dass momentan kein zweiter Tod zu befürchten war, ermahnte man mich nachdrücklich, im Bett zu bleiben und mich nicht zu überanstrengen, dann verschwanden sie.

Aber sicher doch.

»Es geht mir gut«, erklärte ich diesem neuen Heiler, der daraufhin nur die buschigen Augenbrauen hochzog. Offenbar hieß »es geht mir gut« in ihrer Sprache so viel wie »es geht mir richtig schlecht, und ich muss dringend medizinisch versorgt werden«. »Wo sind meine Kleider?«, fuhr ich hastig fort, damit er nicht den Rest seines Schwarms alarmierte. »Ich muss mich nicht mehr ausruhen, sondern mit meiner Schwester sprechen. Wo ist sie?«

Wieder ein zweifelnder Blick, den ich finster erwiderte. Genau genommen fühlte ich mich tatsächlich nicht besonders gut: Meine Beine zitterten, und schon beim Aufstehen hatte sich das gesamte Zimmer um mich gedreht. Wahrscheinlich war das eine Nebenwirkung der wochenlangen Bettruhe. Aber ich konnte nicht einfach wie ein Stück Gemüse hier herumliegen, während um mich herum tausend Sachen passierten. Nachdem Meghan am Vorabend diese Bombe mit Keirran hatte platzen lassen, war gleich der Heilerschwarm aufgetaucht, sodass ich die unzähligen Fragen nicht mehr hatte stellen können, die mir durch den Kopf gingen. Erst hatte ich abwarten wollen, bis sie weg waren, um dann das Gespräch mit meiner Schwester fortzusetzen, aber sie hatten mir irgendein Feengebräu eingeflößt, das wahrscheinlich ein Schlaftrunk war, denn danach konnte ich mich an nichts mehr erinnern, bis ich wieder aufgewacht war.

Noch mehr Schlaf brauchte ich nun wirklich nicht. Aber ich musste wissen, was aktuell los war: mit Keirran, mit den Vergessenen, mit dem gesamten Nimmernie. Und ich musste Kontakt mit meinen Eltern aufnehmen und ihnen sagen, dass es mir gut ging.

Und mit Kenzie. Der Druck in der Magengrube verstärkte sich. Wo sie wohl gerade war? Was war in der Zwischenzeit mit ihr passiert? Wartete sie immer noch auf mich? Oder hielt sie mich für tot, hatte es aufgegeben und war in ihr altes, normales Leben zurückgekehrt, in dem es keine gefährlichen Feen und tödlichen Magieattacken gab?

Mir lief ein Schauer über den Rücken, und fast wäre ich wieder auf das Bett zurückgesunken. Wenn im Feenreich ein Monat vergangen war, dann waren es in der wirklichen Welt sicher mehrere. Wie lange war es jetzt her, dass ich Kenzie das letzte Mal gesehen hatte, damals im Krankenhaus? Und ihre Krankheit …

Die Kälte breitete sich schlagartig in meinem gesamten Körper aus, und mich überkam das Bedürfnis, mich entweder im Bett zusammenzurollen oder auf die Wände einzuschlagen, bis meine Knöchel bluteten. Was, wenn … was, wenn sie das Krankenhaus nicht mehr verlassen hatte? Was, wenn ich nach Hause kam, und da war keine Mackenzie St. James mehr?

»Sire?« Besorgt trat der Heiler einen Schritt vor. »Ihr solltet Euch wirklich wieder hinlegen. Ihr seid plötzlich so blass.«

»Nein«, keuchte ich und scheuchte ihn weg. Ich hatte genug geschlafen, und jetzt sofort konnte ich sowieso nicht nach Hause gehen und nach Kenzie sehen. Jetzt musste ich erst mal hier raus und irgendetwas tun, bevor ich endgültig wahnsinnig wurde. »Alles okay. Ich muss nur … meine Schwester finden.«

Er blinzelte irritiert. »Ihre Majestät befindet sich in der Einsatzzentrale, zusammen mit dem Prinzgemahl und ihren Beratern. Doch es ist eine geschlossene Sitzung, sie dürfen nicht gestört werden. Seid Ihr sicher, dass Ihr Euch nicht lieber noch etwas ausruhen möchtet?«

Ich überließ ihn seinem gestammelten Protest und trat in den Korridor hinaus, um mich zu orientieren. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wo sich diese Einsatzzentrale befand, und der Heiler würde mir den Weg dorthin sicher nicht beschreiben. Am Ende des Flurs stand ein großer, imposanter Eiserner Ritter in voller Rüstung, der mir einen kurzen Blick zuwarf. Allerdings machten mich seine ernste Miene und sein Schwert etwas nervös. An einem der Kronleuchter entdeckte ich einen Gremlin mit den typischen Fledermausohren. Seine Zähne waren so scharf, dass sein Grinsen mich an einen Hai denken ließ. Aber es war reine Zeitverschwendung, mit einem Gremlin ein vernünftiges Gespräch führen zu wollen. Schließlich tauchten zwei Elsterlinge auf. Die kleinen Feen gingen tief gebeugt, da sie auf ihren Rücken wahre Berge von Schrott schleppten. Während sie den Korridor entlangwatschelten, unterhielten sie sich in ihrer seltsamen Sprache, die vor allem aus Quietschlauten bestand. Schnell löste ich mich vom Türrahmen und sprach sie an: »Hey, wartet mal kurz!« Sie blieben stehen und blinzelten verwirrt zu mir hoch, als ich mich vor ihnen aufbaute. »Ich suche meine Schwester. Wie komme ich zur Einsatzzentrale?«

Als sie fragend die Köpfe neigten, begann ich an meiner Idee zu zweifeln. Zwar wusste ich, dass sie mich verstehen konnten, aber ich beherrschte ihre Sprache nicht, und für eine muntere Scharade-Party mitten im Eisernen Palast fehlte mir jetzt die Zeit. »Ich brauche keine genaue Wegbeschreibung«, schränkte ich deshalb ein. »Zeigt mir einfach die grobe Richtung.«

Es folgte eine kurze, gequietschte Beratung mit viel Nicken und Winken, dann drehten sie sich zu mir um und signalisierten mir, ihnen zu folgen. Erleichtert lief ich ihnen hinterher, durch mehrere lange, gewundene Gänge, vorbei an Rittern, Gremlins und unzähligen anderen Eisernen Feen. Sie alle starrten mich an, entweder neugierig, wachsam oder erstaunt – als wäre ich das Monster, die Kuriosität, die nicht hierhergehörte.

Was ich schätzungsweise auch war.

Endlich führten mich die Elsterlinge durch eine weit geöffnete Tür und eine Art Vorzimmer. In dem großen, luftigen Raum mit dem langen Teppich, an dessen Ende ein imposanter Sessel aus massivem Metall stand, war ich schon einmal gewesen: Meghans Thronsaal. Im Moment war er quasi leer, es standen nur ein paar Eiserne Ritter in den Ecken, und eine Drahtnymphe war gerade dabei, die Stufen der Empore zu wienern. Die Elsterlinge blieben in der Tür stehen, zeigten aber an das andere Ende des Saals, wo ein einzelner Ritter eine zweite Tür bewachte. Mit einem Lächeln und einem Nicken brachte ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck, ohne es direkt aussprechen zu müssen. Ich wusste zwar nicht, wie das im Eisernen Reich genau geregelt war, aber generell war es ein absolutes No-Go, im Feenreich das Wort »Danke« in den Mund zu nehmen. Die Elsterlinge lächelten ebenfalls, zwitscherten irgendetwas und watschelten davon.

Ich versuchte durch einen tiefen Atemzug den leichten Schwindel aus meinem Kopf zu vertreiben, dann marschierte ich durch den Thronsaal, direkt auf die andere Tür zu. Der Eiserne Ritter beobachtete mich mit regloser Miene und rührte sich nicht. Entschlossen reckte ich das Kinn und sagte mit möglichst viel Autorität in der Stimme: »Ich muss zu meiner Schwester.« Das sollte so klingen, als hätte ich jedes Recht, hier zu sein. »Es ist wichtig.«

Der Ritter starrte mich so lange an, dass ich schon befürchtete, man würde mich jetzt »zu meiner eigenen Sicherheit« wieder zu meinem Zimmer eskortieren. Aber dann neigte er den Kopf und trat gelassen beiseite. Vor lauter Erleichterung wurden mir fast die Knie weich, als ich durch die Tür trat und den kurzen Korridor dahinter entlangging. Er endete an einer zweiten, unbewachten Tür. Vorsichtig griff ich nach der Klinke, obwohl ich fest damit rechnete, dass sie verschlossen war. Doch sie ließ sich problemlos herunterdrücken, und sobald ich die Tür aufschob, hörte ich vertraute Stimmen:

»Und ihr seid absolut sicher, dass er es war?« Diese leise Stimme erkannte ich sofort und reagierte wie immer gereizt auf sie. War ja klar, dass er hier sein würde. Ich riss mich zusammen und versuchte, die Wut und die Abneigung zu unterdrücken, die ich diesem ganz speziellen Feenwesen gegenüber empfand. Inzwischen entsprangen sie der reinen Gewohnheit, einem letzten Rest von Schmerz aus der Zeit, als ich geglaubt hatte, er hätte mir meine Schwester weggenommen. Dabei war es nicht Ashs Schuld gewesen, dass Meghan nicht mehr nach Hause gekommen war. Sie liebte ihn und hatte sich dafür entschieden, im Nimmernie zu bleiben und die Königin der Eisernen Feen zu werden. Inzwischen war ich es leid, wütend zu sein, ich hatte genug von der Verbitterung, die mich innerlich auffraß. Der Gedanke, dass ich gestorben war, während ich einem Teil meiner Familie solchen Hass entgegenbrachte, gefiel mir überhaupt nicht.

»Jawohl, Sire.« Die zweite Stimme zitterte leicht, so als wäre ihr Besitzer jetzt lieber ganz weit weg. »Ich habe ihn selbst gesehen. Er war mit einem kleinen Kontingent von Vergessenen im Wilden Wald. Direkt an der Grenze zu Arkadia.«

»Eine Kundschaftermission.«

»Davon gehe ich aus, Sire. Doch als wir ihnen folgen wollten, sind sie verschwunden. Es war, als hätten sie sich einfach in Luft aufgelöst.«

»Dann ist es also wahr.« Meghan klang gleichzeitig traurig, resigniert und wütend. Und trotzdem Furcht einflößend. »Die Vergessenen haben vor, die Feenreiche anzugreifen. Ich werde Oberon mitteilen müssen, dass die Vergessenen quasi vor seiner Tür stehen, und dass Keirran …« Sie holte tief Luft. »Glitch, schick Patrouillen an sämtliche Grenzen des Reiches. Sie sollen nach Keirran Ausschau halten und sofort Meldung machen, wenn er gesehen wird. Falls sie auf ihn stoßen, sollen sie nicht versuchen, mit ihm zu sprechen. Bis wir die Beweggründe für sein Bündnis mit den Vergessenen kennen, müssen wir ihn als potenzielle Bedrohung ansehen. Haben das alle verstanden?«

Es folgte zustimmendes Gemurmel, doch dann meldete sich Glitch frustriert zu Wort: »Warum tut er das?«, fauchte der Erste Leutnant. »Das hier ist seine Heimat. Warum wirft er das alles weg und schlägt sich auf die Seite des Feindes?«

»Weil er denkt, er würde sie dadurch retten«, antwortete ich und betrat den Raum.

Rund um den Tisch standen ungefähr zehn Feen, die sich nun ruckartig aufrichteten und zu mir umdrehten. Meghan stand am Kopf des Tisches, dicht neben ihr ein großes Feenwesen ganz in Schwarz. Als seine silbernen Augen mich kühl und abschätzend musterten, nickte ich knapp.

»Du dürftest eigentlich noch gar nicht aufstehen, Ethan«, stellte Meghan missbilligend, aber resigniert fest.

»Ja, das höre ich irgendwie ständig.« Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich zum Tisch. Man durfte mir die Schmerzen auf keinen Fall ansehen, alles musste normal wirken. Die anderen Feen beobachteten mich neugierig, aber ich konzentrierte mich ganz auf Meghan und sah ihr fest in die blauen Augen, während ich mich mit einer Hand auf der Tischplatte abstützte.

»Ich kenne Keirran«, fuhr ich an meine Schwester gewandt fort, richtete meine Worte aber gleichzeitig an alle. »Ich war dabei, als er zur Herrin ging. Zur Königin der Vergessenen. Er … er wollte sie wirklich retten, er wollte verhindern, dass die Exilanten und die Vergessenen aufhören zu existieren.« Mein Blick wanderte zu Ash, der schweigend neben seiner Königin stand. Kurz überlegte ich, ob ich auch den anderen Grund für Keirrans Hilfsbereitschaft erwähnen sollte: dass Ash vor langer Zeit den Ort besucht hatte, an den sich die Vergessenen zum Sterben zurückzogen, und dabei unwissentlich die Herrin aufgeweckt hatte.

Ich entschied mich dagegen. Es war nun einmal passiert, und Ash diesen ganzen Schlamassel jetzt vorzuhalten, würde auch nichts mehr bringen. Außerdem war das keine Entschuldigung für das, was Keirran getan hatte. Dem würde ich ganz sicher nicht mehr helfen. Aber indem ich erklärte, warum der Prinz bei den Vergessenen war, half ich meiner Schwester dabei, das abscheuliche Verhalten ihres Sohnes zu verstehen. Keirran gehörte zur Familie, aber er war nicht mehr mein Freund. Ich hatte ihm helfen wollen, hatte den Kopf für ihn hingehalten, und er war mir in den Rücken gefallen. Es gab ja so einiges, was ich verzeihen konnte, aber das nicht. Falls ich meinen Neffen je wiedersah, würde ich ihm einen gehörigen Arschtritt verpassen.

»Sie retten?« Glitch schüttelte so heftig den Kopf, dass die Blitze in seinen Haaren aufflackerten. »Indem er den anderen Herrschern den Krieg erklärt? Indem er sein eigenes Königreich bedroht, seine Familie? Warum? Was sollte das bewirken?«

»Das spielt keine Rolle.« Meghans Stimme war hart wie Stahl, doch ich hörte die unterschwellige Resignation. »Wichtig ist jetzt nur, dass Keirran eine Armee aus Vergessenen ins Nimmernie führt. Wir müssen diese Informationen an den Kriegsrat von Sommer und Winter in Tir Na Nog weitergeben. Sollten die Vergessenen tatsächlich einen Angriff planen, müssen wir vorbereitet sein.« Nachdem sie alle Versammelten kurz gemustert hatte, wandte sie sich an Glitch: »Gib den Marschbefehl«, ordnete sie an, woraufhin Glitch Habachtstellung einnahm. »Morgen früh brechen wir auf in Richtung Winterreich. Sitzung beendet.«

Die Gruppe verbeugte sich und ging, sodass ich mit den Herrschern von Mag Tuiredh allein zurückblieb.

Sobald die Tür zufiel, stützte sich Meghan mit beiden Händen auf dem Tisch ab, ließ den Kopf hängen und seufzte schwer. »Es geschieht also tatsächlich«, sagte sie leise. »Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Ich werde wirklich gegen meinen eigenen Sohn Krieg führen.«

ENDE DER LESEPROBE