Plötzlich Fee - Das Geheimnis von Nimmernie - Julie Kagawa - E-Book

Plötzlich Fee - Das Geheimnis von Nimmernie E-Book

Julie Kagawa

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Beschreibung

Eine gefährliche Reise, eine alte Feindschaft und eine große Liebe, die alle Gefahren überwindet

Meghan Chase, die unerschrockene Feenprinzessin, und Ash, ihr geliebter Winterprinz, dachten eigentlich, dass sie als erprobte Grenzgänger zwischen Nimmernie und der Menschenwelt nichts mehr aus der Fassung bringen könnte. Doch dann muss Meghan schmerzvoll erfahren, dass es nie ratsam ist, einer Fee ein Versprechen zu geben – denn sie wird es nicht vergessen und unter den unmöglichsten Umständen auf seiner Einhaltung beharren. Aber auch auf den stolzen Ash wartet erneut eine Prüfung, die ihm alles abverlangt: In der Stunde der höchsten Not muss er über seinen Schatten springen und sich mit seinem Rivalen Puck verbünden. Wird es Meghan und Ash am Ende gelingen, einer Herausforderung zu trotzen, die alles infrage stellt, was ihnen jemals etwas bedeutete?

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Seitenzahl: 379

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Julie Kagawa

Plötzlich Fee

DAS GEHEIMNIS VON

NIMMERNIE

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Charlotte Lungstraß

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

The Iron Legends bei Harlequin Teen, Ontario

Anmerkung zu Sommernachtstraum:

Die Kapitelüberschriften zu den Kapiteln 1, 2, 5 und 6 sind zitiert nach:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Frank Günther. München: dtv, 1995

Die Überschriften zu den Kapiteln 3 und 4 sind zitiert nach:

William Shakespeare, Sämtliche Werke, Band 1 (Komödien).

Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1975

Copyright © 2012 by Julie Kagawa

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Petra Müller

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Motivs von © shutterstock

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-09849-0

www.heyne-fliegt.de

Die Reise zum Winterhof

1

Versprechen muss man halten

Aus den tiefen Schatten der Höhle heraus beobachtete ich, wie der Jäger langsam näherkam. Sein Körper, der sich dunkel vor dem Schnee abzeichnete, schob sich vorsichtig auf uns zu, seine Augen leuchteten wie gelbe Flammen in der Finsternis und sein Atem bildete Dampfwolken, die gespenstisch um seinen Kopf waberten. Das kalte, bläuliche Licht wurde von feuchten Zähnen reflektiert und enthüllte ein dichtes, verfilztes Fell, das schwärzer war als die tiefste Nacht. Ash stand mit gezogenem Schwert zwischen mir und dem Jäger und ließ die riesige Kreatur nicht aus den Augen, die uns seit Tagen verfolgte und nun endlich eingeholt hatte.

»Meghan Chase.« Seine Stimme war ein tiefes Knurren, tiefer als jedes Donnergrollen und urwüchsiger als alle wilden Wälder zusammen. Seine goldenen Augen waren auf mich gerichtet. »Endlich habe ich dich gefunden.«

Mein Name ist Meghan Chase.

Während meiner Zeit bei den Feen habe ich drei Dinge gelernt: Iss niemals etwas, das dir im Feenland angeboten wird; schwimme niemals in ruhigen, kleinen Teichen und lass dich niemals, unter gar keinen Umständen, mit irgendjemandem auf einen Handel ein.

Okay, manchmal hat man keine andere Wahl. Manchmal ist die Lage so aussichtslos, dass man sich auf einen Handel einlassen muss. Zum Beispiel, wenn der kleine Bruder entführt wurde und man einen Prinzen des Dunklen Hofes dazu überreden muss, einem bei seiner Rettung zu helfen, anstatt einen zu seiner Königin zu schleifen. Oder wenn man sich verirrt hat und einen neunmalklugen, sprechenden Kater bestechen muss, damit er einen durch den Wald führt. Oder wenn man durch ein bestimmtes Tor gehen muss, der Torwächter aber einen Preis dafür verlangt, dass er einen durchlässt. Die Feen lieben es, solche Handel abzuschließen, und man sollte sich die Vertragsbedingungen wirklich sehr genau anhören, sonst sitzt man verdammt in der Tinte. Solltet ihr also irgendwann einmal vertraglich an ein Feenwesen gebunden sein, denkt immer daran: Es gibt keine Möglichkeit, sich diesem Pakt zu entziehen, es sei denn mit katastrophalen Folgen. Und die Feen kommen immer zurück, um die Schuld einzutreiben.

Was auch der Grund dafür ist, warum ich vor achtundvierzig Stunden mitten in der Nacht durch unseren Vorgarten gelaufen bin und mich immer weiter von unserem Haus entfernt habe. Ohne mich auch nur einmal umzudrehen. Hätte ich zurückgeschaut, wäre vermutlich meine ganze Entschlossenheit flöten gewesen. Am Waldrand warteten ein dunkler Prinz und zwei leuchtende Pferde mit blauen Augen auf mich.

Prinz Ash, der drittälteste Sohn der Herrscherin des Winterhofes, musterte mich ernst, als ich näherkam. In seinen silbernen Augen spiegelte sich das Mondlicht. Er sah wunderschön aus und zugleich gefährlich – so groß und blass, mit seinem rabenschwarzen Haar und der unnahbaren Eleganz der Feen. Sein Anblick ließ mein Herz höher schlagen, ob vor Vorfreude oder Angst, wusste ich selbst nicht. Als ich in den Schatten unter den Bäumen trat, streckte Ash eine blasse, feingliedrige Hand aus und ich legte meine hinein.

Seine Finger schlossen sich um die meinen, er zog mich an sich und legte die Arme sanft um meine Taille. Ich lehnte den Kopf an seine Brust, schloss die Augen, lauschte auf seinen Herzschlag und atmete seinen kühlen Duft ein.

»Du musst das wirklich tun, oder?«, flüsterte ich und grub die Finger in den weißen Stoff seines Hemdes. Ash gab ein leises Geräusch von sich, das wie ein Seufzen klang.

»Ja.« Seine tiefe Stimme war so leise, dass es kaum mehr als ein Murmeln war. Als ich mich zurücklehnte, um ihn anzusehen, sah ich mein Spiegelbild in seinen Silberaugen. Bei unserer ersten Begegnung waren diese Augen ausdruckslos und kalt gewesen wie Eis. Damals war Ash mein Feind gewesen. Er ist der jüngste Sohn der Winterkönigin Mab, der uralten Erzfeindin meines Vaters Oberon, der König des Sommerhofes ist. Jawohl. Ich bin eine halbe Fee – sogar eine Feenprinzessin –, was ich allerdings erst vor Kurzem erfahren habe, als mein menschlicher Halbbruder von Feen entführt und ins Nimmernie verschleppt wurde. Als ich das herausfand, überredete ich meinen besten Freund Robbie Goodfell – der, wie sich später herausstellte, Oberons Diener Puck war –, mich ins Feenland zu bringen, damit ich den Entführten zurückholen konnte. Doch dann musste ich feststellen, dass es im Nimmernie extrem gefährlich ist, eine Feenprinzessin zu sein. Zum Beispiel hetzte mir die Winterkönigin Ash auf den Hals, um mich gefangen zu nehmen, damit sie mich als Druckmittel gegen Oberon einsetzen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt schloss ich mit dem Winterprinzen den Pakt, der mein gesamtes Leben verändern sollte: Wenn er mir half, meinen Bruder Ethan zu retten, würde ich ihm freiwillig an den Winterhof folgen.

Und da war ich nun. Ethan war wieder sicher zu Hause. Ash hatte seinen Teil des Handels erfüllt. Nun war ich dran, ich musste mit ihm an den Hof der Erzfeinde meines Vaters gehen. Die Sache hatte nur einen Haken.

Sommer und Winter sollten sich eigentlich nicht verlieben.

Ich biss mir auf die Lippe, sah ihm in die Augen und suchte nach einer Reaktion in seinem Gesicht. Früher kannte ich Ash nur völlig unterkühlt, aber während unserer gemeinsamen Zeit im Nimmernie war er zunehmend aufgetaut. Wenn ich ihn jetzt anschaute, wirkte er auf mich eher wie ein spiegelglatter See: ruhig und still, aber nur an der Oberfläche.

»Wie lange muss ich dort bleiben?«, fragte ich.

Er schüttelte langsam den Kopf und ich konnte deutlich seinen Widerwillen spüren. »Ich weiß es nicht, Meghan. Die Königin weiht mich nicht in ihre Pläne ein. Ich habe nicht gewagt, sie zu fragen, warum sie dich überhaupt bei sich haben will.« Er griff nach einer Strähne meines hellblonden Haars und ließ sie durch seine Finger gleiten. »Ich sollte dich einfach nur zu ihr bringen«, murmelte er sogar noch leiser als vorher. »Ich habe geschworen, dich zu ihr zu bringen.«

Ich nickte verstehend. Sobald ein Feenwesen etwas verspricht, ist es unwiderruflich an dieses Versprechen gebunden, weshalb Vereinbarungen mit ihnen auch so heikel sind. Ash konnte seinen Schwur nicht brechen, selbst wenn er es wollte.

Das verstand ich ja, aber … »Ich möchte noch etwas tun, bevor wir gehen«, sagte ich und wartete ab, wie er darauf reagieren würde. Ash zog eine Augenbraue hoch, doch ansonsten blieb sein Gesichtsausdruck unverändert. Ich holte tief Luft. »Ich möchte Puck besuchen.«

Der Winterprinz seufzte. »Das habe ich mir schon gedacht«, murmelte er, ließ mich los und trat mit nachdenklicher Miene einen Schritt zurück. »Und wenn ich ehrlich sein soll, würde ich selbst gern wissen, wie es Goodfellow geht. Ich möchte schließlich nicht, dass er stirbt, bevor wir unser Duell ausgetragen haben. Das wäre höchst unglücklich.«

Ich zuckte zusammen. Puck und Ash waren eingeschworene Feinde und hatten bereits einige wilde, lebensbedrohliche Kämpfe ausgetragen, bevor ich überhaupt auf der Bildfläche erschienen war. Ash hatte geschworen, Puck zu töten, und Puck machte es einen Riesenspaß, den gefährlichen Winterprinzen zu provozieren, wann immer er die Gelegenheit dazu bekam. Nur weil ich darauf bestanden hatte, dass sie zusammenarbeiten, hatten sie einen ziemlich wackeligen Waffenstillstand geschlossen. Der sicherlich nicht lange halten würde, ganz egal, wie oft ich dazwischen ging.

Eines der Pferde schnaubte und scharrte ungeduldig mit den Hufen. Ash drehte sich um und tätschelte ihm beruhigend den Hals. »Also schön, dann sehen wir eben nach ihm«, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen. »Aber danach muss ich dich nach Tir Na Nog bringen. Keine weiteren Verzögerungen, verstanden? Die Königin wird ohnehin nicht sonderlich entzückt darüber sein, dass ich so lange gebraucht habe.«

Ich nickte. »Klar. Dank… Ich meine … ich weiß das wirklich zu schätzen, Ash.«

Er lächelte schwach und streckte mir erneut die Hand hin, diesmal, um mir in den Sattel zu helfen. Als ich oben saß, griff ich vorsichtig nach den Zügeln und sah neidvoll zu, wie Ash sich so mühelos auf das zweite Pferd schwang, als hätte er das schon tausend Mal gemacht.

»Also schön«, sagte er leicht resigniert und schaute zum Mond hinauf. »Eins nach dem anderen. Als Erstes müssen wir einen Steig nach New Orleans finden.«

Steige sind Feenpfade zwischen der wirklichen Welt und dem Nimmernie, Tore, die direkt ins Feenland führen. Sie können überall sein und sich hinter jeder Art von Tür verbergen: einer alten Toilettenkabine, einem Friedhofstor, der Schranktür in einem Kinderzimmer. Wenn man den richtigen Steig kennt, kann man jeden Ort auf der Welt erreichen, aber diese Pfade zu benutzen, ist nicht ganz einfach, denn manchmal werden sie von fiesen Gestalten bewacht, die von den Feen dort zurückgelassen werden, um ungewollte Gäste abzuschrecken.

Die halb verfallene Scheune mitten im Sumpf war unbewacht. Ihr Dach war so mit Moos überwuchert, dass es aussah wie ein grüner Teppich. An den Außenwänden wuchsen in dicken Klumpen riesige, gepunktete Pilze, in denen man bei genauerem Hinsehen winzige, geflügelte Gestalten entdecken konnte. Als wir vorbeigingen, spähten sie mit ihren großen Facettenaugen unter den Pilzhüten hervor und flogen dann mit schwirrenden Flügeln davon. Ich zuckte erschrocken zusammen, doch Ash und die Pferde ignorierten sie einfach, während wir durch den modrigen Türrahmen ritten und alles um uns herum weiß wurde.

Als die Welt wieder Gestalt annahm, schaute ich mich blinzelnd um. Wir befanden uns in einem unheimlichen, düsteren Wald, über dessen Boden Nebelschwaden zogen und sich wie lebende Kreaturen um die Beine unserer Pferde legten. Die massigen Bäume ragten bis in schwindelerregende Höhen auf und ihre ineinander verschlungenen Äste versperrten den Blick in den Himmel. Alles war dunkel und trüb, so als seien die Farben dieser Welt verblasst und der Wald in ewigem Zwielicht gefangen.

»Der Wilde Wald«, murmelte ich und drehte mich zu Ash um. »Warum sind wir hier? Ich dachte, wir wollten nach New Orleans.«

»Wir sind auf dem Weg dorthin.« Ash wendete sein Pferd, damit er mich ansehen konnte. »Der Steig, den wir brauchen, befindet sich ungefähr eine Tagesreise nördlich. Das ist von hier aus der kürzeste Weg nach New Orleans.« Er blinzelte kurz und schenkte mir ein schmales Lächeln. »Oder wolltest du vielleicht per Anhalter reisen?«

Bevor ich etwas erwidern konnte, gab mein Pferd plötzlich ein markerschütterndes Wiehern von sich, bäumte sich auf und ließ die Vorderhufe durch die Luft wirbeln. Ich versuchte, mich an seiner Mähne festzuklammern, doch sie glitt mir durch die Finger und ich rutschte rückwärts aus dem Sattel. Mit dem Geräusch von splitterndem Holz landete ich hinter dem Pferd auf der Erde und begrub dabei einige Büsche unter mir. Das Feenross schnaubte panisch, preschte davon, sprang zwischen den Bäumen über einen abgerissenen Ast und verschwand im Nebel.

Stöhnend setzte ich mich auf und tastete meinen Körper ab. Die Schulter, auf der ich gelandet war, pochte, und ich zitterte am ganzen Leib, aber ich hatte mir offenbar nichts gebrochen.

Auch Ashs Pferd scheute heftig, gab hysterische Laute von sich und schüttelte wild mit dem Kopf, aber der Winterprinz konnte sich im Sattel halten und das Tier wieder unter Kontrolle bringen. Dann schwang er sich aus dem Sattel, band die Zügel an einen Ast und kniete sich neben mich.

»Geht es dir gut?« Seine Finger tasteten überraschend sanft meinen Arm ab. »Irgendetwas gebrochen?«

»Ich glaube nicht«, murmelte ich und rieb mir die geprellte Schulter. »Dieser wundervolle Dornbusch hat meinen Sturz abgefangen.« Während der Adrenalinrausch langsam nachließ, begannen sich Dutzende kleiner Kratzer schmerzhaft bemerkbar zu machen. Finster starrte ich in die Richtung, in die mein Pferd verschwunden war. »Weißt du, das war jetzt schon das zweite Mal, dass mich ein Feenpferd abgeworfen hat. Und ein anderes hat versucht, mich zu fressen. Ich glaube nicht, dass Pferde mich besonders gut leiden können.«

»Nein.« Ash war sofort wieder ernst, stand auf und zog mich auf die Füße. »Das lag nicht an dir. Irgendetwas hat sie erschreckt.« Er sah sich langsam um und ließ eine Hand auf den Schwertknauf an seiner Seite sinken. Der Wilde Wald war dunkel und vollkommen still, so als hätten seine Bewohner Angst, sich zu rühren.

Ich schaute hinter uns, wo zwei Baumstämme so miteinander verwachsen waren, dass sie eine Art Torbogen bildeten. Die Stelle zwischen den Stämmen, an der sich der Steig befinden musste, lag im Dunkeln, und ich hatte das Gefühl, als würden die Schatten in unsere Richtung kriechen. Ein kalter Wind fuhr zwischen den Bäumen hindurch, riss an den Ästen und ließ die Blätter herumfliegen. Ich zitterte.

Mit einem wilden Zischen schoss ein Schwarm geflügelter Feen aus dem Steig hervor, flog einmal panisch um uns herum und verschwand dann in einer wirbelnden Spirale im Nebel. Ich schlug kreischend die Hände vors Gesicht, während Ashs Pferd erneut ein angsterfülltes Wiehern von sich gab, das die unheimliche Stille durchbohrte. Ash nahm meine Hand, zerrte mich von dem Steig weg und lief zu seinem Pferd. Schnell hob er mich in den Sattel, packte die Zügel und stieg vor mir auf.

»Halte dich gut fest«, warnte er mich. Eine Welle der Erregung durchflutete mich, als ich die Arme um seinen Bauch schlang und durch das Hemd seine harten Muskeln spürte. Ash rammte dem Pferd mit einem Schrei die Fersen in die Flanken, woraufhin das Tier so abrupt lospreschte, dass mein Kopf heftig nach hinten geschleudert wurde. Ich presste mich an Ashs Rücken und drückte mein Gesicht gegen seine Schulter, während das Feenross durch den Wilden Wald raste und wir den Steig immer weiter hinter uns ließen.

Hin und wieder hielten wir an, aber das auch nur, um mir und dem Pferd kurze Verschnaufpausen zu gönnen. Als es Abend wurde, zog Ash einige Lebensmittel aus den Satteltaschen und reichte sie mir: Brot, Trockenfleisch und Käse, also ganz normales Menschenessen. Anscheinend hatte er mein letztes Experiment mit Feennahrung noch nicht vergessen. Das war nicht besonders gut ausgegangen. Ich knabberte an dem trockenen Brot, kaute auf dem Trockenfleisch herum und hoffte stillschweigend, dass er den Vorfall mit den Sommerbuchteln nicht erwähnen würde. Das war doch ziemlich peinlich gewesen.

Ash aß nichts. Er blieb wachsam und misstrauisch und entspannte sich während der ganzen Reise nicht. Das Pferd schien genauso angespannt. Es war ruhelos und geriet bei jedem Schatten und jedem raschelnden Blatt erneut in Panik. Irgendetwas verfolgte uns, das spürte ich bei jedem Halt: eine finstere, verborgene Präsenz, die immer näherkam.

Wir ritten weiter in die Nacht hinein, und schließlich vertiefte sich das ewige Zwielicht des Wilden Waldes und ein fahler Mond stieg am Himmel auf. Ash und das Feenpferd schienen über endlose Kraftreserven zu verfügen, oder zumindest über größere als ich. Stundenlang auf einem Pferd zu sitzen ist nicht einfach, und die Anspannung wegen unseres unbekannten Verfolgers forderte ebenfalls ihren Tribut. Ich versuchte krampfhaft, wach zu bleiben, döste aber an den Rücken des Prinzen gelehnt immer wieder ein und rutschte dabei gefährlich weit nach links oder rechts, bis ein Zucken oder ein scharfes Wort von Ash mich aufschrecken ließ.

Ich mühte mich verzweifelt, die Augen offen zu halten, doch plötzlich stoppte Ash das Pferd und stieg ab. Benommen schaute ich mich um, sah jedoch nichts als Bäume und Schatten. »Sind wir schon da?«

»Nein.« Ash starrte mich frustriert an. »Aber du bist andauernd kurz davor, vom Pferd zu fallen, und ich kann nicht ständig nach hinten greifen, um sicherzugehen, dass du noch da bist.« Er zeigte auf den Sattelknauf. »Wir tauschen die Plätze. Rutsch nach vorn.«

Ich schob mich in den Sattel und Ash zog sich hinter mir wieder hoch, legte einen Arm fest um meine Taille und sorgte so dafür, dass sich mein Puls erhöhte.

»Halt dich fest«, befahl er leise, als das Pferd sich wieder in Bewegung setzte. »Wir haben den Steig fast erreicht. Sobald wir im Reich der Sterblichen sind, kannst du dich ausruhen. Dort sollten wir sicher sein.«

»Was verfolgt uns denn?«, flüsterte ich, woraufhin das Pferd die Ohren anlegte. Ash ließ sich Zeit mit seiner Antwort.

»Ich weiß es nicht«, murmelte er schließlich widerstrebend. »Aber was auch immer es ist, es ist sehr hartnäckig. Wir haben ein ziemliches Tempo angeschlagen, und trotzdem haben wir es noch nicht abgehängt.«

»Und warum verfolgt es uns? Was will es?«

»Das spielt keine Rolle.« Ash verstärkte den Griff um meine Taille. »Wenn es dich haben will, muss es erstmal an mir vorbei.«

In meinem Bauch kribbelte es und mein Herz machte einen seltsamen kleinen Hüpfer. In diesem Moment fühlte ich mich absolut sicher. Mein Prinz würde nicht zulassen, dass mir etwas zustieß. Ich lehnte mich gegen ihn, schloss die Augen und döste vor mich hin.

Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn im nächsten Moment schüttelte Ash mich sanft. »Wach auf, Meghan«, sagte er leise, und sein Atem strich kühl über meinen Hals. »Wir sind da.«

Gähnend musterte ich die kleine Lichtung, die direkt vor uns lag. Ohne das Blätterdach der Bäume konnte man hier den mit Sternen übersäten Himmel sehen. Die Lichtung war einsam und verlassen, abgesehen von einer riesigen, knorrigen Eiche in der Mitte. Dicke, alte Wurzeln zogen sich über den Boden und verhinderten, dass hier irgendetwas wachsen konnte, das größer wäre als ein Farn. Der Stamm der Eiche war so dick und verschlungen, dass man meinen konnte, in ihm wären drei oder vier Bäume zusammengepresst worden. Doch trotz aller Größe und Dominanz konnte ich sehen, dass die Eiche starb. Ihre Äste hingen kraftlos herunter oder waren abgebrochen und lagen am Fuß des Baumes verstreut. Die meisten der ausladenden, feinadrigen Blätter waren abgestorben und brüchig, andere waren kränklich gelb oder braun. Die gesamte Lichtung wirkte verkümmert und krank, so als würde der Baum dem Wald in seiner Umgebung das Leben aussaugen.

»So war es früher hier nicht«, murmelte Ash hinter mir. Ich musterte den sterbenden Baum und wurde von einer überwältigenden Traurigkeit erfasst, so als würde ich einem todkranken Freund gegenüberstehen. Ich schüttelte das Gefühl ab und suchte nach einer Tür oder einer Pforte, aber hier gab es nichts außer diesem Baum.

»Wird er noch funktionieren?«, fragte ich Ash, als er das Pferd zu dem alten Baum dirigierte. »Der Steig, meine ich. Wird er sich öffnen?«

»Wir werden sehen.« Ash stieg ab und nahm das Pferd bei den Zügeln. Als es stehen blieb, rutschte ich aus dem Sattel und stellte mich neben ihn.

»Also, wie funktioniert dieser Steig?«, fragte ich und suchte den Stamm nach einer Tür oder so etwas ab. Im Nimmernie waren Türen in Bäumen nichts Ungewöhnliches. Meine erste Nacht im Feenland hatte ich sogar im Heim eines Baumgeistes verbracht, allerdings auf die Größe eines Käfers geschrumpft, damit ich durch die Tür passte. »Hier ist kein Tor. Wie kann man ihn öffnen?«

»Ganz einfach«, erwiderte Ash. »Wir müssen fragen.«

Ohne auf meine skeptische Miene zu achten, drehte er sich zu dem Baumstamm um und legte eine Hand an die raue Borke. »Hier ist Ash«, sagte er deutlich, »drittältester Sohn des Dunklen Hofes. Ich benötige eine Passage ins Reich der Sterblichen, zur Lichtung der Ältesten.«

»Bitte«, fügte ich hinzu.

Einen Moment lang passierte gar nichts. Dann hob sich mit einem lauten Ächzen und Stöhnen eine der dicken Wurzeln aus dem Boden und schüttelte Dreck und lose Zweige ab. Sie bog sich so weit nach oben, bis zwischen ihr und der Erde ein Torbogen entstand, in dem die Magie flimmerte.

»Da hast du deinen Steig«, murmelte Ash, während mein Puls sich drastisch beschleunigte. Hinter diesem Tor befand sich Puck. Falls er noch lebte.

Ich packte Ashs Hand und zerrte ihn in meiner Ungeduld fast hinter mir her, während ich geduckt durch den Torbogen schlüpfte.

Auf der anderen Seite stolperte ich prompt über eine Wurzel und konnte mich gerade noch abfangen. Als ich mich aufrichtete, befand ich mich in einem vom Mond beschienenen Hain im Stadtpark von New Orleans. Die riesigen, moosbewachsenen Eichen kannte ich bereits von unserem letzten Besuch. Die Luft war schwül-warm und alles wirkte friedlich. Grillen zirpten, Blätter rauschten und der Mond spiegelte sich im nahegelegenen See. Nichts hatte sich verändert. Beim letzten Mal war es hier genauso idyllisch gewesen, obwohl damals gerade meine ganze Welt in Trümmern gelegen hatte.

Ash berührte mich am Arm und deutete mit dem Kopf auf eine Eiche, in deren Schatten ein gertenschlankes Mädchen mit moosgrüner Haut stand und uns mit großen, dunklen Augen überrascht musterte.

»Meghan Chase?« Die Dryade schwebte auf uns zu wie ein Zweig, der vom Wind herbeigeweht wird. »Was tust du denn hier?« Die Angst in ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken. »Du darfst nicht hierbleiben!«, zischte sie, als sie näherkam. »Es ist nicht sicher. Etwas Gefährliches ist dir auf den Fersen.«

»Das wissen wir«, sagte Ash, wie immer gelassen und unbeeindruckt. Blinzelnd richtete die Dryade den Blick auf ihn. »Doch wir sind durch die Pforte der Ältesten gekommen, sie wird also hoffentlich nicht zulassen, das dieses Wesen – was auch immer es ist – uns in diese Welt folgt.«

Pforte der Ältesten? Ich schaute über die Schulter, und sofort verkrampfte sich mein Magen so sehr, dass mir fast schlecht wurde.

Das war der Baum der Dryadenältesten, die große Eiche, die früher stolz und majestätisch alle anderen Bäume überragt hatte. Jetzt war sie, wie ihr Zwilling auf der Lichtung, vom Tode gezeichnet. Ihre Äste waren kahl, das verfilzte Moos an ihrem Stamm war braun und verrottet.

In meiner Kehle bildete sich ein Kloß. Die Erinnerung an die Älteste der Dryaden war in mir noch so lebendig, als wäre es gestern gewesen: eine alte, großmütterliche Fee mit sanfter Stimme und gütigen Augen. Sie hatte mir das Herz ihres Baumes gegeben, damit ich meinen Bruder retten konnte – und das Feenwesen töten, das ihn entführt hatte. Die Älteste hatte gewusst, dass sie sterben würde, wenn sie mir half. Und trotzdem hatte sie uns die Waffe gegeben, die wir gebraucht hatten, um den Feind zu besiegen und Ethan zurückzuholen.

Die junge Dryade trat neben mich und musterte die sterbende Eiche. »Es ist immer noch Leben in ihr«, murmelte sie mit einer Stimme, die wie Wind in den Blättern klang. »Ja, sie stirbt. Sie ist inzwischen zu schwach, um ihren Baum zu verlassen, deshalb schläft sie und träumt von ihrer Jugend. Doch noch ist sie nicht verschwunden. Es wird noch lange dauern, bis sie vollständig vergeht.«

»Es tut mir so leid«, flüsterte ich.

»Nein, Meghan Chase.« Die Dryade schüttelte mit einem leisen Rascheln den Kopf und ein glänzender, kleiner Käfer kroch über ihr Gesicht und verschwand in ihren Haaren. »Sie wusste es. Sie wusste schon immer, was geschehen würde. Der Wind erzählt uns von diesen Dingen. Genau wie er uns berichtet hat, dass du dich im Moment in großer Gefahr befindest.« Sie sah mich mit ihren schwarzen Augen durchdringend an. »Du solltest nicht hier sein«, sagte sie bestimmt. »Es ist schon sehr nah. Warum bist du gekommen?«

Ich bekam eine Gänsehaut, doch ich schüttelte das beklemmende Gefühl ab und begegnete ihrem Blick. »Ich bin wegen Puck hier. Ich muss ihn sehen.«

Das Gesicht der Dryade wurde weich. »Ah. Ja, natürlich. Ich werde euch zu ihm bringen, doch ich fürchte, du wirst enttäuscht sein.«

»Das ist mir egal.« Plötzlich war mir kalt, trotz der warmen Sommernacht. »Ich will ihn einfach nur sehen.«

Die Dryade nickte und trat ein paar Schritte zurück, schwankend wie ein Blatt im Wind. »Hier entlang.«

2

Das Herz der Eiche

Puck – oder der berüchtigte Robin Goodfellow, wie er in Shakespeares Sommernachtstraum genannt wurde –, hatte einmal noch einen anderen Namen. Einen menschlichen Namen, der einem schlaksigen, rothaarigen Jungen gehörte, dem Nachbarn eines schüchternen Mädchens auf einer Farm im Sumpf von Louisiana. Robbie Goodfell hatte er sich damals genannt, und er war mein Klassenkamerad, Vertrauter und bester Freund gewesen. Er hat sich immer um mich gekümmert, wie ein großer Bruder. Albern, sarkastisch und mit übermäßigem Beschützerinstinkt war Robbie … irgendwie anders als alle anderen. Wenn er nicht da war, konnten sich die Leute kaum an ihn erinnern, also daran, wer er war oder wie er aussah. Es war fast so, als würde er in ihrem Gedächtnis einfach verblassen, und das obwohl er an allem, was in der Schule so schieflief, irgendwie beteiligt war: Mäuse in den Tischen, Sekundenkleber auf den Stühlen und einmal sogar ein Alligator in der Toilette. Niemand hatte ihn jemals in Verdacht, nur ich wusste Bescheid.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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