Polinas Tagebuch - Polina Scherebzowa - E-Book

Polinas Tagebuch E-Book

Polina Scherebzowa

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Beschreibung

Neun Jahre alt war Polina Scherebzowa, als in Grosny Krieg ausbrach. In diesem Jahr, 1994, begann sie ihr Tagebuch, das sie zehn Jahre lang und über einen zweiten Konflikt hinaus führte. Es ist eine fesselnde Chronik vom Leben in Zeiten des Krieges, von der Schönheit und Grausamkeit des Daseins, die Polina stilistisch glänzend und mit der tiefen Lakonie eines Kindes, später einer jungen Frau beschreibt. Und mit ganz eigenem Blick: Polina ist Tochter einer Russin und eines Tschetschenen; sie wird von einer russischen Bombe verletzt, in der Schule beschimpft man sie dennoch als «Russenschwein». Zugleich bleibt Polina ein Kind, sucht Salamander, ärgert sich, weil sie das einzige verkleidete Rotkäppchen unter lauter Schneeflocken ist. Sie lernt, mit dem Schrecklichen umzugehen – den Angriffen und Anfeindungen; der kleinen tschetschenischen Kämpferin mit dem MG; dem verwundeten Soldaten, der ein Kind bittet, ihn zu erlösen. Währenddessen erlebt Polina den Alltag eines Teenagers, Streit mit der Mutter, die erste Liebe. Der düstere Hintergrund lässt die Poesie dieser Jugend nur umso stärker leuchten. Ein Dokument von großer Wahrhaftigkeit, eine Geschichte vom Erwachsenwerden in schwieriger Zeit, ein berührendes, hochliterarisches Tagebuch – eine Entdeckung.

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Seitenzahl: 690

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Polina Scherebzowa

Polinas Tagebuch

 

 

Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Olaf Kühl

 

Über dieses Buch

Neun Jahre alt war Polina Scherebzowa, als in Grosny Krieg ausbrach. In diesem Jahr, 1994, begann sie ihr Tagebuch, das sie zehn Jahre lang und über einen zweiten Konflikt hinaus führte. Es ist eine fesselnde Chronik vom Leben in Zeiten des Krieges, von der Schönheit und Grausamkeit des Daseins, die Polina stilistisch glänzend und mit der tiefen Lakonie eines Kindes, später einer jungen Frau beschreibt. Und mit ganz eigenem Blick: Polina ist Tochter einer Russin und eines Tschetschenen; sie wird von einer russischen Bombe verletzt, in der Schule beschimpft man sie dennoch als «Russenschwein». Zugleich bleibt Polina ein Kind, sucht Salamander, ärgert sich, weil sie das einzige verkleidete Rotkäppchen unter lauter Schneeflocken ist. Sie lernt, mit dem Schrecklichen umzugehen – den Angriffen und Anfeindungen; der kleinen tschetschenischen Kämpferin mit dem MG; dem verwundeten Soldaten, der ein Kind bittet, ihn zu erlösen. Währenddessen erlebt Polina den Alltag eines Teenagers, Streit mit der Mutter, die erste Liebe. Der düstere Hintergrund lässt die Poesie dieser Jugend nur umso stärker leuchten. Ein Dokument von großer Wahrhaftigkeit, eine Geschichte vom Erwachsenwerden in schwieriger Zeit, ein berührendes, hochliterarisches Tagebuch – eine Entdeckung.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2015

Copyright © 2015 by Rowohlt·Berlin Verlag GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung Frank Ortmann

Umschlagabbildung Lineair/images.de

ISBN 978-3-644-11961-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

Nachwort

Abbildungen

Bildnachweis

1994

25. März

Sei gegrüßt, Tagebuch!

Ich lebe in der Stadt Grosny, in der Zawjety-Iljitscha-Straße. Ich heiße Polina Scherebzowa. Ich bin neun Jahre alt.

26. März

Zum Geburtstag, am 20. März, hat Mama Nusstorte gekauft. Wir waren im Zentrum, auf dem Platz viele Leute. Die Menschen schrien. Da waren Großväter mit Bärten. Sie liefen im Kreis. Lenin stand vorher in Gummistiefeln da. Das Denkmal. Dann haben sie ihn runtergeworfen, aber die Gummistiefel sind geblieben. Warum schreien die Menschen? Worum bitten sie? Mama hat gesagt: «Das ist eine Demonstration!»

27. März

Ich habe ein Gedicht geschrieben.

Ich will, wie alle Kinder,

eine Segelfahrt erleben

und von tiefstem Meeresgrund

die Zaubermuschel heben.

28. März

Ich bin aufgewacht. Habe das Geschirr abgewaschen. Den Aufgang vom dritten Stock bis zum Erdgeschoss aufgewischt. Mit Wäschewaschen angefangen. Habe in der Schüssel Sachen gewaschen und lese ein Buch.

29. März

Warum sind alle Schneeflocken, nur ich nicht? Ich wurde zum Fest als Rotkäppchen verkleidet. Mama hat aus ihrem Rock ein Kostüm genäht. Ich will eine Schneeflocke sein! Alle Mädchen in der Klasse sind Schneeflocken.

1. April

Kater Mischka sitzt neben mir auf dem Kissen. Ich lese die «Drei Musketiere». Da gibt es eine Königin, Milady und D’Artagnan. Mir gefällt die Welt, in der die Königinnen schöne Kleider tragen. Dort gibt es Musketiere und Gardisten! Zu Hause ist mir langweilig.

2. April

Wir haben Verstecken gespielt. Ich habe mich mit Hawa und Aljonka hinter den Bäumen und in den Gärten versteckt. Das sind meine Freundinnen. Dann sind wir Fahrrad gefahren. Aber es ist kaputtgegangen. Bis bald!

18. April

Ich habe die Maus verloren. Mama hatte sie mir für gutes Betragen gekauft. Die Maus saß in meiner Tasche. Bestimmt ist sie ins Gras gefallen. Ich habe mit Aljonka und Saschka nach ihr gesucht. Wir haben sie nicht gefunden. Mama sagt, sie kauft mir keine Maus mehr. Sie sagt, ich bin ein Tollpatsch.

Polja

22. April

Tante Katja und ihre Tochter Wera haben mich eingeladen. Das sind unsere Nachbarn aus dem dritten Stock. Sie sagten, ich soll am Morgen kommen. Ich stand auf und ging um sechs Uhr zu ihnen. Mama schlief noch. Danach schimpften mich alle aus, weil ich so früh gekommen bin. Aber sie haben mich doch selbst eingeladen! Tante Katja ließ mich herein. Sie machte Pfannkuchen. Dann wurde Wera wach, und wir spielten. Wera hat einen Puppenjungen. Ich habe ein Mädchen. Wir wollen sie verheiraten.

1. Mai

Heute ist christliches Ostern.

Wir gingen durch die Stadt. Es regnete. Wir kamen an die Kirche. Alle Nachbarn grüßten sich. Sie boten einander Pasteten an. Die Kinder aßen gefärbte Eier. Oma Zina gab sie allen. Am meisten haben Islam aus der Gasse und Magomed gegessen. Wasja und Aljonka haben nichts abbekommen. Ihnen gab Oma Zina kleine Pasteten.

Es regnete den ganzen Tag. Mama und Tante Asja sagten: Das ist schlecht. Wenn es regnet, weint Gott, weil so viele Sünder auf der Erde sind.

5. Mai

Ein Hurrikan. Bäume sind umgefallen. Alle waren erschrocken. Danach gingen wir in die Gärten, Aprikosen pflücken. Aber sie sind noch grün.

Ich hatte einen schrecklichen Traum: Ein Ungeheuer wollte durchs Fenster. Es hatte Scheren und brach das Fenstergitter auf.

15. Mai

Wir haben gespielt: Patoschka, Wera, Asja, Hawa, Aljonka, Rusik, Arbi, Umar, Dimka, Islam, Saschka, Wasja, Ilja, Igor, Serjoscha, Denis und ich. Erst Fangen, dann Fußball. Mama gab uns Yupi-Saft aus der Tüte. Wir lösten ihn in einem Wassereimer auf und tranken. Mein Lieblingssaft ist der orangene, Aljonkas der rote. Erdbeere. Dann gab Mama jedem von uns ein Turba-Kaugummi. Da gibt es ein kleines Auto, ein Bild. Alle freuten sich sehr.

Kater Mischka ist krank.

21. Mai

Ich habe Mama beim Verkauf von Gebäck auf dem Berjoska-Basar geholfen. In der Arbeit kriegt Mama keinen Lohn mehr. Ums Essen steht es schlecht. Tante Katja sagt: «So sind die Zeiten. Schwer.»

Wir haben eine Suppe aus Hühnerbeinen gekocht und gegessen. Früher haben wir sie aus Hühnern gekocht, jetzt aus Beinen. Die Hühnerbeine werden nach Kilogramm verkauft. Das Huhn war leckerer. Viel leckerer. Mama will mich in einer anderen Schule anmelden.

Ältere Schüler haben einem Mädchen den Stuhl auf den Kopf geschlagen, sie ist im Krankenhaus. Ich habe mich mit Nadja aus der ersten Klasse angefreundet. Habe ihr Geheimnisse erzählt. Ich sammle Aufkleber, und mir fehlt nur noch einer. Damit ich eine Cindy-Puppe gewinne! Nadja wollte ein Buch haben, und ich hab es ihr gegeben. Und vergessen, dass das Album mit den Aufklebern darin war! Nadja gab das Buch zurück, und das Album ist weg. Mama und ich gingen zu ihnen nach Hause. Sie wohnen im privaten Sektor, wo die Einfamilienhäuser stehen. Mama bat ihren Großvater, es zurückzugeben. Sie haben es nicht zurückgegeben. Ich habe geweint. Ich habe jetzt kein Album und keine Freundin mehr. Bei ihnen zu Hause habe ich ein kleines Ferkel gesehen. Es lief wie ein Hund.

Polja

24. Mai

Nadja schweigt. Sie gibt das Album nicht zurück. Und Hawa sagte: «Gib du ihr auch etwas nicht zurück!»

Ich wusste, dass ich Nadjas Wörterbuch habe. Und wollte es nicht zurückgeben, aber dann habe ich es doch getan. Wenn sie so ist, bin ich noch lange nicht so.

Mir gefällt Elena Aleksandrowna – sie spielt mit uns. Das ist unsere Lehrerin. Dann gefällt mir noch Aleksej, der in seiner Bank mit Julka sitzt. Ich glaube, ich liebe ihn. Er hat mir ein Brötchen am Buffet gekauft. Und er hat keine Angst vor Impfungen. Ich und andere Mädchen haben uns in der Toilette versteckt, aber sie haben uns trotzdem gefunden und uns eine Spritze in den Rücken gegeben. Wir haben geweint.

Polja

2. Juni

… auf dem Tisch standen zwei Gläser. Eins mit Fischfutter, das andere mit Mäusegift. Ich wusste, in welchem das Gift war. Aber ich wollte sehen, was passiert, wenn ich die Fische damit füttere. Ich gab ihnen ein bisschen. Sie sind im Aquarium verendet. Ich hatte Angst hinzusehen. Sie wurden tot, dabei waren sie lebendig gewesen.

Mama hat mich gehauen.

«Mörderin!» Sie schlug mit dem Handtuch auf mich ein. «Du Mörderin!»

Tante Marjams Sohn Akbar ist böse. Das waren seine Fische. Tante Marjam hat nicht geschimpft. Sie hat mir einen Teigkringel gegeben und gesagt, sie schüttet die Fische ins Klo. Ich hab mich nicht geschämt. Ich hatte Angst. Der Mörder hat Angst.

Polja

23. Juni

Eine Schlange um Brot. Im Geschäft prügeln sie sich.

Ich habe eine Ameise mitgebracht. Sie lebt in einem Weckglas: Darin ist Erde. Ich habe in einem Buch gelesen, dass Ameisen prachtvolle Städte bauen, und wollte sehen, wie. Sie soll in dem Glas eine bauen!

28. Juni

Hochzeit auf dem Hof! Alle bekamen Bonbons. Sie tanzten Lesginka und schossen mit einer Pistole.

Tante Marjam sagte: «Sie schießen, um die bösen Geister zu vertreiben!»

Aljonka und ich haben über Gespenster gesprochen. Und Islam hat gesagt, er habe Angst, in den Garten zu gehen, weil dort Geister über dem Knoblauch und den Zwiebeln fliegen.

29. Juni

Am liebsten auf der Welt laufe ich hinter das Haus. Mama haut mich und erlaubt es nicht. Aber ich gehe trotzdem.

Ich stehe da und schaue auf die Berge. Sie sind dunkelblau. Ich liebe die Berge. Mehr als den Himmel und die Sonne. Sie umgeben meine Stadt. Ich schaue sie an und denke mir, wenn ich groß bin, werde ich zu ihnen gehen. Unbedingt!

3. Juli

Alle haben Angst vor einem Erdbeben. Die Nachbarn übernachteten auf der Straße. Aber wir wohnen im Erdgeschoss. Wir haben zu Hause übernachtet.

6. Juli

Großvater Anatolij war hier. Ich fragte ihn, wie das bei einem Erdbeben ist. Er nahm eine Schachtel Streichhölzer. Legte sie auf seine Hand und wackelte. Die Streichhölzer fielen herunter.

«So fällt ein Haus zusammen», sagte Großvater. «Die Erde bewegt sich.»

Dann öffnete er die Schachtel, und keine Streichhölzer waren darin. Sondern ein Käfer!!! Ein großer Käfer mit grünen Flügeln. Der Großvater zeigte mir den Käfer, dann ließ er ihn frei. Der Käfer flog weg und verschwand in den Blättern des Ahornbaums.

Wir waren spazieren und haben eine Bombe hinter den Bahngleisen gesehen. Eine Bombe aus dem fernen Krieg mit den Faschisten. Neulich ist sie aus der Erde herausgekommen.

Böse Nachbarn aus dem zweiten Stock haben Tschapa vergiftet. Sie hassen Hunde. Tschapa war ein guter Hund.

Auf den Bahngleisen fahren manchmal Züge. Wohin fahren sie?

11. August

Großvater ist krank. Er lag im Bett. Mama kaufte Medikamente. In seiner Wohnung sind viele Bücher – die kann man niemals alle durchlesen! Bücher auf allen Regalen, und die Regale reichen vom Boden bis zur Decke. Großvater kauft sie und hebt sie auf.

Ich habe Cervantes’ «Don Quijote» gelesen, zwei Bände. Alte Bücher. Die Bilder darin sind mit dünnem Papier bedeckt. Ich habe sie mir angesehen und gedacht, dass ich auch dorthin reisen werde.

Polja

20. August

Ich bin aufgewacht und habe an Großvater gedacht. Vorgestern gingen wir nebeneinanderher, und Großvater sagte: «Siehst du den Baum? Das ist ein Kind. Später wird der Baum erwachsen, und dann wird er alt. Irgendwann verschwindet er. Man macht einen Tisch aus ihm oder heizt damit den Ofen. So ist es immer.»

Das war eine Birke. Dann hat er noch gesagt: «Reiß keine Blätter ab. Das tut ihnen weh.»

Ich sagte: «Nein, tut es nicht.»

Und Großvater sagte, die Blätter sind die Finger. Und ich verstand, dass es ihnen weh tut, wenn ich sie abreiße. Ich werde es nicht mehr tun.

Polja

25. August

Wir spazierten über den Hof und sangen Lieder. Ich, Aljonka und Hawa.

In unseren Hafen kamen Schiffe

Große Schiffe vom fernen Ozean.

Es war meine Idee, das Lied zu singen. Wir gingen um das Haus herum und brüllten. Die Nachbarn knallten ihre Fenster zu.

Dann kam der Mond. Und wir staunten. Der Mond war rot. Wir hatten nie zuvor einen roten Mond gesehen! Er war groß und ringsherum rotes Licht. Ich sagte: «Kommt, wir laufen weg. Wir fliehen in die blauen Berge!»

Hawa wollte nicht. Aljonka bekam Angst. Mit Aljonka bin ich schon einmal weggelaufen. Nicht weit. Nur zwei Haltestellen.

Polja

26. August

Ich habe die Ameise frei gelassen. Sie hat sowieso keinen Palast in dem Weckglas gebaut. Sie wollte einfach nicht. Nicht für mich. Oder sie konnte nicht allein.

Polja

27. August

Mama bekommt kein Geld auf der Arbeit. Wir handeln mit Zeitungen. Wir gehen und verkaufen sie an den Straßen, von früh bis spät. Wir rufen «Zeitungen! Zeitungen!» Meine Beine tun weh. Wir müssen Medikamente kaufen. Großvater ist im Krankenhaus.

8. September

Ich habe mit Waska gespielt. Das ist der Sohn von Tante Dusja. Aljonka habe ich ein Pferdchen geschenkt. Sie schenkte es Waska weiter. Ich krallte mich in die Beine des Pferdchens. Ich wollte nicht, dass Waska es wegnimmt. Alle haben geheult.

Dann habe ich Wadiks Großmutter gesehen. Sie heißt Aksinja. Mit Wadik war ich befreundet. Ich habe ihn auf dem Schlitten gezogen, als Winter war. Er ist ja noch klein! Dann ging ich irgendwann raus, und die Jungs kamen mir entgegengerannt: Witja und der Sohn von Onkel Umar. Sie riefen: «Wadik brennt! Wadik brennt!»

Ich dachte, dass der Garten bei Wadik brennt. Die Gärten hinter dem Haus haben schon gebrannt. Es ist trocken, kein Regen. Ich ging zu Wadiks Oma. Ich sagte: «Euer Garten brennt.»

Sie antwortete: «Soll er brennen!»

Weil ein Feuer war, und Aljonkas Papa ist dort verbrannt: Er wollte den Brand im Garten für die Nachbarn löschen.

So.

Dann gingen wir spazieren: Ich, Mama und Aljonka. Wir waren im Park und haben Eis gegessen. Wir kamen nach Hause, da kam Saschka aus dem ersten Stock auf dem Rad angefahren. Er rief: «Sie haben Wadik gefunden!»

Mama verstand nicht und ich auch nicht, und Saschka sagte: «Witja und Waska haben ihn im Garten in der Scheune eingesperrt und angezündet. Er ist verbrannt! Lebendig.»

Ich sagte, das ist nicht wahr. Ich habe Waska gesehen. Er hat bei Aljonka ferngesehen. Waska hat niemanden verbrannt. Er hat Trickfilme geguckt! Wadiks Familie hat die Eltern von Waska bei der Polizei angezeigt.

Wadik wurde in einem Sarg mit geschlossenem Deckel begraben. Nur ein Foto war da.

11. September

Auf dem Markt waren Leute mit Waffen. Sie haben etwas gesucht. Alle waren erschrocken.

14. September

Ich bin in einer neuen Schule. In meiner Klasse sind viele Kinder. Da ist das Mädchen Diana. Ihre Mama ist Lehrerin. Diana haut alle und nimmt ihnen das Frühstück weg. Sie zerreißt die Hefte. Mir hat sie auch das Heft zerrissen.

Ich war so aufgeregt beim Diktat, dass ich die Wörter verwechselt habe. Ich habe große Angst vor einer Drei. Nachher schlägt Mama mich. Dafür hat mein Aufsatz allen gefallen. Sogar die älteren Schüler in den anderen Klassen haben ihn gelesen. Einfach ausgezeichnet, haben sie gesagt. Ich habe geschrieben, dass der Herbst gekommen ist. Jedes Blatt ist lebendig. Es bewahrt die Geschichte seines Lebens in sich auf.

Polja

16. September

Unsere Lehrerin Ljudmila Nikolajewna spielt mit uns in den Pausen. Sie hat graue Haare. Wir mögen sie sehr und streiten uns nicht, wenn sie da ist. Sie bat uns, slawische mythische Wesen in unser Heft zu zeichnen: den Hausgeist, den Waldgeist und den Wasserelf. Dann lernen wir in der Schule noch Kochen. Das ist auch ein Fach. Wir machen Salate.

18. September

Mama holt mich nach dem Handeln auf dem Markt von der Schule ab. Wir gehen nach Hause. Und heute ist Sonntag. Ich ging, um ihr beim Zeitungsverkaufen zu helfen. Aber es gab keinen Handel. Mama hat geweint. Der Großvater braucht Medikamente. Im Krankenhaus gibt es keine. Man muss sie kaufen.

24. September

Alle haben meinen Vortrag über die Planeten gelobt. Ich schrieb über den Jupiter und den Mars. Mama half, die Bilder einzukleben.

5. Oktober

Es wurde geschossen. Das war sooo schrecklich. Ich habe geweint. Und Großvater Idris, unser Nachbar, hat gesagt, wir sollten keine Angst haben, es gibt keinen Krieg. Ich hatte solches Herzklopfen. Es gab Explosionen. Ich habe Angst, zur Schule zu gehen.

9. Oktober

Hubschrauber und Flugzeuge kreisten. Ganz tief. Mein Herz klopft. Werden sie uns töten?

Mama sagt: «Nein. Es wird keinen Krieg geben. Nein!»

11. Oktober

Viele alte Männer mit Bart. Alle reden etwas. Sie laufen im Kreis und sprechen Gebete. Mir kommt das sehr seltsam vor.

Opa Idris hat gesagt, alles wird gut, und hat mir Bonbons gegeben. Und Tante Walja hat das gesagt. Und Großmutter Zina. Und Tante Marjam. Es wird keinen Krieg gehen. Da fliegen nur solche Flugzeuge. Und gucken uns zu.

15. Oktober

Die Flugzeuge schießen. Ich gehe nicht zur Schule. Niemand geht. Ich und Mama haben den Großvater im Krankenhaus besucht. Und ich habe meine Großmutter Elisabeth gesehen. Das ist die Mama meines Papas. Sie ist alt. Sie hat mich gefragt: «Wirst du mich pflegen? Mir helfen?»

Und dann hat sie gesagt: «Den Großvater pflegst du gut!»

Ich habe sie nur zweimal gesehen. Sie verträgt sich nicht mit Mama.

Großvater Anatolij ist im Krankenhaus Geld und Essen gestohlen worden. Sie haben ihm eine Spritze gegeben, er ist eingeschlafen, und sie haben alles gestohlen. Essen gibt es nicht im Krankenhaus. Wir müssen ihm Essen bringen.

18. Oktober

Wir waren auf dem Markt. Ein Flugzeug ist niedrig geflogen. Alle hatten Angst. Früher habe ich in den Himmel geguckt und hatte keine Angst, aber jetzt habe ich große. Und gucke auf den Boden.

Maschinenpistolen schießen auf den Straßen.

19. Oktober

Die Erwachsenen sagen, dass Panzer auf die Stadt zukommen. Russische. Jelzin hat uns den Krieg erklärt, man sollte ihn!

Ich habe Angst, wenn gebombt wird. Ich und Mama verkaufen Zeitungen. Sie verkaufen sich schlecht. Einmal habe ich sogar gebettelt mit Mama und einmal allein. Die Hand auszustrecken ist nicht peinlich, peinlich ist es, den Menschen in die Augen zu schauen. Wir haben für das Geld Medikamente gekauft.

26. Oktober

Wir müssen Großvater aus dem Krankenhaus holen. Es geht ihm besser. Wir können nicht raus – es wird geschossen. Nachbarn sind zu uns gekommen. Sie haben Angst.

27. Oktober

Mama hat von ihrer Mama geträumt. Von Großmutter Galja. Sie ist vor kurzem gestorben. Sie sagte: «Geh. Dein Vater wartet, dass man ihn bestattet.»

Mama sagte zu ihr: «Nein, er lebt, er ist im Krankenhaus.»

Und wachte auf. Sie erzählte mir ihren Traum. Wir können nicht zum Krankenhaus. Sie schießen.

29. Oktober

Großvater ist tot. Sie haben dort geschossen, wo das Krankenhaus in der Perwomajskaja-Straße ist. Die Ärzte sind weggelaufen. Sie haben sich versteckt, und die Kranken sind zurückgeblieben. Was tun? Großvater Anatolij liegt schon eine Woche tot dort. Mama weint.

Polja

14. November

Großvater wurde begraben. Mich haben sie nicht mitgenommen. Überall wird geschossen. Ich hörte, wie Mama zu Tante Walja sagte: «Wir konnten ihn nicht in den Sarg legen, weil die Zeit schon vorbei war.»

Mama gab allen eingelegte Tomaten und Brot – zum Gedenken. Die Nachbarn sind aus der Stadt aufs Land gefahren. Aber viele sind geblieben.

21. November

Mama und ich gehen handeln. Sonst haben wir nichts zu essen. Gestern flog ein Flugzeug tief über den Markt, und alle duckten sich. Es hat unheimlich geheult.

Wir haben mit Großvaters Angeln und Blinkern gehandelt. Davon hat er viele. Niemand glaubt, dass die Russen bombardieren werden. Das sind doch Menschen.

25. November

Mama und ich wollten die Sachen aus Großvaters Wohnung holen. Und wir sagten den Nachbarn, sie sollen sich nehmen, was sie wollen. Zur Erinnerung. Und alle haben etwas genommen. Tante Walja, Tante Dusja, und Onkel Adam aus dem ersten Stock: Er hat die Wohnung von Opa Stepa und Oma Ljuba gekauft.

Dann kam Opa Schamil. Er wollte Großvaters Wohnung kaufen. Aber man sagte uns, dass Großvaters Wohnung einem Tschetschenen gehört. Wir haben das nicht geglaubt. Großvater hat sie nicht verkauft. Aber das haben die Milizionäre gesagt. Und sie sagten, Mama darf sich nur die Sachen nehmen.

Polja

30. November

Häuser im Zentrum brennen. Mama hat einen Sack Mehl gekauft. Wir backen Fladen über dem Feuer. Ich und Oma Nina schleppen Brennholz.

1. Dezember

Wir gingen zum Markt. Da fingen sie an zu schießen. Und alle sind weggelaufen. Alle sind in die Pfützen gefallen. Ich auch. Irgendjemand hatte jemand angegriffen. Und sie schossen. Dann wurde das Kind von einer Frau getötet, und die hat geschrien. Sie hat sehr geschrien. Das war eine Kugel. Die Kugeln waren überall, und alle liefen und liefen. Auch wir liefen. Wir stiegen in einen Bus. Er fuhr los, und dann haben Hubschrauber auf den Bus geschossen. Sie schossen auf unseren Bus! Alle schrien und versteckten sich hintereinander. Die Hubschrauber flogen und schossen. Und die Flugzeuge flogen und summten.

An der Haltestelle Neftjanka stiegen wir aus und liefen über das Feld und den Bahndamm. Dort waren ein Opa und eine Tante mit Kindern. Ich und Mama. Alle liefen. Und der Hubschrauber flog und schoss mit Kugeln auf uns. Ich warf die Tasche weg und lief als Erste nach Hause. Und Mama ist nicht da. Ich wusste nicht, was tun. Ich nahm eine alte Ikone aus dem Bücherregal. Darauf ist Christus gemalt. Ich fiel auf die Knie und fing an zu weinen: «Herr, bitte, mach, dass niemand getötet wird! Bitte! Rette Mama und die Kinder und den Großvater und die Tante!»

Malika vom ersten Stock kam angerannt: «Sie bringen uns um! Sie bringen uns um!»

Das ist Nuras Tochter. In dem Augenblick kam Mama. «Tollpatsch, warum hast du die Tasche liegen lassen?», sagte sie.

Malika fragte Mama: «Dort wurde geschossen. Ist jemand getötet worden?»

«Nein. Alle konnten weglaufen», antwortete Mama.

Malika sagte, dass ihre Familie aus der Stadt aufs Land zieht.

8. Dezember

Warum können Jelzin und Dudajew sich nicht einig werden? Jelzin ist so ein Onkel und Dudajew ist unser Präsident. Jelzin lebt in Moskau und will hier Krieg machen. Dudajew lebt hier. Dudajew ist schön!

Polja

11. Dezember

Wir waren bei der Brotfabrik. Da wurde viel geschossen, und Flugzeuge warfen Bomben ab. Es rumste. Wir haben Brot mitgebracht und haben Tante Walja, Oma Nina und Jurij Michajlowitsch, dem Großvater aus dem ersten Stock, etwas gegeben.

Im Zentrum ist ein Haus von einer Bombe getroffen worden und eingestürzt. Da liegen alte Leute drunter, Russen. Sie haben gegen die Faschisten gekämpft. Niemand kann sie da rausholen. Es gibt keinen Kran.

Mama zog mich mit, aber ich wollte nicht. Ich hatte Angst, ich würde ihre Schreie hören und nie mehr schlafen können. Dort brannten Kerzen an dem Haus, und Essen stand da in Schälchen. Drei Tage lang hörten die Menschen die Schreie, und sie konnten niemanden retten. Sie beteten nur. Alle weinten. Es war schrecklich.

Polja

26. Dezember

Mama war auf dem Berjoska-Basar. Dort sagten sie, die Bewohner hätten russische Soldaten irgendwo nicht hereingelassen und sie hätten jemanden getötet. Einer Tante haben sie etwas Böses getan. Und jetzt haben alle Angst. Flugzeuge werfen Bomben auf uns!

30. Dezember

Unsere Nachbarn oben im Haus haben Angst. Da sind sie zu uns gekommen. Oma Olja, Oma Zina, Aljonka und ihre Mama kommen und gehen (sie haben die alte Oma Rimma zu Hause). Aus dem Haus gegenüber kamen Oma Nina und ihre Tochter, Tante Warja mit den hellen Haaren, zu uns. Und die Kinder von Tante Warja: Mansur, Jurotschka und Baschir. Baschir ist ein Jahr älter als ich. Ich war mit ihm auf der Schule Nr. 55. Und Mansur ist fünf Jahre älter als ich. Bei ihm zu Hause schlugen Granaten ein. Die Wand fiel um. Jetzt wohnen sie bei uns. Wir haben eine Einzimmer-Wohnung. Wir schlafen abwechselnd auf einem Sofa. Panzer fahren auf der Straße und schießen. Mama hat einen Weihnachtsbaum geholt. Neujahr!

1995

1. Januar

Das Jahr des Schweins! Ein Sternbild.

Die ganze Nacht haben sie auf das Haus geschossen. Wir lagen in der Nische im Flur. Dort gibt es keine Fenster. Vorher hatten wir auf einem Schlitten gesessen, halb im Badezimmer. Das Haus zitterte. Es brannte. Panzer fuhren auf der Straße vorbei und schossen. Ein furchtbares Knirschen. Mansur lief mit den Jungs hin, die Panzer angucken. Flugzeuge warfen Bomben ab. Und dann explodierte so eine Granate, dass in der Küche das Gitter aus dem Fenster fiel. Und es fiel auf Mama, Oma Nina und Tante Warja. Sie waren gerade dabei, auf dem Fußboden Neujahr zu feiern. Jetzt haben sie Beulen am Kopf. Ich zeichne ein Porträt von Mansur.

Polja

2. Januar

Es wird geschossen, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich habe keine Angst. Wenn es in der Nähe rumst, singt Oma Nina Lieder oder sagt Scherzlieder auf mit unanständigen Wörtern. Alle lachen, und die Angst vergeht. Oma Nina ist ein toller Kerl!

Wir kochen im Aufgang auf einem Ofen aus Ziegelsteinen. Ich gucke ins Feuer und denke: Dort leben Salamander. Wir sind schmierig, verdreckt. Alle Sachen sind verrußt. Wasser holen wir von hinter den Häusern, von den Rohren. Manchmal legen wir uns auf die Erde, damit man uns nicht tötet. Das muss so sein.

Oma Rimma ist krank. Das ist Aljonkas Großmutter. Ich laufe zu ihnen in den ersten Stock. Sie haben einen Bollerofen! Bei uns ist es sehr kalt. Wir schlafen in Stiefeln und im Mantel. Wir basteln eine Öllampe aus einer Blechdose: mit Docht und Kerosin. So ist es nicht dunkel in der Nacht, und man kann flüstern, solange die Flugzeuge Bomben werfen.

9. Januar

Alles brennt. Bomben vom Himmel.

Eine Frau in der Gasse ist getötet worden, aus dem anderen Haus eine Familie. Die Menschen sterben beim Wasserholen, auf der Suche nach Brot. Zu uns kam ein Kerl und bat um Kerosin. Mama gab ihm keins.

Wir sind viele. Zu essen gibt es nichts. Mama und andere Leute sind zur Basis gegangen. Die Basis, das ist ein Ort, dort gibt es Speiseeis in Kartons. Alle plündern dort. Auch Mama und Tante Walja haben welches gebracht. Wir haben es aufgewärmt und zu den Fladen getrunken. Ganz lecker.

Wir schmelzen Schnee. Es gibt nur wenig davon. Und er schmeckt nicht. Früher waren die Eiszapfen lecker! Aber der Schnee jetzt ist irgendwie angebrannt, grau. Mama sagt, das kommt von den Bränden.

10. Januar

An der Haltestelle «Neftjanka» haben wir ein tschetschenisches Mädchen mit einem roten Zopf gesehen. Sie trug ein grünes Band um den Kopf. Und in den Händen hielt sie eine kleine Maschinenpistole. Sie war ungefähr sechzehn. Sie kämpft für Grosny. Bei ihr war ein kleiner Junge, jünger als sie. Bestimmt ihr Bruder. Ein Opa an der Haltestelle sagte: «Sie verteidigt die Heimat. Wenn du groß bist, wirst du das auch tun!», und zeigte mit dem Finger auf mich.

Und Mama sagte: «Ein schönes Mädchen. Gott schenke ihr Erfolg!»

Die Rothaarige wurde rot und ging weg. Dann hab ich erfahren, dass die kleine Maschinenpistole «Tulpe» heißt – genau wie die Blume! Zu essen gibt es nirgendwo etwas. Kein Brot. Oma Nina hat Kohl aufgetrieben. Wir essen Kohl. Ich werde bald zehn.

Polja

12. Januar

Mansur hat eine Signalpistole gezeigt. Ein einfaches Rohr. Man verschießt damit Leuchtpatronen. Er hat es auf der Straße gefunden.

Onkel Sultan, Hawas Papa aus dem ersten Aufgang, hat ein Huhn gefangen, es in einem großen Eimer gekocht und allen Bouillon zu trinken gegeben. Auch uns. Wir haben uns sofort darauf gestürzt und alles ausgetrunken. Das war toll! Onkel Sultan hat noch zwei Kartoffeln dazugegeben!!!

Hawa ist nicht zu Hause. Sie ist mit ihrer Mutter in Inguschetien.

Polja

14. Januar

Über die blauen Berge ist Oma Oljas Sohn gekommen. Sie ist alt. Sie hat bei uns gelebt. Die Soldaten wollten ihn erschießen und die Aufständischen auch. Er hat allen gesagt: «Ich gehe zu meiner Mutter!»

Und man hat ihn nicht getötet. Er ist tapfer.

Wir waren so hungrig. Und er ist zur Basis gegangen und hat uns eine halbe Kiste Fisch mitgebracht, Strömling. So lecker! Oma Olja hat er mitgenommen. Sie werden die Stadt zu Fuß verlassen.

18. Januar

Nichts zu essen. Kein Wasser. Es ist kalt. Ich sitze oft im Badezimmer. Die Fenster haben keine Scheiben, kein Gitter. Auf dem Boden liegt Schnee.

Mit Oma Nina zanke ich mich. Sie will Bücher statt Brennholz verheizen! Mit Baschir zanke ich mich. Er zieht mich an den Haaren. Widerlicher Sitzenbleiber! Jurotschka albert herum. Und ich liebe Mansur. Aber das ist schrecklich geheim! Und damit es niemand weiß, verstecke ich dich, Tagebuch, hinter dem Schrank. Wenn Baschir dich findet, droht mir lebenslange Schande. Er wird es allen weitererzählen. Mansur ist tapfer. Er versucht, Essen zu finden, und hat keine Angst vor Beschuss.

Die Volkswehr hat an der Haltestelle eine Falle aufgebaut. Sie haben Bäume angesägt und Schützenpanzerwagen und Panzer gefangen. Sie haben «Brandcocktails» darauf geworfen. Dann haben sie die Soldaten abgeschossen und sind weggegangen. Die Jungs aus unserem Hof sind hingelaufen. Ein Soldat hat noch gelebt. Er bat darum, dass man ihn erschießt. Er selbst wollte es so. Er hatte keine Beine. Sie waren verbrannt. Das hat Ali gesagt, der eine Seitenstraße von uns wohnt. Ali ist dreizehn. Er hat ihn getötet. Danach hat er geweint. Denn es ist schrecklich zu töten. Er hat ihn mit einer Pistole getötet. Oma Nina bekreuzigte sich, und alle haben geweint. Ali gab den Tanten einen Brief. Bei dem Soldaten stand geschrieben: «Pass gut auf die Töchter auf. Wir gehen nach Grosny rein. Wir haben keine Wahl. Umkehren können wir nicht, unsere Panzer zielen mit ihren Kanonen auf uns. Wenn wir umkehren, ist das Verrat. Wir werden erschossen. Wir gehen in den sicheren Tod. Verzeih.» Die Tanten wollten den Brief wegwerfen, aber Mama legte ihn dorthin, wo die Bücher sind. Sie versprach, ihn an die Adresse zu schicken. Die Straße und die Hausnummer fehlen. Sie sind verbrannt. Mir tut der Soldat leid. Ich gehe nicht zur Haltestelle, durch die Gärten. Dort liegt seine Leiche – und andere Tote.

Polja

20. Januar

Die Militärs schießen auf Hunde. Die Hunde fressen Verstorbene. Auf den Straßen liegen tote Menschen und tote Hunde. Ich versuche, nicht hinzugucken, wenn ich vorbeigehe. Ich mache die Augen zu. Denn wenn ich sie sehe, schreie ich und kann nicht aufhören. Und Mama schimpft. Sie sagt, ich bin feige.

Die Volkswehr kämpft gegen russische Militärs. Die Volkswehr, das sind Leute, die ihre Heimat verteidigen. Das hat Oma Zoja gesagt. Die Kämpfe wollen nicht aufhören. Man sagt, in den Dörfern sind viele Menschen getötet worden.

P.

21. Januar

Ich sitze in der Flurnische auf einer Matratze. Um mich herum wird geschossen. Sie zielen genau auf unser Haus. Gestern habe ich bei Tante Walja, Aljonkas Mama, geschlafen. Bei uns gibt es keinen Platz zum Schlafen. Alle schlafen auf dem Fußboden und auf dem Sofa. Nirgends kann man seine Beine hinlegen. Warum hat der Krieg angefangen? Mama und ich sind im Herbst zum Friedensmarsch gegangen.

26. Januar

Die Nachbarin aus unserem Haus ist an den Beinen verletzt. Sie sind geschwollen. Einem Mann im Haus nebenan wurden die Hände abgerissen. Und als wir uns beim Beschuss in der Nische versteckten, wurde draußen ein Auto von einer Granate getroffen. Ein Mann, eine Frau und Kinder. Die Frau wurde schwer verletzt, die anderen waren sofort tot. Die Frau schrie und schrie, dann ist sie auch gestorben. Ich hielt mir die Ohren zu und lag auf dem Boden. Ich konnte nicht mit anhören, wie schrecklich sie schrie. Später hieß es, sie sei schwanger gewesen. Ihre Körper wurden weggebracht. Von dem Auto ist fast nichts übrig geblieben.

30. Januar

Im Sommer haben Aljonka und ich Käfer und Würmer beerdigt. Jedem haben wir ein Grab gemacht und ein Steinchen als Grabstein gesetzt. Dann konnten wir die Toten nicht mehr finden. Da habe ich ein paar neue Käfer getötet und sie auch mit Erde zugeschüttet. Ich wollte, dass der Friedhof noch schöner wird. Wie blöd von mir! Aber das ist noch nicht alles. Als ich Großvater im Krankenhaus besuchte, habe ich etwas ganz Schlechtes getan. Ich habe ihn betrogen. Und Gott hat mich bestraft! Zu uns ist der Krieg gekommen.

3. Februar

Russische Soldaten kamen auf den Hof. Sie haben alle rausgeführt. Die jungen Männer wurden nackt ausgezogen und angeguckt. Mir war das sehr peinlich. Warum haben sie ihnen die Kleider ausgezogen? Tanten und Omas schimpften. Die Soldaten sagten, sie suchen eine Spur. Eine Spur von einem Riemen oder so. Von der Maschinenpistole. Einen Jungen haben sie abgeführt, obwohl bei ihm überhaupt keine Spur zu sehen war. Dieser Junge ging einfach an uns vorbei. Bei uns haben sie die Papiere kontrolliert.

7. Februar

Wir haben Großvaters Wohnung besucht. Dort waren russische Soldaten und haben den Parkettboden rausgerissen und ein Lagerfeuer gemacht, um sich Mittagessen zu kochen. Sie haben Puschkin verbrannt!!! Grauenhaft! Schrecklich! Mama hat sie ausgeschimpft. Sie haben nur den Kopf geschüttelt. Mama sagte: «Sie sind achtzehn! Sie verstehen nicht, was sie tun!»

Einer hatte einen Schnurrbart. Sie leben dort und schießen auf den Fernseher. Warum?

15. Februar

Wir waren auf dem Berjoska-Basar. Dort haben wir Fladen, Zigaretten und Salzgurken verkauft. Bei einer Schießerei sind alle weggelaufen und haben sich versteckt. Auf dem Rückweg sahen wir ein altes Weiblein. Sie zog irgendetwas auf einem Schlitten. Mit einer Decke zugedeckt. Ein Sarg, dachte Mama. Das Weiblein konnte kaum gehen. Sie war vielleicht achtzig. Graue Haare unter dem Kopftuch. Ringsumher wurde geschossen. Aber sie war taub. Sie hörte es nicht einmal. Mama wollte ihr helfen und zog den Schlitten über die Fahrbahn. Dann wehte ein Wind die Decke herunter. Wir sahen, das ist überhaupt kein Sarg, sondern ein neuer Kühlschrank, noch in der Verpackung. Die Alte hatte ihn irgendwo gestohlen.

23. Februar

Stehlen tun alle. Tante G und Tante A und Tante Z und Onkel K und Ch und M! Alle nehmen sich morgens Schubkarren und ziehen los. Dann kommen sie zurück und bringen Teppiche. Geschirr. Möbel. Nur zwei, drei Menschen stehlen nicht. Jurij Michajlowitsch stiehlt nicht und einige wenige Nachbarn. Die anderen Nachbarn sagen: «Die russischen Soldaten stehlen!»

Und das stimmt.

«Da werden wir auch stehlen! Es kommt ja sowieso weg.»

Und das tun sie.

Aus dem Haus gegenüber der Unermüdlichste ist Opilein Polonij. Er hat früher als Aufseher im Gefängnis gearbeitet. Jetzt zieht er bis zu fünfmal am Tag mit seiner Schubkarre los – und mit ihm ungefähr zehn Freunde. Manchmal zanken sie sich, wer was bekommt. Sie brüllen hier auf dem Hof herum.

Wir waren im Zentrum: ich, Mama, Tante Walja und Aljonka. Wir gingen auch in ein Privathaus. Dort gab es Tee. Wir haben jeder eine Schachtel genommen. Dann habe ich eine Puppe gesehen. Eine Babypuppe. Und ich habe sie mitgenommen. Aljonka hat einen Bleistift gefunden. Nur Mama hat nichts genommen. Sie hat gesagt, ein Scharfschütze hätte sie fast getötet. Es ist peinlich, in einem fremden Haus getötet zu werden, und dann wird man als Dieb gefunden.

«Wir haben einen Haufen eigene Sachen zu Hause. Wir wissen nicht, wohin damit!», sagte Mama. «Gehen wir nach Hause!»

Und das taten wir.

25. Februar

Wir gingen zur Kirche. Sie liegt hinter der Brücke, wo der Fluss Sunzha ist. Die Sunzha ist dreckig und trüb. Die Kirche steht ganz schief von Treffern. Überall Häuser wie nach einem furchtbaren Erdbeben: Häuser eigentlich, aber doch nur noch ein Teil von den Mauern. In der Kirche wurden Tomaten und Makkaroni in Gläsern verteilt. Dort waren russische Großmütter und auch tschetschenische Tanten. Viele Kinder. Die Alten haben sie angeschnauzt. Dann habe ich dort noch Ljusja gesehen. Sie lebt in zerstörten Treppenhäusern. Ihr Papa, ihre Mama und ihre Großmutter sind getötet worden. Ljusja schminkt sich die Lippen. Sie hat roten Lippenstift in einem zerstörten Haus gefunden. Ljusja ist vierzehn. Mama sagte, eine Bombe hat den Zoo getroffen, und die Tiere sind tot. Und ich habe einen Hund gesehen. Splitter hatten ihm die Nase abgerissen. Er hat jetzt keine Nase mehr. Dann sagten sie noch: Auf ein Altersheim ist eine Bombe gefallen, und viele sind umgekommen. Eine Nonne führte mich ins Innere, nach unten. Dort im Keller ist es dunkel, nur dünne Kerzen brennen an den Ikonen. Alle beteten, dass der Krieg schneller weggeht. Die Nonne gab mir Fisch und Kartoffeln. Mama hat den Hof in der Kirche gefegt. Auf dem Rückweg wurden wir beschossen und lagen auf der Erde.

Wir haben einen toten russischen Soldaten gesehen. Er lag da und neben ihm seine Waffe. Er trug eine dunkelblaue Uniform. Mama ging auf den Hof. Dort stand ein Schützenpanzerwagen. Und sie sagte: «Geht hin, da liegt einer von euren Jungs!»

Die Soldaten aßen etwas und tranken aus einer Flasche. Sie gingen nicht hin. Zu Hause haben wir Großvater Jurij Michajlowitsch ein bisschen Tomaten und Makkaroni gegeben. Er hat sich vielleicht gefreut!

Polja

27. Februar

Panzer fahren und darauf Teppiche. Man sagt, sie bringen sie in die kleine Stadt Mosdok und verkaufen sie. Und nach Inguschetien auf den Markt. Die Nachbarn plündern, und die Militärs plündern. Die Türen stehen offen wegen der Granaten und der Bomben. Wenn sie die Sachen in den Häusern nicht mitnehmen, dann schießen sie darauf: auf Fernseher, auf Waschmaschinen. Wir suchen überall nach Brot. Es gibt keins. Der Sack mit Mehl geht zur Neige. Ich bin die ganze Zeit hungrig und Mama ebenso. Unsere Flüchtlinge reparieren die Wand in ihrer Wohnung im zweiten Stock, solange nicht geschossen wird.

Ein Panzer richtete seinen Lauf in den Hausaufgang. Und im Aufgang waren Kinder, Großmütter und Tanten. Wir trommelten gegen die Wohnungstür, aber sie ging nicht auf. Ich machte die Augen zu, erwartete den Schuss und war sicher, dass wir jetzt sterben würden. Dann schoss der Panzer, aber daneben. Er traf nicht den Aufgang, sondern darüber. Aus den Gärten schoss die Volkswehr auf die Panzer und rief: «Wanja, ergib dich!» Der Panzer setzte zurück. Mama zitterten die Hände, die Tür wollte nicht aufgehen. Und alle riefen: «Lena, schneller! Lena, mach die Tür auf!» Die Tür war von den Detonationen verklemmt. Dann ging sie doch auf, und alle stürzten in unseren Flur. Und dort lagen sie dann. Auf dem Hof schossen die Panzer.

3. März

Mama geht zur Basis, die in der Nähe ist. Sie sucht Brennholz. Es gibt keins, aber wir brauchen Feuer für den Teekessel. Auf der Basis wird gekämpft, russische Soldaten und Volkswehr. Mansur wollte Brennholz holen, und sie haben auf ihn geschossen. Er ist knapp davongekommen, ist aus dem ersten Stock gesprungen. Mansur trägt einen Hut. Er ist ein Pirat! Ein richtiger Pirat!!! Ich kann kein Wort zu ihm sagen. Auch wenn ich es so sehr möchte. Aber ich kann nicht. Ich bin zu schüchtern. Er hat irgendwo Wimperntusche gefunden und mir gebracht. So eine kleine, in der Dose. Veilchenblau. Ein Geschenk! Für mich!

Polja

4. März

Das Uraza-Bayram-Fest war! Oma Zina brachte eingelegte Tomaten und Reis. Und Opa Achmed brachte Bratkartoffeln. Eine ganze Pfanne voll! Er hat sie auf dem Feuer gebraten. Oh, was für ein Glück wir haben! Wir teilten die Geschenke mit Tante Walja und Aljonka.

5. März

Mama und Onkel Sultan sind zur Basis gegangen, Brennholz holen. Ich habe Angst allein. Ich lief durch die Gärten zur Basis. Ich lief allein. Ein Scharfschütze schoss auf die Bahngleise. Die Kugeln schlugen ringsum ein. Ich wollte Mama finden. Ich lief und rief sie. Ich sah getötete Menschen, doch das war nicht Mama, und ich ging nicht näher heran. Irgendwelche Frauen und Kinder lagen im Schnee. Und eine Alte mit grauem Kopftuch.

Dann fand ich Mama. Sie suchte noch immer nach Brennholz. Wir gingen in ein Häuschen der Basis, dort waren alte Stühle. Da fingen sie an, aus Panzern zu schießen. Und bububuff! Eine Granate explodierte. Wir fielen hin. Eine Luftwelle! Wir wurden von Mauerputz und Steinen überschüttet. Aber nicht stark. Wir kamen heraus und krochen davon. Mama erklärte, man habe ihr gesagt, es gibt solche «Wärmeminen». Sie gehen dem Menschen hinterher und zerreißen ihn in Stücke. Ich kroch über den Schnee und dachte, dass bestimmt so eine Mine mir nachschleichen und mich in Stücke reißen wird. Wir lagen lange an der Straße. Granaten flogen, rote und orangene. Dann gelang es uns, zu den Häusern zu laufen. Wir haben Brennholz gebracht!

Polja

7. März

Wir gingen auf die Suche nach Nahrung. Während wir im Stadtzentrum unterwegs waren, hielten wir die Ohren offen: Wenn eine Mine oder eine Granate anflog, legten wir uns auf die Erde.

Wir trafen eine russische Großmutter. Lehrerin! Sie ging in zerstörte Häuser und sammelte Bücher. Keine Sachen, kein Geschirr. Bücher! Sie legte sie auf einen Handkarren. Sie weinte: «Man muss die Geschichte retten!»

Es ist nicht klar, aus welcher Richtung geschossen wird. Essen fanden wir nicht, aber Mama erzählte mir in der Zeit von der Familie von Nikolai II. Mir ist besonders in Erinnerung geblieben, wie die Zarenfamilie zur Erschießung geführt wurde und sie die Kellertreppen hinabsteigen mussten. Ich dachte, dass Kinder in Kellern umgebracht werden, ist bestimmt eine Art Tradition. Wir sind nur ein einziges Mal im Keller gewesen, blieben lieber in der Wohnung, bei allen Beschüssen. Wenn sie uns töten, dann wenigstens zu Hause. Ich hasse Keller!

11. März

Meine Stiefel sind kaputt. Die Füße werden nass. Ich habe keine Schuhe. Da bin ich in ein fremdes Haus gegangen, obwohl ich Mama versprochen habe, das nicht zu tun. Aber ich wollte nach Stiefeln suchen. Ich merkte nicht, dass die Kellerdecke offen war. Ich ging rein und sah die Stiefel. Sie lagen auf einem Sofa. Ich hatte nur sie im Auge und … fiel, in den Keller, aber nicht ganz bis nach unten. Sonst wäre ich tot gewesen. Drei Meter Tiefe und unten Beton. Ich klammerte mich mit den Händen an den Rand. Rausklettern konnte ich nicht. Ich hatte keine Kraft. Niemand kam mir zu Hilfe. Niemand wusste, dass ich Stiefel suchen gegangen war. Meine Finger wurden ganz weiß. Da kam ein alter Tschetschene. Er wird mich hinabstoßen, dachte ich, und ich sterbe dort unten. Aber er packte meine Hand, und ich kletterte raus.

«Was suchst du hier?», fragte er.

«Ich wollte die Stiefel nehmen», sagte ich.

«Schämst du dich nicht», fragte der Alte, «zu stehlen?»

Ich wurde rot wie eine Tomate.

«Deine Beine haben hier nichts verloren! Sie sind den falschen Weg gegangen!», sagte der Alte laut. «Sünde! Sünde!»

«Ich habe nie Sachen gesucht. Ein einziges Mal …»

«Einmal zu viel», unterbrach mich der Alte. «Schande!»

Dann sah er, dass ich in löchrigen Stiefeln dastand. Er ging hin und nahm die Stiefel. Warf sie durchs ganze Zimmer.

«Na!», sagte er. «Nimm. Die Meinen sind von einer Bombe getötet worden. Meine Tochter, meine Enkel, tot. In dieses Haus kommt niemand mehr, um hier zu leben. Alle sind dort!»

Er zeigte mit der Hand nach oben.

Ich sagte: «Entschuldigen Sie», und ging in meinen zerrissenen Stiefeln raus. Und dann lief ich los.

Ich stieß auf eine Leiche. Vor einer halben Stunde war sie noch nicht da gewesen. Und jetzt lag sie da. Ein Mann, vielleicht vierzig Jahre alt, ein Russe, einer von hier. Er lag da und sah mich mit blauen Augen an. Daneben ein Eimer. Er hatte Wasser holen wollen. Bestimmt hat ihn ein Scharfschütze getötet.

Mama hat Konfitüre gefunden und trug sie im Beutel. «Wo zum Teufel warst du?», fragte sie.

Ich sagte es. Mama schlug mir flach auf den Hinterkopf. Direkt neben dem Toten.

«Außer Essen darf man nichts nehmen!», sagte sie streng.

Mama fand eine Decke, die auf der Straße herumlag. Damit deckte sie den Toten zu, und wir gingen nach Hause.

Polja

12. März

Mensch, was passiert ist! Wir gingen über die Brücke zur Kirche. Die eine Hälfte der Brücke ist in den Fluss gestürzt, weil eine Bombe sie getroffen hat. Aber auf der anderen Hälfte kann man noch gehen, um zur anderen Flussseite zu kommen. Da ist auch der kaputte Präsidentenpalast und das zertrümmerte Hotel «Kaukas». Auf der Brücke haben russische Soldaten eine Kanone aufgebaut. Sie sitzen dort auf Stühlen. Das ist jetzt ihre Brücke.

Also: Mama und ich wollten zur Kirche und waren schon auf der Mitte der Brücke. Und ich sehe: Auf der anderen Brücke, den Fluss hinab, läuft Volkswehr. Ich erkannte sie sofort – sie haben grüne Bänder um den Kopf. Sie begannen zu schießen, aus so einem langen grünen Rohr, das sie auf dem Rücken tragen. Genau auf uns! Von der anderen Brücke auf unsere Brücke! Wie das gerumst hat! Feuer! Alle getroffen. Neben uns ging eine Frau mit einem kleinen Jungen, Tschetschenen. Und zwei alte Russen. Alle wollten in die Kirche, weil sie dort manchmal Lebensmittel verteilen. Die bringen die Kosaken.

Wie sie anfingen zu schießen! Ein Kampf! Die russischen Soldaten schossen aus der Kanone auf die Volkswehr auf der anderen Brücke. Eine große Kanone auf Rädern! Sie schießt, und die Erde zittert wie bei einem Erdbeben. Ich lag auf dem Boden und schrie vor Angst. Mama schleppte mich am Kragen in das zerstörte Hotel «Kaukas». Auch die Leute von der Brücke rannten in die Ruinen des Hotels. Dort lagen wir auf dem Boden. Die Schießerei wurde immer heftiger. Ich hatte solche Angst! Ich dachte, jetzt ist der Tod gekommen. Es braucht gar keine «Wärmemine». Man wird so umgebracht. Das Hotel war zerschossen, tausende Male von Granaten getroffen, die Wände wie Spitzengewebe und unter den Füßen ein Haufen Steinsplitter. Wir lagen zwei Stunden dort. Wir haben uns kennengelernt. Der kleine Junge weinte. Er kroch zu Tante Asja auf den Arm. Sie lag auf dem Boden und nahm ihn in die Arme. Und Großvater Boris tröstete uns. Er sagte, die Kugeln würden uns nicht erreichen. So etwas gibt es gar nicht, dass alle auf einmal getötet werden. Jeder hat sein eigenes Schicksal.

Auf einmal bewegte sich ein Haufen Säcke in der Ecke. Dort war Müll, Tüten. Vier Soldaten kamen da rausgekrochen. Sie hatten die ganze Zeit dort gelegen!

Mama sagte zu ihnen: «Was macht ihr da?!»

Und sie: «Wir verstecken uns. Wir wollen nicht kämpfen!»

Da hat Opa Boris sie angeschnauzt: «Was macht ihr hier? Es ist Krieg! Und ihr sitzt hinter den Säcken!»

Das waren so mickrige Soldaten. Sie sagten: «Wir wollen nicht kämpfen! Wir wollen nach Hause! Nach Hause!»

Als es ruhiger wurde, begleiteten die Soldaten uns in ein anderes Gebäude. Mama bat sie um eine kugelsichere Weste.

«Gebt mir eine Weste», sagte Mama. «Für das Kind!»

Aber die Soldaten gaben keine. Sie hatten selbst zu wenig, sagten sie. Dabei hatte jeder von ihnen drei davon an. Sie waren sehr ängstlich.

Wir liefen über die Straße und kletterten durch ein Fenster in ein anderes Haus. Aber dort war der Ausgang verschüttet. Man musste aus dem zweiten Stock springen. Zurück ging nicht – sie schossen wieder. Ich fiel auf einen großen Haufen kaputter Ziegelsteine, schlug mir die Beine auf und zerkratzte mir die Hände. Nach mir sprangen alle: Tante Asja mit einem Ächzen, Mama fluchend, der Großvater und die Großmutter bekreuzigten sich. Großvater Boris hat Tante Asjas Sohn in der Luft aufgefangen.

15. März

Mansur war hier. Er brachte Mehl für Fladen. Seine Familie ist bei uns ausgezogen. Es wird noch geschossen, aber nicht mehr so stark. Mansur hat einen Freund aus dem Nachbarhaus. Sie gehen immer zusammen und haben eine kleine Freundin mit einem langen, hellen Pferdeschwänzchen. Sie ist vielleicht sechzehn. Ich kann sie nicht ausstehen! Einige Nachbarn sind zurück. Ramzes aus dem ersten Stock hat seine ganze Wohnung mit Teppichen vollgestellt, man kommt nicht durch. Und Tante Warja, Mansurs Mama, sagte, alles sei ganz schlecht. Ihr Mann ist schon lange weg, er hat sie mit den Kindern alleingelassen. Er kam von einer Dienstreise nicht mehr zurück. Er hat eine andere Frau gefunden. Mama hat die Karten gelesen und ihr gesagt, dass er doch wieder zurückkommt. Man muss warten! Ich habe ein Gedicht geschrieben:

Das ganze Leben träume ich,

wie im Märchen

auf uferlosem Ozean zu schwimmen.

Die Weite zu gewinnen

und frei zu sein.

 

Fern eine geheimnisvolle Insel,

smaragdgrün das Laub, wie vom Pinsel,

wo die Wellen ans Ufer plätschern.

Wo alle Freunde sind

und Frieden herrscht für alle Zeit!

18. März

Mama ist übergeschnappt. Nachts wurde stark geschossen. Ich trug die Öllampe und ließ sie fallen. Ein Knall!!! Die Dose rutschte mir aus der Hand und kullerte weg. Der Fußboden fing an zu brennen, das Sofa auch, und kein Wasser in der Nähe. Wir holen das Wasser immer vom Brunnen, weit entfernt. Dort zielt ein Scharfschütze oft auf die Beine. Zu Hause war nur ein Eimer voll. Mama goss das Wasser auf den Fußboden. Es qualmte, aber der Boden stank und brannte weiter. Wir holten einen Eimer von Tante Marjam und gossen noch einmal. Fast wäre die Wohnung abgebrannt. Ich habe so einen Schreck bekommen. Mama hat mich geschlagen. Und heute Morgen hat sie mich vor den Spiegel gezogen und mir die Haare abgeschnitten. Meine Haare reichten bis über die Schultern. Kastanienbraun. Sie hat mich kahl geschoren. Sie sagte: «Das ist die Strafe! Pass besser auf! Du hast mein Parkett zugrunde gerichtet!»

Vom Parkett ist nur ein einziges Brettchen verbrannt. Aber Mama verzeiht mir nicht. Ich saß vor dem Spiegel und weinte. Mein Kinn zitterte. Mein eigener Anblick stieß mich ab. Dann kam Tante Walja und stöhnte: «Lena, bist du verrückt geworden?!»

Und zu mir sagte sie: «Warum bist du nicht zu uns gerannt? Wir hätten dich versteckt!»

Jetzt habe ich ein großes Tuch umgelegt. Sonst werden mich alle Kinder auslachen und beschimpfen.

19. März

Wir gingen Wasser holen. Das Rohr liegt weit hinter den Gärten, dort wo das Flüsschen Neftjanka ist. Kinder und Frauen, alle mit Eimern und Kannen. Manchmal wird dort heftig aus Maschinenpistolen geschossen, dann werfen wir uns hin und bleiben liegen.

Mama hat mir wegen der Öllampe nicht verziehen. Als viele Kinder da waren, kam sie und zog mir das Kopftuch herunter. Sie sagte: «Das ist meine Strafe für sie! Jetzt ist sie glatzköpfig und schrecklich, weil sie nicht aufgepasst hat und das Feuer auf den Fußboden gefallen ist!»

Alle Kinder lachten. Sie sagten: «Komm, mach hinne, kahle Birne!», und gackerten. Und ich stand da und weinte. Ich glaube, es ist besser für mich zu sterben, als zu leben. Wozu lebe ich?

Polja

20. März

Heute habe ich Geburtstag. Ich bin zehn Jahre alt. Ich trage ein großes Kopftuch, man sieht nur mein Gesicht, wie bei einer Matrjoschka. Mama kam, umarmte mich und sagte: «Ich war wohl etwas zu hitzig. Hier, nimm!»

Sie steckte mir ein bisschen Geld zu. «Für Eis!», sagte sie. Und ging etwas erledigen.

Und ich sitze hier und denke, dass ich dieses Geld nicht brauche. Ich brauche überhaupt nichts. Sie liebt mich nicht. Niemand liebt mich. Tante Walja und Aljonka sind gekommen. Sie haben alte Aprikosen-Konfitüre gebracht. Als Geschenk.

2. April

Wir waren in der Konservenfabrik, ich, Mama, Aljonka und Tante Walja. Das ist weit, vier Stunden zu Fuß. Dort kann man Zucchini-Püree bekommen. Die Haltbarkeit ist abgelaufen, aber man kann es noch essen, wenn man es aufkocht. Alle holen das und essen es. Tausende Dosen sind dort! Wir gingen durch die Häuser und Gärten hin. Dort waren Hunderte von Menschen. Ausländer. Korrespondenten. Sie sprachen eine unverständliche Sprache. Mama sagt, sie sind aus England und Frankreich. Mir und Aljonka gaben sie Bonbons!!! Richtige! Schokoladenbonbons! Sie haben irgendetwas fotografiert, und wir haben alle Bonbons auf einmal in den Mund gesteckt. Ach, wie lecker! Mama und Tante Walja haben viele Dosen Püree genommen. Wir werden es in der Pfanne schmoren! Aber wir hatten auch Angst. Auf einer Straße nicht weit von der Konservenfabrik lag ein Mensch. Kein Mensch, sondern ein schwarzes Skelett. Ein bisschen Kleidung. Das Gesicht und die Hände hatten die Hunde gefressen. Auch die Mitte hatten sie gefressen, aber nicht ganz. Daneben stand ein ausgebrannter Panzer. Mama und Tante Walja drehten sich weg und gingen vorbei. Ich und Aljonka blieben stehen. Wir guckten. Ich sah seine Rippen. Sie waren so seltsam, und Fetzen von der Kleidung klebten irgendwie daran. Mama und Tante Walja haben uns etwas zugebrüllt. Danach sagte ich zu Aljonka: «Und wenn er sich jetzt bewegt?»

Aljonka kreischte.

Auf dem Rückweg wollten wir nicht dieselbe Straße gehen, aber wir taten es doch. Wieder hatte ich keine Angst. Ich guckte. Er lag da. Alle gehen vorbei, und er liegt da. Ein Hund kam und schnupperte. Wir verjagten ihn mit einem Stock. Ich beschloss, ihn den «Panzerfahrer» zu nennen. Er ist umgekommen, im Panzer verbrannt. Er ist Russe. Wo sind seine Freunde? Warum liegt er auf der Straße?

6. April

Ich habe von dem Panzerfahrer geträumt. Er sollte tot sein – ganz schwarz, verkohlt – und war lebendig! Und er rührte sich. Kroch irgendwohin. Ich schrie. Weckte Mama auf. Mama gab mir wieder Nackenschläge.

9. April

Wir waren auf dem Berjoska. Dort war eine Schlange. Man bekam einen Korb vom Roten Kreuz, humanitäre Hilfe. Ich trug ihn nach Hause. Ich sah – Käse! Ich hatte solchen Appetit auf Käse!!! Ich schnitt ein Stück ab. Und kaute darauf. Pfui … Es war Seife. Mama machte eine Konserve auf. Das war Büchsenfleisch. Wir aßen es mit dem Löffel aus der Dose.

11. April

Staub. Es stinkt. Sie schießen. Immer noch Krieg. Wir waren wieder in der Konservenfabrik und essen Püree. Es ist ekelhaft, faulig, aber Tante Walja brät es mit Butter in der Pfanne, dann geht es. Ich wartete, dass wir an dem Panzerfahrer vorbeikommen würden. Ich hatte einen Pappkarton mitgenommen, um ihn zuzudecken. Aber er war nirgends. Dann sah ich ihn im Graben! Jemand hat ihn von der Straße in den Graben gewälzt. Autos fahren vorbei, Leuten ziehen mit Schubkarren vorbei, um Zucchini-Püree zu holen, und er liegt im Graben. Der Arme! Die Hunde hatten die Beine ganz aufgefressen. Lecker, vermutlich. Nur die Rippen und die Knochen waren geblieben. Ein schrecklicher Anblick. Aber ich wollte ihn mit dem Karton zudecken. Als Mama das sah, schrie sie: «Dumme Gans, komm da weg!»

Ich wusste nicht, was tun, aber ich warf den Karton runter. Hab nicht ganz getroffen. Mama kam angelaufen, packte mich am Arm. Sie schrie: «Meinst du, der Hund kann den Karton nicht wegschieben?! Rühr das nicht an und guck nicht hin!»

Zurück haben wir einen anderen Weg genommen.

Verzeih, Panzerfahrer.

Polja

15. April

Mama und ich gehen auf den Berjoska-Basar. Wir verkaufen Großvaters Angeln. Großvater hatte viele Angeln. Er war ein Fischer. Er hat auf der Wolga gefischt. Wir kaufen Reis, Makkaroni. Manchmal wird geschossen. Neulich war so eine Explosion!!! Da haben sie Soldaten in einem Auto an der Haltestelle in die Luft gesprengt. Andere Soldaten fingen an zu schießen, und alle sind weggelaufen, hingefallen, haben die Waren fallen lassen. Ich und Mama lagen im Gras, und ich habe die ganze Zeit gedacht, ob jetzt die Mine angeflogen kommt oder nicht. Aber sie kam nicht. Zu Hause waren Aljonka, Waska, Tante Walja und Tante Dusja. Sie saßen im Flur und hörten die Explosionen. Sie haben für uns gebetet, damit wir nicht getötet werden. Danke!

23. April

Ostern! Ich bin krank. Tante Walja hat mir Koteletts zu essen gegeben, jetzt tut mir der Bauch weh. Tante Dusja und Tante Walja haben gebacken. Der Nachbar, Onkel Walera, kam mit einem Apfel, und Waska hat Pralinen als Geschenk gebracht!

26. April

Endlich mal richtig gegessen. Mama war im Stadtzentrum gewesen. Dort verteilten sie aus Autos kostenlos Brot. Irgendwelche guten Menschen, keine Militärs. Alle stellten sich zwei-, dreimal an und nahmen drei, vier Brotlaibe. Mama hat auch für die alten Leute aus unserem Aufgang welche mitgenommen. Sie können nicht gehen. Ihnen tun die Beine weh. Aljonka und ich haben mit Puppen gespielt. Wir haben beschlossen, dass wir Schwestern sind und uns niemals trennen werden.

15. Juni

Ich gehe zur Schule. Früher war das ein Kindergarten, jetzt ist es eine Schule. Sie ist aus roten Ziegeln. Meine Schule Nr. 55 wurde zerstört, nur ein schwarzes Gerippe steht noch. Eine Bombe ist darauf gefallen. Viele Menschen sind im Keller umgekommen. Auch meine andere Schule, die Nr. 32, haben sie zerbombt. Dort sind die Dokumente verbrannt. Aber meine Papiere wurden gefunden. Die Lehrerin hatte sie zu Hause versteckt. Die Kinder in der Schule beleidigen mich. Sie hänseln mich. Ein kleiner Junge fragte: «Bist du Russin?»

Ich sagte: «Ja.»

Er gab mir eine Ohrfeige. Ich kenne diesen Jungen nicht. Er ist nicht aus meiner Klasse. Die Kinder hänseln mich und andere Nicht-Tschetschenen: «Du verreckter Jelzin», «Unschuldsjesus», «Ghaski Chak» (russisches Schwein). Was haben wir Böses getan? Diese Kinder sind aus Russland gekommen – sie haben den Krieg hier nicht erlebt, so wie wir. Jetzt sagen sie: «Das alles hier gehört uns. Unser Land. Alle Russen gehören getötet!»

Allein gehe ich nicht in die Klasse. Sie schlagen mich. Zerreißen meine Kleidung, ziehen mich an den Haaren. Ich warte auf den Lehrer. Nur mit ihm gehe ich in die Klasse. Bis dahin verstecke ich mich oder schließe mich auf der Toilette ein. Meine Hefte haben sie zerrissen. Angie hat das getan. Sie hat sie einfach zerrissen. Aslan und Milana hielten mich fest, und Rasul hat mich in den Bauch getreten. Ich bin die Einzige in der Klasse, die sie für eine Russin halten.

17. Juni

Ich habe vergessen aufzuschreiben: Im Winter ist Aljonkas Großmutter gestorben. Großmutter Rimma war streng. Sie hat Aljonka geliebt. Sie wurde auf einer Wiese am Haus begraben. Großmutter Rimma hat im Winter gefroren und gehungert. Sie war gelähmt. Bei Aljonka ist auch noch der Papa gestorben. Vorher. Er hat Leuten geholfen, einen Brand zu löschen, und ist erstickt. Er war tapfer. Jetzt sind sie zu zweit geblieben, Aljonka und ihre Mama, Tante Walja. Das sind unsere Freunde!

18. Juni

Ich habe mir Folgendes ausgedacht: Wasser in einen Eimer gießen, eine Tüte Yupi-Pulver darin auflösen. Dann wird es in Gläser gegossen, Eis reingelegt und verkauft. Ich verkaufe auf dem Zentralmarkt. Ich trage ein weißes Kopftuch, eine weiße Schürze und ein grünes, langes Kleid. Mama hilft im Café, sie verkauft Gebäck. Dafür bekommt sie Gebäck für zu Hause und ein bisschen Geld. Die Cafébetreiber sind Tschetschenen, die «Edik» und «Arlet» genannt werden. In Wirklichkeit heißen der Mann und die Frau anders. Sie haben ein russisches Mädchen aus einer Trinkerfamilie aufgenommen.

Den Saft verkaufe ich allein. Das Geld gebe ich Mama. Meistens ist es wenig. Man kann nur Brot kaufen und ein bisschen Kartoffeln, aber ich bemühe mich.

Heute ging ich zu den Ständen, wo sie Batterien, Uhren, Kassetten und Schokolade verkaufen, und begegnete einer unbekannten Frau. Sie kaufte ein Glas Saft bei mir und fing an zu weinen. Dann fragte sie: «Wie heißt du?»

«Polja.»

«Meine Tochter hieß Fatima.»

Und sie weint. «Wie alt bist du?», sagt sie.

«Zehn», sage ich.

«Sie war auch zehn», sagte die Frau. «Sie ähnelt dir wie ein Wassertropfen dem anderen. Sie ist im Winter auf dem Dorf getötet worden. Von einer Granate. Sie war meine einzige Tochter!»

Dann lief die Frau zu einem Tisch und kaufte eine große Schachtel Schokolade. Die gab sie mir und ging weg.

21. Juni

Ich mag die Geographie-Lehrerin. Sie wohnt an der Haltestelle Berjoska, am Basar. Eine magere Tschetschenin. Manchmal gehen wir zusammen nach Hause. Mathematik mag ich nicht. Ich mag Literatur. Ein Lehrer sagt in der Schule immerzu: «Die Russen werden wir töten! Alle Russen sind Schweine!»

Nach seiner Stunde schlagen mich die Kinder. Niemand ist mit mir befreundet. Sie schreien und hänseln mich. Einen kleinen Jungen aus der ersten Klasse haben sie mit Steinen beworfen. Ein russischer Junge. Russische Kinder gibt es nicht viele. Dann haben sie in unserem Stadtteil eine Großmutter umgebracht und eine Familie abgestochen. Andere haben sie verprügelt. Oi, was für Sachen! Gott schütze uns!

Polja

1. Juli

Mama hat gesagt, dass wir nicht aus Grosny wegziehen.

«Wer wegfahren will, soll fahren! Wir fahren nicht. Hier ist unser Zuhause», sagt sie.

11. Juli

Ich bin in der fünften Klasse. Englisch gibt es jetzt nicht, das ist schlecht. Geschossen wird wenig. Ist der Krieg zu Ende? Wird jetzt Frieden sein, und werden wir leben? In der Klasse raufen sie. Ich kann nicht raufen und will es nicht können. Es kränkt mich sehr, wenn ich dafür geschlagen werde, dass ich einen russischen Namen habe. Ich lese gern Bücher. Andere tun das nicht. Und ich habe angefangen, Geschichten zu erzählen. Sie hören zu, dann raufen sie nicht.

Zur Nacht spreche ich ein Gebet an die Heilige Jungfrau Maria, dass sie mich beschützen soll. Und an den Schutzengel.

15. Juli

Im Erdgeschoss gibt es nur zwei Wohnungen: Unsere und die von Tante Marjam. Daneben ist ein Gemüseladen, da verkauft Tante Amina Zucker. Tante Marjam mag mich. Sie ist Inguschin und hat viele Brüder und Schwestern. Als Inguschetien angegriffen wurde, konnten sie sich gerade so retten. Ihre alte Mutter ging mit anderen Leuten über einen Pfad an einem Abgrund. Und oben flog ein Hubschrauber und warf Bomben. Viele Menschen wurden getötet, Kinder. Tante Marjam hat zwei Söhne: Jusuf und Akbar. Sie sind älter als ich.