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Sie wollten schon immer mal wissen, was ein Kriminalbeamter im Laufe seiner Karriere so alles erlebt? Es interessiert Sie, wie das Beamtenleben in Wirklichkeit aussieht und wo die Tücken liegen? Dann gibt Ihnen dieses Buch Einblicke in diesen Berufsstand, die Sie so niemals erwarten wür-den. 41 Jahre Polizeibeamter, 41 Jahre im Beamtentum und 41 Jahre Erlebnisse aus dem wirklichen Leben. Die Memoiren eines Polizeibeamten, der viel er-lebt hat, niemals von seiner Schusswaffe Ge-brauch machen musste und sehr, sehr viel gelacht hat. Schonungslos ehrlich, rücksichtslos komisch und so tragisch realistisch, dass es wehtut.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dirk Bodenstein
Polizeibeamte sind auch nur Menschen, oder?
Memoiren eines mittelmäßigen Beamten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Vorwort
Vorspiel: die Entscheidung für den Beruf
Erste Station: Ausbildung
Zweite Station: die Sicherungsgruppe
Dritte Station: Terrorismusbekämpfung
Vierte Station: Spionagebekämpfung
Fünfte Station: Ausbilder in der IT
Sechste Station: Wechsel zum BGS
Siebte Station: Die Pensionierung
Schlussworte und Danksagung
Impressum neobooks
Dirk Bodenstein
Polizeibeamte sind auch nur Mensch, oder?
Memoiren eines mittelmäßigen Beamten
Ein Lach- und Sachbuch
Sie wollten schon immer mal wissen, was ein Kriminalbeamter im Laufe seiner Karriere so alles erlebt?
Es interessiert Sie, wie das Beamtenleben in Wirklichkeit aussieht und wo die Tücken liegen?
Dann gibt Ihnen dieses Buch Einblicke in diesen Berufsstand, die Sie so niemals erwarten würden.
41 Jahre Polizeibeamter, 41 Jahre im Beamtentum und 41 Jahre Erlebnisse aus dem wirklichen Leben.
Die Memoiren eines Polizeibeamten, der viel erlebt hat, niemals von seiner Schusswaffe Gebrauch machen musste und sehr, sehr viel gelacht hat.
Schonungslos ehrlich, rücksichtlos komisch und so tragisch realistisch, dass es wehtut.
Die Handlung beruht auf tatsächlichen Erlebnissen des Autors, ein Teil der Personen sind real und werden mit ihren echten Namen benannt. Bei bei einem Teil der Personen wurden aus Gründen der Wahrung des Persönlichkeitsrechts die Namen verändert.
© 2019 – NeoPubli Alle Rechte vorbehalten 1. Auflage 2019
Copyright: Dieter Aurass
Ringstr. 27
56218 Mülheim-Kärlich
Umschlaggestaltung: Dieter Aurass ©
Printed in Germany ISBN
Für alle fleißigen, gutwilligen, menschlichen, wohlmeinenden und fähigen Beamten,
von denen es mehr gibt, als die meisten Menschen sich träumen lassen.
Ich habe mich schon immer gefragt, warum das Vorwort „Vorwort“ heißt. Ein Vorwort wäre in meinen Augen der schlichte Imperativ: Lies!
Besser würde es wohl »Ein paar einleitende Worte zum warm werden« oder »Warum sie ab hier weiterlesen sollten« heißen. Also lassen sie mich ein paar Worte finden, die ihnen einen Eindruck vermitteln, was sie möglicherweise erwartet.
Gleich zu Beginn eine dringende Warnung! Dieses Buch ist KEINE Fiktion. Es handelt sich durchgängig um Tatsachenschilderungen, die mit meinen Kommentaren, Einschätzungen und Erkenntnissen aus diesen Geschehnissen gewürzt sind.
Allerdings besteht tatsächlich die Gefahr ernsthafter Enttäuschung über einen Berufsstand, von dem die geneigte Leserin oder der geneigte Leser bisher sehr wahrscheinlich eine völlig andere und vermutlich höherwertige Vorstellung hatte.
Selbstverständlich wurden alle Namen existenter Personen zur Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte geändert - es sei denn, es handelt sich um Personen der Zeitgeschichte, wie Politiker, bekannte und verurteilte Terroristen oder berühmte Spione (wobei die Nennung dieser drei Gruppen in einem Atemzug wirklich nichts implizieren soll).
Ich war bis vor kurzem selbst Polizist - und das über einundvierzig Jahren lang. Deshalb habe ich den Anspruch, so wahrheitsgemäß wie möglich zu berichten, ohne all den Straftätern, die dieses Buch vielleicht auch lesen, allzu große Hoffnungen machen zu wollen. Ich kann ihnen nur raten: Nehmen Sie sich in acht! NICHT ALLE Polizisten (noch nicht einmal die meisten) sind Idioten, unfähig, Lachnummern, faul oder verrückt, selbst wenn beim Lesen dieses Buches ein solcher - falscher - Eindruck entstehen könnte.
Die hier geschilderten Personen dieser Kategorien sind eine sehr, sehr, wirklich sehr kleine Auswahl der besonderen Art. Es sind die, an die ich mich am besten erinnere, weil ich mich über sie kaputtgelacht oder fast zu Tode geärgert habe.
Die beschriebenen Behörden zählen zu den angesehensten und professionellsten, die es in Europa gibt. Die Mängel, die hier immer wieder genannt werden, haben ihre Ursache in zwei grundlegenden Problematiken, die wohl kaum aus der Welt zu schaffen sind, nämlich:
dass ihre Mitarbeiter ganz normale Menschen sind, mit all ihren Schwächen, Fehlern, Problemen, Süchten und Sehnsüchten und
dass das Beamtengesetz an sehr vielen Stellen dringend reformierungsbedürftig wäre, aber kaum eine Veränderung erfährt.
Dieses Buch soll auch keine Biographie darstellen. Erstens bin ich kein abgehalfterter Tennisstar oder betrügerischer Radrennfahrer und zweitens würde wohl kaum jemanden die »Biographie eines Niemand« interessieren. Dass ich Teile aus meinem Leben und Werdegang schildern muss, liegt daran, dass nur in ihrem Zusammenhang die Personen und Ereignisse, um die es hier geht, verstanden werden können. Die meisten der komischen, tragischen und tragikomischen Geschehnisse spielten sich halt in meinem persönlichen Umfeld ab.
Ich selbst habe mich tatsächlich genauso wie viele der seltsamen Figuren auf meinem Lebensweg das eine oder andere Mal nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Das will ich natürlich weder verhehlen noch verschweigen und werde demzufolge auch wahrheitsgemäß und schonungslos über meine eigenen tragischen und komischen Erlebnisse berichten.
Rückblickend kann ich guten Gewissens sagen, dass mein Berufsleben eine supertolle Zeit voller interessanter Ereignisse und Menschen war - in der ich unverhältnismäßig viel zu lachen hatte. Das liegt aber zum Teil wohl auch an meinem Naturell, fast alles von der heiteren Seite zu sehen und den meisten negativ erscheinenden Ereignissen etwas Gutes abzugewinnen. Schon nach drei Vierteln meines Berufsweges habe ich einmal bei einem sehr frustrierenden Vorgang den Spruch geprägt:
»Ach was soll’s. Ich sehe das alles hier eigentlich inzwischen nur noch als bezahlte Unterhaltung!«
Diese Einstellung hat vermutlich dazu beigetragen, dass ich mich bis heute weder aus Frustration mit meiner eigenen Dienstwaffe erschossen, noch einem bei vielen Beamten inzwischen so beliebten Burnout (Tendenz steigend) zum Opfer gefallen bin.
Auf meinem Lebens- und Berufsweg habe ich aber auch eine große Zahl sehr beeindruckender Menschen kennengelernt. Menschen, bei denen ich stolz darauf bin, ihnen begegnet zu sein. Menschen, bei denen ich mir vorgenommen habe, ihnen nachzueifern oder mir ihre Verhaltensweisen und Lebenseinstellung zum Vorbild zu nehmen.
Aber dieses Buch soll auch eine Abrechnung mit den Kollegen und Vorgesetzten sein, bei denen ich eine oft erschreckende Inkompetenz - sowohl menschlich als auch fachlich -, völlige Ahnungslosigkeit und die für mich nie nachvollziehbare Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Schicksalen und Bedürfnissen anderer feststellen musste.
Vorsorglich bitte ich all diejenigen, die sich möglicherweise hier selbst erkennen um Verzeihung. Vielleicht tröstet es euch, dass die allerwenigsten der Leser euch erkennen werden. Und wenn doch - habt ihr nicht auch immer gesagt: »Das Leben ist kein Wunschkonzert!«?
Bei Einigen habe ich mich dafür entschieden, ihre wahren Namen zu nennen, denn sie waren meine großen Vorbilder und ich verdanke ihnen alles: nämlich, dass ich bin, wie ich bin - und dass ich das auch gut finde.
Kennen Sie das »Peter-Prinzip«? Nein?
Nun ja, ich habe es selbst erleben und darunter leiden dürfen, weshalb ich der Meinung bin, dass es hier nicht unerwähnt bleiben darf.
Eigentlich muss man es als "Das Pieter-Prinzip" aussprechen, denn der (Er)finder war ein Amerikaner, der diese These Ende der Neunzigerjahre aufgestellt hatte und mit Nachnamen eben PETER hieß. Da ich die Auswirkungen in der Realität erlebt habe, möchte ich es garnichtmehr als These bezeichnen - denn es ist wirklich so!
Es wird uns noch mehrfach in diesem Buch begegnen, ist mit ein Grund dafür, dass ich es überhaupt geschrieben habe, und muss deshalb an dieser Stelle erläutert werden.
Peters Aussage ist, dass jedes Mitglied einer ausreichend komplexen Hierarchie so lange befördert wird, bis es das Maß seiner absoluten Unfähigkeit erreicht hat, was in der Regel das persönliche Maximum der Karriereleiter markiert und weitere Beförderungen ausbleiben lässt. (Na ja, abwarten - da geht doch noch mehr!)
Peter behauptete: „Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von einem Mitarbeiter besetzt, der unfähig ist, seine Aufgabe zu erfüllen.
Deutschland hat zum Glück für uns alle eine natürliche Bremse eingebaut, sonst wäre jede Behörde, jede größere Organisation und jede große Firma nur noch von Menschen besetzt, die alle unfähig wären, ihre Arbeit in dem geforderten Maß zu erledigen. Bei uns Beamten ist diese Bremse die Schlankheit der Hierarchiepyramide, das heißt: an der der Spitze ist nicht genug Platz dafür, weitere Leute dort zu platzieren, die sich dann als unfähig erweisen würden. Somit bleibt zum Glück auch manch fähiger Kopf an seinem oder ihrem Arbeitsplatz.
In der Regel funktioniert es so, dass man feststellt, dass der Müller oder Meier ein wirklich guter Mann ist. Also wird er befördert und erhält eine bessere Position mit oft zusätzlichen oder sogar ganz anderen Aufgaben. Denen ist er unter Umständen dann aber nicht wirklich gewachsen. Das Schlimme an der Sache ist aber, dass das Beamtentum unter dem fehlenden Rückweg leidet. Die Regularien verbieten diesen sogar selbst dann, wenn man selbst merken würde, dass man sich in der neuen, höheren Position als unfähig erweist. Der Weg zurück ist versperrt, denn mit einem neuen, höheren Dienstgrad kann man nicht auf seine alte Arbeitsstelle zurück. Und jetzt mal ganz ehrlich: Würden Sie die neue Position, die ja eigentlich immer auch mit mehr Geld verbunden ist, einfach aufgeben, nur weil Sie unfähig sind?
Niemand will den Unfähigen haben, es sei denn, man macht ihn Anderen schmackhaft, indem man ihn in höchsten Tönen lobt, bis er erneut befördert wird und man ihn endlich los ist.
Bisweilen habe ich ganz persönlich den vielleicht täuschenden Eindruck, dass auf genau diese Weise das Europaparlament besetzt wird.
Ich selbst habe einmal auf eine Beförderung verzichtet, weil damit der erzwungene Weggang aus einem Arbeitsbereich verbunden gewesen wäre, der mir lag, in dem ich mich wohlfühlte und demzufolge auch nicht so schlecht war. Ich glaube nicht, dass Sie sich vorstellen können, wie schwierig es im Beamtentum ist, auf eine Beförderung zu verzichten. Sie glauben nicht, was mir der Vertreter des Personalrates sagte, als ich ihm verkündete: "Nein, wenn ich dann hier weg muss, dann will ich nicht befördert werden."
Er riss die Augen auf, sah mich völlig ungläubig an und gab mir die Antwort: "Das geht aber nicht, auf eine Beförderung kannst du nicht verzichten!"
Soviel zur Qualifikation mancher Berufsvertreter. Ganz offensichtlich hatte er vergessen, dass eine Beförderung erst dann wirksam wird, wenn ich die Urkunde unterschreibe. Man nennt so etwas im manchmal so lustig klingenden Beamtendeutsch einen "zustimmungspflichtigen Verwaltungsakt". . Kommen Sie jetzt wegen des Begriffs "…akt" nicht auf falsche Gedanken. Natürlich ist es immer wieder ein ganz schöner Akt, bis mal was passiert, aber das ist eben ganz anders gemeint. Als ich meinen Kollegen Personalrat auf seinen Lapsus aufmerksam gemacht hatte, indem ich feststellte: "Na dann unterschreib ich einfach die Urkunde nicht. IHR zwingt mir keine Beförderung auf, die ich nicht will!", sah er mich einen Moment lang ziemlich hilflos an.
Aber ich hatte die Rechnung mal wieder ohne den Wirt gemacht. Er setzte noch einen drauf: "Ja, ja, das sagst du JETZT. Aber wenn wir dich auf deinem Posten lassen und du hast die Urkunde in der Hand, dann unterschreibst du doch. Und dann?" Nun war es an mir, einen kurzen Augenblick lang ratlos zu sein.
Das ganze Spiel gipfelte darin, dass ich schriftlich versichern musste - also so eine Art Verzichtserklärung in Form einer Willensbekundung -, dass ich eine Beförderungsurkunde nicht unterschreiben würde.
Fazit: einen guten und befriedigenden Job behalten - Beförderung erfolgreich abgewehrt. Ich weiß ich weiß, ich bin ein Held. Vielen Dank.
An dieser Stelle möchte ich aber auch noch ein abschließendes Wort an alle jüngeren Menschen richten, die seit ihrer Kindheit den Wunsch hegen, Polizeibeamter zu werden. Vielleicht auch an die Eltern solcher jungen Menschen.
Es ist einer der am meisten erfüllenden Berufe, die man sich vorstellen kann - na ja, sagen wir mal: Es kann einer der am meisten erfüllenden Berufe sein. Wenn man nicht gerade zur Riege der normalen Polizisten gehört, die Streife fahren, täglich ihr Leben auf der Straße riskieren, ab und zu auch mal eine aufs Maul kriegen oder sich von Besoffenen bekotzen und von jungen Rüpeln beleidigen lassen müssen. Das ist eine Erfahrung, die man mal gemacht haben muss, die ich aber niemandem wünsche und die auch nicht ein Leben lang anhalten sollte. Dem gegenüber steht aber das gute Gefühl, vielleicht doch das eine oder andere Mal für Gerechtigkeit gesorgt zu haben, einen Verbrecher zur Strecke gebracht zu haben oder einfach nur einen Beitrag für die Sicherheit der Bürger geleistet zu haben.
Es ist ein gutes Gefühl, auch wenn es einem nie so wirklich gedankt wird. Letztendlich bleiben wir wohl immer "die Bullen", die keiner so gerne sieht, da sie ja diejenigen sind, die uns Strafzettel schreiben oder auf Fehlverhalten aufmerksam machen.
Außer, wenn man sie braucht: Dann sieht man uns schon ganz gerne.
Der Beruf bietet eine solche Vielfalt von Möglichkeiten, für jeden Typ von Mensch, für jedes Geschlecht und für fast alle Interessengebiete. Von Ermittlungen im Wirtschaftskriminalitätsbereich bis zum Rotlichtmilieu, vom Stöbern in Akten bis zum Umgang mit Menschen, vom beschaulichen Schreibtischjob bis zum aufregenden Einsatz in Sonderkommandos wie SEK, MEK oder GSG9. Es braucht vielleicht manchmal ein wenig Durchhaltevermögen, bis man den Traumjob seiner Wahl endlich erhält, aber ... in welchem Beruf hat man schon von Anfang an sein Traumziel erreicht? Sicherlich wird es auch immer diejenigen geben, die ihr Ziel nie erreichen, aber auch das ist in anderen Berufen nicht anders.
Und trotz allem bin ich der Meinung, noch heute jeden jungen Menschen, der diesen Berufswunsch hegt, nicht nur NICHT von seinem Berufswunsch abbringen zu wollen, sondern ihn sogar darin zu bestärken.
ICH habe es jedenfalls nie bereut, auch wenn ich als Zahnarzt, Rechtsanwalt oder Architekt vermutlich wesentlich mehr Kohle verdient hätte.
Sie werden sich fragen: Wie kommt jemand auf die Idee, nach einem halbwegs passablen Abitur ausgerechnet zur Polizei zu gehen?
Die Frage ist berechtigt, zählte ich doch bei meinem Abiturjahrgang 1974 zu den lediglich zwei Prozent, die nicht den Weg zur Uni eingeschlugen. Aber warum?
Ich hatte es satt, weiterhin zu lernen. Ich hatte es satt, kein eigenes Geld zur Verfügung zu haben. Ich hatte es satt, von meinen Eltern abhängig zu sein.
Da ich eigentlich ein Studium der Rechtswissenschaften angestrebt hatte und noch kurz vor dem Abi ein berühmter Rechtsanwalt wie z.B. Bossi werden wollte, machte ich mich danach auf die Suche nach einer möglichst ähnlichen Tätigkeit. Für Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen, konnte man doch auch bei der Polizei - dachte ich mir.
Damit Sie verstehen, warum ich wurde, was ich bin, muss ich ein paar kurze Erläuterungen machen:
Ich wurde in Frankfurt am Main geboren und bin dort aufgewachsen. Bereits 1968 - ich war damals dreizehn Jahre alt - machten Andreas Baader und seine Komplizen in Frankfurt durch Brandanschläge auf sich aufmerksam. Sie wurden später als die Baader-Meinhof-Bande und noch später als die RAF bekannt. 1972 wurden Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe und andere verhaftet. Das war zwei Jahre vor meinem Abi. 1973 wurde die 3. Fassung des BKA-Gesetzes geschaffen und das Bundeskriminalamt, dessen Zentrale sich schon damals, wie auch noch heute, unweit von Frankfurt in Wiesbaden lag, war auf einmal in aller Munde, da bei ihm ab diesem Zeitpunkt die deutschlandweite Zuständigkeit für Terrorismus und Staatsschutz lag. Gleichzeitig wurden dort zwei neue Abteilungen gegründet: die Abteilung TE (Terrorismus) und die Abteilung ST (Staatsschutz). Von denen werden sie später noch mehr lesen.
Was lag also näher, als mich mit dem Abi in der Tasche genau bei dieser Polizei zu bewerben. Ein zusätzlicher Pluspunkt war für mich zu dieser Zeit, dass der Polizeidienst von der Pflicht des Wehrdienstes bei der Bundeswehr befreite. Und da ich damals wirklich keinen Bock hatte, mich mit gleichaltrigen Jungs von irgendwelchen Ausbildern durch den Schlamm hetzen zu lassen, fiel mir die Entscheidung nicht schwer.
Man stelle sich vor, solche Ausbilder waren nach meinen Kenntnissen noch nicht mal Offiziere und hatten demzufolge auch kein Abitur. Absolut unvorstellbar!
Gesagt getan: Bewerbung geschrieben, zum Test eingeladen worden, nach Wiesbaden gefahren - und dann saß ich dort, zusammen mit dreißig anderen Jungs und Mädels und ließ mich drei Tage lang testen.
Mein erster Schock kam, als ich mit einigen anderen Bewerberinnen und Bewerbern auf die Tests wartete und feststellte, dass die nicht wie ich in einem mitgebrachten Perry Rhodan - Science-Fiction-Heftchen lasen, um die Wartezeit totzuschlagen, sondern alle den Spiegel, die Frankfurter Rundschau oder andere aktuelle Presseorgane studierten. Ich kam mir ehrlich gesagt ein wenig blöd vor.
Nun war ich schon immer ziemlich skeptisch und bin es noch heute, was die Qualität von Eignungstest angeht. Auf jeden Fall zog ein intellektuellen Zeitungsleser nach dem anderen mit eingezogenem Schwanz von dannen und ich ... blieb zu meiner Überraschung übrig. Wenn ich ganz ehrlich bin, kam ich mir damals wie ein Hochstapler vor, der es auf irgendeine Weise geschafft hatte, etwas vorzugaukeln, was er nicht hatte: Intelligenz und die Eignung für den Beruf des Kriminalisten.
Dennoch hatte man mir genau das bescheinigt und ich hatte die Papiere mit der Zusicherung der Einstellung bei der Kriminalpolizei des Bundes in der Hand. Eine Woche später kam mein Einberufungsbescheid zur Bundeswehr. Nach einem kurzen Schockmoment machte ich mich mit meinen Einstellungsunterlagen des BKA auf zum Kreiswehrersatzamt und erlebte dort den Schock meines bis dato noch kurzen Lebens.
Ich konterte die in meinen Augen unberechtigte Einberufung mit der Bemerkung: »Da muss ja wohl ein Missverständnis vorliegen. Sie haben mir zwar eine Einberufung geschickt aber ich bin doch vom Wehrdienst befreit, ich habe nämlich hier die Zusage der Polizei.« Die Dame vom Kreiswehrersatzamt nahm die ihr voller Stolz überreichten Unterlagen in die Hand und studierte sie aufmerksam.
Mit einem etwas hämischen Grinsen reichte sie mir die Unterlagen zurück und bemerkte: »Nein. Kein Missverständnis. Der Polizeidienst befreit zwar vom Wehrdienst, aber Sie wollen ja zum BKA.« Sie musste mir mein Unverständnis angesehen haben, denn sie ergänzte: »Das ist ja keine RICHTIGE Polizei!«
Nach zwei Wochen großer Unsicherheit bei mir und einem regen Schriftwechsel zwischen der Rechtsabteilung des BKA und dem Kreiswehrersatzamt klärte es sich insofern auf, dass auch der Dienst beim BKA vom Wehrdienst befreite. Also doch: Bundeswehr - Du kannst mich mal! BKA - ich komme!
Dennoch dachte ich in den kommenden Jahren noch oft an die Aussage der Dame vom Kreiswehrersatzamt. Der Spruch hätte mir zu denken geben müssen. Irgendwie musste sie ja auf diesen Gedanken gekommen sein.
Aber zu dieser Zeit tendierte ich noch nicht zu zweifelnden und misstrauischen Überlegungen. Ich hatte ihn in der Tasche: den sicheren Job als unkündbarer Beamter, als Kämpfer für die Gerechtigkeit, als Beschützer der Witwen und Waisen und mit Aussicht auf Pension. Was wollte man mehr?
Es kann sein, dass ich an dieser Stelle die Reihenfolge und Wertigkeit der einzelnen Aspekte ein wenig durcheinandergeworfen habe, aber das war mir alles irgendwie wichtig.
***
Der Termin für den Beginn der Ausbildung stand fest und am ersten Tag wurden wir vereidigt, also leisteten wir einen Treueschwur auf die Bundesrepublik Deutschland und hörten uns dann noch eine Rede zu unserer Begrüßung an. Ich weiß heute wirklich nicht mehr, wer die hielt, aber ein Spruch wird mir immer in Erinnerung bleiben. Damals fand ich ihn toll, er machte mich stolz und ich fühlte mich gut. Die Ernüchterung und was der Spruch bei manchen meiner Kolleginnen und Kollegen angerichtet hat, wurde mir erst viel später bewusst:
»Meine Damen und Herren, machen Sie sich immer eines bewusst - Sie sind etwas ganz Besonderes. Sie wurden aus zweitausend Bewerbern ausgewählt. Fünfzig aus zweitausend. Denken Sie immer daran, Sie sind die Creme de la Creme der deutschen Polizei. Bitte vergessen Sie das nie und verhalten Sie sich entsprechend.«
Leider, leider, haben manche von uns das nicht nur falsch verstanden, sondern sich das auch so zu Herzen genommen, dass sie sich genauso verhalten haben.
Wiederholt habe ich erleben müssen, dass Kolleginnen und Kollegen sich selbst als etwas »Besseres« gesehen haben und diese Einstellung anderen gegenüber sehr, sehr deutlich gemacht haben. Ich schäme mich heute noch für diese Kollegen, aber muss man sich wirklich wundern, wenn jungen Leuten ohne jegliche Lebenserfahrung so ein Stuss erzählt wird?
Der Start des neuen Lebensabschnitts gestaltete sich wirklich sehr profan. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Das Allererste, was uns vermittelt wurde - waren Versicherungen und Mitgliedschaften.
Die meisten von uns kamen direkt von der Schule, hatten noch keinen Beruf erlernt, waren bei den Eltern mitversichert (Krankenversicherung, Haftpflicht und das ganze Spektrum) und hatten (hallo: Abiturienten!) nicht wirklich eine Ahnung, wofür der Anschluss an eine Berufsvertretung oder Gewerkschaft gut sein sollte.
Also gaben sich die Vertreter von Debeka, Iduna, Allianz, und wie sie alle hießen, die Klinke in die Hand, versuchten uns zu überzeugen, wie wichtig eine Haftpflichtversicherung sei und welche Krankenversicherung welche Vorteile habe. Ich sah mich im Alter von neunzehn Jahren damit konfrontiert, wie schlimm es war, wenn einem alle Zähne ausfallen und was der Vorteil einer Chefarztbehandlung und eines Einzelzimmers im Krankenhaus sein konnte. Die Herren von den Versicherungen wechselten sich mit den Vertretern der verschiedenen Berufsverbände ab, ob Beamtenbund, Gewerkschaft der Polizei oder Bund Deutscher Kriminalbeamter. Da die wenigstens von uns von irgendwas eine Ahnung hatten, gingen sie den Weg des geringsten Widerstandes: Sie schlossen beim ersten Vertreter alles ab, was es gab und hatten den Vorteil, ab da den Anderen nicht mehr zuhören zu müssen.
Was ich gleich zu Beginn der Ausbildung als nettes Schmankerl empfand, war der Umstand, dass unsere Ausbildungsgruppe zu gleichen Teilen aus Jungs und Mädels bestand. Das versprach viele Möglichkeiten der Art von Kontaktpflege, der Jungs in diesem Alter nicht abgeneigt sind. Erst viel, viel später erfuhr ich, dass das kein Zufall war.
Einer unserer Fachlehrer, ein offensichtlicher Vertreter der Meinung, dass Frauen bei der Polizei nichts zu suchen hätten, machte seinem Frust einmal Luft. Man habe diese Zusammensetzung zu gleichen Teilen gewählt, aber nur deshalb, weil man bei Einstellung der besten Fünfzig des Auswahlverfahrens nach den Testergebnissen eigentlich nur einen eingeschlechtlichen Lehrgang gehabt hätte - ausschließlich Frauen!
Das sei natürlich absoluter Quatsch, denn Frauen hätten nur deshalb die besseren Noten im Abi und bessere Testergebnisse, weil sie besser auswendig lernen, sich intensiver vorbereiten, einfach strebsamer und konzentrierter auf ein Ziel hin arbeiten und grundsätzlich fleißiger seien. Das sei natürlich alles Blödsinn, im Hinblick darauf, wer den besseren Kriminalbeamten abgäbe, denn sowas läge einem im Blut und man könne es gar nicht testen.
Soviel zu der Aussage ‚Creme de la Creme‘ und ‚Sie sind die Besten‘. Viele unserer Jungs haben sich von diesem Niederschlag nie erholt und hegen seit diesem Tag die gleichen unsinnigen Vorbehalte gegen Frauen in unserem Beruf.
Männer sind da eben etwas einfacher gestrickt und setzen ihre Prioritäten einfach anders.
Ein gutes Beispiel dazu war unsere Kleiderordnung. Wir empfanden uns als auf der Schulbank sitzend, was lag also näher, dass die meisten sich auf wie in der Schule kleideten. Das bedeutete zu dieser Zeit schon Jeans, Turnschuhe und T-Shirt.
Bis zu dem Tag, als unser Lehrgangsleiter die Fraktion der leger Gekleideten zu sich in sein Büro einbestellte und ihnen unmissverständlich klarmachte, dass ‚Unterhemden‘ als Oberbekleidung nicht geduldet würden. Dies sei dem Ansehen des Berufs abträglich und würde bei den Bürgern den Eindruck erwecken, das BKA bestände aus Hippies und Drogenabhängigen.
Ich war verblüfft, geschockt und dachte sofort darüber nach, welche Art von Garderobe angebracht sei.
Einer meiner Mitschüler war da wesentlich schlagfertiger. Mit einem vernehmlichen »Pah ... Woll´n se´n Dressman oder´n Killer?«, machte er seine Einstellung zu dem Beruf überdeutlich.
Ich wollte eigentlich kein Killer sein, also entschied ich mich für den Dressman. Fortan war ich in der Regel schicker gekleidet als unsere Dozenten. Während sie in Cordhosen, gemustertem Jackett und dazu nicht immer passender Krawatte erschienen, trug ich dann eher einen dreiteiligen Anzug, rauchte Zigaretten mit einer schicken Zigarettenspitze und hatte schnell einen gewissen Ruf:
Egal was er macht, er übertreibt alles immer gleich maßlos!
Apropos Killer: Die gleich zu Beginn unserer Ausbildung startende Einweisung in die Nutzung einer Schusswaffe - also, die hatte schon was. Zu dieser Zeit nutzte die Polizei noch die Walther PPK (Fa. Walther, Polizeipistole klein). Wir waren stolz, die gleiche Waffe wie James Bond benutzen zu dürfen. Sie war wirklich klein, leicht zu verstecken, von geringem Kaliber und heutzutage würde jeder anständige Polizist sich weigern, mit einer »Kinderpistole« ausgestattet zu werden, deren Effektivität zumindest zweifelhaft ist. Aber das war zu dieser Zeit der Standard bei der Kripo und schließlich waren wir ja auch noch irgendwie Kinder. Und was von James Bond (damals noch Sean Connery) in einem coolen Schulterholster getragen wurde, kann ja nicht wirklich schlecht sein. Punkt.
Die Tücken der Schießausbildung zeigten sich recht schnell in der Schießhalle, wo unsere Damen ihren oft ersten Kontakt mit einer Waffe hatten. Ich dagegen hatte zumindest im elterlichen Keller schon Erfahrungen mit dem Luftgewehr gesammelt.
Nachdem die erste Kollegin bei Abgabe des ersten Schusses die Waffe mit einem Aufschrei einfach hatte fallen lassen und die zweite Kollegin sich bei einer Ladehemmung zu allen, die hinter ihr standen, umdrehte und mit der Waffe auf sie zeigte, wurden Konsequenzen gezogen. Die Damen bekamen ab sofort Einzelunterricht, bis der Schießausbilder der Meinung war, dass das Risiko für die Herren auf ein erträgliches Maß reduziert sei.
Zur Ehrenrettung aller Kolleginnen möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass sowohl statistisch, als auch nach meinen eigenen Erfahrungen, die weitaus meisten Unfälle mit Schusswaffen den Herren der Schöpfung passieren. Der Grund dafür ist sehr wahrscheinlich, dass Frauen in der Regel nicht das gleiche Interesse wie Männer an Western, Scharfschützenabenteuer und Shootouts wie in High-Noon verspüren. Die Beispiele dazu kommen erst einige Jahre (für den Leser allerdings nur einige Seiten) später.
Nach einem dreimonatigen sogenannten »Einführungslehrgang« wurden wir auf die Menschheit losgelassen. Die Bezeichnung Einführungslehrgang bezog sich übrigens auf die Einführung in den Beruf des Polizisten, obwohl doch eine ziemlich große Zahl von uns die Bezeichnung eher wörtlich nahm und ihren Trieben freien Lauf ließen. Das ist allerdings nichts unbedingt Polizeitypisches und bedarf deshalb keiner näheren Ausführung.
