Potpourri - Marianne Zwahlen - E-Book

Potpourri E-Book

Marianne Zwahlen

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Beschreibung

Tauchen Sie ein in ein bunt gemischtes Potpourri aus Erinnerungen und Geschichten von Bern bis Hindukusch.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Tauchen Sie ein in ein bunt gemischtes Potpourri aus Erinnerungen und Geschichten von Bern bis Hindukusch.

Die Autorin

Marianne Zwahlen, geb. 1943 lässt uns an ihrer Begeisterung fürs Schreiben teilhaben und miterleben. Bereits veröffentlicht wurden «über e Gartehag» und «Zmitts us em Läbe» in Mundart.

Inhaltsverzeichnis

Amphoren voll Honig

An vorderster Front

Andere Modelle

Audienzen

Beniamino Gigli

Bern - Hindukusch und zurück … oder »Bern ist der Nabel der Welt!«

Bin ich schön?

Carl Albert Loosli

Den kenne ich auch

Der Aussenminister

Der Ave

Der Engel von Bangkok

Der Gärtner

Der Miniguccio

Der Papa Schütz

Der Paul

Der Ring

Der Santevuie

Die aktuellste Ägyptenkarte

Die Aussichten von C

Die Elsa zielt genau!

Die Filmpremiere von Tombstone

Die Kommunikation

Die Lohnaufbesserung

Die Marien-Erscheinungen

Die Obsidian-Bestellung

Die Spaghetti von Luciano Pavarotti

Die Tintenfische

Durch den Grand Canyon zu Kuhfladen und Prinzenwein

Ein König findet keine Ruhe

Ein Meister fällt vom Himmel

Ein motorisiertes Portemonnaie

Ein Traum wird wahr

Ein wohlgefüllter Speicher

Eine grauenvolle Gesellschaft

Eine grosse Flut

Eine königliche Suppe

Einen Flick weg und Strickmuster am Hintern

Entstehen und vergehen

Es geht auch so

Es ist noch nicht die Zeit zu gehen

Finster wie in einer Kuh

Gipfelwein

Gleich braun

Happy nice, very nice

Karfreitag

Kartoffelstock und Pilze

Kniestrümpfe und Bärlauch

Luxor … oder die geschenkten Leben

Madame de Meuron

Mit einer Fahne nach St. Tropez

Schokoladenköpfe

Njet sprutzky matratzky

Radfahrer

Rote Erde

Rund um den Wüsten-Marathon

Schädelbrüche

Schlittschuhfahren

Schloss Windsor

Schnee … ein Jahrhundertwunder!

Teatro San Carlo

Thereses Steckenpferd

Traum und Wirklichkeit

Unerwartete Hilfe

Vergoldete Trauben

Von römischen Kaisern bis zu Calvin

Von Senegal über Dubai nach Bern

Wahlen und Pflichten

Weihnachten

Amphoren voll Honig

Wir waren in unseren Herbstferien wieder einmal in Forio d Ischia und genossen die ersten Stunden im Meer und besuchten dann wie jedes Jahr allerlei Bekannte, die wir in den letzten Urlaubsjahren auf der Insel kennengelernt hatten.

So war auch der Besuch beim Honig-Onkel fällig, wie wir den Rebbauern oberhalb des Städtchens nannten. Dieser Gang stand immer zuoberst auf der Liste, damit wir dann beim Morgenessen die herrlichen Honigbrote geniessen konnten.

Den Korb mit leeren Konfitürengläsern bestückt, stiegen wir die Gässchen zu ihm hinauf. Er erblicke uns meistens schon sehr früh, denn von dort oben hatte man eine atemberaubende Aussicht über die ganze Bucht.

Seine Begrüssung war wie die, eines lieben Onkels, und über das ganze Gesicht strahlend, wollte er wissen, ob wir den vorhergehenden Winter gesund überstanden hätten und er habe öfter an uns gedacht, wenn er Honig abgefüllt hatte. Er war ein kräftiger, braungebrannter Weinbauer, mit markantem Gesicht, ruhig, und gemächlichen, aber zielsicheren Bewegungen und das Auffälligste an ihm, waren seine veilchenblauen Augen unter den weissen, buschigen Augenbrauen.

Mit ein paar Tritten über breite Sandsteinstufen, trat er in den kühlen Weinkeller und wir wie eine Entenschar hintendrein. Zuerst folgten meine Eltern, dann meine Brüder und ich wie die sichernde Nachhut, so dass keiner von den dreien draussen etwas anstellen konnten.

In dem tiefen Keller standen an der Wand in einer Reihe, sechs mächtige Ton-Amphoren, wie sie meinst nur noch auf alten Kupferstichen zu bewundern sind. Darüber hingen an einem Draht, eine ganze Reihe Suppenlöffel jeder Grösse, so wie sie etwa bei uns im Militär noch gebraucht werden. Er nahm eines dieser Maxi-Exemplare und fragte, welche Honigsorten wir wünschten. Es gab gewöhnlichen Blütenhonig, Ginsterhonig, vom Vulkankrater oben, oder den Kastanienhonig aus den Wäldern rund um den Kratergipfel. Wir hatten immer genug Gläser dabei, so dass wir von jeder Sorte mindestens ein Kilo mitnehmen konnten. Es war jedes Mal ein Erlebnis, zuzuschauen, wie der dicke Honig langsam in die Gläser rann.

Der Kastanienhonig war der dickste und ganz dunkelbraun und er roch sehr stark nach Kastanien, für meinen Geschmack immer etwas allzu sehr, obschon ich sonst Kastaniendesserts sehr liebte.

Wenn die Deckel gut verschlossen waren und mein Vater bezahlt hatte, mussten wir immer noch eine Weile warten, denn der Honig-Onkel verliess immer schnell den Keller und kehrte mit einem grossen Zweig voller Trauben zurück, den er auf die Honiggläser im Korb legte. Das war jedes Mal das Schlussritual und ohne das kamen wir nicht von seinem Gut weg.

Meine Mutter legte ihm dafür immer Schokoladetafeln in die Nische beim Eingang und dann machten wir uns, mit unserer süssen Fracht wieder auf den Heimweg. Der Honig-Onkel winkte uns so lange nach, bis wir weiter unten in der Kurve verschwanden.

An vorderster Front

Die Frau Balsiger war schon weit jenseits der 80 Jahre, eine kleine schlanke Frau mit weissem Kraushaar, dass sie zu einem winzigen Dutt zusammengedreht hatte. Sie war für ihr Alter sehr behende und beinelte davon wie eine Junge. Sie besorgte ihren Haushalt noch selbst und kochte vorzüglich und abwechslungsreich. Was sie auch anpackte, es ging ihr leicht von der Hand.

Regelmässig, zweimal in der Woche ging sie über den Berner Markt und kaufte allerlei feine Zutaten für ihre Mahlzeiten. Freilich waren das kleine Mengen, aber eben immer frisch.

So ging sie eines Tages, etwas später als gewohnt, noch in die Berner Kantonalbank. Sie hatte schon dort den Eindruck, dass aussergewöhnlich viele Leute, sich in den Gassen und auf dem benachbarten Bärenplatz aufhielten.

Als sie den Bankschalter verliess, wollte sie wie gewohnt nach Hause. »Ach, was ist das jetzt nur für ein Trubel« dachte sie für sich, als sie zum Ausgang ging. Auf der untersten Treppenstufe angekommen, wurde sie einfach gleich von einem Menschenstrom mitgerissen, Richtung Parlamentsgebäude.

Es war ein Gedränge von jungen und älteren Männern und mitten in dem Trubel wurden Transparente hochgehalten. Plötzlich kamen Traktoren dahergefahren und Ordnungshüter trugen Absperrgitter herbei. Als sie vorne an so ein Gitter gedrängt wurde, wollte sie sich bei einem Polizisten erkundigen, was denn los sei. Dabei wurde sie gleich auf die Seite gedrängt, geriet in ein Blitzlichtgewitter und bevor sie nur eine Frage stellen konnte, erwischte sie ein starker Wasserstrahl und wurde mit anderen rückwärts über den Platz getrieben, Richtung Café Fédéral zurück.

Dazu brannte es sie ganz grausam in den Augen und sie sah fast nichts mehr.

Sie war im Moment völlig eingeschüchtert und musste sich erst wieder sammeln und mit ihrem Halstuch den Kopf notdürftig abtrocken, bevor sie sich ins »Bürzicasino« (Berner Marktfrauen-Restaurant) setzen konnte, um sich zur Erholung einen Kaffee zu bestellen und sich dabei ein wenig zu erholen.

Sie entdeckte dort noch mehr Menschen, die aussahen wie gebadete Mäuse und diese berichteten, es sei eine wüste Keilerei von Bauern aus allen Landesteilen, die in der Hauptstadt gegen die Landwirtschaftspolitik demonstrieren wollten. Die Polizei sei mit Wasserwerfen und Tränengas aufgerückt und kriege die Masse doch nicht in den Griff, darum sei auch zusätzlich noch Militär aufgeboten worden.

Sie legte nun ihre Hände um die warme Kaffeetasse und liess das warme Gebräu geniesserisch den Gaumen hinunterrinnen. Dann bezahlte sie und machte sich auf den Heimweg und war ganz froh, endlich sicher im Bus zu sitzen. Zuhause angekommen, legte sie ihre Tasche auf den Küchentisch, holte sich frische Kleider und duschte erst mal ausgiebig und warm.

Dann packte sie ihre Einkäufe aus und fand das Gemüse doch arg zusammengedrückt, so dass sie sich davon gleich eine feine Minestrone kochte. Zusammen mit frischem Brot und einem Stück Käse, genoss sie die duftende Suppe und erholte sich zusehends wieder. Dann sah sie ihre Post durch und las gemütlich die Zeitung, wobei sie plötzlich doch rechtschaffen müde, dabei einschlief. Es dämmerte schon als sie wieder erwachte.

Sie stickte noch eine Zeitlang an einem feinen Tischtuch, bis sie fand, nach dem aufregenden Tag, wäre es doch besser, etwas früher zu Bett zu gehen, wo sie augenblicklich einschlief.

Am andern Morgen sass sie gemütlich beim Frühstück, als das Telefon klingelte und ihre Tochter ganz aufgeregt fragte, wie es ihr gehe. Die Tagesschau habe den ganzen Trubel gesendet und sie sei plötzlich mittendrin aufgetaucht und sie habe sich grosse Sorgen um sie gemacht. Nun erzählte Frau Balsiger fast ein bisschen amüsiert, wie es dazu gekommen sei und dass sie absolut heil daheim angekommen sei. Eigentlich fand sie es nun sogar interessant, dass sie in ihrem Altern noch so ein Abenteuer an vorderster Front miterleben konnte.

Andere Modelle

Zweimal im Jahr kam eine ganz besondere Hausiererin mit ihrer Ware in unserem Quartier, den steilen Weg hinaufzukeuchen. Wo sie eigentlich herkam, wusste niemand zu sagen. Sie kam mit einem schwarzen, uralten Kinderwagen auf hohen Rädern angefahren und in seinem seitlichen Geflecht steckte ein umfangreicher, roter Regenschirm.

Mit ihrer oliv getönten Haut, den dunklen Augen und ihrem pechschwarzen, langen und akkurat geflochtenen Haarzopf, der mit einer schwarzen Samtmasche zusammengebunden war und den farbigen Kleidern dazu, sah man sofort, dass sie zu einem Zigeunerstamm gehören musste. Ihre weiten Röcke waren rot, blau oder meergrün, mit grossen, weissen Tupfen, sauber und glatt gebügelt. Dazu trug sie bei kühlerem Wetter immer eine dicke, schwarze Wolljacke.

Kaum war sie vor der Haustüre angekommen, trabten vom Schuppen oder der Hofstatt her stets sofort ein Häuflein spielender Kinder herbei, um ihre Neugier zu stillen. Die Frau hatte nämlich in ihrem Kinderwagen immer ausserordentlich schönes Geschirr, sorgfältig in Holzwolle verpackt, dass sie ihren Kunden anbot.

Meine Grosstante war schon als junge Frau immer sehr froh, dass sie wegen neuem Geschirr nicht immer nach Bern musste. Denn es kostete sie viel Zeit, dazu wurden die Schuhe sehr strapaziert durch den langen Weg und dann hätte sie noch eine beachtliche Last an Einkäufen zu tragen gehabt. So sah sie der Hausiererin gerne entgegen, denn die gebotene Qualität war erstklassig und erst noch besonders schön. So wollten auch die Kinder diese bunten Herrlichkeiten auf keinen Fall verpassen, ebenso wenig die besondere Händlerin. Die Mutter hatte nämlich schon sehr früh für jedes Kind eine der schönen Ohrentassen gekauft, für jedes eine eigens, dezent bemalte, die sie jeweils an einem Sonntag zum ersten Mal beim Frühstück benutzen durften und von da an dann täglich.

Die Frau sprach auch ein ganz kurioses Kauderwelsch und man musste enorm aufpassen, wenn sie auch noch schnell sprach. Verwundert betrachtete sie einmal meine Grosstante Rosa, die mitten in der Kinderschar stand und fragte sie: »Nicht möglich alle Deine Kindere, Du viel zu frisch?« Diese lachte und gab ihr zur Antwort: »Nein, nein, die zwei mit den braunen Haaren sind meine und die anderen gehören meinem Bruder und sind nur hier in den Ferien!« Ganz erleichtert meinte die Frau: »Aha, i schon studiere, ist doch andere Modelle!«

Audienzen

Der Bundesrat Willi Ritschard war nicht nur ein feiner Staatsmann, sondern auch ein herzensguter Mensch, von hühnenhafter Statur, aber scheinbar nur von aussen so robust, innen sehr sensibel und verletzlich. Mit seiner warmherzigen und direkten Art fand er im ganzen Volk grosse Achtung, weil er die einfachen Leute so gut verstand und spürte und diese seine klare und ungeschminkte Sprache besonders zu schätzen wussten. Er war sich nie zu gut, wenn irgendwo grosse Sorgen auftauchten, dass er oft selber sich gleich darum bemühte, eine gute Lösung zu finden.

Wenn er jeweils über Land fuhr und zu Tisch gebeten wurde und man ihn fragte, was er gerne essen möchte, antwortete er, am liebsten hätte er ein Stück Brot mit Käse und ein Glas Most. Mit dieser einfachen Art hatte er die Leute gleich für sich gewonnen. Die Menschen zeigten ihm immer wieder, wie sehr sie ihn mochten, denn oft fand er vor seinem Büro ein Körbchen mit Kirschen, oder anderen Früchten, einen Käselaib, oder feine Bauernwürste, eine Flasche Wein oder gar ein frisches Bauernbrot, das dann den ganzen Eingang mit seinem Duft erfüllte. Diese Zeichen aus dem Volke taten ihm enorm wohl und erfüllten ihn mit neuer Kraft und er strahlte jeweils über das ganze Gesicht.

Er nahm sein Amt so ernst und wollte die, aus dem Ruder gelaufenen Staatsfinanzen so schnell wie möglich wieder ins Lot bringen, damit das Volk nicht immer, mit noch mehr Steuern bluten sollte und dass alle daran glauben konnten, dass es ihm wirklich ernst sei, mit dem Aufräumen in Bern.

Wo gearbeitet wird, fliegen auch Späne und man kann es nie allen Leuten recht machen, besonders wenn es um einen Laden geht, wo Selbstbedienung stets erneut Einzug halten will. Das musste er immer wieder erfahren und gerade er, der sich von ganz unten heraufgearbeitet hatte, rief viele Neider und ganz ungute Kostgänger auf den Plan, die bei jeder Gelegenheit bösartig behaupteten, er könne doch als ehemaliger Heizungsmonteur niemals seine Reden und Briefe selber schreiben, das besorge ihm der Bichsel als Schriftsteller. Diese Typen schossen aber damit immer wieder nur Eigentore, wenn er spontan irgendwo sprach. Da kam gar nichts gekünstelt daher, alles frisch von der Leber weg und so gekonnt zu allen Themen, dass die Blamage für seine Gegner noch grösser ausfiel. Alles Volk lachte, als er sich zu den Rasern äusserte: »Was nützt doch ein Tiger im Tank, wenn ein Esel am Steuer sitzt?« Dies und noch viel mehr Handfestes wurde während seiner Amtszeit notiert und ist für alle Zeiten im Staatsarchiv festgehalten.

Alle zwei Wochen schrieb ich ihm meine Gedanken in Mundart, zu den wichtigsten Begebenheiten und er schätzte das sehr. Wenn meine gewohnte Lieferung einmal ausblieb, so hakte er sofort nach:»Was ist los, was habe ich falsch gemacht, bist Du wütend über mich?« oder er konnte mich ganz spontan fragen: »Wie geht es Deinem Mann, ist er gut zu Dir? Sage ihm einen lieben Gruss von mir!« Es war so herzlich gemeint und wir schmunzelten beide über seine spontane und liebevolle Art.

Wir erklärten ihm mehrmals, dass wir ihn nicht auch noch ständig beanspruchen möchten, denn er habe ohnehin immer ein total volles Programm und wir würden auch an seinen Lippen sehen, dass er sich laufend zuviel aufbürde. »Ach was, meinte er, ich habe Euch nötig, denn ich muss den Puls des Volkes spüren und kann nicht immer nur viereckige Akademikerköpfe um mich scharen haben!«

Er liess nicht locker und wir trafen uns jeweils im Bundeshauscafé, auf die Länge eines Kuchenstückes, aber anständig gegessen, das heisst etwa für die Dauer einer Stunde. Unsere beiden Kinder Britta und Tina hatten Willi auch so gerne und sie tauften zwei ihrer liebsten Kuscheltiere nach ihm und ihrem Onkel Emil, der ihn auch bereits seit jungen Jahren kannte und mit ihm ganze 16 Jahre im Nationalrat gesessen hatte. Einmal nahm Britta Willis Hände und meinte: »Du Willi, Du hast genau die gleich grossen Pranken wie der Onkel Emil, wie Kehrichtschaufeln« Er lachte laut heraus und meinte: »Gelt, das ist eben eine solide Ausführung.«

An einem Sessionstag wollten wir ihn noch kurz treffen und Nationalrätin Lilian Uchtenhagen sah uns aufs Bundeshaus zusteuern. Sie rief uns zu, der Willi sei noch schnell in sein Büro zurück, aber sie sehe ihn schon wieder anmarschieren. Er kam in grossen Schritten heran und neben ihm Nationalrat Rolf Weber. Willi erklärte uns, dass er uns leider enttäuschen müsse, denn ein dringendes Geschäft sei angesagt worden. Nach einem kurzen Gespräch sagte er. »So ich muss weiter regieren!«

Wir gaben ihm die Hand und verabschiedeten uns. Da guckte er Rolf Weber an und meinte: »Hast Du das gesehen, drei Frauen und keinen Kuss zum Abschied, das ist ja kaum fassbar!« Da blinzelte ihn Tina verschmitzt an und meinte: »Weißt Du Willi, Du bist halt die genau gleich lange Hopfenstange wie der Onkel Emil, wenn Du Dich aber bückst, dann bekommst Du einen lauten Schmatz!« Das musste man ihm nicht zweimal sagen und er bückte sich und es schmatzte wirklich tüchtig reihum. Beide Männer lachten sehr und drehten sich um, und winkten uns noch zu, bevor sie im Bundeshaus verschwanden.

Jedesmal bevor wir ins Bundeshaus gingen, kaufte ich den beiden Mädchen je eine Rose bei einer Marktfrau und sie gaben sie während der Session dem Bundesweibel, der sie dann dem Willi und dem Emil auf die Pulte legte, wie es eben die Fräulein mit den Rittern taten, wie sie dem Weibel mit ernsten Gesichtchen erklärten. Ich hatte gerade Rittergeschichten erzählt und dabei die höfischen Sitten erläutert. Die Ratskollegen bestaunten die Blumen und ein Rätselraten unter ihnen begann, was da wohl für zwei Verehrerinnen aufgetaucht seien. So Kleine hätten sie wohl nie erraten, wenn sie uns nicht nachher nicht alle zusammen angetroffen hätten.

Öfter mal hörten wir uns auch eine Debatte an und die zwei Mädchen konnten sich enorm ereifern, wegen der grossen Unordnung am Boden des Nationalratsaales. Dazu würden die Männer immer mit den Kabeln spielen und sie komplett verdrehen. Ich erklärte den beiden, dass diese Papiere am Boden von der Putzequippe weggeräumt werden dürften, weil die erledigt seien, hingegen alles auf den Pulten müssten sie belassen. Das fanden sie eine klare Sache.

In der Pause suchten wir zusammen das Café auf und warteten auf die beiden Ritter ohne Rüstung. Wenn der Ständerat Raimond Broger schon drinnen war, steuerten Britta und Tina stets auf ihn zu und er setzte sie gleich auf seine Knie. Bei Glacéstengeln und Orangensaft plauderten und lachten die drei zusammen ganz vergnügt. Als einmal Bundesrat Furgler auftauchte, sagten beide wie aus einer Pistole geschossen zu ihrem Freund: »Guck, da kommt das Mäulchen!« Wir konnten die Situation noch retten, indem wir sie umdrehten und Britta sah eben, wie der Onkel Emil noch ordentlich Zucker in den Orangensaft rinnen liess. Sie meinte: »Das ist ja viel zu viel und ganz ungesund und Du guckst dann ganz klebrig!«

Bundesrat Furgler kam dann freudestrahlend zu uns an den Tisch und fragte die beiden Mädchen, was ihnen im Bundeshaus gefalle. Die Antwort kam blitzschnell: »Eine lange Treppe, drei Riesen, schöne Bären, Glacéstengel und der Willi und Onkel Emil!« was rundum ein Gelächter absetzte und da trat Willi auch noch herzu, aber da ertönte leider bereits die Ratsglocke und alle verliessen den Raum, denn es war eine Abstimmung fällig, wo sie vollzählig anwesend sein mussten.

Nicht lange darauf sahen wir Willi wieder bei einem Fernsehauftritt und wir hatten grosse Angst um ihn, denn er sah komplett erschöpft aus. Alle Mahnungen nützten aber nichts, er verausgabte sich weiter. An einem Sonntag hörten wir einmal ganz unüblich die Mittagsnachrichten und eben die Durchsage … der Bundesrat Willi Ritschard sei soeben auf dem Balmberg an einem Herzinfarkt gestorben. Niemand konnte und wollte das glauben, aber die Meldungen in Radio und Fernsehen wiederholten sich laufend und dann folgten anderntags noch die Todesanzeige in allen Zeitungen und die Beerdigung im Münster wurde angesagt.

Mit uns trauerte ein ganzes Volk tief bewegt um diesen feinen Menschen, der seine ganze Kraft und sein Herz für unser Land geopfert hatte. Manch alter Bauer schämte sich seiner Tränen nicht und es tönte immer gleich: »So einen Magistraten, von solcher Wahrhaftigkeit und Herzlichkeit bekommen wir nie mehr!«

Beniamino Gigli

Ende Juli, an einem, noch sehr warmen Abend, legte Titina, die Freundin meiner Eltern, ihre Geldtasche bereit, hängte ein Sommerkleid mit einem Bolero dazu, an ihre Schranktüre und sagte mir, wenn ich am Morgen frühzeitig aufstehen würde, könnte ich mit ihr zum Einkaufen nach Neapel fahren. Das musste sie mir nicht zweimal sagen, denn dieser Ausflug war immer enorm spannend und man konnte die Stadt kennenlernen wie sonst kaum jemals.

Die Titina war eine aussergewöhnlich geschickte Schneiderin, heute würde man sie sogar Modezarin nennen, denn sie war bis weit in den Norden Italiens bekannt und ebenso über Bari hinaus. Regelmässig musste sie auf das Festland hinüber, um schöne Stoffe und kostbare Spitzen und viele Zutaten einzukaufen.

Der Wecker machte in aller Herrgottsfrühe einen Heidenlärm, damit es uns auf das erste Schiff reichte. Eine Dusche, ein Espresso, ein Biscotto und noch die Zähne putzen, dann mussten wir schnell, die noch stillen Gässchen hinuntereilen, mit einem Gruss am Bäcker vorbei, der gerade die Sauerteigbrote in den Ofen schob und hinunter, am grossen Turm entlang, zum Hafen. Dort sortierten die Fischer schon ihren Fang der vergangenen Nacht und es kamen bereits die ersten Kunden auf sie zu. Auf dem Schiff brannten immer noch die Lichter und halb schlaftrunkene Matrosen holten uns von der Mole über ein Beiboot und den schmalen Holzsteg, hinauf auf das Schiff.

War das eine herrliche Fahrt, so am Morgen früh, im frischen Fahrtwind auf dem tiefblauen Meer. Unterwegs machte ein Händler mit knusprig frischen Coppa-und Salamibrötchen die Runde. Wir kauften je zwei und wir tranken eine Orangiata dazu. Ein wahres Göttermal mit Aussicht auf den ganzen Golf. Titina schärfte mir ein, ich müsse ihr in Neapel wie ein Hündchen nachlaufen und enorm aufpassen, dass ich sie nie aus den Augen verliere, denn die Stadt sei ja als wenig harmloses Pflaster bekannt.

Vom Hafen steuerten wir geradewegs auf die Altstadt zu und die Luft wurde immer dicker. Es stank von Schweiss, Fleisch und Fisch und ich war wie erleichtert, als wir kurzum bei den Gemüsen, Früchten und den Blumen landeten. Den Händlern rief sie kurz eine Bestellung zu und dann verschwanden wir gleich danach in einem schmalen, hohen Haus. Gleich hinter der Türe begannen beidseits an den Wänden, meterhohe Gestelle, die sich endlos hinzogen und am Ende des schlauchartigen Raumes nur von einer schwachen Lampe erhellt wurde.

Die unglaublichen Berge von Stoffballen, die hier aufgeschichtet waren … so viele hatte ich noch nie gesehen. Die ganzen Farben, von weiss über knallig bis hin zu schwarz in allen Schattierungen, von durchsichtig bis dick. Titina steuerte auf eine bestimmte Ecke zu, wo nur Spitzen und feine, weisse, eierschalenfarbene, oder rosarote und hellblaue, zarte Stoffe ausgebreitet lagen. Sie las viele davon aus und sagte gleich wie viele Meter sie von den Einzelnen benötigte, wählte noch die Nähfäden dazu und die passenden Knöpfe in allen möglichen Variationen. Dann zog sie ihre lederne Geldkatze aus dem Geheimfach ihres Kleides, zwischen Brust und Taille, bezahlte mit einem dicken Bund Lire-Noten, versorgte das Geld wieder, sicherte es zusätzlich mit einem Reisverschluss und wir gingen dem nächsten Laden zu. Dort lief wieder dieselbe Prozedur ab und so noch etliche Male. Titina erklärte mir, die Ware werde immer per Schiff geliefert und direkt ins Geschäft, denn die ganzen Packen seien ungeheuer schwer.

Nach den letzten Einkäufen, besuchten wir in einem alten Palazzo ihre Freundin, eine kleine, etwas rundliche Frau, mit dick gepudertem Gesicht und roten Bäckchen, aber mit lustigen Augen. Sie hatte allerlei Sprüche auf Lager, plauderte amüsant und war vor allem auch sehr belesen. Sie brachte uns einen Espresso mit einem Glas Wasser und eine Schale mit den unvermeidlichen Biscotti. Diese heitere Elena erzählte, was in Neapel letzthin so alles passiert sei und ich hörte dem munteren Wasserfall freudig zu, denn ich hatte den Dialekt schon ganz ordentlich aufgeschnappt. Was da alles an Verlobungen, Heiraten, unter dem Zaun durchgrasen, bis hin zu den Camorra-Geschichten berichtet wurde, diese allerdings nur noch geflüstert, war eine Kurzfassung an spannenden Stadt-Neuigkeiten sondergleichen.

Nach einiger Zeit bedankte sich Titina und sagte, wir müssten weiter, was Elena sehr bedauerte, denn sie hatte uns zum Mittagessen einladen wollen. Sie winkte uns noch lange vom breiten Balkon aus nach. Auf dem Markt kauften wir im Vorbeigehen noch Trauben und Nespole und gingen in Richtung der Piazza del Popolo, um Coiffeurprodukte für Crescenzos Herrensalon zu kaufen. Titinas Mann sah wie Garibaldi aus, nur nicht so ernst und er arbeitete enorm flink. Sein kleines Geschäft besass nur eine Spiegelwand, zwei Lavabos, um die Haare zu waschen und zwei professionelle Stühle. Um die Haare seiner Kunden zu schneiden, arbeitete er meistens mit einem Gesellen und einem Sohn, in der rechten Ecke der Piazza, neben dem Gemüse-und Fischmarkt, unter einer alten Akazie, wo ringsherum weitere Kunden auf Bänken sassen und ihm zuschauten und dabei eifrig palaverten.

Rasierpulver, Shampoo, Brillantine und Rasierwasser holten wir bei einem älteren, mageren Herrn, mit einem grossen, weissen Schnurrbart und lustigen hellblauen Augen. Die Ware hatte er sehr schnell bereit und wollte uns gleich einen Espresso servieren. Titina bedankte sich und erklärte, diesmal müsse sie leider absagen, denn wir müssten das nächste Schiff erwischen.

Mit zwei Einkaufstaschen gingen wir eilends in Richtung Porta Capuana. Plötzlich vernahmen wir aus einem Balkonzimmer des nahen Hotels eine wunderbare Männerstimme. Wir blieben augenblicklich stehen, um sie besser zu hören. Immer mehr Passanten scharten sich um uns, ein Bus musste anhalten und die Menschen auf dem Trottoir deuteten dem Chauffeur zum Balkon hin. Dieser stellte sofort den Motor ab und öffnete die Türen und kam, mit vielen Fahrgästen im Schlepptau, um auch zu lauschen. Trams hielten an und der Menschenauflauf wurde immer grösser und grösser. Eine solche Menschenmenge war hier sonst nur vor den Wahlen zu sehen. Alle verharrten mucksmäuschenstill, man hätte eine Stecknadel fallen hören.

Jetzt trat der Sänger auf den Balkon … es war Beniamino Gigli, einer der weltbesten Tenöre und winkte den Menschen zu und diese begannen zu klatschen wie wild. Er deutete, sie sollten aufhören und begann eine ganze Reihe neapolitanischer Volkslieder zu singen. Seine Stimme hallte weit herum und das Echo in den Mauern ringsum war gewaltig. Es rann mir eiskalt über den Rücken hinab und war einfach ein unbeschreiblicher Genuss. Alle diese Menschen, dieser gewaltige Verkehrssalat und ein Viertel am Hafen praktisch lahmgelegt, aber niemand rührte sich, alle hörten wie verzückt zu. Viele Polizisten waren angerückt, aber standen sofort bockstill und blickten auch wie gebannt zum Interpreten hinauf. Dieser verneigte sich nach etwa einer halbstündigen Darbietung und verschwand im Zimmer. Eine minutenlange Ovation ging los und Beniamino Gigli trat noch einmal hinaus und verabschiedete sich endgültig.

Das Publikum schien wie aus einer Trance zu erwachen und bewegte sich plötzlich wieder und ging in alle Richtungen weg. Dieser grosse Tenor, der an der Mailänder Scala, an der Met in New York und sonst in aller Welt grosse Triumphe und auch in unzähligen Spielfilmen gefeiert hatte, war sich nicht zu schade, seinem Volk ein unvergessliches, musikalisches Geschenk zu geben.

Titina und ich mussten uns zuerst auch wieder fast kneifen, um den Weg zum Hafen glücklich strahlend unter die Füsse zu nehmen. Das Schiff war längstens weg, aber eine Stunde auf das nächste zu warten, machte uns gar nichts aus. So setzten wir uns auf eine Bank, liessen das Erlebnis nachwirken und assen ein paar Früchte.

Die ganzen Stoffballen schaukelten derweilen schon gegen Forio zu, wo sie dann im Hafen von Trägern ausgeladen und in Titinas Boutique gebracht und nachher zu denn duftigsten Hochzeitskleidern geschneidert wurden. Beim Abendessen mussten wir natürlich dieses Erlebnis haarklein berichten und alle waren sich einig, dass dies ein einmaliger Genuss in unserem Leben gewesen sei.

Fünf Jahre später, wurde ich von Titina und ihrer Familie ins einzige Kino des Städtchen eingeladen, eine ehemalige Moschee, aus der Zeit der arabischen Herrschaft über die Insel. Es lief ein Film über das Leben von Beniamino Gigli, der leider vor drei Jahren in Rom an einer Lungenentzündung gestorben war. Ich traute meinen Augen kaum, alles lebte wieder auf und die Szene mit seinem Balkonauftritt in Neapel, war mit ihm seinerzeit nachgedreht worden. Diese Stimme und die Musik in den Ohren ging ich ins Bett, und durch das Fenster sah ich die Sterne am Firmament und konnte noch lange nicht einschlafen, denn vom Garten wehte der Nachtwind den feinen Duft der Zitronenbäume ins Zimmer.

Bern - Hindukusch und zurück … oder »Bern ist der Nabel der Welt!«

Das sagte unser Freund Franz immer wieder, bevor er im letzten Dezember verstarb, nach einem sagenhaft interessanten Leben.

Als es unverantwortbar wurde, meinen Vater mit bald 90 Jahren alleine in seinem Haus mit grossem Garten wohnen zu lassen, schaute ich mich in Bern überall nach einem gemütlichen Alterswohnheim um, obschon er heftig dagegen protestierte. Zum Glück fand ich das Panorama im Holenacker, das mir auch von zwei Damen der Spitex wärmstens empfohlen wurde, ein kleines, privates Altersheim, mit nur 25 Pensionären, so richtig familiär und mit eleganten Möbeln sehr geschmackvoll eingerichtet. Ich orientierte meine Brüder genauestens über meine Erkundungstouren und bat sie, sich das Panorama auch anzuschauen, damit wir gemeinsam entscheiden könnten. Sie waren genau so begeistert und unser Vater konnte schon nach einer Woche dort einziehen und wurde bestens umsorgt, so dass wir nicht mehr fürchten mussten, er irre nachts umher und verunfalle noch.

Ich hätte es nicht akzeptieren können, wenn mein Vater unter vielen Menschen, quasi wie als Nummer hätte leben müssen und für jeden Schluck Wasser oder Tee noch separat hätte den Geldbeutel zücken müssen und Dinge essen, die er nicht mochte. Zwar waren das nur Krautstiele, Kutteln und Kartoffelsalat, weil es das an einer einstigen Arbeitsstelle bis zum Umfallen gegeben hatte. Zum Abendessen hätte er auch ein Müesli, süsse Gratins und Joghurts abgelehnt und bestimmt gestreikt. Stattdessen war er glücklich mit italienischer und chinesischer Küche, Käse aller Art, mit Brot, einem Ei, Salami oder Trockenfleisch, denn er ass tagsüber genügend Früchte und im Sommer holte er sich bei jeder Gelegenheit ein paar Tomaten direkt von den Stauden und hatte auch viel Gemüse und Salat gepflanzt, dass er sich mit Wohlbehagen zubereitete. Im Panorama wurden ihm nun seine Wünsche erfüllt.

Er lebte leider nur noch sechs Monate und sein Herz hörte eines Mittags einfach zu schlagen auf. In dieser Zeit lernte er aber einen ganz interessanten Mitbewohner kennen, den Franz Körner. Dieser erzählte ihm von seinen langen Einsätzen als Privatchauffeur und den verrückten Ansprüchen seines einstigen Chefs und später von den endlosen Lastwagentouren und der Unmenge von Erlebnissen dabei und zeigte ihm seine Foto-Alben und alle seine Pässe mit den vielen Stempeln der ganzen Grenzkontrollen.

Der Boss einer Transportfirma zeigte seinerzeit dem Franz Körner seinen ganzen Lastwagenpark und sagte ihm, er könne den neuesten auslesen und für ihn Lieferungen nach Saudi-Arabien fahren. Franz Körner erwiderte, dass könne er glatt vergessen, mit diesen Gefährten solche Strecken zu fahren und noch in dem heissen Klima. Diese Fahrzeuge seien für Europa wirklich erstklassig, aber dorthin bei diesen hohen Temperaturen, weigere er sich, denn die Motoren würden ihm schon ziemlich schnell versagen, und damit sei niemandem geholfen und würde nur hohe Kosten verursachen. Wenn er ihm einem amerikanischen Mac stelle, der speziell in diesen Ländern Kilometer nur so abspulen könne, dann fahre er für ihn schon am nächsten Tag los.

So musste er sich halt in Geduld üben und erst einmal nach Luxembourg fahren, um dort Armeecontainer zu laden und nach Arbon zu bringen, um dann endgültig von Bern aus zu starten und diese in Arbon aufzuladen, als der geforderte Mac endlich geliefert wurde. In der Zwischenzeit hatte sich nämlich sein Boss überall erkundigt und an allen Orten Franz Körners Aussage zu den Saurer Lastwagen bestätigt bekommen. Die Garantie auf 1 Mio km beim Mac überzeugte ihn dann vollends und er bestellte, den für schweizerische Begriffe, enormen Moloch.

Bei den anderen Lastwagen sei es nämlich schon vorgekommen, dass es bei 500’000km einen Motor verjagt hätte, wie Franz Körner berichtete. Mit der Zeit seien sogar noch mehr Macs für den Fuhrpark angeschafft worden. Ein Einziger sei einmal auf der Balkanroute abgelegen und hätte mit einem Zugfahrzeug zurückgeholt werden müssen. Der Juniorchef habe erzählt, dass die zwei dabei beteiligten Chauffeure die Ladung im Mac nicht gesichert hatten und in einer Linkskurve sei er seitlich halb gekippt und habe die ganze Strasse blockiert, so dass ein Riesenstau entstanden sei und erst noch auf dieser enorm wichtigen Transitroute. Franz Körner musste sich dann unterwegs öfter anhören, was die Trottel von Kollegen da für einen Mist gebaut hätten.

Pro Jahr hatte er mindesten einen Pass von 48 Seiten vollgestempelt und mit der Zeit hätte er die reinste Reisigwelle mit alten Pässen stapeln und binden können. Er musste auf seinen Fahrten immer zwei mitnehmen, einen, wo nur arabische Stempel drin waren und im zweiten waren es nur israelische, weil beide Länder einander gegenseitig nicht akzeptierten, so dass er ihre Grenzen nicht ohne den genehmen hätte passieren können. Mit dem richtigen roten Schweizer-Büchlein funktionierte das jeweils tadellos.

Nur einmal musste er in Kuwait die Sterne vom Aargauer Wappen mit weisser Klebefolie abdecken, weil der Zöllner glaubte, die hätten etwas mit Israel zu tun. Dafür deckte er sich dort immer mit guten und zugleich billigen Kleidern ein, aber nach denen fragte keiner.

Jedes Jahr musste er sich regelmässig gegen Pocken, Cholera und Typhus impfen, sonst wäre er nie nach Saudi-Arabien gelangt. Dort an der Grenze standen jeweils auch Zöllner gleich mit einem Tellerchen bereit, mit ein paar Tabletten darauf und einem Glas Wasser und man habe diese auf der Stelle schlucken und runterspülen müssen und dann erst konnte man weiterfahren.

Als Herr Körner das neue Monstrum von Lastwagen gefasst hatte und seinerzeit noch kurz im Berner Vorortsquartier Eyfeld-Ittigen, beim Restaurant Bellevue parkieren wollte, um noch etwas zu speisen, bevor er die tausende von Kilometern in Angriff nahm, stand seinem riesigen Sattelschlepper ein kleiner Lieferwagen in der Quere. Als der Wirt dem Besitzer sagte, er solle umparkieren, denn er versperre einem andern den Weg, da brummte dieser ungehalten: »Was ist das für ein Anfänger? Der sollte wohl wieder einmal einen Fahrkurs belegen, um die Kurve besser zu kriegen!«

Er war neugierig aufgestanden und als er dann auf der Türschwelle stand, verschlug es ihm förmlich die Sprache, weil er ein solches Ungetüm noch nie gesehen hatte und stellte sein vergleichweise kleines Wägelchen schnell auf die Seite. Als ihn der Fahrer dieses Monstrums noch fragte, ob er mit ihm eine kleine Probefahrt machen wolle, blieb ihm der Mund erst vollends offen, besann sich aber dann nicht lange und kletterte behende auf den mächtigen Beifahrersitz hinauf und genoss die Sonderfahrt nach Noten.

Nach dieser Spritztour und dem Essen hiess es, sich verabschieden. Eine ganze Reihe von Leuten winkten ihm noch zu und dann hiess es vom Eyfeld/Ittigen, via Arbon - Lindau - Bregenz - Salzburg - Graz - Spielfeld - Maribor - Zagreb - Belgrad - Nis - Sofia und durch ganz Bulgarien, wo es eben noch geschneit hatte, weiter bis Griechenland, dem Ägäischen Meer entlang, bis Saloniki zu gelangen.

Auf dieser langen Strecke hatte es haufenweise Autoleichen in den zerklüfteten Abgründen, von Personenwagen bis Lastenzüge, eine grauenhafte Szenerie, alle die kaputten, manchmal total zerstörten und komplett verdrehten und schon ganz verrosteten Vehikel, die da lagen, zu erblicken. Man getraute sich auch nicht daran zu denken, was mit den Lenkern dieser Blechhaufen passiert war.

Obschon gerade in Bulgarien Null Promille für alle Lenker galten und wie berüchtigt die Balkanroute überall war, gepflastert mit den grauenhaftesten Unfällen, wunderte es niemanden, angesichts der kriminellen Fahrweisen, so viele Überreste anzutreffen.

Von Anfang an bestach Franz Körner die Beamtinnen am bulgarischen Zoll mit Schokolade und wurde weniger umständlich kontrolliert und kam auch ohne Pflichtwechsel immer sehr viel schneller weg.