Präluzid - Dominik Paolo Labocha - E-Book

Präluzid E-Book

Dominik Paolo Labocha

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Beschreibung

Nach fünf Jahren treffe ich eine frühere Freundin wieder und bringe mit dieser Begegnung etwas ins Rollen, von dessen Ausmaß bis dato noch niemand etwas ahnte. Zunächst scheint alles normal, doch unsere Liebe verheißt nichts Gutes. Wie Romeo schon sagte: "Ich bin ein Narr des Schicksals". Durch mein Interesse für griechische Mythologie und luzide Träume stoße ich auf ein dunkles Geheimnis und entdecke meine Bestimmung aus einer längst vergangenen Zeit. Die gnostische Gottheit Sige hat den Göttern den Kampf angesagt. Durch ein Raum-Zeit-Paradoxon, was dafür sorgt, dass ich in der heutigen Gegenwart in die Geschehnisse einer früheren Zeit involviert werde, zieht sich der diabolische Plan Siges durch die Adern unserer heutigen Welt. Mit der Zeit begegne ich Übernatürlichem und stelle fest, dass Traum und Realität näher beieinander liegen, als ich dachte. Am Ende siegt das Herz allein, wenn nichts mehr ist, so wie es scheint. Hoffnung ist ein Streichholz im Wind.

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Präluzid - Die göttliche Fügung

TitelImpressum und HinweiseVorwort[1] Neue Welten[2] Ein schwarzes Schaf kommt selten allein[3] Doppelt hält besser[4] Auf gute Freunde[5] Der erste Schritt[6] Ein Schlüssel ohne Schloss[7] Inception[8] Die erste Glut[9] Das Schlüssel-Schloss-Prinzip vom Glück[10] Sinnliche Wünsche[11] Die Fliege in der Suppe[12] Somnia Ominosa[13] Eine Sukkuba küsst man nicht[15] Die Ruhe vor dem Sturm[16] Der schwarze Engel[17] Die Büchse der Pandora[18] Ungeschliffene Diamanten[19] Der unheilvolle Brief[20] Die Offenbarung[21] Tanz mit dem Teufel[22] Der göttliche Wechselbalg[23] Die Erleuchtung[24] Die Hybris Phaethons[25] Die Rückkehr eines Herrschers[26] Der richtige Weg[27] Eine neue Chance[28] Die verbitterte HenkerinMythologische FigurenFiguren und PersonenTunneleffektSchrödingers KatzeDie 11 DimensionenString TheorieAnimation eines rotierenden TesseraktsVerschränkungG. E. Lessing: Nathan der Weise - InhaltsangabeDie GorgonenEpilogGrüße und DanksagungenKurzbiografie

Präluzid - Die göttliche Fügung

Von Dominik Paolo Labocha

Impressum und Hinweise

Impressum

Titel: Präluzid - Die Göttliche Fügung

Herausgeber: Dominik Paolo Labocha 

Covergestaltung: Dominik Paolo Labocha

Erscheinungsjahr: 2018

Alle Rechte vorbehalten.

In liebevoller Widmung an meine Neko ♥

Hinweise:

Im Anhang des Buches (ab S. 261) befinden Informationen, die das Verständnis der Geschichte erleichtern können, u.a. ein Personenverzeichnis und Erläuterungen zu mythologischen Figuren. Des Weiteren gibt es dort sogenannte QR-Codes um optionale Nachforschungen ggf. zu erleichtern. Die Nutzung dieser ist zum Verständnis der Geschichte jedoch nicht erforderlich.

Die Verwendung von griechischen oder lateinischen Namen ist rein willkürlich. Das olympische und römische Pantheon werden einheitlich betrachtet.

Des Weiteren konnte ich dieses Buch bislang leider nicht professionell korrigieren/lektorieren lassen. Ich hoffe dennoch, dass es sich gut lesen lässt.

Vorwort

Liebe/r Leser/in,

in diesem Werk habe ich nicht nur im offensichtlich fiktiven Teil etwas leben dürfen, was ich sonst nicht könnte, sondern auch jegliche Prägungen und Faszinationen mit einfließen lassen. Ich möchte mit anmerken, dass die Geschichte lediglich eine Anlehnung an mein Realleben ist und sowohl die Handlung, als auch die Personen, dessen Namen ich zum Teil verfälscht habe, lediglich einer Interpretation entsprechen. Demnach haben sich auch plausibel erscheinende Ereignisse nicht zwangsläufig in der Realität zugetragen. Fühl dich dennoch nicht daran gehindert in einer Illusion zu versinken, die noch immer ein kleines Stück Wahrheit enthält.

Liebe, Erotik, Humor, Philosophie, Mythologie, Science-Fiction, Kreativität, Fantasie und eine Nachempfindung meines eigenen Lebens fanden ihren Platz in diesen Zeilen. Komm mit mir auf eine Reise und lass dich faszinieren von meiner etwas anderen Art die Welt zu betrachten.

Vor allem du, Neko. Ich gewähre dir einen tiefen Einblick in meine Seele. Dann wirst du mich verstehen, weil nur wir beide die Wahrheit kennen.

[1] Neue Welten

Ich war vom Phänomen des Träumens schon lange fasziniert, doch aus dieser Faszination wurde eine fanatische Sucht. Ich glaubte verloren zu sein, verloren in meiner eigenen Welt. Ich blickte tiefer in meine Seele als mir zunächst lieb war. Ich lernte meine Ängste kennen, meine Vergangenheit, das Überirdische, aber auch die Wertschätzung des Lebens als das, was es ist. Doch bevor ich euch meine Geschichte erzähle, werde ich euch erklären, was es mit diesen Träumen auf sich hat: 

Träume sind der Schlüssel in unser tiefstes Innerstes, unser Unterbewusstsein, unsere Seele. Sie lassen uns abtauchen in eine andere Welt und offenbaren uns Dinge, die wir längst verloren glaubten, Wünsche, welche wir für unerfüllbar hielten, so dass sie uns nur in den kühnsten Träumen begegnen. Träume können zwar absurd sein, doch können sie auch lügen? Sie wissen wer du bist. Jede Absurdität mag ein Wunsch sein, dessen Erfüllung in der realen Welt moralisch so verwerflich ist, dass wir sie verdrängen. Doch ist nicht alles, was wir verdrängen auch das, was uns verwehrt bleibt. Auch Ängste oder die unbarmherzige Willkür unseres Verstandes können elementar für derartige Traumerlebnisse sein. 

Das, was wir träumen, nehmen wir meist für bare Münze, denn nicht nur der Verstand, sondern auch die Gesetze der Physik, ja sogar unser Verständnis von Logik verändern sich. Die meisten Menschen erleben Träume als einen Film, in dem sie nicht einmal wissen, ob sie der Protagonist sind. Meist läuft dieser Film passiv an einem vorbei, zwar sprechen die Leute mit einem, doch redet man dann nur wirres Zeug und nimmt hin, was man gesagt bekommt, wie zum Beispiel, als meine Schwester mir erzählen wollte, dass mein Neffe nun ein Cyborg wäre. Man habe sein Bewusstsein mitsamt Erinnerungen in einen Roboter gespeist, da er schlimme Brandverletzungen erlitten haben soll und diese Maßnahme ihm die Leiden während des Heilungsprozesses ersparen würde. Komisch dabei war, dass mir diese Erklärung vollkommen plausibel war. Doch nicht nur das - fast schon ironisch war es, als ich im Traum zu meiner Familie sagte, ich könne erkennen, wenn das jetzige Geschehen ein Traum wäre. Ich setzte mich auf eine Sofalehne und sagte, in einem Traum würde ich diesen Raum von viel zu weit oben sehen, natürlich war dem auch so. 

Träume wie diese bezeichnet man als präluzid, denn der Träumer steht kurz vor der Klarheit über seine Situation, doch meistens wird der Träumer wieder trüb und lässt sich wieder vom Traumgeschehen mitreißen. Träume in denen es einem jedoch gelingt diese Klarheit zu erlangen, indem man eigenständige Gedanken fassen kann und sich des Träumens bewusst ist, nennt man luzid, auch Klarträume genannt. Vorausgesetzt sind hierbei jedoch nicht nur die Klarheit, sondern auch die Stabilität und die Kontrolle. Jeder hat mit Sicherheit schon mal einen Moment im Traum erlebt, in dem er die Traumerkenntnis erlangt hatte, doch was dann passiert, kennt wahrscheinlich auch jeder von uns: 

In diesem Augenblick setzen wir uns abrupt ein Ziel, doch bevor wir dieses erreichen können, bricht der Traum zusammen und wir ärgern uns. Der Fehler hierbei ist einem willkürlichen Impuls zu folgen, was zum Kontrollverlust führt und entweder Instabilität verursacht oder uns wieder in den Trübtraum abdriften lässt. Sind wir besonnen genug, so können wir einen sog. Reality Check (RC) durchführen, indem wir zum Beispiel versuchen durch die geschlossene Nase zu atmen und uns über die Paradoxie des Geschehens und somit dem Traum bewusstwerden. Doch egal wie absurd selbst ein luzider Traum uns erscheinen mag, ich habe eine Wahrheit gefunden, die meinen menschlichen Horizont um ein Vielfaches übersteigt. Nicht immer, wenn man fällt ist es die Schwerkraft. Rache ist süß. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen.

[2] Ein schwarzes Schaf kommt selten allein

Es begann alles in der letzten Septemberwoche vergangenen Jahres. Zu der Zeit machte ich zumindest einen vorrübergehenden Image-Wandel durch. Seit vielen Jahren habe ich mich lyrisch betätigt uns sah mich gewissermaßen auch als Künstler. Ich agierte schlussendlich als Rapper unter dem Namen Domeo. Meine Texte zeichneten sich vor allem durch ein sozialkritisches, aber auch romantisches Bild aus. Insgeheim war Rap für mich immer eine Notlösung gewesen. Viel lieber wäre ich Mitglied einer Rockband gewesen; die Zeit in unserer Schülerband-AG auf meiner alten Schule habe ich geliebt und geschätzt. Auch wenn die Lieder nicht ganz meinen Geschmack trafen war es für mich ein Gefühl von Freiheit singen zu dürfen. Ich hätte gerne gelernt ein Instrument zu spielen, doch bot sich mir einfach nie die Gelegenheit.

Jedoch stellte ich früh fest, dass ich rhetorisch relativ begabt war. Es fiel mir immer recht leicht meine komplizierten Gedanken in Worte zu fassen, wenn auch meine Sätze meist ziemlich geschwollen waren. Mit meinem ADS und einigen Zügen eines Aperger-Autisten war soziale Unbeholfenheit in meinem Leben vorprogrammiert. Ich entpuppte mich als ein Individualist, welchem es schwer fiel sich in die hierarchisierten Facetten einer normativen Gesellschaft zu etablieren, geschweige denn mich in dieser zu integrieren ohne zu provozieren. Dementsprechend war ich bis dato auch nicht in der Lage eine stabile Beziehung in Form einer intimen Partnerschaft zu führen, welche meistens nur von einer Woche bis maximal drei Monate gedauert hatten. All das und noch viel mehr gab mir den nötigen Stoff, um meine Werke zu dem zu machen, was sie waren. Es mag zynisch klingen, doch ich kenne keinen Musiker, welcher nur fröhliche Liebeslieder schreibt. Es gehörte einfach dazu, zumal mir diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass es nicht nur viel schlimmer hätte kommen können, sondern auch war.

In den letzten Jahren meiner Realschulzeit trat eine gute Freundin Namens Kathrin B. in mein Leben, welche mich dazu animierte mich meiner inneren Einstellung zu bekennen. (Im Übrigen hasste sie ihren Namen und wollte lieber Katie genannt werden.)

Ich war zwar immer noch Rapper, doch das Genre des Emotional Punks (kurz: Emo) faszinierte mich, wenn ich auch so selbstironisch war Witze über Emos zu machen. Mein Humor war ohnehin schon immer ziemlich flach. Damals standen wir immer zusammen in der hintersten Ecke des Schulhofs, nahe der Mensa. Ich hatte sie vorher bereits gekannt; in der fünften Klasse war ich ihr schon einmal auf dem Schulhof begegnet. Ich war neu auf dieser Schule und im Grunde ein Außenseiter, wodurch ich mich später eher zum Eigenbrötler entwickelt hatte. So derartig nonkonform wie ich den anderen Schülern mit meinem Verhalten gegenüber war, konnte man sich kaum drüber wundern. Sie stand an der Wand und schaute finster drein, was mich trotz meiner autistischen Züge empathisch stimmte. Ich sprach sie an und fragte: „Was ist mit dir?“

Sie blickte auf, schaute mich verachtungsvoll an und grummelte: „Klappe!“

Ich war eingeschüchtert und suchte das Weite, sie tat mir leid, aber ihre Reaktion machte mich hilflos. Im Laufe der Jahre, nachdem wir doch noch Freunde wurden sagte sie mir, sie habe mich aus irgendeinem Grund zu Anfang nicht leiden können, doch auch dahin war es ein langer Weg. Ich erinnere mich noch, wo ich sie zum ersten Mal umarmt hatte. Nach wie vor hatte sie eine Abneigung mir gegenüber, weshalb sie mir mit Schmackes eine klebte. Doch ich nahm es ihr nicht übel, ich war einfach nur verletzt. Während ich sie umarmte sagte ich ihr, auch wenn sie so böse immer zu mir sei, wüsste ich, dass sie ein gutes Herz habe und sich doch eigentlich nur nach Liebe und Vertrautheit sehnte, welche ich bereit war ihr als guter Freund zu geben. Ihr damaliger fester Freund lachte mich für die Schelle natürlich lautschallend aus. Dafür sieht man aber, was für ein Versager bis heute aus ihm geworden ist.

Mit ihr als beste Freundin habe ich trotz aller Schwierigkeiten einen heilsamen Prozess durchlebt – man nennt ihn Freundschaft. Ich weiß noch wie sehr ich mir das Weinen verkneifen musste, als sie sagte, sie wolle wegziehen. Doch nicht nur sie, auch Vanessa war mir lange Zeit später ans Herz gewachsen, immerhin kannten die beiden sich von früher, dabei war unser Start auch nicht einfach, während sie mit den falschen Leuten Umgang hatte und mich deshalb wie Dreck behandelte, hatte ich sie immer wegen ihres Nachnamens gemobbt. Doch diese waren nicht die einzigen Beispiele, die mir klarmachten, dass Glück oft da zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet. Jeder hat sein eigenes persönliches Konstrukt von Glück, ob nun als Gedanke oder in mehreren Personen. Es war jedoch viel mehr als das. Es war Schicksal.

Während ich nun diesen Image-Wandel vollzog, ging ich in den Laden und kaufte mir Accessoires, welche meine feinfühlige Gefühlswelt als Emo zum Ausdruck bringen sollten, dabei scheute ich auch keineswegs das Risiko von homophoben Leuten als schwul abgestempelt zu werden. Ich kam also nach Hause mit schwarzrot karierten Chucks, dazu einen passende Schal, ein paar Gothic-Armbändern und netzgeflochtenen Handstulpen, wodurch sich insgesamt ein feminin angehauchtes Bild ergab, vor allem die Stulpen hatten es mir angetan. Bis auf meine Frisur, dessen Haare einfach nicht wachsen wollten, war ich recht zufrieden mit meiner Erscheinung.

Meine Mutter war ihrerseits sehr tolerant mir gegenüber, selbst dann, wenn ich wirklich schwul gewesen wäre, sie hatte lediglich Sorge, dass die Leute über mich reden würden; das hatte sie immer. Trotzdem hatte sie nichts gegen diesen Stil und gab mir, Tage vor meinem kleinen Einkauf, sogar Klamotten, als sie am Aussortieren war. Es waren zum Großteil zwar Damenklamotten, doch es fiel nie jemandem auf. Röhren-Jeans konnte ich jedoch aufgrund meiner Beinkonturen nicht anziehen, das sah unmöglich an mir aus. Darunter war jedoch eine Jeans, die enger war, als die Hosen, die ich sonst trug, aber unglaublich bequem war. Zusammen mit einer langärmligen Bluse trug ich diese Hose eines Abends und ging die beiden Mädels besuchen. Katie war begeistert, sprang mich armumschlingend an und sagte mir, ich sähe unglaublich niedlich aus. So hatte ich es mir auch erhofft.

Umso mehr waren beide begeistert, als ich mit meinen neuen Errungenschaften am Leibe zu Besuch kam. Das hinderte Katie jedoch nicht daran mich auf die Ungereimtheiten in meinem Outfit aufmerksam zu machen. Sie hatte ohnehin ein keckes Mundwerk, doch auch ich war nicht ohne. Wir nahmen uns immer gegenseitig auf die Schippe, aber immerhin waren wir stets ehrlich zueinander. Ich hasste es eh zu lügen, wobei ich es ihr zu Liebe ab und an tat.

Unsere Freundschaft hatte viele Hürden überwunden. Die meisten Beziehungen, die ich von ihr mitbekam, konnte ich nicht gutheißen und das meist nicht nur aus Eifersucht. Um ehrlich zu sein, war ich selbst schon mal in sie verliebt, während sie vergeben war. Ich hatte ihr sogar einen dreiseitigen Liebesbrief von Hand geschrieben, nur leider konnte sie meine Sauklaue nicht lesen. Heute fragt sie mich noch immer verhöhnend: „Wie konntest du nur!?“, woraufhin wir immer lachen müssen. Später jedoch würde sich herausstellen, dass dies kein Zufall war. Ich sagte dennoch im Nachhinein zu ihr: „Sollte ich jemals ein Mädchen finden, das so ist wie du, werde ich mich erneut verlieben.“ Das klang zunächst absurd, denn seitdem sehe ich sie schlicht als meine beste Freundin, doch nicht nur hier würde sie eine elementare Rolle in meinem Leben spielen.

[3] Doppelt hält besser

Am Wochenende fand in unserem Dorf der jährliche Herbstmarkt statt. Es war zwar nichts sehr Aufregendes, aber Katie, Vanessa und ich beschlossen trotzdem hinzugehen. Ich trug selbstverständlich mein neues Outfit mitsamt den Accessoires, worauf ich in der Schule schon seltsame Resonanz vernommen hatte. Mein Politiklehrer hatte mich sarkastischerweise gefragt, ob ich nun Radfahrer sei. Nun ja, er hätte mich ja schlecht als Tucke diffamieren können.

Wir kamen von der Hauptstraße in eine kleinere Einbahnstraße, welche hinter den Geschäften entlang verlief und an einer Wohnsiedlung angrenzte, in welcher sich auch das hiesige Kinder- und Jugendheim befand. Auch betreutes Wohnen gab es in der Nähe. Es ist immer wieder ungewohnt die Umgebung unseres Marktplatzes derartig belebt vorzufinden. Überall sah man aufgebaut Stände und südländische Händler die (vermutlich gefälschte) Markenklamotten und den üblichen Schnickschnack von Kinderspielzeug bis Handyzubehör verkauften. Einmal habe ich mich dazu hinreißen lassen einen vermeintlichen Merchandising-Artikel in Form eines ACDC-T-Shirts bei einem zu kaufen und diesen trug ich an dem Tage auch. Am Ende der Straße kam man dem großen, weißen Festzelt entgegen, aus dem man eine Band proben hörte. Daran lehnten große Bilder mit Rahmen oder Prismenraster von niedlichen Katzen bis hin zu Totenköpfen. Von dort rechts ab und wir traten mitten ins Geschehen. Leider gab es den Break-Dancer nicht mehr, bei dem man in einer der 16 Gondeln über blau, rot, grün und gelb saß und sich um drei verschieden Achsen drehte. Dafür hatten wir nun den Booster: Eine sich überschlagende Mittelachse mit jeweils einer frei drehbaren Vierergondel auf einer Seite.

Wir schlenderten über den Platz, um uns weiter umzuschauen. Hier und da trafen wir auf flüchtige Freunde oder Bekannte, trotzdem freute ich mich ab und an auch bestimmte Leute wieder zu sehen, doch die größte Freude sollte erst noch kommen. Nach einiger Zeit suchten wir die Toiletten auf, welche sich am linken Seiteneingang des Rathauses befanden. Dort trafen wir auch auf alte Freunde, mit denen wir uns eine Weile verquatschten. Ich bekam Hunger und Bier hatten wir auch keines mehr, also gingen wir zum nähst gelegenen Supermarkt. Katie gab mir etwas Geld in die Hand und ließ mich allein reingehen, da die beiden noch Vanessas Freund erwarteten. Da stand ich nun also im Laden und konnte mich für keine Biersorte entscheiden, auch was ich essen wollte, war mir nicht so ganz klar. Dieses Problem habe ich oft beim Einkaufen, vor allem wenn ich in der Süßigkeitenabteilung stehe. Nach einiger Zeit des Suchens und Rücksprache über WhatsApp kam ich mit einem Sechserpack V+ und einem schokoladenüberzogenen Zitronenkuchen aus dem Laden. Freundlich empfing man mich, auch Vanessas Freund und seine Kollegen waren bereits eingetroffen und so stießen wir an, während ich mir den Kuchen schmecken ließ, welchen ich mit den anderen teilte. Ein paar Zigaretten später gingen wir wieder auf den Platz und fanden uns auf einer Fläche von Rollsplitt zwischen dem Toilettenwagen und ein paar Greifautomaten wieder.

So langsam ging es mit meiner Laune bergab, vor allem wenn ich sah, wie Vanessa mit ihrem Freund rumknutschte. Ich hasste das Singledasein, ich fühlte mich einsam. Komischerweise war mir das in diesem Moment nicht klar, denn ich hatte mich schon so sehr dran gewöhnt, dass ich es für hormonelle Stimmungsschwankung hielt. Katie fragte mich was los sei, aber wie von mir typisch in solchen Momenten schwieg ich entweder oder sagte es sei nichts, oder nichts was der Rede wert sei. Ich wusste ihre Sorge durchaus zu schätzen, aber ich kam mir immer sehr bescheuert dabei vor über etwas zu reden, was mich angreifbar machte, da fühlte ich mich immer so schwach und erbärmlich. Sie blieb eisern und kannte ihre Tricks mich zu fobben, also aufmunternd zu ärgern. Leider nahm der Effekt nach einigen Minuten wieder ab. Nachdem ich diesmal auf Kathrin nicht reagierte, (so leid mir das tat, aber es fiel mir sehr schwer zu reden), nahm mich Vanessa unter ihre Fittiche und ging mit mir ein Stück weiter weg.

„Dominik, was ist los?“, ich schwieg…

„Dir fehlt ´ne Freundin, stimmt´s?“

Ich muss zugeben, dass sie mir damit ziemlich Salz in die Wunde streute, doch war es auch sehr heilsam diese Worte des Verständnisses zu hören. Sie hatte mich wahrgenommen und in mein Herz geschaut.

„Mach dir keine Sorgen, wir sind für dich da. Heute Abend gehen wir ins Zelt und finden ein nettes Mädel für dich.“

„Ich steh‘ nicht so auf One-Night-Stands und selbst wenn; so wie die meisten Mädels hier sind, gäbe es für mich nicht mal Resteficken. Du weißt doch selber, wie der Hase hier läuft.“

„Mann Domi, das war mein Ernst. Ich werde dir doch nicht irgendeine Bitch an‘ Bauch binden. Du hast Besseres verdient. Selber schuld, wenn die nicht auf dich stehen.“

„Ja dann gucken wir mal, was draus wird.“

(Sie versprach mir ihre Hilfe nicht zum ersten Mal, nur meistens ergab sich später, dass sie doch ein Miststück war, so dass Vanessa mir doch von ihr abriet.)

„Mach dir nicht so viele Gedanken, das wird schon.“

Wir umarmten uns und die Intensität meines Griffes machte ihr klar, wie dankbar ich ihr für ihre Zuversicht war. Zurück in unserer Gruppe schien das Schicksal seinen ersten Schritt auf mich zuzugehen. Während ich mit Vanessa redete, hatten sich drei weitere Leute zu uns gesellt. Die eine kannte ich nicht, aber Kai war mir durchaus bekannt, er ist zwar arrogant und etwas hedonistisch, aber eigentlich ein netter Geselle. Die Homophobie der Leute nur kotzte mich an, sie hatten ein Problem damit, dass er schwul ist.

Was nun jedoch passierte war beinahe schon magisch. Vor mir stand eine äußerst hübsche, blonde Dame, komplett in schwarz gekleidet, mitsamt Lederjacke, Springerstiefeln und passender Hose. Sie in Gothic, ich als Emo; doch als sei das nicht genug, kam sie mir doch sehr bekannt vor. Ich schaute sie mir noch eine kurze Weile an, während meine Freunde irritiert waren, und als mir so allmählich dämmerte wer da vor mir stand, hatte ich Mühen die Augen trocken zu halten. Es war fast so, als wäre ich aus einem langen Schlaf erwacht. Ihre blaugrauen Augen schimmerten im Lichte der Festbeleuchtung, es war ein strahlender Blick der sagte: Hallo, ich bin die Liebe deines Lebens. Wie von ihrem Blicke beseelt sprach ich sie an:

„Hey, warte Mal! Ich kenn‘ dich doch. Du heißt Kathrin, oder?

„Ja, ich heiße Kathrin.“

Ihr Blick war geheimnisvoll.

„Die Kathrin?!“, ich wurde euphorisch.

„Jup, wir kennen uns von früher.“

Ich grinste schier über beide Ohren und fiel ihr in die Arme:

„Oh Kathrin, ich freue mich so riesig dich wiederzusehen. Mir fällt erst jetzt auf wie sehr ich dich vermisst habe.“

Ich drückte sie noch fester an mich. Ich war so narkotisiert von ihrem Duft, dass ich gar nicht bemerkte, wie ich mich mit meinem Kopf in ihrem Dekolleté vergrub. Kai lachte:

„Gönn dir! Schön kuschlig, wa‘?“

Langsam erhob ich meinen leicht erröteten Kopf und lächelte sie peinlich berührt an. Ihre Resonanz war ein liebevoller Blick, voll von Verständnis und Geborgenheit. Er ging mir tief ins Herz und ich strahlte vor Glück.

„Ich freu mich auch dich zu sehen. Ich war neulich übrigens auch im Treffpunkt, aber du hast mich gar nicht bemerkt.“ Ich schaute etwas verwirrt.

„Ist wirklich so. Du kamst zu uns an den Tisch und fandest es total lustig, dass zwei Kathrins nebeneinandersitzen, dann bist du einfach weggegangen.“

Es wunderte mich arg, dass ich sie zwar wahrgenommen, aber gar nicht registriert hatte, welch Ironie des Schicksals.

Vanessa tippte mir auf die Schulter und sagte mir sie wollten nun weitergehen, ich solle mitkommen. Ich drückte sie noch einmal kräftig und gab ihr aus dem Affekt heraus einen dicken Kuss auf die Wange, dann verabschiedete ich mich von ihr mit einem Lächeln: „Bis später.“

Ein paar Meter weiter sprachen die beiden mich auf das kürzliche Geschehen an. Katie erzählte mir, dass sie sich aus dem Kindergarten kannten und sie immer von ihr gemobbt worden sei und ich ihr nicht trauen sollte. Vanessa schloss sich ihr an und sagte mir, sie sei ohnehin lesbisch. (Das stimmte beides nicht so ganz. Katie kannte sie eigentlich aus dem Mütterzentrum, wo ihre beiden Mütter mit ihnen früher hingegangen waren. Des Weiteren hatte sie zwar auch was mit Frauen, war aber bisexuell.)

Ich nahm mir das ernüchternd zu Herzen und diese schlechte Aussicht kränkte mich, so dass ich den euphorischen Gedanken schweren Herzens wieder verwarf, doch dabei sollte es nicht bleiben. Es dämmerte allmählich. Weiß der Geier, wo wir noch überall waren.

Nach einiger Zeit hatte ich die beiden wieder aus den Augen verloren und wollte eigentlich schon nach Hause gehen, doch da blickte ich in Richtung Festzelt und sah Kathrin dort an einem schwarzen Kübel mit einem Baumsetzling darin. Ich musste einfach dort hin und mit ihr reden. Kai hatte sie dort allein gelassen. Diese Enttäuschung von ihm war leider kein Einzelfall. Das Eis war längst gebrochen und wir redeten viel miteinander. Sie zeigte mir Fotos von sich auf ihrem Handy, wie sie in anderen Outfits und Makeups aussah. Jetzt, wo Katie und Vanessa mir die rosa Brille abgenommen hatten, muss ich zugeben, dass ich sie von dem Augenblick an ziemlich seltsam fand. Scheinbar versuchte mein Unterbewusstsein Gründe zu finden, mich nicht in sie zu verlieben.

Nach circa zehn Minuten sagte sie mir, sie wolle nun nach Hause gehen. Ich schlug vor sie zu begleiten, ich wüsste ja wie die Leute hier sind. Das war natürlich nur ein Vorwand für meine charmante Geste, ich war mir relativ sicher, dass ihr nichts passieren würde, selbst wenn ich nicht mitkäme. Sie behauptete ohnehin in Sachen Selbstverteidigung geübt genug zu sein. Trotzdem bestand ich darauf mitzukommen und das obwohl ich fast schon rennen musste, weil sie mit dem Fahrrad da war. Auf dem Weg redeten wir über unseren Musikgeschmack und spielten uns Lieblingslieder vor. Unsere Geschmäcker hatten durchaus passable Schnittstellen. Ich wusste noch immer wo sie wohnte, doch irgendwie kam ich sie nie besuchen. Ich hatte gar nicht mehr oder zumindest selten an sie gedacht. Warum eigentlich?

Wir betraten den Hinterhof. Fünf Jahre war ich schon nicht mehr dort. Ich erinnerte mich noch an damals, wie mich die Jungen aus ihrer Nachbarschaft zu ihr mitgenommen hatten, um sie auf einen Geburtstag einzuladen oder wie wir zusammen auf einem Spielplatz waren und ich auch damals schon den Helden für sie gespielt habe. Süße 14 Jahre alt und wir waren damals schon ineinander verknallt gewesen. Wenn die Jungs mich darauf angesprochen hatten war ich natürlich so unreif zu sagen: „Ihh, nein! Wie kommst du denn darauf?“

Ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich nur mangelnde Reife war, die mich dazu trieb oder einfach die Angst sie als Lückenfüller zu missbrauchen, schließlich war ich seit Kurzem von meiner damaligen Freundin Janine getrennt. Sie fühlte sich sicherlich nicht gut dabei, doch damals fiel es mir schwer mit ihrer verrückten Art zu Recht kommen. Doch nun würde ich lernen sie grade dafür so sehr zu lieben.

Wir gingen ins Haus und setzten uns in die Küche. Ohne es zu wissen setzte ich mich natürlich auf den Stammstuhl ihres Vaters.

Wir redeten lange miteinander, über unseren bisherigen Werdegang, unsere Sehnsüchte und Macken, all die Schwierigkeiten und Leiden, die wir bisher durchlebt hatten und vieles mehr. Mit jedem weiteren Gesprächsthema entdeckten wir mehr Kongruenzen bei denen ich irgendwann nur noch sagen konnte: „Du also auch!? Ich dachte es gäbe nur einen Freak wie mich.“

Sie hatte selbst ein ADHS und war ein sehr lebhafter und unsagbar liebevoller Mensch. Ich fragte mich ernsthaft wie man auch ihr nur so wehtun konnte; als sei es das Schicksal einer Kathrin derartiges Leid zu erfahren. Es sei nur so viel gesagt: Einer der besagten Jungen, nämlich Tim, und sein Bruder Olaf waren nicht grade sittlich mit ihr umgegangen, als sie noch kleiner war. Es brach mir das Herz und machte mich zugleich wütend. Ich hatte kurze Zeit zuvor in einer Pizzeria gearbeitet und ihm Essen geliefert. Ich wusste zwar, dass er ein Schwein war, aber hätte ich das gewusst, hätte ich ihm wahrscheinlich drauf gespuckt. Dafür würden die beiden nicht nur einmal büßen.

Als wir uns damals kennengelernt hatten waren diese Wunden noch frisch, doch ich hatte nichts geahnt. Noch heute bereue ich, dass ich den Kontakt damals einfach schleifen lassen habe, denn ich hätte verhindern können, dass sie daran innerlich so zu Grunde gehen würde. Wir beide hätten uns viel positiver entwickelt, doch verstanden wir beide nicht, was unsere Nachlässigkeit für die Zukunft bedeuten würde. Könnte ich die Zeit doch nur zurückdrehen. Ihren Eltern wollte sie es nie erzählen, da sie ohnehin keinen guten Draht zu ihnen hatte und deshalb keine Angriffsfläche zeigen wollte.

Wenn man vom Teufel spricht – Ihr Vater kam nach Hause, als wir in der Küche saßen. Ich wusste nicht wie er reagieren würde, wenn er einen vermeintlich Fremden mit seiner Tochter in der Küche sehen würde. Aber so voll wie er war, nahm er es ziemlich gelassen, nur dass er Kathrin am nächsten Tage mit Fragen gelöchert hat, wer ich denn sei.

Meine Freunde auf der Kirmes hatte ich schon ganz vergessen, sie machten sich Sorgen, als sie hörten, ich sei mit „irgendeiner Blonden“ mitgegangen. Bestimmt saßen wir dort gute zwei Stunden. Sie wurde allmählich müde und bat mich zu gehen. Sie brachte mich zur Tür. Ich drückte sie nochmal kräftig mitsamt Wangenkuss und ging zurück zur Kirmes.

[4] Auf gute Freunde

Am nächsten Tag war ich ein wenig verwirrt. Zwar hatte es mich gefreut sie wiederzusehen, doch konnte ich trotz all der Zeichen (welche ich zu der Zeit nicht erkannte), nicht wirklich sagen wohin die Reise gehen würde. Ich war zunächst davon überzeugt wir würden verdammt gute Freunde werden, auch wenn es noch so seltsam und paradox klingen mag.

Ich war mir gar nicht darüber im Klaren, ob sie überhaupt zu mir passte, ob ich mich mit ihrer aufgekratzten Art, ihrer Begeisterung für den Vampirismus, für Reitsport, Edelsteine und das Lesen arrangieren könnte. Ich fühlte mich überfordert und war vorerst der Meinung nicht in ihre Welt zu passen. Doch sollten unterschiedliche Interessen derartig hinderlich sein?

Es war Samstagabend, zusammen mit Katie und ihrem Kollegen Ralf glühten wir für den zweiten Kirmesabend vor. Ich kippte den Jägermeister in die Gläser und griff nach der Cola-Flasche. Ralf lag mit Katie auf dem Sofa und als ich die Flasche öffnete, drückte er ihr passend mit dem Zischen der Flasche auf die Brust. Die gute Stimmung war eingeläutet, ich füllte die Gläser und wir begannen zu trinken. Laute Musik mit drückenden Bässen rundete das Ganze ab.

Zwischen 8 und 9 Uhr machten wir uns auf den Weg. Wir waren mittlerweile gut gefüllt und torkelten schon fast durch die Straßen. Natürlich hatten wir genug Bier im Gepäck und auf dem Weg wollte jemand seine noch geschlossene Flasche Roten loswerden, die wir ihm abkauften.

Am Platz angekommen schlachteten wir die letzten Getränke, da wir damit nicht in den Biergarten des Zeltes durften. Dort trafen wir einige ehemalige Freunde wieder. Ich war auf einige nicht gut zu sprechen, doch aufgrund meines Alkoholpegels machte ich eine gute Miene zum bösen Spiel.

Mit der Zeit bemerkte ich, dass ich ziemlich gut am Limit war und hörte mit dem Trinken auf, doch als ich bemerkte, dass ich mein Portemonnaie verloren hatte, stand ich ziemlich unter Stress, so dass der Alkohol sein volles Potential entfalten konnte. Folglich wollte ich doch gerne nach Hause und Ralf stütze mich beim Laufen. Blöderweise ließ er mich dann aber fallen und ich prallte mit dem Hinterkopf auf dem harten Pflaster auf, was trotz der lauten Musik mit einem ordentlichen Bums zu hören war. Etwa eine Minute lang war ich bewusstlos, wonach ich schwere Mühen hatte mich wach zu halten. Nach dem Aufprall erst war mir wirklich schlecht und ich übergab mich ausgiebig auf dem Parkplatz, so dass dieser ein nettes neues Pflaster bekam. Eine Freundin von Katie und mir rief ihre Mutter an, sie solle mich doch bitte nach Hause fahren.

In meiner Wohnung angekommen kümmerten die beiden sich liebevoll um mich, vor allem Katie rechnete ich das hoch an. Wir hatten schon einiges miteinander durchgemacht, aber noch nie hatte sie einen Absturz von mir miterlebt. Auf eine seltsame Weise stärkte dies unsere Freundschaft, denn auch wenn ich es zuvor wusste, hatte sie mir damit bewiesen, dass ich ihr blind vertrauen konnte.

Auch am Sonntag noch suchte ich nach der verlorenen Brieftasche. Katie half mir teils dabei und Ralf hingegen lachte mich aus, wobei ich zugeben muss, dass ich selbst über so viel Blödheit lachen musste, vor allem wie ich jammernd an der Wand stand; ich hätte selber auch gelacht. Nach einigen Facebook-Posts, sowie nach der Befragung des Sicherheits-personals auf dem Kirmesplatz gab ich es eigentlich schon auf weiter zu suchen.

Am Montag hingegen bat meine Mutter mich nach der Schule ihr ihren Fächer ins Festzelt zu bringen, was mich dazu trieb mich noch einmal zu erkundigen, immerhin hätte der Finder oder auch Dieb mit den persönlichen Dokumenten nichts anfangen können. Mittlerweile musste ich sie für gutes Geld wiederbeschaffen. Während ich sowohl auf dem Platz als auch im Zelt noch herumlief, traf ich dort auf Kai, welcher mir etwas mittteilte, was mir zunächst absurd erschien, da ich es vorerst falsch verstanden hatte. Er kam nun also zu mir und sagte mir, Kathrin sei in mich verliebt. Es fiel mir schwer diese Aussage richtig aufzufassen, denn dort gab es gleich zwei Gegenargumente: Einerseits wusste ich, dass meine beste Freundin Kathrin bzw. Katie, mit welcher ich schon seit Jahren befreundet war, erstens zu dieser Zeit in Ralf verknallt war, zweitens waren wir mittlerweile so lange befreundet, dass eine Beziehung gar nicht mehr in Frage käme, andererseits erinnerte ich mich an das, was Vanessa mir sagte, nämlich dass die Kathrin, welche ich nach langer Zeit wieder traf, lesbisch sei. Letzteres Argument sah ich als gewichtiger an, nachdem ich es erst später überhaupt in Erwägung gezogen hatte.

Ich ging nun also zu Katie und sprach sie darauf an. Wie zu erwarten stritt sie dies ab und verstand es genauso wenig wie ich, somit käme doch eigentlich nur noch Kathrin E. in Frage, doch darauf kam ich schon gar nicht mehr. Wie gesagt, irgendwie schien eine innere Instanz von mir zu versuchen mich daran zu hindern, dass ich ernsthafte Gefühle für sie entwickelte, vielleicht hatte ich einfach Angst davor.

Katie und ich suchten in Folge dessen Kai auf, um ihn auf das, wohlbemerkt von mir selbst induzierte, Missverständnis anzusprechen. Erneute Ironie des Schicksals – er klärte uns auf, indem er mir erzählte, dass er Kathrin E. gemeint hatte. Man mag es kaum glauben, wenn man es nun als Außenstehender betrachtet oder auch ich selbst im Nachhinein, doch ich war allen Ernstes überrascht aber auch irgendwie verunsichert. Wir hatten uns gerade erst wiedergefunden und aus meiner Erfahrung heraus wollte ich nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen, sondern erst einmal abwarten was passieren würde. Ich wollte nicht erneut den Fehler machen mich in eine Beziehung zu stürzen ohne zu wissen, ob es Sinn machen würde. Dies sollte aber kein automatische „Nein“ bedeuten, sondern vielmehr ein „vielleicht“.

Es tat mir auch leid, dass er ihr dies mitteilen sollte, doch interessiert hatte es mich allemal. Ich verschwieg ihm jedoch, dass sie vom Äußerlichen her gar nicht mein Typ war. Das mag jetzt oberflächlich klingen, aber ich denke jeder von uns hat eine Idealvorstellung, welcher man möglichst nah kommen möchte. Vor allem wenn man wie ich die meiste Zeit Single gewesen ist und Beziehungen bisher nicht lang gehalten hatten, manifestiert sich dieses Bild von Perfektion, was zunächst moralisch verwerflich erscheint, aber meines Erachtens im Grunde einfach nur menschlich ist. Einerseits wollte ich nicht mehr alleine sein, aber andererseits sollte sie nicht als mein Notnagel herhalten. Ich dachte an jenem Abend, das Problem habe sich gelöst, als ich sie traf, doch nun würde ich mir zumindest die Zeit nehmen müssen das Ganze auf mich zukommen zu lassen.

[5] Der erste Schritt

Trotz meiner Bedenken ließ mich der Gedanke nicht los, dass sie in mich verliebt sein sollte. Wenn Kai nicht gelogen hatte, musste ich tiefer in ihre Seele schauen. Meine impulsiven Gefühle bei unserem Wiedersehen gaben allemal eine Grundlage, aber trotzdem wollte ich mir sicher sein über das, was ich empfinde und vor allem darüber, dass es auch wirklich auf Gegenseitigkeit beruhte. Mir war es wichtig, dass ich aufrichtige und fundamentierte Gefühle entwickeln würde, indem ich etwas in ihrem Herzen fände, was es sich zu lieben lohnt und so ging ich der Sache auf den Grund.

Im Laufe der nächsten Tage schrieb ich über Facebook und WhatsApp mit Kathrin. Ich fragte sie, ob sie Zeit hätte und so kam es, dass wir uns am späten Nachmittag trafen, nachdem sie vom Reitunterricht nach Hause gekommen war. Offenbar war sie über mein Kommen doch hoch erfreut, zumindest schien sie bei guter Laune zu sein und war lebhaft wie an jenem Abend. Sie sagte mir, sie wolle ungern alleine essen, weshalb sie mich bat so früh wie möglich zu kommen. Sie machte uns ein paar Bratkartoffeln und wir aßen zusammen, während sie mir viel zu erzählen hatte. Es war seltsam – normalerweise war ich derjenige, der immer viel zu erzählen hatte und kaum zu bremsen war, doch sie übertraf mich allemal. Im Grunde störte es mich auch nicht, so bekam ich wenigstens Übung in Sachen Empathie und Zuhören. Was mich jedoch irritierte, war dass ich von nichts auch nur einen blassen Schimmer hatte. Ich kannte mich weder mit Reitsport aus, noch gingen meine Kenntnisse über den Vampirismus über die allgemeinen Mythen aus dem alten Transsylvanien hinaus. Man hätte meinen können, ich sei desinteressiert gewesen, doch dem war nicht so. Ich war es lediglich nicht gewohnt, dass mir jemand viel zu erzählen hatte. Wir gingen nach oben, wo sie mir ihre Räumlichkeiten zeigte. Ich war erstaunt wie viele Zimmer sie dort für sich alleine hatte, ja sogar ein eigenes Bad. Das lag im Grunde daran, dass ihre Brüder ausgezogen waren und bis auf Weiteres nur noch das Schlafzimmer ihrer Eltern mitsamt Bad und Sauna, sowie die Waschküche nicht zu ihrem persönlichen Territorium gehörten.

Sie spielte mir einige Lieblingslieder von sich vor und irgendwie war mir dabei seltsam zumute. Ich musste mich nun auch mit den Differenzen auseinandersetzen. So langsam fühlte ich mich von ihrer lebhaften Art bedrängt. Wie konnte es sein, dass ich emotional einen solchen Rückschlag erfuhr? War es vielleicht wahrhaftig die Angst vor einer ernsten Beziehung oder war ich derartig von Euphorie geprägt worden, dass mir die Nüchternheit zuwider war?

Wir gingen in ihr Wohnzimmer, wo sie mir ihre reichhaltige DVD-Sammlung zeigte, welche unter anderem viele Erinnerungen aus meiner frühen Jugend enthielt, wie zum Beispiel die Filmreihe Die wilden Kerle und vielerlei Disney-Produktionen, welche ich früher immer gerne auf Super-RTL gesehen hatte. Sie schien kindlich begeistert zu sein und ich begann darüber nachzudenken, inwieweit es von Vor- oder Nachteil sein würde. Sowas wie die Staffeln von Vampire Diaries blieb neben anderen Filmen, Serien und Animes über Vampire sicherlich nicht aus. Für kurze Zeit spielte ich mit dem Gedanken die Flucht zu ergreifen und mich anderweitig zu orientieren, vor allem als sie mir von ihrer besten Freundin erzählte, die im Übrigen zu der Zeit rothaarig war, wofür ich noch heute ein Faible habe. Das klingt jetzt sicherlich gemein, doch eigentlich war es mehr ein phantomarer Gedanke. Obwohl ich mich nach außen hin so sehr distanzierte, schien ich mich da wirklich rein zu steigern. Es war mir in diesem Moment nicht klar, doch wenn ich heute auf mein Verhalten zurückschaue hatte sie mich in diesem Moment längst in ihrem Bann.

So langsam aber ging es mir selbst schon auf die Nerven, dass mir meine eigenen Gedanken und Interpretation dermaßen im Weg standen. Wir saßen auf der Couch. Wir wirkten beide nervös und ich schaute sie nur an, während ich verlegen lächelte. Ich entschloss mich das Schweigen zu brechen:

„Du sag mal, der Kai hat mir da was von dir erzählt. Stimmt das?“

Sie versteckte ihren Kopf hinter ihren Ärmeln. Ich rutschte zu ihr rüber und nahm ihre Arme von ihrem Gesicht. „Das muss dir nicht peinlich sein. Bitte versteh mich nicht falsch. Ich will mehr als ein Freund sein, aber ich brauche etwas Zeit. Ich habe in Sachen Beziehungen ‘ne Menge Scheiße durchgemacht und das sitzt mir noch immer in den...“

„Schhhh“

Sanft legte sie ihren Finger auf meine Lippen.

„Zerbrich dir nicht gleich das Köpfchen. Ich kann das nur allzu gut verstehen. Ich bin selber oft verletzt worden, aber ich merke, dass du ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Mensch bist. Ich habe so viel Gefühl und vor allem diese Sehnsucht nach Liebe in deinen Augen gesehen. Ich weiß wie schwer das ist, aber fürchte dich nicht. Ich bin für dich da.“

Es war sehr schön diese Worte von ihr zu hören, alles was sie sagte, klang auf einmal so warm und menschlich. Vielleicht gab es ja doch mehr, was uns verbindet. Ich nahm sie in den Arm und ließ sie auf meiner Brust liegen, während wir Fernsehen schauten. Die Sache zog sich bis in den späten Abend hin, so dass ich dann doch mal nach Hause fuhr, da wir am nächsten Tag Schule hatten. Ich hatte die Zeit so weit vergessen, dass ich nicht mal zum Abendessen nach Hause kam, doch das war mir egal. Was auch immer jetzt noch passieren würde, ich wusste ich hatte einen Schritt in die richtige Richtung getan.

[6] Ein Schlüssel ohne Schloss

Ich fuhr durch die dunklen Straßen meiner Heimat, sofern man dieses Kuhkaff eine Heimat nennen konnte. Es war ganz praktisch, dass sie im selben Ort wohnte wie ich, immerhin war ich schon weitere Wege gefahren, um Freunde zu besuchen und diese, welche auch gerne meine Freundin hätten werden können, doch so wie es aussah hatte ich nun ein Eisen im Feuer.

An unserer Einfahrt angekommen öffnete ich die Garage und stellte mein Fahrrad darin ab. Beim Schließen klemmte das blöde Tor immer ein wenig, wenn man versuchte es an den seitlichen Balken zu zuziehen. Folglich nahm ich den Schlüssel, welchen ich stets mit einem Karabinerhaken an meiner Hose befestigte, aus meiner Gesäßtasche und schloss die Tür auf. Das Schloss im Übrigen war auch ganz gerne mal widerspenstig. Ich schaltete das Licht im Hausflur ein und ging die Treppe hoch, während ich das laute Knacken des Stromstoßrelais im Sicherungskasten deutlich hören konnte. Es schien mir, als wäre ich wacher denn je.