Privatdetektiv - Matthias Wolff - E-Book

Privatdetektiv E-Book

Matthias Wolff

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Beschreibung

Der Detektiv riskiert alles, um seinen Auftraggebern Gewissheit zu verschaffen. Dabei gehören modernste Profiler-Techniken ebenso zu seinem Repertoire wie durchwachte Nächte auf dem Observationsposten. Der studierte Kriminalist gibt Einblicke in seine Arbeit als Privatdetektiv und erzählt, wie man jeden Lügner entlarven kann.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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www.piper.de

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96176-9

© 2013 Piper Verlag GmbH, München

Umschlaggestaltung: Mediabureau Di Stefano, Berlin

Umschlagmotiv: Daniel Di Stefano, Berlin

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

VORWORT

»Guten Tag, ich wollte eigentlich zu Herrn Wolff, dem Privatdetektiv«, stotterte der junge Mann, der vor meiner Tür stand, irritiert.

»Das bin ich«, antwortete ich lächelnd und streckte ihm die Hand hin. »Herr Krämer, nehme ich an? Ich glaube, wir haben vorhin miteinander telefoniert.«

Der sportliche Mittdreißiger mit Lederturnschuhen und Sonnenbrille nickte und schüttelte mir die Hand.

»Bitte entschuldigen Sie, aber Sie sehen gar nicht aus wie ein Detektiv«, murmelte er, immer noch verdutzt, »ich dachte, ich hätte mich vielleicht in der Hausnummer geirrt.«

»Kein Problem«, erwiderte ich gelassen – das passierte mir schließlich nicht zum ersten Mal. Wenn ich Menschen kennenlerne, seien es Nachbarn, Fußballkollegen oder Freundinnen meiner Frau, sind viele zunächst überrascht zu hören, dass ich Privatdetektiv bin. Die meisten haben ein ganz bestimmtes Bild im Kopf, zum Beispiel Sherlock Holmes, mit einer Pfeife im Mund und einer überdimensional großen Lupe in der Hand. Oder Hercule Poirot, den kleinen Belgier mit dem auffälligen Zwirbelbart. Ich fragte meinen potenziellen neuen Klienten, wie er sich mich denn vorgestellt hatte.

»Na, so ein bisschen wie Humphrey Bogart«, antwortete er, »Sie wissen schon, als Philip Marlowe. So ein Typ in Trenchcoat, mit hochgeklapptem Kragen und Pokerface.«

Ich grinste. Ich hatte an dem Tag mein übliches Arbeitsoutfit an: Turnschuhe, Jeans, ein bedrucktes T-Shirt, Basecap. Ich sah aus wie ein ganz normaler Ehemann und Familienvater, der einem ganz normalen Job nachging. Dabei ist genau das der Trick: Während der Arbeit trage ich natürlich keine Kleidung, in der man mich auf der Straße sofort als Detektiv identifizieren würde.

Nicht nur mein Äußeres, auch meine Detektei ist auf den ersten Blick ziemlich unscheinbar. Sie liegt im Souterrain unseres Einfamilienhauses in einer ruhigen Wohngegend, die von Kleingartenanlagen umgeben ist. Hierhin verirrt sich nur selten jemand, der nicht hier wohnt oder jemanden besucht. Mein Büro selbst versprüht einen gewissen altmodischen Charme – dunkle Holzmöbel, weiße Häkelgardinen, Pflanzen auf der Fensterbank und ein Sofa, auf dem die Kunden Platz nehmen. Natürlich ist diese Einrichtung kein Zufall: Gerade dadurch, dass der Raum so gemütlich wirkt, fassen meine Klienten schneller Vertrauen. Schließlich müssen sie sich so sicher und wohl fühlen, dass sie bereit sind, mir schmerzhafte oder auch intime Details zu erzählen. Den Rest des Hauses bewohnen meine Frau, unsere Tochter und unsere Katze. Leben und Arbeiten ist bei mir nicht voneinander getrennt – Detektiv ist man ganz oder gar nicht.

Der skeptische Klient ließ sich im Gespräch schnell davon überzeugen, es mit einem richtigen Detektiv zu tun zu haben. Spätestens nachdem ich ihm den Raum gezeigt hatte, in dem sich meine technische Ausrüstung befindet: verschiedene hochmoderne Foto- und Videokameras, winzige Überwachungskameras, Equipment zum Aufspüren von Abhörvorrichtungen. Außerdem GPS-Ortungssysteme, Chemikalien für Diebesfallen, DNA-Spray zur Täteridentifizierung, UV-Pulver und -Gel zum Markieren von Geldscheinen, mehrere Laptops und vieles mehr. Neben dem Techniklager befindet sich zusätzlich eine kleine Werkstatt, in der ich technische Vorrichtungen anpassen und tarnen kann.

Diese Begebenheit liegt inzwischen einige Jahre zurück, aber wenn ich daran zurückdenke, muss ich jedes Mal schmunzeln. Viele Menschen haben sehr klischeehafte Vorstellungen davon, wie ein Detektiv aussieht und arbeitet. Dabei ist das Wichtigste in dem Job, dass man Talent und Leidenschaft mitbringt. Detektiv zu sein ist für mich kein Beruf, sondern eine Berufung. Schon als kleiner Junge war ich davon überzeugt, dass ich später Detektiv werden würde. Wie die meisten Kinder habe ich Kriminalgeschichten verschlungen – in meinem Zimmer, im Freibad, im Zug, überall. Später kamen die Detektivfilme hinzu (nicht zu verwechseln mit den heutigen sogenannten Detektivserien im Vorabendprogramm, die mit der Realität aus meiner Sicht rein gar nichts zu tun haben). Auch im DDR-Fernsehen konnte man die Klassiker sehen:  Sherlock Holmes, Poirot und Philip Marlowe, später Columbo und Magnum – das waren meine Helden. Ritter ohne Furcht und Tadel, die sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzten. Das hat mir imponiert. Doch leider wurde es mit meiner eigenen Laufbahn als Detektiv erst mal nichts. In der DDR konnte man sich in dieser Richtung nicht selbstständig machen. Den Beruf gab es einfach nicht. Aber dann kamen der Mauerfall und die Wende. Und das war meine Rettung. Plötzlich gab es keine beruflichen Schranken mehr, und Eigeninitiative war gefragt. Für mich war sofort klar: Jetzt werde ich Detektiv! Meine Frau war kein bisschen überrascht, als ich sie in meine Pläne einweihte. Ohne zu zögern, sagte sie: »Mach das!« Und das tat ich auch.

Inzwischen arbeite ich seit mehr als zwanzig Jahren als Detektiv und habe in über siebentausend Fällen ermittelt. Ungefähr achtzig Prozent der Aufträge kommen heute aus der Wirtschaft. Die übrigen Auftraggeber sind Privatpersonen. Das sind oft die emotionaleren Fälle – die, die mir den Schlaf rauben, die mir an die Nieren gehen oder die so skurril sind, dass sie mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

Von einigen dieser Fälle und von den Menschen, denen ich im Zuge der Ermittlungen begegnet bin, werde ich in diesem Buch erzählen. Und ich werde Ihnen einen Einblick in die Arbeitsweise eines Detektivs geben. Sie kennen vielleicht Bücher von Kriminalkommissaren oder Profilern. Ein Detektiv geht im Allgemeinen jedoch anders vor. Er hat, im Unterschied zu einem Polizeibeamten, keine besonderen Befugnisse: Wie jeder normale Bürger verfügt er nur über Jedermannsrechte. Außerdem agiert ein Detektiv im Gegensatz zu polizeilichen Ermittlern in der Regel im Verborgenen.

Eine Journalistin hat mich einmal gefragt, was einen guten Detektiv ausmacht. Keine einfache Frage. Ein guter Detektiv muss eigentlich ein Allround-Talent sein – Beobachter, Techniker, Ermittler, Eheberater, Psychologe und Profiler in einer Person. Aber vor allem benötigt ein Detektiv vier Dinge: Erstens Jagdfieber. Ein guter Detektiv ist wie ein Raubtier auf Beutezug. Wie ein Krokodil, das unter der Wasseroberfläche liegt, beobachtet er, scheinbar unbeteiligt, aus sicherer Entfernung und wartet auf das eine Detail, den unschlagbaren Beweis, der ihm nicht entgehen darf. Zweitens Unauffälligkeit. Ein guter Detektiv passt sich so optimal wie möglich dem Umfeld an, in dem er ermittelt. Seine Fragen stellt er so, dass der Befragte ihm bereitwillig Auskunft gibt, ohne Verdacht zu schöpfen. Er beschattet, ohne dabei aufzufliegen. Drittens Distanz. Ein guter Detektiv hält den richtigen Abstand zu der sogenannten Zielperson, die er beschattet – aber auch zu seinen Auftraggebern und ihren Geschichten. Als Detektiv fungiert man immer wieder als Eheberater und Seelenklempner. Da kann es schnell passieren, dass man sich von einer tragischen Geschichte völlig vereinnahmen lässt. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, das, was meine Klienten mir erzählen, ein Stück weit zu hinterfragen. Und damit sind wir auch schon bei der vierten Eigenschaft: Als Detektiv benötigt man eine gesunde Portion Misstrauen. Denn egal, ob man mit Auftraggebern, Zeugen oder Verdächtigen spricht, niemand verrät einem die ganze Wahrheit. Die Wahrheit muss man sich immer erst erarbeiten.

Eigentlich gibt es sogar noch eine fünfte Eigenschaft, die ein guter Detektiv braucht. Eine, die so selbstverständlich ist, dass ich manchmal vergesse, sie zu nennen: Diskretion. Meine Klienten verlassen sich darauf, dass sie mit ihrem, unter Umständen sehr privaten, Anliegen bei mir in guten Händen sind. Da ich das Vertrauen meiner Auftraggeber mit diesem Buch auf keinen Fall enttäuschen, geschweige denn meine Klienten und ihre Geschichten bloßstellen will, habe ich einige Details in den geschilderten Fällen verändern müssen, insbesondere Namen, Berufe und Orte. Natürlich orientieren sich die Fälle, die ich in diesem Buch schildere, an wahren Ermittlungen, sie wurden jedoch abgewandelt und durch fiktive Anteile unkenntlich gemacht. Ich hoffe, Sie haben Verständnis für diese notwendigen Veränderungen. Wer weiß, vielleicht kommen Sie selbst irgendwann einmal in eine Situation, in der Sie einen Detektiv benötigen – und dann werden Sie erwarten, dass der Mensch, dem Sie gerade Ihr größtes Geheimnis anvertraut haben, absolut verschwiegen ist.

JAGD NACH DNA

Jeder Fall hat einen Anfang. Es geht damit los, dass das Telefon klingelt und mich jemand mit der Lösung seines Problems beauftragen will. Während des Gesprächs mache ich mir ein erstes Bild von der Person, die mich engagieren will: Ist sie jung oder alt? Nervös? Wütend? Völlig verzweifelt? Hat sie vor etwas Angst? Und ist die Geschichte überhaupt glaubwürdig? Die Stimme ist mein erstes Indiz. Ein akustischer Fingerabdruck des Auftraggebers. Anhand der Stimme beginne ich, ein Gespür für den Fall zu entwickeln. Und meistens liegt mein Gespür richtig.

Ich arbeitete erst wenige Jahre als Detektiv, als mich eines Abends eine Frau mit einem dringenden Anliegen anrief.

»Guten Tag, Herr Wolff, mein Name ist Anke Steffen. Ich weiß, Sie kennen mich nicht, aber ... ich habe Ihre Nummer aus den gelben Seiten. Es ist ... Ich brauche Ihre Hilfe. So schnell wie möglich.«

Die Frau klang jung, höchstens Mitte zwanzig. Und sie klang verzweifelt. Normalerweise sind die Leute am Telefon reserviert. Sie wissen ja nicht genau, mit wem sie es am anderen Ende der Leitung zu tun haben, deshalb versuchen sie, erst mal so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Dieser Anruferin merkte ich jedoch sofort an, wie sehr sie unter Druck stand. Sie klang fahrig, und ihre Stimme zitterte.

»Worum geht es, Frau Steffen?«

Sie zögerte. »Um meine Tochter. Nein, eigentlich um ihren Vater, also meinen Exfreund. Er hat ... Ich weiß nicht ...« Die Anruferin hatte große Mühe, ihre Nervosität zu verbergen.

»Ich glaube, ich weiß, worauf Sie anspielen, Frau Steffen«, versuchte ich ihr zu helfen. »Geht es um den Unterhalt für Ihre Tochter?«

»Nein. Also nicht direkt. Thorsten, mein Exfreund, ist schon vor über drei Jahren abgehauen.« Anke Steffen erzählte, wie sie Thorsten Mahnke Mitte der Achtzigerjahre kennengelernt hatte. Während sie noch in der Ausbildung steckte, hatte er es bereits zum Facharbeiter gebracht. Die beiden wurden ein Paar, zogen zusammen und anderthalb Jahre später wurde Anke Steffen schwanger. Sie wollte das Kind unbedingt bekommen, freute sich schon auf das Familienleben zu dritt. Doch Thorsten Mahnke war alles andere als begeistert. Er machte gerade seinen Meister, träumte von einem eigenen Betrieb, kurz: Er hatte Pläne. Und für ein kreischendes Baby, das einem den Schlaf rauben und obendrein eine finanzielle Belastung bedeuten würde, war darin kein Platz. Noch vor der Geburt verschwand Thorsten Mahnke klammheimlich mit Sack und Pack aus der gemeinsamen Wohnung. Anke Steffen versuchte verzweifelt, ihn ausfindig zu machen. Vergeblich. Er habe in den Westen rübergemacht, erzählten seine Eltern ihr. Mehr erfuhr sie nicht.

»Thorsten hat bislang keinen einzigen Pfennig für Jasmin bezahlt«, schloss Anke Steffen, »aber das ist nicht das Problem.«

Ich stutzte. Was war es dann?

»Meine Tochter hat Leukämie, Herr Wolff«, fuhr Anke Steffen fort. »Sie braucht unbedingt eine Knochenmarkspende. Die Ärzte haben mich schon getestet, aber ich komme als Spenderin nicht infrage.« Sie hielt inne. »Deshalb müssen Sie Thorsten unbedingt finden. Verstehen Sie? Wenn Sie ihn nicht aufspüren, dann ...«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende, aber ich ahnte, was sie sagen wollte. Wenn ich ihren Exmann nicht fand, hatte ihre Tochter keine Chance.

»Es gibt da nur ein Problem, Herr Wolff.«

»Ja?«

»Ich habe einen Test machen lassen. Vor zwei Jahren war das.«

»Und?«

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Frau Steffen, was ist mit dem Test?«

Ich konnte hören, wie sie tief Luft holte.

»Der Test hat ergeben, dass Thorsten nicht Jasmins Vater ist.«

Im Laufe der Jahre bin ich immer wieder von alleinerziehenden Müttern beauftragt worden, ihren Ex ausfindig zu machen, der sich vor den Unterhaltszahlungen für das gemeinsame Kind drückt. Solche Fälle lassen sich relativ schnell lösen. Wenn der Kindsvater seine Spuren nicht gezielt verwischt hat, reichen manchmal schon ein Gang zum Einwohnermeldeamt, ein Blick ins Telefonbuch oder ein Anruf bei Eltern oder Freunden des Verschollenen. Heute bringt einen oft eine gründliche Internetrecherche ans Ziel. Wenn ich den Noch-Ehemann, Exehemann oder Exfreund aufgespürt habe, geht es im zweiten Schritt meist darum, seine Finanzen zu überprüfen. Manche Männer schleusen ihr Gehalt sogar mithilfe von Bekannten auf andere Konten oder arbeiten schwarz, nur um kein Geld an ihre Expartnerin beziehungsweise ihre Kinder abdrücken zu müssen. Andere weigern sich, die Vaterschaft anzuerkennen, und dann wollen die Mütter einen DNA-Nachweis.

Häufiger als die Mütter sind es allerdings die Väter, die sich einen Detektiv nehmen, um zu überprüfen, ob das Kind ihrer ehemaligen Partnerin tatsächlich von ihnen ist. Auch in diesen Fällen geht es meistens ums Geld. Und nicht selten ist die neue Freundin des Mannes die treibende Kraft. Als Erstes beschaffen wir dem Auftraggeber eine möglichst scharfe Großaufnahme von dem Kind. Manchmal ist die äußerliche Ähnlichkeit so offensichtlich, dass sich alle weiteren Nachforschungen von selbst erledigen. Wenn sich zwischen Vater und Kind auf dem Foto allerdings keine Ähnlichkeiten feststellen lassen, wollen die vermeintlichen Väter einen DNA-Test. Und haben es am Ende meistens schwarz auf weiß, dass sie ein Kind gezeugt haben, für das sie zumindest die finanzielle Verantwortung tragen – so sieht jedenfalls meine persönliche Bilanz aus über zwanzig Detektivjahren aus.

Natürlich gibt es auch Väter, die noch mit der Kindsmutter zusammen sind, aber dennoch an ihrer Vaterschaft zweifeln. Weil sie erfahren haben, dass ihre Partnerin in der Vergangenheit fremdgegangen ist. Oder weil sie finden, dass ihr angebliches Kind ihnen gar nicht ähnelt. In diesen Fällen geht es nicht ums Geld, sondern um Vertrauen und Gewissheit. Wenn ich auch hier eine Bilanz ziehen müsste, würde ich sagen, die Ergebnisse meiner Ermittlungen halten sich die Waage. Bei etwa der Hälfte dieser Fälle kommt heraus, dass der Auftraggeber auch der biologische Vater des Kindes ist. Bei der anderen Hälfte stammt das angeblich gemeinsame Kind aus einem Seitensprung. Darauf reagieren die Väter sehr unterschiedlich. Bei den einen siegt die Liebe zur Partnerin und zu dem Kind, das sie möglicherweise jahrelang als ihr eigenes betrachtet haben. Bei den anderen überwiegen die Wut und der Schmerz darüber, dass die Frau, die man liebt, einen belogen und betrogen hat.

Doch dieser Fall lag anders. Der Vaterschaftstest war ja bereits negativ ausgefallen. Trotzdem behauptete Anke Steffen, dass Thorsten Mahnke der Vater war. Als Detektiv begegnet man seinen Klienten mit einer gesunden Portion Misstrauen. Wenn ich an der Geschichte eines Auftraggebers Zweifel habe, wenn ich Widersprüche entdecke oder glaube, dass es eigentlich keinen Grund gibt, gegen die Zielperson ermitteln zu lassen, versuche ich, dem Klienten auf den Zahn zu fühlen – ohne dass er es bemerkt. Einmal wollte ein Arbeitgeber einen seiner Mitarbeiter unter einem fadenscheinigen Vorwand überwachen lassen. Ich bohrte unauffällig nach und kam zu dem Schluss, dass der Mitarbeiter sich nichts zuschulden kommen hatte lassen. Sein Chef konnte ihn offenbar einfach nicht leiden und hoffte, meine Ermittlungen würden irgendetwas zutage fördern, das ihm einen Kündigungsvorwand lieferte. Solche Leute weise ich dann diplomatisch ab. Ich nehme einen Auftrag nur an, wenn ein berechtigtes Interesse an einer Ermittlung erkennbar ist.

Anke Steffen glaubte ich allerdings von Anfang an. Unter anderen Umständen hätten angesichts des negativen Testergebnisses bei mir die Alarmglocken geläutet. Ich hätte vielleicht vermutet, dass die Frau sich in etwas verrannt hatte, dass sie krankhaft auf ihren Ex fixiert war. Doch Anke Steffens Tochter hatte Leukämie. Das Leben des Mädchens stand auf dem Spiel. Was hätte Anke Steffen davon gehabt, mir eine Lügengeschichte aufzutischen? Und dann war da noch ihre Stimme. Anke Steffen hatte ehrlich geklungen. Ehrlich verzweifelt.

Am nächsten Vormittag fuhr ich zu ihr. Sie wollte mich lieber zu Hause treffen, wo ihre Tochter während unseres Gesprächs in ihrem Zimmer spielen konnte. Anke Steffen war tatsächlich erst Mitte zwanzig, ich hatte mich nicht getäuscht. Ihr dunkelblondes Haar war zu einer modischen Kurzhaarfrisur geschnitten. In ihrer Jeans und dem Kapuzenpullover wirkte sie sportlich. Sie wohnte mit ihrer Tochter in einer kleinen, gemütlich eingerichteten Dreizimmerwohnung. An den Wänden im Flur hingen bunte Strichmännchen, am Schuhschrank lehnte ein Kinderregenschirm.

»Kommen Sie bitte mit ins Wohnzimmer«, bat mich Anke Steffen. »Jasmin ist in ihrem Zimmer. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich Sie nicht vorstelle. Ich möchte, dass sie von diesem ganzen Wahnsinn so wenig wie möglich mitbekommt.«

»Aber klar, das verstehe ich.«

Wir gingen an der angelehnten Tür des Kinderzimmers vorbei und setzten uns ins Wohnzimmer. Auch dieser Raum wirkte warm und gemütlich. Vor dem Sofa lag ein heller Flokati, der fast den kompletten Fußboden bedeckte. Daneben stand eine große Plastikkiste mit Bauklötzen und anderem Spielzeug. Anke Steffen allerdings wirkte sehr angespannt. Sie versuchte, es mich nicht merken zu lassen, doch die Angst um ihre Tochter stand ihr ins Gesicht geschrieben – die Ringe unter ihren Augen und die Sorge in ihrem Blick konnte sie nicht einfach weglächeln.

Zunächst wollte ich Genaueres über den ersten Vaterschaftstest wissen. Anke Steffen berichtete, wie sie kurz nach der Geburt ihrer Tochter versucht hatte, ihr Recht auf Unterhaltszahlungen geltend zu machen. Sie hatte sich einen Anwalt genommen, und der hatte einen Vaterschaftstest erwirkt. Doch das Ergebnis fiel negativ aus: Der Abgleich der Proben schloss Thorsten Mahnkes Vaterschaft aus. Anke Steffen konnte es nicht fassen, schließlich wusste sie genau, dass niemand anders der Vater ihres Kindes sein konnte. Sie vermutete, dass die Proben versehentlich vertauscht worden waren. Doch das Gericht sah keinen Grund für eine Wiederholung des Tests. Auch sonst glaubte ihr fast niemand. Mahnkes Eltern brachen sofort den Kontakt ab – in ihren Augen hatte sie ihren Sohn nicht nur mit einem anderen Mann betrogen, sondern auch noch versucht, ihm ein Kuckuckskind unterzuschieben.

Nur ihre Eltern hielten zu ihr. Und waren bereit, sie finanziell zu unterstützen. Anke Steffen rappelte sich auf, fing an, wieder zu arbeiten, und kam nach einiger Zeit finanziell gut zurecht. Dann der große Schock, die Blutkrebs-Diagnose. Anke Steffen war aufgefallen, dass ihre Tochter oft blass war. Auf dem Spielplatz machte sie schnell schlapp, sie war oft müde. Der Arzt diagnostizierte Leukämie und eröffnete Anke Steffen, dass Jasmin innerhalb der nächsten Monate dringend eine Knochenmarkspende benötigte. Als Anke Steffen erfuhr, dass sie als Spenderin nicht infrage kam, stand für sie fest, dass sie ihren Exfreund aufspüren musste, der vielleicht ein geeigneter Spender war. Doch zunächst brauchte sie DNA-Material für ein neues Gutachten, das seine Vaterschaft einwandfrei bestätigte. Deshalb hatte sie sich an mich gewandt. Ich erklärte ihr, dass ein privat in Auftrag gegebener Vaterschaftstest vor Gericht möglicherweise nicht als Beweismittel anerkannt würde. Doch das störte sie nicht. Sie war davon überzeugt, dass ein positiver Test ihren Exfreund dazu bringen würde, seine Tauglichkeit als Knochmarkspender prüfen zu lassen – auch ohne Gerichtsurteil.

Ich sagte Anke Steffen, dass ich den Auftrag annehmen würde, und stellte ihr noch einige Fragen zu ihrem Exfreund. Viele Anhaltspunkte konnte sie mir allerdings nicht liefern. Nachdem Mahnke abgehauen war, hatte er eine Zeit lang in Hannover gelebt. Dort war der erste Vaterschaftstest durchgeführt worden. Wohin er anschließend gegangen war, wusste sie nicht. Zu Mahnkes Freunden hatte sie keinen Kontakt. Sie besaß nicht mal deren Telefonnummern. Mahnke hatte seine Kumpels meistens ohne Anke Steffen getroffen, in der Kneipe oder beim Sport. Immerhin konnte sie mir die Adresse und Telefonnummer von Mahnkes Eltern geben. Außerdem notierte ich, dass er in seiner Freizeit gern Tennis gespielt hatte, oft mehrmals die Woche. Und dass er trotz seiner Sportleidenschaft ein starker Raucher war.

Während ich meine Jacke anzog, verschwand Anke Steffen im Schlafzimmer, um ein Foto von Mahnke zu holen. Ich nutzte den Moment, um unbemerkt einen Blick ins Kinderzimmer zu werfen. Jasmin saß auf dem Boden, mit dem Rücken zur Tür. Eine rosa Mütze bedeckte ihren Kopf, und ich fragte mich, ob sie darunter noch Haare hatte. Nach dem gesundheitlichen Zustand ihrer Tochter hatte ich Anke Steffen nicht gefragt. Das ging mich schließlich nichts an. Außerdem hatte ich Angst, dass die Verzweiflung und die Sorgen, die Anke Steffen zu verbergen versuchte, aus ihr herausbrechen würden, wenn man sie auf die Krankheit ihrer Tochter ansprach. Das Mädchen hielt ein buntes Plastikpony in den Händen und wirkte hoch konzentriert. Ich hatte mich während des Gesprächs gewundert, dass sie zwischendurch nicht reingekommen war. Doch Anke Steffen hatte gemeint, das sei ganz normal. Wenn Jasmin mit ihren Ponys oder Puppen spiele, dann vergesse sie alles um sich herum. Ich musste unwillkürlich an meine eigenen Töchter denken und spürte einen Kloß im Hals. Die große war damals vierzehn, die kleine erst fünf – nur wenig älter als Jasmin. Was ich wohl getan hätte, wenn eine der beiden plötzlich an Krebs erkrankt wäre? Leise ging ich ein paar Schritte zurück und zog die Zimmertür wieder heran.

Kurz darauf kam Anke Steffen mit dem Foto zurück. Der Mann, der in die Kamera lächelte, war dunkelblond, Mitte zwanzig, mit Schnurrbart und graublauen Augen. Kein unsympathischer Typ, aber nach allem, was ich über ihn wusste, machte mich das Bild einfach nur wütend. Darüber, dass Thorsten Mahnke seine Familie im Stich gelassen hatte. Dass er sich geweigert hatte, Unterhalt für seine kleine Tochter zu zahlen. Und dass damals irgendjemand bei dem Vaterschaftstest geschlampt hatte. Ich steckte das Foto ein, verabschiedete mich von Anke Steffen und verließ die Wohnung.

Das erste Etappenziel lautete: Thorsten Mahnkes Aufenthaltsort aufspüren. Am Abend saß ich in meinem Büro und wählte die Nummer seiner Eltern. Nach dem siebten Klingeln hatte immer noch niemand abgenommen. Waren die Mahnkes nicht zu Hause? Oder saßen sie auf dem Sofa und hatten den Fernseher so laut aufgedreht, dass sie nichts hörten? Ich wollte schon auflegen, da meldete sich ein älterer Herr.

»Ja bitte?«

»Schönen Guten Abend! Spreche ich mit Herrn Mahnke?«

»Ja. Wer ist denn da, bitte?«

»Ach, hallo, Herr Mahnke, hier ist Thomas Werner. Sie erinnern sich vielleicht nicht, aber ich habe früher mit Ihrem Sohn Thorsten Tennis gespielt.« Um an Informationen zu kommen, brauchte ich einen Vorwand, bei dem das Ehepaar Mahnke keinen Verdacht schöpfen würde. So, wie die beiden auf das negative Testergebnis reagiert hatten, würden sie die Adresse ihres Sohnes auf keinen Fall freiwillig herausrücken. Am besten schlüpft man in eine Rolle, mit der man sich auskennt. Das verringert das Risiko aufzufliegen. Anke Steffen hatte mir die Namen von Mahnkes ehemaligen Vereinskollegen genannt, und ich hatte als Jugendlicher selbst jahrelang gespielt, da konnte eigentlich nichts schiefgehen.

»Thomas, Thomas ...« Mahnke überlegte. »Ja, na klar! Du hattest doch immer diesen beinharten Aufschlag, dit weiß ick noch janz jenau. Ein Ass nach dem anderen. Aber am Netz, da warst du nicht so stark, da hast du einiges versemmelt.«

Thomas Werners und meine Tennisstärken unterschieden sich offenbar grundlegend. An den Aufschlägen hat es bei mir immer gehapert, aber dafür bin ich für meine Ausdauer und meinen Kampfgeist berüchtigt gewesen.

»Genauso war’s, Herr Mahnke«, antwortete ich. »Dass Sie sich daran noch so gut erinnern!«

»Na ja, ick hab’ ja oft zujeschaut. Spielst du denn immer noch?«

»Och, na ja. Ab und zu mal, mit Kurt, der hat damals mit Thorsten und mir in der Mannschaft gespielt. Kennen Sie den auch noch?«

»Kurt ... Ja, ick glaube. War dit nicht der mit den janz dunklen Haaren?«

»Ja, ja, genau«, stimmte ich zu. »Jedenfalls, neulich haben wir uns mal wieder auf ein Bier getroffen. Und da sind wir auf Thorsten gekommen. Was der heute wohl macht, haben wir uns gefragt. Und Jochen, zu dem haben wir ja auch keinen Kontakt mehr. Da haben wir uns gedacht, das wär doch schön, wenn wir uns alle vier mal wieder treffen. Ein Doppel spielen und danach über die alten Zeiten quatschen. Und deshalb rufe ich an. Kurt und ich, wir haben leider weder Thorstens Adresse noch die Telefonnummer.«

»Ach, wie nett, dass Sie dit machen wollen. Da wird sich mein Sohn aber freuen. Warten Sie mal, ick hol schnell dit Adressbuch, einen Moment.«

Mahnke hatte mir meine Geschichte offenbar, ohne mit der Wimper zu zucken, abgekauft. Nach einer kurzen Pause, in der ich es leise rascheln hörte, kehrte er zurück.

»So, also hier hab’ ick die Adresse und auch die Telefonnummer. Der ist ja jetzt in Hamburg, der Thorsten, das wissen Sie ja bestimmt. Hat sich selbstständig jemacht, als Malermeister. Wohnt da mit seiner Freundin zusammen, tolles Mädel. Und tüchtig! Gelernte Krankenschwester ist die ...«

Nachdem der alte Mahnke die Lobrede auf seine Schwiegertochter in spe beendet hatte, gab er mir die Anschrift und private Telefonnummer seines Sohns. So begeistert, wie der Alte von dem geplanten Tennis-Revival war, befürchtete ich allerdings, er würde gleich nach unserem Gespräch seinen Sohn anrufen. Das durfte ich auf keinen Fall zulassen. Denn dann würde sich Thorsten Mahnke möglicherweise bei seinem alten Kumpel Thomas melden und erfahren, dass dieser gar nicht bei seinen Eltern angerufen hatte. Also erzählte ich dem Alten, ich wolle seinen Sohn unbedingt überraschen. Das verstand er sofort und versprach, seinem Sohn nichts zu verraten. Ich bedankte mich überschwänglich und legte auf.

Zwei Tage später ging die Jagd nach Mahnkes DNA los. Um mehr Spielraum zu haben, hatte ich beschlossen, einen Kollegen dazuzuholen. Jasmin lief die Zeit davon, und ich hoffte, dass wir zu zweit schneller ans Ziel kommen würden.

Die meisten Leute denken ja, Detektive sind Einzelkämpfer. Vermutlich liegt es daran, dass fast alle berühmten Detektivfiguren Eigenbrötler sind, die sich ungern in die Karten gucken lassen, Philip Marlowe, Sam Spade und Hercule Poirot genauso wie Kurt Wallander oder Inspektor Columbo. Selbst Sherlock Holmes und Watson sind kein echtes Team. Holmes beobachtet, ermittelt und schlussfolgert die meiste Zeit auf eigene Faust und lässt seinen Assistenten bis zum Schluss im Nebel stochern.

Als ich nach der Wende anfing, als Detektiv zu arbeiten, hatte ich ähnliche Vorstellungen – wenn auch aus anderen Gründen. In der DDR hatte es den Beruf des Detektivs nicht gegeben. Ermitteln durfte nur der Staat. Mir fehlten daher das geschäftliche Know-how und die Aufträge. Allein auf mich gestellt, hätte ich nicht von dem Job leben können. Also machte ich mich, sobald die Grenzen offen waren, auf in die Höhle des Löwen – die Büros meiner Westberliner Konkurrenten. Ich war darauf gefasst, dass man mich nicht gerade mit offenen Armen empfangen würde. In meiner Vorstellung waren die Wessis knallharte Kapitalisten, von denen man buchstäblich nichts geschenkt bekam. Die ersten Detekteien, die ich aufsuchte, waren entweder nicht mehr existent oder in einem schmuddeligen Hinterhof ansässig, aber schließlich landete ich bei der Detektei Graustein. Das Büro war altmodisch eingerichtet, dunkles Holz, schwere Sessel, man fühlte sich dort sofort gut aufgehoben. Der Chef, ein sympathischer, wortgewandter älterer Herr, empfing mich wider Erwarten unheimlich freundlich. Er erzählte mir ganz offen, wie die Branche funktionierte, wie man Kunden gewann und wie die geschäftliche Seite aussah. Am Ende des Gesprächs drückte er mir sogar seine Auftragsformulare als Muster für meine eigenen Geschäftsunterlagen in die Hand. Ich war baff. Mit so viel Unterstützung hatte ich nicht gerechnet. Im Lauf der Jahre habe ich immer wieder mit der Detektei Graustein zusammengearbeitet. Darüber hinaus hat sich mit der Zeit ein Netzwerk an Kollegen gebildet, die mich bei umfangreicheren Recherchen anfordern oder die ich zu meinen Aufträgen dazuhole. Teamarbeit ist in unserer Branche das A und O. Weil man eine Zielperson nicht rund um die Uhr allein beschatten kann. Weil vier oder sechs Augen mehr sehen als zwei. Und weil es keine absolut perfekten Allrounder gibt. Jeder hat seine Stärken: Der eine kann gut beobachten, der andere gut ermitteln; der eine hat ein gutes Gespür für Menschen und bringt sie dazu, ihm ihre komplette Lebensgeschichte zu erzählen, der andere wiederum ist ein brillanter Analytiker. Dass ich bei diesem Fall mit einem Kollegen zusammenarbeiten würde, bedeutete allerdings auch, dass uns nur wenige Tage blieben, um den Auftrag abzuschließen – länger konnte Anke Steffen keine zwei Ermittler bezahlen.

Zusammen mit Bernd, einem jüngeren Kollegen, der ebenfalls aus Ostberlin kommt, brach ich frühmorgens auf. Wir wollten keine Zeit verlieren. Ich hatte Bernd ausgewählt, weil wir schon oft zusammengearbeitet hatten, und ich wusste, dass er nicht nur ein ausgezeichneter Beobachter ist, sondern auch extrem belastbar – während andere Kollegen nach acht bis zehn Stunden Arbeit völlig platt sind, kann Bernd bis spät in die Nacht durcharbeiten und am nächsten Morgen trotzdem um 6.00 Uhr auf der Matte stehen. Während der Fahrt überlegten wir, wie wir Mahnke möglichst schnell und unauffällig eine DNA-Probe abluchsen konnten. Damals waren sogenannte heimliche Vaterschaftstests noch legal – wenn auch in juristischer Hinsicht umstritten. Inzwischen sind Abstammungsgutachten, die ohne vorliegendes Einverständnis der beteiligten Personen durchgeführt werden, verboten. Vor ein paar Jahren hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass heimliche Vaterschaftstests in Zukunft vor Gericht weder als Beweis für oder gegen eine Vaterschaft noch als Grund für ein Verfahren zur Feststellung der Vaterschaft anerkannt werden. Die Begründung: Ein solcher Test verletze das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, wenn einem der Beteiligten ohne dessen Wissen DNA-Material entnommen wurde. Und dieses Recht habe wiederum Vorrang vor dem Recht auf Information des angeblichen Vaters oder des Kindes. DNA-Tests zur Vaterschaftsklärung sind nur noch auf richterliche Anordnung möglich – oder wenn alle Beteiligten der Probenentnahme und dem Test vorher zustimmen. Hätte Anke Steffen mich also einige Jahre später angerufen, hätte ich den Auftrag ablehnen müssen.

Zur DNA-Untersuchung eignen sich im Prinzip alle kernhaltigen Körperzellen. In der detektivischen Praxis bedeutet das in erster Linie: Blut, Speichel, Sperma, Nasensekret oder Haare mit Wurzeln. Haare finden sich an der Kleidung, vor allem auf Jacken und Pullovern, in Haarbürsten, im Badezimmer. Im Falle von Flüssigkeiten sichert man Gegenstände, an denen diese sich abgelagert haben. Das können Taschentücher sein, Gläser oder Tassen, Kondome, Pflaster, Schnuller, Kaugummis etc. Eine richtige Fundgrube ist McDonald’s. Die Leute schieben ihr leergegessenes Tablett in den Geschirrwagen, auf dem sich Becher, Strohhalme oder Plastikbesteck voller Speichelspuren befinden. Natürlich muss man sicher sein, dass die Spuren auf dem Träger eindeutig und ausschließlich der Zielperson zuzuordnen sind. Einmal habe ich sogar benutzte Windeln einsammeln müssen, weil ich keine andere Möglichkeit sah, an DNA-Material zu kommen. Das Problem ist nur: Kot zersetzt sich ziemlich schnell, und dabei wird auch die Erbinformation zerstört. Davon abgesehen, dass es ziemlich unangenehm ist, benutzte Windeln mit sich herumzuschleppen. Jedenfalls war unsere Mühe am Ende umsonst gewesen. Das Labor konnte mit den Windeln nichts mehr anfangen.

Bernd und ich hatten nur eine Chance, nämlich wenn wir bei Mahnkes Laster, dem Rauchen, ansetzen würden. Wir kannten weder sein Umfeld noch seinen Tagesablauf, aber wir wussten, dass er Raucher war. Wir mussten also nur an einen Zigarettenstummel gelangen, und schon war der Auftrag erfolgreich erledigt.

Von der Autobahn aus fuhren wir direkt zu Mahnkes Geschäft im Ostteil der Stadt. Die Adresse hatten wir uns bei der Auskunft besorgt. Wir parkten ein Stück weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Von hier aus hatten wir Mahnkes Laden im Blick, ohne dass ihm unser Wagen auffallen würde. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss eines weißen Neubaus, die Stockwerke darüber schienen Mietwohnungen zu sein. In den Häusern nebenan befanden sich ebenfalls Geschäfte sowie ein paar Handwerksfirmen. Auf dem Bürgersteig waren Frauen unterwegs, die ihre Einkäufe nach Hause trugen, alte Leute, die ihre Hunde spazieren führten, und ab und zu fuhr jemand seinen Wagen weg oder parkte ein. Doch niemand betrat Mahnkes Laden, und niemand kam heraus. Nach zwei Stunden hatte sich noch immer nichts getan. Dafür hatte Bernd jetzt riesigen Hunger. Bernd ist jemand, der zu Beobachtungen immer riesige Verpflegungspakete mitbringt. Leider hatte er schon während der Fahrt alle Käsebrötchen aufgegessen. Bevor er schlechte Laune bekam – das kannte ich schon –, ließ ich mich lieber breitschlagen, eine kleine Runde zu drehen und uns etwas zu essen zu besorgen. Ich schlenderte um den Block und entdeckte schließlich eine Imbiss-Bude. Leider war die Auswahl begrenzt, um nicht zu sagen ziemlich norddeutsch. Es gab Fischbrötchen mit Matjes, Fischbrötchen mit Fischfrikadelle, Fischbrötchen mit oder ohne Remoulade, mit oder ohne Zwiebeln ... Ich entschied mich für zwei Matjesbrötchen mit Remoulade und ging zurück zum Auto. Bernd sah mich skeptisch an, als ich ihm das Brötchen hinhielt, verkniff sich aber einen Kommentar. Besser als hungern, dachte er wahrscheinlich, aber insgeheim hätte auch ich lieber in eine dicke Berliner Currywurst gebissen.

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