Provenzalische Schuld - Sophie Bonnet - E-Book

Provenzalische Schuld E-Book

Sophie Bonnet

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Beschreibung

Neblige Täler, vergessene Dörfer – tote Touristen …

Es ist November in Südfrankreich. Die Olivenernte hat begonnen, die Tage sind noch angenehm warm. Da erschüttern zwei mysteriöse Morde die Hochprovence. Weit entfernt von Sainte-Valérie, wo sich Pierre Durand auf den gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin Charlotte freut. Doch als Nanette Rozier, die Frau des Bürgermeisters, spurlos verschwindet, ist an Erholung nicht mehr zu denken. Bald wird Arnaud Rozier verdächtigt und bittet seinen Chef de police um Hilfe. Pierre Durand folgt der Spur der Vermissten in die provenzalischen Berge bei Sisteron und begibt sich damit selbst in höchste Lebensgefahr ...

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Buch

Es ist November in Südfrankreich. Die Olivenernte hat begonnen, die Tage sind noch angenehm warm. Da erschüttern zwei mysteriöse Morde die Hochprovence. Weit entfernt von Sainte-Valérie, wo sich Pierre Durand auf den gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin Charlotte freut. Doch als Nanette Rozier, die Frau des Bürgermeisters, spurlos verschwindet, ist an Erholung nicht mehr zu denken. Bald wird Arnaud Rozier verdächtigt und bittet seinen Chef de police um Hilfe. Pierre Durand folgt der Spur der Vermissten in die provenzalischen Berge bei Sisteron und begibt sich damit selbst in höchste Lebensgefahr …

Autorin

Sophie Bonnet ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Mit ihrem Frankreich-Krimi Provenzalische Verwicklungen begann sie eine Reihe, in die sie sowohl ihre Liebe zur Provence als auch ihre Leidenschaft für die französische Küche einbezieht. Mit Erfolg: Der Roman begeisterte Leser wie Presse auf Anhieb und stand monatelang auf der Bestsellerliste, ebenso wie die darauffolgenden Romane Provenzalische Geheimnisse,Provenzalische Intrige und Provenzalisches Feuer. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg.Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.twitter.com/BlanvaletVerlag

Sophie Bonnet

Provenzalische Schuld

Ein Fall für Pierre Durand

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Copyright © 2018 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Angela Troni

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

mschlagmotiv: nik wheeler/Corbis Documentary/Getty Images

AF · Herstellung: sam

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, MünchenISBN 978-3-641-22171-3V004www.blanvalet.de

Prolog

Vorsichtig tastete sie nach dem Blumenkranz auf ihrem Haar, darauf bedacht, ihn nicht zu zerstören. Wenn die Blüten schon ein wenig getrocknet waren, konnte es leicht passieren, dass sie auseinanderfielen. Und das wollte sie nicht. Die Blumen waren ihr Halt, Symbol jener Geborgenheit, die sie noch vor weniger als einer halben Stunde verspürt hatte. Und aus der sie so unvermittelt gerissen worden war.

Sicher war das alles ein Irrtum, redete sie sich ein, eine Verwechslung. Später würde sie das Erlebte nur noch als furchtbaren Schrecken im Gedächtnis behalten, der im Laufe der Zeit zu einer blassen Erinnerung verschwamm.

Zaghaft strich sie über die verdorrenden Blüten, dachte daran, wie glücklich sie gewesen war, als sie sie pflückte.

Es war am Morgen ihrer Ankunft gewesen. In dem Moment, als sie die Tür aufstieß und den Koffer und die Tasche mit den Einkäufen in den Flur stellte, waren alle Sorgen, die Beklemmung, der Druck, von ihr abgefallen. Sie hatte sich umgedreht und war auf die Wiese vor der Hütte gelaufen. Hatte die klare Bergluft eingeatmet, den Duft nach frischem Heu.

Es war einer jener Herbsttage gewesen, an denen die Morgensonne die Feuchtigkeit aus der Erde trieb und den Boden mit dünnen, silbrig schimmernden Schwaden bedeckte. Elfentage, an denen man, wie ihre Nichte behauptete, die Waldwesen im Nebel tanzen sehen konnte, wenn man sich ganz still verhielt.

Tage, an denen es auch sie ins Freie lockte, in die Natur. Dann fühlte sie sich wieder jung, lief leicht und behände über das feuchte Gras, zog die Schuhe aus, um das Prickeln unter den Fußsohlen zu spüren.

Wie sie es liebte! So sehr wie das Leben.

Hier werde ich wieder zu mir kommen, hatte sie gedacht, und dann entscheiden, wie es weitergehen sollte. Am Ende der Woche würde sie wissen, welche Richtung ihr Leben nehmen würde. Und wie sehr sie ihren Mann für seine Untreue würde bluten lassen.

Sie seufzte tief.

Mit jedem Tag hatte sie an Stärke und Zuversicht gewonnen. Sie war durch herbstlich verfärbte Wälder gegangen und über Höhen gewandert, bis ihre Beine schmerzten. Hatte sich vor der Kapelle der ehemaligen Abtei Notre-Dame de Lure unter die gewaltigen Buchen gestellt und sich von der be­­sonderen Kraft des Ortes berühren lassen. Am Nachmittag des dritten Tages war sie zu einem Bauernhof gefahren und hatte Brot gekauft, eine Flasche Milch und Ziegenkäse. Es war der einzige Kontakt mit anderen Menschen gewesen, bis heute.

Ein schrilles Rufen hatte sie geweckt. Als sie die Augen aufschlug, war das Zimmer in das Graublau des Morgens getaucht. Zuerst dachte sie, es sei der Schrei eines Adlers gewesen, aber als er sich wiederholte, erkannte sie, dass es ein mensch­licher Laut war. Es klang wie ein Kind, das sich verirrt hatte und das nun vor dem Fenster stand und um Hilfe bat. Sie stand auf, schob die Vorhänge zurück, spähte hinaus. Gerade stahl sich die Sonne über die Bergkämme und tauchte die Wiese vor der Hütte in orangefarbenes Licht.

Überwältigt von der Schönheit des Anblicks, öffnete sie das Fenster und sog die Morgenluft ein. Sah hinüber zur Wiese, in deren Mitte die rosafarbenen Köpfe der Wildblumen leuchteten.

Das Geräusch war verschwunden. Aber was auch immer es gewesen war, es zog sie nach draußen. Da sie schon einmal wach war, wollte sie diesen neuen Morgen genießen. Rasch zog sie ein paar Sachen über und kämmte sich das Haar. In plötz­lichem Überschwang setzte sie den Blütenkranz auf und lief hinaus.

Hätte ich nur auf die Warnung gehört!

»Die Gegend ist gefährlich geworden für eine Frau«, hatte der Bauer gesagt, während er den Käse in ein Stück Papier schlug. »Sie sollten nie alleine losgehen.«

»Was soll schon passieren?«, hatte sie erwidert und gelacht. »Der Mord war ein Einzelfall. Wer sollte schon ein Interesse an mir haben, ausgerechnet an mir?«

Sie hatte sich geirrt.

Könnte ich doch nur die Zeit zurückdrehen!

Aufseufzend ließ sie die Hand sinken. In der Bewegung riss sie einige Blütenblätter mit, sie rieselten herab, verloren sich im Halbdunkel. Könnte sie doch nur die Zeit zurückdrehen, bis zum Morgen.

Aber wie hätte sie auch vorhersehen sollen, dass ein Mann mit angelegtem Gewehr auf sie wartete, kaum dass sie ins Freie getreten war. Die Entschlossenheit in seinem Blick ließ keinen Zweifel daran, warum er sie herausgelockt hatte.

Sie war zurückgehastet, war den Schüssen ausgewichen und ins Haus gestürzt. Hatte die Tür verriegelt, um nun in der kleinen, fensterlosen Speisekammer auszuharren.

Plötzlich meinte sie, ein Geräusch zu hören. Ein Kratzen, dann das Splittern von Holz, auf das ein lautes Krachen folgte. War er ins Haus eingedrungen? Mit klopfendem Herzen drängte sie sich gegen die Regale in ihrem Rücken, versuchte, die aufsteigende Panik herunterzuwürgen. Jetzt waren Schritte zu hören, das Knacken der Dielen.

Er darf mich nicht finden!

Immer tiefer kroch sie zwischen die Vorräte, riss Konserven um und Flaschen, die mit lautem Klirren zu Bruch gingen. Eine klebrige Flüssigkeit breitete sich unter ihr aus, dann wurde die Tür aufgerissen. Gleißende Helligkeit durchdrang den Raum. Sie kniff die Augen zusammen und hielt die Hände schützend vors Gesicht, als sich der Körper des Mannes in den Türrahmen schob, bis das Licht ihn umgab wie ein zuckender Kranz.

»Was wollen Sie von mir? Warum tun Sie das?«

Er schwieg, sein Atem ging schwer. Langsam kam er auf sie zu. Mit zusammengekniffenen Augen und erhobenem Gewehr.

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich leben …« Ihre Stimme klang schrill, hallte in ihren Ohren nach. »Mein Mann wird Ihnen alles geben, was Sie wollen«, keuchte sie. »Wie viel Geld brauchen Sie? Es ist egal, wie viel. Er kann es auftreiben.«

Der Fremde schwieg.

»Brauchen Sie Hilfe? Mein Mann ist ein einflussreicher …« Sie brach ab. Ein entsetz­licher Gedanke stieg in ihr auf. Sie schrie, als sie ihn ausspie. »Hat er Sie geschickt?«

Der Knall war ohrenbetäubend. Und noch bevor sie den Druck in ihrem Körper spürte, im Kiefer und in den Wangenknochen, dachte sie daran, dass ihr Fehler womöglich nicht darin gelegen hatte hinauszugehen, sondern darin, ihn zu heiraten.

1

»Noch etwas compote?«

Pierre nickte, ohne die Augen zu öffnen. Obwohl in seinem Magen kaum noch Platz für eine einzige dieser lauwarmen, süß zerschmelzenden Früchte war, vermochte er die verlockende Offerte nicht abzulehnen. Beim besten Willen nicht. Wenn Charlotte ihn zu sich einlud, um eines ihrer mehrgängigen Menüs zu zaubern, dann konnte er nicht anders, als seinen Bauch bis zum Äußersten zu strapazieren.

Ja, natürlich, es war unfein. Disziplin und eine gewisse Selbstbeherrschung waren grundlegende Dinge, zu denen man in der Lage sein sollte, wenn man die fließende Grenze zwischen Genießer und Gierschlund nicht überschreiten wollte. Jedes Mal nahm er sich vor innezuhalten, wenn sein Magen ihm das Gefühl von Sättigung vermittelte. Abzulehnen, wenn Charlotte ihm einen Nachschlag anbot. Nur um jedes Mal aufs Neue zu scheitern.

»Gerne!«

Er hätte sich in die Schüssel legen können, in der sie das Kompott aufbewahrte und aus der sie, wie er deutlich hören konnte, nun mit einem Löffel die letzten Reste herauskratzte.

Selig lächelnd fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen, während er den Duft mit bebenden Nasenflügeln einsog.

Endlich hörte er, wie sie die Dessertschale abstellte, öffnete die Augen und betrachtete die gekochten Pflaumen und Pfirsiche, die sich wie eine Haube über die sahnige Joghurtcreme legten. Tauchte den Löffel in das Dessert, wobei er darauf achtete, sämt­liche Zutaten zu erwischen, und schob ihn in den Mund. Genoss die zitronige Note der warmen, weichen Früchte, die in Verbindung mit der Creme und dem Sirup einfach göttlich war.

»Dir scheint es ja richtig zu schmecken!«

Pierre sah auf. Charlotte hatte sich wieder gesetzt und lächelte so breit, dass er sich unwillkürlich fragte, wie lange sie ihn wohl schon beobachtete.

»Und wie!«, entfuhr es ihm. »Du solltest ein Kochbuch schreiben.«

Doch als er das Strahlen sah, das ihr Gesicht schlagartig er­­hellte, ärgerte er sich über die unbedachte Äußerung. Charlotte war eine begeisterungsfähige Person. Was sie viel zu rasch in immer neue Projekte trieb, sodass er inzwischen aufpassen musste, was er sagte. Eine inspirierende Bemerkung, eine funkende Idee – und schon brannte sie lichterloh vor lauter Tatendrang.

So war es bei seinem renovierten Bauernhaus gewesen, das Charlotte mit ungebremster Leidenschaft sehr behaglich, aber gleichzeitig modern eingerichtet hatte. Der Stil hätte jeden Innenarchitekten in Verzückung versetzt. So war es auch bei ihrer Épicerie, die sie nur wenige Wochen nach der Kündigung als Chefköchin eines Luxushotels in einer ehemaligen Weinhandlung eröffnet hatte. Und in der sie neben selbst gemachter Konfitüre und einer Auswahl an regionalen Wurst- und Käsesorten auch urprovenzalische Gerichte à emporter anbot. Täglich frisch, nur mit Unterstützung einer Küchenhilfe.

»Ein Kochbuch? Eine großartige Idee!«, sagte sie mit einer Stimme, die ihn fürchten ließ, dass es für sie kein neuer Gedanke war.

»Nein!«, entgegnete er vehement. »Du hast auch so schon genug zu tun.«

»Findest du?«

»Ja. Wir sehen uns kaum noch. Und wenn, dann stehst du meist in der Küche.«

»Bislang hat es dich nicht gestört.«

Sie verzog den Mund, und Pierre erkannte an der Art, wie sie die Arme verschränkte, dass er sich auf heikles Terrain begab. Aber er hatte nicht vor, eine Diskussion zu beginnen. Nicht an einem so schönen Abend wie diesem.

»Ich liebe dein Essen, ma douce«, sagte er in sanftem Tonfall. »Aber du arbeitest viel zu viel. Ich mache mir langsam Sorgen, dass dein Leben nur noch aus der Épicerie besteht.«

»Und wenn schon. Was ist verkehrt daran, dass mir meine Arbeit Spaß macht?«

»Nichts. Aber es gibt auch noch anderes im Leben.«

»Das da wäre?« Sie beugte sich vor. Erwartungsvoll.

Pierre zögerte. Ihr Blick verriet, welche Antwort sie von ihm erhoffte. Dass es nur einen Punkt gab, der wichtiger war als ihre Berufe: ihre Liebe, die es endlich zu vertiefen galt.

Pierre griff nach der Serviette und tupfte sich über die Stirn, auf der sich Schweißtropfen gebildet hatten. »Ähm … ich habe damit eigentlich gemeint, dass du auch mal an dich denken sollst. Ein wenig mehr Freizeit würde dir guttun.«

»Freizeit?« Charlotte richtete sich wieder auf, die Brauen erhoben. »Und wie soll diese Freizeit deiner Meinung nach aussehen? Soll ich vielleicht mit dir auf dem Bouleplatz abhängen oder in der Bar du Sud?«

»Nein.« Pierre lachte. Es sollte entwaffnend klingen, doch es war eher ein Husten. »Ich dachte an etwas Entspannendes. Lesen oder Shoppen gehen, was Frauen eben gerne so machen. Du musst dich auch mal erholen.«

»Wenn wir in Urlaub fahren, ist das Erholung genug. Mehr brauche ich nicht. Ich kenne meine Grenzen, Pierre, und ich liebe meine Arbeit, mir geht es gut dabei.«

»Na schön«, gab er sich geschlagen. Es war schließlich ihr Leben. Pierre lehnte sich im Stuhl zurück und dachte an die bevorstehenden Tage. »Unsere erste gemeinsame Reise! Ich freue mich auf die Spaziergänge am Meer, auf die Abende zu zweit.«

»Ja … ich auch.« Charlotte stieß ein Seufzen aus. »Allerdings weiß ich nicht, wie ich bis Freitag alles hinbekommen soll. Es ist noch so viel zu tun.«

»Das schaffst du schon, du wirst sehen. Am Donnerstagabend hängst du das Abwesenheitsschild an die Glasscheibe, sperrst den Laden zu und lässt einfach alles hinter dir. Wir sind ja nicht lange fort, es sind nur sieben Tage.«

Charlotte zögerte, als wolle sie etwas darauf erwidern, dann lächelte sie zaghaft. »Ich tue mein Bestes.«

Pierre schob die Hand vor und strich Charlotte über den Arm. Er wusste, wie schwer es ihr fiel, das Geschäft wegen des Urlaubs zu schließen. Aber Anfang November, so sein Argument, sei ohnehin nicht viel los, da falle es kaum ins Gewicht, wenn sie einmal nicht erreichbar sei. Außerdem könne sie Kraft tanken für die hektische Weihnachtszeit, die sich bereits jetzt in einem prall gefüllten Auftragsbuch ankündigte, in das sie die Vorbestellungen für ihren Catering-Service eintrug.

Eine entspannte Zeit lag vor ihnen, eine Woche nichts als Strand, Sonne und Meer. Sie würden nach Banyuls-sur-Mer fahren. Dorthin, wo Charlottes Mutter aufgewachsen war und wo sie als Kind viele Sommer verbracht hatte.

Dick eingepackt würden sie auf einer der Bänke sitzen, von denen aus man über den kleinen Hafen schauen konnte. Oder in einem der Cafés mit Blick auf den von farbenfrohen Häusern gesäumten Badestrand, über den zu dieser Jahreszeit nur wenige Spaziergänger flanieren würden. Sicher würden sie auch den Jardin Méditerranéen und das Aquarium des Forschungszentrums für Ozeanologie besuchen und nach Perpignan fahren oder nach Cadaqués, wo eine entfernte Cousine von Charlotte lebte. Nur dies, nicht mehr. Alles konnte, nichts musste.

Pierre freute sich so sehr auf die Woche, dass es ihn selbst überraschte. Urlaub hatte für ihn nie die Wichtigkeit gehabt, die andere ihm beimaßen. Warum auch? In Sainte-Valérie hatte er alles, was er brauchte, er fühlte sich wohl, war gerne hier, selbst an seinen freien Tagen.

Es war für ihn der erste Urlaub, seit er aus Paris weggezogen war. Überhaupt der erste seit vielen Jahren. Als junger Kommissar war Pierre einmal in Biarritz gewesen. Mit seiner damaligen Freundin Suzanne, der er einen Verlobungsring hatte anstecken wollen – zumindest bis zu dieser Reise. Den Ring hatte er wieder zum Juwelier gebracht, kaum dass sie zurückgekehrt waren. Aber das war eine andere Zeit. So fern. Fast schon unwirklich.

Suzanne … Er hatte sie fast vergessen. Zum Glück.

»Und über den Urlaub hinaus?«, fragte Charlotte in seine Gedanken. Sie legte den Kopf schräg und lächelte ihn an. Das warme Licht der Kerze übergoss ihre schulterlangen kastanienbraunen Locken mit einem röt­lichen Schimmer. »Vielleicht sollten wir etwas unternehmen, damit wir mehr Zeit füreinander haben. Trotz Arbeit.«

»Was meinst du damit?«

Charlotte reckte das Kinn und sah ihn herausfordernd an. »Nun komm schon, Pierre, du weißt genau, wovon ich spreche.«

Ihm wurde schlagartig warm. Natürlich wusste er, worauf sie anspielte. Obwohl sie anfangs scherzhaft behauptet hatte, sie behalte lieber ihre eigene Wohnung, statt mit einem ewigen Junggesellen zusammenzuziehen, war es genau das, was sie inzwischen herbeisehnte.

»Na ja …«, begann er zögernd, während er die Hand wieder von ihrem Arm nahm. Er überlegte, wie er sich der Situation elegant entziehen könnte, versuchte es schließlich mit einem Scherz. »Deine Idee war eigentlich gar nicht so übel«, sagte er mit jungenhaftem Grinsen.

»Ja?«

»Wir könnten nach der Arbeit gemeinsam in der Bar ver­­sacken. Oder ich bringe dir das Boulespielen bei.«

Charlotte lachte nicht. »Du bist ein Kindskopf!«, presste sie hervor und erhob sich, ging zur Küchenzeile hinüber, wo heftiges Scheppern einsetzte.

Angespannt sah Pierre ihr nach, dann schob er mit un­­willigem Schnalzen die halbvolle Dessertschale von sich. Wie ge­­reizt sie geklungen hatte. Hätte er doch bloß nichts ge­­sagt!

Er widerstand dem Impuls, aufzustehen und Charlottes Wohnung zu verlassen, stattdessen folgte er ihr. Ja, auch er sehnte sich nach mehr Zweisamkeit, wenngleich er sie gerne wohl dosierte. Allein der Gedanke, seine Freiheit aufzugeben und mit Charlotte zusammenzuziehen, schnürte ihm den Hals zu. Doch er wollte nicht, dass sie es als Ablehnung begriff, sondern als Teil seiner Persönlichkeit.

Charlotte stand mit dem Rücken zu ihm da, beide Hände auf die Arbeitsplatte gestützt. Er trat näher, und als er über ihr Haar streichen wollte, fuhr sie herum.

»Vergiss es!«, blaffte sie und funkelte ihn mit dunkelgrünen Augen an. »Vergiss einfach, was ich gesagt habe.«

»Das kann ich nicht.« Er nahm sie in die Arme und zog sie an sich, bis ihr Gesicht ganz nahe war. »Ich liebe dich. Dass ich nichts davon halte zusammenzuziehen, hat nichts mit meiner Liebe zu dir zu tun, sondern damit, dass ich es manchmal brauche, alleine zu sein. Wahrscheinlich werden wir«, er lächelte sanft, »wenn wir einmal verheiratet sind, noch immer in getrennten Wohnungen leben.«

»Verheiratet?« Es war nur ein Flüstern. »Das glaubst du doch selbst nicht.«

Sie rückte von ihm ab, doch er zog sie erneut an sich heran. Küsste sie auf den Mund, den Hals, bis er spürte, dass ihr Widerstand schwand. Behutsam strich er ihr über den Nacken, ließ die Hand tiefer wandern, den Rücken hinab und von dort unter ihre Bluse. Er wollte nicht mehr darüber reden. Wollte sie stattdessen spüren lassen, dass sie sich keine Sorgen machen musste. Dass er sie mehr liebte als …

Ein lautes Quaken ertönte.

Pierre schrak zusammen. Er kannte den Klingelton nur zu gut. Er hatte ihn für eine ganz bestimmte Person eingestellt, damit er wusste, wann er sich besser zweimal überlegen sollte, ob er den Anruf annahm oder nicht.

»Was ist das?«, fragte Charlotte irritiert.

»Nichts.«

Wieder das Quaken. Es kam aus dem Flur, wo er seine Jacke aufgehängt hatte. Nervtötend. Und, so schien es ihm, in immer kürzeren Abständen.

»Es klingt wie eine Ente.«

»Das ist mein Telefon.«

»Seit wann …?«

Pierre blies die Backen auf und stieß die Luft aus. »Glaub mir, es ist nicht wichtig. Der Anrufer ist Arnaud Rozier.«

»Unser Bürgermeister? Um diese Zeit? Es ist nach zehn.«

»Ja. Lass uns einfach weitermachen. Das Klingeln hört auf, sobald sich der Anrufbeantworter einschaltet.«

Das Quaken erstarb. Pierre seufzte und vergrub das Gesicht in ihrer Halskuhle. Sog Charlottes warm-vanilligen Duft ein, den er über alles liebte.

»Wo waren wir stehen geblieben?«, murmelte er.

Es quakte erneut.

»Scheint wichtig zu sein.« Charlotte schob ihn von sich. »Du solltest besser rangehen.«

»Verdammt!«

Mit gerunzelter Stirn ließ er von ihr ab und ging zu seiner Jacke. Langsam, in der Hoffnung, dass Rozier inzwischen aufgab. Doch kaum dass sich die Mobilbox eingeschaltet hatte, setzte wieder das Quaken ein. Charlotte hatte recht, es musste dringend sein.

»Was gibt’s?«, brummte er in den Hörer.

Arnaud Rozier keuchte. »Du musst sofort kommen. Es geht um Leben und Tod!«

2

Arnaud Rozier wohnte in einem hübschen zweistöckigen Steinhaus im Chemin des Liserons. Die Fassade war in einem schlichten Naturton gehalten, der sich von dem der anderen Bauten kaum abhob, dazu pastellblaue Fensterläden. Pierre hatte sich immer vorgestellt, der Bürgermeister würde Knallfarben bevorzugen, etwas Dominantes, Auffälliges. Laut und geckenhaft wie sein Auftreten. Doch sein Zuhause war das Ge­­genteil. Bescheiden, dezent, fast unauffällig. Während Pierre den Finger zum Klingelknopf hob, fiel ihm auf, dass er noch nie bei seinem Vorgesetzten zu Besuch gewesen war. Es hatte sich bisher nicht ergeben.

Die beiden pflegten ein von Respekt geprägtes Arbeitsverhältnis, das sich im Lauf der Jahre – trotz zeitweiliger Querelen – recht gut eingespielt hatte. Im Wesen und Charakter waren sie jedoch derart unterschiedlich, dass Pierre sich Besseres vorstellen konnte, als seine kostbare freie Zeit mit Rozier zu verbringen. Da der Bürgermeister ihn noch nie zu sich eingeladen hatte, schien es auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

Noch bevor Pierre die Klingel betätigte, wurde die Tür aufgerissen.

»Na endlich!«, stieß der Bürgermeister hervor, dessen schütteres Haar seltsam zerzaust wirkte. Er blickte sich um und zog Pierre hastig ins Haus. »Gut, dass du da bist!«

Aus dem Hintergrund drang ein lautes, wütendes Kläffen.

»Seit wann habt ihr einen Hund?«, fragte Pierre verwundert.

»Ach, das ist eine lange Geschichte. Erzähle ich dir ein andermal.«

Am Ende des Flures war ein Kratzen zu hören, dann ein Winseln.

»Willst du ihn nicht rauslassen?«

»Bist du verrückt? Dann können wir uns gar nicht mehr un­­terhalten.« Rozier brüllte ein paar scharfe Kommandos in Richtung des Winselns, das sofort verstummte, dann wandte er sich wieder an Pierre. »Warte hier, ich schließe erst einmal ab.«

Pierre blieb im Eingangsbereich stehen und sah sich um, während der Bürgermeister hinter ihm geräuschvoll das Schloss verriegelte. Der Flur war cremefarben gestrichen und liebevoll dekoriert. Neben einem kunstvoll gearbeiteten Garderobenspiegel hing eine Kollektion von Strohhüten, auf einem weißen Holztischchen stand eine patinierte Vase mit Trockenblumen.

»Nanette kümmert sich um die Einrichtung«, sagte Rozier, der Pierres Blick bemerkt hatte, und es klang wie eine Entschuldigung. »Alles hier trägt ihre Handschrift.«

»Es ist hübsch.«

»Findest du?« Rozier runzelte die Stirn. »Ein bisschen zu weiblich für meinen Geschmack. Aber du weißt ja, wie Frauen so sind. Wenn sie erst mal das Kommando übernommen haben, kommt man nicht mehr dagegen an.«

»Das soll wohl ein Scherz sein.«

Pierre schüttelte lachend den Kopf. Roziers Frau war alles andere als dominant. Nanette war eine ruhige, ausgeg­lichene Person mit leiser Stimme, die ihrem Mann die große Bühne überließ. Sie hielt sich stets im Hintergrund wie ein Schatten, sie schlich, statt zu gehen, und mied jeg­lichen Blickkontakt. Er fragte sich, wie oft er wohl schon an ihr vorbeigegangen war, ohne es zu bemerken. Sie hatten einige Male geplaudert, er hatte von seiner Arbeit erzählt und von seinen Fällen, die sie mit Interesse verfolgte. Von ihr wusste er nur, dass sie gerne Ausstellungen besuchte und sich für Kunst interessierte. Und dass sie sich sozial engagierte, allerdings konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wofür genau.

»Doch, doch«, entgegnete Rozier. »Du glaubst gar nicht, welche Hartnäckigkeit Nanette an den Tag legen kann, wenn wir alleine sind. Du solltest mal sehen, wie sie …«

»Schon gut«, unterbrach ihn Pierre. Er hatte nicht vor, sich Geschichten aus dem Eheleben seines Vorgesetzten anzuhören. »Nun erzähl schon. Warum hast du mich zu so später Stunde herbestellt?«

Arnaud strich sich über das zerzauste Haar. »Nanette ist verschwunden. Seit fast zwei Wochen.«

»Zwei Wochen?«, echote Pierre und riss die Augen auf. »Und das ist dir erst heute Abend aufgefallen, oder wie?«

Der Bürgermeister sah ihn tadelnd an, dann zuckte er die Schultern. »Natürlich nicht. Ich hatte gehofft, dass sie wiederkommt. Dass sie mich nur ein bisschen zappeln lässt, um dann reumütig heimzukehren. Aber heute ist etwas passiert, das mich glauben lässt …« Er brach ab. »Magst du Traubenbrand? Ich brauche jetzt einen.«

Pierre nickte, obwohl es seine Hoffnung schmälerte, das Ge­­spräch rasch beenden zu können. Rozier tat ihm plötzlich leid.

Der Bürgermeister sah müde aus, nun fielen Pierre auch die Augenringe auf, vermutlich Zeugnisse durchwachter Nächte. Offenbar machte er sich tatsächlich Sorgen um seine Frau, da wollte Pierre ihn nicht alleine lassen. Egal wie leidlich ihr Verhältnis bislang gewesen war.

Er folgte Rozier ins behag­liche Wohnzimmer, wartete, bis er einige herumliegende Zeitungen zusammengerafft hatte, und nahm dann auf dem angebotenen Sessel Platz. Dabei fiel sein Blick auf die wöchentlich wechselnde Karte von Charlottes L’Épicerie provençale mit den Gerichten zum Mitnehmen. Er lächelte. Charlottes Geschäft lief gut, immer häufiger sah er die Papiertüten mit dem floralen Aufdruck, in denen Touristen wie Einheimische ihre Köstlichkeiten in Ferienhäuser und Wohnungen trugen.

»Du hast am Telefon gesagt, es gehe um Leben und Tod«, begann Pierre, nachdem der Bürgermeister kurz den Raum verlassen hatte und mit zwei Gläsern und einer teuer aussehenden Flasche zurückgekehrt war. »Was ist denn passiert?«

»Wenn ich das wüsste …« Rozier füllte die Gläser mit dem klaren Brand und setzte sich Pierre gegenüber aufs Sofa. »Nanette und ich haben uns gestritten. Das kommt ab und zu vor, daher habe ich mir auch nichts dabei gedacht, als sie ohne ein Wort verschwunden ist.« Er prostete Pierre zu und leerte sein Glas in einem Zug.

Pierre hob den Schnaps zum Mund – er roch mild und elegant – und trank einen kleinen Schluck, bevor er das Glas wieder abstellte. »Verschwindet sie häufiger mal?«

»Eigentlich nicht. Einmal ist Nanette nach einem Streit an die Küste gefahren, um einen klaren Kopf zu bekommen, aber sie hat mir einen Zettel dagelassen. Dieses Mal ist sie ohne Hinweis davon. Kein Anruf. Nichts. Ich dachte, sie wolle mir eine Lektion erteilen.«

»Eine Lektion?« Pierre beugte sich vor. »Warum? Was ist geschehen?«

»Nun ja …« Rozier fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Du weißt doch selbst, wie das ist. Ein Wort gibt das andere, und zack kommt man in eine Spirale, aus der man so schnell nicht wieder rausfindet. Man sagt Dinge, die man später bereut. Normalerweise bewahrt Nanette die Ruhe und wartet ab, bis sich der Sturm verzogen hat. Sie ist diejenige, die die ersten versöhn­lichen Worte spricht und dafür sorgt, dass wir uns wieder vertragen. Aber nicht dieses Mal.« Er schenkte sich nach, ohne einen Blick auf Pierres Glas zu werfen, und schüttelte den Kopf. »Diesmal hat sie gemeint, dass sie es nicht mehr aushält. Weißt du, Pierre, das war schon hart. So etwas hat noch nie eine Frau zu mir gesagt.«

Er wirkte gekränkt, verzog den Mund. Im Hintergrund bellte der Hund, laut und ausdauernd.

Pierre runzelte die Stirn. »Sie muss ganz schön wütend auf dich gewesen sein.«

»Völlig grundlos! Sie hat behauptet, ich würde viel zu wenig auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ich sei ein Egoist. Da bin ich eben ausgeflippt. Ich meine, es geht ihr doch gut bei mir, oder etwa nicht? Sie hat ein hübsches Haus, genügend Freihei­ten … Wer bezahlt denn die ganzen Kunstreisen, hm? Die vielen Kleider, all das Zeug hier.« Er ließ die Hand von der weißen Anrichte, in der eine Sammlung dekorativer Windlichter stand, über das aus allen Nähten platzende Bücherregal bis zu dem silbernen Tablett auf dem Couchtisch schweifen, das gefüllt war mit getrockneten Rosenblättern in Rosé, Pink und Rot. »Wir führen eine gute Ehe, Pierre. Es gibt nichts auszusetzen.«

»Manchmal brauchen Frauen mehr als das.« Pierre lächelte. Er hörte sich schon an wie Farid, der ihm einst wegen seiner Ignoranz weib­lichen Bedürfnissen gegenüber eine saftige Predigt gehalten hatte.

»Papperlapapp. Was glaubst du, woher all die Rosenblätter stammen? Jedes einzelne Blatt steht für einen ganzen Strauß. Jetzt brauchst du nur noch nachzuzählen. Weißt du, wie teuer Blumen sind? Trotzdem schenke ich ihr welche. An jedem verdammten Samstag.«

Roziers Gesicht hatte sich gerötet, die Brauen waren zusammengezogen. Nach Bestätigung heischend sah er Pierre an.

Der seufzte nur. »Nachdem sie dir gesagt hat, dass sie es nicht mehr aushält, ist sie also gegangen«, rekapitulierte er.

»Nicht sofort. Wir sind wortlos schlafen gegangen, sie hat sich nicht einmal bei mir entschuldigt! Am nächsten Morgen bin ich zur Arbeit, ohne mich von ihr zu verabschieden … Jetzt sieh mich nicht so an, ich habe auch meinen Stolz. Als ich am Abend zurückkam, war sie fort. Ohne eine Nachricht, ohne ein Wort.«

»Hat sie ihre Sachen mitgenommen?«

»Ein Koffer fehlt. Und ein paar Kleidungsstücke. Aber das meiste ist noch da. Sogar den Hund hat sie hiergelassen. Ich meine, was soll ich denn den ganzen Tag mit dem Tier tun, er ist ja noch ein Welpe. Ins Büro kann ich ihn auf keinen Fall mitnehmen, der pinkelt mir ja alles voll.« Rozier strich sich übers Haar. »Sie hat mich einfach so im Stich gelassen, nach dreiunddreißig Jahren!«

»Und ihr Telefon?«

»Ist abgeschaltet. Eine unfeine Art, mich zu bestrafen. So etwas tut man nicht!«

»Arnaud …«, begann Pierre und rollte die Augen. Er ahnte, warum Nanette verschwunden war, aber es ging ihn nichts an. »Hast du mich im Ernst mitten in der Nacht hergerufen, weil du dich darüber ärgerst, dass deine Frau dich verlassen hat?«

»Wenn es nur das wäre …« Rozier atmete tief ein. »Ich be­­fürchte, dass es jemanden gibt, der das ausschlachten will. Du weißt, dass wir mitten in den Vorbereitungen zur nächsten Kom­­munalwahl stecken. Momentan sieht es so aus, als würde der Gemeinderat ähnlich zusammengesetzt wie bisher, und die mehrheit­liche Zustimmung der Ratsmitglieder scheint mir sicher. Aber bis zum März sind es noch vier Monate. Da kann allerhand passieren …«

»Du glaubst also, jemand wolle sich euren Ehestreit zunutze machen?«

»Allerdings! Ich will, dass du nach Nanette suchst. Inoffiziell. Sie soll zurückkommen und sich im Dorf zeigen, bevor das Gerede anfängt.«

»Bitte?« Pierre erhob sich. Wie dumm von ihm zu glauben, Rozier hätte auch eine empfindsame Seite. Doch statt sich um das Wohlbefinden seiner Frau zu sorgen, dachte er nur an seine Reputation. »Findest du nicht, dass es deine Aufgabe wäre, nach ihr zu suchen?«

Auch Rozier stand auf. Fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. »Den Gefallen werde ich meinen Gegnern nicht tun. Ich habe alles dafür getan, ein respektabler Politiker zu sein, dem die Leute vertrauen, der Souveränität ausstrahlt und die Dinge ruhig und sachlich regelt. Und nun soll ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend laufen und mich lächerlich machen, weil ich nicht weiß, wo meine Frau steckt?«

»Die Menschen würden es verstehen.«

»Von welchen Menschen redest du? Die meisten, die ich kenne, würden mich noch Jahre später damit aufziehen. Nein, Pierre, das kann ich nicht, damit wäre alles zerstört, was ich mir mühsam aufgebaut habe. Das muss ein anderer machen!« Er trat vor und legte die Hand auf Pierres Schulter. »Und ich kann mir niemanden vorstellen, der das besser könnte als du.«

Pierre schüttelte die Hand ab. »Wie stellst du dir das vor? In zwei Tagen beginnt mein Urlaub.«

»Dir ist also dein Urlaub wichtiger als die Tatsache, dass Nanette etwas zustoßen könnte?«

»Etwas zustoßen?« Jetzt wurde es ihm langsam zu bunt. »Bislang hast du nicht den Eindruck gemacht, dass du dir Sorgen um sie machst. Ganz im Gegenteil.«

»Warum hätte ich mir auch welche machen sollen?«, rief Rozier aus. »Nanette ist eine eigenständige und manchmal äußerst dickköpfige Frau.« Er senkte die Stimme. »Ich habe geglaubt, es sei nur eine schlechte Phase. Etwas, das vorübergeht. Bis heute …« Er atmete schwer. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. Es gibt eine Sache, die dem Ganzen einen unschönen Beigeschmack verleiht.«

»Und die wäre?«

»Ich hatte Besuch von der Kriminalpolizei. Jemand hat behauptet, ich hätte meiner Frau etwas angetan.«

3

Pierre schlug den Kragen seiner Jacke hoch, verbarg das Gesicht vor dem kalten Wind, der durch die nächt­lichen Gassen zog. Er war besorgt, nun da er die ganze Geschichte kannte.

»Die Beamten haben mich ausgefragt«, hatte Rozier erzählt. »Was ich zu den Vorwürfen zu sagen hätte, ob ich wisse, wo Nanette steckt. Ich habe ihnen ganz offen von dem Streit erzählt und dass sie sicher bald wieder da ist. Ich habe ja nichts zu verbergen! Aber sie scheinen mir nicht zu glauben. Jedenfalls wollen sie meine Aussagen überprüfen und wiederkommen.«

»Das ist ihr Job. Haben sie denn irgendetwas Konkretes in der Hand?«

»Das haben sie mir nicht verraten. Was soll das auch schon sein?« Rozier rieb sich mit den Händen übers Gesicht. »Sie gehen davon aus, dass Nanette Angst vor mir hatte. Meine eigene Frau! Dabei habe ich nie auch nur die Hand gegen sie erhoben!«

Pierre glaubte ihm. Rozier mochte ein Gockel sein und die Dinge gerne zu seinem Vorteil auslegen, aber er war ein rechtschaffener Mann. Auf keinen Fall war er ein Schläger. Obwohl, schob Pierre in Gedanken hinterher, es durchaus einige Situationen gegeben hatte, bei denen man sich fragte, ob der Bürgermeister noch bei Verstand sei.

»Jemand hat also behauptet, du hättest Nanette etwas angetan«, wiederholte er. »Hast du eine Ahnung, wer das war?«

»Nein. Nachdem die Beamten gegangen waren, habe ich lange darüber nachgedacht, dann habe ich plötzlich verstanden, was das soll. Jemand fährt eine Schmutzkampagne gegen mich und will mich diskreditieren, damit ich nicht wiedergewählt werde. Die Person, die sich bei der Polizei gemeldet hat, wollte anonym bleiben. Das sagt doch alles, nicht wahr?« Er schnaubte. »Wahrscheinlich war es Marechal. Der Jungspund will sich ebenfalls als Kandidat aufstellen lassen und hofft darauf, dass sich der Gemeinderat auf die Seite der Jugend schlägt, so wie bei der Bürgermeisterwahl in Gordes.«

»Der Bürgermeister von Gordes hat seinen Posten freiwillig geräumt, weil sie ihn zum Präsidenten des Département-Rats der Vaucluse gewählt haben.« Pierre schüttelte den Kopf »Abgesehen davon hat Marechal es nicht nötig, dich zu diskreditieren.«

Gabriel Marechal war ein engagierter junger Mann, der sich für die Errichtung einer modernen Kindertagesstätte einsetzte, um Sainte-Valérie für Familien attraktiver zu machen. Ein ernstzunehmender Konkurrent, der Rozier auch ohne Intrigen in Bedrängnis bringen konnte.

»Oder«, überlegte der Bürgermeister weiter, ohne auf den Einwand einzugehen »es war einer von den Alten. Entweder Carbonne, Poncet oder Oudart. Auch wenn mich das heftig enttäuschen würde, wir haben uns mittlerweile ganz gut zusammengerauft.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, entgegnete Pierre. Der alte Uhrmacher, der Mechaniker und der Krämer hatten sich noch wenige Monate zuvor in ihren Groll gegen das Dorfoberhaupt hineinsteigert. Bis sie sich endlich ausgesprochen hatten. Seitdem hatte Pierre den Bürgermeister sogar ab und zu mit den Alten Boule spielen sehen.

Nein, es musste jemand anderen geben, der Rozier schaden wollte. Allerdings fiel ihm niemand ein, der so weit gehen würde, den Streit mit Nanette für eine Intrige auszunutzen.

»Mal angenommen«, fasste Pierre zusammen, »du hättest recht mit deiner Vermutung und es gibt tatsächlich jemanden, der deine politische Karriere zerstören will. Dann müssten wir voraussetzen, dass derjenige von Nanettes Verschwinden weiß. Hast du eine Idee, wer das sein könnte?«

»Niemand weiß davon, das ist ja das Eigenartige.« Rozier klang nachdenklich. »Ein paar Freundinnen haben vor ein paar Tagen nach Nanette gefragt, weil sie zu einer Verabredung nicht erschienen ist. Ich habe spontan behauptet, sie mache gerade eine Kulturreise durch die Toskana. Ein unerwartetes Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Genau das habe ich dann jedem gesagt, der nach ihr fragte oder auch nur Grüße ausrichten wollte.« Er seufzte. »Ich kann es mir wirklich nicht erklären. Niemand konnte es auch nur ahnen, Pierre, ich schwöre es, wirklich niemand!«

»Es sei denn, Nanette hat eine Vertrauensperson, von der du nichts weißt.«

»Das wäre aber eine feine Vertrauensperson, die mir hinterrücks mit falschen Behauptungen ein Messer ins Fleisch rammt. Wer soll das denn bitte sein?« Energisch schüttelte Rozier den Kopf. »Nein, ich kenne sämt­liche Personen, die Nanettes Vertrauen genießen. Glaub mir, so groß ist der Kreis nicht, dass ich jemanden übersehen könnte.«

Pierre nickte, obwohl er bezweifelte, dass der Bürgermeister die Lage richtig einschätzte. Andere wussten da sicher mehr.

»Wer sind denn die Freundinnen, mit denen du gesprochen hast?«

»Emélie und Brigitte Bousquet, die beiden alleinstehenden Schwestern, die ihre Töpferwaren auf dem Markt verkaufen. Sie waren konsterniert, dass Nanette ihnen nicht rechtzeitig abgesagt hat. Es ging wohl um eine Wohltätigkeitssache, die ihr am Herzen lag. Aber am Ende haben sie mir die Sache mit der Kulturreise abgekauft.«

»Haben sie sich denn nicht gewundert, dass Nanette ihnen nichts davon erzählt hat?«

»Ich kann sehr überzeugend sein, wenn es darauf ankommt.« Rozier reckte das Kinn. »Außerdem ist Nanette eher der in­­trovertierte Typ, verstehst du? Sie hält sich meist zurück mit Informationen, selbst vor ihren Freundinnen.«

Pierre hatte vor allem eines verstanden: dass er die Zeit vor seinem Urlaub nutzen wollte, um der Sache nachzugehen. Nanettes Verschwinden ließ ihn nicht unberührt. Er fragte sich, ob Rozier ihm wirklich alles erzählt hatte oder ob er ein entscheidendes Detail zurückhielt, das die Angelegenheit in einem anderen Licht erscheinen ließe.

Inzwischen war Pierre vor Charlottes Haus angelangt. In den Fenstern brannte Licht, er hoffte, dass sie noch wach war. Mit ihr konnte man gut reden, sie half einem, die Gedanken zu sortieren. Nanette war eine ihrer treuesten Kundinnen, sicher wusste sie die Situation besser einzuschätzen als er selbst oder Rozier.

Pierre blies die Luft durch die Backen und blickte den weißen Atemwölkchen nach, die in Richtung des sternenübersäten Novemberhimmels zogen. Dann holte er den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür, während er in Gedanken überschlug, wie viel Zeit ihm noch blieb.

Morgen war Donnerstag. In knapp eineinhalb Tagen begann sein Urlaub. Am Freitag gegen zwei Uhr wollte sein Assistent Luc ihn und Charlotte zum Bahnhof nach Avignon fahren, wo sie den Zug nach Banyuls-sur-Mer nehmen würden. Um Viertel nach sieben sollten sie am Ziel ankommen.

Charlotte hatte darauf bestanden, nicht schon am frühen Morgen zu fahren, damit sie noch die Bestellungen für die Zeit nach dem Urlaub vorbereiten konnte. Zudem wollte der Uhrmacher Carbonne, der in der Zwischenzeit auf Pierres Ziegen aufpassen wollte, die übrig gebliebenen Gerichte in der Épicerie abholen, bevor sie verdarben.

Pierre hatte angesichts ihres Arbeitseifers nur den Kopf ge­­schüttelt, bevor er sich geschlagen gab. Jetzt war er froh da­­rüber, so blieb ihm mehr Zeit für die Suche nach Nanette. Er be­­schloss, ihren Freundinnen einen Besuch abzustatten. Und Commissaire Lechat anzurufen, dem er freundschaftlich verbunden war. Auch wenn die Suche nach Vermissten nicht in den Aufgabenbereich der Mordkommission fiel – nach der anonymen Anzeige hatte der Fall eine andere Gewichtung. In kleinen Dienststellen wie der in Cavaillon wurde derlei oft bereichsübergreifend bearbeitet, daher war davon auszugehen, dass der junge Kommissar mehr über die Hintergründe der Polizeiaktion zu sagen vermochte.

Pierre entdeckte Charlotte im Wohnzimmer. Sie hatte sich auf dem Ohrensessel eingerollt wie eine Katze und schlief. Neben ihr lag der Ordner mit ihren Rezepten, von denen einige mit orangefarbenen Post-its markiert waren. Leise hob er ihn auf und wollte ihn gerade auf den Sekretär legen, an dem sie immer die Buchhaltung machte, als ihm etwas entgegenrutschte. Es war ein Prospekt mit einer Collage atmosphärischer Bilder: eine Olivenmühle, ein Weinberg im Herbstlaub, ein Bauer, der dem Betrachter einige Trüffel entgegenstreckte, und ein köstlich aussehender Fleischeintopf, dem traditionellen boeuf en daube. Neugierig las er die Überschrift: Gourmetwochenende mit Martin Cazadieu & Catherine Lejeune.

Pierre musste schmunzeln. Martin Cazadieu war ihm noch von seinem ersten Mordfall bekannt, den er damals entgegen der règlements als Chef de police municipale hatte lösen wollen. Der ehemalige Sommelier des Luxushotels Domaine des Grès war ein Exarbeitskollege von Charlotte. Er hatte die Leiche des Dorfcasanovas im stählernen Weintank des Hotels gefunden, zusammen mit einem bouquet garni um den Hals und dem Rezept für coq au vin. Einer von Pierres skurrilsten Fällen, bei denen die Morde von Rezepten angeregt waren.

Cazadieu hatte kurz nach Charlottes Weggang ebenfalls gekündigt und sich mit einer Wein- und Sommelierschule selbständig gemacht. Offenbar bot er nun auch kulinarische Reisen an, der Prospekt jedenfalls versprach ein ganzes Wochenende voll provenzalischer Genüsse. Neben einer Trüffelverkostung und der Besichtigung einer Ölmühle in Cucuron fand auch eine Einführung in die Welt der Weine statt. Und in dem begleitenden Kochkurs lernten die Teilnehmer, aus herbst­lichen Zutaten schmackhafte Gerichte zuzubereiten.

Nachdenklich legte Pierre den Prospekt zurück in den Ordner. Hoffentlich hat Charlotte sich nicht davon inspirieren lassen, überlegte er. Es fehlte noch, dass sie eine Kochschule eröffnete. Eine, wie sie zu der Zeit geleitet hatte, als sie sich kennenlernten. Dann hätte sie überhaupt keine Zeit mehr, weder für ihn noch für sich. Mit dem Schritt in die Selbständigkeit hatte ihre Arbeitswut etwas Grenzenloses, Manisches bekommen. Fast schien es ihm, als habe sie Angst zu versagen, als müsse sie das Erreichte mehrfach absichern. Es war nicht mehr die Charlotte, in die er sich verliebt hatte. Sonnig, in sich ruhend und – trotz ihrer Akkuratesse – voll unbändiger Lebensfreude.

Pierre setzte sich auf die Armlehne des Sofas und betrachtete Charlottes ovales Gesicht. Angespannt sah es aus, so als würde sie im Traum kämpfen. Sanft strich er ihr über das Haar, bis sie die Augen aufschlug und ihn anlächelte.

»Oh, ich muss eingeschlafen sein«, murmelte sie. »Wie spät ist es?«

»Gleich Mitternacht.«

Erschrocken richtete sie sich auf und sah sich nach ihrem Ordner um. »Oje, ich muss morgen früh aufstehen, ich bin nicht ganz fertig geworden. Wo ist denn …?«

»Auf dem Sekretär. Es ist gut jetzt«, sagte Pierre mit Nachdruck und beschloss, heute nicht mehr mit ihr über Nanette zu sprechen. »Du brauchst deinen Schlaf.« Dann half er ihr auf und schob sie aus dem Wohnzimmer. »Irgendwann muss auch mal Schluss sein!«

4

Der Morgen war finster. Noch immer blies der Wind, und als Pierre das Fenster aufriss, um frische Luft ins Schlafzimmer zu lassen, begannen die Vorhänge einen wilden Tanz, sodass er die Flügel abrupt wieder schloss. Die Nächte waren kalt geworden, und mit jedem Tag brauchte die Sonne länger, um die Luft zu erwärmen. Gegen Mittag, so hoffte er, würden die Temperaturen um die zwanzig Grad erreichen, so wie in den vergangenen Tagen auch.

Er schaltete die Nachttischlampe an und sah sich um.

Die andere Bettseite war leer. Charlotte war bereits aufgestanden, aus der Küche drang der Duft frisch aufgebrühten Kaffees. Rasch sprang er unter die Dusche und zog sich Polizeisweatshirt und Hose über, dann ging er dem Duft entgegen.

»Guten Morgen, mon policier«, begrüßte ihn Charlotte lächelnd, während sie den Ordner mit den Rezepten hastig unter einem Kissen auf der Sitzbank verschwinden ließ. Dann schlang sie beide Hände um die große Kaffeetasse und sah ihn mit unschuldigem Blick an. »Wie war’s eigentlich gestern beim Bürgermeister? War die Angelegenheit wirklich so wichtig, wie es geklungen hat?«

Pierre warf ihr einen grimmigen Blick zu, dann beugte er sich zu einem Morgenkuss herunter, bevor er sich ebenfalls einen Kaffee nahm und ihr gegenüber setzte. »Nanette ist verschwunden. Seit zwei Wochen schon.«

»Oh!«, sagte sie nur und sah ihn aufmerksam an.

»Arnaud hat erst geglaubt, sie wolle ihn nach einer heftigen Auseinandersetzung zappeln lassen. Aber nun scheint jemand ihre Abwesenheit zu nutzen, um ihm ein Verbrechen zu unterstellen. Derjenige hat die Polizei eingeschaltet.«

»Aus welchem Grund?«

»Er soll Nanette etwas angetan haben.«

Sie lachte auf. »So ein Unsinn!«

»Das denke ich auch. Arnaud war sichtlich erschüttert wegen des Vorwurfs, er hat auf mich nicht wie jemand gewirkt, der ein Verbrechen zu vertuschen hat. Aber vor allem war er besorgt um seine Reputation.«

»Das sieht ihm ähnlich.«

»Ja.« Pierre rieb sich das Kinn. »Er ist davon überzeugt, dass es Nanette gutgeht. Er denkt noch immer, sie wolle ihn bestrafen.«

»Und was denkst du?«

»Ich kann die Lage noch nicht richtig einordnen. Die Anzeige wurde anonym erstattet. Ich hoffe sehr, dass die Person nichts mit Nanettes Verschwinden zu tun hat.«

»Eine Entführung?«

»Mög­licherweise. Ich habe das ungute Gefühl, dass Arnaud mir nicht alles erzählt hat. Vielleicht wird er erpresst.«

Mit einer nachdenk­lichen Bewegung stellte Charlotte die Kaffeetasse auf den Tisch. »Oder es war eine Freundin, die sich Sorgen um Nanette macht und nicht daran glaubt, dass sie ohne ein Wort verschwinden würde. Obwohl so etwas häufiger vorkommt, als man denkt.«

»Du meinst, sie ist einfach so gegangen? Für immer und ohne sich zu verabschieden?«

»Schon mal was von Ghosting gehört? So nennt man es, wenn ein Partner sich unvermittelt in Luft auflöst. Oft haben diejenigen, die gehen, nicht die Kraft, die Trennung offen zu kommunizieren. Nanette ist eine sensible, zurückhaltende Frau, die niemandem zur Last fallen will. Was, wenn sie Angst vor Arnauds Reaktion hatte, vor seiner Wut?«

»Aber dann hätte sie sicher ihre Freundinnen eingeweiht …« Er brach ab, als er ein Aufleuchten in Charlottes Gesicht be­­merkte.

»Das mit der Entführung können wir zumindest ausschließen«, beschied sie. »Ich bin sogar sicher, dass sie die Aktion vorbereitet hat. Bei ihrem letzten Besuch in meiner Épicerie hat sie mich gefragt, ob ich eine Karte mit den aktuellen Angeboten für sie hätte. Sie wolle die Liste jemandem geben, der sich künftig selbst versorgen müsse.«

Die Karte! Pierre richtete sich auf. »Wann war das?«

»Das kann ich dir genau sagen. Donnerstag vor zwei Wochen, am frühen Nachmittag.«

»Bist du dir sicher?« Das war der Tag, bevor Nanette gegangen war, vor dem Streit mit ihrem Mann. Hatte Nanette ihr Verschwinden tatsächlich geplant?

»Absolut. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich gerade eine frisch zubereitete Tomaten-Ziegenkäse-Tarte in die Vitrine gestellt hatte und sie mir nur eine Portion davon abnahm. Sie sagte, das sei ihr Mittagessen für den nächsten Tag. Ich wunderte mich darüber, immerhin weiß ich, dass auch ihr Mann Ziegenkäse mag und freitags zum Essen nach Hause kommt.«

»Eine Portion …«, wiederholte er nachdenklich.

»Siehst du?« Charlotte lachte, es klang erleichtert. »Also doch nur eine Beziehungsgeschichte. Und du willst mir vorwerfen, ich denke nur an die Arbeit, während du hinter jeder Unregelmäßigkeit einen neuen Fall witterst!«

»Wenn es bloß eine Beziehungsgeschichte wäre, hätte sich die police nationale gar nicht erst auf den Weg gemacht.«

»Ein Missverständnis. Du wirst sehen. Irgendwann wird sie ihrem Mann eine Karte schreiben oder jemanden vorbeischicken, der ihre Sachen abholt.« Sie erhob sich und gab ihm einen flüchtigen Kuss. »Ich muss los. Schließt du hinter dir ab?«

Schon als er in die Rue des Oiseaux bog, hörte Pierre die Musik, die aus der Wache schallte. Sie wurde ohrenbetäubend laut, als er vor dem Gebäude zum Stehen kam und den Schlüssel aus der Jacke zog. Irgendein Rapper schrie Pierre durch die verschlossene Tür entgegen, als sei er persönlich für sein Unglück verantwortlich. Begleitet von düsteren Soundelementen, die jeden Bewohner der umliegenden Häuser schon nach wenigen Sekunden in schwerste Depressionen stürzen mussten.

Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Sein Assistent saß tief gebeugt über einem riesigen Stapel Papier, nein, er tanzte im Sitzen. Mit abgehackten Bewegungen und Richtung Decke rudernden Händen, mit denen er eine Akte im Takt schwenkte, während der Rapper aus dem überdimensionierten Kopfhörer, der Lucs Ohren vollständig bedeckte, zu einem neuen Sturm unflätiger Beschimpfungen ansetzte.

»Luc!«, brüllte Pierre, doch es war zwecklos. Mit wenigen Schritten war er bei seinem Assistenten und klopfte ihm auf die Schulter, dass dieser erschrocken die Akte fallen ließ und den Kopfhörer herunterriss. »Mach das sofort aus!«

Luc sah sich irritiert um. »Warum ist das denn so laut?«

Wortlos zeigte Pierre auf das Monstrum in seiner Hand.

»Oh«, entfuhr es Luc, »ich hab wohl den falschen Knopf gedrückt.« Er machte eine rasche Bewegung, und die Musik erstarb. »Das ist ein Dynabass, verstehst du? Ein Zwei-in-eins-Kopfhörer mit integriertem Lautsprecher und einem gigantischen Bass. Das Ding ist umwerfend, das musst du unbedingt ausprobieren. Komm, ich setz ihn dir mal auf!«