Provenzalischer Sturm - Sophie Bonnet - E-Book

Provenzalischer Sturm E-Book

Sophie Bonnet

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Beschreibung

Malerische Weinberge, alte Châteaus und eine Reihe mysteriöser Todesfälle – ein neuer Fall für den liebeswerten Ermittler Pierre Durand!

Es ist Spätsommer in der Provence. Pierre Durand will seiner Charlotte einen Heiratsantrag machen und plant hierfür ein Wochenende in der malerischen Weinregion Châteauneuf-du-Pape. Doch aus dem romantischen Ausflug wird schnell eine Geduldsprobe, als sich herausstellt, dass der Inhaber des Schlosshotels, in dem sie die Zeit genießen wollen, es versäumt hat, ihnen von der Kochshow zu erzählen, die dort aufgezeichnet wird. Grund für die Vergesslichkeit des Hoteliers sind zwei Unglücksfälle, die im Ort für Entsetzen sorgen: Ein Winzer und ein Immobilienmakler sind innerhalb weniger Tage zu Tode gekommen – unmittelbar vor dem Verkauf eines Weinguts. Nur ein tragischer Zufall, oder war jemandem die Veräußerung des alten Châteaus ein Dorn im Auge? Als eine bekannte Weinexpertin ihre Teilnahme an der Kochshow kurzfristig absagt, ahnt niemand, dass Charlotte, die spontan ihren Platz einnimmt, sich damit in höchste Lebensgefahr begibt ...

Die »Pierre Durand«-Reihe:
Band 1: Provenzalische Verwicklungen
Band 2: Provenzalische Geheimnisse
Band 3: Provenzalische Intrige
Band 4: Provenzalisches Feuer
Band 5: Provenzalische Schuld
Band 6: Provenzalischer Rosenkrieg
Band 7: Provenzalischer Stolz
Band 8: Provenzalischer Sturm

Alle Bände sind eigenständige Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 413

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Buch

Es ist Spätsommer in der Provence. Pierre Durand will seiner Charlotte einen Heiratsantrag machen und plant hierfür einen Ausflug in die malerische Weinregion Châteauneuf-du-Pape. Doch aus dem romantischen Kurztrip wird schnell eine Geduldsprobe. Weil Charlotte sich ausgerechnet dieses Wochenende für eine Familienzusammenführung ausgesucht hat, sind auch die beiden Väter dabei. Noch dazu herrscht wegen der Kochshow, die in dem Schlosshotel gerade aufgezeichnet wird, ein größeres Chaos als erwartet, und der Hotelier scheint ziemlich durch den Wind zu sein. Pierre und Charlotte erfahren, dass vor wenigen Tagen ein ortansässiger Winzer zu Tode gekommen ist – unmittelbar vor dem Verkauf seines Weinguts. Nur ein tragischer Zufall, oder war jemandem die Veräußerung des alten Châteaus ein Dorn im Auge? Als eine bekannte Weinexpertin ihre Teilnahme an der Kochshow kurzfristig absagt, ahnt niemand, dass Charlotte, die spontan ihren Platz einnimmt, sich damit in höchste Lebensgefahr begibt …

Autorin

Mit ihrem Frankreich-Krimi »Provenzalische Verwicklungen« begann die deutsche Autorin Sophie Bonnet eine Reihe, in die sie sowohl ihre Liebe zur Provence als auch ihre Leidenschaft für die französische Küche einbezieht. Mit großem Erfolg: Der Roman begeisterte Leser wie Presse auf Anhieb und stand monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, ebenso wie die darauffolgenden Romane um den liebenswerten provenzalischen Ermittler Pierre Durand. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Die »Pierre Durand«-Reihe:

Band 1: Provenzalische Verwicklungen

Band 2: Provenzalische Geheimnisse

Band 3: Provenzalische Intrige

Band 4: Provenzalisches Feuer

Band 5: Provenzalische Schuld

Band 6: Provenzalischer Rosenkrieg

Band 7: Provenzalischer Stolz

Band 8: Provenzalischer Sturm

Alle Bände sind eigenständige Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Sophie Bonnet

Provenzalischer Sturm

Ein Fall für Pierre Durand

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Prolog

Der Wind war zu einem Sturm geworden, riss an den Blättern und an seinem Haar. Er stemmte sich ihm entgegen und sah in Richtung des Weinfeldes, wo die Reben vor dem Hintergrund der düster aufgetürmten Wolken bedrohlich schwankten.

Wie aufgewühltes Wasser, dachte er und kämpfte sich voran. Den Kopf gebeugt.

Immer wieder hatten heftige Stürme in den Weinanbaugebieten Frankreichs eine Spur der Verwüstung hinterlassen, aber die Gegend um Châteauneuf-du-Pape weitgehend verschont. Man war vorbereitet, schon seit Generationen. Die hiesigen Rebstöcke waren klein gehalten, um dem Mistral zu trotzen, der aus Nordwesten kommend rund hundertzwanzig Tage im Jahr über das Rhônetal fuhr. Dem Südwind, der an fünfundzwanzig Tagen aus der entgegengesetzten Richtung kam.

Die Reben würden auch diesem Sturm trotzen, dachte er. Es gab nichts, das dem krönenden Abschluss seines Lebenswerkes im Wege stand.

»Die letzte Lese«, flüsterte er und stellte fest, dass es sich ausgesprochen noch unwirklicher anhörte, als es ohnehin schon war.

Sein ganzes Leben hatte er geschuftet. Schon als Kind hatte er gemeinsam mit seinen Geschwistern Michel und Juliette jede freie Minute auf den Feldern verbracht und so manche Schulstunde versäumt, um den Eltern zu helfen. Bei Wind und Wetter hatten sie Rebstöcke zurückgeschnitten, Böden gelockert, Pflanzen auf Schädlinge überprüft und Trauben geerntet. Sie zerquetschten sie zu Maische und füllten sie in Fässer. Lernten früh, wie man den Gärungsprozess überprüft und den Wein auf Verkostungen präsentiert.

Jahr um Jahr und immer wieder von vorne. Er hatte von allen am längsten durchgehalten.

Michel war mit neunzehn tödlich verunglückt, und Juliette hatte inzwischen einen Haushaltswarenvertreter aus Toulouse geheiratet und eine Familie gegründet, während er selbst mit seiner Frau Agnès hiergeblieben war, um die Tradition fortzuführen.

Tradition! Er lachte. Er war im Begriff, sich aus dem seit Generationen weitergereichten Korsett zu befreien. Endlich würde dieser ganze Scheiß ein Ende haben.

Die ersten Regentropfen fielen, doch er bemerkte sie nicht, ging weiter in Richtung des Feldes, an dessen Rebstöcken noch pralle Trauben hingen. Dort blieb er stehen und sah über die wogenden Pflanzen.

Er war mit Wein aufgewachsen, aber er würde nicht mit Wein sterben. So wie sein Vater, der sich nie einen Urlaub gegönnt hatte, kein freies Wochenende, bis er sich schließlich mit Mitte sechzig nach einem Schlaganfall eingestehen musste, dass sein Körper über den eisernen Willen gesiegt hatte. Drei Monate später war er gestorben, ohne das Leben außerhalb des Weinguts je kennengelernt zu haben.

»Du bist die sechste Generation, Christophe«, hatte sein Vater am Sterbebett geflüstert. »Du wirst unser Weingut fortführen und eines Tages an deine Kinder weitergeben. Oder, so Gott will, an Juliettes Töchter. Sorge dafür, dass es eine siebte Generation geben wird, hörst du? Versprich mir das.«

Er hatte nur genickt. Was hätte er auch tun sollen? Sein Vater hatte es nicht verwinden können, dass die Ehe seines verbliebenen Sohnes noch immer kinderlos war. Aber damals waren Agnès und er noch in den Dreißigern und guter Dinge gewesen, dass sich das eines Tages ändern würde.

Doch Agnès war auch Jahre später nicht schwanger geworden. Und Juliettes inzwischen erwachsene Töchter dachten gar nicht daran, sich dem Willen ihres verstorbenen Großvaters zu beugen. Sie hatten sich entschieden, selbstbestimmt zu leben.

Selbstbestimmt, wie sich das schon anhörte! Ihn hatte auch niemand gefragt, ob er Lust hätte, das Weingut weiterzuführen. Es war so selbstverständlich wie der Lauf der Jahreszeiten, wie der Wechsel von Tag und Nacht.

»Dann musst du es deinen Töchtern eben befehlen«, hatte er zu Juliette gesagt. »Es ist ihre verdammte Pflicht!«

Doch sie hatte nur matt gelächelt. »Es ist ihre Pflicht, glücklich zu werden. Und ich werde sie nicht daran hindern.«

Erst war er wütend gewesen, dass der Fortbestand des Familienunternehmens, dessen Land einst dem Sonnenkönig Louis XIV. gehört hatte, ein derartiges Ende finden sollte. Er hatte auf die vielen Weingüter geschielt, bei denen sich ganze Familien mitsamt ihren Ehepartnern und Kindern engagierten. Dann aber war dieses Angebot gekommen, und ganz unvermittelt hatte er erkannt, dass es das vermeintlich dumme Schicksal verdammt gut mit ihm meinte.

Zum ersten Mal, seit er denken konnte, war er frei zu entscheiden, welche Richtung er seinem Leben geben wollte, bevor ihn sein durch jahrzehntelange Arbeit geschundener Körper in die Knie zwang.

Er würde derjenige sein, der mit der Tradition der Roumejons brach und das Weingut nicht weitervererbte, sondern den Wert bereits im Alter von fünfundfünfzig Jahren einstrich, um ein Leben zu führen, von dem er noch wenige Monate zuvor nicht mal zu träumen gewagt hatte.

Von dem Geld wollte er sich und Agnès ein Häuschen an der Atlantikküste kaufen oder in Portugal. Hier, in Châteauneuf-du-Pape, hielt ihn nichts mehr.

Der Wind peitschte ihm die Regentropfen ins Gesicht. Mit einer energischen Bewegung hob er die Hand und schirmte die Augen ab. Dann machte er einen Schritt nach vorne und begann seinen Kontrollgang durch die Reihen dort, wo sie vor sechs Jahren Marselan gepflanzt hatten. Diese Trauben, die nicht zu den dreizehn zugelassenen Rebsorten gehörten, hatten es den künftigen Besitzern am meisten angetan. Ihnen, so sagten sie, gehöre die Zukunft.

Ein letztes Mal streifte er durch die Felder. Begutachtete die schwarzblauen Beeren. Die auffällig gezackten Blätter.

Dann sah er es.

»Zut!« Er trat näher, beugte sich hinab. Betrachtete die herausgerissenen Pflanzen, deren Gerippe in Form eines Bildes gelegt waren, in dem man mit einiger Fantasie einen Galgen erkennen konnte. Jenen Galgen, den sie ihm bereits mit Kreide auf die Tür seines Châteaus gemalt hatten. Zweifellos wollten sie ihn vor dem nächsten Schritt warnen. Ihm bedeuten, dass er im Begriff war, eine Dummheit zu begehen. Er ahnte auch, wer es gewesen war, doch er hatte keine Beweise.

Mühsam richtete er sich auf. Ein heißer Schmerz durchfuhr seinen Rücken. Er stöhnte auf und presste beide Hände in die Lenden, beugte sich nach hinten, bis das Stechen allmählich nachließ. Wütend fuhr er mit dem Fuß durch die Pflanzenteile, bis sich das Bild verlor. Dann stapfte er durch die Reihen zurück zum Hauptweg.

Sie waren zu spät. Der Verkauf des Weinguts würde über die Bühne gehen, bevor sie auch nur das Seil knüpfen konnten. Nein, er würde sich sein neues Leben nicht kaputtmachen lassen, von niemandem!

»Agnès!«, schrie er, noch bevor er das Gutshaus erreicht hatte. Der Wind riss sein Rufen davon, und er hob die Stimme. »Agnès, es ist schon wieder passiert!«

Endlich hatte er das Château erreicht. Der Wind frischte auf und entlockte dem alten Gemäuer erst ein Heulen, dann ein Seufzen. Beherzt drückte er die Klinke des Portals hinunter, doch die Tür war verriegelt. Überrascht trat er einen Schritt zurück und spähte nach oben.

»Agnès, verdammt, wo steckst du?«, brüllte er in Richtung eines gekippten Fensters, und seine Stimme überschlug sich vor Zorn. »Mach sofort auf oder ich vergesse mich!«

Ein ohrenbetäubendes Krachen ließ ihn zusammenzucken. Er hob den Blick in Richtung des Daches, als er bemerkte, dass sich dort oben etwas bewegte, aufrichtete, ins Rutschen kam. Der Sturm schien die Ziegel hochzudrücken, nun sah er erste Formationen wie eine Wand auf ihn hinabstürzen. Er wollte zur Seite springen, als etwas rücklings seinen Kopf traf. Ein höllischer Schmerz durchfuhr ihn und riss ihn zu Boden.

Noch bevor die Ziegel ihn unter sich begruben, erinnerte er sich, dass er eine Bewegung am Fenster wahrgenommen hatte. Und in einem eigentümlichen Anflug von Schadenfreude hoffte er, dass Agnès alles beobachtet hatte. Und dass sein Mörder nicht davonkam.

1

»Möchte noch jemand vin doux?«

»Sehr gerne«, rief Luc, und auch Penelope und Arnaud nickten und hoben ihr Glas.

Pierre schenkte seinen Freunden vom Rasteau Domaine la Soumade nach und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück.

Aus der ins offene Küchenfenster gestellten Box drang entspannte Musik von Corneille und mischte sich mit dem Rauschen der Blätter. Die Luft war warm und samtig, durchzogen von einer angenehmen Frische, die vom Boden aufstieg und eine kühle Nacht versprach.

Was für ein herrlicher Tag, dachte Pierre, während er nach der letzten Weintraube auf seinem Teller angelte. An ihr klebte noch ein wenig vom rahmigen Bleu de Bresse. Die Kombination aus süßer Frucht und der milden Würze des Käses, untermalt von einem Schluck des tiefdunklen, samtigen Weins, entlockte ihm ein zufriedenes Seufzen.

Es war wohl der schönste Geburtstag, den man sich vorstellen konnte. Was ihm die Tatsache versüßte, dass er nun, da er fünfundvierzig geworden war, mit großen Schritten auf das halbe Jahrhundert zumarschierte.

Charlotte hatte ihn am Morgen mit einem kerzenübersäten Kuchen geweckt und ihm dabei ein Ständchen gesungen. Sie hatten den Vormittag im Bett verbracht, sich zwischen Kuchenkrümeln und knisterndem Geschenkpapier geliebt. Und als Charlotte sich schließlich am Nachmittag darangemacht hatte, das Essen für die Gäste vorzubereiten – Feldsalat mit Pflaumen-Weichkäse-Tartar, Rehrücken mit Kräuterkruste zu im Ofen gegarten Kürbisspalten und zum Nachtisch Beeren-Clafoutis – , hatte er auf dem Liegestuhl am Bach Platz genommen und die Spätseptembersonne genossen.

»Ich soll dir auch wirklich nicht beim Kochen helfen?«, hatte er zuvor gefragt.

»Besser nicht«, war die augenzwinkernde Antwort gewesen. »Es ist dein Tag, lass dich einfach nur verwöhnen.«

Und so hatte Pierre ausgiebig Zeitung gelesen, mit einem Kaffee in der Hand seine Zehen in den Bach gehalten und mit seinem ehemaligen Pariser Kollegen und guten Freund Eric telefoniert, bis ihm die weiß-braun gescheckte Ziegendame Cosima, die zur Feier des Tages frei herumlief, mit freudigem Meckern die ersten Gäste ankündigte.

Da saßen sie nun an einem langen Holztisch unter freiem Himmel und schienen sich prächtig zu amüsieren:

Pierres Assistent Luc hatte seine Freundin Florence mitgebracht, die ihr blond gefärbtes Haar heute offen auf den Rücken fallen ließ. Sie hatte den Arm um Lucs Taille geschlungen, den Oberkörper eng an den seinen gepresst, sodass ihre üppige Oberweite direkt in seinem Blickfeld lag.

Links neben ihm saß die stets unangepasst gekleidete Penelope, die erst im Mai als Schreibkraft zur police municipale gekommen war, sich aber sofort ins Team integriert hatte. Daneben der alte Uhrmacher Didier Carbonne, der Cosima und ihre maronenbraune Tochter Lilou versorgte und im Gegenzug die gemolkene Milch einstrich, aus der er Ziegenfrischkäse fertigte.

Ihnen gegenüber saßen Gisèle, die Empfangsdame und gute Seele der mairie, und der ehemalige Bürgermeister Arnaud Rozier mit seiner Frau Nanette. Und schließlich, am Kopf der Tafel, der Sommelier Martin Cazadieu, der sich fast zeitgleich mit Charlotte selbstständig gemacht hatte. Er führte nicht nur eine hervorragende Weinhandlung, sondern hatte seit dem Sommer auch Pierres Weinberg gepachtet, den er nun neu bestellte.

Pierre lächelte. Heute waren alle Menschen versammelt, die ihm etwas bedeuteten.

Nur einer fehlte: Louis alias Emile. Pierre hatte den jungen Vogelforscher während der Fahrt auf einem Hausboot kennen und schätzen gelernt. Für Pierre war er wie ein Sohn gewesen, und auch jetzt hielten sie regelmäßig Kontakt. Louis wäre seiner Einladung gerne gefolgt, doch er befand sich auf einer Forschungsreise durch den Keoladeo-Nationalpark im indischen Bharatpur, von wo er Pierre eine Videobotschaft geschickt hatte. Darin versprach er, untermalt von lautem Krakeelen und Tschilpen, ihn nach seiner Rückkehr in Sainte-Valérie zu besuchen.

Pierre trank noch einen Schluck vom Rasteau und dachte an den Sommer zurück, als er nach der Suspendierung durch den neuen Bürgermeister in ein tiefes Loch gefallen war. Maurice Marechal hatte ihm mit einem Intrigenspiel jede Möglichkeit auf eine Rückkehr auf den Posten des Chef de police municipale verwehrt. Nur durch das Einwirken des Präfekten und dank der Hartnäckigkeit von Gisèle, Luc, Penelope und Arnaud Rozier war Pierre rehabilitiert worden.

Da war er also wieder. Und obwohl Marechal versuchte, ihm den Alltag mit einem Übermaß an Bürokratie und Fleißarbeiten schwer zu machen, war das Leben schöner denn je. Was vor allem an Charlotte lag. Und an ihrem unerschütterlichen Optimismus.

Pierre suchte ihren Blick. Sie lächelte, und ihm wurde ganz warm ums Herz.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte er jeden für verrückt erklärt, der ihm prophezeite, dass er mal mit einer Frau unter einem Dach leben würde, ohne sich eingeengt und in seiner Freiheit beschnitten zu fühlen. Doch im vergangenen Winter hatte er es gewagt und diesen Schritt nicht eine Sekunde bereut. Er, der niemals Kinder haben wollte, konnte es sich mittlerweile sogar vorstellen, eine Familie zu gründen.

Einem plötzlichen Impuls folgend, räusperte sich Pierre und klopfte an sein Glas, woraufhin die Gespräche allmählich verstummten.

»Meine lieben Freunde«, begann er, während er sich erhob, »ich freue mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Es ist das erste Mal seit meiner Ankunft in Sainte-Valérie, dass ich meinen Geburtstag in größerer Runde feiere. Es war mir ein Bedürfnis, euch alle dabeizuhaben. Denn es fühlt sich an, als sei das neue Lebensjahr zugleich ein Neuanfang. Ein Neuanfang, den ich nur euch zu verdanken habe! Mir ist klar geworden, dass ich der glücklichste Mensch auf der Welt bin, euch als Freunde zu haben.«

Ein fröhliches Johlen, es kam von Luc, der über das ganze Gesicht grinste.

»Ihr seid«, fuhr Pierre fort, »die großartigsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Ihr wart da, als es mir schlecht ging. Und habt mich ertragen, als ich«, er lachte, »ziemlich unausstehlich war. Ihr habt mir den Rücken gestärkt und an mich geglaubt. Dafür möchte ich euch danken.«

»Es war uns ein Vergnügen!«, rief Rozier aus. »Sainte-Valérie wäre ohne dich als Chef de police municipale nicht dasselbe.« Er hob das Glas. »Darauf sollten wir anstoßen. Auf dich, mon ami.«

Die ersten Gläser klangen, doch Pierre schüttelte den Kopf. »Moment, ich bin noch nicht fertig.«

Er wandte sich Charlotte zu, die ihn aufmerksam anblickte, wache grüne Augen aus einem mit Sommersprossen übersäten Gesicht. Sie sah bezaubernd aus in ihrem weißen Sommerkleid. Die Haut gebräunt, das lockige Haar zu einem weichen Knoten aufgesteckt.

Pierre nahm ihre Hand und küsste sie. »Vor allem danke ich dir. Du hast mir gezeigt, dass Liebe keine Ketten bedeutet. Dass man füreinander da ist, in guten und in nicht so guten Zeiten. Du hast eine Engelsgeduld und verstehst es, mir den Kopf zurechtzustutzen, wenn ich mich wieder einmal verrannt habe. Das Zusammenleben mit dir ist so unglaublich schön, dass ich es nie mehr missen möchte.«

Charlottes Wangen überzog eine ungewohnte Röte. Und auch Florences Gesicht wirkte plötzlich erhitzt. Sie lehnte den Kopf an Lucs Schulter und tupfte sich mit der Serviette eine Träne aus dem Augenwinkel.

Pierre hielt inne und sah in erwartungsvolle Gesichter. Auf einmal war es ganz still, selbst die Musik war wie durch Zauberhand verstummt. Wären da nicht die krakeelenden Zikaden gewesen – man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Dachten sie etwa …? Hastig ließ er Charlottes Hand los und reckte das Glas in die Höhe.

»Und das Wichtigste: Wir müssen unbedingt auch auf dieses hervorragende Essen anstoßen, das Charlotte uns heute gezaubert hat«, schloss er rasch. »Santé! Auf die Liebe, die Freundschaft und auf das gute Leben.«

Zustimmende Rufe, ein Lachen und Zuprosten.

»Auf das gute Leben«, sagte auch Didier und stellte eine Frischhaltedose auf den Tisch. »Und darauf, dass noch reichlich Beeren-Clafoutis für mich übrig ist. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich mich bediene, hm?«

Bald setzten die Gespräche wieder ein, und nach einem beherzten Griff zur Fernbedienung erklang nun auch wieder Musik.

N’ayez pas peur du bonheur, sang Berry mit sanfter Stimme. Tadida dida, dadida, hab keine Angst vor dem Glück.

Pierre atmete aus.

Das war gerade noch einmal gut gegangen. Er musste besser aufpassen, damit er nicht vorzeitig etwas in Gang setzte.

Als das Licht am Himmel nur noch ein milchiger Streifen war und die Windlichter auf dem Tisch entzündet wurden, nahm Luc Pierre beiseite und geleitete ihn bis zur Bank an der glyzinienumrankten Pergola.

»Bei deiner Rede vorhin hätte ich schwören können, dass du …« Luc stockte. »Hast du etwa kalte Füße bekommen?«

Pierre sah ihn in gespieltem Erstaunen an. »Was meinst du damit?«

»Ich dachte … Komm, sei ehrlich. Du wolltest Charlotte einen Heiratsantrag machen, stimmt’s?«

»Hier, jetzt?« Pierre runzelte die Stirn. »Wie kommst du denn darauf?«

»Na ja …« Sein Assistent grinste verlegen. »Madame Duprais hat dich ins Schmuckgeschäft in der Rue du Portail gehen sehen.«

»Madame …« Pierre stöhnte auf. Diese neugierige Person tauchte grundsätzlich dann auf, wenn man sie überhaupt nicht gebrauchen konnte. Dabei hatte er sich doch extra vergewissert, dass ihn niemand beobachtet. »Na und?«

»Sie meinte, das könne eigentlich nur einen Grund haben. Zumal Charlottes Geburtstag nicht ansteht und du ansonsten nicht gerade für spontane Geschenke bekannt bist.«

»Wie bitte?«

»Das hat sie gesagt«, präzisierte Luc und hob beide Hände, »nicht ich. Auf jeden Fall hat sie ihre neugierige kleine Nase an die Schaufensterscheibe gepresst … Et voilà! Du hast dir klassische Verlobungsringe zeigen lassen, solche mit hübschem Steinchen, und einen von ihnen gekauft.«

Merde! »Und da hat sie nichts Besseres zu tun, als es jedem zu erzählen, der ihr über den Weg läuft!«

»Sie hat es Didier erzählt. Und der dann mir.«

So war das also. Pierre seufzte. Er hätte es wissen müssen. In diesem Dorf ließ sich nichts verheimlichen. Es brauchte nur ein, zwei Klatschmäuler, und ein Geheimnis war seinen Namen nicht mehr wert. Aber immerhin: Der Sommelier Martin Cazadieu hatte offenbar dichtgehalten. Und nun musste er dafür sorgen, dass Luc und Didier es ebenfalls taten. Zumindest bis zum kommenden Wochenende. Danach konnte Madame Duprais es seinetwegen von allen Dächern pfeifen.

»Na schön«, sagte er leise, »du hast recht. Der Ring ist für Charlotte. Aber es soll eine Überraschung werden, klar? Ich will nicht, dass es schon vorher die Runde macht. Und den Zeitpunkt des Antrages, den bestimme ich.«

Luc nickte heftig. »Verstanden, Chef, ich bin stumm wie ein Fisch.« Er beugte sich vor. »Und du willst mir nicht verraten, wann es so weit ist?«

»Vergiss es«, sagte Pierre und musste nun doch lachen. Er mochte seinen Assistenten, aber die Gefahr, dass er sich unbeabsichtigt verplapperte, war viel zu groß. Am Ende würde es ein wohlmeinender Mensch Charlotte im Vertrauen erzählen und die Überraschung wäre endgültig dahin. »Nein«, bekräftigte er. Es sollte ein besonderer Moment werden, der nur Charlotte und ihn anging. Und niemand anderen.

Sie hatten sich für das kommende Wochenende im Château des Vignes eingemietet, einem Schlosshotel, das ebenso wie das zugehörige Weingut Martin Cazadieus irischem Lebensgefährten Ian Fitzgerald gehörte.

Die Idee war Pierre gekommen, als der Sommelier und Neuwinzer ihm während eines Spazierganges über den frisch angelegten Weinberg von seinem neuen Freund erzählte, dessen Cuvées gerade einen Preis nach dem anderen gewannen. Während sie im Sprühnebel der Bewässerungsanlagen über die noch jungen Reben blickten, schwärmte Martin von den über siebzig Jahre alten Weinstöcken und dem zum Gut gehörenden Schlosshotel, das gerne von Brautpaaren gebucht wurde, die nach der Trauung mit der Hochzeitsgesellschaft im angeschlossenen Restaurant feierten.

»Es hat eine wirklich exquisite Küche«, sagte Martin Cazadieu. »Und bei schönem Wetter wird das Essen auf der Terrasse serviert, mit Blick über die Weinberge.«

Pierres Herz begann in plötzlicher Erregung zu pochen. »Hast du eine Ahnung, wie viel dort ein Zimmer kostet?«

Martin sah ihn erst überrascht an, dann mit verschwörerischem Lächeln. »Sag bloß, du willst dort heiraten!«

»Ich glaube nicht, dass ich mir das leisten kann. Aber es wäre ein schöner Ort, um Charlotte einen Antrag zu machen.«

»Ja, das ist die perfekte Kulisse für den großen Moment«, rief Martin aus. »Es gibt keinen romantischeren Flecken in der gesamten Provence. Warte, ich zeige es dir.«

Der Sommelier zückte sein Handy, tippte etwas ein und reichte es ihm schließlich mit theatralischer Geste.

Pierre beugte sich über das Display. Die Homepage des Hotels Château des Vignes zeigte ein inmitten von Weinfeldern gelegenes elegantes Gebäude mit strahlender Sandsteinfassade, hellblauen Fensterläden und üppig bepflanzten Blumenkübeln rechts und links des Portals.

Rasch klickte sich Pierre durch die Seiten. Das Hotel besaß fünfzehn individuell eingerichtete Zimmer, darunter zwei Suiten, einen großen Loungebereich, eine Bibliothek und einen beheizten Außenpool, der am Rande eines gepflegten Parks mit Statuen und Buchsbäumen lag. Die zugehörige Kellerei, die sich in einem Nebengebäude befand, verwaltete ein Mann namens Bernard Gazet, der neben dem rotblonden Inhaber posierte und ernst in die Kamera sah. Der Blick von der Restaurantterrasse auf die Weinberge aber übertraf alles andere. Martin Cazadieu hatte nicht übertrieben.

»Das ist wirklich atemberaubend«, stimmte Pierre zu und zog angesichts der Zimmerpreise die Stirn kraus. Ein verlängertes Wochenende würde gut ein Viertel seines Monatsgehalts verschlingen. Das Abendessen nicht eingerechnet. »Aber das kann ich mir nicht leisten.«

Martin strich sich über das Kinn und nickte schließlich. »Weißt du, was? Ich rufe gleich mal Ian an. Wenn ich mich recht erinnere, hat er das Hotel am ersten Oktoberwochenende für Dreharbeiten blockiert. Die Filmcrew ist seinen Erzählungen nach nicht allzu groß, sicher ist da noch ein Zimmer frei. Wenn ihr ein bisschen Trubel in Kauf nehmt, macht er euch bestimmt einen guten Preis.«

Pierre hob eine Braue. »Dreharbeiten? Für einen Spielfilm?«

»Keine Ahnung«, sagte Martin. »Es ist wohl eine Homestory. Als Ian das Weingut vor zehn Jahren gekauft hat, da hat das britische Fernsehen ihn und seinen damaligen Lebensgefährten bei der Restaurierung des Schlosses begleitet. Von der ersten Besprechung mit den Handwerkern über die Auswahl der Stoffe und Tapeten bis hin zum Kauf der Accessoires. Das war damals eine ganz große Nummer und hat das Hotel in Großbritannien auf einen Schlag bekannt gemacht. Na, was meinst du? Soll ich Ian nach einem freien Zimmer fragen?«

Es wäre also das Wochenende nach seinem Geburtstag. Momentan war in der Wache nicht viel los, sicher könnte er ab Freitagmittag freinehmen.

Pierre nickte, woraufhin Martin die Wahltaste drückte und ein paar Schritte ging, sodass Pierre nur einzelne Wortfetzen verstand. Der Sommelier lachte mit ungewohnt vollem Bariton, der sich eine ganze Oktave unterhalb seiner üblichen Stimmlage befand, strich dabei fortwährend über seine dunkle Löwenmähne. Schließlich drehte er sich mit einem Strahlen um.

»Abgemacht. Es sind noch drei Zimmer unbelegt. Ihr könnt euch das schönste davon aussuchen.«

»Und der Preis?«

Martins Strahlen wurde breiter. »Hundertfünfzig Euro für das gesamte Wochenende, inklusive Frühstück. Er sagt, er freut sich, euch endlich kennenzulernen.«

Und so hatte Pierre Charlotte noch am selben Abend gefragt, ob sie nicht Lust hätte, Ian und sein sagenhaftes Château des Vignes kennenzulernen.

Beim Anblick der Bilder war ein Strahlen auf ihrem Gesicht erschienen. Sie hatte zuerst nachgesehen, ob sie sich an dem Wochenende freinehmen könnte, und schließlich begeistert zugestimmt. Dann hatte sie sich an die Planung gemacht, denn Charlotte wäre nicht Charlotte, wenn sie sich nicht gründlich vorbereiten würde. Am Ende hatte sie ihm mit breitem Lächeln eine Liste mit Dingen vorgelegt, die sie an dem Wochenende erleben wollte.

Sie würden nun also das hübsche Städtchen Châteauneuf-du-Pape besichtigen, auf der Aussichtsplattform der Schlossruine Küsse austauschen und in mehreren caves Weinproben machen. Aber vor allem wollten sie die Zweisamkeit genießen.

Ausschlafen, hatte auf der Liste gestanden. Und: Den Sonnenuntergang genießen.

»Bitte«, flehte Luc in seine Gedanken hinein. »Spann mich nicht so auf die Folter. Wo soll der Antrag stattfinden? Ich verrate es auch ganz bestimmt nicht.«

Das Knirschen von Kies war zu hören, und Pierre wandte den Kopf, froh über die Ablenkung. Penelope kam quer über den Platz, in der Hand eine bunte Tüte, an deren Henkel eine enorme Schleife angebracht war.

»Das ist noch für dich«, sagte sie.

»Aber ihr habt mir doch schon das Männerkochbuch geschenkt.«

»Es ist nicht von uns, sondern von Marechal«, entgegnete Luc mit vielsagendem Augenrollen.

Zögernd nahm Pierre die bunte Tüte entgegen. »Von unserem Bürgermeister?«

Luc hob die Schultern. »Er war gestern auf der Wache. Während du in diesem … na, du weißt schon, in diesem Geschäft warst. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist es eine Art Versöhnungsangebot.«

»Ein Versöhnungsangebot«, wiederholte Pierre tonlos. »Warum gibt er es mir dann nicht persönlich?«

Penelope lächelte. »Er wusste ja nicht, dass du ›patrouillieren‹ gegangen bist.«

»Zum Glück.« Pierre lachte trocken.

»Trotzdem«, Penelope stemmte die Hände in die Hüfte, »wir sollten versuchen, mit ihm auszukommen. Dieser Mann ist gerade erst im März gewählt worden, er wird noch mehr als vier Jahre an unserer Seite sein.«

Pierre schnalzte mit der Zunge. Maurice Marechal hatte offenbar seinen sagenhaften Charme spielen lassen, dank dem einige Damen des Dorfes rot anliefen, sobald sie ihn erblickten. »Er hat dich eingewickelt.«

»Unsinn. Aber ich habe keine Lust, dass er uns weiter nutzlose Formulare ausfüllen lässt oder mit neuen Vorschriften traktiert. Wir müssen eine Ebene finden, auf der wir zusammenarbeiten können. Trotz allem.«

Pierre setzte gerade zu einer Antwort an, als ein Aufschrei erklang. Es war Didier Carbonne.

»Oh nein, der schöne Nachtisch! Hau ab, Cosima, das ist meiner!«

Vielstimmiges Gelächter schallte über den Hof. Nun bemerkte Pierre auch den Grund für die plötzliche Heiterkeit: Die kleine weiß-braun gescheckte Ziege hatte Carbonnes Frischhaltedose vom Tisch gestoßen und schleckte das restliche Beeren-Clafoutis heraus, während der alte Uhrmacher versuchte, sie an den Hörnern fortzuziehen. Vergeblich.

»Der schöne Nachtisch«, wiederholte Carbonne betrübt und ließ von der Ziege ab, die mit triumphierendem Meckern davontrabte. »Von mir kriegst du keine Karotten mehr«, rief er ihr nach und stimmte erst verwundert, dann umso heftiger in das Lachen der anderen ein, bis seine Zahnlücken zu sehen waren.

Auch Pierre lachte aus vollem Herzen. Er legte die Geschenketüte auf der Bank ab und ging zurück zu den anderen. An den intriganten Bürgermeister wollte er an diesem wunderbaren Tag keinen weiteren Gedanken verschwenden.

2

Nachdem die Gäste gegangen waren, half Pierre Charlotte dabei, die schmutzigen Teller und Bestecke in den Geschirrspüler zu räumen. Eine äußerst deutsche Angewohnheit, wie er fand. Ihm hätte es genügt, dies im Laufe des folgenden Tages zu erledigen. Aber es hatte auch Vorteile, wenn alles aufgeräumt war. Und schließlich würde er ihre Ordnungsliebe mitheiraten, wenn er sie zur Frau nahm.

»Das war wirklich ein schöner Abend«, sagte Charlotte in die Stille hinein. »Das sollten wir öfter machen, wir haben viel zu selten Gäste.«

»Ja, das ist wahr.« Pierre dachte an die Geschenketüte, die noch immer unangerührt im Dunkeln auf der Bank lag und sich nach Stunden erfolgreicher Verdrängung nun wieder in sein Bewusstsein schob. »Maurice Marechal hat mir eine Flasche Wein geschenkt. Luc und Penelope haben ihn mitgebracht.«

»Wirklich?« Charlotte, die gerade eine Servierplatte einräumen wollte, hielt inne. »Ist es denn wenigstens ein guter Tropfen?«

»Ich habe nicht nachgesehen.«

»Du bist immer noch wütend.«

»Allerdings!« Er hob die Brauen. »Es soll ein Friedensangebot sein.«

»Und? Nimmst du es an?«

»Keine Ahnung. Ich traue dem Mann nicht. Am liebsten würde ich ihm einfach weiter aus dem Weg gehen.«

»Das kann ich nur zu gut verstehen. Aber du solltest ihm zumindest für den Wein danken.«

»Mal sehen.« Mit verschränkten Armen lehnte sich Pierre an die Küchenzeile und sah Charlotte zu, wie sie die letzten Teller einräumte und schließlich die Starttaste drückte.

»Sag mal«, sie richtete sich auf, »was hältst du davon, wenn wir meine Eltern fragen, ob sie auch kommen wollen?«

»Zur nächsten Gartenparty?« Pierre gähnte herzhaft. Er würde morgen einige Tassen gezuckerten Kaffees trinken müssen, um den Tag in der Wache der police municipale einigermaßen zu überstehen. »Gute Idee. Deinen Vater kenne ich ja noch nicht. Wir könnten den beiden ein Zimmer in der Auberge Signoret buchen, die soll seit ihrer Renovierung richtig schön sein. Oder …« Das war ihm eigentlich zu intim, aber er wollte es zumindest vorschlagen. »Oder wir richten ihnen hier ein Gästezimmer ein.«

»Nein, ich meinte ins Hotel Château des Vignes. Was denkst du?«

Schlagartig war Pierre wach. »Sag, dass das eine rhetorische Frage war.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich möchte Zeit mit dir verbringen. Alleine. Außerdem ist das Hotel für die Dreharbeiten geblockt.«

»Sagtest du nicht, wir könnten aus drei freien Zimmern wählen?«

»Stimmt, aber das Angebot galt nur, weil wir beide Martins Freunde sind.«

Das fehlte ihm gerade noch. Die Schwiegereltern in spe als Zeugen seines Heiratsantrages. Einen größeren Romantikkiller konnte er sich kaum vorstellen!

»Meine Eltern zahlen auch den normalen Preis. Ian hat sicher nichts dagegen.«

»Warum klingt das jetzt so, als hättest du das längst mit allen besprochen?«

»Habe ich gar nicht. Ach, komm schon …« Charlotte trat zu ihm und fuhr mit den Fingern über seinen Nacken. »Gerade ist der größte Touristenansturm vorbei, und wir haben endlich Zeit für solche Dinge. Ich finde, nun, da wir darüber nachdenken, eine Familie zu gründen, sollten wir uns alle besser kennenlernen.«

»Eine gute Idee«, flüsterte er und schob ihr mit beiden Händen das Kleid über die Schultern, bedeckte diese mit kleinen Küssen, »das mit der Familienplanung. Das Kennenlernen können wir auf später verschieben.«

Charlotte entzog sich seinen Lippen und rückte den Stoff zurück an seinen Platz. »Deinen Vater würde ich übrigens auch gerne kennenlernen.«

Er hielt inne. »Das willst du nicht.«

»Doch, das ist mein Ernst. Du hast mir kaum von ihm erzählt, und ich bin neugierig, was er für ein Mensch ist.«

Pierre blies die Luft durch die Backen. »Das ist in wenigen Worten erzählt. Er ist ein Macho, wie er im Buche steht, und recht direkt, wenn er seine Meinung äußert. Kurz: Du wirst ihn hassen.«

»Er ist Anwalt für Urheberrecht, nicht wahr?«

»Er war Anwalt.«

»Dann ist es Teil seines Berufes, direkt zu sein.«

»Man könnte es auch undiplomatisch nennen. Das ist ein himmelweiter Unterschied.«

Charlotte schürzte die Lippen, um dann jegliche Bedenken mit einer einzigen Handbewegung fortzuwischen. »Sagtest du nicht neulich, du wolltest den Kontakt zu ihm wieder intensivieren? Du hattest ein schlechtes Gewissen, weil du dich so selten bei ihm meldest.«

»Das stimmt. Aber damit meinte ich nicht, dass ich ihn bei unserem ersten gemeinsamen Wochenendurlaub seit Monaten dabeihaben will.« Pierre schüttelte noch einmal den Kopf. »Auf keinen Fall. Wir können ihn gerne mal in Paris besuchen, aber er kommt nicht nach Châteauneuf-du-Pape und damit Schluss!«

»Wann genau wollen wir das tun? Nächstes Jahr? Übernächstes?« Charlottes Stimme hatte wieder diesen eigentümlichen Beiklang, der sich immer dann einschlich, wenn sie ihn im Tiefsten seiner Seele sezierte.

»Das ist ja wohl meine Sache«, entgegnete Pierre. An diesem Punkt würde er stur bleiben. Doch als er das Blitzen in ihren Augen sah, hob er beschwichtigend die Hände. »Sieh mal«, erklärte er, »du stellst dir wahrscheinlich ein entspanntes Familienwochenende vor, bei dem sich alle ganz prächtig amüsieren und am Ende beglückt in den Armen liegen, um sich gegenseitig zu versichern, wie wundervoll es gewesen sei und dass man es bald wiederholen müsse. Aber mein Vater ist nicht gerade das, was man pflegeleicht nennt. Alain ist ein kettenrauchender Selbstdarsteller, der mittags mit einem Pastis den ungezwungenen Teil des Tages einläutet und den Kellnerinnen zum Nachtisch hinterherpfeift.« Pierre verdrehte die Augen. »Das ist mir zu anstrengend. Ich will das Wochenende genießen. Zu zweit.«

»Ihr habt euch gestritten, stimmt’s?«

»Das ist nicht der Punkt. Wir leben in unterschiedlichen Welten. Da kann man nichts machen.«

Sie sah ihn ernst an. »Du solltest dich mit ihm aussprechen, bevor es zu spät ist.«

»Ich habe dir doch schon gesagt …« Er hielt inne. »Wie meinst du das?«

»Wie alt ist dein Vater jetzt?«

»Sechsundsiebzig.«

»Ein ketterauchender Mann, der ab mittags trinkt und auch sonst offenbar ein ausschweifendes Leben führt.« Sie sah ihn herausfordernd an, animierte ihn mit einer Handbewegung, den Gedanken zu vollenden.

Für einen kurzen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Pierre nahm die kühle Nachtluft wahr, die durch das offene Fenster strömte und dem Inneren die Wärme des Tages nahm.

»Verdammt«, sagte er, weil er sich unvermittelt an ein Gespräch erinnerte, das er vor wenigen Wochen mit einer alten Freundin geführt hatte. Es war um die große Hitze gegangen und darum, dass die moderne Gesellschaft ihre Alten schlecht versorgt und alleine sterben lässt. Über zweitausend Tote seien es im Hitzesommer 2003 gewesen, nur in Paris, in einer einzigen Woche.

Charlotte hatte recht. Nicht dass er glaubte, sein Vater, der zäher war als jeder andere, würde demnächst aus dem Leben scheiden. Aber wenn, dann würde er sich gewaltige Vorwürfe machen, sich vorher nicht mit ihm versöhnt zu haben.

»Können wir ihn und deine Eltern nicht hierher einladen, nach Sainte-Valérie?«, schlug er vor.

»Wann denn, Pierre?«

»An dem Wochenende nach unserem Kurzurlaub.«

»Da findet der kulinarische Exkurs mit Martin statt, und wir sind bereits ausgebucht.«

»Dann an dem darauf.«

»Da übernehme ich das Catering für eine Silberhochzeit.«

In einer matten Geste hob Pierre die Hände und ließ sie wieder sinken. »Und am folgenden Wochenende?«

»Isabelle hat frei, ich muss also samstags im Laden stehen.«

»Du arbeitest zu viel.«

»Ich weiß.«

»Wie willst du das alles unter einen Hut bringen, wenn wir erst Kinder haben?«

»Bis dahin habe ich mehr Angestellte.« Charlotte lächelte. »Du lenkst ab, Pierre. Komm schon. Lass uns ein schönes Familienwochenende machen, und wenn es schiefgeht, haben wir es zumindest versucht.«

Er atmete tief durch. »Na schön«, sagte er endlich. Dabei hoffte er, dass weder Charlottes Eltern, die von Hamburg aus anreisen mussten, noch sein umtriebiger Vater so kurzfristig Zeit hatten. »Aber nur Samstag und Sonntag. Den ersten Abend möchte ich mit dir verbringen. Alleine.«

Zumindest den Antrag wollte er ihr unter vier Augen machen.

Charlotte grinste breit. »Einverstanden.«

Zu Pierres Bedauern zeigten sich Charlottes Eltern begeistert von der Idee, ebenso sein Vater, der wenigstens ohne seine dreißig Jahre jüngere Freundin anreisen wollte. Auch die freundliche Rezeptionistin im Schlosshotel ließ ausrichten, dass Ian Fitzgerald die zusätzlichen Gäste gerne willkommen heiße. Und so fuhren sie am ersten Freitag im Oktober bei schönstem Wetter in Charlottes Citroën Berlingo in Richtung Châteauneuf-du-Pape, Pierre am Steuer. Über ihnen weiße Wolkenfetzen, die träge über einen stahlblauen Himmel trieben.

Bei Les Vignères bogen sie ab und nahmen die D98 in Richtung Norden, brausten an abgeernteten Apfelplantagen vorbei und an Feldern mit Futtermais. Mannshohe Schilfgräser wechselten sich mit Nadelholzwäldern und Laubbäumen ab, deren Blätter ein frühherbstliches Oliv angenommen hatten.

Sie hatten gerade die Grotten von Thouzon hinter sich gelassen, als Charlottes Mobiltelefon klingelte.

»Hallo, Papa«, sagte sie und setzte sich aufrecht hin. Dann wechselte sie ins Deutsche, sodass Pierre kein Wort verstand. Ihre Stimme klang plötzlich angespannt. Sie nickte mehrfach, bevor sie etwas erwiderte. Fragend, zutiefst besorgt.

Pierre warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Charlotte kaute auf der Unterlippe. Wie ein kleines Mädchen sah sie aus, fand er. Ein entgegenkommendes Auto zwang ihn dazu, sich wieder auf die Straße zu konzentrieren, bevor er erkennen konnte, wie tief ihre Besorgnis war.

»Und?«, fragte er, nachdem Charlotte das Gespräch beendet hatte und sich mit einem Seufzen in den Beifahrersitz zurücksinken ließ.

»Meine Mutter ist gestürzt. Zum Glück kein Bruch, sondern nur eine Prellung. Aber das rechte Bein ist blau und geschwollen, sie muss sich schonen und bleibt zu Hause.«

»Das tut mir sehr leid«, sagte Pierre und bemühte sich, die aufkeimende und gewiss nicht angemessene Erleichterung zu zähmen. »Dann stellst du mir deinen Vater eben ein andermal vor.«

»Keine Sorge, er kommt alleine. Meine Mutter hat darauf bestanden, dass er trotzdem fährt.« Charlotte schmunzelte. »Ich glaube, sie war ganz froh, ein paar Tage für sich zu sein.«

»Ich dachte, er sei pflegeleicht?«

»Nun ja, auf seine Art ist er das wohl auch …« Sie hielt inne. »Sieh nur die vielen Kieselsteine«, sagte sie dann und zeigte hinaus. »Wir sind schon in der Weinregion Châteauneuf-du-Pape.« Rechts und links der Straße befanden sich Reihen mit kniehohen Reben, die in der typischen Becherform geschnitten waren, dem gobelet. Auf einem der Felder durchzog ein Trupp Arbeiter mit Körben das Terrain, einer brachte gerade seine Ausbeute zur Ladefläche des Lasters am Feldrand. »Findest du nicht auch, dass die Pflanzen mit ihren dicken Stämmchen und dem dichten Laub wie Miniaturbäume aussehen?«

Pierre brummte nur. Sie war seiner Frage ausgewichen. Er würde sicher bald herausfinden, warum.

3

Das Schlosshotel lag südlich von Châteauneuf-du-Pape am Ende einer langen, von Platanen gesäumten Auffahrt. Während Pierre den Hinweisschildern zum Parkplatz folgte, der hinter einem tiefgrün schimmernden Wasserbassin lag, ließ Charlotte das Seitenfenster hinab und reckte den Kopf ins Freie.

»Das ist ja wirklich traumhaft«, rief sie aus.

Schwungvoll umkurvte Pierre einen Transporter, aus dem zwei Männer gerade Kisten mit Obst, Gemüse und etlichen Kühlboxen auf einen Gepäckwagen luden, und stellte den Wagen im Schatten eines Kleinlasters ab, auf dem der Schriftzug MotionFilmProductions prangte.

In diesem Moment öffnete sich dessen Schiebetür. Eine etwa vierzigjährige Frau mit schulterlangem, krausem Haar und weitem Strickpulli über enger Hose stieg aus und eilte grußlos an ihnen vorbei. Pierre erhaschte einen Blick ins Innere. Ein Mann mit schwarzem T-Shirt und zerrissener Jeans saß vor einer Wand voller Regler, Tastaturen und Bildschirmen, auf denen ein Störsignal flackerte.

»Die haben sogar einen Übertragungswagen«, murmelte Pierre. »Ich dachte, so etwas gibt es nur bei Live-Sendungen.«

»Das ist doch nebensächlich«, sagte Charlotte, die inzwischen ihre Kosmetiktasche und den Schuhbeutel aus dem Kofferraum gezogen hatte. »Hast du das Hotel gesehen? Es ist phantastisch.«

Pierre folgte ihrem Blick.

Das Château des Vignes sah in echt fast noch schöner aus als auf den Fotos im Internet. Das dreistöckige Sandsteingebäude mit den hübschen Dachgauben wirkte imposanter, das Hellblau der Fensterläden strahlender. Das Laub der Weinranken, das die Fassade des Untergeschosses bedeckte, hatte einen roten Farbton angenommen, was, wie Pierre fand, dem Ganzen eine märchenhafte Note verlieh.

Auf der linken Seite des Hotels schloss sich eine Terrasse an, auf der Tischgruppen aus weiß lackiertem Metall verteilt standen. Dies war also das Restaurant mit dem legendären Blick über die Weinfelder.

Pierre griff nach dem Koffer und folgte Charlotte an herbstlich bepflanzten Beeten vorbei die steinernen Stufen hinauf zum Vorplatz. Innerlich jubilierend. Das war genau der richtige Ort für sein Vorhaben!

Beinahe wäre er mit Charlotte zusammengestoßen, die unvermittelt stehen geblieben war.

»Sieh mal«, flüsterte sie und deutete mit dem Kopf nach links. »Ist das nicht Georges Leveque?«

Auf der Restaurantterrasse stand ein Mann mit dünnem dunkelbraunem Haar und rauchte. Er trug einen gezwirbelten Schnurrbart samt Kinnbärtchen und wirkte wie die Karikatur eines französischen Kochs. Nur dass er nicht ganz so rundlich war und statt der weißen Jacke und des obligatorischen Halstuches einen schwarzen Rollkragenpullover zur Anzughose trug.

Pierre konnte sich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. »Georges Leveque? Wer soll das sein?«

»Das ist ein bekannter Fernsehkoch. Er besitzt Restaurants in Paris, Bordeaux und Nantes und hat für seine erstklassige Küche schon etliche Preise gewonnen.«

»Ein Koch?« Die Karikatur war also Wirklichkeit. »Ich dachte, sie zeichnen hier eine Homestory auf.«

In diesem Augenblick kam Bewegung in den Fernsehkoch. Er winkte in Richtung des Parkplatzes, von dem nun eine etwa fünfzigjährige Brünette mit langem, gewelltem Haar und gutsitzendem Kostüm hinaufkam. Über der Schulter trug sie eine Reisetasche, die dasselbe Leopardenmuster hatte wie der Kleidersack in ihrer Hand.

Leveque erwartete sie mit einem strahlenden Lächeln. »Caterine Ouziel, ich bin hocherfreut, Sie endlich kennenzulernen.«

»Die Ehre ist ganz meinerseits.« Die Angesprochene blieb stehen und ließ sich drei Wangenküsschen geben. Die Szene hatte etwas Exaltiertes, sodass Pierre sich nur schwer davon lösen konnte.

»Na, komm schon«, flüsterte Charlotte und ging dem weit geöffneten Eingangsportal entgegen.

Schulterzuckend folgte ihr Pierre. Dabei fiel ihm auf, dass Charlottes Gang irgendwie anders war als sonst, jeder Schritt begleitet von einem kecken Hüftschwung. Wollte sie etwa diesen Fernsehkoch beeindrucken?

Ein greller Ruf ließ ihn zusammenzucken. »Vorsicht, passen Sie doch auf!«

Beinahe wäre er über einen Mann gestolpert, der im dunklen Entree auf dem Boden hockte, um ein Kabel mit Tape auf dem Boden zu fixieren.

»Désolé!«, murmelte er und drängte sich mit hoch erhobenem Koffer an dem Knienden vorbei.

Der Empfangsbereich war großzügig. Hohe Stuckdecken, ein weißer Steinboden mit schwarzen Einlässen. Rechts dunkelgrün bezogene Samtstühle, die sich um einen Beistelltisch gruppierten. Eine Frau mit raspelkurzem Haar bog um die Ecke, eine zum Gerippe zusammengeklappte Studiolampe auf der Schulter balancierend, und verschwand grußlos durch eine Flügeltür auf der Linken, hinter der sich – dem Klappern von Geschirr zufolge – offenbar das Restaurant befand.

»Das sieht nicht wirklich nach einer Homestory aus …«, wiederholte Pierre und stellte sich zu Charlotte an die Rezeption. Dann ließ er die Hand auf einen altmodischen Klingelknopf herunterfahren, der auf dem Tresen stand.

Das Geräusch war schrill und durchdringend, und es dauerte keine Minute, bis ein durchtrainierter Mann mit rotblondem Haar, den Pierre auf Anfang sechzig schätzte, durch die Flügeltür trat.

»Charlotte, Pierre«, sagte er mit einem erschöpften Lächeln, »ich freue mich, euch beide endlich kennenzulernen.« Er streckte ihnen die Hand entgegen, wobei sich die Muskeln seines Oberarmes unter dem Hemd gefährlich spannten. »Ich bin Ian.«

Martin Cazadieus neuer Lebensgefährte sah gut aus, braungebrannt und mit auffallend gepflegten Händen.

Charlotte begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln. »Vielen Dank, dass wir kommen durften, trotz der Dreharbeiten.«

»Ich weiß gar nicht, ob das so eine gute Idee war«, sagte Ian und fuhr sich mit einem Stoßseufzer über das Haar. »Die Filmleute nehmen das ganze Château für sich ein und verbreiten ein ziemliches Chaos.«

»Was wird hier eigentlich gedreht?«

»Sie zeichnen eine Kochsendung auf. Drei Gastronomen aus je einer der dreizehn Regionen Frankreichs treten gegeneinander an, die fünf Überseegebiete ausgeschlossen. Dem Gewinner oder der Gewinnerin winkt eine Investition von einer halben Million Euro in sein oder ihr Unternehmen.«

»Eine Kochsendung?« Pierre runzelte die Stirn. »Aber das Restaurant ist trotzdem geöffnet, oder?«

»Nein, tut mir leid.«

»Und«, Pierre musste sich sehr zusammenzureißen, um seinen Ärger und seine Enttäuschung nicht laut zu äußern, »was ist mit der Reservierung für heute Abend?«

Ians Augen weiteten sich. »Ach, verdammt. Ich hatte ganz vergessen, dass …« Er unterbrach sich gerade noch rechtzeitig. »Es ist mir furchtbar peinlich. Die Produktion hat mich kurzfristig darum gebeten, den Restaurantbetrieb heute schon einzustellen, damit die Technik rechtzeitig aufgebaut werden kann. Und weil wir so gut wie keine Voranmeldungen haben … Ich hätte es dir sagen müssen, aber ich war komplett durch den Wind.« Ians Augen begannen zu schimmern. »Vergangenen Sonntag ist ein guter Freund tödlich verunglückt.«

Charlotte hob erschrocken die Hand vor den Mund.

»Das tut mir sehr leid«, murmelte Pierre. »Was ist denn passiert?«

»Ein Unfall. Es war sehr stürmisch, und da haben sich wohl Dachziegel gelöst. Er konnte nicht mehr ausweichen.« Ians Lippen bebten, und er atmete tief durch, bevor er fortfuhr: »Ausgerechnet jetzt! Christophe stand kurz davor, sein Weingut zu verkaufen. Er wollte mit seiner Frau Agnès an die Atlantikküste ziehen, sich dort ein schönes Leben machen. Und nun …« Er straffte die Schultern und versuchte ein Lächeln. »Aber dafür könnt ihr natürlich nichts, und ich will mein Versäumnis wiedergutmachen. Wenn ihr möchtet, kann ich euch für heute Abend einen Tisch in einem anderen Restaurant besorgen. Das Entre Vigne et Garrigue ist wirklich hervorragend. Man fährt von hier etwa zwanzig Minuten in Richtung Avignon. Oder das Le Goût du Vin, eine neue Weinbar mit ausgezeichneter Bistroküche. Sie gehört Caterine Ouziel, einer Kandidatin dieser Kochsendung.«

Pierre sah auf seine neue Armbanduhr, die er von Charlotte zum Geburtstag bekommen hatte. Es war neunzehn Minuten vor sechs. Um halb acht würde die Sonne untergehen, es war also denkbar knapp. Außerdem war dieser zauberhafte Ort, war die Abendstimmung über dem Weinfeld das Kernstück seines Plans gewesen.

»Gibt es einen guten Lieferservice?«

»Nicht hier in der Gegend.« Ian rieb sich das Kinn und lächelte plötzlich. »Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn ihr euch eine Kleinigkeit kocht? Mein Küchenchef hatte für heute Maispoulardenbrüste gekauft, die könnt ihr gerne verwenden. Und die Produktion hat einen ganzen Supermarkt geplündert, viel mehr, als die teilnehmenden Köche je verarbeiten können. Ich kläre das mit dem Aufnahmeleiter. Es wäre das Mindeste, was sie tun können, um den Ausfall zu entschädigen.«

Pierre setzte zu einer Erwiderung an, er wollte nicht, dass Charlotte an diesem Wochenende auch nur eine Sekunde in der Küche stand.

»Das ist eine gute Idee«, kam sie ihm zuvor. »Ich werde uns Maispoulardenbrust mit Champignons machen, dazu einen Feldsalat. Das geht schnell.«

»Klingt gut.« Pierre grinste. »Aber dieses Mal helfe ich dir beim Zubereiten.«

Ian klatschte in die Hände, sichtlich froh über diese Lösung. »Nehmt die mittlere Kochstelle, die ist als einzige nicht abgedeckt. Ihr müsstet sie nur bitte sauber hinterlassen. Fühlt euch wie zu Hause. Alkoholische Getränke findet ihr in der Bar, ebenso Wasser und Softdrinks. Der Frühstücksraum geht links vom Restaurant ab, da steht ein Kaffeeautomat. Schreibt einfach auf einen Zettel, was ihr entnommen habt, wir rechnen das dann am Ende ab.« Er zog einen Schlüssel mit altmodischem Keramikschild aus der Schublade. »Dann zeige ich euch jetzt mal euer Zimmer. Wie alle anderen trägt es den Namen einer historisch bedeutsamen Frau. Es ist nach Louise de la Vallière benannt, der Lieblingsmätresse von Ludwig dem XIV.«

»Monsieur Fitzgerald?« Ein Mann mit übergroßer Baseballkappe und geröteten Wangen war wie aus dem Nichts im Foyer aufgetaucht. »Der Strom ist wieder ausgefallen. Nun schon zum dritten Mal.«

»Ich bin gleich bei Ihnen«, antwortete Ian. »Ich will nur rasch unsere Gäste aufs Zimmer bringen.«

»Dauert das lange? Der Aufnahmeleiter wird gerade wieder hysterisch.«

»Geh nur«, sagte Charlotte und streckte die Hand nach dem Schlüssel aus. »Wir kommen schon zurecht.«

Ian nickte erleichtert. »Das Zimmer liegt im ersten Stock auf der linken Seite. Der Name steht an der Tür.« Er beugte sich zu Pierre. »Im Kühlschrank hinter der Bar findest du auch Champagner«, raunte er ihm zu. »Der geht aufs Haus. Viel Erfolg!« Dann zog er mit dem Techniker davon.

»Na dann«, sagte Pierre und hob den Koffer an.

Der Aufgang war im selben hellen Sandstein gehalten wie die Außenmauern. Über eine Treppe mit gusseisernem Geländer gelangten sie zu einem Flur, an dessen Ende sich ihr Zimmer befand.

»Et voilà«, sagte Pierre, als er die Tür aufstieß. »Unser Reich für die nächsten Tage. Treten Sie ein, Mademoiselle.«

Der Raum war elegant und gleichzeitig verspielt. Die salbeifarben gestrichenen Wände waren an der Bettseite mit einer Blumentapete in Rostrot, Mint und Creme kontrastiert. Dasselbe Blumenmuster fand sich in Betthimmel, Überdecke, Gardinen und Kissen wieder. Eine stimmige Zusammenstellung, zweifellos, wenngleich es ihn an eine Puppenstube erinnerte.

»Hübsch ist es hier.« Charlotte ließ sich auf einem Sessel nieder und nahm sich von der Etageredie mit einem Gruß von Ian auf dem Beistelltisch stand, eine Praline. »Wie in einem richtigen Schloss.«

»Ebenso kitschig«, sagte Pierre grinsend.

Sie lachte. »Komm schon, das ist romantisch!«

Pierre öffnete den Riegel der Balkontür und trat hinaus. Hatte ihn die abendliche Planänderung vorhin noch verstimmt, so entschädigte ihn der Anblick nun für alles. Vor ihm lag ein grün-grau schimmerndes Weinfeld, dessen Konturen sich im milchig werdenden Licht verloren.

»Hier lässt es sich aushalten«, murmelte er. Er legte beide Hände auf das Geländer und schloss die Augen, spürte die weiche, lauwarme Luft auf der Haut. Dann gab er sich einen Ruck. »Wir sollten uns beeilen«, sagte er, während er die Balkontür hinter sich wieder verriegelte. »Es wird bald dunkel.«

4

Die Hotelküche war überraschend groß und versprühte denselben ländlich-aristokratischen Charme wie das restliche Hotel. Geblümte Vorhänge umrahmten die Flügeltüren, deren Glasscheiben für die morgige Produktion mit lichtdurchlässiger Folie überklebt waren. Sie wurden kontrastiert von einer Küchenzeile aus Edelstahl und Studiolampen, die sich ebenso wie der Kamerawagen wie Fremdkörper ausnahmen.

In der Mitte des Raumes befand sich eine Kochinsel, bestehend aus drei modernen Herdelementen im Stil gusseiserner Öfen, die man mit mobilen Arbeitsplatten voneinander getrennt hatte und auf denen Schalen mit Äpfeln, Birnen und Trauben sowie bunt gemischte Kräutertöpfe standen. Alles war blitzblank geputzt, bereit für die morgige Aufzeichnung.

»Da traut man sich ja kaum, irgendetwas anzufassen«, murmelte Pierre und betrachtete den mittleren Herd, der als einziger nicht abgedeckt war.

Aber Charlotte lachte nur. Sie inspizierte die Kühlschränke und entnahm zwei Maispoulardenbrüste, eine große Handvoll Feldsalat, dazu Champignons und Feigen und legte sie mitsamt einem Stück durchwachsenen Specks auf die Arbeitsplatte, die zum mittleren Herd gehörte. Dann schaltete sie ihn ein. »Die Stromversorgung scheint auf jeden Fall wieder zu funktionieren.«

Pierre sah zu, wie sie die Maispoularden salzte und zusammen mit einer zerquetschten Knoblauchzehe in eine Pfanne mit heißem Öl legte. »Was kann ich tun?«