Prudence und das Spiel des Lebens - Stanislav Koschmelsky - E-Book

Prudence und das Spiel des Lebens E-Book

Stanislav Koschmelsky

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Beschreibung

Ist ein Schauspieler, der in seiner Rolle von der Bühne steigt und jemanden tötet, wirklich ein Mörder? Kann es sein, dass ein Maler Gott ist? Können Männer tatsächlich Frauen verstehen und können Frauen Liebe und Leid voneinander unterscheiden? Diese und ähnliche Fragen versucht dieser teilweise autobiografische Roman zu beantworten, wobei sich Realität und Fiktion ständig vermischen.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Es war nur ein Traum

Ein Traum von Menschlichkeit,

von Liebe,

von Miteinander,

dem Paradies,

nur ein Traum

Vielleicht habe ich die Figur des Dr. Stuart Framingham zu gut gespielt, denn am Ende hassten sie ihn alle. (Zitat Stanislav Koschmelsky).

Ich werde oft gefragt wie denn alles so weit kommen konnte und warum ich das getan habe und ich habe nie über diese Frage nachgedacht, denn die Frage nach dem „warum“ hat selten zu einer vernünftigen Antwort geführt. Natürlich habe ich später auch viele Theorien über meine Motivation in den Zeitungen gelesen, aber keiner dieser Schreiberlinge hat irgendetwas verstanden! (Stanislav Koschmelsky aus dem Untersuchungsgefängnis).

Inhaltsverzeichnis

August 1989

August 1989

Fred

Fred, 34 Jahre später

Die Tänzerin, 1989

August 1989, Prudence

Fred der Bühnenmaler, 1989

August 1989, Prudence

Oktober 89. Probe. Auf der Bühne. „Trotz aller Therapie“

Fred malt

Bruce, August 1989

Fred, 34 Jahre später

Mai 1989. Es geschieht: Prudence! Wie es begann

Mai 1989

Fred malt wieder

Mai 89. Der Morgen danach

September 92. Drei Jahre später. So hätte ich mir die Zukunft vorgestellt!

Fred malt. 1989

1992 findet nicht statt. Stattdessen März 1990

Fred, 34 Jahre später. Das Interview

1989, Februar. Der Schauspieler und die Tänzerin vor der Trennung

Fred, 34 Jahre später. Das Interview

1989, Februar. Der Lehrer und die Tänzerin vor der Trennung

10. Januar 2004

Fred, 34 Jahre später. Das Interview

11. Januar 2004. (15 Jahre nach 1989)

März 1990

Fred, 34 Jahre später. Das Interview

2004. Noch immer im Hotel, noch immer auf der Suche nach Erleuchtung. Die Bedienung hat heute frei

April 2020

11. Januar 2004. (15 Jahre nach 1989)

1962, Schule

1977. (12 Jahre vor 1989).

Da vorne ist er!

1990. Noch immer (oder schon wieder) ein Lehrer...

Herbst 1977. (12 Jahre vor 1989). Die Tänzerin

Februar 89, Fred

Oktober 2012. 23 Jahre nach 1989. (Ich bin ein Schauspieler, noch immer)

Spätherbst 1981. (8 Jahre vor 1989)

Februar 89. Der (Wende)Punkt.

Juli 1990. Nach Prudence

Juli 1990, Charlotte

Juli 1990, Charlotte

1989. Der Buchhaltungslehrer

Fred

Juli 1990, Charlotte

Juli 1990

August 2010. (21 Jahre nach 1989)

September 90. Charlotte (noch)

Juli 1990. Trotz aller Therapie, Probe

20. Januar 2004. Die Bedienung trifft Josef

Jetzt

Dezember 1990. Charlotte. Ich bin ein Schauspieler. Vor der letzten Aufführung

Mai 1991

Der Barmann

Es ist Nacht

August 1989

„Manchmal habe ich den Eindruck, als habe man mich auf einem fremden Planeten – am anderen Ende der Milchstraße – abgesetzt. Was ich hier soll? Ich weiß es nicht“, sagt Prudence. „Momentan habe ich einfach das Gefühl mein Leben zu vergeigen!“

„Du kannst nicht dein Leben vergeigen, du kannst nur den Augenblick vergeigen“, sage ich.

Prudence sieht mich mit ihren Bergseeaugen an.

Ich sage nichts und halte ihre Hand.

Es ist die Stille eines Sonntags, durchbrochen nur von einer Stimme, die zwischen den Mauern des Hinterhofes hallt. Zugeschlagene Türen und ein Motor, der ärgerlich brummend startet. Zuggeräusche am anderen Ende des Hofes. Dann wieder Stille – Sommerstille. Die träge Ruhe eines Tages, der himmelblau und brennend, schwarze Schatten auf das Pflaster zaubert.

Prudence liegt neben mir in meinem Bett. So groß, so schön, so blond. Ihre Haare – schweißverklebt – verdecken ihre Augen, während sie wieder auf mich steigt. Nur ihre kleine Nase und der Mund ragen aus dem Schleier von Haar und Duft, der ihren Körper umspielt.

Sie zieht die Luft ein und stöhnt und ich verliere mich wieder in ihr, wie so oft an diesem Tag. Der leicht herbe Geruch ihres Parfüms, der immer stärker wird, die Haut heißer, bis sie strahlt wie glühender Sand. Erlösung in dumpfem Pochen und Stöhnen und Kälteschweißspuren auf den Schenkeln danach.

Ich schaue träge hinaus in den Hof und Prudence schläft.

Noch immer Stille, noch immer Sonntag. Hitze und eine Stimme zwischen den Mauern eines Hinterhofes. So habe ich mir das Leben immer vorgestellt! Ich verschränke die Hände hinter dem Kopf.

Wir sind Schauspieler, Prudence und ich. Die Hauptrollen in dem Stück von Christopher Durang „Trotz aller Therapie“. Ich bin dabei Dr. Stuart Framingham, ein Psychiater, der viel zu schnell kommt, deshalb Komplexe hat und möglichst viele seiner Patientinnen flach zu legen versucht. Eine schwierige, trostlose, unsympathische Figur. Machogehabe, Cowboystiefel, offenes Hemd mit schwarzer Brustbehaarung, Goldkettchen. 34 Jahre alt, angegraut, Glatze.

Es ist ein kleines Theater mit gerade einmal 250 Sitzplätzen, in dem wir spielen. Der Zuschauerraum leicht abgeschrägt zur Bühne hin. Es gibt keinen Orchestergraben und keine erhöhte Spielfläche. Nur der Übergang von dunklem Teppichboden zu hellen Metallfliesen bezeichnet die Grenze, die Zuschauer und Schauspieler trennt.

Prudence ist das, was man auf den ersten Blick als germanisch beschreiben würde: Einen Kopf größer als ich, langes, kräftiges, weizenblondes Haar. Rundliche Brille. Volle, sinnliche Lippen und eine sehr weibliche Figur. Ich streichle ihr seidenes, kräftiges Haar und ziehe die Decke über ihre kalten Schultern. Leider ist sie mit meinem Rivalen aus dem Theaterstück zusammen.

Bruce! Bruce – bisexuell – der ihr gleich bei ihrem ersten Date von seinem Liebhaber erzählt und Bruce, den sie eigentlich gar nicht leiden kann!

Natürlich heißt Bruce nicht Bruce, sondern Wolfgang, und bisexuell ist er auch nicht. Aber er steht zwischen Prudence und mir.

Ich weiß, dass Prudence ihren Wolfgang liebt. Sie ist ein gutes Mädchen – wenn auch ziemlich groß und ziemlich blond – und ich weiß, dass sie ihren Wolfgang nie verlassen wird und trotzdem… Ich schaue auf Prudence, die neben mir liegt und streichle ihr Haar, küsse ihre schweißverklebte Wange, die jetzt so kalt ist und sie lächelt ein wenig. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ich könnte sie stundenlang anschauen, oder ihren Duft einatmen und mich in Träumen von einer gemeinsamen Zukunft verlieren. Nur dieses Wochenende, dann kommt Bruce zurück oder Wolfgang, der seine Eltern besucht.

Sie wird ihn niemals verlassen, ich weiß das und es stört mich nicht. Solange ich immer wieder einmal mit ihr zusammen sein kann, immer wieder einmal ihre Nähe spüre und immer wieder hinterher, die sphärische Musik von Anton Bruckner in mir höre. Ich brauche sie nicht zu besitzen, sie ist wie ein wundervolles Gemälde in einem Museum, zu dem man immer wieder zurückkehrt, um einen Zipfel der Schöpfung zu erhaschen und zu spüren.

Übertrieben? Gefühlsduselig, Blödsinn? Was erwarten Sie? Ich bin Schauspieler!

Es wird dunkel und Schweigen senkt sich herab. Nur das Atmen von Prudence und das ferne Grollen des Gewitters und dann der Wind, der die Vorhänge bläht.

Ich bin ganz still.

Fred, 34 Jahre später

(Im Gespräch mit einem sehr jungen Reporter in einer Bar mit großen Spiegeln, einer blank geputzten Messingtheke und grünen Ledersesseln, vor denen kleine runde Tische stehen).

Fred: Sie alle sahen sich bei der Vorbesprechung zum ersten Mal. Die Orlov, die sich gleich als Prudence vorstellte und auch danach nie ihren richtigen Namen benutzte.

Reporter: Auch heute darf man sie ja nur mit dem Namen ihrer momentanen Rolle ansprechen.

Fred: So ist es. (fährt fort): Dann die Rosenberg, die es der Orlov gleichtat und sich nur mit Charlotte ansprechen ließ. Charlotte Wallace, Psychiaterin. Dann Anton Miller, der laut Presse die beste Nebenrolle spielte, die in dieser Stadt je auf der Bühne stand und das, obwohl er nur einen fast nicht vorhandenen Kellner darstellte!

Und dann natürlich Wolfgang Ackermann! Ein Riesentalent, das die letzten 50 Aufführungen wegen einer Gehirnblutung nicht mehr mitspielen konnte und durch ein Double ersetzt werden musste... Sie alle verwandelten sich, wurden zu dem, was sie auf der Bühne spielten. Das, was sie vorher waren zählte nicht mehr, hörte auf zu existieren.

(Fred sieht den Reporter an) Niemand ahnte damals, dass sich bei diesem Stück vor über 30 Jahren...

Reporter: 34 Jahre, um genau zu sein.

Fred: (unbeirrt) Niemand ahnte damals, dass dort die spätere Creme de la Creme der Schauspielerei auf der Bühne stand. Alle waren sie damals noch unbekannt, alle noch voller Feuer, Eifer und Enthusiasmus! (Macht eine Pause und lächelt dann versonnen) Das Stück wurde ein Riesenerfolg! Der Durchbruch für alle, wenn man einmal von Wolfgang Ackermann absieht, der nach seiner Operation nie mehr auf einer Bühne stand. 50 Vorstellungen waren geplant und es sind 250 geworden.

Die Letzte genauso ausverkauft wie die Erste.

Reporter: Ausverkauft auch wegen ihrer Bühnenbilder!

Fred (nickt) Ja, ausverkauft auch wegen meiner Bilder.

Reporter: Man könnte also sagen, dass dies auch der Beginn ihrer Karriere war?

Fred: Nein, das nicht, aber es gab meinem Schaffen eine sehr praktische Ausrichtung.

Reporter: Wie das?

Fred: Meine Bilder begannen zu leben oder anders gesagt in meinen Bildern wurde es lebendig, verstehen sie?

Reporter: Nicht ganz.

Fred: (erklärt) Nun, wenn ein Maler normalerweise ein Bild mit Personen malt, sind diese dort eingefroren, sie bewegen sich nicht. In meinen Bildern tun sie es. Sie reden, sie bewegen sich. Sie lachen, sie weinen, sie tanzen und singen. Sie heiraten, bekommen Kinder, leben, sterben. Das ganze Leben spielt sich in meinen Bildern ab!

Reporter: Ich verstehe.

Fred: (man sieht ihm an, dass er dem Reporter nicht glaubt) Jedenfalls konnte die Curley ihr Glück kaum fassen, als sie alle bei der ersten Probe auf der Bühne sah und sie das Potential erkannte, das hier aufgelaufen war!

Reporter: Maria Curley?

Fred: (nickt) Ja, die wohl beste Regisseurin der letzten 40 Jahre. Ebenfalls noch unbekannt, ebenfalls noch voller Begeisterung und einem Hang zum Perfektionismus, der an Grausamkeit grenzte!

Reporter: Wenn man sieht was daraus geworden ist und wie viele internationale Karrieren damals ihren Anfang genommen haben, dann hat sich das ja wohl auch gelohnt!

Fred: (nickt) Oh ja, das hat es!

August 1989

„Ich bleibe hier“, sagt Prudence und breitet eine Decke neben einer Kolonie von Kornblumen aus. Kornblumen, blau von der Sonne durchleuchtet wie ihre Augen. Sie breitet die Decke auf der Wiese aus und setzt sich. Ihr weißes Kleid mit den Rosenpunkten, das lange, blonde Haar zu Zöpfen geflochten. Ein Kreis, in dessen Mittelpunkt sie sitzt. Sie holt ihre Stifte und fängt zu zeichnen an.

Ich verschwinde, der Rest der Welt verschwindet und es existieren nur Kornblumen, blau von der Sonne durchleuchtet und sie.

Es ist heiß und ich döse vor mich hin. Der Geruch von Heu, Sommerwiesengezirpe und das Brummen von Bienen. Ich schließe die Augen. Alles ist, wie es ist. Ich bin mit Prudence zusammen. Wir haben keine gemeinsame Vergangenheit und wir werden nur eine sehr kurze Zukunft haben (solange das Stück gespielt wird), aber wir sind real, jetzt und im Augenblick.

Prudence, die malt: Kornblumen, blau und sie ist erfüllt davon. Sie wählt die blaue Farbe und zeichnet die Form.

Selbstvergessen, nicht von dieser Welt und doch hier. Sie hat keine Angst, denn sie ist ohne Zukunft und die Vergangenheit hat aufgehört zu existieren. So ist es immer mit ihr, das begreife ich jetzt. Die Gegenwart ist Doktor Stuart Framingham, der ihr Liebhaber ist und mit dem sie diesen Tag verbringt. Ihr gezopftes Haar glänzt golden, eine Farbe wie die Ähren windgewiegt auf dem großen Feld hinter uns. Es ist Sonntag und es wird heute Sonntag bleiben.

Fred

Er malt ein Haus. Ein Haus an einem Fluss oder doch eher an einem breiten Bach.

Es ist ein altes Haus mit einem Schuppen davor, dessen Außenwände mit Brettern vernagelt sind. Alte Bretter und altes Gerät, das im Innern steht. Jedenfalls vermutete er das, während er das Bild malt. Das Gebäude dahinter größer und ziegelgedeckt. Der First in der Mitte schon leicht nach unten gedrückt. Ein Bauernhaus an einem kleinen Fluss, oder doch eher an einem breiten Bach.

Jetzt noch Schwäne darauf. Nicht viele, zwei, vielleicht auch drei. Weiter hinten eine kleine Brücke aus Feld- oder Bruchsteinen und ein Weg, am linken Ufer des Bachs entlang. Hinter den Gebäuden Bäume, ein kleiner Wald. Laubbäume. Wie viele Gefühle, wie viele Geschichten und wie viele Leben so ein Bild enthielt, sah niemand. Nur er und das Bild wussten davon. Und dann die die Angst, die einen manchmal überfiel, während man die Farben mischte. Immer wieder diese Angst! Und das alles steckt in einem alten Haus an einem breiten Bach und einem Schuppen davor, der mit Brettern vernagelt ist. Und vielleicht noch in zwei bis drei Schwänen, die es noch nicht gibt. Ein ganzes Leben, oder gar eine ganze Welt!

Er malt weiter. Seine Gedanken schweifen und er denkt an seine Kinder und sein Innerstes füllt sich mit Liebe und gleichzeitig mit Furcht. Manchmal träumt er in der Nacht, dass eines von ihnen gestorben sei und das zerreißt ihm das Herz. Er weint und wenn er dann tränenbedeckt, schweißgebadet und zitternd aufwacht, dauert es eine Zeit bis der Schmerz endlich nachlässt und er begreift, dass es wirklich nur ein Traum war.

Danach legt er sich nie mehr hin. Er bleibt aufrecht im Dunkeln sitzen, um nicht wieder in eine Welt zu fallen, in der eines seiner Kinder gestorben ist!

Wenn dann der Morgen kommt, verblasst es und er kann aufstehen und alles kommt wieder in Ordnung. Er sieht auf das Bild und der Wald ist sehr düster geworden.

Etwas Schreckliches verbirgt sich nun in diesem blattlosen Gehölz hinter dem Haus an dem Bach mit dem brettergenagelten Schuppen davor.

Fred, 34 Jahre später

(Im Gespräch mit einem sehr jungen Reporter in einer Bar mit großen Spiegeln, einer blank geputzten Messingtheke und grünen Ledersesseln, vor denen kleine runde Tische stehe).

Reporter: Damals haben sie also ihr erstes Bild für Koschmelsky gemalt?

Fred: Na ja, eigentlich nicht nur für ihn, sondern für alle Personen des Stücks. Niemand kann sich in einem leeren Raum aufhalten und dann eine Rolle spielen. Wir alle brauchen eine Kulisse, in der wir uns bewegen können.

Reporter: Und diese Kulissen machen sie?

Fred: Ja.

Reporter: Und danach sind sie Koschmelsky treu geblieben und haben all seine Bühnenbilder gemalt?

Fred: (nickt) Ja.

Reporter: Ich habe gehört, dass ihre letzte Bühnendekoration versteigert wurde und einen Spitzenpreis erzielt hat.

Fred: Das stimmt allerdings.

Reporter: Warum sind sie nach dieser ersten Aufführung erst einmal beim Theater geblieben und warum haben sie alle Bühnenbilder ausgerechnet für ihn gemalt? Soviel ich weiß, waren sie doch auch mit der Orlov oder der Rosenberg befreundet?

Fred: (zupft sich am Ohrläppchen) Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Reporter: Versuchen sie es, sie müssen doch selbst schon darüber nachgedacht haben.

Fred: (windet sich) Na ja, Koschmelsky hat einfach in meine Bilder gepasst!

Reporter: (irritiert) Das verstehe ich nicht.

Fred: (seufzt) Stellen sie sich einfach einmal ein Gemälde von Tiepolo vor. Würden Sie da einen Rockmusiker hineinmalen?

Reporter: Ich nehme mal an, dass dieser Tiepolo kein Zeitgenosse ist?

Fred: (schüttelt den Kopf) So ungefähr 18. Jahrhundert.

Reporter: Dachte ich mir.

Fred: Also würden sie in einem solchen Gemälde einen Rockmusiker sehen wollen?

Reporter: Nein.

Fred: Na also.

Reporter: (ratlos) Na also was?

Fred: Koschmelsky hat gepasst, deshalb habe ich ihn in all meine Bilder gestellt.

Reporter: Immer derselbe?

Fred: Ja und nein. Koschmelsky war in keinem Stück derselbe. Genau das macht einen guten Schauspieler ja aus!

Reporter: (nickt) Und er hat auch in ihren Bildern immer anders ausgesehen.

Fred: Immer. Schließlich hat er auch jedes Mal eine andere Rolle gespielt.

Reporter: Aber dann haben sie zwei Jahre lang aufgehört ihn in ihre Bilder zu stellen! Sie sind ihm auch zum ersten Mal nicht gefolgt, haben ihr Theaterengagement beendet und mit ihren Bildern, die sie gemalt haben, ihren jetzigen Ruhm und Reichtum begründet.

Fred: Ja.

Reporter: Warum?

Fred: Ich wollte einfach einmal sehen, wie das ist, reich und berühmt zu sein. Außerdem war das die Zeit in der Koschmelsky zwei Filme gedreht hat.

Reporter: Die ihm endgültig zu seinem Durchbruch verholfen haben.

Fred: Genau. Filme finde ich gruselig.

Reporter: Warum das?

Fred: In Filmen laufen zum Teil Menschen herum, die längst gestorben sind.

Reporter: Na ja im Theater werden Stücke von Toten aufgeführt.

Fred: Aber die Menschen, die dort sprechen leben noch.

Sie erschaffen mit dem Wort oder den Wörtern die Welt jedes Mal vor unseren Augen neu. Das Wort ist immer lebendig, verstehen sie. Das Wort stirbt nicht. Es lauert in Büchern und auf Bühnen, um jedes Mal wieder neu erweckt zu werden.

Reporter: Also ich finde, dass in Filmen genau das Gleiche passiert.

Fred: Das bezweifle ich nicht. Nur Filme sind etwas Dauerhaftes. Sie verändern sich nicht ständig, wie etwa ein Theaterstück es jeden Abend tut. Ein Theaterstück entsteht jeden Abend neu. Es ist dynamisch. Ein Film bleibt sich immer gleich und es laufen sogar Figuren herum, die längst tot sind.

Reporter: Das sagten sie schon.

Fred: Ein Theaterschauspieler, der gestorben ist, spaziert nicht mehr über die Bühne. Deshalb hat Koschmelsky sich, als er noch mehr als nur einer war geweigert, sich oder die Stücke, in denen er spielte, filmen zu lassen.

Das hat sich erst dann geändert, als Koschmelsky eine Zeitlang den Kontakt zu seiner Kreativität verloren hatte.

Übrigens auch der Grund, warum ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten konnte.

Reporter: Weil er eine Zeitlang tatsächlich nur noch Koschmelsky und kein Künstler mehr war?

Fred: Genau. Und wer möchte sich schon einen Koschmelsky ins Bild stellen? Wir wollen da jetzt aber nicht stundenlang drüber diskutieren, oder? Ich glaube kaum, dass ihre Leser das interessiert.

Reporter: (schüttelt den Kopf) Sie haben Recht. Also, wie ist es reich und berühmt zu sein?

Fred: Nett.

Reporter: Nett?

Fred: Ja, vorher konnte ich mir nie einen Maserati leisten.

Reporter: Sie sind also reich geworden, um sich einen Maserati leisten zu können?

Fred: Ja und einen VW-Bus T2.

Reporter: Einen VW-Bus?

Fred: Ja. Den Maserati und den VW-Bus habe ich immer noch. Auch den Jaguar MK 10.

Reporter: Ich bin neidisch!

Die Tänzerin, 1989

Ich war verheiratet, bevor ich Dr. Stuart Framingham wurde. Das ist noch nicht einmal sechs Monate her.

Mit einer Tänzerin, so schön und so unglücklich, dass es mich zerreißt, sobald ich nur an sie denke! Natürlich blond, natürlich blaue Augen, natürlich Bergseen – nur - dieses Mal schwimmt eine Insel in diesem großen Blau.

Wir haben zwei wundervolle Kinder und wir spielen Rollen. Rollen, in die wir geschlüpft sind, weil wir uns ansonsten hilflos und verloren gefühlt hätten. Es sind Anzüge, die uns vor der Kälte schützen! Wir haben uns kennengelernt, um uns zu öffnen, um unsere Verletzlichkeit zu heilen oder doch zumindest zu teilen, doch dann hat uns der Mut verlassen! Zu kalt. Diese Welt ohne Schutz, ohne Rollen, war so riesig, so groß und so kalt! Wie kann man in einer so großen, so kalten Welt ohne Rolle, ohne eine Gebrauchsanleitung existieren und dann auch noch völlig nackt sein Herz in andere Hände legen, wenn man Vertrauen nie gelernt hat?

Also spielten wir Rollen und gaben unsere Freiheit, unsere Seele und was weiß ich noch alles auf.

Nähe haben wir nur beim Sex gespürt und haben deshalb tagelang miteinander geschlafen. Bis die Tänzerin auch diese Art von Nähe nicht mehr ertrug.

Wir haben uns auf dieser Bühne des Lebens nur zwei Mal nackt gegenübergestanden. Zwei Mal uns unverhüllt in die Augen gesehen - und es nicht ausgehalten!

Niemand hält diese Nacktheit aus. Also haben wir uns abgewandt und wieder Rollen gespielt. Rollen angezogen, die nicht uns gehörten, Rollen, die tausendfach um uns herum im Angebot waren und wir haben es uns gegenseitig zum Vorwurf gemacht: Das Abwenden, die Furcht, die Flucht in die Rolle, die Feigheit vor Nähe, die Feigheit vor dem Leben! Damals habe ich verstanden, dass die Rolle, die wir spielen und das Festhalten daran die Quelle all unserer Irrungen und unseres Leides ist!

Warum verrätst du mich? Du hattest mir etwas anderes versprochen!

August 1989, Prudence

Auf der Wiese. Ich versuche es Prudence zu erklären.

„Ich weiß Prudence: Fremde Rollen spielen, nur weil man sie kennt, sind schlechte Voraussetzungen, um eine Ehe zu gestalten. Ich gebe es zu, – sie taugen nicht einmal dazu, ein Eigenleben zu führen“, sage ich. „Und darunter bist du immer noch nackt!“

Prudence sitzt da und malt.

„Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass ich mir so ohne alles klein und erbärmlich vorkam und dass sich dieses „Rollen anzuziehen“ gut anfühlte, weil es alle machten!

Verstehst du? Ich kenne niemanden, der keine Rolle spielt. Wir alle tun so, als wären wir wer und irgendwann, wenn wir lange genug leben, glauben wir das auch!“

Ich erzähle das ihr aber eigentlich doch nur mir. Eine Geschichte wird wahr, wenn man sie sich oder anderen oft genug erzählt!

Prudence betrachtet ihr Bild. Fred hat ihr gezeigt, wie man es macht und sie lernt jeden Tag dazu. Prudence hört nicht zu, das weiß ich.