Pura Vida und andere Problemas - Marc Weiherhof - E-Book

Pura Vida und andere Problemas E-Book

Marc Weiherhof

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Beschreibung

Zwischen Tropenregen und Herzklopfen Mario trinkt keinen Kaffee. Nie. Nicht mal, wenn er gratis, fairtrade und von einem Barista mit Sixpack serviert wird. Und jetzt? Jetzt erbt er ausgerechnet eine Kaffeeplantage in Costa Rica, komplett mit Haus, Schuppen und genug Bohnen, um halb Zürich jahrelang wachzuhalten. Plötzlich stolpert er in ein neues Leben, schlägt sich mit Leguanen, Affen und einem übermotivierten Hund herum. Faultiere zeigen ihm, was Entschleunigung wirklich heißt und die Dorfbewohner, dass Pura Vida mehr ist als ein Spruch auf einem T-Shirt aus dem Souvenirshop. Zwischen tropischen Regengüssen, unerwarteten Herausforderungen und Begegnungen mit Herzklopf-Garantie merkt Mario schnell, dass das Abenteuer gerade erst begonnen hat. Dieser MM Romance Roman ist für alle, die Geschichten lieben, die Herz, Humor und ein bisschen Chaos verbinden. Tropes - Found Family - Slow Burn Attraction - Reluctant Hero - New Beginnings - Tropical Romance - Personal Growth

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Marc Weiherhof

Pura Vida und andere

Problemas

© 2025 Marc Weiherhof

Hasenbühlstraße 7, 8910 Affoltern a. A.

(SCHWEIZ)

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Besuche mich auf meiner Webseite:

marc-weiherhof.ch

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Coverdesign: Marc Weiherhof, mit Bildern von Midjourney

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Buchpiraterie ist wie schlechter Kaffee: bitter, fade und absolut unnötig. Bitte unterstütze lieber queere Geschichten mit Herz und Verstand.

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Alle Figuren in diesem Roman sind frei erfunden – jede Ähnlichkeit mit echten Personen wäre ein ziemlich verrückter Zufall.

Über das Buch

Zwischen Tropenregen und Herzklopfen

Mario trinkt keinen Kaffee. Nie. Nicht mal, wenn er gratis, fairtrade und von einem Barista mit Sixpack serviert wird. Und jetzt? Jetzt erbt er ausgerechnet eine Kaffeeplantage in Costa Rica, komplett mit Haus, Schuppen und genug Bohnen, um halb Zürich jahrelang wachzuhalten.

Plötzlich stolpert er in ein neues Leben, schlägt sich mit Leguanen, Affen und einem übermotivierten Hund herum. Faultiere zeigen ihm, was Entschleunigung wirklich heisst und die Dorfbewohner, dass Pura Vida mehr ist als ein Spruch auf einem T-Shirt aus dem Souvenirshop.

Zwischen tropischen Regengüssen, unerwarteten Herausforderungen und Begegnungen mit Herzklopf-Garantie merkt Mario schnell, dass das Abenteuer gerade erst begonnen hat.

Dieser MM Romance Roman ist für alle, die Geschichten lieben, die Herz, Humor und ein bisschen Chaos verbinden.

Tropes

Found Family

Slow Burn Attraction

Reluctant Hero

New Beginnings

Tropical Romance

Über den Autor

Ich schreibe Gay-Romance-, Thriller- und Dark-Romance-Geschichten voller Herz, Humor und Spannung. Immer queer. Meine Bücher verbinden emotionale Tiefe mit Leidenschaft und führen Leserinnen und Leser an besondere Orte rund um die Welt.

Seit über zwanzig Jahren gehe ich gemeinsam mit meinem Mann durchs Leben. Wenn ich nicht gerade schreibe, reise ich gern, trinke Cola Zero oder versuche mich an der Gestaltung von Tonfiguren. Und: Katzenpapi forever.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Epilog

Prolog

Mario setzte seine Erkundungstour fort, ließ den schmalen Weg hinter sich und folgte einem kaum sichtbaren Trampelpfad, der sich zwischen Farnen und jungen Bäumen verlor. Der Boden war weich vom Regen, roch nach Erde, Moos und etwas Süßlichem, das er nicht benennen konnte. Insekten summten, irgendwo knackte ein Ast, und über allem lag ein gleichmäßiges, lebendiges Schweigen.

Ein Schweigen, das nichts verlangte.

Auf einer kleinen Lichtung blieb er stehen. Dort stand eine einfache Holzbank, schief, verwittert, als hätte sie schon viele Regenzeiten gesehen. Sie wirkte fehl am Platz und gleichzeitig genau richtig. Mario setzte sich langsam, fast vorsichtig, als müsse er erst prüfen, ob sie seinem Gewicht standhalten würde.

Vor ihm öffnete sich der Blick.

Die Plantage lag ihm zu Füßen. Die Reihen der Kaffeepflanzen zogen sich über die Hügel, folgten der Landschaft, statt sie zu verändern. Dahinter begann der Wald, dicht und dunkel, ein grünes Versprechen ohne Einladung. Kein Zaun, keine Grenze. Alles floss natürlich ineinander, als hätte hier niemand versucht, Ordnung aufzuzwingen.

Mario lehnte sich zurück und atmete tief ein.

Noch vor ein paar Tagen hatte sein Leben aus Glaswänden, Sitzungszimmern und Zahlen bestanden. Aus Stimmen, die redeten, ohne zuzuhören. Aus To-do-Listen, die nie kürzer wurden, egal wie sehr er sich anstrengte. Hier oben war davon nichts übrig geblieben.

In diesem Moment verstand er, warum sein Vater ausgerechnet hier geblieben war. Nicht rational, nicht erklärbar. Es war kein Gedanke, eher ein Gefühl, das sich langsam in ihm ausbreitete. Die Schönheit dieses Fleckchens Erde war überwältigend, aber nicht laut. Still. Lebendig. Sie stellte keine Fragen, sie erwartete keine Leistung.

Ein Stück vollkommene Perfektion.

Die Sonne schob sich durch das Blätterdach, legte helle Flecken auf den Boden, wanderte über die Hügel. Zeit wurde weich. Dehnbar. Sie verlor ihre Schärfe, ihre Dringlichkeit.

Hier oben schien sie weniger Gewicht zu haben.

Mario schloss kurz die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste er nichts leisten, nichts entscheiden, nichts erklären. Kein Meeting. Keine Rechtfertigung. Kein unterschwelliger Vorwurf.

Er war einfach da. Und das genügte.

Ein Gähnen überkam ihn, unerwartet, tief. Nicht aus Müdigkeit, sondern aus einem seltsamen Gefühl von Ankommen. Er lächelte flüchtig, rieb sich über das Gesicht und blieb sitzen, länger als geplant.

Vielleicht war das hier kein Zufall.

Wie sein Vater brauchte auch Mario genau diesen Blick, um zu verstehen, was Freiheit bedeutete. Einen Ort, an dem die Sinne übernahmen. An dem der Kopf endlich still sein durfte.

Costa Rica.

Kapitel eins

Der Raum roch nach abgestandenem Kaffee und Reinigungsmittel. Das Besprechungszimmer wirkte wie ein Büromöbelmuseum. Die Luft stand. Der Teppich war grau, die Wände ebenfalls, nur unterbrochen von einem gerahmten Leitbild, das schon bessere Jahrzehnte gesehen hatte. Mario saß auf einem der schweren Ledersessel und hatte das Gefühl, als würde das Möbelstück ihn langsam verschlucken.

Er zwang sich, ruhig zu atmen.

„Guten Morgen, liebes Team. Wollen wir mit dem Meeting beginnen?“ Die Stimme der Mittfünfzigerin schnitt durch den Raum. Emotionslos und kühl. Sie straffte ihre Schultern, als würde sie sich für einen Auftritt rüsten. Das Jackett spannte. Der Stoff gab keinen Millimeter nach.

Genau wie sie.

Mario hob den Blick und unterdrückte ein Grinsen. Der Gedanke an zwei Wasserballone in einer Sardinenbüchse drängte sich auf.

Nicht hilfreich!

Die drei Frauen musterten sich kurz gegenseitig. Schmuck. Frisuren. Kostüme. Ein stummer Wettkampf, der jeden Montag neu eröffnet wurde. Wer heute die Schönste war, entschied sich oft erst im Laufe des Vormittags.

Mario war der einzige Mann im Raum und der Einzige, der bei diesem Spiel nicht mitspielen durfte.

Seit sechs Monaten arbeitete er nun bei der kleinen Privatbank Blaumann & Co. AG. In einer Abteilung, die sich Marketing nannte, aber vor allem aus Zuständigkeiten, Eitelkeiten und unausgesprochenen Regeln bestand. Unter einer Vorgesetzten, die jede Unsicherheit weiterreichte wie ein schlecht verpacktes Geschenk.

Entscheidungskompetenz, Budgetverantwortung? Fremdworte für diese Frau. Man musste ihr erklären, dass 0,1 Prozent Klickrate kein Grund zum Applaus waren. Trotzdem war sie fest überzeugt, der Herausforderung als Teamleiterin gewachsen zu sein.

Eine fatale Kombination.

Alina führte durch die Agenda. Veranstaltungen, Gästezahlen, Caterings. Julie und Valeria lieferten Stichworte, nickten sich zu, bestätigten einander. Ein eingespieltes Team. Zumindest nach außen. Der Ton blieb aufgesetzt freundlich.

„Dann noch die Anwesenheiten“, sagte Alina beiläufig, als wäre es eine Formalität.

Julie begann. Ihre Woche klang wie ein kunstvoll zusammengesetztes Puzzle aus Vormittagen, Nachmittagen, Homeoffice und Terminen. Valeria setzte fort, ebenso präzise, ebenso frei. Arzttermine, verschobene Nachmittage, frühe Abende. Alles kein Problem.

Mütter halt.

Alina notierte aufmerksam, stellte keine einzige kritische Frage. „Mario?“

Er richtete sich auf. „Ich arbeite normal. Montag bis Donnerstag im Büro, Freitag im Homeoffice.“

Alina hob die Augenbrauen. „Normal ist ein dehnbarer Begriff. Etwas mehr Details wären hilfreich.“

Mario zählte auf. Ruhig. Sachlich. So, wie er es jedes Mal tat.

„Na siehst du“, sagte Alina schließlich. „Geht doch. Kommunikation ist das A und O.“

Sie meinte Kontrolle.

Die Sitzung zog sich. Aufgaben wurden verteilt. Neue Punkte kamen dazu, alte blieben liegen. Was Julie und Valeria nicht schafften, landete unausgesprochen bei ihm. Mario war gut darin geworden, die Reste aufzusammeln.

Als es um seine Arbeit ging, kippte der Ton.

„Du hast diese Woche ja vor allem digitale Themen“, sagte Alina und sah ihn an, als würde sie etwas Unangenehmes prüfen. „Das klingt überschaubar.“

Überschaubar.

Mario spürte, wie sich etwas in ihm verhärtete. Er erklärte knapp, welche Kampagnen liefen, welche Auswertungen anstanden, welche Optimierungen nötig waren. Landingpages. Tests. Newsletter. Die neue Webseite. Ad-hoc-Aufträge seiner Kolleginnen.

Alina lächelte dünn. „Für eine Vollzeitstelle wirkt das dennoch wenig. Unsere Eventmanagerinnen leisten deutlich mehr, trotz reduzierter Pensen.“

Ein leises Kichern ging durch den Raum.

Mario sagte nichts mehr. Er kannte das Spiel. Rechtfertigung wurde hier als Schwäche gelesen.

„Wir sind ein Team“, fügte Alina hinzu. „Da hilft man sich. Prioritäten sind wichtig.“

Sie meinte Gehorsam. Und Dankbarkeit.

„Nicht wie damals, als du das Lager aufgeräumt hast, während wir krank waren und wichtige Aufgaben liegen geblieben sind.“

Diese Leier wieder.

„Danke, dass du das ansprichst. Gerne wiederhole ich meine Einschätzung der Situation.“

„Nicht nötig. Mir ist nur wichtig, dass du verstehst, wie wir in dieser Firma zusammenarbeiten.“

Die Ader auf ihrer Stirn pochte.

Mario nickte. Wenig später endete die Sitzung ohne, dass es einen Mehrwert daraus gegeben hätte. Stühle scharrten, Tablets wurden eingepackt. Alina stand auf, zufrieden mit sich selbst. Der Wettkampf war fürs Erste entschieden.

Zurück am Arbeitsplatz, der entgegen den guten Geschäftsergebnissen der letzten Jahre seit einem Vierteljahrhundert unverändert geblieben war, starrte Mario auf den Bildschirm. Die Stimmen seiner Kolleginnen schwollen wieder an, Gelächter, Komplimente, Verabredungen. Er öffnete die erste Datei, dann die zweite.

Er war müde. Nicht körperlich. Anders.

Im Unterschied zu seinen Kolleginnen, die gegen 9 Uhr eingetrudelt waren, arbeitete Mario seit 7 Uhr an der Optimierung der digitalen Kampagne, die er für das Unternehmen eingerichtet hatte. Ziel war es, mittels Werbebotschaften auf verschiedenen Kanälen, wie den sozialen Medien oder Suchmaschinen neue Kunden für die kleine Privatbank zu gewinnen.

„Wie gefallen dir eigentlich meine neuen Ohrringe, Valeria?“, fragte Alina und strich sich mit betonter Langsamkeit eine Haarsträhne hinters Ohr, als würde sie ein Juwelier-Schaufenster in Bewegung setzen.

Valeria stieß ein helles Quietschen aus, klatschte begeistert in die Hände und beugte sich vor, um die goldenen Ohrhänger in Augenschein zu nehmen. „Ich dachte mir schon, dass ich die noch nie gesehen habe. Die sind wirklich unglaublich schön. Sie passen perfekt zu deiner Frisur und zu deinem Kostüm sowieso. Woher hast du sie?“

Alina straffte stolz ihre Schultern – die Wasserballone in der Sardinenbüchse schrien auf.

„Aus einer kleinen Goldschmiede-Boutique gleich ums Eck. Eine gute Freundin. Wir haben die Ohrringe sogar gemeinsam entworfen.“ Sie lächelte, als hätte sie gerade nebenbei ein neues Tiffany-Logo gestaltet.

„Unheimlich gerne. Da muss ich mich unbedingt auch mal umschauen gehen. Du hast dahingehend einen unfehlbaren Geschmack. Was hältst du eigentlich von meinen neuen Schuhen?“, wollte Valeria wissen, bevor sie ihren Bürostuhl zurückfuhr und stolz ihre neuen Treter präsentierte.

Mario versuchte, das Geschnatter seiner Kolleginnen auszublenden, um endlich mit seinem Projekt voranzukommen. Leichter gesagt als getan. Die Marketingabteilung teilte sich einen Vierergruppentisch – zwei gegenüber, zwei direkt daneben, so nah beieinander, dass jeder Atemzug, jedes Gekicher und jedes Klappern der Kaffeetassen unweigerlich miterlebt werden musste. In dieser Enge war es eine Herkulesaufgabe, sich nicht von den in Stadionlautstärke geführten Diskussionen über Ohrringe, Handtaschen und Nagellackfarben aus der Konzentration reißen zu lassen.

Aber irgendwie musste es gehen.

Kurz darauf warf Mario einen Blick auf die Uhr und erklärte innerlich den Vormittag für beendet. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Fluchtinstinkt verabschiedete er sich in die Mittagspause.

Als er eine halbe Stunde später zurückkam, war die Marketingecke wie ausgestorben. Herrlich. Endlich konnte er die Auswertungen für Valeria anstoßen und ein paar weitere Textblöcke im Backend des Content-Management-Systems für den neuen Webauftritt der Privatbank einpflegen. Diese wunderbare Strafarbeit, die ihm zugeschoben worden war, weil seine Kolleginnen angeblich mit dem viel zu komplexen System überfordert waren.

Er vertiefte sich in die monotone Klick-und-Kopier-Orgie, während die Modefraktion nach rund eineinhalb Stunden tröpfchenweise zurückkehrte. Das nahm er nur am Rande wahr – bis die Stille von einer übertrieben lauten Stimme zerschnitten wurde, die seinen Namen in den Raum schleuderte.

Alina.

Marios Herz machte einen kurzen Satz, sein Puls verdoppelte sich. Er hob den Kopf, die Stirn leicht gerunzelt. „Was ist denn los?“, fragte er, irritiert über den plötzlichen Alarmton.

„Diese dämlichen Videos lassen sich schon wieder nicht abspielen! Hast du mal wieder etwas am System angepasst und nicht getestet?“

Da Mario mit seinen Gedanken mitten im Erstellen der aktuellen Landingpage war, reagierte er nicht sofort, sondern musste sich kurz sammeln.

„Ich finde es unglaublich, dass ein Digital Marketing Manager nicht einmal in der Lage ist, eine Webseite so zu erstellen, dass alle Funktionen verwendbar sind. Videos sollten nicht ein derart großes Problem darstellen, oder? Das gehört doch zum Einmaleins, aber du bringst es einfach nicht.“

Ihre Worte trafen wie kleine Pfeilspitzen jedes Mal direkt ins Herz. Eigentlich wusste Mario, was er draufhatte, aber die täglichen Schikanen ließen sein Selbstwertgefühl bröckeln. Mittlerweile hatte er sich gefangen, den Kopf wieder bei der Sache und auf seinem Bildschirm die Videoseite geöffnet. Sämtliche Filmdateien konnten wie erwartet einwandfrei abgespielt werden. Er überlegte kurz.

„Ich erinnere mich daran, dass du die Cookies abgelehnt hattest. Hast du deine Einwilligung inzwischen erneut geändert?“

Seine Vorgesetzte schaute ihn mordlüstern an. Dabei presste sie ihre ohnehin dünnen Lippen derart fest aufeinander, dass sämtliches Blut daraus wich. „Nicht in diesem Ton“, zischte sie, bevor sie auf ihrer Maus herumklickte und in den Bildschirm starrte. „Wie muss ich das schon wieder machen?“

Mario stand leise seufzend auf, umrundete seinen sowie Valerias Arbeitstisch und baute sich neben seiner schräg vis-à-vis sitzenden Vorgesetzten auf. Er deutete auf das entsprechende Cookie-Banner-Symbol am linken unteren Rand der Bankenwebseite, das sie klickte.

„Ah, siehst du, jetzt funktioniert es wieder.“

„Ich weiß wirklich nicht, weshalb du die Videos ausblendest, wenn jemand die Cookies ablehnt oder warum es diese Cookie-Einwilligungen überhaupt braucht.“

Innerlich schrie Mario.

„Ich denke, am besten klärst du das direkt mit unserer Rechtsabteilung. Die können dir sicher genauer erklären, wie das mit Einwilligungen, Datenerfassung und Cookies läuft. Fakt ist: Wenn Nutzerinnen und Nutzer Cookies ablehnen, stehen gewisse Funktionen nicht zur Verfügung – zum Beispiel das Abspielen von über iframes eingebundenen Videos.

Das liegt leider nicht in meiner Hand. Falls du magst, klebe ich dir aber gerne eine kleine Notiz an den Bildschirm, die dich daran erinnert, wenn die Videos das nächste Mal wieder nicht abgespielt werden.“

Ein leises Kichern von Valeria war zu hören.

„Auch das wäre wieder ein Task, der weder prioritär noch zielführend ist. Wie das Aufräumen dieses verdammten Lagers, als Julie und ich halbtot …“ Alina verstummte und sah Mario an, der die Hand gehoben hatte. „Was?!“

„Ich wäre froh, wenn wir dieses Thema endlich abhaken könnten. Erstens hattet ihr eine banale Grippe, nicht die Pest, zweitens stand das Lager-Aufräumen auf der To-do-Liste, und drittens hat es mich vielleicht zwei Stunden gekostet. Dafür finden wir jetzt unsere Prospekte, Broschüren und Give-aways in Sekunden – und das Büro sieht nicht mehr aus, als hätte ein sammelwütiger Messie hier sein Winterquartier errichtet.“

Er wusste nicht, warum er das so deutlich aussprach. Aber das wohlige Ziehen in seinem Bauch verriet ihm, dass es sich verdammt gut anfühlte.

Luft zum Atmen. Endlich.

Er lächelte zufrieden, ging zurück an seinen Arbeitsplatz und nahm seine Tätigkeit wieder auf. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich die offenen Münder seiner drei Kolleginnen langsam schlossen und sie sich wieder auf ihre Aufgaben fokussierten.

Gegen 17 Uhr stand Mario auf und packte seine Sachen zusammen. Ein erfolgreicher Tag, zumindest in puncto Arbeitseffektivität.

„Gehst du etwa schon?“ Alina war aufgestanden und sah ihn vorwurfsvoll an. „Hast du nichts zu tun oder warum gehst du jetzt schon in den Feierabend?“

Erneut schoss Mario der Puls in die Höhe.

„Ich habe sehr viel zu tun, bin aber gut vorangekommen und mache morgen weiter. Mein Freund und ich haben heute einen Tisch in einem schönen Restaurant reserviert, und ich will mich noch umziehen. Hast du auch Pläne für den Abend?“

„Meine Prioritäten scheinen da ein bisschen anders zu liegen als deine. Ich arbeite meistens bis 19 Uhr, damit meine Vorgesetzten zufrieden mit mir sein können und wir als Team unsere Ziele erreichen. Aber wenn du meinst, dass du jetzt schon genug getan und dir den Feierabend verdient hast, dann geh.“

„Erwartest du von mir, dass ich jeden Tag bis 19 Uhr arbeite? Hast du mir nicht gesagt, dass ich keine Überstunden machen darf, weil ich nicht im Eventbereich arbeite?“

Alina musterte ihn mit einem Blick, der irgendwo zwischen gönnerhaftem Rat und unterschwelliger Drohung lag. „Du hast immer die Möglichkeit, zu arbeiten und deine Arbeitszeit einfach nicht aufzuschreiben. So machen es die meisten hier.“

Mario blinzelte. Für einen Moment war er unsicher, ob er lachen oder den Notizblock nach ihr werfen sollte.

„Ich bezweifle stark, dass das die meisten hier machen und dass die Personalabteilung Freude daran hätte.“ Er seufzte und entschied, dass er kein Workaholic werden wollte. „Auf jeden Fall wünsche ich dir einen schönen Abend.“ In seiner Brust fühlte es sich an, als ob eine Polka-Band zum Finale ansetzte und seine Handflächen feucht wurden.

Ein Arbeitsklima aus der Hölle.

Als sich die Bürotür hinter ihm schloss, hatte er das Gefühl, eine weitere Schicht unsichtbaren Gifts abgestreift zu haben. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er den Tag als Sieg verbuchen oder als weiteren Beweis für seine fortschreitende Resignation sehen sollte.

Vielleicht beides.

Er zog sein Handy aus der Tasche und schrieb seinem Freund: Bin unterwegs. Hab mich erfolgreich nicht in der Bank vergraben lassen. Noch.

Auf dem Weg nach Hause musste er unbedingt ein pflanzliches Beruhigungsmittel oder ein SOS-Spray in einer Apotheke besorgen.

So konnte es nicht weitergehen. Nicht mehr lange.

Das Restaurant war gut besucht, die Stimmen der Gäste vermischten sich mit dem Klirren von Besteck und dem Zischen der Espressomaschine. Die Tische standen so nah beieinander, dass Mario die Unterhaltung des Paars nebenan fast besser hören konnte als seine eigenen Gedanken. Er rückte den Stuhl näher an den kleinen Holztisch, auf dem zwei Gläser Wasser und ein Brotkorb standen.

„Es war wieder so ein Tag“, begann er und zog die Serviette auf seinen Schoss. „Alina hat mir vorgeworfen, ich würde mich vor Arbeit drücken. Dabei habe ich heute mehr erledigt als …“

„Mario, schau mal.“ Sein Freund Fred beugte sich vor und tippte auf sein Handy. „Meinst du, ich soll die neue Jacke in beige oder schwarz nehmen? Schwarz macht schlank, aber beige ist mehr Sommer, oder?“

Mario blinzelte. Klar, weshalb über meinen beschissenen Tag reden, wenn wir über die Farbe deiner Jacke philosophieren können? „Ähm … beige vielleicht. Wie gesagt, heute im Büro war es echt heftig. Sie meinte sogar, ich hätte …“

„Und dann habe ich heute mit Sandra telefoniert“, unterbrach Fred und fischte sich ein Stück Brot aus dem Korb. „Sie hat mir erzählt, dass Kevin ihr seit zwei Tagen nicht zurückgeschrieben hat. Kannst du dir das vorstellen? Zwei Tage Funkstille! Unfassbar, oder?“ Er brach das Brot und stopfte sich ein Stück in den Mund.

„Ja, klar…“ Mario zwang sich zu einem Lächeln, während er in seinem Kopf den Arbeitstag noch einmal Revue passieren ließ. „Aber ich habe wirklich das Gefühl, sie will mich loswerden.“

„Mario, du hörst mir gar nicht zu.“ Fred lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Das ist wichtig. Kevin ist so unzuverlässig. Wenn er am Samstag nicht pünktlich ist, drehe ich durch.“

Mario sah auf sein Glas. Das Stimmengewirr um sie herum schien lauter zu werden, während seine eigenen Worte im Lärm untergingen.

„Stimmt“, sagte er leise und nahm einen Schluck Wasser. „Total wichtig.“

Wenn Mario ehrlich mit sich selbst war, dann hatte die Beziehung mit Fred schon lange den anfänglichen Reiz verloren. Der Mann war egozentrisch und oberflächlich. Wäre der Sex nicht so verdammt gut gewesen, hätte Mario ihn schon längst in die Wüste geschickt. Doch eigentlich war es mehr als das. Gefangen in diesem Job, der jeden Tag ein Stück seiner Seele verschlang, sehnte er sich nach einem anderen Menschen, der ihn hielt, bei ihm war und ihm Halt gab.

Zu Hause angekommen, betrat Mario das Badezimmer und betrachtete sich lange im Spiegel. Seine kurzen, strubbeligen Haare hatten sich schon beim Aufstehen kaum bändigen lassen; nun, um 21 Uhr, war auch der letzte Rest des am Morgen großzügig applizierten Haargels verschwunden. Ein müdes, abgespanntes Gesicht blickte ihm entgegen. Erschrocken wich er vor seinem eigenen Spiegelbild zurück.

Was hat dieser Job aus mir gemacht?

Die Traurigkeit in seinen blauen Augen wäre unübersehbar gewesen, selbst wenn keine Träne aus dem Augenwinkel gerollt wäre.

Reiß dich zusammen!

Mit diesen Gedanken zog er sich aus, sprang unter die Dusche und ließ sich vom Wasser einlullen. Die Wärme legte sich wie eine schützende Hülle um seinen Körper, löste die Anspannung aus seinen Schultern. Der rhythmische Klang des Wassers gegen die Fliesen wirkte wie ein Herzschlag, der ihn langsam beruhigte. Mit geschlossenen Augen horchte er dem prasselnden Geräusch.

„Was machst du so lange in der Dusche?“, hörte Mario seinen Partner rufen, als die Türe zum Bad aufgerissen wurde. „Du hast doch nicht ohne mich angefangen, oder?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begann Fred sich mit einem schelmischen Grinsen auszuziehen.

„Schatz, eigentlich habe ich heute keine Lust auf …“

Fred strauchelte beinahe, als er die linke Socke vom Fuß zog und zu Mario in die Dusche stieg. Das warme Wasser glänzte auf seiner Haut, ließ einzelne Tropfen in der Vertiefung seines Schlüsselbeins sammeln und über seine Brust laufen. „Du hast doch immer Lust, du kleiner Nimmersatt“, hauchte Fred von hinten in dessen Ohr. Seine Hände fanden ihren Weg an Marios Hüften, glitten langsam tiefer, bevor er sich einen Batzen Duschgel auf die Handfläche drückte und mit groben Fingern auf Erkundungstour ging.

Mario spürte Freds Atem an seinem Hals, warm und fordernd. Sein Körper reagierte instinktiv, doch sein Geist blieb abwesend, gefangen zwischen dem Wunsch nach Nähe und der leisen Abwehr, die in ihm wuchs. Zuerst massierte Fred seinen Hintern mit festem Griff, bevor er seinen Zeigefinger auf Wanderschaft schickte.

Blinde Geilheit stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Als Fred ohne Vorwarnung mit seinem Finger in Mario eindrang, zuckte dieser schmerzerfüllt zurück.

„Sei vorsichtig.“

Fred antwortete nicht, nur sein Griff wurde bestimmter. Er begann, im warmen Innern des Anderen kreisende Bewegungen zu machen, den angespannten Muskel zu lockern. Kurz darauf schob er den Mittelfinger nach und dehnte Mario.

Er nahm sich, was er brauchte.

Mario versuchte sich zu entspannen. Die fordernden Bewegungen, das Spreizen der knochigen Finger in seinem Innern und die gekeuchten Liebesbekundungen seines Freundes bewirkten eher das Gegenteil.

„Bereit?“, wollte Fred stöhnend wissen, während er seinen harten Schwanz mit seiner Hand vorbereitete, das glitschige Duschgel darauf verteilte. Dann drängte er Mario leicht nach vorn, setzte an und drückte zu.

Pulsierender Schmerz schwappte durch seinen Körper. Mario drückte die Augen zusammen und strengte sich noch stärker an, seine Muskulatur zu entspannen. Er wollte die Lust fühlen, die er zu Beginn ihrer Beziehung gespürt hatte. Er wollte sich in den Empfindungen aufgehen lassen, die sein Freund in ihm auslöste. Mario versuchte, sich treiben zu lassen, die Wärme und das vertraute Gewicht zuzulassen. Doch in den Zwischenräumen, in denen Fred innehielt, hörte er das Echo seiner eigenen Gedanken – und das Gefühl, dass zwischen ihnen längst mehr Leere als Lust lag.

Der andere stieß hart und tief zu, immer wieder. Dabei hielt er Mario vornübergebeugt, als wäre er ein Spielzeug zu seiner freien Verfügung. Freds Bewegungen wurden schneller und härter, während er seinen Oberkörper gegen Marios Rücken schmiegte und ihn am Ohr küsste. Als Fred ihn eng an sich presste, spürte Mario jeden Herzschlag des anderen, jede angespannte Sehne, jede Ungeduld in der Bewegung. Er schloss die Augen, ließ die Hitze zu, und wünschte sich gleichzeitig, sie käme von jemand anderem.

Mario stand noch lange unter dem warmen Wasser, bis die Haut an seinen Schultern gerötet war, und versuchte vergeblich, den Knoten in seiner Brust zu lösen. Später lag er im Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen, und lauschte dem gleichmäßigen Ticken der Uhr. Der Schlaf kam nur in Schüben, unterbrochen von wirren Bildern und dem dumpfen Gewicht in seiner Magengegend.

War dieses Leben wirklich das, was er brauchte? Wollte er mit einem Mann zusammen sein, der kaum auf ihn einging und sich einfach nahm, was er wollte? Hatte er Lust darauf, in diesem Job gefangen zu bleiben, der ihn Tag für Tag mehr auszehrte?

Die Fragen kreisten in seinem Kopf, bis die Dunkelheit des Zimmers ihn schließlich verschluckte.

Kapitel zwei

Der Dienstag begann unspektakulär. Mario hatte sich gewohnt früh an seinen Schreibtisch gesetzt, den Laptop angeworfen und die To-do-Liste durchgesehen. Ganz oben standen die neuen Werbesujets, an denen er diese Woche noch arbeiten wollte. Die Kampagne, die er vor sechs Monaten aufgesetzt und damit die digitale Werbe-Ära der Privatbank eingeläutet hatte, brauchte dringend ein Update. Die Marketingaktion funktionierte so, wie er sich das vorgestellt hatte, doch nun war es Zeit, neue Werbemittel gegeneinander zu testen, um die Performance zu verbessern. Die eineinhalb Stunden, bevor seine Kolleginnen eintrudelten, nutzte er, um fokussiert und ohne Schmuck- und Lifestylegeplapper an seinen Tasks zu arbeiten. Sobald die erste der Damen eintraf, war es vorbei mit der Stille.

Leider.

Mario kam es jedes Mal vor, als würde jemand eine Schar aufgeregter Elstern in einem zu kleinen Käfig freilassen. Geschnatter, Gekicher, ein ständiges Klimpern von Schmuck und Accessoires. Pure Ablenkung. Auch heute war es nicht anders. Zuerst stolzierte Alina herein, dicht gefolgt von Julie. Valeria arbeitete wie angekündigt von zu Hause aus.

„Mario, können wir kurz reden?“ Alinas Stimme schnitt durch das leise Tippen der Tastaturen. Sie stand neben seinem Schreibtisch, die Arme vor der Brust verschränkt, der Blick hart wie gefrorenes Wasser.

„Klar, worum geht’s?“

„Um diese Vorlage.“ Sie hielt einen Ausdruck hoch, als sei es ein Beweisstück in einem Strafprozess. „Du hast die einfach erstellt, ohne mich zu fragen.“

Mario richtete sich auf. „Ganz genau. Ein Ziel in meiner Zielvereinbarung ist regelmäßige Dokumentation. Außerdem spart uns das Zeit, denn mit diesem Dokument können Julie und Valeria ihre Einladungen zukünftig einfacher direkt aus dem Einladungstool verschicken.“

„Zeit sparen?“ Sie trat einen Schritt näher, knallte den Ausdruck auf seinen Tisch und tippte mit dem Zeigefinger darauf. „Damit sparst du gar nichts. Du verschwendest wertvolle Ressourcen.“

Marios Bauch zog sich zusammen. Die Muskeln zwischen seinen Schulterblättern verkrampften, als müsste er einem Schlag ausweichen. Er zwang sich, nicht zurückzuweichen – auch wenn seine Finger kalt wurden.

„Ich habe die Ziele im Blick. Die Vorlage wird uns helfen, schneller zu arbeiten.“

Alinas Lächeln war dünn und ohne Wärme. „Oder sie sorgt dafür, dass wir Arbeit in die falsche Richtung investieren. Du gehst eigenmächtig vor, und genau das ist das Problem. Was ist mit den Aufgaben, die ich dir gestern gegeben habe?“

Mario merkte, wie sich sein Puls beschleunigte. Sie suchte wieder nach Angriffsfläche.

„Die sind in Arbeit, und zwar gründlich. Die Vorlage war eine sinnvolle Ergänzung.“

„Eine Ergänzung?“ Sie verschränkte erneut die Arme, diesmal noch fester, und schenkte ihm freudloses Lächeln. „Wenn du Zeit für Ergänzungen hast, heißt das, dass du nicht genug zu tun hast. Vielleicht weißt du nicht einmal, wie du zu priorisieren hast und ich muss das für dich übernehmen.“

Er hielt ihrem Blick stand, auch wenn er innerlich am liebsten den Bildschirm gesperrt hätte und davongelaufen wäre. „Das kannst du sehr gerne machen. Aber ich werde nicht aufhören, das zu tun, was unser Team tatsächlich voranbringt.“ Da waren sie wieder, die Anzeichen für den negativen Stress, der ihn seit Monaten begleitete: die Hitze, die ihm ins Gesicht stieg, das mulmige Gefühl, das sich in seiner Magengegend wie Galle ausbreitete, und die sich verkrampfenden Muskeln.

Alina beugte sich leicht vor, ihre Stimme nun etwas leiser, aber immer noch gut hörbar und umso schneidender. „Ich will, dass du ab sofort jede Änderung, jede neue Idee zuerst mit mir abstimmst. Kein Alleingang mehr, verstanden?“

„Verstanden“, erwiderte Mario knapp. Er wusste, dass jede weitere Rechtfertigung nur Öl ins Feuer gießen würde.

„Gut. Dann erwarte ich, dass die gestern besprochenen Aufgaben bis heute Nachmittag fertig sind.“ Sie drehte sich um und ging zurück zu ihrem Platz, während ihr übersüßes Parfüm wie eine unsichtbare Duftwolke in der Luft hing.

Mario starrte auf den Ausdruck, den sie ihm hingelegt hatte. Er fühlte sich wie ein Schüler, dem die Lehrerin gerade vor der gesamten Klasse einen Rüffel erteilt hatte, nur dass hier niemand lachte, sondern ein ganzes Büro verstummte, inklusive der Abteilung Private Banking. Es fühlte sich wie eine dieser Szenen aus den alten Westernfilmen an, in der ein Steppenläufer durch die karge Wüstenlandschaft geweht wurde.

Er konnte die gespannten Blicke seiner Kolleginnen spüren, ohne hinzusehen. Hitze verfärbte seine Wangen rot, Schweiß brach ihm aus. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Die Demütigungen der vergangenen sechs Monate stiegen in ihm auf, vermischten sich mit dem Erlebnis des gestrigen Abends in der Dusche. Ein Cocktail, der zu explodieren drohte.

Überstürzt stand er auf.

Dabei stieß er mit seinem Oberschenkel an die Arbeitsplatte, was seinen Schreibtisch scheppern ließ. Julie, die daran gewesen war, ihren neu erworbenen Handgelenkschmuck zu bestaunen, zuckte zusammen.

„Weißt du was, liebe Alina?“ Marios Stimme war jetzt kälter als der Tonfall seiner Chefin, aber bei weitem nicht so laut, während er sich neben seinem Schreibtisch aufbaute. „Ich habe genug von deiner Tyrannei. Statt vor allen Kollegen auf mir herumzuhacken, könntest du Respekt zeigen – so wie ich es dir gegenüber tue. Ich bin es leid, dass du mich vor versammelter Menge bloßstellst und mir Schlampigkeit und Faulheit vorwirfst.“

Mit großen, ungläubigen Augen baute sich seine Chefin vor ihm auf. Obwohl ihre Mimik eingefroren wirkte, pulsierte auf ihrer Stirn erneut die Ader und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.

Ihm entwich ein bitteres Lachen.

„Vor allem wenn wir doch zwei Eventmanagerinnen im Team haben, die nichts anderes tun, als Locations zu buchen und Aufträge zu vergeben, während ich überall unterstütze und diese Bank gleichzeitig aus der Steinzeit hebe.“

Aus der Banking-Crew drang ein Raunen herüber.

Mit ruhiger Stimme fuhr er fort: „Wir sind ein Team und sollten zusammenarbeiten. Ich kann mich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem ihr mir Unterstützung angeboten habt. Nicht einen. Während ich meine Hilfe täglich anbiete, scheint es euch egal zu sein, ob ich ertrinke.“

Mittlerweile waren sämtliche Augenpaare des Großraumbüros auf den Schlagabtausch gerichtet.

„Du bist viel zu verweichlicht, Mario. Eine emotionale Hypothek und ein Problem für jedes Team!“, schrie Alina außer sich vor Wut.

Mario spürte einen feinen Speichelnebel auf seinem Gesicht und wich angewidert einen Schritt zurück.

„Eine emotionale Hypothek?“, wiederholte er und schnaubte leise, als die Bedeutung ihrer Worte in sein Unterbewusstsein sickerte. „Kannst du das weiter ausführen, das würde mich interessieren.“

„Du arbeitest schlampig und schiebst wichtige Aufträge vor dich her.“

„Nenn mir bitte ein Beispiel“, konterte Mario ruhig.

Sie verschluckte sich beinahe und suchte scheinbar verzweifelt nach passenden Situationen. „Diese verfluchte Webseite unseres neuen Produkts sollte schon seit Dezember fertig sein und du bastelst noch immer am Inhalt herum und schaffst es nicht einmal, dass die beschissenen Produktvideos fehlerfrei angezeigt werden.“

---ENDE DER LESEPROBE---