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Normalerweise beherrschen wir unser Umfeld, zumindest meistens. In den meisten Fällen bestimmen wir es sogar. Wir können entscheiden, ob wir hier hin oder dorthin gehen. Irgendwann haben wir uns etabliert und von da an hat unser Umfeld starken Anteil an unserer Persönlichkeit und unseren Gewohnheiten. Und an unserer Denkweise. Das menschliche Gehirn ist zu vielen Millionen Verknüpfungen fähig. Jede einzelne ist eine Erinnerung, ein Ereignis. Dieses Buch soll nicht durch eine sondern durch hunderte solcher Verknüpfungen in Erinnerung bleiben. Sie haben ein Gefühl, was tausende andere auch empfinden. Und das heißt: "Leben!"
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Thorben Korbitz
Puzzleteile des Lebens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Vorwort
Kindheit
Schulzeit
Jugendzeit
Familie + Arbeitsleben
Arbeitserfahrungen
Persönliches
Arbeitserfahrungen - Teil zwei
Mein Sohn
Bekanntschaft mit der „neuen“ Staatsgewalt
Erlebnisse mit …
Schlusswort
Impressum neobooks
Im Leben jedes Menschen, egal ob er Geld hat oder nicht, gibt es Tragödien. Das ist ein Versprechen des Lebens.
Folglich ist das Glück ein Geschenk und der Trick liegt darin, es nicht zu erwarten, wenn es kommt und andere auch daran teilhaben zu lassen.
Es spielt keine Rolle wie man von anderen Menschen beurteilt wird.
Menschen brauchen andere Menschen. Reden ist die einzige Möglichkeit der Verständigung. Und wenn ich durch ein Wort oder eine Geschichte glaube, jemandem helfen zu können, dann soll das wie eine Bombe sein. Das Ende der Kommunikation ist auch das Ende des Lernens.
Wenn unsere innere Aktivität plötzlich abgeschnitten wird und man völlig allein gelassen im Dunkeln steht, und wenn man das nicht kommen gesehen hat und gar nicht weiß was los ist, dann fragt man sich: „Wie geht es jetzt weiter?“
Normalerweise beherrschen wir unser Umfeld, zumindest meistens. In den meisten Fällen bestimmen wir es sogar. Wir können entscheiden, ob wir hier hin oder dorthin gehen. Irgendwann haben wir uns etabliert und von da an hat unser Umfeld starken Anteil an unserer Persönlichkeit und unseren Gewohnheiten. Und an unserer Denkweise.
Wir sind soziale Wesen und brauchen die Interaktion mit anderen. Deshalb sind Beziehungen so wichtig, so wesentlich für unsere Existenz. Wenn Du niemanden hast und mit niemandem reden kannst, wird Deine ganze Wahrnehmung von der Welt ziemlich verzerrt sein.
Natürlich kann man sein Leben planen. Aber das bedeutet nicht, dass es auch so passiert. Ich meine, man kann planen und planen und planen, hier was in die Wege leiten und dort etwas anschieben und möglicherweise das ein oder andere beeinflussen. Aber das bedeutet gar nichts. Man hat das nicht wirklich im Griff. Es gibt keine Garantien und nichts ist sicher in dieser Welt. Also, was ist im Leben das Wichtigste?
Jeder Mensch will geliebt werden und jeder Mensch hat seine Gefühle. Das fängt schon als Kind mit den Eltern an. Das sind aber diese Dinge die so sind wie sie sind, da wächst man einfach rein. Aber wenn man dann Erfahrungen mit jemand anderem macht, außerhalb dieser Muschel, das ist dann sehr interessant und kann sehr erfüllend sein.
Wenn man in eine Situation gerät die man absolut nicht mehr beherrschen kann, verhält man sich manchmal unglaublich. Ich war häufig in solchen Situationen wo ich ganz plötzlich und unerwartet das Heft nicht mehr in der Hand hatte. Wo es, sozusagen, um Kopf und Kragen ging.
Um ein einfaches Beispiel zu geben: Im Februar 2010, einem recht frostigen Tag, war ich unterwegs nach Stockstadt. Ich bin zeitig losgefahren und war gut im Timing. Ich fuhr gerade auf einer recht belebten, dreispurigen Autobahn auf der mittleren Spur, als von rechts, am hellerlichten Tag, ein Keiler über die Fahrbahn lief. Ausweichen war nicht mehr möglich. Ich war in voller Fahrt und es ist wirklich unglaublich was für Gedanken einem in diesem Moment, in Bruchteilen von Sekunden, durch den Kopf schießen.
Man denkt an alle möglichen schrägen Dinge. Aber wenn ich eine Sache nennen sollte, einen besonderen Gedanken, dann würde ich sagen: „Du schaffst das!
Die Verbindung zu anderen ist vielleicht das höchste Gut aller Lebewesen. Und beim Menschen auch die größte Gefahr. Das ist der Punkt. Man sollte die guten Dinge bewahren und die Erinnerungen daran pflegen. Man darf nie vergessen: „Was man in seinem Leben macht, beeinflusst das Leben und die Handlungen Anderer. Das eigene Leben lebt in den Anderen weiter.“
Fortgeschickt zu werden oder alle anderen Menschen fortgehen zu sehen ist vielleicht das Schwierigste.
Das menschliche Gehirn ist zu vielen Millionen Verknüpfungen fähig. Jede einzelne ist eine Erinnerung, ein Ereignis. Dieses Buch soll nicht durch eine sondern durch hunderte solcher Verknüpfungen in Erinnerung bleiben. Sie haben ein Gefühl, was tausende andere auch empfinden.
Und das heißt: „Leben!“
Meine Mutter wurde 1947 in Hamburg Altona geboren und wuchs die meiste Zeit bei Ihrer Oma auf. Der Grund war, …. da muss ich etwas weiter ausholen. Die meisten jungen Männer waren zur Zeit des Nationalsozialismus ja mit 15 bereits alt genug um Krieg zu spielen. Mein Opa Karl – Heinz wurde mit 17 Jahren zum Militär eingezogen und an die Ostfront verlegt.
Dort geriet er in russische Kriegsgefangenschaft konnte aber, mit mehreren Kameraden, kurz vor Kriegsende flüchten. Beim durchschwimmen eines Flusses wurde hinter Ihm her geschossen und er fing sich eine Kugel im linken Fuß ein.
Mit dem letzten Transport aus Wolgograd kam er nach Hamburg ins Lazarett. Irgendwann nach seiner Genesung muss er wohl eine Frau kennen gelernt haben und …. nun, meine Mutter wurde geboren. Da er aber noch keine 21 war, war nix mit heiraten seiner Freundin.
Dazu kam, dass die Freundin meines Opas noch verheiratet war, der Mann aber als vermisst galt. Dieses „unmoralische“ Verhalten meines Opas wurde von seiner Mutter nicht toleriert und so brach sie mit Ihm.
Und es gab noch eine weitere traurige Episode.
Als der Mann der Freundin meines Opas aus der Kriegsgefangenschaft nach Haus kam sah er die „Bescherung“, meine Mutter konnte bereits laufen und seine Frau war schon wieder schwanger. Er ging auf den Dachboden und hängte sich auf.
Irgendwie kam es dann, dass meine Mutter bei Ihrer Oma, in der Nähe von Mönchengladbach aufwuchs.
Dort war meine Mutter später als „Bardame“ angestellt. (Ich weiß bis heute nicht was das eigentlich bedeutet) Jedenfalls lernt sie dort jemanden kennen, sicher mehr als einen aber auch diesen Jemand der später mein Vater werden sollte.
Mit Johannes, so hieß mein Vater, muss sie sich dann so gestritten haben, dass sie ihre Koffer gepackt hat und in den Osten nach Wernigerode geflüchtet ist. (So steht es jedenfalls in meiner Akte) Ihre Oma konnte sie ja nicht allein lassen und ist hinterher.
Am 24.April 1967 bekam meine Mutter urplötzlich Bauchschmerzen die auch, trotz Tabletten!, nicht besser wurden. Also rief ihre Oma den Hausarzt. Und jetzt halten sie sich fest…. Meine Mutter war schwanger und die Bauchschmerzen waren Wehen. Was es alles gibt!
Und nun ab ins Mutterhaus nach Elbingerode und ein langer, untergewichtiger Kerl erblickte am 25.04. das Licht der Welt.
Der war ich.
Die Oma meiner Mutter, die ihre Enkelin zwischenzeitlich adoptiert hatte und daher auch ihre Mutter war, also meine Uroma, war über die neuerliche Geburt eines Bastards wiederum nicht glücklich. Also ignorierte sie mich vorerst.
Meine Mutter war, ob des sie ereilenden Schicksals, so überrascht dass sie mich tagelang vergaß richtig zu füttern. Immer wenn die Kinderfürsorge (so hieß das damals) vorbeischauen wollte, war niemand zu Hause.
Nach vier Wochen ist es dann wohl der Fürsorge endlich gelungen, meine Mutter und mich anzutreffen. Wie das damals war kann ich nicht genau beschreiben also musste ich nachlesen. Ich war apathisch, unterernährt, hatte keinen Kinderwagen, kein Babybett und es bestand akute Lebensgefahr.
Die damals verantwortliche Ärztin, Frau Dr, K., wies mich sofort in das Krankenhaus ein und hat mir damit wohl das Leben gerettet. Nun wuchs ich in einer angenehmeren Umgebung auf und nahm rasch zu.
Nach einigen Wochen musste ich allerdings in ein Kinderheim, da zwischenzeitlich meiner Mutter das Sorgerecht entzogen worden war.
Meine Mutter kämpfte „aufopferungsvoll“ um den Wiedererhalt des Sorgerechts für mich und hatte, mit zugesagter Unterstützung durch das Arbeitskollektiv, schließlich Erfolg. Also war ich wieder „zu Hause“. Meine Uroma hatte von nun an Interesse an mir kleinem Würmchen und legte sogar ein Sparbuch an.
Das war auch gut so, also nicht das mit dem Sparbuch, sondern das meine Uroma sich um mich kümmerte. Schließlich hatte meine Mutter alle Hände voll zu tun einen Ernährer (im Volksmund: Mann) zu finden.
Das war nicht so einfach. Meine Mutter war eine große schlanke Frau mit blonden langen Haaren und blauen Augen; und trotzdem fand sich so leicht keiner der nicht nur meine Mutter sondern auch mich akzeptierte.
Ich lernte viele neue Onkels kennen. Mit Onkel Manfred bin ich sogar Roller gefahren. Den konnte ich wohl gut leiden.
Aber irgendwann geht auch die längste Pechsträhne zu Ende….
Eines schönen Morgens wache ich in meinem Kinderbett auf, stelle mich an das Geländer und sehe neben meiner Mutter einen alten Mann liegen. Es wurde überliefert, das ich gesagt hätte: „Mutti, was macht der alte Mann da in Deinem Bett“.
Mehr weiß ich nicht dazu aber es hat für einen guten Eindruck bei „Onkel Reinhard“ gereicht. Er hat mich sofort in sein Herz geschlossen, wie ich später noch erleben werde.
Da meine Mutter nun schon wieder schwanger war (das mit Verhütung war wohl noch nicht erfunden) musste ganz schnell geheiratet werden. Im August 1971 wurde meine Schwester geboren. Welch ein Glück, kein Bastard.
Diesmal hatte meine Mutter aber wirklich ein glückliches Händchen bei der Auswahl ihres Mannes gehabt. Reinhard, damals ein mittelgroßer kräftiger Mann, Mitte 40 (und damit älter als sein Schwiegervater), hatte einen 311 - er Wartburg in Rot und Weiß mit verchromten Radkappen, war Abteilungsleiter eines volkseigenen Betriebes und verdiente gutes Geld und, was viel wichtiger war, er war 25 Jahre im Bergbau gewesen, davon 15 Jahre unter Tage. Soll heißen, Altersrente mit 50 Jahren.
Gut, aktuell war das mit dem Geld noch nicht so toll. Schließlich musste ja noch Unterhalt für 3 von 5 Kindern aus erster Ehe bezahlt werden.
Aber vielleicht ja später.
Ich war damals 5 Jahre alt und wir wohnten in der Innenstadt von Wernigerode in einem Fachwerkhaus. Der Keller war ein Gewölbekeller in dem jeder Mieter, sternförmig angeordnet, seinen Kellerraum hatte. Da der Keller keine Fenster hatte hielt man es für notwendig eine kleine Lampe in der Mitte des Kellers anzubringen.
Man musste aus dem Haus herausgehen und von außen das Licht anmachen, die Kellertür, eine alte Holztür öffnen und viele Stufen nach unten gehen. Naturgemäß hatte ich jedes Mal Angst wenn ich in den Keller musste. Es gab dort große, fette Spinnen, Asseln und was weiß ich noch für Getier. Und Schatten.
Einmal ging ich wieder in den Keller um Kartoffeln zu holen. Ich beeilte mich, schnell die Kartoffeln einzupacken und wieder raus zu kommen. Gerade dachte ich noch „Glück gehabt“ da wurde es dunkel. Stockdunkel. Absolut kein Licht. Ich tastete mich vorsichtig zur Treppe und rief ganz laut. Keine Antwort. Kein Licht. Also weiter die Treppe hoch.
Auf halber Treppe, so wusste ich, war eine Nische in der Wand. Wenn ich da war hatte ich es bald geschafft. Ich spürte die Nische und ….. das Licht ging wieder an.
Was ich nun sah versetzte mich in einen Schock. In der Nische sah ich eine aufrecht stehende schwarze Hand die so aussah als wollte sie gleich zuschnappen. Ich schrie wie am Spieß, lief die Treppe hoch und zur Wohnung rein.
In der Küche angekommen fragte meine Mutter „Was ich denn so lange gemacht hätte und wo die Kartoffeln sind?“ Aufgeregt berichtete ich ihr von meinem Erlebnis mit der schwarzen Hand. Ihre Antwort war, das es so etwas nicht gibt und ich solle jetzt endlich die Kartoffeln holen sonst gäbe es kein Mittag. Was soll ich sagen, die schwarze Hand war weg.
Viel später erzählte mir ein Mieter des Hauses, Peter M., das er von meinem Stiefvater erfahren hätte, er hätte extra einen schwarzen Handschuh auf einen Stock gestellt um mich zu erschrecken.
Vielen Dank dafür. Einen 5-jährigen Jungen zu erschrecken ist ja eine Leistung. Jedenfalls hatte ich jahrelang Angst vor der schwarzen Hand; immer dann wen meine Eltern mir damit gedroht haben.
Mich quälten monatelang Alpträume. Noch mit acht Jahren wachte ich mit schönster Regelmäßigkeit auf und lief zu meiner Mutter. Einmal soll ich ins Wohnzimmer gelaufen sein, meine „Eltern“ waren noch wach, schaltete den Fernseher aus und wollte ihn umdrehen. Was ich da geträumt hatte weiß ich nicht mehr.
Meine Mutter nahm das aber zum Anlass, mit mir zum Arzt zu gehen. Der verwies uns, also mich, zum Psychologen. Der wiederum ordnete eine professionelle Untersuchung in einer psychiatrischen Klink an. Und so wurden meine Hirnströme unter den verschiedensten Einflüssen gemessen.
Mir wurden schöne und schlimme Bilder gezeigt, Bilder auf denen ich etwas erkennen musste, Wörter vorgelesen und ich wurde minutenlang Lichtblitzen ausgesetzt. Immer mit diesen Kabeln am Kopf.
Soweit ich weiß stellte man fest, dass ich eine erhöhte Reaktion bei den Lichtblitzen zeigte. Es wurde empfohlen, „das Kind nicht mehr so lange Fernsehen schauen zu lassen.“
Es ist ja auch nicht zu glauben was einmal die Woche für zehn Minuten Sandmann schauen so alles anrichten kann. Außerdem wurden mir Beruhigungstropfen verschrieben die ich jeden Abend einnehmen durfte.
Mein Stiefvater hatte eine konkrete Vorstellung davon, was Kinder im Haus alles tun durften. Ach so, das hatte ich ja ganz vergessen. Kurz vor meiner Einschulung sind wir dann noch in ein altes, baufälliges Fachwerkhaus nach Hasserode gezogen.
Wir, das waren meine Mutter, ihr Mann, meine Schwester und meine Uroma. Und in, am und um dieses Haus herum gab es jede Menge Arbeit.Früher, als samstags bis Mittag noch Schule war, durfte ich nach dem Heim kommen erst einmal alte Ziegelsteine abputzen.
Für die, die nicht wissen was das bedeutet sei es erklärt.
Steine abputzen heißt, man nimmt einen Maurerhammer und klopft vorsichtig den alten Mörtel davon ab. Vorsichtig heißt, der Mörtel muss ab sein und der Stein ganz bleiben. Wenn ich dann also 30 Steine fertig hatte durfte auch ich Mittag essen. 30 ganze Steine wohlgemerkt.
Und so war ich dann mit 6 Jahren schon verantwortlich für das Steine abputzen, Mörteleimer tragen, Ofen anheizen (wir hatten anfänglich 6 davon), Läufer klopfen, Garten umgraben. Später, mit 8, durfte ich schon alleine den Mischer bedienen und Kohlen mit der Schubkarre in den Schuppen fahren, ab 10 auch ganz alleine. So um die 120 Zentner war es pro Saison. Ein Zentner sind 50 kg, also sind 120 Zentner 6 Tonnen.
Jedenfalls ging der Umbau des Hauses schnell voran. Die größte Anerkennung war immer, wenn ich mit den anderen zusammen Essen durfte. Außer es gab Fischkartoffel, die Lieblingssuppe meines Stiefvaters, da wär´s mir egal gewesen.
Zum Spielen gab es wenig Gelegenheit, für Hausaufgaben (das sind Aufgaben die einem Lehrer stellen und die zu Hause bis zur nächsten Unterrichtsstunde erledigt werden müssen) erst recht nicht.
Das mit dem Ofen anheizen war auch so ein Ding. Unsere Schule ging wochentags teilweise bis 13.30 Uhr. Danach schnell mal 2,5 km zur Schulspeisung laufen, essen und ganz schnell fast 5 km nach Hause zurück laufen. Besonders im Winter war es mit dem „schnell“ immer schwierig.
Es war damals die schönste Zeit für mich nach Hause zu laufen. Ich ging immer an einem Nebenarm der Holtemme und einem Wehr lang. Eine Stunde war da schnell weg. Meine Eltern kamen regelmäßig gegen 16.15 Uhr nach Hause. Spätestens um 16.25 Uhr hat mein Stiefvater auf das Wohnzimmerthermometer an der Außenwand geschaut und wollte mindestens 24 Grad ablesen.
Und wehe die Temperatur war nicht erreicht. Aber dazu später noch.
Also, die Räume mussten ausreichend warm sein und vor jedem Ofen ein voller Eimer mit Kohlen stehen. Ich habe das später mal nachgewogen. Ein Eimer Kohlen wiegt ca. 22 kg.
Die Aufgabe bestand also darin, aus allen Öfen die Asche zu entfernen, die Aschekästen herunter zu tragen, auszuleeren, Holz und Kohleanzünder mitzunehmen, den ersten Ofen anzuheizen, den zweiten Aschekasten zu leeren, einen Kohleneimer mitzunehmen, im ersten Ofen Kohlen nachzulegen, den zweiten Ofen anzuheizen, zum dritten Ofen gehen, ……… usw. usf.
Am Ende steht dann vor jedem Ofen ein voller Eimer Kohlen zum nachlegen. Oftmals hatte ich für die ganze Prozedur nur 45 min Zeit. Nicht Zeit die Öfen anzuheizen sondern die Räume auch auf Temperatur zu bekommen. Mindestens 24 Grad im Wohnzimmer an der Außenwand!!!
Als ich älter wurde habe ich dann beim Anzünden ein wenig mit Insektenspray nachgeholfen. Wirkt super. In die offene Flamme gesprüht brennt alles schnell an. Also bestenfalls im Ofen. Imprägnierspray ging auch. Hauptsache meine Eltern hatten es warm und kuschelig.
An eine Episode erinnere ich mich ganz genau. Ich war damals 7 Jahre alt, es war Herbst und die Öfen mussten angeheizt werden. Die Kohlebriketts, die wir damals verwendeten, hatten einen hohen Schwefelanteil. Die Asche ließ sich nicht so einfach durch den Rost rütteln sondern war stark verschlackt. Also mit einem Feuerhaken die Schlacke zerkleinern und vorsichtig in den Aschekasten ziehen. Vorsichtig deshalb, weil in der Schlacke noch große Glutreste versteckt sein konnten.
Nun, an diesem Tag war ich wieder einmal mit dem Feuerhaken zu Gange um die Schlacke aus dem Ofen zu ziehen. Dabei entdeckte ich einen gelblichen, schlaffen Luftballon in länglicher Form. Da ich so etwas noch nie gesehen hatte, und schon gar nicht im Ofen, war meine Neugier geweckt.
Ich zog also langsam weiter und entdeckte in dem Luftballon eine weiße Flüssigkeit. Nun ging alles ganz schnell. Mir wurde bewusst was das war, ich ekelte mich dermaßen, dass ich den Feuerhaken ruckartig aus dem Ofen zog. Nur hing daran aber ein großes Stück Schlacke mit dran. Diese fiel auf den Boden, zerbrach, und große Stücke und Glutreste kullerten auf die schönen, bunten Filzfliesen. Die Glut brannte sich ein und viele hässliche schwarze Brandflecke waren das Ergebnis.
Nun lief es mir heiß und kalt den Rücken runter. Was passiert, wenn mein Stiefvater nach Haus kommt? Auf großes Verständnis konnte ich wohl nicht hoffen. Das der Raum die richtige Temperatur hatte war wahrscheinlich nebensächlich.
In der 1. Klasse habe ich mit Klavierunterricht begonnen. Im Herbst. Die ersten Wochen verbrachten wir mit Noten lernen. Im zweiten Halbjahr sollte dann das Instrument dazu kommen. Nur, das zweite Halbjahr begann im Frühling. Und was beginnt noch im Frühling? Richtig, die Bausaison.
Noten konnte ich nun, zum Klavier spielen hat es nicht mehr gereicht. Nachdem ich nun mehrere Male unentschuldigt am Klavierunterricht gefehlt hatte, schrieb der Lehrer der Musikschule an den Direktor meiner Grundschule eine Mitteilung. Dieser übergab es meiner Klassenlehrerin, Frau W. und diese schrieb mir nun in das Mitteilungsheft eine „Information an die Eltern“.
Sicher nahm Frau W. an, ich wäre ein Schwänzer und hätte keine Lust. Nun ja, „meine Eltern“ würden sich ja darüber nicht aufregen weil sie es mir ja verboten hatten zur Musikschule zu gehen. Doch weit gefehlt.
So viel „Aufmerksamkeit“ war meinen Eltern auch nicht recht. Die Antwort an die Klassenlehrerin war: „Wir haben mit unserem Sohn eindringlich gesprochen und er erklärte uns, dass er das Interesse verloren habe.
Diese Lüge konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Als ich Frau W. das Mitteilungsheft zurück gab wollte ich ihr erklären, das das nicht stimmt. Frau W., als ausgebildete Pädagogin, nahm sich der Sache sofort an in dem Sie mich anfuhr, wie ich denn solche Lügen erzählen konnte. Jetzt galt ich auch noch als Lügner, aber den Versuch war es doch wert.
Im Laufe meiner Kindheit und Jugendzeit habe ich mehrere Anläufe unternommen mich irgendwie sportlich oder naturwissenschaftlich zu betätigen. So versuchte ich mich im Fechten, im Judo, im Handball, in Leichtathletik, im Fanfarenzug, in der AG Chemie, Physik und Astronomie. Im Herbst habe ich damit begonnen und im Frühjahr war meist Schluss. Sie wissen schon, die Bausaison hatte begonnen.
Für alle die nicht wissen was „Läufer“ sind. Läufer sind Fußmatten die bei uns vor jeder Tür lagen. Egal ob drinnen oder draußen.
Wir wohnten in einem großen Haus mit vielen Zimmern. Damit gab es insgesamt für mich 16 Läufer zu klopfen. Naturgemäß waren die Läufer außen immer recht staubig.
An einem strahlend schönen Samstag (Samstag war Läuferklopftag) war es mal wieder so weit. Ich war damals 10 Jahre alt. Nachdem mein Stiefvater mich daran erinnert hatte sammelte ich alle Läufer ein und ging in den Innenhof an eine massive Stahlbetonwand und legte los.
So ungefähr nach fünf Minuten wurde unser großes Hoftor aufgerissen und unsere Nachbarin Frau H. stürmte herein. Sie beschimpfte mich auf das unflätigste, was ich für eine Rotzgöre wäre, ob ich keinen Verstand hätte, usw.
Während sie so in Fahrt war und zornesrot auf mich zukam, stolperte sie über einen Holzkeil. Den nahm sie auf, warf ihn in meine Richtung und traf mich am Oberarm. Jetzt war es an mir mich zu verteidigen. Als ich den Holzkeil in die Hand nahm und zurückwerfen wollte suchte sie schnell aber immer noch drohend, das Weite.
Ich schaute mich auf dem Hof um, ob denn nun jemand von meinen „Eltern“ kam. Keiner da. Nur am Schlafzimmerfenster bewegte sich die Gardine und hinter dem Fenster stand mein Stiefvater. Ich tat so als hätte ich nichts bemerkt und klopfte weiter. Nebenan hörte ich wie jemand Wäsche abnahm.
Später wurde mir berichtet, dass die Nachbarin weiße Bettwäsche aufgehängt hatte die sie nun, dank mir, noch einmal waschen musste.
Eines Samstags im Februar, ich hatte Ferien, mussten wieder einmal die Läufer geklopft werden. Diesmal musste ich aber an einen Baum vor dem Haus gehen.
Es war ein richtig kalter Februartag mit Frost um die 10 Grad minus. Ich nahm die Läufer, ging vors Haus und fing an. Durch die Bewegung war mir, trotz T-Shirt und Schlappen an den Füßen, nicht kalt. Als ich fertig war ging ich zur Tür und… fand sie verschlossen. Ich ging zur großen Hofeinfahrt, verschlossen. Ich ging zum Hintereingang, verschlossen.
Ich klingelte, klopfte und rief. Keiner machte auf. Auch hörte ich die Klingel nicht mehr, muss wohl jemand abgestellt haben; oder Stromausfall. Also wartete ich vor der Eingangstür. Mir wurde kalt. Ich zitterte am ganzen Körper.
Einige Zeit später kam eine andere Nachbarin vorbei und bemerkte mich. Warum gehst Du denn nicht rein, Junge? Es macht mir keiner auf und die Klingel geht nicht, war meine Antwort. Dann komm mal zu mir mit, du bist ja schon ganz blau gefroren. In ihrem Wohnzimmer sah ich auf die Uhr und wusste nun, dass ich 1,5 Stunden vor der Tür gestanden haben muss.
Meine Nachbarin ging alle 10 Minuten nachsehen ob denn eine der Türen sich wieder öffnen ließ. Nach einer Stunde war es dann soweit. Das Hoftor ließ sich öffnen und ich konnte mit den sauberen Läufern wieder ins Haus.
Nachdem ich alle Läufer wieder an den vorgeschriebenen Platz gelegt habe bin ich in die Küche. Tja, Mittagessen war vorbei. Warte ich halt auf das Abendbrot. Obwohl meine Mutter anwesend war kam keine Frage über ihre Lippen. Es war ja auch ständig so, das ich in dem Alter fast 3 Stunden weg war zum Läufer klopfen und auch noch das Mittagessen verpasst habe.
Also ging ich in mein Zimmer und las ein Buch.
Meine Uroma wurde 1902 geboren. Als Kleinkind konnte ich das Wort Oma nicht sprechen. Ich sagte immer Ami. Sie blieb meine Ami bis zum Schluss.
Ami war eine strenge aber recht gutmütige Frau. Sie hatte „eiserne“ Regeln und war sehr konservativ. Den ersten Weltkrieg überlebt. Im zweiten Weltkrieg hatte sie ihren Mann verloren und nie wieder einen anderen gehabt. Ihrem Sohn eine gute Ausbildung ermöglicht, ihre Enkelin großgezogen.
Gelernt hat meine Ami Köchin. Sie war auch eine kräftige Frau die sich so schnell nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Als ich klein war hatte ich mächtig Respekt vor ihr.
Ami hat bis zu ihrem 82. Lebensjahr gearbeitet. Teilweise an bis zu drei verschiedenen Arbeitsstellen. Da sie neben der Rente noch weiteres Einkommen hatte, dazu sehr sparsam war, konnte sie viel Geld sparen. Einiges legte sie auf einem Sparbuch an, für mich. Dazu aber später mehr.
Ich erinnere mich, dass ich eines Nachts aufgewacht bin und im Treppenhaus laute Stimmen hörte. Als ich die Tür einen Spalt weit öffnete sah ich Ami mit einem vollen Bierkasten in der rechten Hand vor meinem Stiefvater stehen und sagen: „Wenn Du meine Tochter noch einmal anfasst haue ich Dir den Kasten auf den Kopf!“ Stiefvater wich langsam zurück. Meine Mutter stand in der Schlafzimmertür mit zerrissenem Nachthemd und zerkratztem Dekollete´.
Das Verhalten meiner Uroma muss meinen Stiefvater mächtig beeindruckt haben, es war kurze Zeit später wieder Ruhe im Haus.
Als ich sieben war hat mich Ami mal beim Rauchen erwischt. Rauchen war eins von den Dingen die Ami nicht tolerierte. Also gab es was auf die Hände. Das war das einzige Mal, das ich von Ami eine Strafe bekommen habe.
Meiner Ami hatte ich so manche Geschenke zu verdanken. So bekam ich von ihr an meinem 5. Geburtstag, mein erstes Fahrrad. Damit durfte ich noch fahren.
An meinem 10. Geburtstag schenkte sie mir mein zweites Fahrrad. Ein 26 -er Herrenrad von „Diamant“. Damit konnte ich nur fahren, wenn mein Stiefvater nicht im Haus war. Und so stand mein Fahrrad bei Ami im Zimmer unter einer Decke.
Den richtigen Zeitpunkt für das Radfahren abzupassen war immer das Schwierigste an dem Ganzen. Man konnte sich nie sicher sein, wann mein Stiefvater nach Hause kommt. Es ging daher nur in den Ferien gefahrlos.
Einmal bin ich vor dem Haus mit dem Rad gefahren. Auf und ab. Der Weg war unbefestigt aber trocken. Rechtzeitig vor der geplanten Ankunft meines Stiefvaters schob ich das Rad wieder in das Zimmer meiner Oma und ging auf mein Zimmer. Wir, also meine Oma und ich, taten so als wäre nichts gewesen.
Mein Stiefvater kam mit meiner Mutter nach Hause und kam kurze Zeit später in mein Zimmer. Ich tat als wäre ich in ein Schulbuch vertieft. Er fragte mich: „Ob ich denn vergessen hatte, das ich mit dem Fahrrad nicht fahren dürfe?“ Dabei kam er langsam auf mich zu. „Natürlich nicht!“ „Und warum bist Du trotzdem gefahren?“ Ich überlegte ganz schnell, woher er das wissen konnte.
Hatte mich einer gesehen und verpetzt? Mir fiel so schnell keine Lösung ein. „Ich bin nicht gefahren!“ Und zack hatte ich seine Hand im Gesicht. Stiefvater nahm mich mit zwei Fingern am Ohr und zog mich die Treppe runter in den Flur. Der Flur war mit Terrazzoplatten ausgelegt und ich sah im Licht der Sonne … Reifenspuren von meinem Fahrrad. Mist, daran hatte ich nicht gedacht.
Nachdem die Prügelattacke vorbei war hatte ich Stubenarrest, verschärftes Fahrradverbot und bekam kein Abendbrot.
Um nun aber sicher zu gehen, dass ich auch wirklich nicht mehr Rad fahre hat mein Stiefvater die Ventile ausgebaut und mitgenommen. Also musste meine Oma erst wieder neue Ventile kaufen. Das dauerte eine Weile.
Von jetzt an betrieben wir, meine Oma und ich, noch mehr Aufwand wenn ich Rad fahren wollte. Am Anfang Ventile einsetzen und Luft aufpumpen. Am Ende den Flur wischen und die Ventile wieder entfernen.
Durch diese besonderen Vorsichtsmassnahmen verkürzte sich meine Zeit zum Fahren um eine weitere viertel Stunde. Aber, ich fuhr trotzdem! Ich hatte immer die Vermutung, dass mein Stiefvater Verdacht geschöpft hatte. Er konnte uns aber nichts mehr beweisen.
Ab einem und bis zu einem bestimmten Alter neigen insbesondere Jungs dazu als „Streiche“ bezeichnete Handlungen auszuführen. Ich war in solchen Sachen eher zurückhaltend. Fürchtete ich doch um die Strafen.
Zu dem, was von meinen Eltern als „Streiche“ ausgelegt wurde gehörte unter anderem Nachbars Äpfel, Kirschen oder Pflaumen vom Baum zu essen. (Ist auch streng genommen Mundraub) Oder auf fremde Bäume zu klettern und dabei Äste und Zweige abbrechen, besonders wenn die Bäume sich in einer Parkanlage befinden und unter Naturschutz stehen. Oder bei einer Schneeballschlacht eine Fensterscheibe zu treffen welche kaputt geht.
Wenn ich denn mal Freizeit hatte hielt ich mich meistens in einem Waldstück zwischen Hasenwinkel und Schokoladenfabrik auf. Dort standen schöne große Kletterbäume und ein Seitenarm der Holtemme floss da lang.
Einmal haben wir im Bach aus Steinen einen Damm gebaut und den Bach aufgestaut. Der Damm funktionierte prima, es kam kaum noch Wasser durch. Alles dicht. Tja, das Ganze hatte gleich zwei Folgen. Die erste Folge war, dass das aufgestaute Wasser etwa hundert Meter entfernt in ein Grundstück lief. Der Besitzer des Grundstücks war natürlich hoch erfreut darüber, dass sein Garten eine Sumpflandschaft geworden ist. Die zweite Folge war, dass eine ungefähr einen Kilometer entfernte Puffreisfabrik kein Kühlwasser mehr bekam.
Selbstverständlich bekamen meine „Eltern“ davon Wind und ich entsprechende Strafen.
Mit zunehmendem Alter stellte ich mich aber intelligenter an. Es sei kurz erzählt.
Mein Stiefvater hatte seinen Spaß daran, besonders im Winter die Sicherungen des Zimmers meiner Oma herauszudrehen. Also saß sie im Dunkeln und ohne Fernseher oder Radio.
Wenn dem wieder einmal so war und sie mich kommen sah, passte sie mich ab und gab mir ein Zeichen. Ich wusste was gemeint war und drehte die Sicherungen wieder rein. Alles in Ordnung.
Dieses „Spiel“ trieb mein Stiefvater ständig. Ich kann nicht mehr zählen wie oft aber hundert Mal reichen nicht aus.
Irgendwann drehte ich den Spieß um. Ich besorgte mir eine defekte Sicherung und tauschte diese gegen die vorhandene, intakte des Wohnzimmers meiner Eltern aus. Als diese dann Fernsehen schauen wollten ging bei ihnen nichts mehr. Da die Sicherung nicht locker gedreht war sondern nur defekt konnte der Verdacht auch nicht auf mich fallen.
Mein Stiefvater ging in die Werkstatt und suchte eine neue. Keine da. Also tauschte er die Sicherung bei meiner Oma aus. Nun hatte meine Oma keinen Strom mehr. Da ich mir so etwas schon gedacht hatte schlich ich aus meinem Zimmer und drehte die funktionierende Sicherung bei meiner Oma wieder ein.
Nun, unterm Strich hatte es nur den Effekt ein kleines Ärgernis für meine Eltern geschaffen zu haben. Die Tagesschau hatten jedenfalls beide verpasst. Ich fand das Klasse!
Ich war in der vierten Klasse, als ich eine verstärkte Liebe für Matchboxautos empfand. Matchboxautos gab es nur im Westen oder im Intershop. Alle Jungen mit „Westverwandtschaft“ hatten Matchboxautos. Nur ich nicht!
Irgendwann machte mir ein Freund von mir, Maik U., ein Angebot. Ich könne von ihm zwei Matchboxautos abkaufen, er hätte ja über 60 Stück. Das war verlockend für mich. Wir waren uns auch schnell über den Preis einig.
Es ging um einen kleinen, gelben Bagger mit beweglicher Schaufel und um einen Formel 1 – Flitzer. Zusammen für 15 Mark zu haben.
Mein Begehren war geweckt. Es stellte sich nur eine Frage für mich. Wie komme ich an das Geld ran, ich bekam ja kein Taschengeld. Das ich damit niemals vor den Augen meiner Eltern spielen konnte war klar.
Ich musste die Autos halt gut verstecken. Nur, wie komme ich an das Geld ran??
Ich zerbrach mir den Kopf, ich träumte schon von den Autos. Und dann hatte ich die Idee: „Ich schleiche Nachts aus meinem Zimmer und hole mir das Geld aus dem Portemonnaie meiner Mutter“. Gedacht getan. Ich hatte das Geld.
Leider konnte ich bei der ersten Aktion nur 5 Mark herausnehmen. Mehr wäre aufgefallen. Ich bekam dafür den kleinen Formel1 – Flitzer. Mein erstes eigenes Matchboxautos! Ich konnte mich kaum beherrschen damit nicht schon im Unterricht zu spielen.
Nun sollte es auch noch der Bagger sein. Also, Tage später, aus meinem Zimmer schleichen und an das Portemonnaie meiner Mutter. Diesmal hatte ich mehr Glück. Ich konnte „gefahrlos“ 10 Mark entnehmen.
In der Schule gab ich meinem Freund Maik zu verstehen das es los gehen konnte. Ich hatte das Geld. Wir verzogen uns in eine ruhige Ecke an der Hauswand der Schule. Geld gegen Bagger. Jetzt hatte ich auch den kleinen, gelben Bagger! Ich fühlte mich in diesem Moment wie ein kleiner Gott. Endlich, endlich! Los, Schule, geh zu Ende damit ich spielen kann!
Leider, leider wurde die letzte Transaktion von unserer Klassenlehrerin, vom Fenster aus, beobachtet. Nach Unterrichtsschluss mussten wir beide, mein Freund Maik und ich in das Lehrerzimmer kommen.
Frau W. konfrontierte uns mit ihren Beobachtungen und fragte uns aus. Für meinen Freund war es gar nicht so dramatisch. Er gab an, über 60 Matchboxautos zu besitzen und seine Eltern hätten nichts dagegen wenn er welche verkaufen würde. Nun kam die Reihe an mich.
Woher ich das Geld hätte, wollte Frau W. wissen. Ich gab vor, dass ich mir das vom Taschengeld gespart hätte. Da sie aber lieber auf Nummer sicher gehen wollte, schließlich hatte ich ja schon mal gelogen, schrieb sie uns beiden noch einen Vermerk ins Mitteilungsheft. Die Mitteilung musste von einem Erziehungsberechtigten bis zum nächsten Unterrichtstag unterschrieben wieder vorgelegt werden.
Nun war die Kacke am dampfen. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Am liebsten wäre ich gar nicht erst nach Hause gegangen. Ich malte mir schon aus was mich erwarten würde. Während ich nach Hause ging und mir den Kopf nach einer Lösung zerbrach hatte ich die vermeintlich rettende Idee. Ich musste die Unterschrift meiner Mutter erlernen.
Allerdings stellte sich dieses Vorhaben als unlösbar für mich heraus. Ich bekam die Unterschrift einfach nicht hin. Was mache ich nun? Den Eintrag meiner Mutter zu zeigen ging überhaupt nicht.
Nun hatte ich eine neue Idee. Ich schnitt die Unterschrift meiner Mutter fein säuberlich aus einem anderen Arbeitsblatt aus und klebte sie in das Mitteilungsheft genau unter den Eintrag. Ich achtete auch darauf, dass sich die Linien genau deckten.
Puh, das war geschafft. Anderentags ging ich ein wenig optimistischer zur Schule. Selbstverständlich wurden wir sofort nach der Unterschrift der Eltern befragt und mussten das Mitteilungsheft vorzeigen. Mein Freund Maik konnte sogar noch eine Anmerkung der Eltern vorweisen. Frau W. sah in mein Heft und gab es mir zurück. Eine Sekunde später verlangte sie es aber wieder und schaute genauer hin.
Da erst bemerkte sie meinen „Aufkleber“. Sie nahm das Heft an sich, malte einen Pfeil an die aufgeklebte Unterschrift und schrieb: „Was meinen Sie dazu?“ Thorsten, leg das doch noch mal Deinen Eltern vor.“
Nun war aber wirklich alles zu spät. Aus der Nummer kam ich nicht mehr raus. Abends ging ich mit einem sehr flaumigen Gefühl zu meinen Eltern ins Wohnzimmer. Ich habe extra bis kurz vor der „Schlafengehzeit“ gewartet.
Meine Mutter schaute sich das Heft mit der Eintragung an und reichte es an meinen Stiefvater weiter. Dem schoss die Zornesröte in den Kopf. Er schleifte mich auf der Stelle aus dem Wohnzimmer und stieß mich in mein Zimmer. Nach 10 Sekunden kam er wieder zurück, mit einem Teppichklopfer in der Hand.
Ich hatte das Gefühl, die Prügelattacke geht nie zu Ende.
Am anderen Morgen lag das Mitteilungsheft, diesmal von meiner Mutter wirklich unterschrieben, auf dem Frühstückstisch. Selbstverständlich bestand meine Mutter darauf, den Tausch wieder rückgängig zu machen. Nun war zwar meine Klassenlehrerin zufrieden, sie hatte die Echtheit der Unterschrift lange überprüft, aber mein Freund stinksauer. Schließlich hatte er ja kein Problem.
Nach langem Hin und Her gab er mir das Geld und ich ihm die Autos zurück. So richtige Freude am spielen hatte ich eh nicht gehabt.
Jedenfalls habe ich nach dieser Aktion einen Tadel der Schulleitung erhalten, was gleichbedeutend ist mit einer „4“ in Betragen auf dem Endzeugnis.
Mein Freund Maik U. wollte danach auch nicht mehr mit mir zusammen sein.
In der sechsten Klasse kam ein neuer Schüler zu uns. Maik B. war ein eher schlechter Schüler und hatte, wie man so sagt, nur Flausen im Kopf. Irgendwann im Spätherbst, es war draußen schon dunkel, klingelte es an der Tür.
Vor der Tür stand Maik B. und tat sehr geheimnisvoll. Er fragte mich, ob ich Interesse an „Westsachen“ hätte. Was denn für „Westsachen“? Er öffnete einen Stoffbeutel, griff hinein und zeigte mir was er meinte.
In seiner Hand waren Füller von Pelikano und Geha, Tintenkiller, Filzstifte, alles Schreibwaren aus dem „Westen“. Auf meine Frage, woher er das habe, antwortete er Widerrum geheimnisvoll „er habe da eine Quelle aufgetan“.
Ich könne die Sachen ruhig annehmen, er würde sie mir schenken. Ich könnte mir sogar etwas aussuchen.
Zögernd nahm ich einen Füller von Pelikano und einen Tintenkiller. Beide konnte ich gefahrlos in meine Federmappe stecken. Diese hatte mein Stiefvater schon lange nicht mehr kontrolliert. In der Schule schrieb ich aber weiter mit dem alten Füller.
Ein paar Tage später klingelte Maik B. wieder bei mir. Er meinte, er hätte Nachschub für mich. Diesmal habe er Ersatztintenpatronen dabei. Und außerdem würde er mir einen Füller von GEHA vermachen. Und ein komplettes Set an Filzstiften. Auf meine Frage woher das alles stammt meinte er nur: „Du kannst ja mitmachen.“ Neugierig war ich ja, also sagte ich zu.
Am nächsten Tag auf dem Schulhof eröffnete mir Maik B. seinen Plan. Auf dem Schulhof befinden sich so genannte Ranzenablagen. Nach der letzten Stunde stellen einige Schüler ihre Ranzen und Taschen darauf ab und gehen zur Schulspeisung. D.h., sie verlassen das Gelände.
Diesen Moment wartet Maik B. ab. Er tut dann immer so als würde er von der Schulspeisung kommen, geht an die Ranzenablage und schnappt sich einen davon. Nun geht er an ein Versteck im Wald und räumt alle Sachen von Wert aus.
Ich fand das ja nun wirklich auffällig, schließlich ist die Ranzenablage von jedermann einzusehen. „Nein, nein“ sagte Maik, er habe das schon einige Male gemacht und es sei immer gut gegangen. Nun, ich mochte dabei doch nicht mitmachen. Ich versprach ihm zwar nichts zu verraten, wollte aber auch keine „Geschenke“ mehr haben.
Einige Zeit später, Maik B. war anscheinend wegen Krankheit nicht in der Schule, kontrollierte ein Lehrer fast unauffällig unsere Federmappen. Nicht bei jedem, aber auch bei mir. Natürlich bemerkte er die zwei Westfüller, den Tintenkiller und die Filzstifte. Auf die Frage, woher ich das habe, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß „geschenkt bekommen.“ Und von wem?“ war die Gegenfrage. Nun, das wollte ich nicht sagen. (Ich hatte schließlich mein Wort gegeben)
Nun das Ende vom Lied war ein Tadel der Schulleitung, ein Eintrag im Mitteilungsheft und beim nächsten Fahnenappell musste ich vortreten und eine Missbilligung meines Verhaltens durch den Lehrkörper vor der gesamten Schule entgegennehmen.
Auch wenn es keine Entschuldigung ist, ich war nicht allein. Insgesamt waren 6 Schüler mit den „Geschenken“ des Maik B. beglückt worden. Das wir nicht von der Schule geflogen sind ist nur der Tatsache zu verdanken gewesen, dass zwei der ebenfalls beschenkten Schüler aus „angesehenen“ Elternhäusern stammten.
Aufgeflogen ist die Masche indem Maik B. durch die Kriminalpolizei eine Falle gestellt wurde.
Natürlich haben die Eltern der bestohlenen Schüler Anzeige erstattet. Als die Anzeigen mehr wurden hat sich die Polizei der Sache angenommen. Nach kurzer Zeit hat man an mehreren Stellen im Wald, alle auf dem Weg zum Elternhaus von Maik B. liegend, die ausgeräumten Schultaschen gefunden.
Nun hat sich ein Polizist auf dem Schulgelände so postiert das er die Ranzenablage einsehen konnte. An den bereits bekannten Fundorten haben sich Polizisten versteckt und abgewartet. Und eines Tages schnappte die Falle zu.
Eine anschließende Hausdurchsuchung brachte die meisten der vermissten Gegenstände wieder ans Licht, aber eben nicht alle. In einem Verhör wurde Maik B. dazu gebracht die Namen derjenigen zu verraten, denen er von dem Diebesgut gegeben hatte. Also wurden durch die Lehrer die Federtaschen der vermuteten Hehler kontrolliert. Bande aufgeflogen, Fall erledigt.
Über die seitens meiner „Eltern“ darauf hin erfolgten Strafmassnahmen berichte ich später.
Mein Stiefvater war ein ziemlich kräftiger Mann. Einer wo man sagt „wenn der hinhaut wächst dort kein Gras mehr“. Nun, ich entsprach von Anfang an nicht seinem Bild von einem Sohn. In seinem Repertoire hatte er umfangreiche Erziehungsmaßnahmen. Diese fingen an bei Essensverbot. Essensverbot gab es meistens für Widerworte, also wenn man anderer Meinung war oder sich verteidigen wollte. Bei Essen was einem überhaupt nicht schmeckte macht sich aber auch ein „Aufessengebot“ ganz gut.
Die Steigerung davon war Fernsehverbot. Das war erst im fortgeschrittenen Alter, so ab 14, schlimm. Davor nicht ernsthaft.
Danach gab es Stubenarrest, oftmals viele Wochen am Stück. Egal ob Sommer oder Winter. Stubenarrest bedeutete nicht, dass man den ganzen Tag nicht raus konnte. Zum Arbeiten konnte man jederzeit raus. Nur draußen spielen ging eben nicht.
Die allerschärfsten Erziehungsmaßnahmen bedeuteten Schläge. Diese standen an bei Mitteilungen an die Eltern, Note 4 in irgendeiner Klassenarbeit, nicht erledigte Aufgaben, fortgesetzte Widerworte, wenn Lehrer sich zu Besuch anmeldeten, lügen und dergleichen mehr.
Besonders beliebt waren bei meinen „Eltern“ der Teppichklopfer, der Handfeger, der Feuerhaken oder der Staubwedel. Der Staubwedel war für mich das Schlimmste. Ein fingerdicker Stock, ca. 80 cm lang und an einem Ende ein Federpuschel der als Griff genommen wird. Bei schnellen auf und ab Bewegungen fauchte der Stock in der Luft.
Im Alter zwischen sieben und dreizehn verging keine Woche ohne irgendeine Erziehungsmaßnahme. Mein Stiefvater wechselte sich dabei, aus Gründen der Kondition, mit meiner Mutter ab.
Das muss man sich so vorstellen: Wenn also wieder eine Prügelstrafe angesagt war deutete mein Stiefvater diese mit den Worten an „Geh ins Bett und ziehe dich aus. Ich komme gleich.“ Irgendwann kam er dann auch, hielt mich fest oder drückte mich nieder und schlug mit einem der besagten Gegenstände auf Arme, Beine, Rücken und Po.
Nach einer Ewigkeit, ich spürte überall nur noch Schmerzen, ließ er ein weinendes Kind zurück. Minuten später kam meine Mutter ins Zimmer und schlug auf mich ein. Das tat zwar auch weh aber bei weitem nicht so wie beim Stiefvater.
Wenn meine Mutter fertig war hatte ich meist eine größere Pause. Die Pause war zwischen 15 und 30 Minuten lang. Dann kam mein Stiefvater zum zweiten Mal.
Nach drei Durchgängen war dann Schluss. Ich spürte schon fast nichts mehr und schlief vor Schmerzen und Tränen sofort ein.
Auf Grund meiner ständigen Angst irgendetwas falsch zu machen und dafür Prügelstrafen zu kassieren war ich permanent unsicher und nervös. Dies äußerte sich unter anderem auch dadurch, dass ich an den Fingernägeln kaute.
Diese Marotte, wie es mein Stiefvater nannte, wolle er mir aber schon austreiben. Und so lautete seine Anweisung ganz einfach: „Lass die Fingernägel wachsen!“ Ich bemühte mich nach Kräften aber am Ende der Woche war wieder alles kurz geknabbert.
Mein Stiefvater kontrollierte nun jede Woche meine Fingernägel und stellte fest, „Der Junge hält sich noch nicht einmal an die einfachsten Anweisungen“. Er holte ein Nagelset, klemmte sich meinen Arm unter seinen Arm, legte meine Hand auf den Tisch und bearbeitete das Nagelbett jedes einzelnen Fingers.
Er schob die Haut soweit zurück bis Blut kam. Die ganze Prozedur dauerte jedes Mal eine Viertelstunde. Mein Schreien störte ihn in seiner Arbeit überhaupt nicht. Für eine Weile vergaß ich sogar an meinen Nägeln zu kauen. Es hielt aber nicht an. Und so ging es dann jede Woche mit der gleichen Prozedur weiter.
Nach außen hin präsentierten sich meine „Eltern“ immer als ein harmonisches Paar das sich voller Liebe um ihre Kinder kümmert. Nur wenige meiner Freunde kannten die Situation.
Aber niemand aus der Lehrerschaft will jemals irgendetwas bemerkt haben.
Meine Uroma hatte eine Cousine die in der damaligen Leninstrasse wohnte. Ich sagte als kleiner Junge „Tante Ella“ zu ihr. Ihre Tochter Waltraud war „Tante Waltraud“ für mich. Tante Ella hatte ein großes Gehöft wo sie auch Hühner hielten. Wie es unter Verwandten üblich ist konnten wir uns in regelmäßigen Abständen frische Eier abholen.
Eines Tages, es war Sonntag, waren wir zum Kaffee bei Tante Ella eingeladen. Meine Eltern gingen schon vor; ich hatte meine Aufgaben noch nicht fertig und sollte nachkommen. Als ich endlich fertig war zog ich mich um und lief so schnell es ging zum Haus von Tante Ella.
Ich stürmte zur Haustür, drückte sie auf und traf meinen Stiefvater am Arm. Ich hatte von außen ja nicht sehen können dass jemand hinter der Tür stand.
Es war wohl mehr ein Reflex das mein Stiefvater mich mit der Hand dermaßen im Gesicht traf das ich bis zum Ende des Flurs geflogen bin.
Seit der Zeit war für meine Eltern ein Besuch bei Tante Ella tabu. Offensichtlich gab es zwischen meinem Stiefvater und Tante Waltraud einen Streit wegen mir. Ich hatte Verbot, jemals wieder dort hinzugehen.
Es war mal wieder so ein Tag nach einer Prügelattacke. Das mir alles weh tat war ich ja gewohnt nur die Striemen am ganzen Oberkörper waren noch nicht weg.
Vormittags war Sportunterricht bei Herrn K.. Herr K., ein ehemaliger Handballspieler beim SCM, war ein recht rauer Geselle und ein harter Kerl. Er wollte aus uns Jungens eben echte Männer machen und Männer mussten auch eine gewisse Härte ertragen können.
Alle meine Mitschüler waren bereits fertig mit umziehen nur ich nicht. Ich saß teilnahmslos auf der Bank im Umkleideraum. Herr K., wütend über mein Verhalten, kam in die Umkleide und auf mich zu. „Du sollst Dich umziehen“ waren seine ersten Worte. Als ich seiner deutlichen Aufforderung nicht sofort nachkam legte er selbst Hand an. Jacke aus, hingeflackt, Pullover aus, hingeflackt, Unterhemd aus, hingeflackt, ….. stopp.
Er sah nun meine Striemen und fragte nur. „Wann ist Dein Vater zu Hause?“ Ab halb fünf sagte ich. „Dann richte ihm aus das ich heute um fünf bei ihm bin! Zieh dich wieder an. Sport fällt heute für Dich aus.“
So richtig freuen konnte ich mich darüber nicht. Als ich meiner Mutter über den geplanten Besuch meines Sportlehrers berichtete war sie nicht begeistert. Wie immer wenn sich Lehrerbesuch angekündigt hatte. Sie wollte denn Grund wissen. Den konnte ich aber nicht sagen.
Pünktlich um 17.00 Uhr war Herr K. an der Tür. Das Gespräch wurde im Wohnzimmer geführt und war recht ruhig im Verlauf. Da ich neugierig war, ich hatte insgeheim die Hoffnung endlich einen Unterstützer gefunden zu haben, lauschte ich an der Tür. Ich habe nur wenige Worte verstanden aber einige ganz deutlich: … Jungen schlagen zeige ich Sie an….
Nach einer guten Stunde ist mein Sportlehrer wieder gegangen und ich hatte Audienz beim Stiefvater. „Wie ich denn dazu kommen könnte, dem Lehrer zu erzählen, das ich von den Eltern geschlagen werden würde“ war das Thema. Ich wollte einfach kein Gespräch führen. Ich war´s wirklich leid. Zum Schluss, wohl auf Grund meiner Verstocktheit, erhielt ich noch eine kräftige Backpfeife und konnte gehen. Meine Arbeiten musste ich aber noch erledigen.
Für meine Zukunft war das Gespräch zwischen meinem Sportlehrer und meinem Stiefvater aber von entscheidender Bedeutung. Mein Stiefvater schlug mich ab dem Zeitpunkt nur noch mit der Hand, bzw. warf mich auf den Boden um zu treten.
Es wurden keine Gegenstände mehr zum Schlagen verwendet um die verräterischen Spuren zu vermeiden. Mein Sportlehrer kontrollierte unauffällig aber regelmäßig meine Arme und Beine.
Eine der schönsten Dinge für mich mit 10 – 11 Jahren war floßen. Aus Baumstämmen, stärkeren Ästen, wenn man hatte auch Brettern, Bindfäden und Seile baute man sich ein Floß. Bestenfalls eines, wo man zu zweit drauf stehen konnte ohne unterzugehen.
Einer meiner damaligen Freunde hieß Hendrik W. Er wohnte ungefähr 500 m von meinem Elterhaus entfernt, kurz vor Beginn des Waldes. Mit Ihm hatte ich in den Sommerferien auf einem der Teiche in der Himmelpforte heimlich ein Floß zusammengezimmert. Das Floß war tragfähig genug für uns Beide. Das hatten wir schon getestet.
Eines Nachmittags waren wir wieder zum floßen verabredet. Da ich noch mit meinen Hausarbeitspflichten beschäftigt war ging Hendrik schon mal alleine los. Ich machte so schnell ich konnte und lief hinterher. Zum Teich musste man ungefähr
4 km laufen, mitten durch den Wald und über einen Berg. Wenn man sich beeilte war man in 40 Minuten da.
Ich kam am Teich an. Unser Floß schwamm mitten drauf. Hendrik war nicht zu sehen. Ich rief und lief am Ufer entlang. Keine Antwort, nur das Floß schwankte hin und her. „Er wird doch nicht unter dem Floß sein?“ Dachte ich bei mir und sprang in den Teich.
Am Floß angekommen stieß ich mit meinen Füssen gegen die Füße meines Freundes und tauchte unter. Hendrik hatte sich mit einem Fuß in einem Seil verfangen und kam nicht mehr unter dem Floß vor.
Ich tauchte hoch um noch mal kräftig Luft zu schnappen. Dabei schlitze mir ein herausstehender Nagel in den Brustkorb. Egal, mit viel Glück gelang es mir den Fuß meines Freundes aus der Schlinge zu befreien. Ich zog und zerrte Hendrik bis zum Ufer und legte ihn hin. Ein paar Klapse und Ohrfeigen später kam er wieder zu sich.
Gott sei Dank. Es ist nichts passiert. Die Narbe auf meinem Brustkorb ist heute immer noch zu sehen.
Schon lange sehnte ich den Tag der Jugendweihe herbei. Es war der Tag des Eintritts in das Erwachsenenleben. Selbst die Lehrer redeten uns fortan mit „Sie“ an. Aber das Beste war, es gab eine Feier und Geschenke. Viele meiner Freunde und Schulkameraden wussten schon vorher was sie bekommen sollten. Die meisten Jungs freuten sich schon auf ein Moped, oder auf Geld um sich eins zu kaufen. Alternativ konnte es auch Kassettenrecorder geben. Nun, die meisten Eltern ließen sich nicht lumpen. Es war doch ein wichtiger Tag für den Nachwuchs.
Also, ich freute mich auf den Tag. Nach der Feierstunde fuhren wir in eine Gaststätte nach Derenburg. Damit war es schon mal ausgeschlossen dass ich mich mit meinen Freunden abends noch treffen konnte.
Es kamen viele Verwandte und Arbeitskollegen meiner Eltern. Und alle hatten einen Briefumschlag mit einer Glückwunschkarte und darin Geld dabei. So war das üblich. Ich bedankte mich artig bei jedem Gratulanten, las die Karte durch und registrierte unauffällig das darin enthaltene Geld. Abends gegen 22.00 Uhr brachen wir auf.
Beim Einpacken bemerkte ich, das mein Stiefvater die Briefe einsammelte und einsteckte. Ich muss wohl ziemlich komisch geschaut haben aber er erklärte mir dass es besser sei wenn er es nehmen würde. Ich bekäme es dann zu Hause. Zu Hause bekam ich erst am nächsten Tag die Briefumschläge und das Geld extra. Ich zählte 165 Mark. Nun versuchte ich meinen Stiefvater zur Rede zur stellen wo denn der Rest geblieben sei. Den Rest habe er behalten: „Schließlich hat ja Deine Feier auch eine Menge gekostet.“
Am nächsten Schultag erzählten sich alle was und wie viel sie bekommen hätten. Einige fuhren sogar schon mit den neuen Mopeds vor. Damit erhöhten sich die Chancen bei den Mädels schlagartig. Nun, meine Ausbeute der Jugendweihe war, dem Erzählen nach, die Geringste. Irgendwann habe ich meinen besten Freund mal gefragt, ob er die Feier auch hat bezahlen müssen. Er schaute mich an als käme ich vom Mond.
Von den 165 Mark kaufte ich mir dann ein kleines Radio um wenigstens etwas zu haben. Im Sommerurlaub habe ich es aber leider unter dem Heckscheibenfenster des Autos liegen gelassen. Als wir vom Strand zurück kamen war die Plaste zerschmolzen und es konnten keine Sender mehr eingestellt werden. Ich habe es trotzdem noch lange behalten.
Meine erste Katze durfte ich mir mit 7 Jahren aussuchen. Es war eine weiße mit bunten Flecken und sollte ein Kater sein. War es aber nicht. Nach ungefähr einem halben Jahr stellten wir das fest. Susi, so hieß meine Katze damals, war trächtig. Als die Katzenbabys zur Welt kamen, wir merkten dass daran, das Susi nicht mehr so dick war, musste ich mich auf die Suche machen.
Ich fand die Katzenbabys hinter unseren Holzvorräten auf dem Dachboden. Der Auftrag meines Stiefvaters lautete: „Bring die kleinen Katzen um. Am besten ersäufen!“ Diese Methode empfand ich mit meinen damals 9 Jahren als zu grausam. Ich befragte meine Freunde ob es bessere Methoden gibt Katzen umzubringen.
Von einem bekam ich den Tipp, die Katze am Schwanz zu halten und mit einem Holzstock den Nacken zu treffen.
