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Andy Warhol beneidete sie um ihren Ruhm, Anne Frank klebte ein Bild von ihr an ihre Wand, und E. M. Forster bekannte, er hätte sie geheiratet, wenn sie nur ein Junge gewesen wäre. Queen Elizabeth II. war 96 Jahre lang einer der berühmtesten Menschen des Planeten. Ihr Leben fand im gleißenden Licht der Öffentlichkeit statt, und zugleich hielt sie ihr Privatleben so privat wie kein anderer Monarch. Wer also war sie? Craig Brown, preisgekrönter Bestseller-Autor, kommt dem Geheimnis dieser Königin und ihrer überragenden Bedeutung so nahe wie kein Biograf vor ihm. Craig Brown erzählt das Leben der Queen in einer rasanten Mischung aus kaum bekannten Anekdoten und hintergründigen Betrachtungen. Wir erleben Elizabeth im Chaos ihrer Corgis und bei Staatsbesuchen von Diktatoren – und erfahren, was sie über Donald Trump zu lästern hatte. Hinter dem strikten Protokoll, das ihr ganzes Leben regierte, macht Craig Brown ihren unschlagbaren Humor, ihre Fähigkeit zum Mitgefühl, aber auch ihre kalten Züge sichtbar. Er schildert, wie vor dieser zurückhaltenden Frau selbst Präsidenten und Rockstars in Angst und Schrecken verfielen. Vor allem aber ergründet er in diesem hochkomischen und tiefernsten Buch, wie es der Queen gelang, eine Königin für alle Briten, für alle Bürgerinnen und Bürger des Commonwealth und letztlich für alle Menschen zu sein.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Craig Brown
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DAS UNGLAUBLICHE LEBEN DER QUEEN
Aus dem Englischen von Tobias Gabel
C.H.Beck
Cover
Inhalt
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30 – The Queen’s English Ein Wörterbuch für Queen-Imitatoren (und solche, die es werden wollen)
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50 – Eine kurze Geschichte der royalen Gerüchte
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53 – Philip Larkins 14 Begegnungen mit dem Königshaus
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63 – Szenen eines Jubiläums
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81 – Vom Mysterium zum Promi-Ruhm
in 13 Schritten
82 – 1992: Das Schreckensjahr
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100 – Eine Familiensaga in Pressemitteilungen
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QUELLEN
DANK
BILD- UND ZITATNACHWEIS
Zum Buch
Vita
Impressum
«Man tut das, was man ist. Man wird das, was man tut.»
Robert Musil
«Dich wollen sie treffen. Aber über sich selbst wollen sie reden.»
Cyril Connolly
«Wie könnte man die Briten ohne ihre Kronen und Krönchen von den Isländern unterscheiden?»
John Updike
The London Gazette
21. April 1926
Ihre Königliche Hoheit die Herzogin von York hat gestern Morgen um 2 Uhr 40 in der Bruton Street 17 in Mayfair eine Tochter zur Welt gebracht.
Seine Königliche Hoheit der Herzog von York und die Gräfin von Strathmore waren zugegen. Der Innenminister Sir William Joynson-Hicks war ebenfalls zugegen. Ihre Königliche Hoheit und die kleine Prinzessin erfreuen sich bester Gesundheit.
Das freudige Ereignis wurde durch Salutschüsse der Geschütze im St. James’s Park und am Tower of London kundgetan.
Ebenfalls im April 1926 kamen zur Welt: Hugh Hefner, Harper Lee und Ian Paisley. Im selben Jahr wurden außerdem geboren: Miles Davis, Fidel Castro, Michel Foucault, Chuck Berry, Marilyn Monroe und Sir David Attenborough.
Claude Monet starb 1926, ebenso Harry Houdini, Rudolph Valentino und Rainer Maria Rilke.
Unter den Liedern, die in diesem Jahr erstmals veröffentlicht wurden, waren «Are You Lonesome Tonight?», «Bye Bye Blackbird», «Tiptoe Through the Tulips» und «Someone to Watch Over Me».
Das Fernsehen wurde 1926 erfunden, aber auch die Sprühdose, der elektrische Rasenmäher, die Planierraupe, der Mähdrescher, das Zellophan und die moderne Verkehrsampel.
Zu den Begriffen, die 1926 erstmals belegt sind, gehören «Bible belt», «business lunch», «car park», «kitsch», «market research», «pop song», «publicity stunt», «recycle», «sugar daddy» und «totalitarian».
Einige Tage nach dem Tod meiner Mutter im Frühjahr 2023 stieß ich beim Ausräumen ihrer Schränke auf ein Fotoalbum mit einem dunkelblauen Ledereinband. Darin waren jede Menge Schwarzweißfotos von marschierenden Soldaten, winkenden Menschenmengen, aufgereihten Würdenträgern und einer 25-jährigen Prinzessin Elizabeth, die lächelt und Hände schüttelt. Wie war das nur hierhergekommen?
Auf der ersten Seite stand, schwungvoll handgeschrieben in königsblauer Tinte – mit roten und goldenen Verzierungen an den Großbuchstaben –, folgende Eintragung:
Am Donnerstag, dem 21. Juni 1951, wurde die alte Fahne des 3. Bataillons der Grenadier Guards in der Kathedrale von Manchester angebracht. Dies geschah in Gegenwart Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Elizabeth – Herzogin von Edinburgh – Oberst des Regiments.
Zur bildlichen Dokumentation dieses Anlasses erhält Mrs. Moncrieff Brown vom Präsidenten der Ortsgruppe Manchester des Ehemaligenvereins der Grenadier Guards das vorliegende Album zur freudigen Erinnerung an einen denkwürdigen Tag.
«Mrs. Moncrieff Brown» war meine Großmutter. Auf 13 Fotografien in Seitengröße ist der Weg der jungen Prinzessin durch Manchester an jenem Sommertag vor einem Dreivierteljahrhundert festgehalten: ihre Ankunft am Hauptbahnhof, der damals noch London Road Station hieß; die Parade der Grenadier Guards mit Abmarsch am Polizeirevier in Richtung Kathedrale über den Albert Square, Piccadilly und die Market Street; das Eintreffen Ihrer Königlichen Hoheit an der Kathedrale; der Lord Mayor – Oberbürgermeister – von Manchester in vollem Ornat, wie er der Prinzessin den Unterdekan, den Bischof von Middleton und den Lordbischof von Manchester vorstellt; das Defilee der Grenadiere auf dem Albert Square; schließlich der Salut vor dem Rathaus und die Vorstellungen, bei denen ausgewählte Einzelne der Prinzessin persönlich begegnen durften.
Unter der Überschrift «Vorstellungen» findet sich auch ein Foto, das Prinzessin Elizabeth beim Abschreiten einer Reihe von Männern und Frauen zeigt. Diejenigen Damen und Herren, mit denen die Prinzessin bereits ein paar Worte gewechselt hat, sehen um einiges entspannter aus als die anderen, denen dieses Erlebnis noch bevorsteht.
Und da, zwei Köpfe links von Mr. C. G. S. Pigott, dem Ehrenvorsitzenden der Ortsgruppe Manchester des Ehemaligenvereins, mit dem die Prinzessin gerade zu sprechen scheint, und seiner Frau, die recht sparsam als «Mrs. Pigott» betitelt ist, steht meine Großmutter, «Mrs. G. Moncrieff Brown».
In meiner Erinnerung ist sie eine alte Dame, aufgeweckt und herzlich, die immer ein KitKat, einen Crunchie-Riegel oder andere Leckereien zur Hand hatte. Sie konnte Ukulele spielen und war eine geschickte Handarbeiterin. Hübsche kleine Stoffmäuse, die sie genäht und in Sonntagsstaat gekleidet hatte, waren Anfang der 1970er-Jahre im Imperial Hotel in Torquay in einer Glasvitrine ausgestellt – und in einem Souvenirladen, der in einer Kopfsteinstraße gleich am Windsor Castle lag, konnte man diese Mäuse auch kaufen.
Was machte meine Großmutter da in Manchester, und wie kam es, dass man sie am Donnerstag, dem 21. Juni 1951, Prinzessin Elizabeth vorstellte? Auf dem Foto sieht man, wie sie lächelnd in Richtung von Mr. C. G. S. Pigott und den anderen dort aufgereihten Würdenträgern blickt. Sie war Jahrgang 1892, damals also um die 59 Jahre alt – aber verglichen mit den meisten anderen, eher plump und streng wirkenden Frauen auf den Fotos ringsumher wirkt sie auf mich deutlich jünger, zart und elegant in ihrem exotischen Kopfputz.
Ihren Mann, meinen Großvater Andrew Moncrieff Brown, habe ich nie kennengelernt. Er hat sich 1940 umgebracht, da war er kaum 50. Seine beiden Söhne, mein Vater Peter und sein Bruder Ian, waren damals im Krieg. Mein Vater hat mir erzählt, dass mein Großvater ein fordernder Mann war, Kellnern gegenüber unerbittlich, oft betrunken und mit einer Neigung zu schrecklichen Wutausbrüchen. Beim Abendessen brach er regelmäßig einen Streit mit meiner Großmutter vom Zaun und stürmte dann türenschlagend aus dem Zimmer. Am Abend des 1. September 1940 hatte er wieder einmal einen seiner ewigen Ausraster gehabt und war wutentbrannt aus dem Raum gestürzt, natürlich mit lautem Türenknallen. Meine Großmutter blieb allein am Esstisch zurück. Dann zerriss ein Schuss die Stille. Sekunden darauf kam mein Großvater wieder ins Esszimmer gewankt, mit einer Wunde am Bauch, aus der das Blut nur so strömte. «Jetzt sieh dir an, wozu du mich gebracht hast», stieß er mit Mühe noch hervor. Es sollten seine letzten Worte sein. Als mein Vater von seinem kommandierenden Offizier gesagt bekam, was geschehen war, brach er zusammen.
Im Ersten Weltkrieg hatte Andrew Moncrieff Brown als Kavallerieoffizier bei den Grenadier Guards gedient und war mit gezücktem Säbel in die Schlacht geritten. Viel später, in den 1990er-Jahren, hat mein Vater diesen Säbel meinem kleinen Sohn geschenkt. Noch heute liegt das gute Stück in einem Regal, mitsamt seiner abgewetzten Lederscheide.
Der ältere Bruder meines Vaters, Ian, war seinem Vater zu den Grenadier Guards nachgefolgt. Am 10. September 1943, fast genau drei Jahre nach dem Selbstmord meines Großvaters, wurde Leutnant I. A. Moncrieff Brown, vom 6. Bataillon der Grenadier Guards, Dienstnummer 139875, Sohn des Andrew Moncrieff Brown und der Gwendoline Mary Brown, bei den Kämpfen um Salerno, wo die alliierten Truppen tags zuvor gelandet waren, getötet. Er war 26 Jahre alt. Begraben ist er auf dem Soldatenfriedhof von Salerno. Binnen drei Jahren hatte mein Vater sowohl seinen Vater als auch seinen Bruder verloren – und war selbst gerade mal 23.
Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen.[1] Wir können ihre Aktivitäten fast Tag für Tag nachvollziehen, können beinahe jeden ihrer Schritte verfolgen, und das vom Augenblick ihrer Geburt bis zu dem ihres Todes. In ihren 96 Jahren auf diesem Planeten verging kaum eine Woche, in der sie nicht fotografiert wurde – oft von Hunderten oder sogar Tausenden von Menschen. Wenn man mir ein beliebiges Datum aus ihrem langen, langen Leben nennen würde, könnte ich mit ziemlicher Sicherheit im Handumdrehen herausfinden, wo sie sich aufgehalten und was sie dort getan hat. Wir wissen, wer ihre Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großeltern waren, welches Temperament und welche Gewohnheiten sie hatten, was ihre Erfolge und Misserfolge, ihre Vorlieben und Abneigungen waren, ja wir kennen sogar die Gerüchte, die über sie im Umlauf waren. Wir kennen die Cousinen und Cousins der Queen und ihre Schwester und ihre Onkel und ihre Tanten. Wir kennen auch ihre Kinder und deren Kinder und wiederum deren Kinder, und über diesen oder jenen Menschen aus der erweiterten Verwandtschaft der Queen haben viele von uns ganz schön starke Meinungen. Ob es einem gefällt oder nicht – ob sie einem gefallen oder nicht: Die Royals gehören für die Briten dazu wie die Luft zum Atmen.
Vieles im Leben der verstorbenen Queen ist für die allgemeine Öffentlichkeit auch gefilmt worden. Ich habe Großmutters Fotoalbum neben mir liegen, tippe ein paar Suchbegriffe in die Tastatur, und schon ploppt auf dem Bildschirm ein Video auf: eine Wochenschauaufnahme vom Besuch Prinzessin Elizabeths in Manchester am 21. Juni 1951.
Die Prinzessin steigt aus dem Zug, lächelt, hat ihre Rechte schon ausgestreckt, bereit zum ersten Händeschütteln. «Begrüßt von Lord Derby, dem Lord Lieutenant von Lancashire, trifft Prinzessin Elizabeth in Manchester ein – eines der farbenfrohsten Spektakel, welche die Stadt seit Jahren erlebt hat!», tönt der Wochenschausprecher in seiner zackigen Sprechweise. «Mit dem Oberbürgermeister bricht sie in Richtung der Kathedrale von Manchester auf, wo das 3. Bataillon der Grenadier Guards heute seine alte Fahne anbringen wird!»
Wir sehen ihr zu, wie sie in Begleitung eines Herrn im Cut, der seinen Zylinderhut hinter dem Rücken hält, den Bahnsteig entlanggeht. Die örtlichen Honoratioren mit ihren angesteckten Orden folgen den beiden in gebührendem Abstand. Hier und da kommen sie an leicht ausgefranst wirkenden Union Jacks vorbei, die man entlang des Bahnsteigs angebracht hat – womöglich um unansehnliche Stellen des Gebäudes ein wenig zu kaschieren.
Dann kommt ein Schnitt, und der Film zeigt eine Militärkapelle in Uniform und Bärenfellmützen, die mit Pauken und Trompeten durch das Stadtzentrum zieht, gefolgt von weiteren Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Fröhlich jubelnde Menschenmassen säumen den Weg. «Begleitet wird der Trupp von den Mitgliedern der Ortsgruppe Manchester des Ehemaligenvereins der Grenadier Guards!», erläutert der Sprecher. Hinter jedem seiner Sätze muss ein Ausrufezeichen stehen, sein Tonfall lässt mir keine Wahl. «Die Prinzessin, die ein Oberst des Grenadierregiments ist, hat dem 3. Bataillon kürzlich im Namen des Königs eine neue Fahne überreicht!»
Wir befinden uns jetzt vor der Kathedrale von Manchester. Die Prinzessin schüttelt die Hände hoher geistlicher Würdenträger, darunter auch der Lordbischof von Manchester und der Bischof von Middleton. Ein Mann mit einer Amtskette und einem puscheligen Dreispitz auf dem Kopf, dessen pelzverbrämter Talar für Ende Juni reichlich warm erscheint, schaut auf einen kleinen Notizblock, um absolut sicherzugehen, dass er die hochwürdigen Herren auch mit ihren korrekten Namen und Ehrentiteln vorstellt.
«Und nun defilieren, nachdem ihre alte Truppenfahne sicher ausgemustert ist, die Grenadiere vor dem Rathaus an ihrem Oberst vorbei!» Die Kapelle spielt «The British Grenadiers». Wie so mancher, der in den 1960er-Jahren ein Schuljunge war, habe ich den Text zu diesem Marsch noch immer im Kopf:
Some talk of Alexander, and some of HerculesOf Hector and Lysander, and such great names as these.But of all the world’s brave heroes, there’s none that can compare.With a tow, row, row, row, row, row, to the British Grenadiers!
Man spricht von Alexander und auch von Herkules, Von Hektor und Lysander und and’ren Namen mehr. Doch all die großen Helden sticht aus, ich sag es dir, Ein tow, row, row, row, row, row, ein brit’scher Grenadier!
Männer in Anzug und Krawatte mit Schiebermützen auf dem Kopf bestaunen die Prinzessin. Stämmige ältere Damen mit geblümten Hüten winken selig mit ihren Taschentüchern. Wann hat das eigentlich aufgehört, dass man aus einer Menschenmenge heraus mit seinem Taschentuch winkt? Eine etwas seltsame Tradition war es ja schon, wenn man so darüber nachdenkt – aber insgesamt doch freundlicher als unsere heutige Angewohnheit, das Gesicht mit seinem iPhone abzuschirmen.[2]
«Indem sie ihre alte Truppenfahne in die sichere Obhut der Kathedrale von Manchester gaben, haben die Männer vom 3. Grenadierbataillon gezeigt, wie eng die Verbindung zwischen ihrem Regiment und der Stadt Manchester ist!» Männer in Hut und Anzug marschieren stolz in Reih und Glied hinter den Soldaten her; an der Brust der Veteranen sieht man zahlreiche Orden. «Aus dieser Gegend beziehen die Grenadier Guards mehr Rekruten als irgendwoher sonst mit Ausnahme von London! Sie wissen eben, wo gute Männer zu finden sind, wenn sie welche brauchen!»
Hier endet der Pathé-Wochenschaubericht, den ich auf YouTube gefunden habe, aber das letzte Foto im Album meiner Großmutter gibt der Geschichte noch einen Abschluss: «Lord und Lady Derby verabschieden Ihre Königliche Hoheit am Bahnhof London Road.» Die Prinzessin steht am geöffneten Fenster eines Eisenbahnabteils, bereit zur Abfahrt. Vielleicht sieht sie in diesem Moment ein ganz klein wenig zu erfreut aus.
Ich nehme an, dass meine Großmutter deshalb eingeladen wurde, die Königin zu treffen – als Teil einer Gruppe, zu der ansonsten eher die Stadtprominenz von Manchester gehörte –, weil sie die Witwe eines Offiziers der Grenadier Guards war und die trauernde Mutter eines zweiten. Vielleicht saß sie auch in irgendeinem Komitee. Das sollte ich eigentlich wissen, genau wie noch hundert andere Dinge aus ihrem Leben. Wo hat sie damals eigentlich genau gewohnt? Hatte sie wieder geheiratet? Seit der Selbsttötung ihres Mannes waren immerhin elf Jahre ins Land gegangen. Wir nannten sie immer «Oma Lane», weil sie irgendwann einmal einen Mann namens Lane geheiratet hatte, an dessen Vornamen sich bei uns keiner mehr erinnern kann. Was ist wohl aus Lane geworden? Als Kinder haben wir ihn nie zu Gesicht bekommen. Womöglich war er in der Zeit, aus der meine frühesten Erinnerungen stammen, Ende der 50er-Jahre, schon gestorben. Ich weiß noch, dass meine Mutter mir einmal erzählt hat, er sei ein unsteter Mensch gewesen, ein Streuner, und dass er eines Tages einfach verschwunden sei und meine Großmutter habe sitzen lassen.
Ich weiß, dass der Mädchenname meiner Großmutter Sidebotham war. Das fanden wir immer schon urkomisch. Einmal hat sie uns im Scherz erzählt – jedenfalls nehme ich an, dass es ein Scherz war –, ihre Eltern hätten den Namen «Sidday-b’toum» ausgesprochen. Der Website Ancestry.com entnehme ich, dass sie am 1. März 1892 in Bowdon in der nordenglischen Grafschaft Cheshire geboren wurde; dass ihr Vater Edward John Sidebotham war, ebenfalls aus Bowdon gebürtig (1860–1929), und ihre Mutter Benedicta Mary Adams, die aus Bodmin in Cornwall stammte (1869–1956). Aber das war es dann auch schon. Ich weiß weder, welche Berufe meine Urgroßeltern hatten, noch, wie sie aussahen oder wie sie sich kennengelernt haben – immerhin war sie in Cornwall im äußersten Süden geboren und er eben in Cheshire. Ich weiß tatsächlich nichts über sie als ihre Namen und Lebensdaten.
Von den Urgroßeltern Elizabeths II. dagegen weiß ich eine ganze Menge. Ihr Urgroßvater in der männlichen Linie war König Edward VII., der schwerenöterische Sohn Königin Victorias, die sich von ihrem Ältesten enerviert gezeigt hatte («Ach! Was ist mir angst und kummervoll zumute, wenn ich an ihn denke: Er ist so träge und schwach», schrieb sie 1858 in ihr Tagebuch, da war Edward 17). Wie es sich ergab, habe ich im Lauf der Jahre zwei (!) Biografien über Edward VII. gelesen: eine von Giles St. Aubyn (555 Seiten stark) und eine aus der Feder von Jane Ridley (608 Seiten). Edward VII. heiratete die standhafte Prinzessin Alexandra von Dänemark,[3] über die mindestens drei Biografien erschienen sind.[4] Auch von Edwards Sohn, dem Großvater der Queen, König George V., habe ich gleich mehrere Biografien gelesen: eine von Harold Nicolson, eine von Kenneth Rose und eine wiederum von Jane Ridley. Alle drei Bücher sind wirklich gut geschrieben, aber nach insgesamt 1643 Seiten ist vor allem eines klar: George V. muss einer der größten Langweiler gewesen sein, die diese Erde je gesehen hat. Sir Harold Nicolson war sein autorisierter Biograf und hat diese Aufgabe mit großem Feingefühl bewältigt – aber selbst er fand seinen Gegenstand sterbensöde. «17 Jahre lang hat der rein gar nichts gemacht als Tiere töten und Briefmarken sortieren!», klagte Sir Harold seinem Tagebuch. Was bei George V. zudem auffällt, ist sein erstaunlicher Mangel an Neugier wie auch an Einfühlungsvermögen. Sein Leben war ein einziges Drama, doch scheint das bei ihm keinerlei emotionale Spuren hinterlassen zu haben. So beispielsweise 1898, als seine Gemahlin Queen Mary beim Stapellauf eines Kriegsschiffs im Londoner Stadtteil Blackwall als Taufpatin auftreten sollte und die Ereignisse eine schreckliche Wendung nahmen: Eine Tribüne brach unter der Masse der Zuschauer in sich zusammen und 200 Personen stürzten in die Themse. Als König George V. an diesem Abend wie üblich Tagebuch schrieb, erwähnte er diesen Zwischenfall zwar – aber doch eher im Nachsatz. «Sind leider mehr als 30 ertrunken. Waren um viertel nach vier wieder zu Haus.»
Der spätere König George V. kam 1865 zur Welt, 25 Jahre vor meinem Großvater, und starb 1936, nur vier Jahre vor diesem. Irgendwie ist es schon beschämend, dass ich so viel über George V. weiß und so wenig über meinen eigenen Großvater. Das Gleiche gilt übrigens von meiner Mutter. Sie wurde zwei Wochen nach Prinzessin Margaret geboren, aber ich weiß wesentlich mehr über die Kindheit und Jugend von Prinzessin Margaret – ihre Kindermädchen, ihre Haustiere und ihre jungen Verehrer, ihr Verhältnis zu ihren Eltern – als über die meiner Mutter. Und ich weiß mehr über die Kinder der Queen als über meine eigenen Geschwister, obwohl sie und wir ungefähr im selben Alter sind (tatsächlich sind meine beiden jüngeren Brüder exakte Altersgenossen der Prinzen Andrew und Edward). Ich weiß beispielsweise, wie es für die Windsor-Kinder an ihren jeweiligen Schulen gelaufen ist, weiß, welche Prüfungen sie ablegen mussten, was ihre Lieblingsbücher und -fernsehsendungen waren, wie man sie am besten zum Lachen bringen konnte, kenne ihre diversen Freundinnen, Freunde und Lebenspartner, ihre Meinungen und Ansichten zu jedem erdenklichen Thema von Architektur bis Sex. Ich habe sie vor Wut ausrasten gesehen und ihnen bei schlüpfrigen Telefonaten zugehört. Dank einer Biografie, die Gyles Brandreth verfasst hat, kann ich meiner geneigten Leserschaft sogar Auskunft darüber geben, ob Prinz Charles als Kind die Brust bekommen hat (hat er) und ob er beschnitten wurde (jawohl, auch das: am 20. Dezember 1948 von einem gewissen Dr. Snowman).
Über meine eigenen Geschwister jedoch könnte ich nur in wenigen dieser Bereiche ebenso souverän Auskunft erteilen. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich nicht mehr über die Queen und ihre Familie weiß als über mich selbst. Wo war ich denn an diesem oder jenem Tag, sagen wir mal des Jahres 1968, 1979 oder 1994? Was habe ich letztes Jahr gemacht, was vor einem Monat? Wie leicht kann ich herausfinden, was die Queen oder Prinz Charles oder Meghan Markle alles angestellt haben, doch meine eigenen Aktivitäten haben in der Welt kaum Spuren hinterlassen. Und ihre Gesichter kenne ich auch besser als mein eigenes, denn ich sehe sie öfter. Wenn ich in einem menschengefüllten Raum nur einen kurzen Blick auf mein eigenes Gesicht im Profil erhaschen könnte – würde ich mich erkennen? Vielleicht nicht. Aber ganz bestimmt würde ich, nur zum Beispiel, Prinzessin Anne erkennen oder Prinzessin Annes Tochter oder den Ehemann von Prinzessin Annes Tochter.
Diese ungleiche Verteilung unserer Aufmerksamkeit ist absurd, doch wir müssen wohl lernen, damit zu leben. Chips Channon[5] hat den britischen Nationalfimmel für alles, was Kronen und Krönchen trägt, präzise aufgespießt, und zwar anlässlich einer Zeremonie, bei der eine Statue Georges V. enthüllt wurde. Das eigentliche Zeremoniell war zwar nach 20 Minuten abgehandelt, doch dann folgte «eine schier endlose Pause, während die Königlichen Hoheiten einander begrüßten, Küsschen tauschten und plauderten. Wo sonst außer in England würde eine Menschenmenge von mehreren Tausend glücklich im Regen stehen und einer Familie beim Plauschen zuschauen?»
Als George V. Anfang 1936 starb, zeigte sich der Chefredakteur des politisch eher links stehenden New Statesman, Kingsley Martin, verblüfft darüber, wie stark die Trauer der Untertanen um ihren König im Alltag zu spüren war: «Keiner, der im Bus auch nur ein paar Worte mit seinem Sitznachbarn wechselte, oder mit der Scheuerfrau, die gerade die Treppe putzte, oder mit einem Touristen an einer Straßenecke, hätte bestreiten können, dass dabei – bis auf wenige Ausnahmen – ein großes Verlustgefühl spürbar wurde. Und genauso wenig hätte ein aufmerksamer Beobachter übersehen können, wie eigentümlich persönlich diese Ergriffenheit war», schrieb er damals. «Menschen, die den König nie getroffen, sondern lediglich im Radio seine Stimme gehört hatten, sprachen von ihm, als wäre er ein enger Freund gewesen oder ein naher Verwandter, den der Tod in der Blüte seiner Jahre dahingerafft hat.» Und diese Trauer war ein weltweites Phänomen. Virginia Woolf bemerkte in ihrem Tagebuch (vielleicht mit einem Anflug von Übertreibung): «In Amerika trauern sie, als wäre ihr eigener König gestorben, und die Japaner sind in Tränen aufgelöst.»
Ganz ähnlich haben Menschen auf der ganzen Welt den Tod von Prinzessin Diana beweint, obwohl sie sie nie getroffen hatten. Manche von ihnen mögen bei Todesfällen in ihren eigenen Familien keine Träne vergossen haben. Ich weiß noch, dass ich mich am Abend nach dem tragischen Unfall mit ein paar Freunden in einem Pub getroffen habe. Der Gastraum war gerammelt voll, aber ich kann mich gut erinnern, wie seltsam still es war, weil alle sich nur mit gedämpfter Stimme unterhielten – es war wirklich wie bei einer Beerdigung. Und als dann in unserer Runde doch einmal laut gelacht wurde – über etwas völlig anderes, versteht sich –, blaffte uns eine Stimme von einem anderen Tisch an: «Haben Sie denn ÜBERHAUPT KEINEN RESPEKT?!»
Als ein Vierteljahrhundert später die Queen starb, mussten selbst manche eingefleischten Antimonarchisten feststellen, dass dieses Ereignis sie nicht kalt ließ. Ihre Tränen, so schien es, standen im absoluten Widerspruch zu ihren Überzeugungen, und dieser Widerspruch brachte sie vollends aus der Fassung. Andere jedoch zeigten sich demonstrativ ungerührt – bis hin zu offenem Protest. Die Demonstranten, die in den Tagen nach dem Tod der Queen bei den Trauerzeremonien auftauchten, hätten wohl Friedrich Engels zugestimmt, der den Monarchismus als einen «ekelhaften Kultus» bezeichnete und insbesondere jene seelische Verwirrung beklagte, die aus der Allgegenwart einer Person eine völlige Hingabe an diese entstehen lässt.
«Ist die Monarchie eine geeignete Einrichtung für eine erwachsene Nation?», hat die Schriftstellerin Hilary Mantel, deren Romantrilogie über die Tudors schon jetzt legendär ist, in einer Rede gefragt. Die Antwort gab sie sich gleich selbst: «Ich weiß es nicht.»
1 Eine Warnung vorweg: Ab hier werde ich sie in der Regel «die Queen» nennen, und nicht Prinzessin Elizabeth oder Königin Elizabeth II. oder Elizabeth oder Ihre Majestät. Mit den Namen in der britischen Königsfamilie ist es ein ständiges Hin und Her, was die Sache für Biografen äußerst heikel macht – besonders für solche, die (wie ich) nicht stur chronologisch verfahren wollen. Manchmal werden die Namen in dieser Familie sogar untereinander weitergereicht. Zum Beispiel kam das jüngste Kind der Queen 1964 als Prinz Edward zur Welt, wurde dann später zum Earl of Wessex (1999–2019) bzw. Earl of Wessex and Forfar (2019–2023). Im Jahr 2023 erfolgte seine Metamorphose zum Duke of Edinburgh: Edward hatte den Titel von seinem verstorbenen Vater Philip geerbt. Zugleich wurde Edwards Sohn James, der bislang als Viscount Severn bekannt gewesen war, zum neuen Earl of Wessex and Forfar. (Mir ist bewusst, dass diese Fußnote sich so langsam wie die Gebrauchsanleitung zu einem unglaublich komplizierten Brettspiel liest.) Bis zu ihrer Thronbesteigung im Jahr 1952 war die Queen Prinzessin Elizabeth, und ihre Mutter Elizabeth war die Königin – Queen Elizabeth. Mit der Krönung wurde Prinzessin Elizabeth zu Königin Elizabeth, und die bisherige Queen Elizabeth wurde zu «Queen Elizabeth the Queen Mother» oder kurz «the Queen Mother» bzw. – noch kürzer – «Queen Mum». Ein solches Wirrwarr hält keine Erzählung aus (zumindest keine lesbare), weshalb ich mich, der Einfachheit halber, immer an denjenigen Namen halten will, unter dem die jeweilige Person am besten bekannt ist: die Queen, Queen Mum, Prinz Philip, Prinz Charles, Prinz Edward und so weiter. (Sollte ich meine eigene Regel hier und da einmal brechen, so geschieht das natürlich auch nur der Einfachheit halber.)
2 Wie die Queen 2013 dem amerikanischen Botschafter Matthew Barzun gegenüber äußerte: «Touristen hat es ja immer schon gegeben, aber früher hatten sie normale Kameras. Die haben sie hochgehoben, haben ein Foto gemacht, und die Kamera ging wieder runter. Jetzt heben sie diese Dinger hoch und nehmen sie einfach nicht mehr runter. Und ich vermisse es sehr, ihre Augen zu sehen.»
3 Für sie verfasste der Hofdichter Alfred Lord Tennyson die folgende Willkommensode (die vielleicht nicht zu seinen besten Arbeiten gehört):Sea King’s daughter from over the sea, Alexandra! Saxon and Norman and Dane are we, But all of us Danes in our welcome of thee, Alexandra!(«Seekönigs Tochter von über dem Meer,/Alexandra!/Sächsisch, normannisch und dänisch sind wir,/Doch allesamt Dänen beim Willkomm von dir,/Alexandra!»)
4 Von denen ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht eine gelesen habe.
5 Sir Henry «Chips» Channon (1897–1958), gebürtiger Amerikaner aus Chicago, dessen Familie als Reeder auf den Großen Seen zu ihrem Vermögen gekommen war, kam als junger Mann nach England, wo er bald als Salonlöwe, Tagebuch-Tratschonkel und Parlamentsabgeordneter Karriere machte.
Anne Frank wurde 1929 geboren. Sie war ein Jahr älter als Prinzessin Margaret und drei Jahre jünger als Prinzessin Elizabeth, die gleich alt mit Annes Schwester Margot war.
Zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 schenkte Annes Vater Otto Frank ihr ein Poesiealbum mit rot-weiß kariertem Einband, das Anne sogleich zum Tagebuch umfunktionierte. Sie hoffte, dass dieses Tagebuch einmal Zeugnis davon ablegen würde, welch schlimmes Schicksal Familien wie die ihre durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft erlitten. Anne hatte hohe Ambitionen: Sie wollte, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute, Journalistin werden «und später eine berühmte Schriftstellerin».
Fünf Tage bevor Anne jenes folgenreiche Geburtstagsgeschenk bekam, hatte Prinzessin Elizabeth ihre eigenen Hoffnungen und Ängste einer Freundin anvertraut, Alathea Fitzalan-Howard, die sie in ihrem Tagebuch festhielt: «Sie fragt sich, sagte sie, ob sie jemals heiraten wird, und ich versicherte ihr, dass sie das bestimmt tun wird, und sie sagte, wenn sie einen wirklich heiraten wollte, dann würde sie auch von zu Hause weglaufen, aber ich bin mir eigentlich sicher, dass sie das nicht tun würde – ihr Pflichtgefühl ist zu stark, wenn auch ein einfacheres Leben besser zu ihr passen würde.» Und dann fügte die zweieinhalb Jahre ältere Alathea noch hinzu: «Heute Abend habe ich eine ganz neue Lilibet kennengelernt: Ich habe hinter ihre äußerliche Ruhe und Nüchternheit geblickt, wo etwas ganz Liebenswertes, Aufrichtiges sichtbar wird.»
Am 6. Juli 1942, etwa einen Monat nachdem Anne ihr Tagebuch begonnen hatte, musste die Familie Frank – neben Anne ihre ältere Schwester Margot und die Eltern – in einem Versteck vor den Nazis untertauchen. Für die nächsten zwei Jahre und 30 Tage sollten sie auf dem Hinterhaus-Dachboden der Prinsengracht 263 im Stadtzentrum von Amsterdam verborgen bleiben, durften keinesfalls auf die Straße gehen, ja noch nicht mal aus dem Fenster schauen, aus Angst vor Entdeckung.
Anne machte sich sofort daran, das Zimmer, das sie nun mit Margot teilte, ein wenig zu verschönern. «Dank Vater, der meine ganze Postkarten- und Filmstarsammlung schon vorher mitgenommen hatte, habe ich mit Leimtopf und Pinsel die ganze Wand bestrichen und aus dem Zimmer ein einziges Bild gemacht. Es sieht viel fröhlicher aus.» Unter den Bildern, die Anne an ihre Wand klebte, waren auch zwei kleine Schwarzweißfotografien der Prinzessinnen Elizabeth und Margaret. Sie waren Symbole der Hoffnung: Großbritannien war frei, und frei waren auch die kleinen Prinzessinnen.
«Gestern wurde, wie du vermutlich gemerkt hast, unser ‹Führer› 55 Jahre alt. Heute ist der 18. Geburtstag Ihrer Königlichen Hoheit, der Kronprinzessin Elisabeth von York», schrieb Anne am 21. April 1944 in ihr Tagebuch, da hatte sie schon fast zwei Jahre im Versteck gelebt. «Im BBC wurde durchgegeben, dass sie noch nicht für volljährig erklärt worden ist, wie es bei Prinzessinnen sonst der Fall ist. Wir haben uns schon gefragt, mit welchem Prinzen diese Schönheit mal verheiratet wird, konnten jedoch keinen geeigneten finden. Vielleicht kann ihre Schwester, Prinzessin Margaret Rose, den Kronprinzen Baudouin von Belgien bekommen.»
Im restlichen Tagebucheintrag von diesem Datum beschreibt Anne detailliert den Verlauf des Halswehs, das sie plagt: «aber weil ich mich schon am ersten Tag langweilte und kein Fieber hatte, bin ich heute wieder aufgestanden». Außerdem hat man ihrer Familie wohl etwas von ihrem kostbaren Kartoffelmehl gestohlen. Und Anne will sich bei einer Zeitung erkundigen, «ob sie ein Märchen von mir annehmen wollen, natürlich unter Pseudonym».
Sie heftete eine alte Schullandkarte an die Wand. Die Wendung zum Besseren war abzusehen: Jeden Abend hörte Anne im Radio die BBC-Nachrichten und trug den alliierten Vormarsch auf ihrer Karte ein. Am 21. Juli 1944, nach dem Attentat auf Hitler, schrieb sie in ihr Tagebuch: «Nun werde ich hoffnungsvoll, nun endlich geht es gut. Ja, wirklich, es geht gut! Tolle Berichte!»
Zwei Wochen später, am Morgen des 4. August 1944, wurde das Versteck der Familie Frank zum Ziel einer Polizeirazzia. Mit vorgehaltener Waffe wurden die Familienmitglieder abgeführt. Der Anführer des Polizeikommandos nahm Otto Franks Aktentasche, sah, dass ein Buch darin lag, und warf es auf den Boden, um Platz zu schaffen für die kleine Menge an Wertsachen und Geld, die er in den Räumen unter dem Dach gefunden hatte. Dieses achtlos weggeworfene Buch war das Tagebuch der Anne Frank.
Beim Gang hinunter durchs Treppenhaus hatte Otto Frank noch die leise Hoffnung, dass das Schicksal sie vielleicht doch verschonen würde. Aber es sollte anders kommen. Mit dem allerletzten Zug nach Auschwitz wurde die Familie in Viehwaggons aus den Niederlanden deportiert. Im November 1944 brachten die Deutschen Anne und ihre Schwester Margot vom Vernichtungslager Auschwitz ins KZ Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. Dort starb Margot im Februar oder Anfang März 1945; Anne starb am Tag nach ihrer Schwester. Eine Mitgefangene, Janny Brandes-Brilleslijper, hat später von Anne Franks qualvollem Tod berichtet. Trotz der Kälte hatte sie sich die Kleider vom Leib gerissen, weil sie die Läuse und Flöhe nicht mehr ertragen konnte, und trug nur noch eine zerlumpte Decke. Sie wusste, dass ihre Schwester und ihre Mutter tot waren, und ging davon aus, dass es ihrem Vater nicht besser ergangen war. So stand sie einfach da, mit deutlichen Anzeichen des Fleckfieberdeliriums. «Das war nicht dieselbe Anne, die ich gekannt habe», berichtete die Freundin. «Sie war ein gebrochenes Mädchen.»
30 Jahre später, 1974, erfuhr Königin Elizabeth II., dass Anne Frank Fotos von ihr und ihrer Schwester an die Wand ihres Zimmers geklebt hatte. Die Queen schrieb einen Brief an den Vater Otto Frank, den einzigen Überlebenden der Familie, und äußerte darin die Hoffnung, dass «womöglich diese Fotografie ein kleines bisschen Freude in das Leben Ihrer Tochter gebracht hat in jener schrecklichen Zeit».
Am 26. Juni 2015 besuchte die 89-jährige Queen die Gedenkstätte Bergen-Belsen, etwa 60 Kilometer nördlich von Hannover. Anlass war der 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Soldaten. Zuerst traf die Queen eine kleine Gruppe von Überlebenden und Veteranen. Dann ging sie zu dem Grabstein, der für Margot Frank (1926–1945) und Anne Frank (1929–1945) gesetzt worden war, und neigte den Kopf im stillen Gedenken.
Was sahen die Leute, wenn sie die Queen leibhaftig vor sich sahen?
In gewisser Hinsicht liegt die Antwort nahe: Sie sahen die lebendige Verkörperung eines Gesichts, das sie – oft, ohne es überhaupt zu bemerken – an fast jedem Tag ihres Lebens irgendwo präsentiert bekommen hatten: im Fernsehen, auf Münzen, Postkarten und Souvenirs, in Zeitungen und Büchern und Zeitschriften, auf Websites und an Wänden, in Gemäldegalerien und auf Briefmarken.
Fragt man diejenigen, die der Queen tatsächlich einmal persönlich vorgestellt wurden, dann beschreiben sie das Erlebnis als geradezu schwindelerregend. Selbst wenn sie diese Frau noch nie zuvor «in echt» gesehen hatten, war das Gesicht der Queen ihnen oft vertrauter als ihr eigenes: vertraut im Profil, vertraut von vorn, vertraut von oben und von unten. Sie hatten dieses Gesicht schon in der Wiedergabe zahlloser Künstler und Fotografen gesehen. Und verknüpft mit dieser Erinnerung waren Erinnerungen an die Zeit vor 10, 20, 40, 80 oder gar vor 90 Jahren; sie hatten die Queen noch als Mädchen und als kleines Kind vor Augen. Das Gesicht dieser Frau ist das vertrauteste, das meistfotografierte Gesicht in der Geschichte der Menschheit. Ein paar wenige Tyrannen und Prominente mögen zu bestimmten Zeiten ähnlich oft geknipst worden sein – der «Große Vorsitzende» Mao Tse-tung zum Beispiel, die Beatles, Prinzessin Diana oder Donald Trump –, aber keiner von ihnen derart häufig über ein ganzes Leben hinweg – im Fall der Queen immerhin fast 100 Jahre. Adolf Hitler, um auch ihn zu nennen, war schon ein Mann mittleren Alters, als sein Gesicht weltweite Bekanntheit erlangte: ab etwa Mitte 40 bis zu seinem Tod mit 56. Die Beatles waren immerhin knapp 20 oder wenig darüber, als ihre Gesichter die Plattenhüllen und Starschnitte dieser Welt eroberten. «Lady Di» war während 17 ihrer 36 Lebensjahre eine Berühmtheit: von der Jahresmitte 1980 bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1997. Mahatma Gandhi war Ende 40, als sein Gesicht um die Welt ging.
Wenn man die Queen persönlich traf, konnte einem also durchaus schwindlig oder flau im Magen werden, als ob ein liebgewonnenes Familienporträt, ein Ölgemälde vielleicht, das seit Generationen weitervererbt wurde und einem selbst von Kindesbeinen an vertraut ist, urplötzlich zum Leben erweckt würde. Für die meisten Menschen war das eine stark beunruhigende, oft sogar beängstigende Erfahrung. 2005 war die Queen als Ehrengast bei der Eröffnung der großen Stubbs-Ausstellung in der Londoner National Gallery.[1] «Irgendein Schlaukopf hatte sich ausgerechnet, dass wir mit [dem Pferdethema] die größten Chancen haben würden, die Queen in unser Museum zu bekommen», erinnert sich Nicola Shulman, die damals dem Stiftungsrat des Museums angehörte. «Und das war goldrichtig, sie kam tatsächlich. Es war eine relativ kleine Veranstaltung, und wir anderen mussten uns vorher an Ort und Stelle versammeln. Das ist wohl eine Peinlichkeit, die der Queen in ihrem Leben erspart geblieben ist: dass man bei einer Party der Erste ist und sonst ist noch keiner da. Jedenfalls konnten sich Prinz Philip und sie ganz ungestört die Ausstellung anschauen, während wir draußen warteten, bei den Ständern mit den Postkarten. Irgendwann kam jemand und hat uns in Grüppchen von vier oder fünf Personen eingeteilt, die dann mit ein paar Schritten Abstand voneinander Aufstellung nahmen – ein Archipel der Peinlichkeit! Dabei kann man sich ja vorstellen, welche Art Leute da versammelt waren – nicht gerade unbeleckte Grünschnäbel. Da waren führende Industrielle, hochrangige Diplomaten, Vorstandsvorsitzende von großen Unternehmen, berühmte Architekten und so weiter. Und dennoch: Als sie auf uns zukam, hat man regelrecht gemerkt, wie eine Welle der Furcht durch die Versammlung ging. Wir waren mucksmäuschenstill vor Angst – wie Flugzeugpassagiere, wenn ein Triebwerk brennt. Und als sie dann das Grüppchen zu unserer Rechten verließ und näher kam, traten die Leute in meiner Gruppe alle einen schnellen Schritt zurück und blickten angestrengt zu Boden, als ob es dort etwas ganz besonders Interessantes zu sehen gäbe! Damit war ich – die Einzige, die an ihrem Platz geblieben war – zugleich die Einzige, die mit der Queen sprechen konnte. Weil die anderen sich alle hastig zurückgezogen hatten, sah es so aus, als hätte ich mich absichtlich in den Vordergrund gedrängt, nur um mit ihr sprechen zu können.»
Sie war das, was wir aus ihr gemacht haben. Die amerikanische First Lady Michelle Obama traf die Queen erstmals 2009 bei einem Besuch im Buckingham Palace. «Bei meinem ersten Zusammentreffen mit der Queen musste ich erst einmal meinen Kopf ausschalten, um mich nicht von der unwirklichen Szenerie einschüchtern zu lassen und die Ehrfurcht zu überwinden, die mich befallen hatte, weil ich einer echten Ikone gegenübersaß. Ich hatte das Gesicht der Queen schon Dutzende Male gesehen, in Geschichtsbüchern, im Fernsehen, auf Geldscheinen – und nun saß sie höchstpersönlich vor mir, schaute mich an und stellte mir Fragen.»
Ein Freund von mir, ein Zeitschriftenredakteur, wurde einmal zu einem der «informellen» Lunches eingeladen, die die Queen in gewissen Abständen für verdiente Personen aus verschiedenen Schichten und Tätigkeitsfeldern gibt. Als er hineingeführt wurde, fragte ihn ein höherer Mitarbeiter des Hofes, ob er nicht vielleicht vorher noch einmal aufs Klo gehen wolle. Verdutzt lehnte mein Freund ab und meinte, das sei nicht nötig – aber der Hofbeamte blieb bei seinem Rat: Es sei wirklich besser, in dieser Hinsicht auf Nummer sicher zu gehen; ein- oder zweimal hätten nämlich Gäste, als sie der Queen vorgestellt wurden, «ein Missgeschick erlitten».
Auch der Schriftsteller Kingsley Amis, der für seinen beißenden Humor bekannt war, war 1975 zu einem solchen Essen eingeladen. «Tage vorher hat er sich schon verrückt gemacht aus Angst vor Überraschungsfürzen oder einem Rülpser, der nicht drinbleiben will – strengste Diät: keine Bohnen, keine Zwiebeln!», lästerte Robert Conquest, einer von Amis’ ältesten Freunden, gegenüber einem anderen Mitglied ihrer Clique, dem Dichter Philip Larkin. 15 Jahre später gab es dann erneut Anlass zur Sorge: Vor dem Besuch im Buckingham Palace, bei dem Amis von der Queen für seine Verdienste um die Literatur zum Ritter geschlagen werden sollte, steigerte der Autor sich derart in die Vorstellung hinein, er könnte sich vor der Queen in die Hosen scheißen, dass er sich «von seinem Arzt mit Omidium[2] vollpumpen ließ», wie sein Sohn und Schriftstellerkollege Martin Amis sich ausdrückte, «und hinterher gab es einige Zweifel, ob er jemals wieder auf die Toilette gehen würde».
Ein anderer bedeutender Literat – kultiviert, vornehm, vage antimonarchistisch gesinnt – nahm die Einladung zu einem solchen informellen Lunch bei der Queen mit der ihm eigenen, weltgewandten Mischung aus Neugier und Herablassung an. Im Laufe seines Lebens hatte er die Dietrich getroffen, Jackie Kennedy und Dame Rebecca West … warum in Herrgotts Namen sollte er eine Begegnung mit der Queen anders angehen? Doch in dem Augenblick, in dem Ihre Majestät den Raum betrat, war es um ihn geschehen, und seine Knie wurden weich. «Plötzlich ging es mir körperlich schlecht, ich fühlte mich krank. Meine Beine waren weich wie Wachs, mir schwamm der Kopf – gähnende Leere, wie wenn einer seinen Text vergessen hat. ‹Sie schreiben also über So-und-so?›, fragte die Queen. Ich hatte keine Ahnung mehr, worüber ich gerade schrieb, ja ich wusste noch nicht einmal, ob ich überhaupt ein Buch in Arbeit hatte. ‹Wie hübsch diese Brosche ist, die Sie da tragen, Ma’am!›, war das Einzige, was mir einfiel. Dabei trug sie überhaupt keine Brosche, wenn ich mich recht entsinne. Wahrscheinlich war sie diese Art von Idiotie bereits gewohnt; jedenfalls ging sie auf mein Plappern gar nicht ein … So hatte ich mich noch nie gefühlt – und hoffentlich werde ich mich auch nie wieder so fühlen. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass meine Reaktion auf die Queen so ausfallen könnte.»
Vielleicht ähnelte sie eher einem Spiegel als einem Gemälde: Da ihr Innenleben vor der Wahrnehmung der Öffentlichkeit abgeschirmt war und sie im Gespräch mit ihrem Gegenüber immer nur fragte, nie selbst antwortete – so verlangte es das Protokoll –, verwandelte sie sich in genau das: einen menschlichen Spiegel, der selbst das Licht des Ruhmes, das ihre mitunter illustren Gesprächspartner ausstrahlen mochten, reflektierte und wieder auf diese zurückwarf. Optimisten schien sie eine Optimistin zu sein; Pessimisten erschien sie als Pessimistin. Ihren Vertrauten erschien sie zutraulich, Außenstehenden eher kühl-distanziert. Zyniker fanden sie fantasielos und ehrfürchtige Royalisten charismatisch. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow, der bei einem Bankett im Buckingham Palace 1956 ihr Tischherr war, gewann den Eindruck, die Queen sei «die Art von junger Frau, wie man ihr auch an einem milden Sommernachmittag beim Spaziergang auf der Gorkistraße begegnen könnte».
Manchmal erblickten ihre Gesprächspartner im Spiegel der Queen aber auch nicht sich selbst, sondern eine nahe Verwandte: die eigene Mutter, eine Schwester, Tante oder Großmutter. Als die streitbare australische Feministin (und bekennende Antimonarchistin) Germaine Greer einmal über einen Zeitungsartikel stolperte, in dem die glanzlosen Alltagsgewohnheiten der Queen beschrieben waren, musste sie unwillkürlich an ihre Mutter denken, und die beiden Frauen verschmolzen vor ihrem inneren Auge: «Ihre Majestät isst vor dem Fernseher, und sie isst offenbar fünf Mal am Tag, wie eine alte Dame in einem Altenheim. Und ganz wie eine alte Dame in einem Altenheim bekommt sie ihr Essen zwar zu einer bestimmten Zeit, aber oft isst sie es gar nicht … Die Queen schaut EastEnders und The Bill, dabei könnte sie doch wirklich aus einer großen Fülle wählen. Aber das will sie gar nicht – genau wie meine Mutter im Altenheim.»[3]
Wenn Leute über sie sprachen, sprachen sie letztlich von sich selbst, und wenn sie von ihr träumten, dann träumten sie von sich selbst. Die Queen war wie ein Fenster, durch das man die Hoffnungen und Ängste ihrer Untertanen in den Blick nehmen konnte. «Prinzessin Elisabeth & Philip wieder in der Stadt und heute Abend auf der anderen Straßenseite. Verkehrsstau & alle wütend & verwirrt», notierte die junge Thriller-Autorin Patricia Highsmith, der Wut und Verwirrung wahrlich nicht fremd waren, am 19. April 1951 in Rom in ihrem Tagebuch.
Wie durch Zauberei schienen die Worte der Queen sich in Luft aufzulösen, sobald die Begegnung mit ihr beendet war. Viele ihrer Gesprächspartner konnten sich hinterher nur noch daran erinnern, was sie selbst gesagt, wie sie selbst sich verhalten hatten: Alles, was die Queen zur Unterhaltung beigetragen hatte, war verflogen und hatte ihre Untertanen mit Erinnerungen zurückgelassen, in denen sie selbst die einzige Hauptrolle spielten. Ein Angehöriger des Palastpersonals machte sich einen Spaß daraus, die Unterhaltungen jener Leute zu belauschen, die kurz zuvor von der Queen eine Ehrung erhalten hatten. «Sie waren dem Anlass entsprechend gekleidet, im festlichen Anzug, und ihre Ehefrauen oder sonstige Verwandtschaft warteten schon auf sie. Die erste Frage war dann immer: ‹Was hat sie zu dir gesagt?›, und die Antwort lautete meist: ‹Weiß ich nicht mehr.› Das hat mich einfach fasziniert, dass die Leute in ihrer Gegenwart immer wie vom Donner gerührt waren … Wer der Queen vorgestellt wird, ist in der Regel derart beschäftigt damit, ihre ganze Erscheinung auf sich wirken zu lassen, oft auch so gebannt von ihren wirklich schönen Augen, dass jeder andere Gedanke einfach aus dem Kopf verschwindet.» Die britischen Premierminister haben, einer nach dem anderen, in ihren Memoiren von den wöchentlichen Treffen mit der Queen berichtet. Aber selbst wenn hier manches aus Gründen der Diskretion und Geheimhaltung verschwiegen werden muss, fällt auf, dass sich die meisten Premiers kaum noch daran erinnern können, was die Queen bei diesen Anlässen gesagt hat. Fast meint man, sie wäre eine Fata Morgana.
«Sie ist die einzige Person in diesem Land, mit der ich über alles reden kann, denn sie hat es nicht auf meinen Job abgesehen», meinte der immer vorsichtige Premierminister Harold Wilson mit Blick auf die Queen. Seine Gattin Mary, eine stillere, privatere Persönlichkeit, hat über Stille und Privatsphäre im Leben der Queen einmal gedichtet:
Walking free upon her own estateStill, in her solitude, she is the Queen.
Im freien Schritt auf eignem Grund sie geht, Doch selbst in Einsamkeit: Sie ist die Queen.
Nachdem der amerikanische Präsident Ronald Reagan und seine Frau Nancy 1983 in den Genuss eines Abendessens mit Übernachtung auf der königlichen Jacht Britannia gekommen waren, war die First Lady überzeugt, dass sie und die Queen einander glichen wie ein Ei dem anderen: «Es waren nicht die Queen und die First Lady, die sich da unterhielten, sondern zwei Mütter und Ehefrauen, die über ihr Leben plauderten, vor allem über unsere Kinder», erinnerte Nancy Reagan sich später. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass die Queen mit der eher spröden First Lady herzerwärmende Geschichten über Prinz Andrew oder Prinzessin Anne ausgetauscht haben soll. Wahrscheinlicher ist es, dass Mrs. Reagan die Führung übernahm und Ihre Majestät dann ein höfliches Interesse bekundete («Ach, wirklich?»).
Das muss man sich in etwa so vorstellen, wie wenn man zum Spaß einen Ball gegen eine Wand wirft: Die aktive Gesprächspartnerin wirft den Ball und fängt ihn wieder. Aufgabe der Wand ist es, hübsch und solide stillzuhalten, damit der Ball ordentlich zurückspringen kann.
«Die Queen, die in Bills Nähe saß, trug ein prächtiges Diamantdiadem, das funkelte, wenn sie nickte und über Bills Geschichten lachte», erinnert sich Hillary Clinton in ihren Memoiren an den Staatsbesuch des US-Präsidentenpaares im Buckingham Palace. In gewissem Sinne bestanden genau hierin Talent und Daseinszweck der Queen: im Funkeln und Strahlen.
1 George Stubbs (1724–1806) gilt als der bedeutendste Maler von Pferden, der je gelebt hat – auch wenn er das wahrscheinlich nicht gern über sich lesen würde: «Man sagt, dass nichts den großen Maler Stubbs so reizt/und er geradezu im Zorn entbrennt,/wenn man ihn ‹Pferdemaler› nennt», dichtete einer seiner Zeitgenossen, der Satiriker «Peter Pindar» (bürgerlich John Wolcot).
2 Amis meint hier bestimmt Imodium, das verbreitete Medikament gegen Durchfall.
3 Germaine Greer hat ihre Mutter Peggy als eine labile, unduldsame Frau geschildert, die einmal in einem Tobsuchtsanfall das Stromkabel des Toasters aus der Steckdose riss, um ihre Tochter damit zu schlagen. Aus den Residenzen der britischen Krone sind jedoch keine Toasterschäden bekannt geworden.
Etwas getrunken und fertiggemacht, dann Abfahrt zum Buckingham Palace. Ein sensationeller Abend. Der herrlichste Anblick, den ich je gesehen habe. Alle sahen so glanzvoll und glücklich aus, da ist etwas, das sich nicht zerstören lässt. Jeder erdenkliche Gast war da … König und Königin waren reizend wie eh und je. Sprach auch mit Philip und Prinzessin Elizabeth, die förmlich strahlte.
Noël Coward, 18. November 1947
Nach vielen Fehlalarmen plötzlich Stille; dann, als das königliche Paar unseren niedrigen Esssaal … betrat, brachen wir alle in Hochrufe aus. Die Queen sah ruhig und strahlend aus in einem irisch-grünen Prinzesslinienmantel mit Hut … Ich muss sagen, das königliche Paar ist außerordentlich liebenswürdig und attraktiv, sie haben so etwas Strahlendes, das mir gefällt … Ich habe nur ein paar Meter von dem gutaussehenden, scherzenden Herzog entfernt gestanden, während die Queen leise strahlte.
Sylvia Plath über den Besuch des Königspaares im Newnham College der Universität Cambridge, 24. Oktober 1955
Und bei der Royal Film Performance wurde ich auch der strahlenden jungen Königin vorgestellt. Elizabeth II. ist wirklich «Ihre Graziöseste Majestät» …
Cecil B. DeMille anlässlich einer Vorführung seines Films Die Zehn Gebote im Rahmen einer königlichen Wohltätigkeitsgala 1956
Gerry Wellington sagte mir, wie sehr ihn die enorme Ausstrahlung der Queen bei der Parlamentseröffnung heute Morgen beeindruckt habe – ihre hübschen Zähne, Haare, Augen, und diese unglaubliche Haut. Nimmt man dann noch die wunderbare Stimme dazu und die Romantik, die das alles umgibt, so ergibt sich ein zutiefst bewegender Effekt.
Harold Nicolson, 4. November 1952
Sie gibt sich insgesamt recht ernst und lächelt auch nicht viel; tut sie es dann doch, so ist es ein herrliches, strahlendes Lächeln.
Cynthia Gladwyn anlässlich des Staatsbesuchs der Queen in Paris, 14. April 1957
In dem weichen Licht, das ihr ein fast glühendes Aussehen gab, sah sie absolut blendend aus. Ihre Augen blitzten wie Kristall, die Zähne funkelten, mit einem strahlenden Lächeln.
Cecil Beaton nach einer Soirée auf Windsor Castle, 11. April 1972
Im Festsaal entdeckte ich einige bekannte Gesichter. Ich begrüßte Roger Daltrey und hielt ein kleines Pläuschchen mit Brian May. Einer der Jungs von Status Quo war ebenfalls da … Es war wirklich ein Mordsspaß. Dann plötzlich erschien die Queen am anderen Ende des Raumes. Dieses zierliche Persönchen, vielleicht gerade mal einen Meter fünfzig groß, hatte eine unfassbare Präsenz! Es ist schwer zu beschreiben – sie strahlt eben einfach etwas Majestätisches aus.
Rob Halford, Sänger von Judas Priest, über einen Empfang für Persönlichkeiten aus der Musikbranche im Buckingham Palace 2005
Die Queen hört nicht auf zu schrumpfen und ist inzwischen eine winzige, aber stets lächelnde alte Dame, die heute förmlich strahlte.
Sir Roy Strong, Westminster Abbey, März 2015
Liz Truss ist nach Balmoral geflogen, um von der Queen, die strahlt wie immer, aber sehr gebrechlich wirkt, offiziell zur neuen Premierministerin ernannt zu werden.
Chris Mullin, früherer Minister der Labour Party, 6. September 2022
Die erste Biografie von Prinzessin Elizabeth erschien im November 1930, da war sie vier Jahre alt.
Die Geschichte von Prinzessin Elizabeth Erzählt mit der Zustimmung ihrer Eltern von Anne Ring, vormals Bedienstete im Haushalt Ihrer Königlichen Hoheit der Herzogin von York Mit 32 Photogravüren
Wie in so vielen Biografien, die über sie geschrieben wurden, hat man auch in diesem frühesten Beispiel den Eindruck, dass die kleine Prinzessin etwas Göttliches an sich hatte.
«Sie ist das berühmteste Wickelkind der Welt, und wie herrlich ist der Gedanke, dass sie selbst das gar nicht weiß!», heißt es eingangs. Und eines ist dieses berühmte Kind außerdem noch: immer artig. «Manchmal hat sie natürlich auch ein wenig geweint …, aber häufiger hat sie gelächelt, was den Eindruck hervorrief – welchen seither auch nichts getrübt hat –, dass es sich wirklich um ein bezauberndes und äußerst braves Kindlein handelt.»
The Story of Princess Elizabeth enthält Augenzeugenberichte von einigen, die das große Glück hatten, einen Blick auf den außerordentlichen Säugling erhaschen zu dürfen: «Ein Bewunderer von Prinzessin Elizabeth, der sie im Alter von sechs oder sieben Wochen gesehen hat, schrieb hinterher über dieses Erlebnis: ‹Man brachte uns gleich nach oben in die Kinderstube im obersten Stockwerk … Sie ist ein ganz reizendes Kind, mit so zarten Gliedmaßen, und mir scheint, sie dürfte einmal hoch aufschießen. Sie hat große blaue Augen und winzige Öhrchen, die eng am Kopfe anliegen, und die weißeste Haut von der Welt. Die Amme sagt, sie sei immer brav.›»
Dieses Baby «wurde von Tag zu Tag hübscher und hatte auch mehr als genug Bewunderer, die ihm dies sagten. Schon war Prinzessin Elizabeth ganz erfüllt von einem Gefühl des Wohlbefindens, von Geborgenheit und einem heiteren Mut.» Und all das, wohlgemerkt, noch vor ihrem ersten Geburtstag.
Die kleine Prinzessin war gerade acht Monate alt, da gingen ihre Eltern auf eine lange Auslandsreise. Das Baby ließen sie in der Obhut einer Zofe seiner Mutter zurück, die in dem Buch als «Frau von absolut sklavischer Ergebenheit» beschrieben wird. Jeden Nachmittag trug man die Prinzessin aus dem Obergeschoss hinunter zu ihren Großeltern, König George V. und Königin Mary, «und auf das Erscheinen des Persönchens im weißen Kleid mit Fransenschärpe erging stets der freudige Ruf der Königin: ‹Da kommt ja das Bambino!›»
Sechs Monate später kehrten die Eltern des «Bambino» nach England zurück, «reich beladen mit Kostbarkeiten für die Prinzessin. Da gab es singende Kanarienvögel und sprechende Papageien, Puppen und Bilderbücher, Schnitzereien von Eingeborenen und Kästchen aus exotischen Hölzern, ein ganzes Kuriositätenkabinett, das ein einziges Kinderzimmer wohl gar nicht fassen könnte». Aber zum Glück «ist die Mutter der Prinzessin eine weise Frau; niemand weiß besser als die Herzogin von York, deren eigene Kindheit trotz aller Schlichtheit so glücklich war, dass die Freude und Zufriedenheit eines Kindes weder von der Anzahl seiner Spielsachen abhängt noch von deren Preis, weshalb sie nicht zulässt, dass die Prinzessin von einer Überfülle an Spielzeug irritiert wird».
Und so immer weiter. Auch die inzwischen vierjährige Prinzessin wird von Tag zu Tag perfekter, in jeder Hinsicht: «Wenn die Amme von Prinzessin Elizabeth in einen der Salons hinunterkommt und zu ihr mit leiser Stimme spricht: ‹Ich glaube, nun ist Schlafenszeit, Elizabeth›, so gibt es kein Schmollen und kein Sträuben, nur ein paar letzte Freudenhüpfer und improvisierte Tanzschritte, noch ein allerletztes Lachen über die köstlichen Bettgeh-Späße ihrer lieben Mutter, und schon gleitet die kleine Hand der Prinzessin in die ihrer Amme und vergnügt schreiten beide über den üppig-braunen Flor der Flurteppiche zu dem wartenden Fahrstuhl hinüber, der sie im Handumdrehen in jenes innig vertraute Reich emporträgt, das ihr gemeinsames Eigen ist.»
Wie jedes Kind liebt sie es zu spielen. Im schottischen Glamis Castle, wo ihre Mutter aufgewachsen ist, planscht sie besonders gern in einem kleinen Bach herum. «Die Prinzessin, die auf einem grünlichgrauen Stein hockt wie ein Waldkobold oder eine Bachstelze und schelmisch zu ihrer Mutter aufschaut, erbebt vor Entzücken, wenn die Sohlen ihrer kühnen Füßchen erstmals in das köstlich kühle Wasser eintauchen.»
Ist sie jemals ungezogen? Kaum. In dem seltenen Fall, dass die Prinzessin doch einmal über die Stränge schlägt, lernt sie daraus. «Wie alle Kinder, so gebraucht auch Prinzessin Elizabeth mitunter einen überraschenden Ausdruck oder eine Redensart, die sie irgendwo aufgeschnappt hat. ‹Jesses!›, stieß sie eines Tages in Hörweite ihrer Mutter hervor, und man sagte ihr sogleich, dass dies nicht schicklich sei und keinesfalls wiederholt werden dürfe. Das ‹Jesses› hat die Prinzessin deshalb seit jenem Tage von ihren Lippen verbannt, aber ach!, die Erwachsenen sind leider nicht alle so bedacht, und so geschieht es bisweilen, dass Prinzessin Elizabeth mit anhört, wie eine erwachsene Person – die es ja eigentlich besser wissen sollte – ausruft: ‹Jesses!›, und dann reißt sie ihre kleinen Arme in einer Geste gespielter Verblüffung empor und presst die Händchen fest auf den Mund, dass man ihr das schalkhafte Lachen nur mehr an den blauen Augen ablesen kann.»
Selbst bei einer sehr unternehmungslustigen Vierjährigen braucht man wohl etwas Füllmaterial, will man eine halbwegs umfangreiche Biografie veröffentlichen. Anne Ring stellt sich dieser Herausforderung, und sie meistert sie mit Bravour, legt die Worthülsen schichtweise um ihren Gegenstand, bis ein feines Gespinst aus zartestem Säuseln entsteht. «Zu jedem ihrer Geburtstage hat Prinzessin Elizabeth Grußbriefe aus fast jedem Winkel dieser Erde erhalten. Zumeist stammen diese von Kindern, wie sie selbst eines ist, ihren jüngsten Bewunderern: von den kleinen Mamies und Maisies, die ihr aus den großen Städten oder von den Farmen und Prärien Amerikas schreiben, um von ihren Puppen und ihren liebsten Schleckereien zu berichten und die Prinzessin hoffnungsfroh um eine Fotografie zu bitten, bis hin zu jungen britischen Pionieren, in deren Knabenherzen erste romantische Regungen erwacht sind, weshalb sie nun in ausladenden Rundschriftzügen aus der Wildnis des australischen Busches schreiben und ihren Briefen nicht selten den Samen einer fremdartigen Pflanze beilegen, einen gepressten Akazienzweig oder die schwarz-purpurne Blüte der dort heimischen Korallenraute mit ihrem süßen Duft …»
Und wie so viele Biografinnen und Biografen des britischen Königshauses, damals wie heute, füllt Anne Ring Seite um Seite, die auch gut anders hätte verwendet werden können, mit der Beschreibung von Kleidern, weiteren Kleidern und noch mehr Kleidern: «Jeder Versuch, den frühen Lebensweg einer Prinzessin nachzuzeichnen, würde wohl als hoffnungslos unzureichend betrachtet werden, wenn ihre Kleider darin keinerlei Erwähnung fänden. Ganz bestimmt wird der Tag kommen, an dem Prinzessin Elizabeth erstmals das empfindet, was jede Frau kennt: das herrliche Gefühl, einen neuen Hut anzuprobieren oder auf dem Bett in einem behaglich geheizten Schlafzimmer ein hauchzartes Ballkleid vorzufinden, samt den dazu passenden silberfarbenen Schuhen, die nur darauf warten, dass man hineinschlüpft.»
Ob damals wirklich jede Frau dieses «herrliche Gefühl» gekannt hat? Oder durften sich Anne Rings Leserinnen geschmeichelt fühlen, weil die Autorin ihnen einen nicht unerheblichen Wohlstand unterstellte?
Tatsächlich hieß Anne Ring gar nicht so: Der Name war das Pseudonym von Beryl Poignand (1887–1965), die zur Zeit des Ersten Weltkriegs die Gouvernante von Elizabeth Bowes-Lyon, der Mutter der Prinzessin, gewesen war.
Der offizielle Biograf der späteren Queen Mum beschreibt Poignand als «eine Freundin, beinahe eine Mitverschwörerin, während Elizabeths ganzer Jugendzeit, und auch später eine wichtige Vertraute». Tatsächlich scheint das Verhältnis zwischen Poignand und ihrem aufgeweckten jungen Schützling ungewöhnlich vertraut gewesen zu sein und sollte noch über Jahrzehnte so bleiben. Ende 1915 war die spätere Königinmutter 15 Jahre alt – und inzwischen dazu übergegangen, ihre Erzieherin in Briefen als «Mein lieber Knallkopf!» anzusprechen, was für einen ziemlich hohen Grad an Ungezwungenheit spricht. Allen anderen gegenüber behielt Elizabeth Bowes-Lyon ihren zuckersüßen Charme bei, aber bei Poignand konnte sie sich über die heimlichen Frustrationen und Enttäuschungen ihres Teenager-Daseins auslassen.
Im Jahr 1916 legte Elizabeth Bowes-Lyon, ein Backfisch von 16 Jahren, den weiten Weg bis nach Hackney[1] im Londoner East End zurück, wo sie Prüfungen in Zeichnen, englischer Literatur, Geografie und Rechnen ablegen sollte. Sie fiel in allen Fächern durch. Ihre Reaktion auf diesen herben Rückschlag hätte beinahe aus der Feder eines nahezu gleichaltrigen Amerikaners stammen können – Ernest Hemingway, der auch ein Freund klarer Worte war: «Ich sage nur: ZUR HÖLLE MIT DER PRÜFUNG!!», schrieb die jüngste Tochter des 14. Earl of Strathmore and Kinghorne an ihre Gouvernante. «Herr im Himmel! Und dafür ist man jetzt bis in dieses, ähm, Örtchen Hackney gepilgert? Wozu sollte das gut sein? Für nichts und wieder nichts, sage ich dir! Ich koche vor Wut, wenn ich an dieses grässliche Zeug nur denke, das sie uns dort aufgetischt haben – Tapioka! Ganz umsonst gegessen??! Ach, verdammt … Ja, ich bin sehr enttäuscht …»
1918 war sie dann schon eine junge Dame mit Verehrern im Überfluss, die natürlich allesamt in den besten Kreisen verkehrten. «Du bist meine beste Freundin und Ratgeberin», schrieb sie an Poignand. Im März berichtete sie ihr von einem Ball: «Wie üblich habe ich den ersten Tanz mit P. W. [dem Prince of Wales] getanzt, ich weiß nicht warum, aber meist mache ich das so!» Nach dem Ersten Weltkrieg bekam die quirlige Elizabeth etliche Heiratsanträge von Soldaten, die auf Glamis Castle einquartiert worden waren. Unter diesen war auch ein Hauptmann namens Glass. «Am Donnerstag ist was Furchtbares passiert», schrieb Elizabeth an Poignand. «H. G…s hat um meine Hand angehalten!! Ach, Himmel, ich wusste mir kaum zu helfen, war das nicht schauderhaft?» Im Juli 1920 berichtet sie: «Ich habe mit Prinz Albert [ihrem späteren Ehemann, George VI.] getanzt, den ich vorher noch nicht gekannt hatte. Wirklich ein feiner junger Mann.»
Drei Jahre später vertraute sie ihrer alten Gouvernante ihre Vorbehalte gegenüber Prinz Albert an. «Es scheint fast, als könnte ich keinen genug mögen, um ihn zu heiraten! Ist das nicht seltsam?» Doch Prinz Albert war kein Mann, der sich einfach abweisen ließ, und bei seinem dritten Antrag zahlte seine Hartnäckigkeit sich aus. Bald wurde Elizabeth auf den königlichen Landsitz Sandringham House eingeladen. «Eine gewisse Anspannung bedeutet es schon, bei seinen künftigen Schwiegereltern auf Besuch zu sein, wer immer sie auch sein mögen», schrieb sie an Poignand, fügte aber rasch an: «Meine waren rechte Engel zu mir, das muss ich schon sagen.»
Die beiden heirateten 1923, und die Herzogin von York – wie Elizabeth sich nun nennen durfte – brachte 1926 Prinzessin Elizabeth zur Welt. Anfang 1930 erteilte die junge Mutter ihrer alten Gouvernante die Erlaubnis, eine Biografie der kleinen Prinzessin zu verfassen, die noch keine vier Jahre alt war. (Umsichtig, wie sie war, behielt sie sich jedoch die endgültige Druckfreigabe vor.) Das Endprodukt brachte es auf 127 Seiten, üppig ausgepolstert durch 32 fotografische Abbildungen. Weiß der Himmel, warum Beryl Poignand sich ausgerechnet «Anne Ring» als Pseudonym aussuchte – aber wenn man zwei «N» weglässt, ist es ein Anagramm von «Na, Gier?» …
«Verschwurbelt, aber ganz passabel», war die leicht hochnäsige Reaktion der Herzogin von York, als sie das fertige Manuskript am 1. Oktober gegengelesen hatte. «Das Einzige, was sie vielleicht streichen sollte, ist eine Bemerkung auf Seite 7 unten, wo sie schreibt, ich könnte womöglich eines Tages dieses Land regieren. Das ist einfach übertrieben, und die Worte ‹eines Tages könnte sie als Königin auf dem Thron sitzen› kann sie problemlos weglassen. Das irritiert mich immer, wenn Leute davon ausgehen, dass der Prince of Wales ohnehin nicht heiraten wird – er ist ja noch recht jung,[2] und ihm gegenüber ist das in gewisser Weise auch respektlos. Abgesehen davon ist das alles vollkommen harmlos …»
