Rembrandt - Christian Tümpel - E-Book

Rembrandt E-Book

Christian Tümpel

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Beschreibung

Rembrandt, der geniale Maler und Radierer, schlägt stets aufs Neue die Kunstliebhaber in seinen Bann. Durch seine Experimente und Entdeckungen ist er immer wieder Vorbild für viele Künstler. Diese Monographie entschlüsselt die gewagten Inszenierungen in seinen Historienbildern, Porträts und Selbstporträts. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Christian Tümpel

Rembrandt

 

 

 

Über dieses Buch

Rembrandt (1606–1669), der geniale Maler und Radierer, schlägt stets aufs Neue die Kunstliebhaber in seinen Bann. Durch seine Experimente und Entdeckungen ist er immer wieder Vorbild für viele Künstler. Diese Monographie entschlüsselt die gewagten Inszenierungen in seinen Historienbildern, Porträts und Selbstporträts.

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Vita

Christian Tümpel, 1937–2009, studierte Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte. Zweitstudienstipendium der Stiftung Volkswagenwerk. Promovierte 1968 mit einer Untersuchung über die Historien Rembrandts. 1968/69 Stipendiat am Warburg-Institut in London. 1970 Ruf an die Columbia University (New York), entschied sich jedoch für eine Tätigkeit als Pastor in Hamburg. Hier errichtete er das «kunstforum matthäus», eine Akademie für Kunst- und Kirchengeschichte. 1972 erhielt er für seine Arbeiten einen Preis der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften. 1984–2002 Lehrstuhl für Ikonographie und Ikonologie und Kunstgeschichte der Neuzeit an der Universität Nijmegen/Niederlande. Zahlreiche Veröffentlichungen in vielen Sprachen. Wissenschaftliche Konzeption und Vorbereitung von internationalen Ausstellungen.

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2019

Copyright © 1977, 2006 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten

Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier

Covergestaltung any.way, Hamburg

Coverabbildung akg-images (Selbstbildnis als Apostel Paulus, 1661. Amsterdam, Rijksmuseum)

ISBN 978-3-644-00570-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Für Egbert Haverkamp Begemann

Vorbemerkung

Je bekannter ein Künstler ist und je länger er im Brennpunkt des kulturellen Interesses steht, desto mehr Legenden ranken sich um sein Leben und sein Werk. Von Generation zu Generation werden sie weitergegeben und versperren damit den Weg zu einer neuen Auffassung. So gilt Rembrandt bei einigen immer noch als das Genie, das ganz unabhängig von der Tradition und allgemeinen Entwicklung geschaffen habe und deshalb an seinem Lebensende von den Zeitgenossen mit Ablehnung bestraft worden sei; verkannt und arm sei er gestorben. Eine geradezu verhängnisvolle Rolle spielt in der Beurteilung seiner Kunst die Fehlbewertung der für ihn zeitlebens typischen und wichtigen Helldunkel-Malerei. Manche Forscher meinen, nur dieses eine künstlerische Mittel sei ihm wichtig gewesen und habe ihn während des Schaffensprozesses das jeweilige Thema seines Bildes vergessen lassen. Deshalb findet sich in den meisten populären Veröffentlichungen die Ansicht, auch in seinem berühmtesten Bild, der angeblich so rätselhaften Nachtwache, habe er des Helldunkels wegen einige Schützen durch Licht hervorgehoben, andere dagegen im Schatten des Hintergrunds verborgen und sich damit das Wohlwollen der Auftraggeber und der Amsterdamer Oberschicht verscherzt. Doch gewinnen wir aus Urkunden, Selbstzeugnissen und auch aus dem genauen Studium seiner Werke eine ganz andere Sicht.

Bei der Entwicklung und Verwirklichung seiner künstlerischen Ziele und Leistungen greift Rembrandt die Errungenschaften seiner Lehrer, Vorgänger und Zeitgenossen auf, er verdankt ihnen grundlegende künstlerische Anregungen. Sein Drang nach unverwechselbarer Originalität führt ihn zu ästhetischen und inhaltlichen Grenzüberschreitungen: Er erweitert die Technik und experimentiert mit dem Einsatz von Farbe und Radiernadel. Aber auch bei der unerwartet kühnen und doch vom Thema her angemessenen Inszenierung traditioneller Aufgaben versucht er, die ältere Kunst, die ihm stets als Ausgangspunkt dient, zu übertreffen. Er deutet in einer einzigen Szene das ganze Drama einer Geschichte an. Oder er entwickelt eine Erzählung nicht episch, sondern konzentriert sie in einer Situation oder Figur, die er herauslöst. Ständig verfeinert, verdeutlicht und vertieft er die Sprache seiner Bilder. Immer wieder findet er kühne und präzise Bildlösungen. «Frühere Generationen haben mit Vorliebe auf technische Mittel hingewiesen […]. Andere je nach persönlichem Interesse den Nachdruck auf seine religiöse Haltung, seine Menschlichkeit, sein Naturgefühl, seine psychologische Subtilität gelegt. Kunsthistoriker haben mit Recht auf die erstaunliche Entwicklung seiner Kunst hingewiesen als Manifestierung einer beispiellosen Kraft der Selbsterziehung und einer fortschreitenden Erweiterung und Vertiefung des Fühlens und Erlebens. Eines, so glaube ich, sehen wir deutlich: Rembrandts Künstlertum ist so reich und komplex, daß es aussichtslos ist, auf eine Formel zu hoffen, die sie uns ganz erschließen könnte.»[1]

Gewiss ist es im Rahmen dieser Monographie nicht möglich, alle Apekte von Rembrandts so überaus vielseitigem Schaffen zu erfassen. Deshalb wird im Folgenden bei der Darstellung der einzelnen Abschnitte von Rembrandts Leben und seiner Zeit, von seiner künstlerischen Entwicklung als experimentierfreudiger Maler und genialer Graphiker ein zentraler Gesichtspunkt verfolgt, nämlich die nicht nur für seine Zeit ungewöhnliche, sondern auch heute noch faszinierende Inhaltsgestaltung, die in der augenblicklichen Diskussion nicht die notwendige Bewertung von Rembrandts Schaffen erhält.

Rembrandts Jugend in Leiden und seine Ausbildung zum Maler

Als Rembrandt Harmenszoon van Rijn am 15. Juli 1606 in Leiden geboren wurde, befanden sich die Niederlande in einem schon lange währenden Krieg (1568–1648) mit den katholischen Spaniern, von deren wirtschaftlichem und religiösem Joch sie sich zu befreien begannen.

Seit 1555 war der spanische König Philipp II. Regent der Niederlande. Gegen den unerträglichen Druck seiner Regierung und die Verfolgung der protestantischen Minderheit formte sich eine Opposition, deren Hauptführer Wilhelm Graf von Nassau-Oranien wurde. Nach Wilhelms Ermordung durch einen fanatischen Anhänger Philipps II. im Jahr 1584 übernahm sein Sohn Maurits die Führung im Freiheitskrieg. Die sieben nördlichen Provinzen lösten sich 1579 von Spanien und gründeten die Ewige Union von Utrecht. 1609, also drei Jahre nach Rembrandts Geburt, kam es zu einem zwölf Jahre anhaltenden Waffenstillstand. Prinz Maurits’ Nachfolger, der Statthalter Prinz Frederik Hendrik, setzte den Krieg mit Spanien so erfolgreich fort, dass nur noch in den Grenzgebieten und auf dem Meer gekämpft wurde. Im Westfälischen Frieden 1648 erlangte die Republik ihre Selbständigkeit.

Die Geschichte der Geburtsstadt Rembrandts ist eng mit diesem Freiheitskampf verknüpft. Es gelang der Stadt, der Belagerung der Spanier 1573/74 standzuhalten. Ein Jahr später gründete Wilhelm von Oranien die Leidener Universität, die bald die bedeutendste protestantische Hochschule werden sollte. Während des zwölfjährigen Waffenstillstands (1609–1621) – in diese Zeit fällt Rembrandts Kindheit und Jugend – wurde Leiden außerdem zu einem der wichtigsten Textilzentren Europas, da sich viele flämische Weber, die wegen ihres Glaubens die Heimat verlassen mussten, hier niederließen. Die Wirtschaftsform trug frühkapitalistische Züge; Kinderarbeit war wie damals überall in Europa zugelassen, ein großer Teil der Bevölkerung gehörte dem verarmten Proletariat an.

Die politische Entwicklung begünstigte einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, als dessen bedeutendster künstlerischer Repräsentant Rembrandt gilt.

Rembrandts Eltern gehörten zum wohlhabenden Bürgertum. Sein Vater, Harmen Gerritsz., war Mitinhaber einer Mühle, die am Stadtrand von Leiden in der Nähe des alten Rheins stand. Deshalb fügte er später seinem Vatersnamen die Bezeichnung van Rijn zu, die in Rembrandts Generation zum Familiennamen wurde. Rembrandts Herkunft haben spätere Biographen mit einer gewissen Geringschätzung erwähnt und herablassend vom «Müllerssohn» gesprochen. Dazu bestand kein Anlass: Der Vater stammte aus einer alten Leidener Familie (seit vier Generationen wurde der Müllerberuf in der Familie ausgeübt), und Rembrandts Mutter Neeltje (Verkleinerungsform von Cornelia) van Suijttbroeck kam aus einer Leidener Patrizierfamilie; ihr Vater war Bäcker.

Es lohnte sich damals, Getreide zu verarbeiten. Da am Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in Europa immer wieder Hungersnöte herrschten, nutzten die Holländer, vor allem die Amsterdamer, die Mängel der Infrastruktur des Binnenlandes und die Notlage der Kriegführenden aus, indem sie während der erntereichen Jahre überall in Europa Korn aufkauften, es in riesigen Speichern lagerten und in Hungerjahren zu überhöhten Preisen wieder verkauften. Rembrandts Eltern gehörten also zu jener Gruppe von calvinistischen Bürgern und niedrigen Adligen, die nach der Reformation in Holland reich wurden und zur Macht drängten. Sowohl der Vater als auch die Mutter waren in katholischen Familien groß geworden, konvertierten aber zum Calvinismus und wurden in der reformierten Pieterskerk in Leiden getraut.

Der Calvinismus setzte sich in der Republik der Niederlande als aktivste religiöse Richtung des Protestantismus durch. Die calvinistische Kirche wurde die öffentliche, war aber nie Staatskirche. Die Stadtregierungen duldeten die anderen Konfessionen, die sich in Hauskirchen versammelten. Johannes Calvin (1508–1561) hat die Lehre des Calvinismus in seinem Hauptwerk «Christianae religionis institutio» formuliert. Darin entwickelte er den Gedanken der Vorherbestimmung (Prädestination), die zur rastlosen Tätigkeit führen sollte. In der calvinistischen Kirche führte er eine strenge Kirchenzucht ein. Kunst und Kultur hatten in den von allen Bildern gesäuberten Kirchen nichts zu suchen. Gott war allein im Geist anzubeten.

Die Familie wohnte in einem Haus am Weddesteeg, das schräg gegenüber der Windmühle errichtet worden war. Vermutlich kam Rembrandt hier – als vorletztes Kind von zehn Geschwistern – zur Welt. Sein Vorname war (und ist) ausgesprochen selten, was nach heutigen Erkenntnissen ein Kind ziemlich belasten, es aber in Ausnahmefällen auch zu ungewöhnlichen Leistungen anspornen kann. (Später konnte Rembrandt es sich leisten, seine Bilder nur mit seinem Vornamen zu signieren, weil keine Gefahr bestand, dass er mit einem anderen Maler gleichen Vornamens verwechselt werden könnte.)

Die Eltern ließen alle ihre anderen Söhne als Handwerker und Gewerbetreibende ausbilden (der älteste Sohn Adriaan erlernte den Beruf seines Vaters und erbte später die Mühle, Willem wurde Brotbäcker, wie der Vater seiner Mutter) – mit Rembrandt aber hatten sie Höheres im Sinn. «Seine Eltern haben ihn zur Schule gehen lassen, damit er zeitig die lateinische Sprache erlerne; daraufhin schickten sie ihn auf die Universität, damit er, seinem Alter entsprechend, der Stadt und der Gemeinde mit seiner Wissenschaft auf das beste dienlich und förderlich sein könne», berichtet der Bürgermeister Jan J. Orlers in der zweiten Ausgabe der «Beschreibungen der Stadt Leiden» von 1641, die die älteste Biographie Rembrandts enthält.

Die Lateinschule war im Jahre 1600 als calvinistische Bildungsanstalt erbaut worden.[2] Sprachen, die freien Künste, vor allem aber Gottesfurcht sollten den Schülern hier vermittelt werden; das verkündete eine Inschrift über dem Eingang. Wie schon der Name der Anstalt zeigt, wurde auf das Erlernen der lateinischen Sprache – Lesen, Schreiben und Sprechen – am meisten Wert gelegt. Eine Schulordnung mit einem festen Lehrplan für alle Lateinschulen der Republik wurde erst veröffentlicht, nachdem Rembrandt die Schule verlassen hatte. Da man aber annehmen kann, dass diese Schulordnung nicht nur ein Idealprogramm formulierte, sondern auch einige bestehende Gepflogenheiten schriftlich fixierte, lässt sich ihr dennoch einiges über den Stoff, der nach Meinung der Kommission zu lernen war, und über den Geist der erstrebten Erziehung entnehmen.

Wie sah nun der später veröffentlichte Lehrplan aus? Die Lektüre lateinischer Schriftsteller wie Cicero, Terenz, Ovid, Vergil und vieler anderer dient in erster Linie dazu, grammatische und nicht inhaltliche Probleme zu erläutern. Das Erziehungsideal, das dem Lehrplan zugrunde liegt, ist ein recht äußerliches: einzig darauf ausgerichtet, dem Schüler gewandte Lebensformen und eine stilistisch elegante Ausdrucksweise beizubringen. Die moralische Unterweisung beschränkt sich auf das Auswendiglernen von lateinischen Sinnsprüchen. Der häufige Religionsunterricht soll den Schülern die Kenntnis der Bibel und der calvinistischen Lehre vermitteln und sie in der Methode der Disputation über dogmatische Probleme schulen. Entsprechend den humanistischen Bildungsvorstellungen ist nebenbei auch etwas Griechisch zu unterrichten; der Schwerpunkt jedoch liegt auf dem Lateinischen. Die Kinder sollen das Evangelium auf Griechisch lesen und das Vaterunser auswendig lernen. Am Morgen ist ein Kapitel aus der Bibel zu verlesen. In den oberen Klassen singen die Schüler Psalmen, die Kirchenlieder der Calvinisten. Am Sonntag sollen die Kinder sogar zweimal die Kirche besuchen, vormittags und nachmittags; in der Schule ist dann zu prüfen, was sie von den Predigten behalten haben. Das war viel verlangt, denn die Predigten dauerten meist länger als eine Stunde. Konfessionelle Fragen sollen schon in der Sekunda angeschnitten werden, und es ist auch über den Heidelberger Katechismus zu sprechen, wobei dogmatische Fragen zu erörtern sind. Die Primaner sollen lernen, sich mit ketzerischen Ansichten kritisch auseinanderzusetzen, wie es damals in jeder Predigt üblich war.

Der Heidelberger Katechismus ist 1563 vom pfälzischen Kurfürsten Friedrich III., dem Frommen, bei Heidelberger Professoren als Lehrbuch in Auftrag gegeben worden, um das Volk in der christlichen Lehre zu unterrichten. Der so entstandene Katechismus fand rasch Verbreitung und wurde 1618/19 von der calvinistischen Kirche der Niederlande als Bekenntnisschrift bestätigt. Er behandelt in 129 Fragen und Antworten das Elend des Menschen, seine Erlösung durch Christus, die Trinität, die hll. Sakramente, die Gebote und das Vaterunser.

Ob den jungen Rembrandt der trockene Lateinunterricht gefesselt hat, wissen wir nicht. Er las später keine lateinisch geschriebenen Bücher, noch korrespondierte er in lateinischer Sprache. Damit waren ihm die Bücher vieler Gelehrter, die in dieser Sprache verfasst waren, nicht zugänglich, und er musste sich auf Übersetzungen ins Niederländische und Deutsche stützen oder sich bei seinen akademischen Freunden Rat holen. Aber zweifellos hat er auf der Schule gelernt, Texte sorgfältig zu analysieren und mit anderen zu vergleichen. Das schlägt sich später in seinem Werk nieder. Auch dürfte er in der Weise, wie Geschichten nach den Regeln der Rhetorik darzubieten waren, auf der Schule ausgebildet worden sein. Als Maler erfasste er später die Geschichten der Dichter und der Bibel unmittelbar und verstand ihren eigentlichen historischen und moralischen Sinn; doch verraten manche Anspielungen, dass die Lateinschule nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist.

Wenn wir also auch nicht wissen, wie der konkrete Lehrplan Rembrandts an der Leidener Lateinschule ausgesehen hat: Er wird Elemente dieses Idealplans enthalten und eine große Anzahl der hier aufgeführten (Schul-)Bücher eingesetzt haben, auf jeden Fall war er sehr stark von Calvinismus und Humanismus geprägt.

In eine Schule mit diesen Lernzielen schickten Rembrandts Eltern ihren siebenjährigen Sohn.

 

Das Einschulungsalter von sieben Jahren entspricht einem Bildungsideal des Humanisten Erasmus von Rotterdam, das besagt, dass nach sieben Jahren Spiel sieben Jahre Lateinschule und dann sieben Jahre Universität folgen sollten. Dementsprechend verließ Rembrandt die Lateinschule mit vierzehn Jahren, um seine Ausbildung zum Gelehrten an der Universität fortzusetzen, die ebenfalls auf calvinistischen Fundamenten basierte. Die Immatrikulationsnotiz lautet: «Rembrandt Harmensz. von Leiden, Student der Philosophischen Fakultät, 14 Jahre alt, bei den Eltern wohnhaft.»

Der Besuch der Leidener Universität war der Wunschtraum aller ehrgeizigen geisteswissenschaftlichen Studenten Europas, denn gerade auf dem Gebiet der Philologie und Philosophie wurde hier Bedeutendes geleistet.

Der Statthalter Maurits, als Armeeführer an der antiken Kriegswissenschaft interessiert, und die Generalstaaten (die Generalversammlung der Provinzen) beriefen den berühmten Altphilologen Joseph Justus Scaliger nach Leiden, einen französischen Hugenotten, der die besten Professoren um sich sammelte.[3] Dabei war die Universität durchaus national eingestellt und strebte danach, Italien die Hegemonien in den Altertumswissenschaften zu entreißen. Daniel Heinsius und Petrus Scriverius dichteten trotz der Rückbesinnung auf die Antike auch in ihrer Muttersprache und stellten den attischen die batavischen Altertümer entgegen. Es herrschte der Geist präziser Philologie, der sich in der offiziellen Bibelübersetzung manifestierte, die von 1626 bis 1637 in Leiden entstand, die «Staatenbijbel». Sie ist ein sprachliches und wissenschaftliches Meisterwerk und wurde auch von anderen religiösen Richtungen anerkannt. Theologie und klassische Philologie vertrugen sich hier. Da die humanistisch geprägten Gelehrten die Geschichte des Alten Testaments moralisch und typologisch interpretierten, konnten sie Beziehungen zwischen den Ereignissen der Antike und der Bibel herstellen – sei es, dass antike und alttestamentliche Geschichten auf neutestamentliche Ereignisse bezogen wurden, sei es, dass man in der Antike und der Bibel die gleiche Moral vertreten sah.

In diesem geistigen Klima, unter diesem Anspruch der Universität wuchs Rembrandt auf. Sein Versuch, von der älteren Kunst auszugehen und daraus einen neuen Stil zu entwickeln – der zwar Errungenschaften der italienischen Malerei aufnimmt, aber doch einen eigenständigen, gewissermaßen holländischen Charakter ausprägt und selbst gesteckten Zielen folgt –, bildet eine Analogie zu der Dichtkunst, die sich die holländische Sprache wählt.

Wie lange er die Universität besuchte, wissen wir nicht. Orlers berichtet lediglich, «er verspürte dazu aber gar keine Lust oder Neigung, weil seine natürlichen Regungen allein auf die Mal- und Zeichenkunst gerichtet waren. Deshalb sahen sich seine Leute genötigt, ihren Sohn von der Schule zu nehmen und ihn nach seinem Begehren zu einem Maler in Lehre und Kost zu geben, damit er bei demselben die ersten Fundamente und Anfänge der Malkunst lerne. Diesem Entschluß folgend, haben sie ihn zu dem ausgezeichnet malenden Herrn Jacob Isaacz. van Swanenburgh gebracht, damit er von ihm belehrt und unterwiesen würde. Er ist dort ungefähr drei Jahre geblieben, und er hat während dieser Zeit so viel gelernt, daß die Kunstliebhaber sich darüber höchstlich verwunderten und daß man zur Genüge sehen konnte, daß er mit der Zeit ein außerordentlich guter Maler werden würde.»

Jacob Isaacz. van Swanenburgh gehörte zu den angesehensten Familien der Stadt, die katholisch geblieben waren und ihre Verbundenheit mit Italien bewahrt hatten. Dass Rembrandts Eltern konfessionell nicht engherzig waren, sondern sogar Wert auf eine breitgefächerte Ausbildung legten, beweist die Wahl dieses Lehrers. Swanenburgh ging von den römischen Künstlern im Umkreis des italienischen Malers Federico Zuccari aus und malte wie sie italienische Stadtansichten mit eingesetzten, bunt gekleideten Figürchen. Vor allem jedoch bestimmten Höllen- und Hexenszenen sein Werk, was ihn in Neapel mit der Inquisition in Konflikt brachte.

Wenn sich bei Rembrandt auch thematisch kein Einfluss Swanenburghs nachweisen lässt, so hat er in diesen drei Jahren wohl doch mehr als nur die technische Seite des Malens von seinem Meister gelernt. In den phantastischen Höllenszenen, die von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä. beeinflusst sind, stellt Swanenburgh nämlich die Schrecken und die Panik der Verdammten in vielen Phasen dar, vom Entsetzen bis zur Resignation. Solche Reaktionen malerisch zu erfassen, wurde später eines der wichtigsten künstlerischen Ziele Rembrandts. Aber noch mehr: Jacob van Swanenburghs Höllen- und Hexenszenen sind Nachtbilder; die Figuren werden durch Licht hervorgehoben. Hier lernte Rembrandt zuerst, dass im Spiel von Licht und Finsternis Wichtiges herausgebracht und weniger Wichtiges im Dunkeln gelassen werden kann. Auch das Format der Gemälde dieses Lehrers hat ihn beeinflusst. Auf kleinen Bildern bringt Swanenburgh eine Fülle von Figuren und Bewegungen unter. Auf engstem Raum gestaltet er Themen, die bis dahin in der monumentalen Altarmalerei behandelt worden waren. Wenn Rembrandt auch später eine völlig andere Auffassung von der Historie vertrat und ganz andere Themen wählte: Die Beschränkung auf das Kleinformat, die für sein Frühwerk charakteristisch ist, dürfte er von seinem ersten Lehrer übernommen haben.

Seinen eigentlichen Lehrmeister fand Rembrandt jedoch in Pieter Lastman, dem Amsterdamer Historienmaler. (Unter Historien verstand man Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, aus der Mythologie und aus der Geschichte.) Schon Jan Lievens, mit dem Rembrandt nach seiner Rückkehr aus Amsterdam eng zusammenarbeitete, war – nach seiner Lehre bei Joris van Schooten – zur Fortbildung bei Lastman gewesen. Wir wissen, dass Rembrandt auf Wunsch seines Vaters ebenfalls zu Lievens’ Meister nach Amsterdam ging. Orlers berichtet: «Da befand sein Vater es für richtig, weiterhin Geld aufzuwenden und ihn zu dem berühmten P. Lastman, der in Amsterdam lebte, zu bringen, damit er durch diesen weiterhin und besser belehrt und unterwiesen werden möchte.» Wenn diese Lehrzeit nach Orlers auch nur ein halbes Jahr gedauert hat, so war sie doch für Rembrandt entscheidend und prägend. Zu einer Zeit, in der die Fachmalerei aufblühte und Maler sich jeweils auf ein einziges Gebiet – die Landschaft, das Stillleben, Vanitasbilder, das Blumenbild, Sittenbilder oder Porträts – spezialisierten, war Lastman der bedeutendste Historienmaler in Amsterdam. Der große holländische Dichter Joost van den Vondel verglich ihn mit Rubens und stellte die Frage, welcher von den beiden wohl den Ruhm des anderen überleben und übertreffen werde.

Pieter Lastman (wie Swanenburgh katholisch und um 1583, wahrscheinlich in Amsterdam, geboren[4]), ist ein Schüler des Manieristen Gerrit Pietersz, dessen Stil seine Frühwerke beeinflusste.[5] Doch während einer Reise nach Italien, die er von ca. 1601/02 bis 1606 unternahm (über die Route sind wir nicht informiert), stieß er auf neue Vorbilder. Die Maler, die er in Venedig und Rom kennenlernte, übten einen nachhaltigen Einfluss auf sein Schaffen aus. Zunächst scheint ihn Hans Rottenhammer am stärksten beeindruckt zu haben, später setzte er sich intensiv mit Gemälden von Adam Elsheimer, Michelangelo da Caravaggio und den Brüdern Carracci auseinander und entwickelte einen ganz eigenen Stil der Historiendarstellung. Er verband den monumentalen Stil Veroneses mit der konzentrierten Kabinettmalerei Elsheimers, bei dem Historie und Landschaft eine überzeugende Verbindung eingehen. Als Lastman spätestens 1607 wieder nach Amsterdam zurückkehrte, wurde er dort bald einer der einflussreichsten Maler. Um ihn bildete sich ein Kreis von Künstlern, die ihm nachstrebten und seinen Stil nachahmten: sein eigener Bruder Nicolaes Lastman, Jan Tengnagel – übrigens ein Vetter von Rubens –, die Brüder Jan und Jacob Pynas, François Venant und Claes Moeyaert. Die meisten dieser Historienmaler stammten aus der begüterten Oberschicht. Einige von ihnen waren miteinander verschwägert. Tengnagel hatte die Schwester der Brüder Pynas geheiratet, Venant die Schwester Lastmans. Lastman wohnte mit seinem Bruder Claes zusammen, der als Künstler allerdings kaum Bedeutung hat. Ihre Wohnung lag in der St. Anthonisbreestraat gegenüber der Zuiderkerk; die Mutter führte den Haushalt der beiden Junggesellen. Sie muss recht tüchtig gewesen sein, denn sie arbeitete nebenher als einer von vier Gutachtern, die für die Stadt Nachlasse schätzten.[6] Als Rembrandt im Jahre 1624 für sechs Monate bei ihrem Sohn in die Werkstatt kam, wird er dort auch gegen Lehr- und Kostgeld gewohnt haben, wie es damals üblich war. Wie diese Lehre aussah, wissen wir nicht genau; vermutlich musste Rembrandt Werke seines Meisters kopieren. Zweifellos wird er aber auch darin unterwiesen worden sein, wie man eine Historie aufbaut und welche Quellen dabei herangezogen werden können. Was Rembrandt in der eigentlichen Inhaltsgestaltung bei Lastman gelernt hat, ist merkwürdigerweise lange Zeit nicht geklärt worden.[7]

Kurz vor Abschluss des zwölfjährigen Waffenstillstands (1609–1621) kehrten aus Italien Pieter Lastman (1606 oder 1607) ins heimatliche Amsterdam und Peter Paul Rubens (1608) ins vertraute Antwerpen zurück und prägten beide als Hauptmeister des Barock die Historienmalerei ihrer Städte. Rubens konnte aus dem Vollen schöpfen, er stattete die durch den Bildersturm noch ihres liturgischen Schmuckes beraubten Kirchen der spanischen Niederlande mit monumentalen Altarbildern aus und malte als Hofmaler (ab 1609) gelehrte propagandistische Verherrlichungen seiner Auftraggeber. Rubens beteiligte in hohem Maße Kollegen an seinen monumentalen Aufträgen als Mitarbeiter. Lastman schuf selbst seine Kabinettmalerei und Andachtsbilder.

Lastmans Bilder sind ganz von der Historie her aufgebaut und durchdacht, selbst da, wo der Meister in dichterischer Freiheit viele ausschmückende Motive hinzufügt. Wenn man nur eine der Arbeiten betrachtet, die Rembrandt gekannt und später als etwa dreißigjähriger, inzwischen weitaus berühmterer Maler kopiert hat, wird dies deutlich. Ein gutes Beispiel dafür ist Lastmans Gemälde «Josef verkauft Korn in Ägypten». Das Thema war früher bereits in Bibelillustrationen behandelt worden. Doch Lastman hat die Geschichte ganz anders erfasst und sie in ihrem Zusammenhang aufgrund einer genauen Kenntnis der Realien völlig neu geschildert. Josef hatte dem Pharao einen Traum ausgelegt: nach sieben reichen Erntejahren werde es sieben Missernten geben. Daraufhin wurde er zum Unterkönig ernannt. Er befahl sogleich, Kornspeicher zu erbauen, die die reichen Ernten aufnahmen. Als dann infolge der Missernten eine Hungersnot ausbrach, boten ihm die Ägypter ihren gesamten Besitz an. Lastman zeigt, wie sie Silber, Vieh und schließlich sogar ihre Freiheit gegen Nahrung verkaufen. So wurde Ägypten leibeigen. Im frühkapitalistischen Amsterdam, das ähnlich wie der Pharao durch das Speichern von Getreide reich wurde, galt diese Geschichte als beispielhaft. Im Mittelgrund seines Bildes stellt Lastman Josef dar, der auf ein verzweifeltes Paar mit seinem Kind und seinem Besitz an Vieh herabblickt. Diese Szene bildet den Kern der Handlung. Aber wie viel hat Lastman in seiner kaum zu übertreffenden Phantasie und Erzählerfreude ausgemalt: Soldaten bewachen den Eingang, Schreiber führen Listen, Kassierer geben Geld heraus. Im Kornspeicher transportieren Sklaven das Getreide. Doch nicht nur die organisatorische und buchhalterische Seite des Geschäfts hat Lastman herausgearbeitet. Er zeigt auch, welch ein Gedränge in der Not entsteht: Jeder will der Erste sein; ein Kornsack hat sich beim Absetzen geöffnet, Korn ist herausgefallen, das kostbare Gut darf nicht vergeudet werden, eine Frau kniet und sammelt es auf, ein kleiner Junge stillt seinen Hunger. Alles ist ausführlich, fast anekdotenhaft erzählt. Trotz dieser epischen Breite lenken die Details jedoch nirgendwo vom Thema ab. Bei der Ausschmückung der Historie geht es ihm nicht um eine Rekonstruktion im archäologischen Sinne, sondern um die dichterische Vergegenwärtigung des Geschehens und seines Schauplatzes. Wie für die italienische Barockmalerei, so ist auch für Lastman die römische Welt, die er aus eigener Anschauung und aus zahlreichen Stichen kannte, zugleich ganz unhistorisch in einem allgemeinen Sinne die Welt der Antike und die Welt des Alten Testaments. In biblischen wie in antiken griechischen oder römischen Themen erscheint die italienische Landschaft meist mit intakten antiken Gebäuden. All das, was zu seiner Zeit mühsam an Altertumskunde, vergleichender Religionswissenschaft, Natur- und Rechtsgeschichte der Bibel erarbeitet wurde, hatte er, oft auf graphische Quellen zurückgehend, benutzt. Sicher war das kein historisch getreues Bild im modernen Sinne, aber es entsprach der damaligen Vorstellung und war dem Wissen manches dogmatisch engen Gelehrten voraus.

Neben traditionellen Themen aus der Altarmalerei und einigen Massenszenen bevorzugte Lastman Gesprächs- und Erkenntnisszenen. Gern stellt er die Begegnung eines Niedriggestellten mit einem Höheren dar (z.B. bitten die hungernden Ägypter den Unterkönig Josef um Korn), und immer wieder faszinieren ihn Szenen, in denen Menschen ein von Gott gesandter Bote (Engel, Apostel, Prophet) oder Gott selbst als Vision in der Gestalt seines Sohnes erscheint.

Dabei versucht er, die Spannung eines Gesprächs oder die Reaktion auf das unerwartete Ereignis zu schildern und durch die Gebärde die Betroffenheit zu veranschaulichen. Allerdings bedient er sich dabei einer ausgesprochen rhetorischen Bild- und Körpersprache. Manches bleibt dadurch formelhaft. Er versucht kaum, Abstufungen zwischen Teilnahme und Teilnahmslosigkeit zu entwickeln. Interaktionen, Störungen, Unvorhergesehenes und Ablenkung schildert er nicht einmal bei den Nebenfiguren am Rande des Geschehens.

Zunächst folgt Rembrandt thematisch seinem Lehrer. Auch er bevorzugt Erkenntnis- und Begegnungsszenen, aber von Anfang an bemüht er sich, deutlichere Akzente zu setzen, aussagekräftigere Formulierungen (sogar auf Kosten der Texttreue) zu finden und die verschiedenen psychischen Reaktionen besser zu erfassen. Wenn der Neunzehnjährige eine Komposition seines Meisters aufnimmt, sogar daraus zitiert, aber sie dabei von Grund auf umgestaltet, übereinandertürmt und dicht zusammendrängt, was dort in der Breite entfaltet ist, dann verblassen die Vorbilder des berühmten Lehrers gegenüber den kühnen, wenn auch noch ungelenken Kompositionen des jungen Rembrandt.

Rembrandt kehrt nach Leiden zurück

Wahrscheinlich Ende 1624 kehrt der achtzehnjährige Rembrandt nach Leiden zurück, macht sich selbständig und steht mit Jan Lievens in einem regen Gedankenaustausch.[8] Jan Lievens, ein Jahr jünger als er, war der Sohn eines Genter Posamentenwebers, der wahrscheinlich wie viele protestantische Textilarbeiter aus Treue zu seinem Glauben die südlichen, noch von Spanien regierten Niederlande verlassen hatte. Lievens’ Familie bewohnte seit 1628 ein Haus im St. Pieterskerkkoorsteeg, unweit von Rembrandts Geburtshaus und den Häusern der Familie Dou.