Rendez-vous mit Schwester Edith - Edith Spörri - E-Book
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Edith Spörri

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Beschreibung

Vorwort Dieses Buch entstand aus dem Wunsch heraus, meine Tagebücher von 1973 bis 1976 zu einem Buch zu verarbeiten. Drei Jahre Ausbildung, damals Lehre genannt, habe ich laufend in vielen Stunden an meinen freien Tagen zusammengefasst, nacherzählt und reflektiert. Es ist der Alltag einer Schwesternschülerin, wie er tatsächlich stattgefunden hat, und wie ich ihn als 19- bis 21-Jährige persönlich und ganz subjektiv in den 1970er Jahren erlebt habe. Es ist ein Teil der Geschichte der Krankenpflege mit ihren Werten, Umständen und Rahmenbedingungen. Das Reflektieren meiner Arbeit mit kranken Menschen und meines eigenen Prozesses während der Lehre im Gesundheitswesen haben mein ganzes Leben geprägt, mich weitergebracht und alle weiteren Jahre im Berufsleben beeinflusst. Mit diesem Buch gebe ich „der Pflege eine Stimme“, wie die amerikanische Journalistin Suzanne Gordon es empfiehlt. Sie hat mit ihren Referaten zu diesem Thema während Jahrzehnten auch Schweizer Pflegende unterstützt. *In den 70er Jahre war die gendergerechte Schreibweise nicht weit verbreitet und es wurde meist die männliche Form gewählt. Um die Echtheit meiner Tagebucheinträge zu wahren, habe ich dies so belassen. Die Angaben beziehen sich aber selbstverständlich auf alle Geschlechter.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rendez-vous mit Schwester Edith

Tagebuch einer Schwesternschülerin

Edith K. Spörri

Rendez-vous mit Schwester Edith

Tagebuch einer Schwesternschülerin

1.Auflage

ViCON-Verlag

Niederhasli 2020

Für Ursi

Edith K. Spörri lebt in der Nähe von Zürich und ist als Dozentin im Gesundheitswesen tätig. Nebenberuf-lich arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin.

© Edith K. Spörri: Rendez-vous mit Schwester Edith – Tagebuch einer Schwesternschülerin

© Copyright: ViCON-Verlag

1. Auflage 2020

Lektorat: Jennifer Zimmermann, Zürich

Verlag: ViCON-Verlag, Heiselstrasse 105, CH-8155 Niederhasli

Internet: www.vicon-verlag.ch / www.connyvischer.com

E-Mail: [email protected]

ISBN E-Book: 978-3-9525921-1-3

Satz und Layout: LP Copy Center Wettingen

Coverdesign: Design Resort, Thomas Wobmann, Bülach

Druck: onlinebiz Druckerei, Krumbach

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie alles begann

Erster Theorieblock

Erstes Praktikum Rheumatologie Station H

Zweiter Theorieblock

Zweites Praktikum Rheumatologie Station H

Gemeindekrankenpflege Wollishofen

Geburtshilfe und Säuglingspflege im Bezirksspital Uster

Skiferien in Langwies

Theorieblock Chirurgie

Chirurgie in Affoltern am Albis

Im Sträler

Reise nach London

Psychiatrie in Kilchberg

Kinderklinik Triemli

Medizin Station R

Theorieblock „Führung“

Notfallabteilung

Bauchchirurgie Station N

Neurochirurgie und Urologie Station I

Examenszeit

Nachwort

Bildernachweis

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Vorwort

Dieses Buch entstand aus dem Wunsch heraus, meine Tage-bücher von 1973 bis 1976 zu einem Buch zu verarbeiten. Drei Jahre Ausbildung, damals Lehre genannt, habe ich laufend in vielen Stunden an meinen freien Tagen zusammengefasst, nacherzählt und reflektiert. Es ist der Alltag einer Schwesternschülerin, wie er tatsächlich stattgefunden hat, und wie ich ihn als 19- bis 22-Jährige persönlich und ganz subjektiv in den 1970er Jahren erlebt habe. Es ist ein Teil der Geschichte der Krankenpflege mit ihren Werten, Umständen und Rahmenbedingungen. Das Reflektieren meiner Arbeit mit kranken Menschen und meines eigenen Prozesses während der Lehre im Gesundheitswesen haben mein ganzes Leben geprägt, mich weitergebracht und alle weiteren Jahre im Berufsleben beeinflusst.

Mit diesem Buch gebe ich „der Pflege eine Stimme“, wie die amerikanische Journalistin Suzanne Gordon es empfiehlt. Sie hat mit ihren Referaten zu diesem Thema während Jahrzehnten auch Schweizer Pflegende unterstützt.

*In den 70er Jahre war die gendergerechte Schreibweise nicht weit verbreitet und es wurde meist die männliche Form gewählt. Um die Echtheit meiner Tagebucheinträge zu wahren, habe ich dies so belassen. Die Angaben beziehen sich aber selbstverständlich auf alle Geschlechter.

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Wie alles begann

An der Höheren Töchterschule der Stadt Zürich wie auch an der Frauenbildungsschule kursierten unter uns jungen Frauen Gerüchte. Auch ich wurde aufmerksam und hörte zu. Es sei einfach, die Aufnahmeprüfung für die Lehre zur Krankenschwester zu bestehen, wenn jemand die Mittelschule gemacht habe, sagten meine Mitschülerinnen und Freundinnen. Eine Diplomabgängerin dieser Schule hätte gute Chancen, eine Lehre im Stadtspital Triemli beginnen zu können.

Also meldete ich mich an der Schwestern- und Krankenpflegerschule Triemli an und wurde zu einer Aufnahmeprüfung und einem Gespräch eingeladen. Der Aufsatz war kein Problem, da ich schon immer gerne geschrieben hatte, und meine Deutschnote in den Zeugnissen jeweils die beste aller meiner Noten war. Zur Frage der Motivation hatte ich genügend Antworten bereit und führte meine Beweggründe zu dieser Lehre ausführlich aus. Die Schulschwester war offenbar zufrieden und versprach, mir das Resultat in wenigen Wochen mitzuteilen.

Noch nie hatte ich in einem Spital gearbeitet. Keine einzige Stunde damit verbracht, um im Detail herauszufinden, was eine Krankenschwester macht, und welches Handwerk sie erlernen muss. Die Medizin mit ihren Krankheiten und den dazugehörenden Therapien interessierte mich sehr. Viele Bilder, Fantasien und Mythen bewegten sich in meinem Kopf. Die Jugendbücher über Krankenschwestern, die ich gelesen hatte, wie zum Beispiel „Susanne Barden“ von Helen D. Boylston, förderten diesen Berufswunsch ebenso. Ausserdem war und ist es für mich erstrebenswert und sinnvoll, Menschen zu helfen und ihnen in einer schwierigen Phase ihres Lebens beizustehen. Der Mensch als Ganzes, mit Körper und Seele, fasziniert mich. Ich war schon immer gerne in Gruppen unterwegs, liebe Teamarbeit und finde diese Art der Zusammenarbeit bereichernd. Auch die Möglichkeit, diesen Beruf vielleicht einmal im Ausland ausüben zu können, war ein Traum und Vorbilder wie Albert Schweitzer oder Henry Dunant prägten meine Kindheit. Dass ich viele Weiterbildungsmöglichkeiten und Spezialisierungen haben würde, war mir ebenso wichtig. Vor allem, weil ich als wissensdurstige Person immer wieder Neues entdecken und lernen will. Die Krankenpflege als Grundlage für das Leben allgemein und später für eine eigene Familie mit Kindern schien mir spannend und verheissungsvoll.

1. Mai 1973

Wer glaubt es? Ich kann es kaum fassen, dass ich morgen meine Ausbildung an der Städtischen Schwestern- und Krankenpflegerschule Triemli beginnen werde! Es geht also nahtlos weiter. Nach drei Jahren habe ich das Handelsdiplom in der Tasche und nun werde ich endlich mein lange angestrebtes Berufsziel verfolgen und in die Arbeitswelt und die Atmosphäre des Spitals eintauchen. Die Aussagen der Familie, Verwandten und Nachbarn waren eher zweideutig, wenn ich jeweils von meinem Wunsch erzählte: „Krankenschwester willst du werden? Ein anspruchsvoller und schöner Beruf mit Menschen. Ihnen helfen und so ... das könnte ich nie“, hörte ich, wenn ich von meinem Berufsziel erzählte. Ich spürte jeweils eine gewisse Bewunderung, vor allem von älteren Tanten und Onkeln, doch jüngere Bekannte und Freundinnen blieben eher skeptisch. Über den mir noch unbekannten beruflichen Nachteil, die Schichtarbeit, klärte mich mein Vater ziemlich detailliert auf, denn er hatte Erfahrungen mit Nachtschichten in seinem Beruf und diese seien auf die Dauer gesundheitlich nicht zu unterschätzen. Auch die Auswirkungen auf das eigene Sozialleben, Hobbys oder die Mitwirkung in einem Verein müsse ich mir gut überlegen. „Und vergiss nicht, Krankenschwestern verdienen nicht viel“, fügte er noch an.

Doch was kümmert mich die Meinung der anderen Menschen? Seit der dritten Klasse, also seit ich neun Jahre alt bin, weiss ich, dass ich Krankenschwester werden will. Ich fragte mich damals, wo wohl die neugeborenen Kinder herkommen und wer mir dies am besten erklären könnte. Der ganze menschliche Körper faszinierte mich, aber meine Mutter hatte mich noch nicht aufgeklärt. Also musste ich mir selber helfen und einen Weg suchen, um mir meine vielen Fragen zu beantworten. Wer würde mir dieses Wissen wohl am ehesten beibringen? Meine Patentante, eine ehemalige Kinderkrankenschwester, erzählte mir jeweils in den Ferien von ihrem Beruf, den sie als Zürcher Oberländerin im Kinderspital im grossen Zürich erlernt hatte. Sie war damit sehr zufrieden gewesen, aber ich getraute mich nicht, sie nach mehr Details über den Körper der Frau, die Schwangerschaft und die Geburt zu fragen.

Der Koffer ist gepackt, der Instrumentenkoffer mit der Trompete und eine noch halb leere Reisetasche stehen bereit. Die restlichen wichtigsten Gegenstände aus meinem persönlichen Leben werden sie füllen, dann geht es los! Bücher, Tagebücher, schöne Schreibwerkzeuge, einige Bilder und meine Fotoalben müssen mit, damit ich mich im neuen Zimmer wohlfühlen kann.

Heute beschäftigte ich mich zu Hause mit einer grossen Aufräumaktion. Ausmisten und Sortieren standen auf dem Programm. Ich verstaute alles „Unnötige“ auf dem Dachboden, entsorgte, was ich nicht mehr aufbewahren wollte, und leerte langsam, aber sicher meine Schubladen des Schreibtisches. Bald sind beide leer. Meine Schwester wird sich über zusätzlichen Stauraum und mehr Ruhe freuen – es war im kleinen Schlafzimmer in den letzten Jahren wirklich sehr eng geworden.

Heute ist ein strahlender, herrlicher Tag. Nach dem Packen und Aufräumen lag ich im Garten im Liegestuhl und genoss die Umgebung mit den Frühlingsblumen und dem Vogelgezwitscher. Ich genoss die Ruhe und die Erholung vor dem grossen Sturm, der morgen beginnen würde. Als es zu warm wurde, verzog ich mich ins Haus, nahm ein Bad und übte auf meiner alten Militärtrompete. „Auch mit der neuen Herausforderung der Lehre darf meine Lippentechnik für die Trompete und deren Tonqualität nicht leiden“, sagte ich mir. Das heisst, dass ich die Lippen- und die Atemtechnik verbessern, Ausdauer und Technik trainieren muss. Schliesslich hängt die Höhe der Töne beim Spiel auf diesem Instrument von diesen Kriterien ab. Zudem beschäftigte mich die Frage, in welchem Raum ich künftig üben würde, denn dass die Trompete ein lautes Instrument ist, ist wohlbekannt.

Ein seltsames Gefühl breitet sich in meinem Innern aus. Was wird mich in dieser Schule erwarten? Wie sind wohl meine Klassenkameradinnen und -kameraden, die Lehrerinnen? Wie sieht mein Zimmer im kleinen zweigeschossigen Schulhaus aus? Eigentlich habe ich Angst vor all dem Neuen, Unbekannten, denn das Spitalleben kenne ich nur von weitem, von Besuchen, die ich gelegentlich gemacht hatte oder von meiner Freiwilligenarbeit an verschiedenen Sonntagen, wenn die Betten mit den Patienten in die spitaleigene Kirche zum Gottesdienst geschoben werden mussten. Noch nie hatte ich selber dort gearbeitet oder ein Praktikum gemacht und mich mit dem Beruf der Krankenpflege genauer auseinandergesetzt. Ob dies als Grundlage für meinen neuen Beruf reichen wird? Ich bin 19 Jahre alt, habe keine Erfahrungen mit Leid, Krankheiten und Tod, ausser aus meiner eigenen Familie und der Verwandtschaft. Das Leben mit diesen neuen Themen und Herausforderungen wird mein zukünftiger Lehrmeister sein – ich packe es an!

Diese Woche habe ich einen Brief unserer noch unbekannten Klassenlehrerin mit den nötigen Angaben zum ersten Schultag erhalten. Ihren Familiennamen kannte ich nicht und ich fragte mich, aus welchem Land sie wohl stammen könnte. Ich werde es bald erfahren! Sie hat sehr nett und persönlich geschrieben und dies wird meinen Einstieg in der Triemlischule sicher erleichtern.

Ich bin sehr gespannt auf alles, was auf mich zukommen wird. Ich frage mich, wie viele theoretische Schulstunden wir auf dem Stundenplan haben werden. Wird mir noch genügend Freizeit für mich, die Musik und die Jugendgruppe zur Verfügung stehen? Am meisten bin ich aber neugierig auf mein Zimmer. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich ein Zimmer für mich alleine bewohnen und einen eigenen Telefonanschluss haben. Das ist ein grosser Luxus für mich. Vielleicht werde ich morgen wieder in mein Tagebuch schreiben und die ersten Eindrücke notieren. Das Leben ist spannend!

Beginn der Lehre als Krankenschwester in

Allgemeiner Krankenpflege

Erster Theorieblock

2. Mai 1973

Ein quadratischer Bau mit zwei Etagen inmitten einer grossen Grünfläche lag heute Morgen an der Paul-Clairmontstrasse 30 vor mir, als ich die breite Treppe zum Haupteingang des Schulhauses emporging. Das neue, moderne Gebäude aus Beton schien mir einladend und wohnlich. Ich bin neugierig durch die Glastür getreten und habe im Innern durch die vielen grossen Glasscheiben den grünen Innenhof gesehen. Ich musste sofort an einen Klostergang denken, wie ein Kreuzgang, wo früher Mönche und Nonnen in aller Stille wandelten. Doch hier fand ich keine religiösen Vertreterinnen der Kirche, sondern eine Schar junger, lebhafter Frauen und Männer, die in moderner Kleidung der 70er Jahre auf den Beginn des ersten Schultages warteten. Der begrünte Innenhof gefiel mir besonders gut und liess den Bau luftig und leicht erscheinen. Ein kleiner, rechteckiger Teich, umgeben von Betonblöcken als Sitzgelegenheiten, eine Skulptur, Sträucher und niedrige Bäume verzierten den Innenbereich dieses Gartens.

Auf der einen Seite, rechts von mir, sah ich Schilder zu den Theoriezimmern, gegen die Ostseite einen Pausen- und Aufenthaltsraum mit niederen Ledersesseln und Tischchen und weiter in Richtung der Stadt lagen die Praxisräume mit allen nötigen Materialien für die Übungen zu den pflegerischen Handlungen. Die offene Tür verleitete mich zu einem neugierigen Blick in den Raum, was ich besser unterlassen hätte, denn als ich ein elektrisches Spitalbett mit einem Menschen darin sah, erschrak ich gewaltig. Beim zweiten Blick erkannte ich, dass im Bett eine lebensgrosse Puppe im Spitalnachthemd lag und offenbar darauf wartete, dass wir Schülerinnen mit ihr unsere Übungen machen würden.

Auch eine Bibliothek mit unzähligen Fachbüchern sah ich angeschrieben, auf die ich besonders neugierig wurde. Daneben waren die Fotos der früheren 18 Kurse aufgehängt, die für den Abschluss beim bestandenen Diplom gemacht worden waren. Ich betrachtete die jungen Frauen in den Schwesternschürzen, mit weissen Schuhen an den Füssen und weissen Hauben auf dem Kopf, wohl wissend, dass ich diese traditionellen Hauben nie tragen würde. Zum Glück! Sie wurden an dieser Schule mittlerweile abgeschafft und dafür war ich sehr dankbar. Der Zeitgeist der 70er Jahre, mit den Protestbewegungen und Krawallen in der Stadt, machte den Weg frei für neue Rahmenbedingungen in der Lehre zur Krankenschwester. Auch das externe Wohnen auf begründeten Wunsch hielt langsam Einzug. Nicht mehr alle Kolleginnen würden im Schulhaus leben, dies war mit einem speziellen Gesuch möglich geworden.

Um 10 Uhr folgte für unsere Klasse, den Kurs 19 um genauer zu sein, eine kurze Begrüssung mit Informationen. Unsere Klassenlehrerin und Schulschwester, Frau Hannele Heisterkamp stellte sich vor, begrüsste uns mit viel Herzlichkeit und wünschte uns das Allerbeste für die drei Jahre in dieser Ausbildung der Allgemeinen Krankenpflege. „Diese Schwesternschule, die 1964 eröffnet wurde, und zweimal im Jahr einen Kurs für das Diplom in allgemeiner Krankenpflege anbietet, wurde im Hinblick auf das neue Stadtspital mit 690 Betten gebaut, das 1970 seine Türen geöffnet hat“, erklärte sie uns. „Wo vorher vor allem religiös geprägte Schulen mit Schwesterngemeinschaften und Stiftungen die Krankenschwestern ausgebildet haben, entstanden in den 50er Jahren immer mehr Schulen für Interessentinnen, die an keine religiöse Gemeinschaft gebunden waren. Sie wurden als sogenannte ‚freie‘ Pflegepersonen bezeichnet. Der Kanton Zürich wie auch die Stadt wurden zur Trägerschaft verschiedener Angebote für Lehren. Da sich zudem immer mehr männliche Bewerber meldeten, hat die Schwesternschule Triemli mit der Zeit beschlossen, auch sie aufzunehmen und mit Ihrem Kurs beginnen heute einige junge Männer“, erklärte Frau Heisterkamp. Sie stellte im Weiteren die Ziele und den Aufbau der Ausbildung mit dem Stoffplan vor, wie es das Schweizerische Rote Kreuz in den Richtlinien vorgegeben hatte. Das hiess, dass wir abwechslungsweise in den sogenannten Blockkursen die Theorie und zwischendurch die verschiedenen Praktika absolvieren mussten. „Krankenpflegerische Theorie mit Übungsmöglichkeiten, naturwissenschaftliche Fächer sowie Lehrstoff zu den Gebieten der Medizin und allgemeinbildende Fächer werden diese drei Jahre ausfüllen. In den Praktika werden Sie vor allem von diplomierten Krankenschwestern eingeführt und angeleitet, wobei auch wir vom Team der Schwesternschule den Auftrag haben, Sie zu besuchen und im sogenannten ‚Klinischen Unterricht‘ anzuleiten. Sie werden sich in den verschiedenen Abteilungen wie Chirurgie, Medizin, Rheumatologie, Operationssaal und Notfall, Psychiatrie, Wochenbett- und Säuglingspflege und Pädiatrie die jeweilige Spezialität aneignen und professionelle Krankenschwestern und Krankenpfleger werden. Exakt ausgeführte pflegerische Verrichtungen in der Grund- und Behandlungspflege mit den dazugehörenden Begründungen sollen Ihr Kerngeschäft werden“, erklärte unsere Klassenlehrerin. „Ebenso werden Sie in die Abläufe des Spitalbetriebes und in die Regeln der Zusammenarbeit mit dem Pflegeteam und den Ärzten eingeführt. Verschiedene Dozentinnen und Dozenten aus der Akutmedizin, der Geriatrie und Psychiatrie und anderen Wissensgebieten werden Sie hier unterrichten, zusätzlich zu unserem Schulteam. Die Anleitungen zu pflegerischen Handlungen ausserhalb der Schule übernehmen die Stationsschwestern und die diplomierten Schwestern an den jeweiligen Praktikumsorten. Ganz nach der Vorgabe: anweisen, vorzeigen, anleiten, erklären, nachahmen und bei den Patienten üben. Die Fachliteratur, die Sie kaufen müssen, wurde Ihnen bereits schriftlich mitgeteilt. Während des Unterrichtes werden Sie mitschreiben und Sie werden einzelne Skripte erhalten, die wir mit Matrizen und Kopierwalzen für Sie kopieren respektive vervielfältigen werden.“ So weit so gut.

Nach der Einführung durch Frau Heisterkamp ass ich zum ersten Mal mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Kantine des Stadtspitals. Die Kantine ist ein riesiger Raum mit unzähligen Tischen für mehrere hundert Personen, die in diesem Haus arbeiten. Die grossen Fenster in Richtung Uetliberg, die viel Licht in den Esssaal lassen und für einen Moment helfen, den Arbeitsalltag zu vergessen, beeindruckten mich. Die Menus waren vielfältig, auch Salate und andere kleine Imbisse wurden angeboten.

Nun sitze ich im Zimmer und schaue zum nahen Hausberg der Stadt hinauf, sehe die grüne Parkanlage rund um das Schulhaus und staune über den hohen, erst dreijährigen Betonbau des nahen Stadtspitals mit seinen über 20 Stockwerken.

Alles ist aufgeräumt in meiner kleinen Oase. Ein weisser Schreibtisch am Fenster, das Bett, die Stehlampe, ein niedriges Clubtischchen mit einem bequemen Lederstuhl, ein Schrank und dahinter ein Lavabo. Stolz betrachte ich mein eigenes Telefon, einfach schön! Ich habe Nachmittagssonne und kann das niedliche Zimmer ganz für mich alleine geniessen. Noch eine freie Stunde liegt vor mir, bis das Programm des ersten Tages weiterfährt. Die Schuloberin, Frau W., wird uns willkommen heissen und nachher wird die „Hausmutter“ jeder Schülerin eine weisse Schürze zum Anprobieren geben und ihre Länge überprüfen. „Und vergessen Sie ja den Unterrock und die weissen Schuhe nicht“, riet sie mir später beim Verlassen ihres Nähzimmers. Ich fühlte mich seltsam in dieser weissen Schürze, die ohne jegliche Form an mir herunterhing. Doch was konnte ich tun? Das war die Norm. Immer noch besser als die früheren bodenlangen Trachten der religiösen Diakonissen und Nonnen.

3. Mai 1973

Die Sonne strahlt wieder, die Fenster stehen offen und ein lauer Frühlingsduft strömt in mein Zimmer. Alles um mich herum ist herrlich und wunderbar. Erwachende Bäume in der Umgebung, die ihre ersten zarten hellgrünen Blätter spriessen lassen, und bis auf die pfeifenden Vögel herrscht Ruhe. Ich kann die Zeit bis zum nächsten Termin um 16 Uhr nutzen: die Zeitung lesen, meine Trompete in einem Kellerraum spielen, das Zimmer geniessen. Schon gestern war ich überglücklich in meinem neuen Zuhause und konnte bis Mitternacht nicht schlafen, weil ich diese vielen Eindrücke verarbeiten musste. Ich spürte die wunderbare Sorglosigkeit der letzten Tage, noch ohne grosse Herausforderungen von Seiten der Schule. All das Schöne, Neue, noch Ungetrübte liess mich aufatmen und die alten Ängste, die ich gehabt hatte, vergessen. Ich bin losgelöst von vergangenen Sorgen der abgeschlossenen Ausbildung, der bestandenen Diplomprüfungen der Handelsschule, bin glücklich, seit ich in diese Schwesternschule eingetreten bin. Dies gibt mir neuen Elan. Mit Energie werde ich lernen und das unbekannte Leben in der Spitalwelt erforschen.

9. Mai 1973

Der zweite Tag mit dem Unterricht in Psychologie liegt hinter mir. Der grosse und gutaussehende Psychologe und Pfarrer, Herr S., unterrichtete uns in seiner interessanten, fast provokativen Art mit viel Mitbeteiligung unsererseits. Er forderte uns heraus, stellte Fragen, die uns wachrüttelten und zu Diskussionen anregten. Dass er Psychologe und auch Pfarrer ist, fasziniert mich und zu gerne hätte ich ihm einige Fragen zu seinem Lebenslauf gestellt. Wer weiss, ob ich noch Gelegenheit dazu bekommen werde?

Wir lernten die ersten Theorien zu Wahrnehmung, Vorurteilen, Gruppendynamik, Rollen in der Gruppe und als Krankenschwester, Stereotypen, Werten und Normen kennen. Vor allem die praktischen Übungen waren spannend und ermöglichten uns, einander in der Klasse näher kennenzulernen. „Ihr Beruf besteht vor allem aus Teamarbeit“, erklärte Herr S. uns heute. „Gute Zusammenarbeit bedingt Vertrauen und Kollegialität, präzise Kommunikation und Absprachen – nebst dem Fachwissen der Krankenpflege. Das gut funktionierende Team ist die Basis für eine reibungslose Zusammenarbeit und bringt eine gute Qualität in der Krankenpflege – vergessen Sie das nicht!“, dozierte der Psychologe.

Am Schluss des Tages hatten wir zum ersten Mal eine Turnstunde im nahen Schulhaus, um die versteiften Muskeln nach dem langen Sitzen zu lockern und im Spiel den schweren Kopf zu erleichtern. Der Tag war aber damit noch nicht zu Ende: Zum Abschluss lud uns der nächsthöhere Kurs zu einem gemütlichen Abend mit Imbiss, genauer mit „Hotdogs“, ein. Im Keller hatten ehemalige Lernschwestern einen Partyraum eingerichtet, den sogenannten „Auspuff“, und dort bot sich die Gelegenheit, Kontakte zu schliessen, den erfahrenen Kolleginnen Fragen zu stellen und sich kennenzulernen. Ich kannte den Raum bereits, weil ich mich dorthin geschlichen hatte, um meine Übungen auf der Trompete zu machen und hatte damit schon die Gelegenheit gehabt, die Einrichtung der Bar und die Wandmalereien im Voraus genauer anzusehen.

14. Mai 1973

Die ersten drei Stunden des heutigen Tages verbrachten wir mit dem Thema Hygiene und Gesundheitswesen am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. Das Institut beschäftigt sich mit sozialmedizinischen Inhalten, verschiedenen Fragestellungen und Forschungen zum Gesundheitszustand der ganzen Bevölkerung und zum Thema Prävention. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen soziodemografischen und gesundheitlichen Wirkungen? Welche Trends bezüglich Risiken, Krankheiten und Sterblichkeit ergeben sich? Wie kann präventiv gewirkt werden?

Interessante Schwerpunktthemen über Suchtmittel wie Tabak, Alkohol und andere Drogen standen auf dem Programm, was mich in eine Welt eintauchen liess, von der ich keine Ahnung hatte. Noch nie hatte ich Alkohol konsumiert, geschweige denn andere Drogen kennengelernt. Die Stunden verflogen im Nu, vor allem, weil der Dozent einen ausgezeichneten Sinn für Humor hatte und mich damit in seinen Bann zog. Eigentlich wäre alles, was ich hörte, niederschmetternd gewesen, denn die vorgestellten Beispiele der Süchtigen mit ihren leidenden Familien schockierten mich zutiefst. Zum Schluss des Tages gab uns der Wissenschaftler aber einen positiven Satz mit und zeigte uns ein Bild mit dunkelblauen Enzianen aus den Bergen. Er wollte uns wohl nicht in dieser bedrückten Stimmung in den Feierabend ziehen lassen.

Auch am Samstag begeisterte mich ein Lehrer mit seinem Wissen. Ich wünschte mir, dass die Zeit stehen bleiben würde. Er erzählte aus der Welt- und Medizingeschichte, von Menschen in ihren Epochen. Gerne hörte ich zu, dachte mit, verglich mit eigenem Wissen und meinem Weltbild, fragte, akzeptierte, lehnte ab, war begeistert, erstaunt und glücklich, so viel gehört zu haben. Fantastisch. Trotz der Achterbahn meiner Gefühle im Laufe des Unterrichtes war ich begeistert, so viel Neues zu hören, vor allem, weil ich zu Beginn des Tages den Lehrer mit einer gewissen Abscheu betrachtet hatte. Seine brandmagere, junge Gestalt löste ein seltsames Gefühl der Angst in mir aus. Seine eigene Meinung, die er zur Theorie hinzufügte, war mir ungeheuer. So musste sich Gretchen in Goethes Faust gefühlt haben, als sie in der Gegenwart von Mephisto gestanden hatte. Das einfache, junge Mädchen mit dem gebildeten, älteren Mann, Doktor und Wissenschaftler. Trotzdem flogen die zwei Stunden dahin und ich wünschte mir, den Vortrag auf Tonband aufzeichnen zu können. Oft habe ich das Gefühl, dass das gebotene Wissen viel zu schnell über mich hinwegfliegt und ich es nicht halten und bewahren kann. Ich sauge die neuen Themen gierig in mich auf, schreibe wie eine Wilde mit und freue mich auf eine Fortsetzung. Ich schätze die Möglichkeit, diese Ausbildung machen zu können!

21. Mai 1973

Ein herrlicher Tag versinkt im Dunkel der Nacht. Noch leuchten die letzten Sonnenstrahlen am Himmel, doch bald wird der Horizont finster sein.

Wir verbrachten heute noch einmal einen interessanten Morgen am präventivmedizinischen Institut am Zürichberg und hörten allerlei über Zivilisationskrankheiten, vor allem über den Herzinfarkt. Zwar fehlte noch die Pathologie dazu, doch wurden uns die gesellschaftlichen Zusammenhänge, Ursachen, Risikofaktoren und Folgen der Thematik erklärt.

Eigentlich sollte ich jetzt schlafen gehen, ich bin müde. Ich habe für die erste Prüfung in Anatomie, die am Mittwoch stattfindet, gelernt und hoffe, dass ich weiter Zeit finden werde, mich zu vertiefen. Alles ist so herrlich anstrengend, ermüdend, aber auch beglückend.

9. Juni 1973

Pfingstsamstag: Mein Schreibtisch ist voller Bücher und Ordner, Notizen und Unterlagen aus dem Unterricht. Ich lese in meinen Unterlagen und den Büchern über Anatomie und Physiologie, höre leise Musik dazu und geniesse den Frieden und die Stille, die mir beim konzentrierten Lernen hilft. Die meisten meiner Kameradinnen sind nach Hause zu ihren Eltern gegangen. Was mir während der Woche sehr gefällt hier, wenn alle da sind, sind die Plauderstunden mit meinen Kolleginnen in der Küche mit Sitzecke. Hier versammeln wir uns beim Kaffee und tauschen uns über Gott und die Welt aus. Die Mädchen sind nett, so langsam lernen wir uns besser kennen und uns im Zusammenleben zu organisieren, mit allen Vor- und Nachteilen. Wir lernen von Examen zu Examen, lösen die Fragen, geraten manchmal in Wut über die umfangreiche Theorie und sind immer wieder erleichtert, wenn die Schulstunde vorbei ist und die Pause winkt.

Ursi hat ihr Zimmer auf demselben Gang wie ich. Sie ist eine junge Frau, die mir in der ersten Kurswoche sofort aufgefallen ist und mit der ich ins Gespräch gekommen bin. Die Chemie zwischen uns stimmte auf Anhieb. Ihre schwarzen Haare und dunklen Augen haben mich beeindruckt und auch ihr offenes Wesen und dass wir uns gleich so ungezwungen über unsere Vorbildung und unser Privatleben austauschen konnten, mochte ich. Mich beeindruckten ihre Erzählungen über ihre Reisen in verschiedene Länder, vor allem nach Israel, ihr Wissen über die Weltreligionen und die Bodenständigkeit ihres Charakters. Sicher werden wir in den folgenden Monaten einiges zusammen unternehmen und uns gemeinsam in die Lehrbücher vertiefen.

4. Juli 1973

16.30–16.40 Uhr. Zehn Minuten des Grauens, der Verzweiflung. Mein Gesicht war rot, heiss und schmerzend und ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Eigentlich habe ich dem mündlichen Chemieexamen mit Freude entgegengesehen, denn ich glaubte, die Materie zu beherrschen. Stundenlang erklärte ich im Voraus den Mitschülerinnen die anorganische Chemie mit Dipolen, Ionenbindungen, Gleichungen, dem Periodensystem und vielem mehr. Nichts von all dem wurde geprüft. Der Dozent fragte mich Definitionen von Elementen und reinen Stoffen ab – meine Freude sank mit jeder Minute. Ich sprach im Kreis umher, wiederholte das Richtige, aber auch das Falsche und die Zeit verstrich. Nach den zehn Minuten floh ich panikartig aus dem Prüfungsraum und rannte meinem Zimmer im oberen Stockwerk entgegen, wo ich zuerst einmal ausgiebig weinte. Als der Dozent nach draussen kam und meine Kolleginnen nach mir fragte, war ich nirgends mehr zu finden. Ich hoffte auf eine ausreichende Note. Schliesslich musste mich mit einer enttäuschenden 4 zufriedengeben.

Erstes Praktikum Rheumatologie Station H

10. Juli 1973

Seit zwei Tagen arbeite ich im riesigen Stadtspital in meinem ersten Praktikum. Station H, Rheumatologie. Wenn ich alle Gefühle aufschreiben könnte, die mich während den Arbeitsstunden beschäftigen – es wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Von Glück, Freude, Eifer und Stolz über Trauer, Sehnsucht nach vergangenen Zeiten bis hin zu Ekel, Überwindung, Angst, Hoffnung und vielem mehr würde ich berichten.

Am ersten Tag wurde ich einer Lernschwester des nächsthöheren Kurses zugeteilt, um den pflegerischen Alltag mit seinen Abläufen kennenzulernen, zu beobachten und ihr zu helfen. Gerne begann ich, die einfachen Arbeiten zu erledigen, Betten beziehen machte mir keine Mühe. Ich beobachtete alles ganz genau, bewunderte meine Gefährtin, kopierte ihre Handgriffe und wendete an, was ich in der Theorie in der Schule gelernt hatte: pflegerische Handlungen der Grundpflege wie Ganz- und Teilwäsche, Intimpflege, Mundpflege, Essen eingeben, Mobilisation und Lagern, Betten beziehen, Hautbeobachtung, Gehtraining und das Aufschreiben von Beobachtungen beschäftigten mich vorerst. Ich war noch sehr still und unsicher und hoffte, dass sich dies ändern würde, sobald ich die Patienten besser kennen würde, alleine handeln könnte und Sicherheit erlangt hätte.

Grossen Kummer bereitete mir der erste Besuch der Schulschwester Frau Heisterkamp zum Klinischen Unterricht. Zum ersten Mal während zwei Stunden unter den Augen der Expertin zu arbeiten, machte mir Angst. Ich konnte mir nicht vorstellen, in Gegenwart einer Person, die mich mit Sperberaugen beobachten würde, zu pflegen und zu kommunizieren. Zum Glück verstand sie meine Unsicherheit gut und tröstete mich, wenn ich ungeschickt handelte oder zwei linke Hände hatte. Sie begriff, dass ich als Neuling Mühe hatte, auf die kranken Menschen einzugehen und mit ihnen ein Gespräch zu führen, wenn sie danebenstand und zuhörte. Ich fühlte mich unfrei und wog jedes Wort ab, das ich einer Patientin sagte. Nach den gut gemeinten Ratschlägen und pflegerischen Tipps von Frau Heisterkamp verflog mein Kummer mit der Zeit und ich beobachtete, wie sie sich einbrachte, mithalf und in angenehmer Weise auf die Patienten einging. An diesem Tag begriff ich mit aller Klarheit, was mir vorerst Mühe machen würde und wo ich in dieser Ausbildung wachsen und reifen musste: Die Pflegeverrichtungen auszuführen und dabei Gespräche mit leidenden Menschen zu führen, die ich nicht kenne. Dies scheint mir vorerst eine der schwierigsten Aufgaben.

Ich bereue nicht, die Krankenpflege als Beruf gewählt zu haben, denn ich habe Freude, wenn ich Sicherheit gewinne und meine Arbeit zufriedenstellend ausführen kann. Ich sehe täglich, wie nötig es ist, gewisse Handreichungen als Unterstützung zu tun und wie dankbar die Kranken dafür sind. Verschiedene Male wusch ich einen Patienten, der seinen Stuhlgang nicht mehr halten konnte, und sich dafür immer wieder entschuldigte, sich sehr unwohl fühlte und sich schämte. Ausserdem beobachtete ich seine Haut, um bei auftretenden Irritationen oder Rötungen sofort reagieren zu können. Das Wundliegen, der sogenannte Dekubitus, war ein Schreckgespenst, an dem man die Qualität der Pflege messen konnte, denn die Gefahr des Wundliegens besteht bei längerer Bettlägerigkeit immer. Ich wusch also seinen ganzen Körper, machte dann Hautpflege mit einer gut riechenden Creme und unterstützte nachher einen zweiten Patienten, der an einer Krankheit leidet, die ihm unerträgliche Schmerzen verursacht, weil das Bindegewebe sich am ganzen Körper verhärtet. Neugierig wie ich bin und noch ohne ausreichende Pathologiekenntnisse, wollte ich in der Mittagszeit in Büchern die Krankheitslehre nachlesen und fand die Ursachen, Symptome und weitere Informationen zu dieser seltenen Krankheit. Ich las zur Sklerodermie, dass sich aus bisher ungeklärten Gründen das Bindegewebe zusehends verhärte, die Blutgefässe eingeengt würden und somit das Gewebe nicht mehr durchblutet sei. Die Finger werden schneeweiss und steif und die Nervenendigungen sterben ab. Andere Organe können betroffen sein und ihre Funktionen werden nicht mehr richtig ausgeführt. Deshalb also die Schmerzen bei jeder Berührung während der Körperpflege. Der Patient tat mir sehr leid und er brauchte zusätzlich Aufmerksamkeit, als er hörte, welche Prognose seine Krankheit hatte.

Ich sah vieles, was ich tun möchte, für das ich aber noch nicht die Sicherheit oder die Kompetenz besass. Auch fehlte es mir zeitweise an Überwindung, besonders bei der männlichen Intimpflege, die auch von uns Frauen gemacht werden musste. Jedes Mal, wenn ich eine Pflegeverrichtung zum ersten Mal machte, wurde ich von einer Kollegin genau beobachtet und dies führte bei mir, wie vermutlich auch beim Patienten, zu einem gewissen Unwohlsein, verständlicherweise bei der Reinigung der intimen Gegend bei einem Mann oder einer Frau. Wichtig war auch, dass ich die Patienten ermunterte, selber mitzuhelfen, sich das Gesicht, die Arme oder den Oberkörper zu waschen und nicht aus Zeitnot alles selbst zu übernehmen. Die Förderung und Erhaltung der Selbstständigkeit der Patienten ist ein wichtiges Gebot auf dem Weg zur Genesung und im Hinblick auf die Entlassung.

Ich mass Blutdruck, Puls und die Temperatur und half überall dort, wo ich als junge Schülerin gebraucht werden konnte. Ich lernte und lernte und lernte. Am Abend sassen wir jeweils nach 19 Uhr mit grossem Hunger im Bauch am Gemeinschaftstisch und tauschten uns aus. Jede Schülerin berichtete von ihren Erlebnissen, die sie auf ihrer Abteilung gemacht hatte. Ich wünschte mir immer, dass während der Arbeitszeit keine Langeweile aufkommen würde, dass ich ausgefüllt und zufrieden wäre und dies wurde täglich zur Realität, was ich sehr schätzte. Auf die Theorie in der Schule freute ich mich immer sehr. Es gab während diesen Stunden nebst Sonnen- auch Schattenseiten: weniger körperliche Anstrengung, dafür war es anspruchsvoller im intellektuellen Bereich. Beim Repetieren lernte ich auswendig, versuchte durch logisches Denken zu verstehen und war am Schluss trotzdem nicht immer zufrieden mit mir.

Am Wochenende war jedoch Spass und Erholung angesagt. Mit meiner Schulkollegin Regula fuhr ich zu ihr nach Hause aufs Land. Wir spielten Tischtennis, hörten Musik, badeten im Pool, kochten und assen zusammen oder lasen ein Buch. Ich genoss die Lektüre eines Werkes von Hermann Hesse. Eine Geschichte, die schön, herzlich und beglückend zu lesen war, weil sie positiv geschrieben und das Thema der Liebe mit ihren Schattierungen leicht und wunderbar in eine Geschichte verpackte. Ich genoss diesen Roman des bekannten Schriftstellers, dachte gerne über die Handlung nach und sah, wie hell und leicht das Leben auch sein konnte. Eine wunderbare Abwechslung zu den Eindrücken der letzten Wochen im Spital.

Entspannung hatten wir beide nötig. Zu zweit genossen wir das Haus im Grünen, die warme Sonne, die Ruhe und das Nichtstun. Ich merkte, wie viel mir die Natur bedeutete, sie zu betrachten, zu sehen, wie sie lebte und auf mich wirkte. Wirklich ausgeruht konnte ich die neue Arbeitswoche beginnen und die restlichen neun Tage vor den Ferien und dem nächsten Schulblock in Angriff nehmen. Für meine Ferien habe ich eine Woche am Lago Maggiore im Tessin geplant. An der Sonne sein und im See schwimmen, mit vielen jungen Menschen Zeit verbringen und auf andere Gedanken kommen: Dies ist mein Ziel!

Zweiter Theorieblock

30. Juli 1973

Heute war wieder der erste Schultag nach dem Praktikum und wir starteten mit dem zweiten Theorieblock. Das erste Praktikum auf der Abteilung H hatte ich erfolgreich abgeschlossen und die Verlaufsprotokolle, die die diplomierten Kolleginnen über meine Arbeit ausgefüllt hatten, waren zufriedenstellend. Nun sass ich wieder am kleinen, weissen Tisch im Schulzimmer, gut ausgerüstet mit Schreibpapier, Stiften und Büchern der Pflichtlektüre. Wir lernten zwei neue Dozenten kennen, eine Vertretung für die Anatomie und einen Arzt für Gynäkologie/Geburtshilfe. Die Anatomiestunde war ein Graus, der Typ dozierte, als wären wir schon halbe Mediziner. Beim Mitschreiben sudelte ich in aller Geschwindigkeit die Worte aufs Papier, teils mit normaler Schrift, teils in Stenografie, und trotzdem verkrampften sich meine Finger und ich war bestrebt, keine seiner Aussagen und Erklärungen zu verpassen. Wer wusste schon, welche Details prüfungsrelevant werden würden, also wollte ich so viel wie möglich schriftlich festhalten. Ich hoffte, dass wir in den nächsten Stunden eine gemeinsame Ebene und ein anderes Tempo finden würden, denn in vier Wochen steht das Examen auf dem Programm.

1. August 1973

Heute Nachmittag studierte ich in aller Ruhe noch einmal das Gehirn als zentrale Schaltstelle des Körpers, dazu die Hormone, die an verschiedenen Orten des Körpers produziert werden und die Leber mit der Gallenblase und dem Gallengang. In der Anatomie, und vor allem in der Physiologie, fand ich die Tatsache interessant, dass der Körper total logisch aufgebaut und funktionstüchtig ist, solange er gesund ist. Viele Details konnte ich ableiten und musste nicht alles auswendig lernen, abgesehen von der umfangreichen medizinischen Terminologie. „Doch wer die Anatomie und Physiologie nicht versteht, kann auch die Pathologie nicht nachvollziehen“, dozierte unser Assistenzarzt.