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»Im Moment meiner größten Verzweiflung wurde mir klar: Ich muss diesen Weg zu Ende gehen. Egal, was kommt. Immer weiter. Immer Richtung Paradies.« Als Teil der KMN Gang revolutionierte er den Sound von Deutschrap. Doch sein Aufstieg war keine Selbstverständlichkeit. Zuna, bürgerlich Ghassan Ramlawi, wird in einem kleinen Dorf im Libanon geboren. Ein Leben, vorgezeichnet in Armut und Kriminalität, will die Mutter nicht akzeptieren und begibt sich mit den vier Söhnen auf eine verstörende, fast zehn Jahre andauernde Odyssee von Togo über Frankreich, die Schweiz bis nach Deutschland. In seiner Autobiografie berichtet Zuna erstmals von seinen traumatischen Erfahrungen – von dreckigen Flüchtlingsunterkünften und ständiger Obdachlosigkeit, von Menschenhändlern und Drogendealern. Aber auch von seinem Traum, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, um sein ganz eigenes Paradies zu finden.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Für Fragen und Anregungen
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Originalausgabe
1. Auflage 2020
© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
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Für die asylrechtliche Beratung danken wir ganz herzlich Herr Dr. Roman Lehner von der Universität Göttingen.
Redaktion: Sabine Franke
Umschlaggestaltung: ADOPEKID, www.adopekid.com
Umschlagabbildung: Diyalaphotography
Layout, Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
ISBN Print 978-3-96775-003-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0830-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0831-0
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
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Gewidmet meiner Mutter. Möge jede Träne, die wegen mir, aus deinen müden Augen gefallen ist, ein Fluss im Paradies für Dich werden.
PROLOGDresden, im Winter 2010
ZYKLUS I MASIR
PRÄLUDIUM
KAPITEL 1Abenteuer
KAPITEL 2Verletzung
KAPITEL 3Abstumpfung
KAPITEL 4Zerstörung
Bildteil
ZYKLUS II ALQUA
KAPITEL 5Auferstehung
KAPITEL 6Aufstand
KAPITEL 7Kampf
ZWISCHENSPIEL
KAPITEL 8Erfüllung
Es heißt, dass jede Reise ein Ausdruck der rastlosen Sehnsucht nach dem Leben ist. Aber wenn das Leben selbst eine einzige Reise bleibt, dann sehnen wir uns nach einem Platz, an dem wir Rast machen können. Nach einem Platz, an dem wir Ruhe finden. Einem Ort, den wir Heimat nennen. Doch was ist schon Heimat? Ist die Heimat wirklich ein konkreter Ort oder ist sie bloß ein Gefühl, etwas, das wir nur in uns selbst finden können?
Ich starrte an die Decke und atmete tief durch. Ich war müde. Ich war wahnsinnig müde. Aber ich lag trotzdem hellwach in meinem unbequemen Etagenbett und bekam kein Auge zu. Ich hatte einfach zu viele Gedanken im Kopf. Eigentlich hatte ich schon mein ganzes Leben lang zu viele Gedanken im Kopf, aber seit einigen Wochen war alles noch viel komplizierter geworden. Auf was hatte ich mich da bloß eingelassen? Wieso hatten wir nur mit so einer Scheiße angefangen? Ich vertrieb den Gedanken wieder und zog meine Decke etwas höher. Wie spät es wohl war? 2 Uhr? 3 Uhr? Ich beobachtete eine Kakerlake, die an der Wand entlangkrabbelte. Die Viecher trauten sich nur bei Nacht raus. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich aufstehen und sie mit meinem Schuh erschlagen sollte. Aber es hatte keinen Sinn. Sie kamen sowieso immer wieder. Die Dinger waren nicht kaputt zu kriegen.
Ich schreckte auf. Was war das für ein Knall? Ruhig, Ghassan, dreh nicht durch! Das war nichts, das waren nur die Nachbarn. Ich versuchte das Geräusch in meinem Kopf einzuordnen. Zersprungenes Geschirr. Vielleicht ein Glas oder ein Teller. Dann hörte ich Stimmen. Erst leise, dann immer lauter. Die Wände hier waren verdammt dünn. Ich versuchte die beiden Stimmen zuzuordnen. Es waren zwei Männer. Das mussten die Hamad-Brüder sein, sie wohnten links neben uns. Iraner. Ich hatte keine Ahnung, in welchem Verhältnis die beiden wirklich zueinander standen. Sie waren beide Anfang zwanzig. Vielleicht waren sie wirklich Brüder. Oder Freunde. Oder Cousins. Es war eigentlich egal. Für uns waren die beiden die Hamad-Brüder, und das würden sie auch bleiben. Die Wände hier waren so dünn, dass ich jedes einzelne Wort verstand, das gesprochen wurde. Auch wenn ich nicht begreifen konnte, was es bedeutete.
Die beiden sprachen Farsi. Persisch. Aber da war noch eine dritte Person. Und eine vierte. Ich versuchte mich auf die Stimmen zu konzentrieren. Sie wurden immer lauter. Bedrohlich laut. Die Männer brüllten sich an. Ich konnte sie nicht richtig auseinanderhalten. Zwar hatte ich in den letzten Jahren ein paar Worte Farsi aufgeschnappt, aber es reichte natürlich nicht, um zu verstehen, worum es ging. Ich kannte nur den ein oder anderen Begriff. Vertrauen. Ehre. Geschäfte. Dann ein stumpfes Geräusch. Als wäre ein schwerer Gegenstand auf den Boden gefallen. Oder … ein Körper? Einer der Männer schrie laut auf und ich saß jetzt senkrecht in meinem Bett. Gottverdammt!
»Ghassan?«, hörte ich meinen kleinen Bruder Nour. »Bist du wach?«
Er schlief im Doppelbett gegenüber.
»Ja«, flüsterte ich.
»Was ist denn da los?«, fragte er.
»Nichts. Die streiten. Ganz normal. Kennst du doch.«
Ich ließ eine kurze Pause. Wollte hören, was in der Wohnung nebenan passierte. Aber es war ruhig. Beängstigend ruhig. Ich hörte nur noch ein paar Geräusche, die so klangen, als würde man Möbel hin und her schieben. Ich spürte, wie mein Herzschlag immer heftiger wurde.
»Meinst du, die haben einen getötet?«, fragte Nour, der wahrscheinlich die ganze Zeit genauso wach gewesen war wie ich und ebenso jedes einzelne Geräusch aus der Nachbarwohnung verfolgt hatte.
»Red kein Unsinn!«, sagte ich scharf. »Schlaf jetzt.«
Doch ich wusste, dass er nicht schlafen können würde. Genauso wenig wie ich. Wahrscheinlich war niemand getötet worden. Aber ganz ausschließen konnte man das nicht. Ausschließen konnte man hier überhaupt nichts! Ich hasste dieses Loch, in dem wir lebten. Es war verrückt. Diese Wohnung war das Beste, was wir seit zehn Jahren gesehen hatten, und dennoch lag ich wach und war mir nicht ganz sicher, ob in der Nachbarwohnung nicht gerade jemand einfach umgebracht worden war.
Es war kalt. Mama hatte uns verboten, die Heizung aufzudrehen. Das würde nur Geld kosten, sagte sie. Und Geld war etwas, das wir nicht hatten. Zumindest bis jetzt nicht. In diesem Moment erinnerte ich mich wieder, warum wir uns auf diese Nummer eingelassen hatten. Ich atmete tief aus und hörte, wie mein großer Bruder Nasser sich im Bett neben mir umdrehte. Er hatte einen unruhigen Schlaf. Aber wenigstens konnte er überhaupt schlafen. Ich starrte wieder an die Decke und versuchte zur Ruhe zu kommen.
Die Hamads waren komische Leute. Sie waren ziemlich verschlossen. Grüßten niemanden. Blieben unter sich. Sie waren safe in irgendwelche seltsamen Geschäfte verstrickt. In dem Moment dachte ich wieder an unser eigenes Business. An die Drogen, die wir seit einigen Wochen verkauften. Mein Magen zog sich zusammen.
Ich wusste, dass das, was wir taten, falsch war. Ich wusste, dass wir uns auf sehr, sehr dünnem Eis bewegten. Dass wir uns auf sehr gefährliche Leute eingelassen hatten. Und ich wusste, dass das alles ganz brutale Konsequenzen haben konnte. Aber ich wusste auch, dass es keine wirkliche Alternative für uns gab. Mein ganzes Leben lang, meine gesamte Kindheit über war es mir und meiner Familie nur darum gegangen zu überleben. Wir hatten überlebt. Aber das, was wir nach zehn Jahren auf der Reise und im ständigen Kampf gewonnen hatten, war es nicht wirklich wert, ein Leben genannt zu werden.
Ich schreckte hoch. Wieder das Geräusch von Möbeln, die verschoben wurden. Dieses Mal lauter als vorhin. Was stellten die da bloß an? Dann hörte man, wie einer unserer Nachbarn seine Wohnungstür aufriss. »Jetzt haltet doch mal die Fresse!«, brüllte er in den Flur. Das war Herr Zahid. Ein übergewichtiger Araber, der mit seinen fünf Kindern und seiner Frau direkt gegenüber wohnte. Es war nicht so schwer, Herrn Zahid zu provozieren. Er war ein übler Choleriker. Es wunderte mich nicht, dass er auf die Barrikaden ging, wenn man seine Nachtruhe störte. Und seine Ansage zeigte Wirkung. Auf einmal war es ganz still.
Aber in meinem Kopf arbeitete es weiter. Ich malte mir aus, was da in der Wohnung nebenan passiert war. In dem Block, in dem wir lebten, passierte ständig etwas. Es gab immer irgendwelche Geschichten, die man hier erzählen konnte. Vielleicht lag das daran, dass hier so viele Menschen zusammengepfercht waren, die alle eine Vergangenheit mit sich schleppten, die ihnen ihre Gegenwart aussichtslos erscheinen ließ. Das waren Menschen, die keine Hoffnung mehr hatten. Und wenn ein Mensch keine Hoffnung mehr hat, dann verliert er seine Menschlichkeit.
Noch während ich darüber nachdachte, dass inzwischen auch ich oft kurz davor stand, die Hoffnung zu verlieren, bemerkte ich, dass das gesamte Zimmer hell erleuchtet wurde. Irritiert schaute ich mich um. Die Decke, die Wände, die Möbel, alles blau. Ich brauchte einen kurzen Moment, um zu realisieren, was los war. Dann verstand ich. Das Blaulicht kam durchs Fenster. Ich stieg vorsichtig aus dem Bett und schaute auf den Hof hinaus. Da standen vier Polizeiwagen, aus denen jeweils zwei Beamte ausstiegen.
»Ghassan?«, hörte ich meinen kleinen Bruder. »Was ist da los?«
Ich reagierte nicht. Ich starrte einfach nur auf die Polizeiwagen. Auf die lautlosen Sirenen, auf das kreisende Blaulicht. Es war, als würde es mich hypnotisieren.
»Ghassan? Alles klar bei dir?«
Ich spürte, wie all die Gedanken, die mich den ganzen Abend über belastet hatten, von mir abfielen. Ich war auf einmal ganz klar und wechselte nun in einen ganz anderen Modus. In meinen Überlebensmodus.
»Bleib im Bett liegen!«, sagte ich zu Nour.
Dann zog ich meine Jogginghose an, streifte mir ein Shirt über und griff nach meiner Jacke.
»Ghassan, was machst du? Wo willst du hin?«
Ich wusste nicht, was ich meinem kleinen Bruder antworten sollte.
Ich ging zur Tür und schaute mich noch einmal im erleuchteten Zimmer um. Ließ meinen Blick über den kleinen Tisch mit den Aldi-Eistee-Packs und dem Fladenbrot schweifen, das wir nach dem Abendessen wieder in die hauchdünne blaue Plastiktüte verpackt hatten, damit es nicht hart wurde. Ich betrachtete das kleine verranzte Waschbecken mit den braunen Kalkablagerungen an der Wand. Auf dem Teppich sah ich im Blaulicht deutlich den riesigen rostfarbenen Fleck. Ich erinnerte mich, wie Mama zusammengezuckt war, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, an dem Tag, als wir hier eingezogen waren. Wie viele Stunden hatte sie versucht, ihn wegzuschrubben? Vergeblich. Ich betrachtete die kaputten Möbel, die uns das Rote Kreuz besorgt hatte – und die älter waren als wir. Dann schaute ich auf meine Brüder. Nasser und Mansour schliefen fest. Nur Nour lag wach und schaute mich mit großen Augen an.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich. »Alles wird gut.«
Ich öffnete die Wohnungstür einen kleinen Spaltbreit und versuchte zu hören, was im Hausflur vor sich ging.
»Los, los, los!«, hörte ich einen Mann brüllen. »Zweiter Stock, dritte Wohnung links. Schneller, schneller!« Die Männer stapften die Treppe hinauf.
»Alles ist gut, Nour!«, sagte ich zu meinem kleinen Bruder. »Du musst keine Angst haben.« Ich war ein klein wenig beruhigt. Ich wusste, dass sie nicht wegen uns gekommen waren. »Pass auf, dass Mama sich nicht aufregt, okay?« Nour nickte.
Dann verließ ich das Loch, das unsere Wohnung war, und zog die Tür hinter mir zu. Im Hausflur brannte Licht. Es stank beißend nach Urin. Ich hielt die Luft an und stieg die Treppe hinab. Ich spürte gar nichts mehr. Ich hatte eine ganz tiefe innere Ruhe gefunden.
»Aufmachen, Polizei!«, hörte ich jemanden brüllen. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und stöpselte sie in meinen MP3-Player.
»Sofort die Tür aufmachen!«
Ich drückte auf Play und drehte die Lautstärke auf Maximum. Dennoch konnte 50 Cent das, was um mich herum geschah, nicht übertönen.
Als ich die Treppe hinunterstieg, kam ich an zwei Polizisten vorbei. Sie waren in voller Montur, trugen schusssichere Westen, Helme und Maschinenpistolen.
»Junge, was machst du denn hier?«, brüllte mir einer ins Gesicht. Ich starrte ihn nur kurz an und ging wortlos weiter. Er ließ mich vorbei. Ich wusste, dass es hier nicht um uns ging. Als ich im zweiten Stock ankam, schaute ich in den Flur, wo gerade zwei Beamte eine Tür aufbrachen. Zweiter Stock, dritte Wohnung links. Ich überlegte kurz, ob ich wusste, wer hier wohnte. Aber nein, ich kannte diese Leute nicht.
»Auf den Boden, Hände hinter den Kopf!«, brüllte ein Bulle. »Sofort auf den Boden, habe ich gesagt!«
Ich ging die Treppe weiter runter und verließ das Wohnhaus. Als ich draußen an der frischen Luft war, nahm ich einen tiefen Atemzug. Dann fischte ich mir eine Zigarette aus der Jackentasche und zündete sie an.
Ich ging an den Polizeiautos vorbei. In dem Moment kamen zwei weitere Streifenwagen angefahren, eine Sirene heulte kurz auf und ich erschrak. Ich weiß nicht, warum sie mich so sehr in ihren Bann zog, aber immer wenn ich dieses Licht sah und dieses penetrante, eindringliche Geräusch hörte, verlor ich ein Stück von mir selbst. Irgendwas zog mich dann aus der Wohnung und ich hatte das Bedürfnis, einfach rauszugehen und durch die Gegend zu laufen. Vielleicht hatte ich mir irgendeinen psychischen Knacks zugezogen, in all den vergangenen Jahren. Ein Psychologe würde bestimmt viel Freude an meiner Geschichte haben. Ich schaute zu unserer Wohnung hoch und sah Nour, wie er am Fenster stand. Er blickte mich ängstlich an. Ich gab ihm ein Zeichen zu verschwinden. Dann ging ich an den Polizeiautos vorbei Richtung Hauptstraße.
Es war nicht so, dass ich flüchtete. Es war eher so, dass ich mich in einen anderen Zustand brachte. In den Kriegsmodus. In einen Zustand, in dem ich bereit war zu kämpfen. In dem ich bereit war, meine Familie zu verteidigen. Es gab nichts Positives, das ich mit der Polizei assoziierte. Mit der Polizei verband ich nur Gewalt, Angst und Abschiebung. Immer wenn die Polizei zu uns gekommen war, bedeutete das, dass sie uns etwas wegnahm. Oder dass sie uns wegschickte. Ich wusste, dass das nicht gerecht war. Dass die allermeisten Polizisten nur ihren Job machten. Aber es spiegelte nun einmal meine Erfahrung wider, und gegen das Gefühl, das diese Erfahrungen in mir auslösten, konnte ich mich einfach nicht wehren.
Ich drehte mich ein letztes Mal um und sah, wie vier Beamte einen vielleicht vierzigjährigen Mann mit einem dicken Schnauzer in einen der Streifenwagen drückten. Er hatte nur eine weiße Unterhose und ein Paar Schuhe an. Sonst war er völlig nackt. Er setzte sich nicht zur Wehr. An der Tür von unserem Haus stand eine ältere Frau mit Kopftuch, die schrie und weinte.
Ich ging die Hauptstraße entlang und drehte mich nicht mehr um. Ich ging einfach geradeaus und hörte auf die Musik in meinen Ohren. Irgendwann bog ich dann in eine kleine Seitengasse ein. Von dort aus ließ ich mich treiben. Ich kannte Dresden mittlerweile recht gut, war hier halbwegs heimisch geworden. Immer wenn ich Ärger hatte, lief ich nachts hier einfach ein wenig herum. Es war, als würde ich Frieden in den Lichtern dieser Stadt suchen, dachte ich. Und dennoch fand auch ich hier immer wieder Orte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Es musste mittlerweile 3 oder 4 Uhr sein, schätzte ich. Die Straßen waren menschenleer. Doch dann sah ich, dass aus einer Gasse Licht kam. Ich blieb stehen und nahm meine Kopfhörer aus den Ohren. Nun hörte ich einen komischen Gesang. Merkwürdig, dachte ich. Um diese Zeit? Ich folgte dem Licht und dem Gesang und ging in die kleine Gasse, die mich schließlich zu einem großen Platz führte. Ich traute meinen Augen nicht. Wo war ich denn hier gelandet? Diesen Platz hatte ich noch nie gesehen.
Eine Grünfläche. Versteckt mitten im Stadtzentrum. Überall standen Fackeln und es liefen Menschen herum, die ein paar Obststände aufgebaut hatten. Das muss wohl ein Nachtmarkt sein oder so was, dachte ich. Aber das hier war ganz anders als alle Märkte, die ich bisher gesehen hatte. Irgendwie fremdartig. Der Platz wirkte altertümlich, als würde er gar nicht zu Dresden gehören. Überall waren große Pflanzen in antiken Töpfen aufgestellt. Ein Straßenmusiker sang ein Lied in einer Sprache, die ich nicht kannte, und es gab eine Art Restaurant, das lange Tischreihen und Sitzbänke aufgebaut hatte, an denen Menschen saßen und Wein tranken. »Taverna Homer« stand auf einem Schild. Ich öffnete meine Jacke. Es war gar nicht mehr kalt. Im Gegenteil, es fühlte sich an, als wäre es eine Hochsommernacht. Vielleicht das Feuer, dachte ich.
Die Menschen hier schienen mich gar nicht zu beachten. Sie waren mit sich selbst beschäftigt. Die ganze Szene fühlte sich völlig surreal an. War ich noch in Dresden? War ich noch wach? Träumte ich das? Ich dachte daran zurück, dass ich noch vor einer halben Stunde in unserer versifften, viel zu kleinen Wohnung in meinem Bett gelegen hatte und von meinen Ängsten fast erdrückt worden war – und jetzt war ich … hier? Das war merkwürdig. Die Gedanken an die Polizei und die Hamad-Brüder fühlten sich auf einmal ganz fremd an. Als wäre das vor ganz langer Zeit passiert. Ich wurde seltsam ruhig.
In der Mitte des Platzes sah ich eine Parkbank, auf der ein alter Mann saß. Er kam mir irgendwie bekannt vor, obwohl ich mir sicher war, sein Gesicht noch nie gesehen zu haben. Er starrte einfach nur geradeaus und hatte einen großen, mächtigen Spazierstock aus Holz in der Hand.
Irgendetwas zog mich zu ihm. Ich näherte mich der Bank und sah, dass er mich zu sich winkte, ohne mich anzuschauen. Er blickte noch immer starr geradeaus.
»Setz dich zu mir, mein Junge«, sagte er mild. »Was machst du hier?«
Ich zuckte mit den Schultern und näherte mich dem Alten. »Ich weiß es selbst nicht so richtig.«
Der Mann starrte weiter vor sich hin. Seine Augen waren hellblau, aber sie wirkten starr. Ich fragte mich, ob er blind war.
»Es scheint, als wärst du fündig geworden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Du warst auf der Suche.«
»Ich habe nichts gesucht.«
»Wir suchen alle etwas.«
Ich dachte kurz nach. Klar suchten wir alle etwas. Das ganze gottverdammte Leben ist doch nichts anderes als eine Suche. Die Suche nach Glück, Geld oder Anerkennung. Oder eben nach einer Heimat …
»Wie alt bist du, Junge?«
»Siebzehn«, antwortete ich. Ich ließ eine kurze Pause. »Aber ich fühle mich, als hätte ich schon mehrere Leben hinter mir«, fügte ich hinzu. Ich erschrak über mich selbst. Ich wusste gar nicht, warum ich das gesagt hatte. Eigentlich war ich seit einigen Jahren so verschlossen, dass ich solche Dinge nicht einmal andeutete. Nein, ich dachte sie nicht einmal. Aber irgendetwas an der Präsenz dieses Mannes war so außergewöhnlich, dass ich gar nicht anders konnte, als auszusprechen, was ich dachte. Vielleicht lag es auch an diesem merkwürdigen Ort. Der Alte nickte und starrte weiter geradeaus. »Du hast wohl eine ziemlich spezielle Geschichte, nicht wahr, Junge?«
»Kann schon sein.«
»Erzähl sie mir.«
»Das ist wirklich eine sehr lange Geschichte …«, versuchte ich abzuwiegeln.
»Schau mich an«, sagte der alte Mann mit den starren Augen. »Ich habe alle Zeit der Welt. Also los, erzähl sie mir. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte, die ich zu hören bekomme, sehr viel älter ist als du mit deinen siebzehn Jahren.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte ich ihn verwirrt. Doch er starrte nur weiter vor sich hin und stützte sich auf seinem Stock ab. Ich schaute mir noch einmal diesen fremdartigen Platz an, auf den ich gestoßen war.
»Also gut«, sagte ich. Und dann fing ich an, dem alten, mysteriösen Mann meine Geschichte zu erzählen.
Die erste Erinnerung an mein Leben ist die Erinnerung an meinen Tod. Ich war gerade einmal fünf Jahre alt und bin völlig unerwartet gestorben, was dann einiges an Problemen nach sich zog. Das Ganze passierte an einem ziemlich heißen Dienstag im Libanon.
Der Libanon ist meine Heimat. Er war meine Heimat. Als ich am 3. Juli 1994 geboren wurde, hatte das Land gerade einen schweren Bürgerkrieg hinter sich. Der Libanon war wirtschaftlich und politisch völlig am Ende. Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen. Nicht bloß im Land, sondern auch bei meiner Familie. Die Narben saßen tief. Und wir hatten gerade alles verloren, was sich meine Eltern einmal aufgebaut hatten. Doch das erfuhr ich erst sehr viel später. Als Kind dachte ich darüber nicht nach. Als Kind hatte ich andere Dinge im Kopf.
Es war noch früh am Vormittag und meine Großmutter hatte Mama gerade abgeholt, um mit ihr auf den Marktplatz zu gehen und frisches Hammelfleisch zu kaufen. Wie jeden Dienstag.
Ich hatte schon die ganze Woche auf diesen Moment gewartet. Darauf gewartet, dass sie endlich aus dem Haus gehen würden, damit ich für mindestens drei Stunden gemeinsam mit meinem Bruder sturmfreie Bude hätte. Es gab da nämlich etwas, das mich beschäftigte. Etwas, das mich als Kind viele Nächte lang nicht schlafen ließ. Und das war der Wunderkasten. Der Wunderkasten war ein Fotoapparat, aber eben kein normaler Fotoapparat. Es war ein Superfotoapparat. Dieses Ding war viel, viel krasser als all die normalen Fotoapparate. Normalerweise knipste man ein paar Bilder, öffnete das Gehäuse, holte den Film heraus und brachte ihn in ein Fotolabor. Zwei Wochen später konnte man sich dann die Bilder wieder abholen. Aber der Wunderkasten war anders. Meine Mutter musste nur auf den Knopf drücken und das Foto kam direkt aus dem Gerät heraus. Einfach so. Sie nahm es dann, schüttelte es ein paarmal – und schon war das Bild fertig. Wie ging das? Für mich war das Magie. Oder zumindest irgendeine Form von hoch entwickelter Technik, die auf mich magisch wirkte.
»Kann ich mal sehen, Mama?«, nervte ich meine Mutter wochenlang zu Tode. Ich wollte dieses Gerät unbedingt haben.
»Auf gar keinen Fall«, sagte sie streng. »Du machst es nur kaputt.«
»Quatsch«, entgegnete ich trotzig. »Ich will es nur …« Ich dachte kurz nach. »Ich will es nur studieren.« Da musste meine Mutter doch drauf anspringen. Sie wollte doch immer, dass ich lerne, dass ich mich weiterbilde, dass ich eines Tages mal auf eine Universität gehe und klug werde. Dann musste sie mich doch auch den verdammten Wunderkasten studieren lassen.
»Vergiss es!«, schmetterte sie meinen Versuch eiskalt ab. »Der Polaroid-Apparat ist tabu für dich. Der war teuer.«
Ich fand das wahnsinnig unfair. Ich hatte wirklich nicht vor, das Ding kaputt zu machen. Okay, ich wollte es aufschrauben, um zu verstehen, wie das mit den Fotos funktionierte. Unser Nachbar Machmoud hatte da so eine ziemlich irre Theorie.
»Da sind winzige Menschen mit weißen Kitteln drin«, hatte er erzählt. »Wie die Typen, die im Fotoladen arbeiten. Halt nur … in klein, so.«
»Glaube ich nicht.«
»Ist aber so! Wer soll denn sonst die Fotos entwickeln? Denkst du, das geht von alleine?«
»Keine Ahnung.«
Mich machte das wahnsinnig. Ich wollte diesen verdammten Polaroid-Automaten aufschrauben, um nachzugucken. Ich wollte das Gerät in all seine Einzelteile zerlegen.
Da meine Mutter merkte, wie wild ich auf das Ding war, und wusste, wie tollpatschig ich sein konnte, versteckte sie den Apparat in der obersten Ablage unseres Wohnzimmerschranks.
Aber das konnte mich nicht abhalten. Alles, was ich brauchte, war eine passende Gelegenheit. Und ich wusste, dass der Dienstag der Tag war, an dem sich die Gelegenheit ergeben würde.
»Ghassan. Mansour. Ich gehe mit Oma und euren beiden Brüdern auf den Markt!«, rief Mama durch das Haus. »Stellt nichts an, klar?«
»Klar, Mama!«
Ich schloss die Augen, atmete tief durch – und stellte mich innerlich auf meine Mission ein. Ich ließ ein paar Minuten verstreichen. Dann rannte ich in die Küche, holte mir dort einen Stuhl und schleifte ihn hinter mir her.
»Was machst du da?«, fragte Mansour, mein zwei Jahre älterer Bruder, der mich beobachtete. »Nichts«, sagte ich. Das hier war mein Ding. Es ging Mansour nichts an. Ich wollte den Wunderkasten für mich allein entdecken. Das war mir wichtig.
Ich kletterte auf den Stuhl und öffnete die oberste Schrankschublade, griff nach dem Kasten. Ich konnte sehen, wie er da lag. Aber ich kam nicht dran. Ich war zu klein. Es fehlte ein kleines Stück.
»Verdammt«, fluchte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen. Streckte mich noch ein wenig weiter. Nur noch ein kleines Stückchen. Ich spürte, wie der Stuhl leicht wackelte. Komm schon, Ghassan, du hast es fast geschafft. Ich streckte meinen Arm ganz aus, spürte schon den Apparat an meinen Fingern und …
»Ghassan! Pass auf!«, schrie Mansour. Ich verlor das Gleichgewicht, spürte, wie mein Körper langsam nach hinten kippte, wie der Stuhl seinen Halt verlor, ebenfalls wegbrach und ich fiel und …
*
Schwarz. Alles war nur noch schwarz. Und obwohl ich gar nichts sah, nichts sah außer der tiefsten Schwärze, die ich je gesehen hatte, drehte sich alles. Mein Kopf tat höllisch weh. Was war passiert? Ich versuchte mich kurz zu orientieren. Ah. Der Wunderkasten. Der Stuhl. Ich erinnerte mich. Langsam, ganz langsam öffnete ich die Augen. Alles war verschwommen. Instinktiv fasste ich an meinen Hinterkopf. Er fühlte sich feucht an. Ich führte mir die Hand ganz nah vor die Augen. Sie war rot. Es klebte Blut an meinen Fingern. Oh, dachte ich. Das musste wohl beim Sturz passiert sein. Ich spürte, dass mein Hinterkopf auf einer Kante lag, auf der ich wohl aufgeschlagen war. Noch während ich darüber nachdachte, was genau geschehen war, hörte ich, wie die Haustür aufgeschlossen wurde.
»Mama, Mama, komm schnell! Ghassan ist tot!«, hörte ich Mansours Stimme.
»Was redest du?«, sagte Mama genervt.
Was redet er?, dachte ich und versuchte meine Gedanken zu fokussieren. Mir war übel. Es drehte sich noch immer alles. Ich schweifte immer wieder ab.
»Ja, er ist von einem Stuhl gefallen und liegt jetzt im Wohnzimmer in einer Blutpfütze. Ich habe versucht, ihn zu wecken. Aber er ist tot.«
Ich hörte einen Knall. Mama ließ wohl ihre Einkaufstüten fallen. Ich hörte, wie sie ins Wohnzimmer gerannt kam. Wie sie vor mir stehen blieb. Eine ewig lange Sekunde. Dann öffnete sie ihren Mund und schrie laut auf. Dann riss sie das Fenster auf und rief nach ihrem Bruder, der im Haus gegenüber wohnte.
»Ali! Ali«, brüllte sie und ich bekam Gänsehaut. So hatte ich Mamas Stimme noch nie gehört. Sie hatte einen komischen Klang, eine merkwürdige Mischung aus Verzweiflung und Hysterie. »Komm sofort her! Ghassan ist tot!«
»N…« Ich wollte etwas sagen, wollte Mama beruhigen. Aber aus meinem Mund kamen einfach keine Worte. Keine Laute. Ich wollte mich aufrichten, um Mama zu zeigen, dass ich noch lebte. Aber ich konnte nicht. Ich war zu schwach. Ich fühlte, wie ich langsam wieder wegdämmerte. Starb ich gerade vielleicht doch?
Ich nahm noch wahr, wie sich Mansour neben mich setzte und mit seinem kleinen Plastikauto weiterspielte.
Mama lief panisch im Kreis. Irgendwas schien mit ihr nicht zu stimmen.
Ich atmete einmal ganz tief durch und riss mich zusammen. Ich zwang meinen Körper, wieder zu funktionieren. Ich richtete mich langsam, ganz langsam auf und sah aus dem Fenster. Sah, wie Onkel Ali panisch nur in Boxershorts auf den Balkon seines gegenüberliegenden Hauses lief und über die Brüstung aus dem zweiten Stock heruntersprang, um so schnell wie möglich bei uns zu sein. Er schrie laut los, als er am Boden aufprallte.
Im selben Moment starrte mich Mansour an. »Mama, komm mal. Ghassan lebt wieder.«
Es passierte alles gleichzeitig. Mama kam angerannt und küsste mich, währenddessen hörte ich Onkel Ali laut schreien, dass sein Fuß gebrochen wäre.
»Ghassan«, fragte Mama plötzlich in einem veränderten, sehr klaren Ton. »Was genau ist hier passiert. Was hast du gemacht?«
Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Wenn Mama rauskriegte, dass ich an den Polaroid-Apparat gewollt hatte, war ich so was von geliefert! Mama war sehr, sehr gut darin, sich die kreativsten Strafen für uns Kinder einfallen zu lassen. Und eine miese Strafe von Mama war dreimal so schlimm, wie vom Stuhl zu fallen und zu sterben.
»Ahhhh, mein Fuß! Ruft einen Arzt!«, hörte ich Onkel Ali von draußen brüllen, und Mama, die nun wieder ganz klar war, warf mir einen eiskalten Blick zu. »Wir reden noch, Freundchen!« Dann rannte sie raus, um kurz nach ihrem Bruder zu schauen.
Ich blickte zu Mansour, der weiter sein Auto vor sich herschob.
»Das gibt richtig Ärger, Ghassan …«, sagte er, ohne mich anzuschauen. »Selber schuld, weil du das Fotodings nur für dich wolltest.«
Ich stöhnte auf.
Die Erinnerung an meinen kurzzeitigen Tod hat sich mir tief eingebrannt. Genauso wie die Erinnerung an den folgenden vierwöchigen Hausarrest. Es war der erste von vielen Toden, die ich in meinem Leben noch sterben sollte. An einem Dienstag im Libanon.
*
Lautes Lachen. Die Stimmung war ausgelassen. In unserem Wohnzimmer saßen ein paar Onkel und Cousins, tranken Tee und konnten kaum an sich halten.
»Und dann haben sie gesagt: Nein!«
»Einfach nein?«
»Einfach nein! Keiner kommt hier rein. Ende der Geschichte.«
Ich wusste sofort, worum es ging. Denn wenn sie in dem Ton sprachen, in dem sie gerade sprachen, dann sprachen sie von Onkel Noah. Onkel Noah war der Cousin meiner Mutter. Und er war im Libanon so etwas wie eine lebende Legende. Ich war gerade seit ein paar Tagen wieder unter den Lebenden und genoss es, den Gesprächen meiner Onkel zuzuhören.
Onkel Noah wohnte bei uns im Dorf. In Kneise, Region Baalbek. Im schönsten Haus auf einem großen Hügel, am Rande der Ortschaft. Onkel Noah war Drogenhändler. Aber nicht irgendein Drogenhändler. Er war wahnsinnig groß im Geschäft. Er hatte vor vielen Jahren angefangen, ein Feld mit Marihuana anzubauen. Aus dem einen Feld wurden zwei Felder. Drei Felder. Und irgendwann wurde aus Noah dem Drogendealer Noah der Drogenbaron. Er baute sich ein regelrechtes Imperium auf, war international vernetzt, vertickte das Zeug über sämtliche Grenzen – und wurde reich. Er wurde zum Millionär.
Wer im Libanon Geld hatte, der hatte im Libanon etwas zu sagen. Und so war Onkel Noah auch so etwas wie der ungekrönte König in unserem Dorf. Er hatte gute Freunde beim Militär, sodass er eigene Soldaten hatte, die für ihn als eine Art Bodyguards fungierten. Die gesamte Zufahrtsstraße nach Kneise wurde von Soldaten bewacht. Das Haus von Onkel Noah wurde von Soldaten bewacht. Und wenn er mit seinem gepanzerten Range Rover mit den abgedunkelten Scheiben einen Ausflug machte, wurde auch der immer von einem Militärjeep mit Soldaten bewacht. Unser gesamtes Dorf war praktisch abgeriegelt. Niemand kam rein. Niemand traute sich rein. Es war absurd. Wenn man sich eine Landkarte anschaute, dann lag Kneise mitten im Nichts. Es war auf den meisten Karten nicht einmal eingezeichnet. Aber dieses Nichts war befestigt wie eine Hochsicherheitsanlage.
»Und sie haben die Polizei nicht reingelassen?«
»Nein, sie haben gesagt, sie sollen sich verpissen. Und sie haben sich verpisst!«, lachten meine Onkel weiter.
»Munjid hat Glück gehabt. Aber er sollte aufpassen in Zukunft«, mahnte einer der Männer streng, und ich setzte mir im Kopf zusammen, worum es bei dem Gespräch wohl ging. Munjid war ein Cousin von mir. Er war siebzehn und arbeitete in Beirut. Er hatte mal wieder Ärger gemacht und irgendjemanden abgezogen. Munjid hatte ständig Ärger. Ich weiß nicht genau, worum es dieses Mal ging, aber es war wohl etwas Größeres, sodass die Polizei hinter ihm her war. Er war mit seinem aufgepimpten Roller zu uns nach Kneise gefahren und die Polizisten hatten ihn verfolgt. Aber an der Dorfgrenze wurden sie aufgehalten. Die Militärs ließen sie nicht rein. Und die Cops? Die zogen einfach wieder ab.
So ist der Libanon. Es gibt kaum funktionierende staatliche Strukturen. Militär und Polizei arbeiten nicht zusammen. Fast jeder ist korrupt und bloß sich und seiner Familie verpflichtet. Es gibt hier nur ein Gesetz: das Gesetz des Stärkeren. Und der Stärkste im Nordlibanon war eben Onkel Noah. Aber Stärke bedeutet nicht zwangsläufig nur körperliche oder finanzielle Stärke. Man konnte sich auch den Respekt der anderen Familien verdienen. Onkel Noah war nicht bloß reich und mit einer Privatarmee ausgestattet – er tat auch etwas für seine Leute. Er ging in die Politik und kämpfte für eine bessere Sozialversorgung.
Der lange Arm von Onkel Noah reichte nicht bloß in den Libanon. Auch im Ausland war er gefürchtet. So war einer seiner Brüder einmal in Frankreich verhaftet worden. Onkel Noah organisierte eine Gefangenenbefreiung, und als Adnan gerade in einem Transporter von einem Gefängnis in ein anderes Gefängnis verlegt werden sollte, bremsten sieben gepanzerte Limousinen den Transporter ab. Aus den sieben Limousinen stiegen Dutzende bewaffnete Libanesen, die seinen Bruder mitnahmen. Die Aktion muss filmreif gewesen sein. Und das alles mitten auf einer Autobahn.
Ich setzte mich zu den Onkeln und hörte ihren Gesprächen zu. Für mich war das damals einfach alles ganz normal. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass das Verhalten meiner Verwandten für irgendeinen Menschen auf der Welt nicht selbstverständlich war, dass man Dinge vielleicht auch anders klären konnte als mit Gewalt. Ich hörte zu. Und ich lernte.
Ein paar Wochen später konnte ich das, was ich gelernt hatte, dann auch anwenden.
*
Es war Sommer. Und im Sommer gab es bei uns fast jedes Wochenende ein großes Familienfest. Wenige Stunden zuvor hatten meine Brüder und ich Bänke, Plastikstühle und Holztische aus dem Keller herangeschleppt. Jetzt, nachdem einer meiner Onkel den Grill angemacht hatte und die ersten Lammkeulen auf dem Feuer lagen, roch es nach frisch angebratenem Fleisch. Ich liebte diesen Geruch. Die lauten Stimmen meiner Onkel drangen zu mir herüber. Sie saßen in einem Stuhlkreis, rauchten Wasserpfeife und sprachen über Politik. Sie stritten und fluchten auf Arabisch. Solche Gespräche und Debatten waren immer ziemlich wichtig für meine Onkel. Frauen und Kinder hatten in diesen Stuhlkreisen nichts verloren. Was sie auf mich nur noch viel mystischer wirken ließ. Stattdessen saß ich mit meinen Cousins im Wohnzimmer und spielte mit ein paar Actionfiguren. Auch meine Cousinen waren dabei. Und das war ein Problem für mich. Denn als Kind hatte ich ein ziemlich großes Problem mit dem anderen Geschlecht.
Ich war damals ein Macho. Wahrscheinlich der größte Macho, den man im Libanon finden konnte, und im Libanon konnte man so einige übertriebene Typen finden, die einen an der Klatsche hatten. Es gab aber einen Unterschied zwischen mir und diesen Kerlen: Im Gegensatz zu ihnen war ich gerade mal fünf Jahre alt. Dennoch hatte ich ein ausgeprägtes Bedürfnis, die Ehre der Frauen in meiner Familie zu verteidigen. Auch wenn ich keinen Plan davon hatte, was das eigentlich heißen sollte. In der Praxis bedeutete es einfach, dass ich meine kleinen Cousinen unterdrückte und terrorisierte. Alles, was sie taten, kritisierte ich. Ich sprach ihnen irgendwelche Verbote aus und sagte, dass sie sich ehrenhaft verhalten und ehrenhaft anziehen sollten. Auch bei diesem Familienfest sah ich mich in der Pflicht, Ansagen zu machen.
Ich weiß gar nicht, woher das kam. Ich hatte nur das Gefühl, dass es meine Pflicht wäre, vielleicht, weil ich das bei anderen Familien so sah. Bei den Familien, die nicht so waren wie unsere Familie. In unserer Familie gab es kein Oberhaupt, keinen Mann im Haus, keinen Vater. Niemanden, der für Ordnung sorgte. Baba habe ich nie wirklich kennengelernt. Er starb, als ich noch sehr, sehr jung war. Er war Taxifahrer und wurde zum Militär einberufen. Er zog irgendwann in den Krieg und kam nie mehr zurück. Von diesem Tag an kümmerte sich meine Mutter um mich und den Rest der Familie: meine großen Brüder Mansour und Nasser, die Zwillinge, die zwei Jahre älter waren als ich, und meinen kleinen Bruder Nour, vier Jahre jünger. Irgendwann war ich der festen Überzeugung, dass ich ihr diese Verantwortung abnehmen müsste. Und merkte dabei gar nicht, dass ich mich wie ein Idiot verhielt.
Die fehlende Vaterfigur führte auf diesem Sommerfest dazu, dass ich die Kontrolle verlor. Meine kleine Cousine Zeynep stolperte gut gelaunt durch das Wohnzimmer, quer über die Actionfiguren, direkt Richtung Gartentür, sie hatte die Onkel in ihrem Blick, die im Stuhlkreis saßen und über Politik sprachen. Sie trug nur eine Windel. Das durfte doch nicht wahr sein! Konnte sie sich nicht etwas mehr anziehen? Ich spürte Wut in mir aufsteigen.
»Was machst du denn?«, fauchte ich sie an, als sie an mir vorbeiging. Ich hielt eine He-Man-Actionfigur in der Hand.
Zeynep blieb erschrocken stehen und starrte mich mit ihren großen schwarzen Augen an.
»Ich habe dich etwas gefragt!«, setzte ich nach und spürte, wie sich meine Hand um He-Mans Körper schloss und ich fester und fester zudrückte. Die Kleine wusste gar nicht, was ich von ihr wollte. Hilfe suchend blickte sie zu meinen Brüdern, aber die zuckten auch nur mit den Schultern und sahen verängstigt weg. Sie wussten ja, wie ich drauf war. Zeynep bekam Angst und klammerte sich an ihrer Puppe fest, die sie sich gegen die Brust drückte.
»Was soll der Mist?« Ich warf die He-Man-Figur auf den Boden, ging auf sie zu und zog sie an den Haaren zurück in die Wohnung. Zeynep fing an zu schreien.
»Du kannst nicht einfach in Windeln nach draußen gehen!«, schrie ich sie an. »Wenn die Leute dich so sehen. Hast du keine Ehre?«
Zu dem Zeitpunkt kam schon die Hälfte meiner Familie ins Wohnzimmer gerannt. Von draußen hatten sie mitbekommen, was vor sich ging.
»Ghassan, spinnst du? Was machst du da?«
Die Erwachsenen starrten mich fassungslos an, aber ich war mir keiner Schuld bewusst.
»Ich rette ihre Ehre«, sagte ich ganz selbstverständlich. Mein Onkel schüttelte nur den Kopf.
»Ghassan, weißt du überhaupt, was das Wort ›Ehre‹ bedeutet?«, fragte mich meine Tante und zog an meiner Schulter. »Herrgott, du bist fünf Jahre alt!«
Ich dachte kurz nach. Ich wusste tatsächlich nicht ganz genau, was ›Ehre‹ bedeutete. Nur so ungefähr. Ich wusste, dass es Verhaltensweisen gab, die ehrenhaft waren, und solche, die unehrenhaft waren. Zumindest hatte ich das so bei meinen großen Cousins aufgeschnappt. Sie achteten sehr genau auf solche Dinge und irgendwie hatte es meistens etwas mit dem Verhalten ihrer Schwestern zu tun. »Es geht um Ehre und Zeynep soll nicht so rausgehen!«, sagte ich, als wäre das selbstverständlich, und verschränkte die Arme. Ich sah mich natürlich im Recht.
»Du spinnst, Ghassan!«, schimpfte meine Tante. »Entschuldige dich bei Zeynep. Sofort!«
»Nein!«, beharrte ich und schüttelte den Kopf. »Pass du lieber auf deine Töchter auf. Kann ja nicht sein, dass ich das machen muss.« Ich dachte kurz an meinen Vater. Ich war mir sicher, er wäre jetzt stolz auf mich gewesen. Ich hatte eine Ansage gemacht.
In dem Moment packte mich meine Mutter am Ohr und zog mich quer durch das Haus in mein Zimmer. Ich hörte noch, wie mein Onkel irgendwas von »verrückter Junge« murmelte, aber da war Mama schon mit mir in meinem Zimmer verschwunden. Nur echte Libanesen wissen, was dann für eine Strafe folgen konnte.
*
»Ghassan! Wach auf!«
Ich hatte die Augen geschlossen und war in meiner absoluten Tiefschlafphase. Es war die Stimme von Nasser, der an mir rüttelte und mich weckte. Ein paar Wochen nach unserem Sommerfest feierten wir die Hochzeit meiner Tante Rahja. Tante Rahja war die Schwester meiner Mutter und die Hochzeit hatte mich ziemlich schnell sehr müde gemacht. Ich hatte am Buffet ordentlich zugelangt und dämmerte danach nur noch so vor mich hin. Außerdem fand ich das Fest ziemlich langweilig.
Klar, die Stimmung war ausgelassen und alle hatten Spaß, aber für mich gab es einfach nichts zu tun. Die Cousinen waren alle züchtig gekleidet und verhielten sich ehrenhaft, soweit ich es überblicken konnte. Also hatte ich mich früh verabschiedet und war ins Bett gegangen. Sollten die ruhig heiraten, es war mir egal.
»Ghassan! Wach jetzt auf!«, hörte ich erneut die Stimme meines Bruders Nasser über mir.
»Was willst du, Nasser?!« Ich schlug die Decke zur Seite und schaute ihn mit müden Augen an. »Lass mich schlafen, Bruder, ich bin fertig!«
»Ghassan, du musst tanzen! Du musst tanzen.«
»Was zur Hölle willst du?«
»Tanzen«, wiederholte Nasser. »Alle wollen, dass du tanzt!«
»Was redest du für eine Scheiße?«
»Tante Rahja hat erzählt, dass du ein guter Tänzer bist. Und jetzt wünschen sich alle, dass du tanzt. Und Tante Rahja wünscht es sich auch. Und es ist ihre Hochzeit.«
So ein Schwachsinn, dachte ich. Ich hatte wirklich keinen Bock zu tanzen. Ich wollte viel lieber schlafen. »Ey, Nasser, ganz ehrlich …« Aber gerade als ich die Stimme erhob, kam Mansour in unser Zimmer gestürmt und rüttelte an mir. »Ghassaaan, tanzen!« Er warf sich auf mich.
»Mann, verzieht euch! Was wollt ihr?«
»Tanz!«, sagten Mansour und Nasser gleichzeitig. »Tanz! Wir wollen, dass du tanzt, Ghassan!«
Mir wurde es langsam zu bunt. Ich sprang auf und stand jetzt auf der Matratze. Vor mir saßen die Zwillinge, die mich geweckt hatten, und schauten mich mit großen Augen an.
»Ihr wollt, dass ich tanze?«, fragte ich die beiden. Dann sollten sie Ghassan eben tanzen sehen.
Ich verließ das Zimmer. Die Zwillinge folgten mir und kicherten. Mit geschwellter Brust stieß ich die Tür auf und ging in den Nebenraum, in dem die Feier gerade ihren Höhepunkt erreichte. Mit einem Schlafanzug bekleidet kämpfte ich mich durch die tanzenden Cousins und Cousinen, bis ich in der Mitte des Raumes stand. Meine Tante sah mich lächelnd an und winkte mich zu sich rüber. Sie wollte, dass ich tanzte? Dann würde ich jetzt eben tanzen.
»Dann werde ich jetzt eben tanzen!«, rief ich viel zu laut in den Raum, in dem plötzlich alle verstummten. Ich bewegte mich zielsicher auf die Terrasse zu. Direkt zum Grill. Ich packte die heißen Aluminiumgriffe, legte mein ganzes Gewicht hinein und schmiss das gesamte Gerät Richtung Wohnzimmer um. Es gab ein lautes Krachen. Die glühende Kohle und einige Fleischstücke landeten auf dem Parkettboden. Ich stand breitbeinig dahinter und schaute herausfordernd zu den Gästen. Sie hielten den Atem an. »Das war mein Tanz«, sagte ich und marschierte nach getaner Arbeit vor den Zwillingen zurück in unser Zimmer. Ich legte mich in mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Dann schloss ich die Augen. Moment. Ich öffnete die Augen wieder. Was hatte ich da gerade noch mal getan? Doch bevor ich mir nur ansatzweise bewusst werden konnte, in was für unermesslichen Schwierigkeiten ich steckte, hörte ich schon die Stimme meiner Mutter durch den Raum brüllen.
»Ghassan!« Sie riss die Tür auf.
Sie betrat den Raum.
»Oh, oh«, sagte Mansour.
Mama kam auf das Bett zu. Drei Schritte noch. Zwei Schritte.
»Das gibt bestimmt Ärger«, flüsterte Nasser.
»Ghassan«, wiederholte meine Mutter, und an der Tonlage ihrer Stimme konnte ich bereits erkennen, dass mich heute noch eine lange Nacht erwarten würde.
»Ghassan!« Sie stand jetzt direkt vor mir. Mein Puls raste.
Was genau hatte ich da gerade noch mal getan?, versuchte ich meine Ursprungsfrage gedanklich fertig zu beantworten. Hatte ich wirklich einfach den Grill vor der versammelten …
Mama riss mir die Decke weg. An dem Rotton ihres Gesichts konnte ich erkennen, dass es in Mamas Kopf sehr stark arbeitete und sie heute wohl ein neues Level an Bestrafungskreativität erreichen würde.
*
Ich riss die Augen auf und schreckte hoch. Drei Jahre waren vergangen. Und die unbeschwerten Sommerfeste waren nur noch eine schöne Erinnerung an bessere Tage.
»Was war das?«, fragte ich. Es musste von draußen gekommen sein. Ein lauter Knall. Dann ein zweiter, ein dritter, ein vierter. Das waren Schussgeräusche. Keine einzelnen Schüsse. Sondern richtige Salven aus einer Maschinenpistole. Wieder und wieder. Ratatatata. Ich wollte sehen, was passierte, aber ich traute mich nicht, aus dem Fenster zu schauen. Meine Brüder waren auch wach. Die Zwillinge lagen mit offenen Augen im Bett und bewegten sich nicht. Nour hatte sich die Decke über den Kopf gezogen.
»Was ist da nur los?«, fragte Mansour ganz leise. Er flüsterte fast. Dann war es kurz still. Die Schüsse hatten aufgehört. Ich kroch langsam aus dem Bett und ging auf Zehenspitzen Richtung Fenster. Ich wollte schauen, ob ich irgendwas sehen konnte.
»Ghassan, mach das nicht«, flüsterte Mansour. Er weinte beinahe. Aber ich war zu neugierig. Ich musste wissen, was da los war. Als ich gerade die Gardine zurückzog, ging es wieder los. Dieses Mal waren es einzelne Schüsse. Wie aus einer Pistole. Drei Mal. BAM. BAM. BAM. Ich zuckte zusammen. Im selben Moment riss meine Mutter die Tür auf.
»Ghassan, weg vom Fenster, sofort!«
Ich war vor Schreck wie gelähmt, keine Ahnung, ob das an meiner Mutter oder an der Schießerei lag. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Stand einfach nur da. Mama machte einen großen Satz, packte mich und zog mich aufs Bett. Dann machte sie das Licht aus und legte sich zu uns.
»Was ist denn da draußen los?«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Irgendwelche Leute klären irgendwelche Probleme.«
Es war nicht so, dass wir das nicht gewohnt waren. Jedes Mal wenn wir nach Beirut reisten und dort unsere Verwandten besuchten, hörten wir Schüsse, sahen Massenschlägereien auf den Straßen oder bekamen zumindest Geschichten von irgendjemandem erzählt, der irgendwen kannte, der irgendwem das Leben genommen hatte. Das war hier ganz normal. Das war Alltag. Nur waren die Schüsse noch nie so nah an unserem eigenen Haus gewesen.
»Alles in Ordnung bei euch?« Onkel Hassan stand in der Tür.
»Nichts ist in Ordnung«, sagte Mama ungewöhnlich aggressiv und strich Nour über den Kopf. »Das hier, das ist genau das, was ich meine. Diese ständige Gewalt. Das ist der Grund, warum wir wegmüssen.«
Hassan senkte seinen Blick und nickte. »Ich verstehe dich ja«, sagte er.
»Moment mal«, warf ich ein. »Wie meinst du das? Von wo müssen wir weg?«
Mama atmete schwer aus.
»Jungs, euer Onkel und ich … wir haben lange überlegt. Sehr lange. Und wir haben eine Entscheidung getroffen, die uns nicht leichtgefallen ist.«
»Was denn für eine Entscheidung?«, drängte Nasser.
Draußen gab es wieder Schussgeräusche. Aber wir nahmen sie gar nicht mehr ernst. Sie waren nun etwas weiter entfernt, und das, was Mama uns hier gerade zu sagen versuchte, das war für uns viel wichtiger.
»Wir gehen raus aus dem Libanon.«
»Was? Aber warum?«
Mama schaute ihren Bruder Hassan an. »Weil wir hier keine Perspektive haben.« Sie machte eine kurze Pause und blickte sanft zu uns herunter. »Weil ihr
