Rochallas weiße Schuhe - Elli Fleckner - E-Book

Rochallas weiße Schuhe E-Book

Elli Fleckner

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Beschreibung

Die Bergmannssiedlung der Zeche-Zollverein in Essen-Stoppenberg war ihr zuhause. Hier wurde die Autorin Elli Fleckner 1954 geboren und dort verbrachte sie ihre Kindheit. Ihre Jugend im Siegerland war alles andere als ein Zuckerschlecken und so ergriff sie die erstbeste Gelegenheit, um in Frankfurt am Main ihr Glück zu versuchen. 30-jährig begann die Autorin ihr Soziologie-Studium an der Universität Frankfurt und schrieb anschließend mehrere Rundfunk-Feature, die vom Hessischen Rundfunk und der Deutschen Welle gesendet wurden. Mit 51 Jahren entschloss sich die Autorin nach Ägypten auszuwandern und am Roten Meer zu leben und zu arbeiten. Sie schildert die dramatischen Ereignisse, die dazu führten, dass sie unschuldig in Hurghada im Gefängnis landete und gefoltert wurde, weil sie als Journalistin in Ägypten gearbeitet hat. Wieder in Deutschland erlitt sie einen Schock nach dem anderen. Dem Trauma der Folter im Gefängnis folgten harte Zeiten bis zu ihrer Genesung in Friedberg. Malerin "Orientalische Impressionen". Ausstellungen im Internationalen Frauenzentrum Friedberg und im Hessischen Rundkfunk Frankfurt am Main.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Elli Fleckner

Rochallas weiße Schuhe

Ein Leben auf Messers Schneide

© 2016 Elli Fleckner

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-8110-6

Hardcover:

978-3-7345-8111-3

e-Book:

978-3-7345-8112-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kindheit in Essen-Stoppenberg

Wenn das Leben Elena Ros zerreißt, fliegt ihre Seele ins Grüne Land. Ihre Seele hinterlässt ein zittriges Knochengestell, in dem das Schwarze haust, dunkler als die Nacht. Nackte pure Angst hat dort Einzug gehalten, wo sonst die Leichtigkeit des Seins herrschte. Die wesentlichen Momente ihres jungen Lebens, in denen sich Elena mit sich und der Welt eins fühlte, waren die, die sie zusammen mit ihrem Vater verbrachte. Die kostbaren Augenblicke reihten sich wie Perlen an eine Schnur. Diese magische Verbindung begann für Elena, als sie dreijährig mit fünfzehn weiteren Kindern um eine Höhensonne herumging und ihren Vater erblickte. Die Strahlen der Höhensonne stärkten die Kinder aus dem Ruhrpott, die anstatt frische Luft nur Kohlenstaub einatmeten.

Es gab Anzeichen für Elena, die auf große Veränderungen in ihrem Leben hinwiesen. Ihre Mutter wurde in den letzten Schwangerschaftsmonaten immer unförmiger und sie bereitete alles für die dritte Hausgeburt vor. Sie stattete den Weidenkorb mit neuen Bezügen aus und sortierte die Babywäsche danach aus, welche Farben sie hatten. Elena ahnte aber nicht, dass man sie in ein Kinderheim stecken würde und vor allem wusste sie nicht, wie lange es dauern sollte. Sie sackte innerlich zusammen und fühlte sich wie ein ausgewrungener Waschlappen. Ihre Seele hatte sich verflüchtigt und sie war beherrscht von einem Gefühl der Verlassenheit und von der Angst, nie wieder nach Hause zu kommen, alleine dahinvegetieren zu müssen. Sie war erstarrt und konnte kaum atmen. Elenas Zustand wurde so gravierend und sichtbar, dass das Pflegepersonal den Vater Johannes Ros anrief, der sie dann auch abholte.

Plötzlich sah Elena ihren Retter in der Not und sie klammerte sich mit der ganzen Kraft ihres Daseins an seinen Hals. Jedem Mitfahrer in der Straßenbahn erzählte Elena, dass ihr Vater sie wieder nach Hause bringen würde und wie sehr sie sich danach gesehnt habe. Elenas Seele kehrte wieder zu ihr zurück.

Hannes, wie Elenas Vater von allen genannt wurde, zog alle Zuhörer ob groß oder klein mit seinen Geschichten in den Bann. Alle hingen mit ihren Augen an seinen Lippen, wenn er mit viel Herz von seiner Kindheit im Wald erzählte. Der Kuckuck, indas Herrenhaus stand, barg so manche Tücken, da es kein fließend Wasser oder Strom gab. Oder das alte Fachwerkhaus in Westheim, das liebevoll „Das Alte Haus von Kentucky“ genannt wurde. Hannes spann eine Art unsichtbares Netz über die Familiengeschichte, die im Sauerland ihren Anfang nahm. Immer dann, wenn er von seiner Tochter Elena und ihrer Befreiung aus dem Kinderheim in Essen sprach, wurde seine Stimme belegt und er musste mit seinen Tränen kämpfen, was sonst nie geschah.

Elenas Mutter hielt sich schweigend im Hintergrund und hörte ihrem Mann geduldig zu, auch wenn er die alten Geschichten schon so viele Male erzählt hatte. Die Geschichte ihrer Mutter Trude dagegen blieb für Elena auch später fast gänzlich unbekannt. Trude Ros sprach nicht über ihre Kindheit in Bergisch-Gladbach in der Nähe der Großstadt Köln. Ihr Vater hieß Johannes Müller, er wurde Johann genannt. Ihre Mutter Auguste starb an Lungenentzündung, nachdem Johann als Soldat nach Russland eingezogen wurde und nie wieder zurückkehrte. Zeit ihres Lebens konnte Trude den Tod ihrer Eltern nicht überwinden. Sie führte während des Krieges ein elendiges Leben in einem Waisenhaus. Trude war seit ihrem 11. Lebensjahr dazu gezwungen, während der Nazizeit im Waisenhaus für über einhundert Kinder zu kochen. Eine tiefe Finsternis legte sich über das Herz der Elfjährigen, die nicht nur über den Tod ihrer Eltern, sondern auch den Verlust ihrer Heimat im Rheinland trauerte – eigentlich ihr Leben lang. Mitte 2010, ca. 70 Jahre später, redeten die ersten Erwachsenen darüber, dass sie als Kinder in den verschiedenen Waisenhäusern körperlich und seelisch missbraucht wurden. Wenn Trude ihre vier Kinder, zur Ordnung rief, sprach sie immer davon, dass Elena, Andreas und Klaus, manchmal auch die gehorsame älteste Tochter Marina, in ein Heim geschickt würden. Diese Androhung ging durch Mark und Bein und gerade Elena hatte ständig das ungute Gefühl, fortgeschickt zu werden. Dennoch zügelte das ihre Abenteuerlust in keiner Weise.

Elenas Herz krampfte sich zusammen, wenn sie sah, wie liebevoll ihre Mutter den erstgeborenen Sohn Wolfgang aus dem Körbchen nahm und ihn Hannes in den Arm legte. Voller Stolz und strahlenden Augen hob dieser das Baby in die Luft. Elena begann die Flucht nach vorn und versuchte, so wild zu werden wie ein Junge. Im Haus selber, das in der Bergmannssiedlung am Anfang der Roonstraße in Essen-Stoppenberg stand, konnte sie so gut wie nichts wettmachen. Ihre ein Jahr und ein Tag ältere Schwester Marina hatte bereits das Feld erobert und sie half der Mutter an allen Ecken und Enden im Haushalt. All das interessierte Elena nicht, da sie spürte, dass es ihr draußen auf den ruhigen Straßen und in Feld und Wald viel besser ging. Eine ihrer kleinen Fluchten bestand darin, alle wilden Spiele auf der Straße zu spielen und mit ihren Freunden und Freundinnen neue sehr abenteuerliche Bereiche zu erobern. Sie war die wildeste von allen, wenn es darum ging, Bäume hinaufzuklettern und sich spiralförmig mit einem Drahtseil um einen am Abgrund stehenden großen Baum zu winden. Es verging keinen Tag, an dem sie nicht mit verwundeten Knien nach Hause kam. Später zeigte sie ganz stolz ihre Narben, die sie beim Rollschuhlaufen auf der Roonstraße und dem Stiftsdamenwald erworben hatte. Die alten Eisenrollschuhe machten einen höllischen Lärm und Elena surrte ihre Schuhe mit Einmachgummis fest. Ihren Wunsch, neue Rollschuhe mit Gummirollen geschenkt zu bekommen, konnten die Eltern aus Geldmangel nicht erfüllen. Natürlich gab es auch Abenteuer zu bestehen, die gerade so glimpflich ausgingen.

In der Nähe der Bergmannsiedlung wurde die Steinkohle von der Zeche Zollverein gewaschen und bildete ein Sumpfgebiet. Es wurde Siepen genannt. Im Winter fror dieser zu, so dass die Kinder Schlittschuh laufen konnten. An den Eisrändern blieb nur eine dünne Schicht, so dass es ratsam war, in der Mitte zu bleiben. Elena kam zu nahe an den dünnen Rand und sank eines Tages ein. In letzter Minute wurde sie von ihrem Bruder aus dem Sumpf gezogen. Die Eltern warnten sie immer davor, in den Siepen zu gehen, da dort der Wassermann mit der dreizackigen Harke sei. Elena war es seitdem nicht mehr gegeben, ohne Angst im Meer zu schwimmen.

Es lauerten auch Gefahren im „Hallo“, einem nahegelegenen Wald mit einem schiefen Turm, die noch gravierender waren. Elena wurde von einem „Onkel“ zu sich gerufen, der ihr sein „Karnickel“ zeigen wollte, sie solle es doch streicheln. Sie war neugierig genug, um hinzuschauen, ging dann aber schnell ihres Weges aus dem Wald hinaus. Die Mutter meldete das bei der naheliegenden Polizei, die aber den Täter nicht fand. Elenas Abenteuerlust wurde zwar auf die Probe gestellt, sie wurde aber auch durch die unzähligen Gefahren dort draußen nicht gedämpft.

Sie machte zwar Kompromisse, was den Sonntagsspaziergang mit hübschen Kleidchen und Schleife im Haar betraf, aber auch der fiel buchstäblich ins Wasser. Sie hatte vergeblich versucht, nach der Kirche und im Sonntagsstaat über den Bach zu hüpfen, der den Hallo und die Stoppelfelder von der Bergmannssiedlung abtrennte. Der Sonntagnachmittag im Bett war die ihr bekannte Strafe dafür.

Da Elena im Laufe ihrer Abenteuer auch kleinere Sünden beging, z.B. hörte sie fast nie auf ihre Mutter, wenn sie im Haushalt die Berge von Geschirr spülen sollte, fühlte sie sich nach der Beichte, wenn alle ihre Sünden vergeben waren, leicht wie eine Feder. Trotz alledem kroch ein ungutes Gefühl in Elena hoch und daran konnte auch die Beichte mit der Sündenvergebung nicht viel ändern. Sie hatte weder Lust, auf den kleinen Bruder noch auf die schwerhörige Schwester, noch auf die Mutter Rücksicht zu nehmen. Klar war, dass sie Rücksicht auf ihren Vater nehmen musste, er arbeitete schließlich nachts unter Tage als Bergmann bei der Zeche Zollverein in einer Tiefe von 140 Metern. Tagsüber stand er als Dachdecker der Firma Menz auf den Dachgiebeln und zusätzlich züchtete er noch Brieftauben, was unter anderem auch den Sonntagvormittag in Anspruch nahm. Rücksicht auf den Vater nehmen hieß vor allen Dingen, Rücksicht auf die Mutter nehmen. An diesem Punkt ging Elena in die Knie und keine noch so schönen kleinen Fluchten halfen ihr dabei, sich aus dieser Schlinge zu ziehen. Sie verstand die Welt nicht mehr, da sie manchmal von Trude mit dem Teppichklopfer vermöbelt wurde für Dinge, die sie gar nicht angestellt hatte.

Eigentlich begann in der Familie eine Rangelei darum, wer und wieviel Zeit der- oder diejenige mit dem allseits geliebten Hannes verbringen durfte. Das wurde auch nicht viel besser, als der jüngste Sohn Klaus zur Welt kam. Hannes teilte seine Liebe zum Wald und zu den Tieren mit allen Kindern. Er brachte Elena Pyritsteine aus dem Bergwerk mit, da er wusste, wie stolz sie war, die Steine im Holzschuppen, der vor dem Garten stand, für andere Kinder auszustellen. Alle Kinder konnten sich sonntags auch auf die Gartenbank setzen, um darauf zu warten, dass die Brieftauben wieder in den Taubenschlag zurückkehrten. Die Tauben wurden mit Ringen versehen und 120 Km weit entfernt herausgelassen. „Komm Hans komm“, war der Lockruf, mit dem er seine Tauben anlockte. Es gab Preise dafür, welche Taube als erstes im Schlag unterm Dach ankam. Trude und Hannes tanzten sehr gerne zusammen auf den Bällen, die zur Siegerehrung stattfanden. Trude sah in ihrem knallroten, eng anliegenden Samtkleid wunderschön aus. Sie hatte blonde Locken, braune Augen und eine sehr gute Figur. Ihr Hannes war ein stattlicher junger Mann mit blauen Augen und dunklen Haaren.

Einmal jährlich fand in der Roonstraße ein großer Umzug statt, zu dem sich die Kumpel als Clown verkleideten. Alle hatten ihren Spaß an Musik und Tanz und alle, ob jung, ob alt, stopften ihren Ranzen voll mit Salaten aller Art. Die Zeche Zollverein in Essen-Stoppenberg erbaute die Bergmannssiedlung Anfang der sechziger Jahre, so dass alle Nachbarn wiederum Kumpel waren, die sich von der Maloche im Steinkohlenbergbau her kannten. Das schweißt zusammen, der Gefahr im Pütt mal wieder entronnen zu sein. Gerne saßen sie im Garten in einer Skatrunde zusammen und tranken ihr Bierchen mit Korn. Trude gesellte sich häufig dazu und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer guten Skatspielerin. Die Groschen stapelten sich mit der Zeit an ihrem Platz und selten hatte Elena sie so gelöst erlebt.

Plötzlich ließ Trude den Trumpf in ihrer Hand sinken und schaute wie gebannt auf den Förderturm der Zeche-Zollverein. Jeder in der Skatrunde wusste, was die Sirenen zu dieser Stunde zu bedeuten hatten. Es hatte einen Schlag im Bergwerk gegeben, der von einer Gasexplosion ausgelöst worden war. Kumpel von ihnen waren in Gefahr, entweder in einer großen Tiefe im Stollen eingesperrt oder gleich in Fetzen zerrissen worden zu sein Die Skatrunde löste sich auf und alle gingen schweigend in Richtung Zeche um etwas Konkretes zu erfahren. Hannes war mitten unter ihnen. Er zählte nicht, wie oft er in der Situation war, sich und anderen Bergleuten das Leben gerettet zu haben. Eine innere Stimme gab ihm die Gewissheit, dass alle Kumpel sofort den Stollen verlassen müssten, da der Schlag wenig später den Kohlestollen in die Luft jagen würde. Hannes spürte die Gefahr schon, bevor der Vogel im Käfig tot umfiel. Wie erleichtert waren alle, als die komplette Schicht mit 21 Bergleuten aus dem Förderturm stieg. Schwarz wie die Kohle mit ihrer Bergmannslampe in der Hand und einem angestrengten Lächeln auf den Lippen. Das gehörte zum Berufsrisiko, meinten die einen. Mit einem lauten Schweigen antworteten die anderen, die gerade mal dem Tod von der Schippe gesprungen waren. Trude saß am Bettrand und betete den Rosenkranz so lange, bis sie von Hannes erfuhr, dass die unzähligen Ave-Maria-Gebete wie so oft geholfen hatten.

Elenas Seele lag Schach Matt in ihrem Körper, so zwischen davonfliegen und dableiben. Stell Dir vor, flüstert die Seele ihr ins Ohr. Elena zitterte wie Espenlaub und jede auch noch so kleine Gedankenleistung überstieg ihre Gehirnwindungen. Wenn Verlass wäre auf Gott Vater im Himmel, dessen Macht und Kraft und Herrlichkeit, dann würde der Berg nicht so viele Menschenopfer verlangen. Wenn Gott Vater und die Mutter Gottes es nicht geschafft haben, ihren eigenen Sohn vor dem Kreuz und dem Tod zu bewahren, wie sollten sie es schaffen, ihren Vater zu schützen. Elena schwankte zwischen einfach nur glauben und ihren Zweifeln an Gott und die Welt. Es gab in ihrer Seele vor allem den Wunsch, dass Hannes immer gesund nach Hause komme. Wer sonst konnte sie davor schützen, in ein Heim abgeschoben zu werden und ein Leben in Elend und Not verbringen zu müssen? Um auf Nummer sicher zu gehen, betete Elena das „Vater unser“ mehrmals, damit Gott gnädig gestimmt würde und das Leben ihres Vaters nicht dem Berg zum Opfer falle. Obwohl sie den Weihrauch und all die schönen Bilder in der Kirche schätzte, blieben all ihre Fragen unbeantwortet. Trude und Hannes waren dagegen ganz sicher in ihrem Glauben, der ihnen Trost und Kraft in so manchen schwierigen Lebenslagen spendete.

Elenas Seele war weit davon entfernt, sich von biblischen Geschichten über Gott und die Welt einschüchtern zu lassen. Ihre Seele zeichnete alles seismographisch auf und beflügelte Elenas Phantasien bis ins grenzenlose. Elena erkannte aufgrund ihrer Zwiegespräche mit ihrer Seele, dass sie bei Geburt ein wunderbares Geschenk erhalten hatte, so wie alle anderen Menschenkinder auch. Sie nannte es den Götterfunken in ihrer Seele und damit war sie auch mit der rubinroten Lebensflamme aus der göttlichen Lebensenergie verbunden. Elenas Seele war ständig auf Achse und hatte alle Hände voll zu tun, die Höhen und Tiefen auszuloten, die Elenas Leben kennzeichneten. Sie flog von Baumwipfel zu Baumwipfel, um die Erfahrung ihres Vaters als Dachdecker hoch auf dem First nachvollziehen zu können. Und ihre Seele krabbelte, wie ihr Vater, auf Knien im Bergwerksstollen in einer Tiefe von 140 Metern herum, um die Schwingung der Kohle kennenzulernen, die durch die Versteinerung von riesigen Bäumen Millionen Jahre zuvor entstanden waren.

Elena peitschte ihren Körper von einem Extrem ins andere. Es war ihr größter Wunsch, als Prima Ballerina den „Sterbenden Schwan“ zu tanzen. Sie stand immerzu auf Zehenspitzen im Wohnzimmer herum, erntete von ihrer Mutter einen genervten Blick und vom Vater den Hinweis, dass kein Geld in der Kasse für Ballettunterricht übrig sei. Ihr Bestreben war es, auf der einen Seite mit all ihren Kunststückchen dem Vater eine Freude zu bereiten und auf der anderen Seite hüpfte ihre Seele glücklich herum, so, als hätte sie Wind unter ihren Flügeln.

Elena sammelte ihre Lorbeeren auf dem Sportplatz und sie wurde Zweite in Leichtathletik ihrer Klasse. Und sie sang im Kinderchor mit, als dieser in der Essener Gruga-Halle ihren ersten Auftritt hatte. All das machte ihr Spaß, ließ sie aber nicht vergessen, dass die Atmosphäre im Haus alles andere als rosig war. Die Mutter organisierte den Achtfamilienhaushalt, kümmerte sich um Kindergarten, Schule und Bankgeschäfte, nähte für die Kinder Kleidchen und Hosenanzüge und pflegte ihre Melancholie, unter der sie immer häufiger litt. Hannes stand ihr zur Seite und half ihr, so gut es ging. Auch der Hinweis von Onkel Werner, dem Bruder von Trudes Mutter, öffnete ihr nicht die Augen. Wir Kinder könnten froh sein, dass wir Hannes als Vater hätten, sonst wären wir schon längst in einem Kinderheim. Onkel Werner beging kurze Zeit später Selbstmord. Sein Tod hatte in ihr einen Schock ausgelöst.

Und dann kam die Katastrophe über die Familie Ros. Alle hatten gehofft, dass es nicht geschehen würde und dass der Kelch an ihnen vorüber gehen würde. Die Mutter musste operiert werden, da sie an einer Mittelohrentzündung litt. Und der Vater hatte gerade noch rechtzeitig das rechte Bein aus der Kette ziehen können, sonst wäre er wie die Steinkohle auf dem Fließband zermalmt worden. Auch er musste ins Krankenhaus und wurde am rechten Knie operiert. Mit der ganzen Kraft seines Lebens überwand er auch die nachfolgende Lungenembolie. Es war grausam für alle, auch für die Kinder, die auf die Nachbarn in der Roonstraße aufgeteilt wurden. Elenas Urgroßvater Klenner hatte sie zu sich geholt, musste aber Hannes vor seiner Genesung benachrichtigen, da Elena nur noch ein Häufchen Elend war. Sie erbrach sich ständig, so wie sie es auch von den Kuraufenthalten in Bad Rotenfelde her kannte. Hannes, der Retter in der Not, kam nach Soest und brachte seine Tochter wieder nach Hause. Es dauerte seine Zeit, bis sich alle wieder davon erholt hatten von der Erschütterung und dem Leid, das in die Familie Ros hereingebrochen war.

Hannes war von seinem Unfall in der Grube noch sehr geschwächt, da er auf eigene Verantwortung das Krankenhaus verlassen hatte, obwohl die nachfolgende Lungenembolie noch nicht ausgeheilt war. Er ruhte nicht eher, bis er alle seine Lieben wieder um sich versammelt hatte. Die Familiensituation blieb auch für die nächste Zeit schwierig, da die Zeche Zollverein bei einem Arbeitsunfall kein Krankengeld zahlte. Die Bergleute holten zwar die Kohle aus dem Feuer und schufteten in den Gruben und Bergwerkstollen, blieben aber von jeglicher Anerkennung ausgeschlossen. Wohl oder übel malochte Hannes in der Zeche Zollverein rund um die Uhr, damit sich die finanzielle Lage wieder erholen konnte und das Essen rechtzeitig auf den Tisch kam. Trude musste mit dem Lohn, der alle zwei Wochen bar ausgezahlt wurde, zurechtkommen und es gab häufiger eine Kombination aus Kartoffeln und Blutwurstscheiben, Broer und Pannas genannt. Die Eltern entschieden sich im Laufe der Zeit für mehrere Anschaffungen im Haus, die ihr ganzer Stolz in Zeiten des Wirtschaftswachstums war. Hannes liebte die Musiktruhe mit einem wertvollen Radio und Schallplattenspieler. Er sammelte Schellackplatten und tanzte mit Trude so oft es ging einen Fox-Trott im Wohnzimmer. Der Schwarzweißfernseher war für die ganze Familie eine Bereicherung, mussten sie nun nicht mehr in der Nachbarschaft fragen, ob sie einen Film anschauen könnten. Hannes und Trudes ganzer Stolz war ein grüner VW-Käfer, mit dem die gesamte Bagage die Großeltern in Westheim besuchen konnte.

Das symbiotische Band, das aus der Liebe von Hannes zu seiner Ehefrau Trude und umgekehrt bestand, hatte sich durch die vergangenen gemeinsam bestandenen Prüfungen immer fester gespannt. Beide gingen durch Dick und Dünn miteinander und sie konnten sich felsenfest auf den anderen verlassen, in guten wie in schlechten Zeiten. Es gab weder Liebkosungen vor den Kindern, noch wurden schwelende oder offenkundige Auseinandersetzungen vor ihnen ausgetragen. Sie kannten einander so gut, dass nicht einmal ein Wunsch geäußert werden musste. Sie wussten um die Freuden und die Sorgen des anderen. Die Seele der beiden war zu einer Einheit verschmolzen, die nichts und niemand mehr aufbrechen konnte.

Die Wahrnehmung der Bedürfnisse der Kinder lief eher so am Rande ab. Marina, die älteste Tochter, hatte sehr darunter zu leiden, dass sie schwerhörig war und auf dem rechten Ohr gar nichts hörte. Auch das linke Ohr war zu einem Drittel in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Behinderung wurde später ärztlich behandelt und erst dann kam sie in eine Schule für Gehörlose in die naheliegende Großstadt Essen. Dort wurde sie gefördert und nicht von den Lehrern geohrfeigt, wie es in der Volksschule mehrmals geschah. Alle Kinder in der Gehörlosenschule waren wie sie behindert und hörten schlecht oder gar nicht. Sie lernten gemeinsam, mit ihrer Schwerhörigkeit umzugehen, aber das exakte Sprechen und die Rechtschreibung blieb für alle ein heißes Eisen. Marina hatte aufgrund ihrer Behinderung ein dickes Packet Minderwertigkeitsgefühle abbekommen und sie war nicht in der Lage, das, was der andere sagte von dem, was er wirklich meinte, zu unterscheiden. Dafür war ihr Sehvermögen umso besser ausgebildet und sie kompensierte damit zum Teil ihre Behinderung. Den Eltern war sie eine ganz besonders große Hilfe im Haushalt.

Elena Ros war mit ihrer Schwester gemeinsam in einer Klasse der Schwanhildenschule, da Marina, bevor sie auf die Gehörlosenschule kam, ein Jahr wiederholen musste. Es dauerte lange, bis ihr Leidensweg in der Volksschule ein Ende nahm. Elena konnte ihr in der kommerziellen Volksschule nicht beistehen. Ihre Lehrerin, Frau Ingendahl, sah in ihr – im Gegensatz zu ihrer Schwester – immer eine aufgeweckte Schülerin. Nur ihre Noten in Rechtschreibung blieben so lange mangelhaft, bis sie die Welt der Bücher entdeckte. Von da an kam sie mit einer Zwei in Rechtschreibung nach Hause. Trotzdem versagte ihr die Klassenlehrerin den Besuch der Realschule, der innigste Wunsch Elenas. Sie entwickelte ebenfalls ein Paket Minderwertigkeitsgefühle, aber aus anderen Gründen, wie die ihrer Schwester. Sie wusste zu genau, dass sie als Arbeitertochter keine Chance bekam, eine Höhere Schule zu besuchen. Auch die Eltern versagten ihr den Wunsch, damit der Minderwertigkeitskomplex von Marina nicht noch stärker wurde. Als Bergmannstochter die Volksschule zu besuchen, bedeutete immer auch, von den Töchtern aus höheren Kreisen hämisch ausgelacht zu werden.

Ihr Bruder Andreas reagierte ähnlich sensibel wie seine zwei Schwestern. Immer wieder ereilte ihn eine Schwermut, die sich keiner so richtig erklären konnte, war er doch eigentlich der Lieblingssohn von Trude, so wie Elena die Lieblingstochter von Hannes war. Trude und Hannes bemühten sich redlich, alle Kinder gleich zu behandeln, keinen in seiner Eigenart vorzuziehen oder zu benachteiligen. Trude ging in der Ausstattung der Mädchenkleidung so weit, dass Marina den Mantel, das Kleid, den Rock und die Bluse in der Farbe Rot bekam und Elena das gleiche in Blau. So konnte man die beiden Mädels, die ansonsten wie Zwillinge aussahen, von der Kleidung her ganz gut unterscheiden, obwohl sie nur ein Jahr auseinander waren. Elena verpasste man noch goldene Ohrringe mit einer kleinen roten Koralle in der Mitte, damit man sie auch noch von ihren Freunden auf der Straße unterscheiden konnte. Den jüngsten Sohn Klaus nannten alle Fifikus, weil er ein Hansdampf in allen Gassen war und ständig alle zum Lachen brachte. Besonderen Spaß hatte die Rasselbande in der Roonstraße, wenn die Eltern aus dem Haus waren. Sie tobten wie Akrobaten im stabilen Ehebett herum, in dem normalerweise die Mädels auf der rechten Seite schliefen und die Jungs sich auf der linken Seite zusammenrollten. Die Kinder hüpften auf der Matratze so lange herum, bis das Bett einkrachte. Hannes brachte einen extra Holzklotz aus dem Pütt mit und stellte es unter das Bett als Stütze.