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Obwohl Diane in einem Waisenhaus aufgewachsen und ihr ganzes Leben geprägt ist von Armut, Strenge und Entbehrungen, hat sie sich ihr liebes Wesen bewahrt. Still wartet sie auf den Tag, an dem das Schicksal auch über sie sein Glückshorn ausschüttet.
Dieser Moment scheint gekommen, als der wohlhabende Bauer Rudolf Gebert im Waisenhaus nach einem Töchterchen Ausschau hält. Und seine Wahl fällt auf die zarte Diane. Überglücklich packt die Vierzehnjährige ihre wenigen Habseligkeiten und folgt dem rotgesichtigen Mann auf seinen Hof. Sie ahnt nicht, dass sie diesen Ort bald noch tausendmal mehr hassen wird als das Waisenhaus ...
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Könnte ich doch an dich glauben
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Bastei Verlag
E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-3781-5
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Könnte ich doch an dich glauben
Ein erschütternder und tiefbeglückender Schicksalsroman
Von Ina Ritter
Obwohl Diane in einem Waisenhaus aufgewachsen und ihr ganzes Leben geprägt ist von Armut, Strenge und Entbehrungen, hat sie sich ihr liebes Wesen bewahrt. Still wartet sie auf den Tag, an dem das Schicksal auch über sie sein Glückshorn ausschüttet.
Dieser Moment scheint gekommen, als der wohlhabende Bauer Rudolf Gebert im Waisenhaus nach einem Töchterchen Ausschau hält. Und seine Wahl fällt auf die zarte Diane. Überglücklich packt die Vierzehnjährige ihre wenigen Habseligkeiten und folgt dem rotgesichtigen Mann auf seinen Hof. Sie ahnt nicht, dass sie diesen Ort bald noch tausendmal mehr hassen wird als das Waisenhaus …
„Wo steckt Trine?“, fragte Luise Gebert brummig. „Es ist ein Kreuz mit ihr! Immer, wenn man sie braucht, treibt sie sich irgendwo draußen herum.“
Ihr Sohn Erwin warf seinem Vater einen schmunzelnden Blick zu. Beide Fäuste auf den Tisch gestemmt, saß Vater Rudolf seiner Frau gegenüber.
„Trine ist fort“, knurrte er. „Sie hat ihre Sachen genommen und ist abgehauen.“
„Was soll das schon wieder heißen?“, fuhr Luise hoch. „Sie hat nicht einmal gekündigt. Wie soll ich mit der Arbeit fertig werden, wenn unsere Mädchen immer wieder fortlaufen? Weshalb ist sie überhaupt weggegangen?“
Bauer Gebert schlug die Augen nieder. „Weiß ich nicht“, behauptete er verdrossen. „War ihr wohl zu viel Arbeit hier. Und dann dein ewiges Schimpfen, wer hält das denn aus?“
„Du bist es, der die Mädchen forttreibt“, parierte seine Frau. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Du musst nicht denken, ich wäre blind. Ich weiß genau, dass du allen nachsteigst.“
Ihr hoffnungsvoller Sprössling Erwin stieß ein meckerndes Lachen aus, verstummte allerdings sofort, als die Mutter ihre Hand drohend hob.
„Scher dich raus und arbeite!“, schnauzte die Bäuerin. „Du bist genauso wie dein Vater. Ich habe es manchmal so satt mit euch beiden, so satt …“
„Reg dich nicht auf, wir werden schon wieder jemanden finden“, murrte Rudolf Gebert.
„Du weißt genau, wie schwer das ist. Vier Wochen war ich ohne Hilfe, bevor Trine zu uns kam. Und wie lange ist sie geblieben?“
„Ist es meine Schuld, wenn sie keine Lust zum Arbeiten hatte?“, fuhr der Bauer seine Frau an. „Du mit deinem ewigen Keifen treibst ja jede zum Hause hinaus.“
„Ach, jetzt bin ich wieder schuld! Ich sage dir eins, mein Lieber, entweder du besorgst mir endlich ein Mädchen, das nicht gleich wieder fortläuft, oder du kannst deinen Dreck allein machen.“
Rudolf Gebert stand auf, zog die Hosen höher und schlurfte hinaus. Natürlich bestanden die Vorwürfe seiner Frau zu Recht. Er hatte nun einmal eine Schwäche für hübsche junge Mädchen, aber diese Gänse verstanden ja allesamt keinen Spaß und liefen fort, wenn er sie ein bisschen in den Arm nehmen wollte.
Er blieb auf dem Hof stehen, die Stirn grimmig gefurcht. Ein Mädchen, das nicht fortlaufen konnte, wo fand man so etwas? Ein Gedanke kam ihm, eine Eingebung wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Eine Tochter hätte nicht fortlaufen können. Und ein adoptiertes Kind auch nicht. Das war doch eine Möglichkeit, alle Probleme zu lösen! Er würde einfach in ein Waisenhaus gehen, sich ein möglichst kräftiges Mädchen aussuchen und es an Kindes statt annehmen.
Und natürlich ordentlich arbeiten lassen. Solch eine Ziehtochter war eine billige Arbeitskraft, für sie genügten die abgelegten Kleider seiner Frau, auch wenn sie nicht passten.
Und weglaufen konnte sie nicht, sie hatte ja keinen Menschen, zu dem sie hingehen konnte. Sie würde sich alles gefallen lassen und sogar noch Danke schön sagen.
Am selben Tag fuhr Bauer Gebert in die Großstadt. Es war leicht für ihn, die Adresse des Jugendamtes zu erfahren. In seinem dunklen Sonntagsanzug sah er nicht schlecht aus, und er besaß die angeborene Bauernschläue, die ihn leicht den richtigen Ton finden ließ.
Der Beamte hinter dem Schreibtisch schaute nicht ohne Wohlwollen auf den Mann.
„Ich habe gedacht, ich möchte wohl ’n nettes Mädchen annehmen, mein Herr“, brachte Gebert unbeholfen hervor. „Meine Frau, die möchte so gern ’n Mädchen haben. ’n Jungen, den haben wir, aber … Sie wissen, wie das so ist, er ist unser Einziger geblieben. Und da dachte ich, wenn wir vielleicht ’n Mädchen adoptieren. Es würde es gut haben bei uns, sehr gut. Wie ’ne Tochter würde ich sie halten.“
Noch immer drehte er seine Schirmmütze in den klobigen Händen, aber sein schlauer Blick passte nicht ganz zu seiner demütigen Haltung. Der Beamte schaute ihn an.
„Es sind natürlich ein paar Formalitäten zu erledigen“, erklärte der Herr schließlich. „Aber im Prinzip begrüßen wir es, wenn eines der armen Mädchen in gute Hände kommt. Kein noch so gut geleitetes Heim kann ein Elternhaus ersetzen.“
„Das Kind würde es bei uns gut haben“, murmelte Rudolf Gebert. „Da gebe ich Ihnen mein Wort drauf.“
„Ich zweifle nicht daran“, sagte der Herr hinter dem Schreibtisch. „Vielleicht haben Sie Lust, dem Waisenhaus gleich einen Besuch abzustatten?“
Nichts war dem Bauern Gebert lieber als das. Seine Luise würde ihm das Leben zur Hölle machen, wenn er ihr nicht bald eine Hilfe für den großen Haushalt verschaffte.
Eine Stunde später stand er der Leiterin des Städtischen Waisenhauses gegenüber. Die weißhaarige Dame empfing ihn mit reservierter Freundlichkeit. Sie besaß genügend Menschenkenntnis, um ihm misstrauisch gegenüberzustehen. Ein Bauer, der freiwillig einen Esser mehr in sein Haus aufnahm – gab es so etwas überhaupt?
„Nehmen Sie bitte Platz!“, lud sie ihn ein. Sie hörte sich seine Geschichte an, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen.
Noch während er sprach, klopfte jemand behutsam an die Tür.
„Herein!“ Das Gesicht der alten Dame erhellte sich ein wenig, als ein zierliches, ungewöhnlich schönes Mädchen über die Schwelle trat.
Bauer Gebert schätzte sie auf etwa vierzehn oder fünfzehn Jahre.
Sie sah nicht aus, als sei sie für schwere körperliche Arbeit geeignet. Ihre Gelenke waren viel zu zierlich, ihre Glieder zart, aber von ihr ging etwas aus, das Geberts Herz schneller schlagen ließ.
„Das Essen ist fertig zur Ausgabe“, meldete das Mädchen und knickste höflich.
„Ja, Diane. Ich komme später in den Saal. Fangt heute ohne mich an. Ich habe noch Besuch.“
Dianes Augen wanderten zu Rudolf Gebert. Zum ersten Mal schaute der Bauer das Mädchen voll an, denn bisher hatte er sie nur verstohlen gemustert. Er war betroffen über die Reinheit ihrer Züge.
„Du kannst wieder gehen“, schickte die Heimleiterin sie hinaus. „Fahren Sie bitte fort!“, wandte sie sich an ihren Besucher.
Gebert sprach jetzt stockend, denn seine Gedanken kreisten um dieses elfenhafte Geschöpf, das so ganz anders war als alle Mägde, die er bisher gehabt hatte. Natürlich würde sie nicht auf den Geberhof passen, das stand fest, aber dennoch war es ihm unmöglich, sie zu vergessen.
„Es klingt alles sehr nett, was Sie vorbringen“, erklärte die Leiterin, als Gebert schwieg. „Und wir freuen uns immer, wenn eines unserer Mädchen in eine Familie kommt.“
Die finanziellen Verhältnisse des Bauern schienen geordnet zu sein, und wenn die Familie gesund war, bestanden von ihrer Seite aus keine Bedenken, ihm eines ihrer Mädchen anzuvertrauen.
„Ich danke auch schön.“ Der Bauer verneigte sich unbeholfen und verließ das schlichte Arbeitszimmer der Heimleiterin.
In Gedanken versunken, fuhr er mit der Bahn zurück.
***
„Hast du ein Glück!“, sagte Dianes Bettnachbarin Hanna neidisch, als das Mädchen acht Wochen später seine wenigen Habseligkeiten packte. „Ich möchte nur mal wissen, weshalb er gerade dich genommen hat. Ein Bauer braucht doch eine Tochter, die zupacken kann. Du hast ihm wohl schöne Augen gemacht?“
Diane war viel zu froh, um auf diese gehässigen Fragen zu antworten. Endlich würden sich auch für sie die Pforten des Waisenhauses öffnen. Es war jedes Mal ein Ereignis, wenn eine von ihnen eine Familie fand, Geborgenheit und ein echtes Heim.
Wie oft war Diane enttäuscht worden, wenn die Damen und Herren sich die Kinder anschauten – und sich ein anderes Mädchen wählten. Warum nicht ich?, hatte sie sich oft gefragt.
„Herr Gebert ist ein wohlhabender Bauer“, hatte die Heimleiterin erklärt. „Bei ihm wirst du es gut haben.“
„Ich bekomme ein Zimmer. Ein Zimmer für mich ganz allein“, sagte Diane gedankenverloren.
„Wirst dich schon bald nach uns zurücksehnen“, erklärte ihre Kameradin spitz. Der Neid sprach aus jedem ihrer Worte. Wie gern wäre sie an Dianes Stelle gewesen! Frische Landluft, ein eigenes Zimmer, Menschen, zu denen sie gehörte und die sie liebten – davon träumten hier alle.
„Vielleicht hat er auch Reitpferde, Hanna. Er ist sehr reich. Vielleicht schenkt er mir neue Kleider. Ich möchte so gern Seidenstrümpfe haben.“
„Für den Kuhstall?“, fragte ihre Nachbarin gehässig.
„Ich bin doch seine Tochter“, verwies Diane sie. „Er hat mir gesagt, dass er mich jetzt schon gernhat. Ich soll ihn ‚Vater‘ nennen. Vater …“, wiederholte sie noch einmal, und für sie war es das schönste Wort der Welt.
Diane wusste nicht, wer ihre Eltern waren. Sie hatte darunter gelitten – aber in diesem Augenblick vergaß sie das bittere Leid der vergangenen Jahre, die vielen Fragen, die sie gestellt, und auf die sie niemals eine Antwort bekommen hatte.
„Schreibst uns mal ’ne Karte?“, fragte ein anderes Mädchen, das zwei Köpfe kleiner war als sie. „Vielleicht besuchst du uns ja auch mal, wenn du nicht zu fein geworden bist. Ich glaube nicht, dass er dir Seidenstrümpfe schenkt.“
„Das tut er bestimmt. Er hat mich doch gern, er hat es mir selbst gesagt. Und so teuer sind sie ja nicht. Wenn er mir ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellt … Es soll ein schönes Zimmer sein. Die Vorsteherin hat es sich angeschaut. Es hat zwei Fenster, ein schönes Bett und einen Kleiderschrank und einen Teppich und …“
„Gib bloß nicht so an!“, fiel Hanna ihr schroff ins Wort. „Ich bleibe lieber hier.“
Diane zog sie in einer jähen Zärtlichkeitsaufwallung an sich.
„Sei nicht traurig, Hanna, vielleicht holt dich auch bald jemand. Ganz bestimmt, du musst nur fest daran glauben.“
„Mich will keiner. Ich bin denen nicht hübsch genug. Du hast so schöne Augen, und … Schon gut. Kann eben nicht jeder Glück haben.“
„Es tut mir so leid, dass du nicht mitkommst“, murmelte Diane. „Es soll draußen so schön sein, wo mein neuer Vater wohnt. Wald und Wiesen und dann die Tiere …“
„Ich wünsche dir Hals- und Beinbruch.“ Hanna gab Diane einen Klaps auf den Rücken. „Halt die Ohren steif und … und alles Gute.“ Sie drehte sich um und lief fort, bevor Diane die Tränen sehen konnte, die ihr übers Gesicht liegen.
Diane hatte die anderen Kinder kurz darauf schon vergessen. Ihr neuer Vater nahm ihre Rechte behutsam in die Pranken und drückte sie zart.
„Du sollst es bei uns gut haben, mein Kind“, sagte er.
Die Heimleiterin stand hinter ihrem Schreibtisch. Sie beobachtete ihn scharf, und Bauer Gebert wusste, was sie hören wollte.
„Ist das alles, was du hast?“, fragte er mit einem Blick auf das Bündel in Dianes Hand.
„Ja …“, hauchte das Mädchen und senkte den Blick.
„Sie werden Diane völlig neu einkleiden müssen“, sagte die Leiterin. „Die Anstaltskleider bleiben im Heim zurück.“
„Das macht nichts. Sie wird es gut bei uns haben. Ich danke Ihnen auch schön.“ Bauer Gebert zog Diane mit sich zur Tür. So ganz wohl fühlte er sich nicht in seiner Haut.
Luise war von seiner Idee begeistert gewesen, denn es hatte ihr sofort eingeleuchtet, dass solch ein Mädchen viel billiger sein musste als jede Magd. Sie erwartete ein stämmiges, robustes Ding, das kräftig zupacken konnte.
„’n bisschen dünn bist du noch“, murmelte Gebert auf der Straße. „Wirst tüchtig essen müssen.“
„Ja, Vater“, gab Diane strahlend zurück. „Ich freue mich ja so, dass ich zu dir kommen darf. Du musst ein guter Mensch sein, nur gute Menschen haben ein Herz für uns Waisenkinder.“
„Hm“, brummte Rudolf Gebert unbeeindruckt.
„Ich will dir auch immer dankbar sein“, fuhr das Mädchen fort.
„Dazu wirst du auch Gelegenheit haben“, knurrte der Bauer. „Du musst im Haushalt mithelfen, verstehst du. Meiner Luise ein bisschen zur Hand gehen. Stell dich nur nicht ungeschickt an, sie hat nicht viel Geduld.“
„Ich werde mir ganz viel Mühe geben, Vater.“
Diane wusste nicht, dass die Warnungen des Mannes nur zu berechtigt waren. Im Waisenhaus hatte sie schon kochen gelernt, sie konnte flicken und stopfen und auch ein wenig nähen … Sie würde ihren neuen Eltern schon keine zusätzliche Arbeit machen.
Eine Stunde später stieg das ungleiche Paar aus dem Zug. Eingeschüchtert und stumm ging das Mädchen an Geberts Seite über die kopfsteingepflasterte Straße der Kleinstadt. Sie schämte sich ihres Aufzugs, denn solch ein hässliches Kleid wie sie trug sonst niemand.
Was für hübsche Kleider gab es dagegen in den Geschäften! Es fiel Diane schwer, nicht vor jedem Schaufenster stehen zu bleiben. Sie hatte kaum Gelegenheit gehabt, das Waisenhaus zu verlassen, und wenn, dann waren sie in Kolonne brav neben- und hintereinandergegangen, von den Betreuerinnen sorgsam bewacht.
Bauer Gebert begriff nicht, dass Diane an seiner Seite die ersten Schritte in eine völlig neue Welt tat. Er sah grimmig aus, gar nicht wie ein gütiger Vater, den das Mädchen in ihm sehen wollte. Aber das lag wohl daran, dass er sich für das hässliche Kleid schämte, das Diane trug.
„Hier ist alles so schön“, stieß sie überwältigt hervor, als sie später über Felder und Weiden gingen. „Du musst sehr glücklich sein, Vater, dass du immer hier wohnen kannst.“
„Gibt viel Arbeit“, knurrte der Bauer. „Wirst schon sehen, dass wir keine Zeit zum Träumen haben. Geh etwas schneller, habe nicht so viel Zeit wie du.“
Sein Ton klang so barsch, dass Diane zusammenfuhr.
„Das da ist mein Hof. Der Geberthof.“ Der Bauer wies mit einer Kopfbewegung nach vorn. „Und das ist meine Frau, die Luise. Musst dich gut mit ihr stellen.“
„Sie ist doch … meine neue Mutter“, gab Diane schlicht zurück. Für sie bedeutete das, sie würde die Frau schon allein deshalb lieben.
„Hm, Mutter … na ja …“ Der Bauer zuckte die Schultern. „Luise!“, schrie er schon von Weitem.
Die Bäuerin, mit einer schmutzigen Schürze, ein Kopftuch umgebunden, schnellte herum. Ihr verkniffenes, hageres Gesicht nahm einen verdutzten Ausdruck an, als sie das Mädchen musterte.
„Wer ist ’n das?“, fragte sie.
„Diane.“
„Die? Sag mal, bist du denn wahnsinnig? So ein dünnes Ding? Die wird den ganzen Tag nur essen, und anpacken kann sie bestimmt nicht.“
Diane, die ihre Rechte ausgestreckt hatte, um ihre neue Mutter zu begrüßen, wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet.
Luise Gebert verschwendete keinen zweiten Blick an sie, dafür wandte sie ihre Aufmerksamkeit ihrem Manne zu. Ihre blassblauen Augen funkelten gefährlich.
„Was hast du dir bloß dabei gedacht, Rudi?“, schnauzte sie. „Das sieht doch ein Blinder, dass sie nicht arbeiten kann. Die kann bestimmt keine Kühe melken.“
„Ich kann es lernen“, warf Diane verzagt ein.
„Halt den Mund! Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst“, bellte Luise. „Du fährst sofort ins Waisenhaus zurück. Dich können wir hier nicht gebrauchen. Gib ihr das Fahrgeld, Mann!“
Der Bauer beulte mit der Zunge eine Wange aus. „Das geht nicht. Ich meine, dass wir sie zurückschicken. Ich habe die Papiere unterschrieben. Sie muss hierbleiben!“
Luise stemmte die Fäuste in die Hüften. „So, Papiere hast du unterschrieben? Und ich darf jetzt für diesen verhungerten Spatz auch noch mitarbeiten, was? Aber schlag dir das aus dem Kopf, die bleibt hier nicht.“
Diane verstand nicht, worum es eigentlich ging. All die Träume, die sie oft geträumt hatte, zerplatzten wie Seifenblasen.
Von irgendwoher schlenderte Erwin heran. Auf seinem pickeligen Gesicht lag ein Grinsen.
„Was regst du dich eigentlich so auf, Mutter?“, fragte er und kratzte sich am Nacken. „So übel scheint die gar nicht zu sein, und wenn du die ein bisschen rausfütterst, dann kann sie vielleicht ganz passabel werden. Ich an deiner Stelle würde es mit ihr versuchen.“
Luise quittierte seine vorlaute Bemerkung wie üblich mit einer angedeuteten Backpfeife.
„Hast du nichts zu tun, verdammter Bengel?“, kläffte die Bäuerin.
Erwin trollte sich, aber vorher warf er noch einen wohlgefälligen Blick auf die Neue. Er mochte die Mädchen ganz gern, die Mädchen mochten ihn allerdings nicht. Sie nannten ihn „Stoffel“ und „Pickelheini“. Erwin war bereit, sie unter seine Fittiche zu nehmen – auf seine Art.
„Schluss jetzt!“, brüllte Bauer Gebert. Er hatte Zeit gehabt, sich darauf zu besinnen, wer der Herr im Hause war. „Diane bleibt, und damit basta! Hättest ja selber in die Stadt fahren und dir eine aussuchen können, wenn du immer alles besser weißt. Das sind alles so verhungerte Gestalten. Sie braucht nur etwas in die Knochen, dann wird sie auch zupacken können. Komm, Diane, ich zeig dir dein Zimmer.“
„Idiot!“, fauchte Luise. Sie dachte nicht daran, nun ihre neue Tochter zu begrüßen. Und ihrem Rudi würde sie es auch abgewöhnen, sich allzu sehr um das magere Ding zu kümmern.
„Was … was hat sie denn gegen mich?“, fragte Diane kaum hörbar.
„Die hat ’n Vogel! Das ist ’ne alte Nebelkrähe“, gab der Bauer zurück. „Die schimpft den ganzen Tag. Und wenn sie dir mal ’n paar runterhaut, das ist nicht so gemeint, das ist nun mal so ihre Art. Hier ist dein Zimmer.“
Zwei große Fenster, ein frischbezogenes, schönes Bett, ein Kleiderschrank, ein Teppich … Wo war das alles? Diane schaute in den Raum und dann auf den Mann, den sie Vater nennen sollte.
„Glotz nicht so, oder biste ’ne Prinzessin, dass dir das nicht gut genug ist?“ Bauer Gebert gab ihr einen Stoß.
Der beförderte sie in den winzigen Raum hinein. Gleich nebenan, nur durch eine Bretterwand getrennt, befanden sich die Ställe. Man roch und hörte es.
Das Bett war ein Eisengestell, das aussah, als hätte er es vom Schuttabladeplatz geholt. Ein Strohsack ersetzte die Matratze, zwei unglaublich schmutzige Wolldecken die weiß bezogenen Decken, von denen Diane geträumt hatte. Außer einem Eimer, in dem sie sich waschen sollte, befand sich nichts in dem Zimmer.
„Du kannst gleich das Schweinefutter kochen. Auszupacken hast du ja nichts, und sonst gibt es hier auch nichts zu sehen.“
Diane war wie vor den Kopf gestoßen. Im Waisenhaus hatte sie ärmlich gelebt, aber im Vergleich zu dem, was der neue Vater ihr bot, war es geradezu ein Paradies gewesen.
„Steh nicht so herum, Faulenzer kann ich nicht leiden. Dein Kleid ist für die Arbeit gut, und mehr hast du ja sowieso nicht anzuziehen.“
„Hier … hier soll ich schlafen?“, fragte Diane zitternd. „Es ist …“
„Gut genug für dich“, fiel der Bauer Gebert ihr ins Wort. „Du gehörst jetzt zu uns, und du wirst hierbleiben und dich hier wohlfühlen, verstanden?“
„Ja, aber …“
„Noch ein Widerwort, und ich hau dir eine runter. Solch eine Aufsässigkeit ist mir noch nie untergekommen!“, brüllte der Bauer. „Hältst dich wohl für ’ne Prinzessin? Aber das wirst du dir abgewöhnen! Hier bei uns wird gearbeitet.“
„Ja, Vater. Ich … habe verstanden.“
„Habe ja auch deutlich genug gesprochen“, brummte Gebert zurück. „Und stell dich gut mit meiner Frau, die ist nämlich ein Aas, die kann dir das Leben zur Hölle machen, wenn sie will.“
„Ja …“, sagte Diane zögernd.
Im Hinausgehen warf sie einen letzten Blick in ihr neues „Zimmer“. Wie schmutzig waren die Wände! Sicher hatte dieser Verschlag früher auch einmal als Stall gedient. Nicht einmal einen richtigen Fußboden hatte der Raum, nur festgestampften Lehm. Zu beheizen war er auch nicht.
Wie schnell konnten Träume vergehen! Diane begriff, dass sie nicht das geliebte Töchterchen sein würde, sondern nur eine Arbeitskraft. Sie hoffte allerdings in einem Winkel ihres Herzens, dass es ihr gelingen würde, die Zuneigung dieser Menschen ganz allmählich zu erringen.
Sie war entschlossen, sich alle Mühe zu geben.
***
Diane hatte geglaubt, zu wissen, was arbeiten hieß, aber schon am ersten Tag auf dem Geberthof merkte sie, dass sie es nicht gewusst hatte.
Luise schien allgegenwärtig zu sein, stand immer hinter ihr und trieb sie an. Es störte die hagere Frau nicht im Geringsten, dass die Kräfte der Neuen – für sie war Diane nicht ihr Kind und würde es niemals sein – kaum ausreichten, die schweren Arbeiten zu bewältigen.
Diane begriff, dass man in ihr keinen Menschen sah, sondern eine Arbeitskraft. Bauer Gebert rieb sich die Hände, wenn er sah, wie flink sie alle Arbeiten erledigte. Jede andere an ihrer Stelle hätte längst gekündigt, aber diese Kleine konnte nicht fortlaufen. Schade, dass er nicht zwei Mädchen adoptieren konnte. Aber das Vormundschaftsgericht hatte ihm nur eines zugebilligt. Das schaffte aber für zwei, dafür sorgte seine Luise.
Am dritten Abend saß Diane todmüde auf dem Küchenhocker. Sie musste noch einen ganzen Eimer Kartoffeln schälen, denn die Knechte und Mägde aßen mittags und abends mit den Bauersleuten am selben Tisch. Das Licht war schlecht, und ihre Finger zitterten vor Müdigkeit.
Es schien, als würde der Eimer niemals voll werden. Wie spät mochte es sein? Sie warf einen Blick auf die Uhr. Um diese Zeit hatte sie im Waisenhaus Abendbrot gegessen. Sie spürte einen quälenden Hunger, wagte aber nicht, sich eine Schnitte Brot abzuschneiden.
Es lag an ihrer Erschöpfung, dass das Messer ausglitt und tief in den Zeigefinger der linken Hand schnitt. Totenbleich starrte Diane auf das hervorquellende Blut. Ihr wurde schwarz vor Augen, Übelkeit stieg in ihr auf, dann sank sie zu Boden. Sie hatte das Bewusstsein verloren.
Aus ihrem Finger rann das Blut, aber niemand war im Hause. Luise versorgte das Vieh und der Bauer war noch draußen.
