0,99 €
Mit dem Herz voller großer Erwartungen bricht die junge Ärztin Linda nach Indien auf, um in einem Privatkrankenhaus des Maharadscha von Broinor die Frauenstation zu leiten. Schon immer hat sie sich gewünscht, einmal die weite Welt zu bereisen. Linda träumt von märchenhaften Palästen und Menschen in prächtigen Gewändern. Zunächst ist sie geblendet vom Reichtum des indischen Großfürsten. Doch schon bald muss sie erkennen, dass die schillernde Fassade trügt.
Denn außerhalb des Palastes herrschen Armut und Elend, Krankheit und Tod. Der Maharadscha entpuppt sich als grausamer Herrscher, der sich kaum für die leidende Bevölkerung interessiert. Doch Linda ist das Schicksal der hilflosen Menschen nicht egal. Mutig stellt sie sich dem Despoten in den Weg und begibt sich damit in große Gefahr ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die Ärztin des Maharadscha
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Verlag/Anne von Sarosdy; Hintergrund: shutterstock/photoff
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-4264-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Die Ärztin des Maharadscha
Mitreißender und fesselnder Schicksalsroman
Von Ina Ritter
Mit dem Herz voller großer Erwartungen bricht die junge Ärztin Linda nach Indien auf, um in einem Privatkrankenhaus des Maharadscha von Broinor die Frauenstation zu leiten. Schon immer hat sie sich gewünscht, einmal die weite Welt zu bereisen. Linda träumt von märchenhaften Palästen und Menschen in prächtigen Gewändern. Zunächst ist sie geblendet vom Reichtum des indischen Großfürsten. Doch schon bald muss sie erkennen, dass die schillernde Fassade trügt.
Denn außerhalb des Palastes herrschen Armut und Elend, Krankheit und Tod. Der Maharadscha entpuppt sich als grausamer Herrscher, der sich kaum für die leidende Bevölkerung interessiert. Doch Linda ist das Schicksal der hilflosen Menschen nicht egal. Mutig stellt sie sich dem Despoten in den Weg und begibt sich damit in große Gefahr …
„Ich möchte Sie sprechen!“, brummte Stationsarzt Dr. Schäfer seine Assistentin Linda unfreundlich an. Er war wütend und gab sich keine Mühe, seinen Zorn zu verbergen.
Linda Ehlert zuckte in gespieltem Gleichmut die Schultern. Sie wusste, was ihren Vorgesetzten gegen sie aufgebracht hatte: eine Eigenmächtigkeit, die sie jederzeit vertreten konnte. Sie hatte einer Patientin ein Mittel verabreicht, das er nicht verordnet hatte.
Und so etwas liebte Dr. Schäfer gar nicht, sogar dann nicht, wenn es nötig gewesen war. Linda hatte ihn nicht erreichen können, und als Assistenzärztin besaß sie schließlich das Recht, in dringenden Fällen selbstständig zu handeln. Aber Dr. Schäfer wollte der Alleinherrscher sein, und er benahm sich seinen Angestellten gegenüber hochfahrend und angriffslustig.
Linda fühlte sich recht müde, als sie in ihr Zimmer ging und vor dem kleinen Spiegel ihr Haar flüchtig kämmte. Der ewige Kleinkrieg zerrte an ihren Nerven, denn sie war als vernünftiger Mensch der Meinung, dass die Ärzte zum Wohl der Patienten zusammenzuarbeiten hätten. Wichtig war doch nur, dass man ihnen half, unwichtig war, wer ihnen half.
Sie schaute prüfend ihr Spiegelbild an. Sie war jung, aber ihre Züge wirkten dennoch schon abgespannt und vergrämt. Sie nahm ihre Pflichten ernst, gönnte sich kaum Ruhe, und ihr Gehalt war lächerlich gering.
Mit welchen Erwartungen war sie hierhergekommen, mit welchem Idealismus, mit welcher Selbstverleugnung hatte sie gearbeitet … Und im Grunde genommen war alles vergeblich. Sie erntete keinen Dank dafür, die Patienten hielten ihre Tüchtigkeit für selbstverständlich, und der Stationsarzt Dr. Schäfer verfolgte sie mit kleinen Gehässigkeiten, die mehr Nerven kosteten als die großen Ereignisse, mit denen man sich abzufinden hatte.
Sie wandte sich um, als Dr. Schäfer hastig, wie es seine Art war, das Ärztezimmer betrat und die Tür hinter sich schloss.
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, Doktor Ehlert!“, schnauzte er sofort los und heftete seinen hasserfüllten Blick verächtlich auf Lindas stilles Gesicht. „Tausendmal schon habe ich Ihnen gesagt, dass ich mir Ihre Eigenmächtigkeiten verbiete – und mit welchem Erfolg?“ Er hielt schwer atmend inne. „Als Ärztin sollten Sie wissen, wie wichtig es ist, Disziplin zu halten. Disziplin ist die Voraussetzung für unseren verantwortungsvollen Beruf.“
Seine Worte rauschten an Lindas Ohren vorüber. Sie kannte diese moraltriefenden Predigten zur Genüge, und sie wusste, dass es alles nur leere Worte waren.
„Was haben Sie mir zu sagen?“, schloss er bissig.
Mit ihren grauen, kühlen Augen schaute sie ihn wortlos an. Eine Antwort wäre Verschwendung gewesen. Dr. Schäfer wusste schließlich genauso gut wie sie, dass sie im Recht gewesen war, der Patientin das beabsichtigte Mittel zu verabreichen.
„Ich werde mich beim Chef über Sie beschweren. Jetzt reicht es mir aber!“, schrie Dr. Schäfer sie an.
Jede Woche mindestens drei Mal drohte er mit einer Beschwerde bei Professor Johannsen, niemals brachte er den Mut auf, sich bei dem angesehenen Arzt melden zu lassen.
Linda seufzte, während Dr. Schäfer noch immer vor ihr stand und sie unter finster gerunzelten Brauen fixierte.
„Sie haben noch viel zu lernen, Doktor Ehlert, bevor Sie eine gute Ärztin werden“, schnob er. „Und ich bezweifle, dass Sie es jemals schaffen werden.“
„Seien Sie bitte still, ich habe zu arbeiten!“ Vielleicht war es ungehörig, ihrem Stationsarzt solch eine Antwort zu geben, aber auch in Linda regte sich allmählich ein gesunder Zorn. „Und Sie, Doktor Schäfer, sollten sich lieber um Ihre Visite kümmern.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Der Chefarzt pflegt pünktlich zu sein.“
„Das ist eine unerhörte Frechheit!“ Schäfer schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wollen Sie mir Vorschriften machen, wann ich meine Visite beginnen soll? Ich gehe, wann es mir passt!“
Linda stand auf. Sie schaute zur Tür und nickte einen lächelnden Gruß. Dr. Schäfer war zu sehr mit sich beschäftigt, um ihre Haltung richtig zu deuten. „Der Chef ist sowieso ein alter, verkalkter Pedant. Es wird allerhöchste Zeit, dass er durch einen jüngeren Kollegen ersetzt wird“, fuhr Dr. Schäfer fort.
„Ich danke Ihnen für Ihre schmeichelhafte Diagnose, Kollege.“
Es gehörte zu Professor Johannsens sympathischsten Charaktereigenschaften niemals seine überlegene Ruhe zu verlieren. Auch jetzt lag ein leichtes Lächeln auf seinem alten, zerfurchten Gesicht. Linda täuschte sich nicht, wenn sie zu sehen meinte, dass seine Augen humorvoll funkelten.
„Herr Professor … ich hatte es natürlich nicht so gemeint, ich bitte vielmals um Entschuldigung ein Missverständnis, nichts weiter als ein Missverständnis …“
Der alte Herr im weißen Kittel schloss leise die Tür.
„Sie sollten Fräulein Ehlerts Rat beherzigen und die Visiten pünktlich beginnen, lieber Kollege“, mahnte er. „Die Schwestern nehmen sich nämlich nur zu leicht uns Ärzte zum Vorbild. Und außerdem wissen Sie selbst, wie schwierig es ist, die Krankenzimmer länger als eine Stunde appellfähig zu halten. Nicht alle Patienten sind vernünftig …“
„Sehr wohl, Herr Professor, selbstverständlich, es … ich …“
Der Mann stotterte hilflos, aber während er seinen weißen Kittel zuknöpfte, warf er seiner Assistenzärztin einen boshaften Blick zu.
Professor Johannsen fing ihn auf.
„Fräulein Ehlert wird die Visite heute nicht mitmachen, lieber Kollege. Ich hätte Sie gern gesprochen“, wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln an die junge, ihm durch ihre Tüchtigkeit bereits mehrfach aufgefallene Assistenzärztin.
„Wie Sie wünschen, Herr Professor, selbstverständlich …“
Dr. Schäfer ging rückwärts zur Tür und verneigte sich bei jedem Schritt. Sein Chef beobachtete ihn geradezu amüsiert.
Sein Gesicht entspannte sich erst, als er mit Linda allein war. Mit keinem Wort kam er auf den Auftritt zurück, sondern sprach sofort von der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte.
„Setzen Sie sich bitte“, forderte er sie auf und nahm selbst Platz. „Ich habe mir heute Morgen Ihre Personalakten geben lassen, Fräulein Ehlert. Ihre Universitätslehrer schienen recht viel von Ihnen zu halten.“
Die junge Ärztin errötete vor Freude, denn Professor Johannsen gehörte nicht zu den Menschen, die ihr Lob allzu freigiebig verteilen.
„Ich übrigens auch“, fügte er behaglich hinzu. „Und deshalb tut es mir leid, Ihnen in meinem Hause keine geeigneten Aufstiegsmöglichkeiten anbieten zu können. Sie wissen selbst, wann frühestens eine Stationsarztstellung frei wird. Auf keinen Fall vor acht Jahren, so lange laufen noch die Verträge. Was das für Sie bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu erläutern.“
Natürlich nicht, die Konsequenz lag klar auf der Hand. Entweder blieb Linda hier, dann würde sie acht Jahre lang als Assistenzärztin arbeiten müssen und niemals genügend Geld verdienen.
Oder sie bewarb sich um einen Posten in einem anderen Hause. Aber bei dem Überangebot von Ärzten würde es sehr schwer sein, ohne Beziehungen unterzukommen. Linda machte sich keine Illusionen.
„Ich habe gestern ein Schreiben vom Konsulat bekommen, bitte, vielleicht lesen Sie es einmal selbst.“ Er reichte Linda einen Briefbogen hinüber.
Als sie ihn überflog, röteten sich ihre Wangen, und ihre Augen glänzten.
„Der Maharadscha von Broinor sucht eine tüchtige Ärztin für die Leitung der Frauenstation seines Krankenhauses“, fasste sie den Inhalt des Schreibens in einem Satz zusammen.
Der Konsul hatte Professor Johannsen gebeten, ihm eine geeignete Bewerberin vorzuschlagen. Der Maharadscha bot kostenlose Hin- und Rückreise und ein für Lindas Verhältnisse geradezu märchenhaftes Gehalt.
„Ich habe an Sie gedacht, Fräulein Ehlert.“
Der alte Herr hatte seine helle Freude an der Wandlung ihres ernsten Gesichtes, das sich innerhalb weniger Sekunden so zu seinem Vorteil veränderte.
„An mich? Aber … das wäre wunderbar“, stieß die junge Dame überwältigt hervor. „Aber ich bin noch jung. Meinen Sie, dass meine Fähigkeiten ausreichen?“
„Ja. Ich habe nur andere Bedenken, Fräulein Ehlert, und ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten. Haben Sie einmal etwas von dem Maharadscha von Broinor gehört?“
Die Ärztin schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht“, fuhr der alte Herr versonnen fort. „Indien ist groß, jeder Maharadscha ist in seinem Gebiet ein kleiner Alleinherrscher, selbst wenn er politisch abhängig ist. Ich habe Broinor auf der Landkarte gesucht. Und nicht gefunden. Es handelt sich um ein verhältnismäßig kleines Gebiet – klein für Indien –“, schränkte er sofort ein. „Außer der Lage weiß ich nichts über das Land. Das Konsulat war mit Auskünften sehr zurückhaltend. Es soll dort ein modernes Krankenhaus geben mit allen neuzeitlichen Einrichtungen, aber Indien ist weit.“
„Ich würde sehr gern reisen“, fegte Linda seine Bedenken mit einer Handbewegung fort. „Es war schon immer mein Wunsch, einmal ein Stück von der Welt kennenzulernen. Und dann auch noch Indien …“
Professor Johannsen nickte mit verständnisvollem, nachsichtigem Lächeln.
„Natürlich, welcher junge Mensch sehnt sich nicht danach, die Welt kennenzulernen? Ich fürchte nur, Sie werden enttäuscht werden, Fräulein Ehlert. Indien ist nicht so, wie es uns in manchen Filmen gezeigt wird. Die Bevölkerung lebt unter unvorstellbar primitiven Verhältnissen. Hungersnöte sind die Regel, nicht die Ausnahme, mehr als achtzig Prozent der Einwohner sind unterernährt … Überschwemmungen, Seuchen, wilde Tiere, das alles ist Indien. Nicht der Glanz der wenigen Paläste, nicht der märchenhafte Reichtum einiger weniger Fürsten …“
„Sie haben sicherlich recht“, versicherte Linda eifrig. „Wenn Sie mich vorschlagen würden, wäre ich Ihnen ewig dankbar.“ Ihre Hände zuckten unruhig auf der Schreibtischplatte hin und her. „Ich könnte in wenigen Jahren so viel verdienen und sparen, dass ich mir später in Deutschland eine Praxis aufbauen kann. Vielleicht sogar eine kleine Klinik …“
Sie bracht errötend ab, als Professor Johannsens lächelnder Blick ihr klarmachte, wie viel sie von ihren geheimsten Träumen und Sehnsüchten verraten hatte.
„Sie halten mich doch sicherlich für ein überspanntes Frauenzimmer“, entschuldigte sie sich mit scheuem Lächeln, das ihren Chef bezauberte.
Er war in der festen Absicht hergekommen, sie für den Posten vorzuschlagen.
„Sie haben den Brief gelesen.“ Professor Johannsen zog das Schreiben wieder zu sich heran und überflog den letzten Absatz. „Sie müssten sich sehr schnell entscheiden. Der Maharadscha besteht praktisch auf einer sofortigen Abreise. Uns bleibt keine Zeit mehr, genaue Erkundigungen einzuziehen. Dafür braucht man Monate. Und deshalb, Fräulein Ehlert, habe ich gewisse Bedenken, gerade Sie vorzuschlagen. Wer gibt uns die Garantie, dass das, was der Fürst uns verspricht, auch stimmt? Ein modernes Krankenhaus soll vorhanden sein … Stimmt das? Ich weiß es nicht, und Sie wissen es auch nicht. Vielleicht stehen Sie dort vor einer sehr schweren Pionieraufgabe, müssen vielleicht aus dem Nichts heraus etwas aufbauen.“
„Sie trauen es mir also nicht zu?“ Linda biss sich nervös in die Unterlippe. Ihr Lächeln schwand wie fortgewischt. „Ich glaube, ich fühle mich jeder Aufgabe gewachsen, soweit sie mit meinem Beruf zusammenhängt. Und ich habe keine Angst vor Abenteuern.“
„Dann will auch ich keine Angst um Sie haben!“ Professor Johannsen erhob sich, ging um den Schreibtisch herum und legte seine feingliedrige Chirurgenhand leicht auf die Schulter der jungen Ärztin. „Sie können schließlich jederzeit zurück“, sagte er, aber das war eine Feststellung; die mehr seiner Beruhigung diente als der Lindas.
Die Ärztin dachte an Dschungel, an Elefanten, an Blüten, an einen blauen Himmel, an märchenhaft schöne Paläste und höfliche Menschen in prächtige Gewändern.
Und inmitten des fremden Landes lag ein modernes Krankenhaus mit großen Fenstern. Sie sah es vor sich liegen, ein flaches Gebäude, ganz weiß gestrichen, mit vielen Betten. Der Maharadscha war ein modern denkender Mann, der ihre Arbeit nach bestem Können unterstützte …
„Träumen ist gefährlich“, warnte ihr Chef sie väterlich. „Aber es ist wohl ein Vorrecht der Jugend. Mögen Ihre Träume alle in Erfüllung gehen, Fräulein Ehlert. Ich glaube, Sie werden sich durchsetzen.“
Linda zweifelte nicht daran. Sie lächelte glücklich zu ihm empor.
***
Die nächsten Tage waren eine einzige Hetze für Linda Ehlert. Sie hätte nie geahnt, wie viel Formalitäten für solch eine lange Reise nötig waren, und manchmal wusste sie nicht, wie sie alles in der knappen Woche, die ihr zur Verfügung stand, schaffen sollte.
Völlig unbeschwert freute sie sich auf die vor ihr liegende Aufgabe. Professor Johannsen, von dem sie sich im Krankenhaus herzlich verabschiedete, war vielleicht der Einzige, der ihre Zukunft mit gewissen Sorgen betrachtete. Er fühlte sich für sie verantwortlich, weil er ihr schließlich die Stellung angeboten hatte.
Es beruhigte ihn nur, dass der Leiter des Krankenhauses in Broinor ein deutscher Kollege war, ein gewisser Dr. Hansjörg Stolzenbach. Er hatte sich die Mühe gemacht, genauere Nachforschungen anzustellen. Professor Johannsen hatte herausbekommen, dass dieser Stolzenbach über beste Referenzen verfügte.
Von seiner Tätigkeit in Indien und seinen Lebensumständen dort wusste Professor Johannsen allerdings nichts, war aber überzeugt, dass ein tüchtiger, umsichtiger Mann die Situation schon beherrschen würde.
Linda jedenfalls fuhr mit einem Herzen voll großer Erwartungen über die Meere, studierte Bücher über das Land, das vor ihr lag, und hatte kaum Zeit, Bordfeste und Tanzunterhaltungen mitzumachen.
Mit dem Privatflugzeug des Maharadschas flog sie von Bombay aus direkt nach Broinor. Es war ein seltsames Gefühl für sie, als sich das neue exotische Land unter ihr senkte, während das Flugzeug immer höher stieg. Es handelte sich um eine moderne, viersitzige Maschine, in der auch ihr gesamtes Gepäck ausreichend Platz hatte. Der Pilot, ein braunhäutiger Inder, war sehr schweigsam und antwortete nur, wenn er gefragt wurde, und auch dann stets nur das Allernotwendigste.
Linda störte es nicht. Es gab ja so viel zu sehen und zu bewundern: die riesigen Flüsse, die Gebirge, die weiten Ebenen und die darin verstreuten Dörfer und Städte.
„Hier beginnt Broinor“, riss die gutturale Stimme des Piloten sie Stunden später aus ihrem Staunen.
Die Grenze war natürlich nicht zu sehen, aber dennoch schaute Linda mit frischem Interesse auf das Land, das sie in geringer Höhe überflogen. Das Wetter war herrlich, sonnig und windstill, ohne Erschütterungen glitt die Maschine durch die Luft.
Ein Gebirge tauchte vor ihnen auf, die Maschine kletterte höher, Linda schwindelte es manchmal, wenn sie die tiefen, finsteren Schluchten sah, über die sie hinwegflogen, und dann tauchte die Stadt des Maharadschas wie ein wahrgewordener Traum vor ihr auf.
Weiße Häuser, die in der Sonne glänzten, golden schimmernde Dächer, Türme, rote Mauern, Wege, die mit Mosaiksteinen belegt waren …
„Wie heißt diese Stadt?“, fragte Linda eifrig.
Der Pilot verzog den Mund, es war die erste menschliche Regung, die Linda in seinem sonst so unbewegten Gesicht sah. „Keine Stadt“, antwortete er. „Alles Palast.“
Das alles gehörte einem Menschen, diese Unzahl von Gebäuden und Gartenanlagen, Springbrunnen und Blumenfeldern? Linda konnte es kaum fassen. Sie war überwältigt, als das Flugzeug auf dem Platz ausrollte. Ein Wagen stand schon bereit, der sie sofort in ihre Unterkunft bringen sollte.
„Der Maharadscha erwartet Sie in einer Stunde zur Audienz“, erklärte der Chauffeur grinsend.
Sein Blick ging bewundernd über Linda Ehlers hellblondes Haar, das von Natur aus wie gesponnenes Gold glänzte.
Der Ärztin fiel noch nicht auf, dass sie von allen Seiten angestaunt wurde wie ein Fabeltier. Abergläubische Einheimische verkrochen sich in den Schatten ihrer Häuser, weil sie den bösen Blick dieser Frau fürchteten.
Sie war keine von ihnen, ein Mensch, wie sie ihn nie zuvor gesehen hatten, und sie dichteten ihr sofort allerhand übernatürliche Eigenschaften an, während der Wagen langsam durch die breite Prachtstraße rollte.
Hier wohnten nur Menschen, die im persönlichen Dienst des Maharadschas von Broinor standen, weiß gekleidete, saubere Inder, die nicht aussahen, als müssten sie viel arbeiten. Ihre Bewegungen waren träge und gleichgültig, ab und zu hörte Linda jemanden einen anfeuernden Ruf ausstoßen, einmal sogar das Klatschen einer Peitsche und das Schreien eines Menschen in höchstem Schmerz.
Der Wagen fuhr schnell weiter, sie hatte keine Zeit, sich nach der Ursache dieser Schreie zu erkundigen, und der Chauffeur, der vorher bewiesen hatte, dass er Englisch verstand und sprach, stellte sich einfach taub.
Eine Stunde später stand Linda, noch immer ganz benommen von all dem vielen Neuen, das auf sie eingestürmt war, vor dem Maharadscha. Die Pracht des eigentlichen Palastes hatte sie geradezu geblendet.
Der Maharadscha saß in einem riesengroßen Saal in einem Sessel. Er war ein dicker, unförmiger Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht, in dem die Augen hinter Fettwülsten fast verschwanden. Er schnaufte kurzatmig, als er sich höflich erhob, um Linda ein paar Schritte entgegenzugehen.
Beim Anblick der jungen Ärztin fuhr seine Zungenspitze befeuchtend über seine wulstigen Lippen. Linda bemerkte es nicht, sie war noch viel zu überwältigt von all den neuen Eindrücken, um eine gute Beobachterin sein zu können.
„Ich heiße Sie in meinem Lande und meinem Palast herzlich willkommen, Fräulein Doktor Ehlert“, sagte der Maharadscha mit starkem Akzent in Englisch. Der Satz klang sehr auswendig gelernt. Er bot ihr seine fleischige Rechte, in der Lindas schmale, zierliche Hand fast ganz verschwand. „Es ist eine sehr besondere Überraschung für mich, eine solch charmante Ärztin zu dürfen begrüßen“, fuhr er fort.
Es mochte Zufall sein, dass seine Hand Lindas Finger noch immer festhielt, und die Ärztin wagte nicht, sie zu befreien. Sie schaute den Mann an, der zu den reichsten Menschen dieser Erde gehörte, ein Herr über ein paar hunderttausend Menschen, die fern jeder Zivilisation lebten.
„Ich bin sehr glücklich, dass ich hierherkommen durfte.“ Sie neigte dankend den Kopf, und ihr langes, bis zur Schulter gehendes Haar umfloss dabei weich ihr gebräuntes Gesicht. „Ich werde mich nach besten Kräften bemühen, Ihre Erwartungen nicht zu enttäuschen, Hoheit.“
Der Mann leckte sich über die Lippen.
„Sie werden es nicht“, erwiderte er, und seine Stimme klang guttural. „Eine schöne Frau nie enttäuscht. Und Sie sehr schön, Fräulein Doktor Ehlert. Sind Sie gut untergebracht worden?“
„Herrlich“, erklärte Linda spontan. Ihre Augen strahlten. „Ein großes Haus, ganz modern eingerichtet … Ich war geradezu überwältigt, Hoheit.“
„Das mich freut. Sie werden nicht zu tun haben viel als Ärztin, es gibt da noch einen Mann, einen Deutschen, der macht alles. Ich will nicht haben, dass er sieht meine Frauen, deshalb brauche ich Sie, Fräulein Doktor. Es nicht gut, wenn ein Mann zu oft ansehen kann die schönen Frauen, die bei mir wohnen. Und dieses Mann, dieses Deutsches, ist gut aussehendes Mann. Sie lieben blondes Haar, diese Frauen hier. Ich werd ihm sagen, dass er es muss färben.“
Er nickte, weil ihm dieser plötzlich aufgetauchte Gedanke ausnehmend gut gefiel. Er war nicht dumm, er wusste, was für ein Getuschel und Geraune es stets im Frauenhaus gab, wenn Dr. Stolzenbach es beruflich aufsuchen musste.
„Ich werde bitten Sie ab und zu, den Tee zu nehmen mit mir, Fräulein Ehlert“, verkündete der Maharadscha. „Sie können mir Deutschland erzählen, ich sind sehr neugierig.“
„Sehr gern, Hoheit. Ich bin glücklich, dass ich hier sein darf. Wann beginnt mein Dienst im Krankenhaus?“
Sie brannte darauf, ihre neue Wirkungsstätte kennenzulernen.
„Dienst, das schlechtes Wort für eine Frau“, äußerte der Maharadscha wegwerfend. „Sie brauchen nicht zu arbeiten den ganzen Tag, das ist für Menschen, die nicht haben gelernt. Sie sehen nach Frauen, wenn sie sind krank, und sonst können Sie tun und lassen, wohin Sie wollen.“
„Ich danke Ihnen sehr, Hoheit, aber ich möchte heute das Krankenhaus sehen und mich, wenn Sie gestatten, noch bei Herrn Doktor Stolzenbach vorstellen; er erwartet mich.“
Der dicke Mann vor ihr legte seine Stirn in Falten.
