Rosali am Nachmittag - Barbara M. Oechsler - E-Book

Rosali am Nachmittag E-Book

Barbara M. Oechsler

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Beschreibung

Stell dir vor, du begegnest einem Engel - deinem Engel. Keinem aus Rauschgold und mit Flügeln, sondern einem Menschen aus Fleisch und Blut, dessen Leben aus denselben Höhen und Tiefen besteht wie deines. In vielen Gesprächen mit ihm fasst du Vertrauen und entdeckst, dass die Liebe mehr Seiten hat als die beiden bekanntesten und am meisten gelebten - Beziehungslust und Beziehungsfrust. Und dass man sie in ihrer Multidimensionalität nur leben und erleben kann, wenn man sich ihr stellt, anstatt sich ihr in viel geübter Weise durch Flucht zu entziehen. Diese Erkenntnis lässt das eigene Leben in einem neuen Licht erscheinen. Man kann Frieden mit Verletzungen schließen, alte Muster loslassen und neue Schritte wagen. Das heißt nicht, dass fortan Enttäuschungen ausbleiben werden, ganz im Gegenteil. Denn bedeuten nicht gerade sie das Ende von Täuschung und Illusion...?

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Liebe wird kompliziert, wenn man anfängt sie zurückzuhalten.

Inhaltsverzeichnis

Engel

Ein Nachmittag mit Rosali

Begegnung mit Louise

Aus dem Leben verschwunden

Die gefühlte Trennung von Janne

Rosali wagt den ersten Schritt

Gedankenwege

Das innere Kind

Ein Ort der Bewegung

Die Kartenlegerin

Träume von Louise

Rosali in Trauer

Pauline wacht auf

Rosali in Therapie

Louise

Rosali

Charlotte

Ein Moment der Einigkeit

Der Brief

Rosali zum Abschied

Die ewigen dritten Frauen

Engel

Das Schicksal sandte mir einen Engel. Wurden die Zeiten in meinem Leben besonders turbulent, landete er sanft auf meiner Schulter und begleitete mich durch den Dschungel dieser verwirrenden Welt.

Ich bewunderte seine Großzügigkeit und seine Lebendigkeit. Manchmal zeigte er sich mir als Kind, das mit leuchtenden Augen die Welt entdeckte und ganz im Hier und Jetzt lebte. Meist aber sah ich ihn in seiner irdischen Gestalt. Die hatte keine neugierigen Kinderaugen.

Ich weiß nicht mehr, wann ich begriff, dass er mein Engel war. Vielleicht nachdem er mir eine Liebeserklärung machte und ich nicht weg lief.

Mit aufrichtiger Sorge beobachtete ich seine wachsenden Schwierigkeiten, sich in unserer Welt zu Recht zu finden. Immer öfter kam es vor, dass er aus seinem eigenen persönlichen Rhythmus geriet, aus seinem Einklang mit sich selbst. Je länger er mit mir in meiner Welt verharrte, umso härter wurden seine Gesichtszüge, und trotzdem schaffte er es immer wieder, Ruhe und Gelassenheit auf mich auszustrahlen.

Der Engel hatte einen irdischen Job, der ihm sein hiesiges Leben finanzierte, eine Familie, Freunde und Hobbys. Es steckte in allen Bereichen sehr viel Leidenschaft. Irgendwann begann er, über Magenschmerzen zu klagen.

So oft wir inzwischen unsere Nachmittage auf meinem Sofa verbrachten – und sie waren kaum noch zählbar – so oft erzählte er, dass wir unser Innerstes nach außen trügen. Seine Augen begannen immer, auf eine ganz besondere Art und Weise zu leuchten, wenn er mir Geschichten aus seiner friedlichen Welt erzählte. Seine Magenschmerzen waren dann vergessen.

Seine Botschaften erreichten mich ganz langsam. Sie nahmen einen beständigen Weg in mein Bewusstsein, berührten mich auf einer elementaren Ebene, und ich veränderte Stück für Stück mein Leben.

Immer, wenn er scheinbar keine Kraft mehr hatte, in seine Welt einzutauchen, wenn es Lebenssituationen gab, in denen er entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, im schlimmsten Falle in beidem, gefangen war, versuchte ich, ihn mit einer seiner mutmachenden Geschichten zu erheitern. An ganz dunklen Tagen, was selten vorkam, trennten wir uns aus unseren Nachmittagen, und ich hatte das Gefühl, dass er sein Gleichgewicht verloren hatte.

Ich konnte ihn nicht mehr erreichen, wir stammelten unbeholfen eine Verabschiedung an der Tür, sichtlich und spürbar weniger miteinander verbunden als gewohnt.

Bei uns beiden stellte sich ein fürsorgliches Gefühl ein, und wir begleiteten einander mit größtem Respekt in diesen besonderen Krisen. Meist dauerte es nur wenige Tage, bis wir beide, die so gerne dachten und analysierten, uns wieder trafen und in gewohnter Vertrautheit unser Gespräch fortsetzten.

Gerne versanken wir in den Philosophien und Ideen seiner Welt. Ich hatte mir einen großen Teil aus Büchern angelesen, um mit ihm tiefer ins Gespräch zu kommen, als mir klar wurde, dass er derjenige war, der mich auf meinem Weg führte und auch immer da war, wenn ich mich mal wieder verirrte.

Blieb ich an einem Gedanken hängen, gab er mir Ruhe, Zeit und die Kraft, mich wieder loszueisen, indem er mir viele meiner Fragen beantwortete, mir Zweifel nahm und Hoffnung gab. Ich entwickelte eine große Vorfreude auf das, was es zu lernen gab.

Wir genossen unsere fließenden Gespräche sehr, und die Zeit verging meist wie im Flug. Wir hatten eine so enge Beziehung zueinander aufgebaut, durch die wir uns gegenseitig mit Energie versorgen konnten, und doch war ich immer wieder aufs Neue erstaunt und dankbar dafür, dass er bei mir war. Er begleitete mich durch die Höhen und Tiefen meines Lebens und hörte auf den Namen Rosali.

Ein Nachmittag mit Rosali

Geduldig hörte sich Rosali meine Geschichten über Begegnungen, Trennungen und Annäherungen an. Sie wurde meiner Ausführungen nicht müde und gab mir Raum, alles noch einmal und noch einmal zu erzählen.

Es tat mir gut, von Dingen zu reden, die meine Seele belasteten. Ich erinnere mich an das befreiende Gefühl, dass sich einstellte, sobald alles einmal laut ausgesprochen worden war.

Auf unserem Weg, den wir nun schon seit Jahren gehen, kamen wir immer öfter an ähnliche Punkte im Leben. Gemeinsam machten wir uns mit zunehmender Begeisterung an die Analyse unserer jeweiligen Lebenssituation.

Hatten wir erst einmal die Quintessenz unserer Geschichten erfasst, konnten wir meist schnell eine passende Überschrift für die Aufgabe, die wir zu meistern hatten, finden.

Das Leben lieferte uns über die Jahre unglaublich viele Schauplätze, die uns allesamt an das Thema »Loslassen« erinnerten. Es präsentierte uns in schillerndsten Farben immer neue Geschichten. Den größten Schauplatz hatte sich Rosali auf ihrer Arbeit und in der Liebe gesucht.

Ich beobachtete, wie sie ihre täglichen Aufgaben meisterte. In entspannten Zeiten vollbrachte Rosali wahre Meisterstücke an Gelassenheit. Aber oft versank sie auch in den Tiefen ihrer Sorgen und fand für den Moment keinen Ausweg aus ihrer verfahrenen Situation.

Wenn sie mal wieder tief traurig auf »ihrem« Sessel in meinem Wohnzimmer saß, erinnerte ich sie an Momente in ihrem Leben, in denen sie sich verbundener mit sich selbst fühlte. Wir lachten gemeinsam, und ab und zu hörte ich Rosalis Bauch befreiend glucksen, blickte in zuversichtlich strahlende Augen und konnte zusehen, wie sie wieder mit ihrer inneren Stärke in Verbindung trat.

Ich fand es immer wieder verblüffend, wie schnell ich mich in Rosalis Gegenwart aus den Turbulenzen meines Lebens erholen konnte. Oft sprachen wir von einer anderen Welt, die wir betreten, wenn wir in trauter Zweisamkeit unsere Zeit miteinander verbrachten.

Ich dachte über Rosalis Gabe nach: Zuzuhören, Menschen zu beruhigen und ihnen Vertrauen zu geben, indem sie immer wieder betonte, dass einem nichts passieren könne. Sie konnte immer mit dieser untrüglichen Sensibilität die richtigen Worte finden, für jedes Ohr passend formuliert und mit einem Hauch von Spiritualität, der auch mich damals, als ich sie kennenlernte, so angezogen hatte.

Diesmal überrollten Rosali die Ereignisse. Seit Monaten dokterte sie an den Servern ihres Netzwerkes herum. Eigentlich sollte das Projekt Servertausch inklusive Neuinstallation innerhalb von einer Woche vom Zettel sein. Rosali wiederholte bereits das dritte Mal eine der Installationen und war mit ihren Nerven am Ende. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als einen der Server auszutauschen, und zu allem Überfluss konnte sie von ihren Kollegen keine Hilfe erwarten.

Das Projekt, mit dem sie betraut worden war, forderte sie so sehr, dass sie Unterstützung brauchte, doch keiner ihrer Kollegen nahm es wahr. Wie gut hätten ihr ein paar aufmunternde Worte ihres Vorgesetzten gut getan, doch mehr als einen verständnislosen Blick, wenn Rosali nach einem durchgearbeiteten Wochenende mal früher Feierabend machen wollte, hatte er für sie nicht übrig. Sie sehnte den Nachmittag herbei, den sie bei ihrer Freundin auf dem Sofa verbringen würde.

»Weißt du, Norbert interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob meine Kiste läuft; der wüsste, wie es geht. Schließlich hat er ja Informatik studiert. Seine Server laufen ohne Probleme. Er hat die ja auch auf Linux umgestellt. Aber du brauchst nicht zu glauben, dass er auch nur einen Finger rührt. Hauptsache, der gnädige Herr kann sich schön in sein kleines Büro zurückziehen und muss nicht mehr als nötig tun. Dem ist alles egal, so nach dem Motto ›nach mir die Sintflut‹. Jetzt habe ich alle Verzeichnisse auf den neuen Server kopiert. Das allein hat schon Stunden gedauert. Da kann ich nicht mehr auf den Ordner für die Systemdateien zugreifen. Ich, als Administrator! Also hab ich alles wieder gelöscht und noch mal von vorne angefangen. Und du glaubst es nicht, er hat die Rechte wieder nicht mitkopiert. Ich also alle Rechte per Hand abgetippt und das auch noch auf der DOS-Ebene. Weißt du, wann ich das letzte Mal mit DOS-Befehlen gearbeitet habe? Das war in meiner Ausbildung, das ist zwanzig Jahre her.«

Gefesselt von Rosalis Bericht und erschrocken über ihre grauen Gesichtszüge, liess ich den Redeschwall über mich ergehen.

Ich sah mir meine Freundin aufmerksam an und dachte: Bitte lieber Gott, lass sie aufhören, mir bis ins kleinste Detail die Installation eines Servers zu beschreiben. Wie kann ich sie bloß auf entspannendere Themen lenken? Wie kann ich sie nur aus diesem Gefängnis kleiner Dramen und dieser unerträglichen Hoffnungslosigkeit befreien?

»Süße! ich hab uns mal wieder ‘ne Flasche Brandy besorgt. Trinkst du einen mit mir?«

Rosali lächelte mich an und nickte dankbar. Ich stand auf und nutzte die Gelegenheit, ein bisschen in Bewegung zu sein, meinen Kopf frei zu bekommen und durchzuatmen, während ich die Flasche und zwei Gläser holte. Schweigend schenkte ich uns unseren Lieblingsbrandy ein.

Natürlich hatte ich Verständnis dafür, dass Rosali von ihrem Job genervt war. Ich würde selbst nicht gerne in einem Umfeld arbeiten, das so wenig hilfsbereit und kooperativ erscheint. Trotzdem, ich verstand nicht, warum Rosali die Situation nicht veränderte.

Oft saßen wir da, und Rosali erzählte, dass sie vor Jahren schon das Interesse für Zahlen verloren hatte, das ging bis hin zu Geburtsdaten ihrer Familie und enger Freunde, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte. Sie fühlte sich nicht am richtigen Platz. Sie sprach von ihrer Arbeitsstelle als Gefängnis, in dem sie acht Stunden täglich eingesperrt war. Ich war beeindruckt von ihrer Disziplin, die sie trotz ihrer Einstellung zu ihrem Job an den Tag legte.

Als ich ihr zuprostete und sagte: »Mann, Süße, das klingt ja alles total anstrengend!«, musste ich genauso traurig ausgesehen haben, wie Rosali sich fühlte. Sie blickte mich irritiert an.

»Ach, weißt du, ich bin es halt einfach leid. Es macht mir keinen Spaß und mir wird immer klarer, dass die Zeit in dieser Firma vorbei ist.«

Sie lächelte unsicher und sprach noch ein wenig über die Dinge, die sie so traurig machten.

Rosali sprach mir aus der Seele. Seit meiner Entlassung aus dem Gymnasium stocherte ich beruflich gesehen immer nur überall mal ein bisschen herum. Die kaufmännische Ausbildung hatte mir sehr viel Spaß gemacht. Meine Ausbildungsgruppe bestand aus vier Azubis und einem Ausbilder. Wir wanderten gemeinsam durch das gesamte Unternehmen von Abteilung zu Abteilung, arbeiteten überall mit und wurden in den speziellen Gebieten geschult. Es gab immer neue Sachen zu lernen, neue Kollegen zu treffen. Ich führte eine Beziehung, in der ich glücklich war. Es war eine gute Zeit.

Nach der Berufsausbildung probierte ich diverse Dinge aus, immer ein bisschen getrieben von der Suche nach dem Richtigen und immer begleitet von einer unterschwelligen Angst.