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Gegen geflickte Soldatenstiefel hatte ich sie getauscht: meine erste Klarinette. Dass sie von billigster Bauart war, spielte keine Rolle. Ich blies hinein und mein Leben als Musiker nahm seinen Lauf. Mein Vater brachte mich auf der Stadtmusikschule in Peine unter. Der Geigenbogen des Lehrers zischte uns um die Ohren, hungrig musizierten wir für warme Mahlzeiten. Wie ein Wahnsinniger übte ich und kampierte bald im Keller der Akademie für Musik und Theater in Hannover. Das Geld wurde knapp und ich ging auf Tour. Meine Reisejahre begannen. Wir spielten alles und überall - eine grandiose Zeit. Beim Bayerischen Rundfunk fand ich eine musikalische Heimat und wurde sesshaft. Gleichwohl arrangierte, produzierte und musizierte ich von der Tanzmusik bis zu Zimmermanns Soldaten noch vielfältiger als zuvor. In Herzogenaurach, wo ich heute lebe, schlug mein Musikerherz für die Jugend: hunderten Schülerinnen und Schülern brachte ich ein Instrument bei. Unsere Stadtjugendkapelle spielte sich derweil bis in die Kunstklasse. Heute liegen 86 aufregende und erfüllende Jahre hinter mir. Von diesen möchte ich hier erzählen.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mit besonderem Dank an meinen Freund Michael, ohne den dieses Buch nicht entstanden wäre.
Biografie meines Lebens
- Der Weg zu Ihrer Biografi e
www.biografie-meines-lebens.de
Email: [email protected]
Fuchsweg 40a
14548 Schwielowsee bei Potsdam
© 2019 Fritz Mensching & Michael Zanzinger & Biografie meines
Lebens / Fotos: privat
"MUSIK IST DEINE EIGENE ERFAHRUNG, DEINE GEDANKEN, DEINE WEISHEIT. WENN DU ES NICHT LEBST, KOMMT ES NICHT AUS DEINEM HORN."
CHARLIE PARKER
(SAXOPHONIST UND ERFINDER DES BEBOP)
Prolog – Meine erste Erinnerung
Der Krieg & meine Schulzeit
Aus meiner Lehrzeit
Reisejahre als Musiker
Meine „Nürnberger-Jahre“
Die Stadtjugendkapelle Herzogenaurach
Als er davon hörte, dass die Synagogen brannten, eilte mein Vater Heinrich in seinem Mantel aus dem Haus. Euphorisiert kam er nach Stunden heim und brachte ein Buch mit in unsere Wohnung in Hannover-Bothfeld. Wie eine Trophäe hielt er es uns Kindern unter die Nasen.
„Riecht, Kinder. Die jüdische Lehre. Sie stinkt nach Knoblauch.“
Manfred, Heiner und ich betrachteten den Talmud. Sahen unseren Vater an. Wir waren Kinder. Mein Geburtstag ist der 31. Mai des Jahres 1933. Wir begriffen nicht, was Papa uns sagen wollte. Wussten nichts von dem Trecker, mit dem die Nazis den Davidstern vom Dach der großen Trauerhalle gerissen hatten. Nichts von dem Feuer, das sich zur Mittagszeit des 10. November 1938 durch das Gebäude und über den jüdischen Friedhof an der Oberststraße fraß. Kein Jahr später begann der Weltkrieg. Ich kam in die Schule und meine Mutter unterzog sich ihrer ersten Krebsoperation. Die zweite folgte nur Monate später. Doch die Ärzte waren im Krieg. Ein Veterinär beugte sich über meine Mama Agnes Emma Hildegard.
Die Armeestiefel flogen durch die Luft und purzelten am Rande der Bahnstrecke nach Hannover ins Gras. Gelächter. Einige Gesichter amerikanischer Soldaten am Fenster des Zuges, der nun außer Sichtweite geriet. Es war das Jahr 1945. Wir Glückspilze waren die ersten, die sie entdeckten. Gleich nahm ich die Stiefel an mich und hielt sie meinem Freund Günther vor die Nase.
„Schau, das Leder ist noch prima.“
Günther lachte nur. Die Schuhe sahen gewaltig aus in meiner Hand. „Kannst Sie ja mal anziehen“, witzelte er, während ich einen Blick auf die Größe warf.
„44, da passen wir zusammen rein“, erwiderte ich und bohrte meinen Zeigefinger durch eines der Löcher bis ins Innere der Soldatenstiefel. „Die Sohle ist allerdings hin.“
Mein Freund Günther Zmuda und ich kannten das schon. Die Amerikaner trugen ihre Stiefel bis sie durchgelatscht waren, dann warfen sie die Schuhe einfach in die Landschaft.
„Die tauschen wir“, jubilierte ich. Endlich hatten wir etwas gefunden, das wir in die „Tauschzentrale“ von Northeim tragen konnten, jener Stadt beim Dorf Hohnstedt im südlichen Niedersachsen, in dem meine Familie und ich nach ständigen Evakuierungen gestrandet waren. Gleichsam hergetrieben hatten uns die Bomben der Alliierten, jetzt lebten wir in einem der Armenhäuser und waren in den Augen der Dorfbewohner nicht mehr als Flüchtlinge.
Glücklich drückte ich die Stiefel an mich, hoffte, sie gegen das Objekt meiner Begierde tauschen zu können. Seit einigen Tagen lag dieses wie aufgebahrt in einem Holzkasten im Fenster der „Tauschzentrale“. Mehrmals hatte ich es betrachtet und gespürt, wie der Gegenstand mir Eingang in eine andere Welt zu sein schien; fern der Armut, der wässrigen Suppen und meines Vaters, der auch jetzt nach dem Krieg nichts lieber sein wollte als ein strammer Nazi. „Wir motzen sie auf“, schleuderte ich die Stiefel auf dem Heimweg fröhlich an den Schnürbändern herum. Kaum angekommen, suchten wir uns ein Messer und fanden noch einen alten Motorradreifen, aus dem wir zwei Gummirechtecke ritzten. Kurzerhand stellten wir die Stiefel darauf, passten das Gummi an, schmierten alles mit Kleber ein und nähten die neuen Sohlen zusätzlich und unter Flüchen fest.
„Erstklassig“, befanden wir Jungs und steuerten die „Tauschzentrale“ in Northeim an, eine Einrichtung, die seit dem August des Jahres 1945 vielerorts in Deutschland existierte. An was fehlte es den Menschen nicht alles. Feinstes Porzellan sah ich Frauen gegen Kleidung für den Winter tauschen, Hochzeitskleider wechselten gegen Bügeleisen, Sofas gegen Kinderwagen oder ein kleiner Herd gegen Herrenschuhe die Besitzer. Sicher war auch das von mir ausgeguckte Objekt auf diesem Wege ins Schaufenster gelangt. Ob ich es tatsächlich gegen die Stiefel eintauschen könnte?
Wir hatten sie noch einmal poliert, auch die Sohle war eine Freude und der Mann von der „Tauschzentrale“ sah die Stiefel zufrieden an.
„Gut, Jungs“, nickte er. „Was möchtet ihr, Winterjacken?“
Ich schüttelte den Kopf. Sie war nicht schön, aber eine Jacke besaß ich ja.
„Die Klarinette aus dem Schaufenster“, wusste ich genau, was ich wollte.
Der Mann nahm die Soldatenstiefel an sich, stellte sie hinter dem Tresen ab, ging zum Schaufenster und kam mit einem kleinen Holzkasten zurück. Wie Weihnachten öffnete er ihn vor unseren Augen. Mein Herz schlug Samba. Da lag sie, die längliche und mich vom ersten Augenblick an betörende Klarinette. Dass sie von billigster Bauart und mit lediglich dreizehn Klappen versehen war, spielte nicht die geringste Rolle. Ich hatte ja keinerlei Ahnung, dass es auch 27 Klappen hätten sein können. Mich machte glücklich, was ich sah und alsbald erleben durfte.
Erneut zählte ich, indem ich meinen Finger nacheinander auf jede von ihnen legte, die Klappen. Dreizehn. Selbst war ich zwölf damals im Jahre 1945, schloss den Kasten und verließ damit an Günthers Seite die „Tauschzentrale“. Kaum vor der Tür, klappte ich den Deckel wieder hoch, nahm die Teile der Klarinette aus dem Kasten und steckte alles zusammen. Drinnen hatte der Mann die Soldatenstiefel noch nicht vollends weggestellt, da blies ich das erste Mal in eine Klarinette; ein Instrument, das ich fast siebzig Jahre meines Lebens spielen sollte. Es pfiff ein wenig. Dann ging mir die Luft aus.
„Kommt kein Ton?“, wollte Günther wissen.
„Ne“, schüttelte ich den Kopf. „Nix.“
Sogleich versuchte ich es erneut. Wieder kam nur ein windiges Pfeifen aus dem Instrument. Enttäuscht begutachtete ich meine neue Klarinette. Derart hatte ich mir meinen Einstieg in die Welt der Musik nicht vorgestellt. Wenn das Ding so schwer zu spielen war, würde ich lieber wieder zum Akkordeon meines Bruders greifen und mich an „Rosamunde“ versuchen. Er hatte das Instrument zurückgelassen, als er nach seiner Hochzeit nach Fallingbostel gezogen war.
Ich legte meine neue Klarinette in den Kasten und schloss ihn. Wie hätte ich auch von dem dünnen Rohrblatt wissen können, mit dem das Mundstück versehen werden muss? Wie Musiker ohne Töne machten wir uns mit dem Kasten auf den Heimweg und durchquerten schließlich Hohnstedt, das seit einigen Monaten mein Zuhause war. Meine ersten Lebensjahre hatte ich hundert Kilometer entfernt, in der Burgwedeler Straße 46 in Hannover verbracht. In jener Wohnung war es auch, in deren Küche mir 1942 nach einer Luftmine der Alliierten plötzlich der aus der Wand gerissene Ofen entgegenschoss und mich aus seinem Rohr sinnlos und schwarz anglotzte. Eben noch hatte ich in der Küche in einem Buch gelesen, plötzlich ein schrecklicher Knall, ich starrte erst ins Ofenrohr, dann nach draußen. Kein Baum stand mehr vor dem Haus. Die oberen Fenster waren von der Druckwelle allesamt zersprengt worden, überall lagen Scherben und Trümmer.
„Lauf“, hatte mein Vater Heinrich immer gesagt. „Wenn eine Bombe fällt, renn um dein Leben, Fritz.“
Das tat ich, rannte in Richtung der Haustreppe und musste nicht einmal die Wohnungstür öffnen, um die Stufen zu erkennen. Die Außenwand unserer Wohnung war von der Mine ebenso zerstört worden, wie unser feines Wohnzimmer. Nur einmal hatte ich dort essen dürfen, derartig wurde der elegante Raum vor dem Alltagsleben geschützt. Nun war er, nachdem ein Splitter ein gewaltiges Loch ins Büffet gerissen und weitere Möbel zerschossen hatte, nicht weniger als hinüber. Wir müssten ausziehen, hieß es umgehend, das Haus drohe einzustürzen. Es kam die Zeit meiner ersten Kinderlandverschickung.
„Nach Österreich, an die Donau“, teilte meine Mutter mir mit. „Du kannst dort zur Schule gehen und bist in Sicherheit.“
Mein Vater Heinrich, ca. 1940 in Belgien.
Schulanfang, 1939
Österreich, 1942: Kinderspiele mit Hansi, dem Sohn des Oberförsters. Ich bin der Kleine mit dem Stahlhelm.
„Rosen auf Wien, Bomben auf Berlin“, hieß es nach meinem Eintreffen in Stopfenreuth dann auch zynisch und tatsächlich schipperten die Leute noch gemütlich mit ihren Angelbooten auf der Donau herum. Undenkbar in Hannover, zogen doch die Flugzeuge der Alliierten beinahe täglich durch unseren Nachthimmel. In den Kegeln der Scheinwerfer konnte ich sie sehen, hatte gelernt, die Bomber zu unterscheiden, all die Whitleys und Lancasters der Royal Air Force mit ihren Bomben und Bomben und Bomben. Majestätisch zogen die Maschinen dahin, brachten Tod und Zerstörung, ohne dass die Flakbatterie in der nahen Kaserne sie erwischt hätte. Erst später wurden die Horchgeräte besser und auch die Mädels vom „Bund Deutscher Mädchen“ offenbar gewandter im Umgang mit ihren, den nächtlichen Himmel ausleuchtenden Scheinwerfern. Wieder ein Voralarm und wir rannten in den mit Balken abgestützten Keller. Oder weiter, an meiner ersten Schule vorbei, bis zum Hochbunker in der Heimstättenstraße. In meiner Jungvolk-Uniform stand ich in der Gas-Schleuse, wartete, während draußen der Voralarm zum Hauptalarm wurde, bis ich an der Reihe war einzutreten.
Meine Kinderlandverschickung an die Donau. Ich bin der Junge mit der schwarzen Mütze (3. v. l.). Meine Mutter ist auf dem rechten Foto als zweite von rechts, mit Hut, zu sehen.
