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Thorsten trägt seit seiner frühen Jugend die schwere Last einer unerfüllten Jugendliebe mit sich umher. Seine Ehe droht daran zu zerbrechen. Und auch Thorsten hadert immer wieder mit seinem Schicksal. Auf der ungewissen Reise zu einem glücklicheren Leben muss er sich schließlich seiner Vergangenheit stellen.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Alexander Sandmann
Rote Tulpe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Wut
Sie
Seine Wahrheit
Von Kometen und Sternschnuppen
Böse Traumwelten
Distanzierte Nähe
Wunschtraum
Rauchzeichen
Unerwartete Hilfe
So etwas wie Normalität
(K)eine Antwort
Harsche Worte
Späte Erkenntnis
Ein ziemlicher Reinfall
Humpty & Dumpty
Eine nie abgeschickte Mail
Eine Bitte
Segeln ins Glück
Es spricht!
Abschied #1
Interludium
Abschied #2
Lebewohl
Ruhe nach dem Sturm
Zweite Chancen
Angekommen
Ein Sommernachmittag
Impressum neobooks
Herbst 2010
"Nein, es ist nicht gut!" Laut knallte Thorsten die Haustür hinter sich zu und rannte zur Gartenpforte hinaus. Sprachlos schaute ihm seine hochschwangere Frau hinterher und sah ihn nur noch um die nächste Straßenecke biegen.
Thorsten hingegen lief. Er lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten. Wohin wusste er nicht, nur weg. Dorthin, wo er allein war und nachdenken konnte. Über all die Jahre, die durch die letzten Jahre seines seitdem eintönigen gewordenen Lebens
schon zu verblassen begonnen hatten und deren Bedeutung er seiner geliebten Frau niemals hätte erklären können, ohne falsch verstanden zu werden.
Es war Sommer, Juli, und die Vögel sangen in der brennenden Hitze des späten Nachmittags. "Singende Vögel...ja, Ihr seid gut drauf!" dachte er. "Ihr habt auch nicht meine Probleme." Wütend blickte er einem Spatz hinterher, der munter auf einem Gartenzaun umherhüpfte. Es wurde ihm alles zu viel. Sonne, die war sowie nichts für ihn! Und gute Laune? Die hatte er bereits vor Jahren weggesperrt und sich verboten.
Der junge Mann, Ende 20, ertrug diese erdrückende Gegenwart aus Erinnerungen und einer Beziehung, in der keine Neuerungen mehr erwartete, nicht mehr und tat, was er in solchen Situationen häufig tat: er suchte Zuflucht in der Musik. Über Jahre hatte er sich seinen "Soundtrack of Life", wie er es nannte, zusammengestellt - und dieser war ihm heilig. Hastig kramte er in seinen Hosentaschen nach seinem Smartphone und den Kopfhörern und zog ein zerknülltes Stück Kabelsalat hervor.
"Mist, immer das Gleiche!" fluchte er leise vor sich hin und begann ungeduldig, das Kabel zu entwirren. Unterdessen drang das Lachen einer Frau an sein Ohr und er verspürte unverhohlen den Drang, sich die Ohren zuzuhalten, entknotete stattdessen aber die letzten Ösen aus den leuchtend weißen Kunststoffkabeln.
Als er die Stecker in seiner Ohrmuschel spürte und die Laute der Außenwelt nur noch gedämpft zu vernehmen waren, entspannte er sich langsam und blieb kurz stehen, um seine Musik herauszusuchen. Wollte er lieber seiner Wut mit knalligem Heavy Metal Nachdruck verleihen oder sich doch eher der Melancholie hingeben?
Er fuhr sich hektisch durch seine dunkelblonden, zu einer Igelfrisur aufgestellten Haare und fluchte leise, als ihm das Haargel an den Fingern klebte. Irgendwann würde er sich eine neue Frisur zulegen. Ohne Gel!
Letztlich fiel seine Wahl, wie so oft, auf etwas in der Mitte: "Die Toten Hosen - Froschkönig". Ein Lied, das es aus seiner Sicht treffend beschrieb, wie es ihm dauerhaft ging - mit Abstrichen bei einigen Textpassagen, die er sich großzügig anders ausmalte, als die Vergangenheit es zugelassen hätte.
Der Rhein mit seinen ruhigen Auen war nicht weit und er schaute gerne dem Wasser zu, wenn er nachdenken wollte. So auch heute, denn so ging es nicht weiter. Den "Froschkönig" im Loop, die Lautstärke aufgedreht, so kletterte er zielstrebig das Ufer zum Fluss hinab, um sich auf der Mole einen angenehmen Platz zu suchen. Seine Gedanken kreisten, gefangen durch den "Froschkönig" immer um die gleiche Person, die gleichen Situationen. Plötzlich ging es ihm auf die Nerven und er suchte hastig nach der Playlist "Melancholie" und ließ diese etwas leiser laufen.
Wer "Sie" war, wagte er selten und fast niemandem zu erzählen. Am meisten über „sie“ hatte er seiner Schwester Sabrina anvertraut, die mit ihren 10 Jahren mehr Lebenserfahrung das eine oder andere zu sagen hatte.
Einst hatte er hilfesuchend und unter falschem Namen in ein Internetforum geschrieben, er suche seine Jugendliebe. So ganz traf es das jedoch nicht. Er hatte ihre eMail-Adresse, konnte sie jedoch nicht kontaktieren. "...wegen...wegen allem!" hielt er seine Verzweiflung später in einem Tagebucheintrag fest. Vielmehr wusste er nicht, wie er mit seiner Gefühlswelt fertig werden sollte, die seit über 10 Jahren das gleiche bewirkte: in regelmäßigen Abständen musste er an sie denken, sich fragen, was sie so machte und ob sie manchmal an ihn dachte. Um dann sofort festzustellen, dass sie damals ganz anders empfunden hatte als er.
Ja, "Sie" hatte seit jenem verhängnisvollen Tag in seiner Jugend einen festen Platz in seinem Herzen, als sei ein Komet eingeschlagen, später gewaltsam wieder entfernt worden und habe einen großen Krater hinterlassen.
Dieser Krater trug einen Namen: Katharina.
Und würde er den fremden Gestalten aus dem Internetforum Glauben schenken, so würde dieser Krater zeitlebens sein Herz zieren. Ein Umstand, der ihn weder glücklich, noch sonderlich traurig stimmte. Denn so würde er sicher gehen, dass er diese eine Person stets im Herzen tragen würde, jedoch würde es jedes Mal schmerzen, an sie zu denken - bis ans Ende. Ein Ende, ihres oder seins. Beizeiten hatte er sich Szenarien ausgemalt, was er täte, sollte er von ihrem Tode erfahren - oder umgekehrt. Er würde an der Trauerfeier teilnehmen wollen, das stand fest. Würde auch sie ihm jemals die Ehre erweisen? Niemals dachte er diese Gedanken zu Ende.
Nun saß er dort, am Ufer des Rheins, der sich vom aufgewühlten Schlamm bräunlich seinen Weg zum Meer bahnte. Möwen kreischten hier und dort, Frachtschiffe fuhren im Minutentakt an ihm vorüber. Niemand nahm Notiz von ihm und das gefiel ihm. "Endlich allein, endlich Ruhe", dachte er bei sich.
"Was heute passiert war, hätte besser nicht passieren sollen." beschloss er kurzerhand und hatte augenblicklich das Gefühl, seine Welt bräche vor ihm entzwei. Seine Familie, sein noch lange nicht abgezahltes Haus, seine Arbeit und sein Studium...alles, was ihm irgendwie wichtig war. Ein Gefühl unendlicher Hilflosigkeit und Leere überkam ihn, als er die heutigen Geschehnisse noch einmal in Gedanken analysierte.
Seine Frau hatte auf seinem Rechner im Internet etwas suchen wollen und war dabei auf von ihm eigegebene Suchanfragen "Katharina Förster" gestoßen. Unerwartet fragte sie ihn mit hochrotem Kopf, wer das denn sei und warum er nach ihr suchen würde. Er hatte kurz in seinem Hirn nach einer guten Ausrede gesucht, sich dann aber doch für die Wahrheit entschieden...
"Ich habe Dir schon einmal von ihr erzählt." begann er unsicher und verfiel in einen Redefluss, als seine Frau Janine ihn kurz fragend anstaute.
Katharina...sie war damals mit ihm im Segelverein gewesen, in seinem Heimatort. Sie hatten zusammen mit einer Jugendgruppe einen Segelschein machen wollen, dessen Fertigstellung jedoch am Rauswurf des Jugendwartes scheiterte. Sie hatten zusammen gesegelt und waren zusammen auf Segelfreizeiten. Und: er hatte sich in sie verliebt. An jenem verhängnisvollen Tag, als eine Unterrichtsstunde für den Segelschein bei ihrem Bruder zu Hause stattfand. "Meine Schwester möchte auch gerne mitmachen." hatte er gesagt und sie setzte sich zu uns. Und das war's gewesen. Der Kometeneinschlag fand nur wenige Zeit später statt.
Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, gestand Thorsten, er habe das Ende seiner Jugendliebe niemals richtig verkraftet und hatte hilflos ihre Nähe gesucht...über Suchanfragen im Internet.
Mit einem "Sie ist also die Liebe Deines Lebens!" brach ein heftiger Streit los, den Thorsten immer hatte vermeiden wollen, da er der Meinung war, seinen Platz im Leben gefunden zu haben und glücklich zu sein.
Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte sie Recht. Er liebte seine Frau und hätte sie und seine kleine Tochter niemals hergeben wollen, doch dachte er an Katharina, machte sich stets eine Art Fernweh in seinem Herzen breit.
"Erzähl mir mehr von Ihr!" forderte Janine eindringlich, nachdem Thorsten geendet hatte. "Was möchtest Du wissen?" fragte er matt. Egal was er sagen würde, sie würde es gegen ihn verwenden. Doch was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Die Katze war aus dem Sack und er fragte sich, ob das künstlerisch geschickte Auslassen von Informationen seinem Leben zuträglicher gewesen wäre. "Was hast Du mit Ihr erlebt? Warum habt Ihr keinen Kontakt mehr?" bohrte sie in ihrem Ich-mach-Dich-fertig-Ton nach.
Er atmete tief durch, doch in seinem Inneren tobte es. Wut auf seine Frau, Zorn auf sich selbst, Verzweiflung gegenüber Katharina. Mit gezwungen freundlicher Stimme schob sie ein "Erzähl schon, ist schon gut." nach. Es reichte. Er wusste, irgendwie war alles seine Schuld, doch er ertrug seine eigene Courage nicht mehr. Mit einem Satz war er aufgesprungen, zur Haustür geeilt und brüllte ihr ein markerschütterndes "Nein, es ist nicht gut!" entgegen.
Das war alles, aber nicht gut gelaufen, erkannte Thorstens Verstand. Sein Herz rebellierte und schlug ihm bis zum Hals. Aber Janine hatte Recht, sie hatte verdammt Recht. Was war eigentlich geschehen und warum saß er heute hier? Hätte nicht alles ganz anders kommen können und er wäre heute kein Melancholie-Junkie und müsste sich nicht ständig ein "Lach doch mal! Du lachst nie mit mir!" von seiner Frau anhören?! Selbstzweifel und unendliche Trauer überkamen ihn. Mit geschlossenen Augen versuchte er, eine unglückliche Liebesgeschichte noch einmal zu durchleben. Seine Liebesgeschichte.
Sommer 1997
"Hey, wo treffen wir uns kommendes Wochenende? Oder fällt der Unterricht dieses Mal aus?" Thorstens Freund Alex stand im Seglerdress, nass bis auf die Knochen, auf dem Steg und schöpfte beständig Wasser aus seiner Jolle. Der schlanke, blonde Kerl, den man im Allgemeinen als Sunny Boy bezeichnet hätte, blickte über seine Schulter und Thorsten reichte ihm ein Handtuch und entgegnete: "Bei Kilian, soweit ich weiß. Unsere Eltern dürfen uns wieder fahren."
"Oh ja, richtig. Werde ich froh sein, wenn ich endlich den Führerschein habe! Nur noch 2 Jahre!"
"Juhu! FREIHEIIIT!" grölte Thorsten hoffnungsvoll und schwenkte seinen Blick auf das aufgewühlte Wasser des kleinen Baggersees, an dem die beiden Freunde häufig segelten. Starke Böen pfiffen durch die Masten und kräuselten das Wasser. "Kommst Du gleich noch einmal mit aufs Wasser? Das wird ein Spaß!" Alex war allseits als kleiner Draufgänger bekannt und ließ sich auch bei Starkwind nicht vom Segeln abhalten. "Ne, lass mal gut sein. Einmal baden reicht für heute." grinste Thorsten zurück.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er an jene tückische Stelle auf dem See dachte, wo Fallwinde das Segeln zur Herausforderung machten. Eine plötzliche Böen, die ebenso schnell verschwand, wie sie gekommen war, hatte seinen 420er binnen Sekunden platt auf die Wasseroberfläche gedrückt und ihn sind feuchte Nass befördert. Pitschnass war er zurück zum Steg gesegelt und den Segeltag vor Kälte zitternd für sich beendet.
Alex, der ebenfalls einer besonders tückischen Böe zum Opfer gefallen war, beendete seine Trocknungsversuche. "Okay, dann machen wir Schluss für heute. Morgen soll das Wetter eh besser werden."
Die beiden packten kurzerhand ihre Sachen und radelten nach Hause.
