Rückzug - Kirsten Niebaum - E-Book

Rückzug E-Book

Kirsten Niebaum

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Beschreibung

Mich rettet nur der Tod! Mehr als einmal denkt die an einer schweren Depression erkrankte Protagonistin aus Kirsten Niebaums neuen biographischen Roman über Suizid nach. Eindringlich wird der Verlauf der schweren Depression nachgezeichnet. Erst ein Klinikaufenthalt in der Psychiatrie, etliche Stunden Gesprächstherapie, Medikamente und konsequenter Schlafentzug helfen der Erkrankten aus der heimtückischen Krankheit heraus. Angehörige kommen zu Wort und schildern die dramatischen Ereignisse aus ihrer Sicht. Der Lebensbericht rüttelt wach und räumt Vorurteile über psychiatrische Behandlungen, in Deutschland noch immer herrschen, aus.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kirsten Niebaum

Rückzug

- Wie ich meine Depression durchlitt, beinahe starb und nun endlich lebe –

Wochenende

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Wochenende

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Wochenende

Montag

Wie mein großer Sohn meine Depression erlebte

Wie die Zwillinge meine Depression erlebten

Wie mein Ehemann meine Depression erlebte

Rückfall

Rückkehr in mein altes Leben

Endlich gesund

Erneuter Rückfall

Drei Jahre später

Nachwort

Anmerkungen der Autorin:

Die Geschichte ist so oder so ähnlich passiert. Zeitspannen, genaue Orte oder Geschehnisse konnten nicht genau bestimmt werden, tun aber auch nichts zur Sache. Alle Namen sind geändert.

Über die Autorin:

Kirsten Niebaum, geboren 1971, arbeitet seit vielen Jahren in einer Beratungsstelle und unterstützt Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags. Die zahlreichen Lebensgeschichten, die sie hört, verarbeitet die Autorin in biographischen Romanen.

Kirsten Niebaum lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern, ihren Pferden und Katzen in der Nähe von Frankfurt am Main. In ihrer Freizeit engagiert sie sich ehrenamtlich für Tiere in Not.

© E. Holthusen

Alle Rechte vorbehalten

Erste Auflage 2023

Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt

Cover: BoD easyCover

ISBN: 978 375 2803 747

Meine Familie steht vor mir und weint. Mein Sohn wird mich in eine Privatklinik fahren und ich habe versprochen, dass ich gesund und „wie früher“ zurückkommen werde. Mein Neurologe hat mich an diese Klinik, die sich auf die Behandlung von Depressionen spezialisiert hat, überwiesen. Ich hätte auch in die Psychiatrie unseres Krankenhauses vor Ort gehen können, doch das wollte ich nicht. Ich befürchte das Gerede in der Nachbarschaft. Lieber fahre ich weit weg und hoffe, dass ich niemandem begegne, den ich kenne.

Ich bin schon seit zwei Jahren in Behandlung. Mein Arzt hat mich zu einem Gesprächs- und Verhaltenstherapeuten geschickt, bei dem ich Stunden zugebracht habe. Genutzt hat es nichts. Im Gegenteil, ich fühle mich schlimmer als je zuvor. Seit zwei Monaten stecke ich in einer tiefen Depression, aus der es kein Entkommen gibt.

Ich kann nicht mehr arbeiten. Meinen Haushalt und die Betreuung meiner beiden kleinen Kinder, Zwillinge, zehn Jahre alt, schaffe ich nicht. Würde mein großer Sohn sich nicht um alles kümmern, gäbe es unsere Familie nicht mehr.

Ich liege den ganzen Tag im Bett. Ich gehe nicht ans Telefon, beantworte keine eMails. Ich lese nicht, ich schaue kein fern. Ich interessiere mich für nichts mehr. Ich habe keine Energie, keinen Funken Lebensfreude mehr. Ich habe keine Hoffnung, dass sich an meinem Zustand jemals etwas ändern wird. Allein und vollkommen zurückgezogen vegetiere ich auf meinem Bett dahin, ohne Kontakt zu meinen Freunden, meiner Familie, meinen Kollegen oder zu mir selbst. Ich bin allein.

Ich kann keine Fröhlichkeit ertragen, nicht einmal das Lachen meiner Kinder. Ich habe kein Selbstwertgefühl, ich empfinde mir selbst gegenüber nur Hass, Verachtung und Schuldgefühle. Ich kann nichts mehr tun, ich bin ein Niemand.

Das Einzige, was ich noch kann, ist trinken. Und rauchen. Ich rauche im Bett. Mein Mann hasst es. Mir ist egal, ob er mich hasst oder das Rauchen. Mir ist alles egal. Schon morgens gilt mein erster Gedanke der Schnapsflasche. Ich raffe mich auf, zünde mir eine Zigarette an, steige mühsam aus dem Bett und schlurfe zum Barschrank. Ich rede mir ein, dass der Alkohol mir helfen würde und tatsächlich spüre ich für eine kurze Zeit Linderung. Doch das hält nicht lang. Ich lege mich hin, ziehe die Decke hoch. Ich stehe wieder auf. Trinke den nächsten Schluck. So geht es stunden- ja, tagelang. Meine Verachtung mir selbst gegenüber wird mit jedem Schluck aus der Flasche größer.

Ich rede mir ein, dass meine beiden Kleinen meinen Zustand nicht bemerken. Ich sage ihnen, dass ich krank bin. Erkältet. Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. Ich bilde mir ein, dass sie mir glauben. Sie bringen mir Essen ans Bett und heiße Zitrone. Ich lasse alles stehen, lächle nicht einmal.

Als meine Tochter mich verzweifelt anschreit und sagt: „Glaubst Du es macht Spaß, eine Mutter zu haben, die den ganzen Tag im Bett herumliegt und säuft?“, kann ich auch die Illusion, dass sie mir glauben, nicht länger aufrechterhalten.

Ich sitze mit meinem Sohn im Auto und möchte umkehren. Ich sehe meinen Sohn, der den Blick stur geradeaus auf die Straße hält und mich nicht ansieht. Ich weiß, dass er nicht umkehren, sondern mich in der Klinik abliefern wird. Trotzdem möchte ich ihn anbetteln, mich wieder mit nach Hause zu nehmen. Ich möchte weinen und flehen, doch es kommt kein Ton aus meinem Mund. Ich bin erstarrt und innerlich abgestorben.

Im Foyer der Privatklinik angekommen, nimmt uns eine Dame in Empfang. Sie ist jung, elegant gekleidet und perfekt geschminkt. Ich komme mir ihr gegenüber noch elendiger vor als sonst. Ich sehe aus wie ein ungepflegtes Monster. Ich habe meine Haare seit Tagen nicht gewaschen, meine Pullover ist unförmig, die Jogginghose ausgebeult und dreckig. Ich möchte auf der Stelle nach Hause. Ich möchte geheilt werden und muss hierbleiben. Sofort nach Hause. Hierbleiben. Nach Hause. Das Karussell meiner irren Gedanken dreht sich immer schneller.

Mein Sohn verlangt einen Arzt. „Sehen Sie denn nicht, wie es meiner Mutter geht? Sie braucht dringend Hilfe!“ erklärt mein Sohn. Die Dame sagt, ein Arzt hätte frühestens am Montag Zeit. Sie lächelt. Warum lächelt sie? Sie erklärt, ich solle das Wochenende nutzen, um anzukommen. Ich soll die Klinik kennenlernen und die wunderschöne Umgebung. Mich interessiert beides nicht. Ich möchte nach Hause.

Mein Sohn gibt auf. Er scheitert an der lächelnden Empfangsdame, die gar nicht versteht, dass ich Hilfe benötige. Sie zeigt uns den Weg zu meinem Zimmer. Ich komme mir vor wie in einem Hotel. Hier wird mir niemand helfen können.

Gestützt auf meinen Sohn schlurfe ich zu meinem Zimmer. Er schließt die Tür auf. Ich gehe an ihm vorbei und lege mich in mein Bett. Ich ziehe die Decke hoch. Meinen Wintermantel und meine Schuhe lasse ich an.

Mein Sohn weiß nicht, was er machen soll. Er versucht, mich zum Aufstehen zu bewegen. Er möchte, dass ich mich umziehe. Ich kann nicht und bleibe apathisch im Bett liegen. Mein Sohn ist vollkommen überfordert. Ich möchte das alles nicht, aber ich kann nicht helfen. Ich kann nicht aufstehen. Ich bin leer und erschöpft. Ich kann meinen Sohn nicht lieben. Ich möchte, dass er geht. Ich verspreche, in der Klinik zu bleiben und durchzuhalten.

Mein Sohn geht. Ich sehe, dass er weint. Er weiß nicht, wie er mit mir, seiner Mutter, die nichts mehr kann und nichts mehr will, umgehen soll.

Am Abend kommt doch ein Arzt. Er steht vor meinem Bett und redet auf mich ein. Ich solle Geduld haben. Es kommt schon alles in Ordnung. Ich muss daran glauben. Ich glaube schon lange an nichts mehr. „Wir geben Ihnen Medikamente und Sie werden viel Sport treiben. Bewegung und Medikamente werden die Depression vertreiben!“, erklärt der Arzt. Geduld, ich soll Geduld haben.

Ich weiß gar nicht, was der Arzt will. Ich höre seine Worte, aber ich verstehe nicht, was er sagt. Er soll gehen. Ich drehe mich zur Wand. „Geduld, Geduld“, murmelt er. Was will er? Als ich höre, wie die Tür ins Schloss fällt, bin ich allein. Endlich.

Wochenende

Ich habe nicht geschlafen. Ich habe mich hin- und her gewälzt, stundenlang an die Decke gestarrt. Eine Straßenlaterne scheint direkt in mein Zimmer. Es ist zu hell. Ich kann nicht schlafen, wenn es hell ist. Schlafen. Ich kann nicht einmal mehr schlafen.

Trotz der schlaflosen Nacht schaffe ich es, zum Frühstück zu gehen. Ich komme an der Tablettenausgabe vorbei und bekomme meine Ration. Bunte Pillen, zwei rote, eine weiße und fünf blaue. Wofür die Tabletten sind, weiß ich nicht. Es interessiert mich nicht. Ich weiß nur, dass ich keine Tabletten nehmen will. Tabletten sind schädlich. Sie greifen die Leber an und machen den Magen kaputt.

Nach dem Frühstück darf ich zu einer Ärztin. Sie ist jung. Sie wirbt in unserem Gespräch für die Klinik. Die großartige Gegend, das gute Essen. Ich solle den Fachärzten Vertrauen schenken. Mit Geduld und Sport würde meine Depression verschwinden. Ohne selbst etwas zu sagen, verlasse ich das Behandlungszimmer. Ich möchte ins Bett. So schnell ich kann gehe ich zu meinem Zimmer.

Dort grüble ich über die Klinik nach. Bin ich hier richtig? Kann man mir hier helfen? Hier- wo es aussieht wie in einem Hotel? Ich schaue mich in meinem Zimmer um. Alles ist in Pastelltönen gestrichen. Es hängen Bilder an den Wänden. Ich hasse Pastellfarben. Ich mag keine fröhlichen Bilder an den Wänden.

Die Klinik ist sehr teuer. Wir müssen fast alles selbst zahlen. Meine Krankenkasse hat die Kostenübernahme abgelehnt. Können wir uns das leisten? Warum sollen wir uns das leisten – für mich? Ich bin wertlos, warum Geld ausgeben? Ich kann aus meinem Gedankenkarussell nicht aussteigen. Es dreht sich immer schneller, bis sich eine gigantische Zahl in meinem Kopf breit macht. Die Zahlen hüpfen herum, ich kann an nichts anderes mehr denken. Nur die Zahl, die gigantischen Kosten, die ich nicht wert bin. Ich bin es nicht wert.

Ich rufe zu Hause an. Mein Mann ist genervt. Ich höre es. „Hauptsache ist, Du wirst gesund. Mach Dir keine Gedanken über die Kosten!“, sagt er. Wieder dieser Druck. Ich muss gesund werden, gesund, gesund, gesund. Geduld. Sport. Kosten. Ich kann nicht mehr.

Ich verbringe den ganzen Tag im Bett und starre an die Decke. Auf dem Pastellgelb klebt eine zerdrückte Mücke. Ich möchte diese Mücke sein. Zerdrückt, tot. Tot auf hässlichem Pastellgelb.

Am Sonntag gehe ich noch vor dem Mittagessen zum Bahnhof. Ich brauche Zigaretten. Und Schnaps. Ich gehe zum Fahrscheinautomaten. Ich weiß nicht, wie ich eine Fahrkarte nach Hause aus dem Automaten ziehen kann. Ich versuche, die Anleitung zu verstehen, aber ich kann nicht lesen. Ich stehe vor dem Kasten und weiß nicht, wofür all die Knöpfe sind. Kurz überlege ich, ob ich auf die Gleise springen soll.

Am Mittagstisch fragt eine Patientin, ob jemand mit ihr spazieren gehen möchte. Ich möchte. Ich habe plötzlich Angst davor, einen weiteren Tag allein in meinem Zimmer zu sein.

Gemeinsam ziehen wir los. Sie redet viel. Von ihren Problemen. Es geht um ihre Ehe. Sie möchte ihren Mann verlassen, kann es aber nicht. Sie ist abhängig von seinem Geld. Sie geht mir auf die Nerven und ich bereue, mitgekommen zu sein. Ich möchte nun doch in mein Zimmer, in mein Bett. Wir gehen durch einen Wald und ich schaue mir die Äste der Bäume genauer an. Halten sie mich aus? Kann ich mich dort erhängen?

An einem See, der halb zugefroren ist, bemerke ich ein Loch. Ich präge mir die Stelle ein und schwöre mir, hierhin zurückzukommen. Ich könnte mich im eiskalten Wasser ertränken.

Zurück an der Klinik flüchte ich in mein Zimmer und ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich gehöre hier nicht hin. Ich gehöre nirgendwo hin. Ich will sofort nach Hause. Ich liege im Bett und starre an die Decke. Wieder die Mücke. Ich beneide sie. Sie ist tot. Meinen Mantel und meine Schuhe behalte ich an. Ich bin zu erschöpft, um mich umzuziehen.

Montag

Ich muss zur Blutentnahme. Niemand erklärt mir, warum. Ich halte meinen Arm hin und lasse mir Blut abnehmen. Ich schaue auf die rote Flüssigkeit, die in die Kanüle läuft und hoffe, dass der Strom niemals aufhört. Wenn kein Blut mehr in mir ist, bin ich tot. Tot. Tot. Endlich tot.

Bei der Visite bekomme ich eine Art Stundenplan in die Hand gedrückt. Ich soll zur täglichen Frühgymnastik, danach walken. Autogenes Training, Tanz- und Musiktherapie, Skilanglauf. Ich frage mich, wozu das alles gut sein soll. Dass ich nicht nur Sportkurse möchte, sondern eine Psychotherapie, wird ignoriert. Ich bekomme zwei Termine beim Psychologen pro Woche. Das reicht, wird mir gesagt. Viel zu wenig, sage ich. Niemand hört mich.

Als ich sehe, dass ich auch zur Gruppe der Alkoholgefährdeten soll, rebelliere ich. Ich trinke nur, wenn ich depressiv bin. Wenn ich normal bin, trinke ich nicht. Ich möchte meine Depression heilen, nicht meine Trinkgewohnheiten ändern. Niemand hört meine Einwände.

Ich absolviere zwei Sportkurse. Nur mit Mühe finde ich die Räume. Niemand hat mir gezeigt, wie ich mich in der Klinik zurechtfinde. Erklärungen, wo ich was finde, verstehe ich nicht. Ich kann mich nicht konzentrieren und mir nicht merken, was man mir sagt. Ich bin unfähig, einen Gedanken in meinem Kopf zu behalten. Ich bin ausgeknipst. Ich bin überhaupt nicht da.

Abends muss ich erneut zu der Ärztin, bei der ich schon Samstag war. Sie erklärt mir erneut, dass ich Geduld haben müsse. Eine Depression kommt langsam und sie verschwindet langsam. Als sie das sagt, beginne ich zu weinen. Unter Tränen sage ich, dass ich nach Hause möchte. Dass man mir in dieser Klinik nicht helfen könne. Sport treiben kann ich zu Hause. Mit meinen Kindern. Ich möchte weg. Ich möchte bleiben. Ich möchte nichts. „Geduld, Geduld“, sagt die Ärztin. „Es dauert, Sie müssen Geduld haben.“

Sie drückt mir einen Aufnahmebogen in die Hand. Darin unendlich viele Fragen. Ich soll den Bogen mit in mein Zimmer nehmen und dort ausfüllen.

Was soll ich schreiben? Ich kann den Bogen nicht lesen. Die Worte tanzen vor meinen Augen. Krankheiten, Kindheit, Familie, Beruf. Warum wollen sie all das wissen? Ich weiß es nicht. Ich versuche, wenigstens den Verlauf meiner Depression zu beschreiben. Leichte Verstimmungen vor über zwei Jahren, die mein Neurologe über ein Antidepressivum in den Griff zu bekommen versucht hat. Es wurde alles schlimmer. Ich schluckte die höchste Dosis irgendeines Mittels, und die Depression schluckte mich. Einfach so, bis ich nichts mehr schaffte. Meinen Job nicht, meinen Haushalt nicht, die Kinder nicht. Ich konnte nur noch apathisch im Bett liegen.

Als ich den Bogen zurückbringe, wirft die Ärztin einen kurzen Blick auf das Geschriebene. „Nur Geduld, und Kopf hoch. Das wird wieder!“, sagt sie und entlässt mich in die Freiheit der Klinik.

Ich gehe sofort zurück in mein Bett.

Dienstag

Ich bin nun seit Freitag hier. Ich habe nicht geschlafen in dieser Nacht. Ich liege nur da und grüble vor mich hin. Ich habe eine Schlaftablette genommen. Sie hat nicht geholfen. Ich möchte noch immer nach Hause. Ich bin entschlossen, zu gehen. Ich bleibe. Meine Gedanken spielen verrückt. Ich habe das Gefühl, durchzudrehen.

Als der Chefarzt in mein Zimmer kommt, bin ich verängstigt. Er ist ein großer Mann mit einer polternden, tiefen und lauten Stimme. Hinter ihm steht die Ärztin, die ich schon kenne. Und ein Pfleger. Warum stehen diese Menschen hier? Was wollen sie?

Der Chefarzt fragt mich, warum ich angezogen im Bett liege. Im Bett dürfe ich nur im Nachthemd liegen. Ich sage ihm, dass ich keine Hoffnung habe, dass er mir in seiner Klinik helfen könne. Und dass ich nach Hause möchte. Ich kann meine Familie nicht allein lassen. Sie brauchen mich. Und ich brauche sie. „Blödsinn“, kanzelt der Arzt mich ab. „Wenn Sie sich einen Arm brechen, müssen Sie auch wochenlang in einer Klinik bleiben.“

Der Chefarzt wendet sich an seine Kollegen. Er rollt die Augen. Er sagt, ich müsse bis morgen entscheiden, ob ich gehe oder bleibe. Das Bett würde benötigt, die Patienten stehen Schlange. Er kann sich nicht um eine Patientin kümmern, die eine Behandlung ablehnt. Er dreht sich um, und seine Kollegen folgen ihm. Sie verlassen mein Zimmer. Niemand hat mit mir gesprochen. Niemand möchte hören, wie es mir geht. Ich bin für die Ärzte, die mir helfen sollen, unsichtbar. Warum bin ich hier?

Ich bleibe auf dem Bett liegen. Als es schon fast zu spät ist, schleppe ich mich zu meinen beiden Therapien, die für den heutigen Tag angesetzt sind. Zuerst Autogenes Training. Ich verstehe nicht, was die Kursleiterin will. Ich kann ihr nicht folgen. Ich liege auf meiner Matte und schließe die Augen. Als ich beginne, in mein Inneres zu hören, möchte ich schreien. Dort ist nichts. Ein großes dunkles Loch, in das ich falle. Ich öffne die Augen. Ich möchte weg und bleibe doch auf meiner Matte liegen. Meine Mitpatientinnen sind eingeschlafen. Sie schnarchen.

In der Tanztherapie sollen wir uns zu der Musik, die der Kursleiter abspielt, bewegen. Ganz ungezwungen sollen wir über unseren Körper ausdrücken, was wir fühlen. Viele meiner Mitpatientinnen sind gehemmt. Sie stehen in der Ecke und bewegen sich nicht. Sie finden es albern.

Ich hingegen beginne zu tanzen. Ich tauche in die Musik ein, schließe die Augen und träume mich in eine andere Welt. In dieser Welt ist alles gut. Ich bin leistungsfähig, beliebt, bewundert. Ich mache alles richtig. Ich tanze und entspanne mich. Ich schwebe durch den Raum. So gut ging es mir schon lange nicht mehr. Als der Therapeut das Ende der Stunde einläutet, bin ich fast traurig. Ich möchte nicht, dass die Stunde endet. Ich hätte auf ewig weiter tanzen können. Im Tanz war ich nicht ich. Ich war jemand anderes.

Nach der Musiktherapie gehe ich mit den anderen in den Aufenthaltsraum. Sie verabreden sich für einen Ausflug. Sie wollen in das Dorf fahren und Kaffeetrinken. Sie lachen. Sie freuen sich und sind glücklich darüber, die Therapien des heutigen Tages absolviert zu haben. Für sie ist das alles ein Spaß. Sie sind gar nicht krank, sie sind zur Erholung hier.

Sie fragen mich, ob ich mitkommen möchte. So gerne würde ich mich ihnen anschließen und Spaß haben. Doch ich kann nicht. Sie gehen mir auf die Nerven. Ich will nicht mit. Ich bin nicht fröhlich. Eine Frau ist besonders aufdringlich. Sie hakt sich bei mir ein, redet mit mir, möchte mich überzeugen. Ich kenne sie nicht, sie soll mich loslassen. Ich werde barsch, stoße sie brüsk zurück. Ich renne fast in mein Zimmer, lege mich auf das Bett und ziehe die Decke bis unter mein Kinn. Ich bin leer. Vollkommen leer.

Ich starre an die Decke. Ich habe nicht einmal Sehnsucht nach meiner Familie. Ich rufe sie nicht an. Und ich möchte nicht angerufen werden. Ich möchte nicht sprechen. Was sollte ich auch sagen? Dass ich keine Hoffnung habe? Dass ich glaube, dass sich an meinem Zustand nie mehr etwas ändern wird? Dass ich nie mehr gesund werde? Ich möchte meine Familie nicht belasten. Ich möchte nicht zu ihr. Ich möchte zu meiner Familie. Was möchte ich? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Als es draußen dämmert, höre ich, wie die anderen zurück kommen. Lautes Gelache und Gejohle auf dem Parkplatz. Ich gehöre nicht dazu.

Ich überlege nur noch, wie ich mich umbringen könnte. Soll ich in den vierten Stock gehen und vom Balkon springen? Ich überlege und begreife, dass das nicht sicher genug ist. Ich könnte aufschlagen. Dann wäre ich nicht tot, sondern gelähmt. Das wäre noch schlimmer. Gelähmt in der Seele, gelähmt am Körper. Außerdem habe ich Angst, dass mich eine Schwester erwischen könnte.

Ich überlege, ob ich den Fön in die Wanne werfen könnte, während ich bade. Doch auch das verwerfe ich. Es würde nur die Sicherung herausfliegen. Jeder würde wissen, dass ich zu unfähig bin, mir das Leben zu nehmen.

Unfähig. Ein neues Wort in meinem Kopf. Es wird groß und größer. Ich bin unfähig. Unfähig, meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Unfähig, meinem Mann eine Partnerin zu sein, ich bin unfähig in meinen Job, unfähig in meinem Haushalt. Unfähig.

Ich versuche, meiner Familie einen Brief zu schreiben. Ich möchte mich erklären. Ich möchte ihnen mitteilen, was in mir vorgeht. Ich möchte, dass sie mich verstehen, obwohl ich mich selbst nicht verstehe. Auf dem Tisch liegen Zettel und Stift. Ich möchte aufstehen, doch es gelingt mir nicht. Wie soll ich meiner Familie schreiben, wenn ich nicht aufstehen kann? Unfähig.

Ich brauche für den Weg von meinem Bett zum Tisch eine Stunde, doch irgendwann sitze ich dort. Ich schreibe nicht. Ich sehe den Briefblock, den Stift, doch ich kann nicht nach ihnen greifen. Ich habe keine Gedanken. Ich bin leer. Leer und unfähig. Es dauert eine weitere Stunde, bis ich zurück in meinem Bett liege.

Ich kann nicht schlafen. Ich stehe auf und tigere durch mein Zimmer. Von der Tür zum Fenster und wieder zurück. Stundenlang. Ich schwitze. Ich möchte mit dem Kopf an die Wand schlagen, doch ich habe Angst, dass meine Nachbarin aufwacht. Angst. Gegen sechs Uhr morgens rolle ich mich auf dem Teppichboden zusammen und schlafe ein.

Beim Aufwachen beschließe ich, am nächsten Tag abzureisen. Ich kann nicht hierbleiben. Ich verliere den Verstand, wenn ich länger bleibe.

Mittwoch

Morgens gehe ich joggen mit der Gruppe. Ich komme an dem See mit dem Loch im Eis vorbei. Ich sehe mich, wie ich in dieses Loch steige und langsam unter den Eisschollen verschwinde. Ich finde den Ausgang nicht mehr. Mir wird kalt. Ich kann spüren, dass die Erlösung kommt. Nur noch ein bisschen durchhalten, noch ein bisschen die Kälte spüren. Dann bin ich weg. Weg. Weg für immer.

Ich habe keinen anderen Gedanken mehr. Bei der Visite sage ich den Ärzten, dass ich nach Hause gehen werde. „Ich bringe mich sonst um“, sage ich und ernte ein freundliches Lächeln. Geduld, sagen die Damen und Herren in Weiß. Nur Geduld. Lassen Sie sich auf die Behandlung ein. Behandlung. Ich weiß nicht, was sie meinen.

Eine Stunde später kommt der Chefarzt. Er ist genervt von der Patientin, die so gar nicht in sein Schema passt. Nur mit Mühe unterdrückt er seinen Ärger. Ich will nicht, dass er ärgerlich ist. Ich habe Angst vor diesem großen, ärgerlichen Mann. „Hören Sie“, poltert er los. „Wir können Sie nicht hierbehalten, wenn Sie nicht mitarbeiten und immer nur nach Hause wollen!“.

Ich solle mich einlassen. Einlassen auf das, was die Ärzte mir sagen. Sie hätten ihr Handwerk gelernt, hätten schon unzählige Depressionen geheilt. Bei Patientinnen, die sich nicht sträuben.