Ruhe gebe ich nicht - Peter-Michael Diestel - E-Book

Ruhe gebe ich nicht E-Book

Peter-Michael Diestel

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Beschreibung

Eine starke Stimme aus Ostdeutschland für Ostdeutschland – Kritisch, polarisierend, rückblickend und vorausschauend. Aktuelle Enthüllungen im Gespräch mit Michael Hametner Dreißig Jahre nach der Wende und der Herstellung der deutschen Einheit fragt Peter-Michael Diestel, der letzte DDR-Innenminister und Vize-Premier: Hat er Schuld auf sich geladen? Oder kann er stolz sein auf das, was er bewirkt und erreicht hat? Er fragt weiter: Ist die Behandlung der Menschen in Ostdeutschland in den letzten dreißig Jahren die größte Ausgrenzung einer Minderheit? Und er bejaht es. Er hält auch nicht mit seiner Meinung zu den Entwicklungen im Deutschland der Merkel-Jahre hinterm Berg. Den dritten Band seiner autobiografischen und aktuell-politischen Schriften hat Diestel gemeinsam mit dem MDR-Journalisten Michael Hametner verfasst. Ihre Perspektive – hier der Kulturjournalist, da der mitgestaltende Politiker – führt zu brisanten Themen und zu Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Diestel wird auf Fragen zu seinen beiden vorangegangenen Büchern eingehen und über einige bislang kaum oder gar nicht bekannte, spektakuläre Begebenheiten während des deutschen Vereinigungsprozesses und seiner einstigen politischen Karriere berichten.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet,

dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Das Neue Berlin – eine Marke der

Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage

Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten.

ISBN E-Book 978-3-360-50183-7

ISBN Print 978-3-360-01366-8

© 2022 Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Verlag,

unter Verwendung eines Fotos von Susann Welscher

www.eulenspiegel.com

Bildquellen sofern nicht anders gekennzeichnet: privat.

Die Autoren

Peter-Michael Diestel,

geboren 1952, promovierter Anwalt, Mitbegründer der DSU, 1990 DDR-Innenminister und Vize-Premier. Im August 1990 trat Diestel in die CDU ein, im April 2021 kündigte er seine Parteimitgliedschaft. Er war Abgeordneter und Oppositionsführer im Brandenburger Landtag von 1990 bis 1992. Seit 1993 betreibt Diestel eine Anwaltskanzlei mit Hauptsitz in Zislow (Mecklenburg-Vorpommern). Sein neues Buch knüpft an seine beiden Erfolgsbücher »Aus dem Leben eines Taugenichts?« und »In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit« an.

Michael Hametner,

geboren 1950, studierte Journalistik und Literaturwissenschaft in Leipzig, wo er bis 1990 das »Poetische Theater« der Universität leitete. Er arbeitete als Literatur- und Theaterkritiker, wurde 1994 Literaturredakteur beim MDR und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem der Jahresanthologien des MDR-Literaturwettbewerbs. 2021 erschien sein Buch »Deutsche Wechseljahre. Nachdenken über Literatur und Bildende Kunst«.

Inhalt

Ruhe geben können sie nichtKleine Einleitung in Gespräche über die gestohlene Einheit

IDie letzten Jahre der DDR oder Wie Diestel glücklich und unzufrieden zugleich ist

IIEin Mann geht in die Politik – Diestels Wegzum Architekten der deutschen Einheit

Zwischenkapitel:Der fröhliche Jäger oder Wenn Diestel im Wald schläft, kommen die Tiere

IIIDas Glück der Stunde oder Diestel wird Minister und bekommt Personenschützer

IVMach schnell, Minister Dr. Diestel! oder Die 174 Tage bis zur Wiedervereinigung

Zwischenkapitel:Diestel erzählt von der weißen Weste und vergisst die Flecken nicht

VNeues über Bauernfänger oder Diestel behält die Dummen im Auge

VIWie man ein Misstrauensvotum übersteht und was Diestel mit den Stasi-Akten vorhat

VIIIm Weg da liegt ein Stolperstein oder Wie Diestel sich trotzdem auf den Beinen hält

Zwischenkapitel:Kleine Nickname-Kunde

VIIIDie Einheit stockt und Diestel beginnt seine Schlacht um Gerechtigkeit

Zwischenkapitel:Diestel verteidigt das Grundgesetz oder Rechtsanwalt ist schließlich Rechtsanwalt

IXDiestel als Anwalt der Ostdeutschen oder Wie doch mit Ansehen der Person geurteilt wird

XDiestel gibt bis zum Schluss keine Ruhe und wir müssen darüber reden

XIDiestels Einheitsdämmerung oder Welche Chance haben wir noch?

Diestels Galerie wichtiger Menschenin seinem Leben

Ruhe geben können sie nichtKleine Einleitung in Gespräche über die gestohlene Einheit

Zwei ältere, in die Jahre gekommene Herren, so um die siebzig, sitzen bei Rotwein und Selters und lassen ihr Leben und vor allem die Zeit seit der deutschen Einheit Revue passieren. Der mit dem Wein glaubt, dass Rotwein ein Nahrungsergänzungsmittel ist und somit für spätere Jahre zu erwartende Prostatabeschwerden vermeidet. Der andere glaubt, er hat in seinem Leben schon genug Rotwein getrunken.

Den Erstgenannten, der seine Lebensgeschichte erzählt, kennen viele als Anwalt der Ostdeutschen. Er hat einst als stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister mitgewirkt, sie in die Einheit zu führen. Jetzt will er sie auch vollenden, denn vollendet ist sie nicht. Der andere ist Literaturkritiker und Autor, der mit österreichischen Wurzeln auf einen bemerkenswerten Lebensweg in der DDR zurückblicken kann.

Beide kommen in ihren Gesprächen darauf, dass es noch nicht die Zeit ist, Ruhe zu geben. Denn mehr als dreißig Jahre nach der friedlichen Revolution und der deutschen Einheit bleibt die Frage, wie viel Grund die Ostdeutschen heute haben, mit Stolz und Freude auf die Vergangenheit zu blicken? Der Rotweintrinker nennt die Revolution eine gestohlene Revolution, denn die Wiedervereinigung, die sie gebracht hat, gehört ihnen nicht. Mit den Gründen beschäftigen sich beide in ihren Gesprächen. Mit dem Ende der Amtszeit der Bundeskanzlerin Angela Merkel kann man heute getrost von der vollständigen Ausgrenzung der Ostdeutschen aus der Führung und Gestaltung der Bundesrepublik Deutschland sprechen. Diese Ausgrenzung widerspricht dem Grundgesetz eklatant. Wenn niemand wegen seiner Heimat, Herkunft oder seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden darf, dann auch nicht die Ostdeutschen, sagt der Anwalt. Aber warum tut man es dann, warum nutzt man dieses Element der Ausgrenzung, um Ostdeutsche aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu entfernen oder sie gar nicht erst in die Verantwortung kommen zu lassen?

Warum nimmt man den Ostdeutschen den Sieg über den Kommunismus? Warum ist die Delegitimierung der ostdeutschen Eliten immer noch aktives Instrument der Politik jeder Bundesregierung seit der Wiedervereinigung? Warum nutzt man nicht die ostdeutschen Intellektuellen, sondern hat sie bis zum Aufhebungsvertrag »evaluiert«? Das war vermutlich kein Misstrauen ihrer Prüfer, sondern Angst vor der Konkurrenz. Warum leistet sich die große, zu Wohlstand gekommene Bundesrepublik nicht den Luxus, sondern die Dummheit, eine solche potente Minderheit auszugrenzen?

Dieses Buch und die dafür geführten Diskussionen beschäftigen sich mit der Ausgrenzung. Der Standpunkt ist kein zerstörerischer oder destruktiver, es ist einfach ein Appell zum Nachdenken und zur Nutzung des Verstandes bei Politikern, Intendanten, hohen Verwaltungsbeamten, Richtern und Staatsanwälten, Kolumnisten, Feuilletonisten, Nachrichtenredakteuren und YouTubern. Es ergibt keinen Sinn – keinen faktischen, keinen strategischen und schon gar keinen politischen –, so oberflächlich und so dumm mit Menschen umzugehen, die sich in die Gesellschaft einbringen wollen und die nicht nur einen Anspruch, sondern auch entscheidenden Verdienst daran haben.

Politiker, die den Ostdeutschen ihre Revolution gestohlen haben, dürften die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Viele bedeutende Philosophen und Historiker haben immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Volk, welches erfolgreich eine Revolution durchgeführt hat, dies immer wieder tun kann und tun wird. Der Osten Deutschlands, die fünf neuen Bundesländer, sind nicht in der Bundesrepublik Deutschland angekommen. Sehr wohl sind unendlich viele Bundesbürger aus dem Westen in den fünf neuen Bundesländern angekommen und denken und lenken für die Ostdeutschen mit. Sie glauben sich dazu berechtigt, weil vierzig Jahre Sozialismus in ihren Augen eine Zeit sind, in welcher die ehemaligen DDR-Bürger die Welt durch Gefängnisgitter und Stacheldraht betrachtet haben und dass man ihnen deshalb beim Denken, Lenken und Leiten helfen muss. Wie sagte Herr Wanderwitz, als er noch Ostbeauftragter der Bundesregierung war: »Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind.«

Die beiden in die Jahre gekommenen und zur inhaltlichen Auseinandersetzung entschlossenen Herren können angesichts solcher Aussagen keine Ruhe geben.

Der Rotweintrinker ist im April vergangenen Jahres aus der CDU ausgetreten, weil er die Entleerung des konservativen Kerns der CDU nicht mit ansehen konnte. Es ist nicht nur die CDU, die nach mehr als dreißig Jahren die deutsche Einheit nicht hinbekommen hat. Es geht um alle, die mit Stasi-Akten Personalpolitik gemacht haben, die 2,3 Millionen SED-Mitglieder als staatsnah ausgegrenzt haben und die Elite der DDR in die Wüste von Arbeitslosigkeit und Hilfsarbeit geschickt haben. Oder in den Suizid. Ja, auch dafür gibt es Beispiele.

Der andere, der – zufällig – auf Hiddensee dem Anwalt der Ostdeutschen bei einer Lesung begegnet ist, hat im vergangenen Jahr mit »Deutsche Wechseljahre. Nachdenken über Literatur und Bildende Kunst« selbst ein Buch zum Thema der gestohlenen Einheit veröffentlicht. Beide entdeckten sich als Gleichgesinnte, die keinen Augenblick daran zweifeln, die Wiedervereinigung als Glücksfall zu betrachten, aber sich fragen, warum sie nicht vollendet ist. Plötzlich ergab es Sinn, die letzten, nun schon etwas mehr als dreißig Jahre noch einmal zurückzuverfolgen und herauszufinden, wo und wann Fehler gemacht wurden. In dem, worüber sie in ihren nächtlichen Gesprächen geredet haben, betrachten sie den Weg zur Einheit noch einmal neu. Hametners Fragen sind die Fragen eines Eingeweihten und Betroffenen. Er hat 1968, im Alter von achtzehn Jahren, der Stasi-Werbung nicht widerstanden, aber sich 1975 davon freigemacht. Er hat trotzdem im wiedervereinten Deutschland seinen Weg genommen.

Die vielen Gesprächsabende haben beide zu neuen Einsichten geführt. Aber eine Überzeugung blieb: Die Ostdeutschen haben sich ein Leben im Stalinismus nicht ausgesucht, das wurde ihnen von den Alliierten nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg in Teheran, Jalta und Potsdam so aufgezwungen. Sie haben das Kreuz des Kommunismus für alle Deutschen bis in das Jahr 1989 getragen und es für alle Deutschen endgültig weggeworfen. Niemand, der ihnen dieses Verdienst stehlen darf! Es verdient Achtung und Respekt, keine Ausgrenzung!

Peter-Michael Diestel / Michael Hametner

IDie letzten Jahre der DDR oder Wie Diestel glücklich und unzufrieden zugleich ist

Im Mai 1989 brach bei Peter-Michael Diestel etwas auf. In nur einem halben Jahr wurde der Justiziar einer landwirtschaftlichen Vereinigung zu einem anderen. Im Dezember war er Generalsekretär einer neuen Partei, die nicht bereit war, die alte DDR fortzusetzen. Diestel hatte ein neues Lebensziel gefunden: die deutsche Einheit. Bei der übergroßen Mehrheit der DDR-Menschen war etwas aufgebrochen. Bei mir war es die Hoffnung, dass die alten Männer der Parteiführung endlich verschwinden und mit ihnen der alte Geist. Honecker fühlte sich im Januar 1989 noch so stark, dass er öffentlich erklärte: Die Mauer wird in fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen! Ein Hochmut, der zehn Monate später bestraft werden sollte: am 9. November fiel die Mauer. Als er diesen Satz aussprach, war daran nicht zu denken. Er hatte viele tief getroffen. Kein Bedauern, dass die Mauer uns die Welt vorenthält, keine Idee, wie sie überflüssig wird. Damit war klar, die bleierne Zeit der achtziger Jahre wird auf unabsehbare Zeit weitergehen. Hineingegangen waren wir in die achtziger Jahre mit der kurzen Hoffnung, dass das Beispiel der Gewerkschaft Solidarność in Polen auf uns übergreifen könnte. Immer wenn sich anderswo eine Hoffnung regte, zog die DDR die Zügel fest an. Im selben Jahr verlangte Honecker in einer Rede die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft als Voraussetzung für normale Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Wir, Diestel wie ich, die sich damals noch nicht begegnet waren, konnten uns ausrechnen, dass das in der BRD niemand machen würde, dann hätte die Politik die im Grundgesetz festgeschriebene deutsche Einheit verraten. Damit war klar, dass eine Wiedervereinigung bis zum Rentenalter – und wir waren noch keine vierzig Jahre alt – immer unrealistischer wurde. Wir hatten uns in der DDR für ganz, ganz lange auf die Teilung einzustellen. Und jetzt, im Sommer 1989, plötzlich die Hoffnung, dass die Mauer fallen könnte. Ungarn hatte sie zur Probe für ein »Paneuropäisches Picknick« geöffnet. Für drei Stunden, von 15 bis 18 Uhr. Ein kurzer Augenblick der Freiheit, aber er war ein Zeichen, dass die Mauer nicht unüberwindlich ist. Und so kam es dann. – Wie sind die achtziger Jahre für Peter-Michael Diestel verlaufen? Was hat sich da bei ihm angesammelt und brach im Herbst ’89 urplötzlich auf?

Ich habe noch einmal sehr verkürzt an den Verlauf der Zeitgeschichte in den Achtzigern erinnert. Wichtige Jahre deines Berufslebens, aber auch privat. Wann bist du Justiziar geworden?

Ich habe in Leipzig von 1974 bis 1978 Jura studiert. Ich habe mich bemüht, ein recht guter Student zu sein, denn ich wollte unbedingt promovieren, dafür hätte ich Forschungsstudent oder Aspirant an der Karl-Marx-Universität werden müssen. Weil ich parteilos war, wurde daraus nichts.

Du hättest dir eine wissenschaftliche Karriere vorstellen können?

Ich hatte sogar eine Habilitationsschrift begonnen, aber irgendwie verlor ich die Motivation, als hätte ich geahnt, dass eine Arbeit zum sozialistischen Bodenrecht in der DDR bald keinen mehr interessieren würde. Ende der Achtziger lag eine andere Zeit in der Luft.

Der Weg in die Wissenschaft war dir ohne Mitgliedschaft in der SED versperrt. Aber ohne in der Partei zu sein konntest du auch nicht Staatsanwalt werden, nehme ich an. Eigentlich ein Studium direkt in die Sackgasse, wollte man der SED aus dem Weg gehen, oder?

Staatsanwalt und Richter hätte ich auch nicht werden wollen. Mein Ziel war es, Rechtsanwalt zu werden. Aber das ging auch nicht.

Es gab in der DDR zugelassene Anwälte …

Sechshundert für die ganze DDR. Nicht ein einziger ist es ohne den Segen der Partei geworden. Ich kenne viele dieser Altanwälte, Gysi und de Maizière gehörten ja auch dazu. Gegen mich sprach, dass ich ein bekennender Christ war. Das machte mich – trotz sehr guter Noten, sehr guter Promotion – suspekt. Die Noten haben keinen interessiert, die haben gesagt: Du nicht, du glaubst an den lieben Gott. Wir wollen welche, die an den Marxismus-Leninismus glauben.

Und dann öffnete sich die Tür nach Delitzsch zur Agrar-Industrie Vereinigung? Gab es Alternativen?

Ich wollte an der Sektion Rechtswissenschaft zum Thema LPG- und Bodenrecht promovieren. Der Professor, der später auch meine Doktorarbeit betreut hat, Richard Hähnert, hat mich dorthin gelenkt und gesagt: Diestel, die Agrar-Industrie Vereinigung ist eine neue landwirtschaftliche Struktur, da hast du Neuland unterm Pflug, fang da mal an.

Agrar-Industrie Vereinigung, was muss ich mir darunter vorstellen?

Das war ein Zusammenschluss landwirtschaftlicher Erzeugerbetriebe und Verarbeitungsbetriebe, Baubetriebe, Handelsbetriebe, eine große Struktur, die in der Gesellschaft der Engpässe viel ausrichten konnte. Vom Korn bis zum Mehl, vom Schwein bis zum Kotelett.

Mit wie vielen Mitarbeitern?

Ich glaube, es waren drei- bis viertausend, ein großer Laden, war hochinteressant, war eine schöne Zeit. Nach dem Diplom bin ich nahtlos von der Universität dorthin gelenkt worden …

… hast du nicht dazwischen noch promoviert?

Nein, ich habe die Promotion unter ganz anderen Bedingungen geschrieben. Ich durfte ja nicht promovieren, ich durfte ja nicht an der Uni bleiben. 1983 ist unser Kind gestorben. In dieser Zeit habe ich versucht, mich irgendwie zu betäuben. Wolf ist am Pfingstsonntag 1983 am plötz­lichen Kindstod gestorben. 99 Tage hat er nur gelebt. Damals habe ich in der Woche drei Marathonläufe gemacht, um abzuschalten, bis mir Blut aus den Schuhen kam. Ich habe keine Ruhe gefunden. Erst als ich in kurzer Zeit eine Doktorarbeit schrieb, war ich ein wenig abgelenkt.

Wann hast du in Delitzsch angefangen?

1978. Ich wurde Leiter der Rechtsabteilung mit drei, vier Mitarbeitern. Es hat viel Spaß gemacht. Ich hatte in zwei LPGs Genossenschaftsanteile erworben und mit den Bezügen und meinem Gehalt in bizarrer Weise etwa 150 Ost-Mark mehr als zu Beginn meiner Zeit als Vizekanzler und Innenminister. Ich habe mir damals bei den Bauern ordentlich was genommen vom Kuchen, der da zu verteilen war.

In deiner Zeit als Justiziar hast du dich politisch nicht exponiert?

Nein, als Abiturient war ich für acht Wochen in die ostdeutsche CDU eingetreten, hab dann gesagt, dass ich mir das nicht richtig überlegt hatte, und durfte wieder raus. In meiner späteren Zeit als Justiziar war ich politisch interessiert, aber nicht exponiert. Ja, doch, ich habe als Parteiloser eine Zeitlang das Parteilehrjahr geleitet.

Das geschah nicht freiwillig, nehme ich an …

Doch, doch. Das war freiwillig, ich habe mich für den Marxismus-Leninismus interessiert. Die Theorie war unglaublich interessant … Schriften von Lenin nicht so sehr, aber Karl Marx und Friedrich Engels gefielen mir als wortgewaltige Wissenschaftler, ihren Texten konnte man gut folgen. Ich war nie politisch organisiert. Ich war Christ und habe das auch gezeigt, damit keiner auf die Idee kam, mich für irgendwelche höheren Aufgaben zu werben.

Also kein politischer Aktivist?!

Ja. Aber ich habe zu DDR-Zeiten viel offener und viel unvorsichtiger diskutiert als heute. Ich musste ja vor nichts Angst haben, mir drohte keine Karriere. Ich musste nur irgendwie durchkommen bis zu meinem 65. Geburtstag, dann konnte jeder DDR-Bürger in den gelobten Westen reisen. Bis dahin wollte ich ein bisschen privatisieren und habe in der DDR im großen Stil Kunst und Antiquitäten gesammelt. Möglich, dass ich mich politisch mehr eingemischt hätte, aber ich war immer von Leuten in Präsent-20-Anzügen umgeben. Das war so ein billiges Kunstfaserzeug, das Funktionäre liebten.

Mir geht es wie dir, ich habe auch nie ein kritisches Wort gescheut. Ich kann nicht verstehen, dass man den Ostdeutschen angehängt hat, sie hätten sich angepasst verhalten und würden am Telefon nicht offen sprechen …

Mich hat das gar nicht interessiert, ob mich einer abhört oder nicht …

Die Westdeutschen waren angepasster als wir. Sie hatten etwas, was ihnen Querulanz abgewöhnt hat: die D-Mark. Wer sich schön angepasst verhielt, stieg schneller in der Besoldungsgruppe und verdiente mehr Geld. Geld ist immer eine Größe für Lebensqualität. Es war schon wichtig, wie viel man verdiente.

Wenn du Geld hast, bist du frei. Hast du kein Geld, bist du unfrei. Inzwischen wissen wir das auch.

Wir hatten unsere 800 Ostmark, du vielleicht mehr, aber von 800 Ostmark konntest du gut leben. Viel mehr konntest du gar nicht ausgeben. Gut, du hast gesammelt, das war eine Geldanlage.

Ich war wie ein Hamster. Mein Bau war mein Einfamilienhaus an der Märchenwiese im Nickelmannweg 2.

Geerbt?

Ich habe nie in meinem Leben was geerbt, ich habe mich immer an der Umverteilung beteiligt und mir genommen, was für mich greifbar war.

In der DDR war ein Auto immer ein Zeichen für Geld. Welche Marke bist du gefahren?

Ich hatte bereits im dritten Studienjahr einen Wartburg 353, in der DDR ein Luxusauto. Als sich 1989 die Mauer öffnete und wegen unserer Parteigründung die ersten Journalisten in mein Haus nach Leipzig kamen, waren die völlig baff: in allen Zimmern Kunst, Antiquitäten, Bücher.

Viele, die in der DDR der Politik ausgewichen sind, haben in einer Nische gelebt. In Leipzig gab es ein Gebrauchtwarenhaus. Ich kannte einen Verkäufer dort. Mit dessen Hilfe habe ich mir ein ganzes Biedermeierzimmer zusammengekauft. Als dann immer noch etwas Geld übrig war, habe ich Kunst von Leipziger Malern gekauft. Viel von Künstlern des Herbstsalons, der ersten freien Kunstausstellung 1984. Meine Nische war die Familie, das Biedermeierzimmer und die Kunst. In diese Nische hat man Freunde eingeladen und ohne Rücksicht auf Mithörer die herben DDR-Rotweine gesoffen und eine bessere DDR entworfen. Man hat sich nichts verkniffen.

Absolut, in einer schön ausgestatteten Nische. Wir lebten nicht im Widerstand, wir lebten zur DDR auf Abstand. Auch ohne Karriere konntest du glücklich sein. Die hätten mich nie Anwalt werden lassen, es sei denn, ich wäre gewisse Kompromisse eingegangen und hätte gesagt okay. Die wäre ich aber nie eingegangen. Mein Vater hat mich gewarnt: Peter, pass auf, die wollen dann immer mehr von dir.

Du warst froh, dass dir keine Karriere drohte, hast du gesagt. Eine schöne Formulierung. Aber du bist doch keiner, der sich mit der Hälfte zufrieden gibt, wenn er das Ganze kriegen kann?

Ich hab mich darauf eingerichtet und mein Leben umorganisiert. Ich hatte jetzt ein Leben in der Nische mit Kunst, Antiquitäten, Büchern, unmoralischen Frauengeschichten. Jetzt folge ich deinem Wort: Ich habe mir nichts verkniffen, wie du auch.

Wie ist deine Karriere als Autobesitzer weitergegangen? An der Marke des Autos, das einer fuhr, ließ sich in der DDR einiges ablesen. Wer schon mit einem Wartburg 353 einstieg, kam meist noch hoch hinaus. Wie hoch?

Hoch, ich weiß nicht, Westdeutsche, die uns zuhören, würden an dieser Stelle schmunzeln. Also es ging vom Wartburg zum Mazda und dann zum Golf. Die Autos stammten aus kleinen Kontingenten von Westwagen, die in der DDR verkauft wurden. Ich kam da ran.

Leipziger Maler fuhren damals Volvo, Werner Tübke, Peter Sylvester zum Beispiel.

Jaja, Volvo hat mich nicht interessiert, ich hatte einen viertürigen Golf Diesel, das war viel mehr.

Widerspruch war kein Widerstand gegen die DDR. Trotzdem wurde der Abstand zur Politik immer größer. Wann hast du das erlebt? War der Anschluss an einen Gesprächskreis, den es in der Thomaskirche gab, der erste Schritt aus der Reihe?

Es war erst einmal kein bewusster Schritt gegen das politische System der DDR, das wäre falsch und auch gelogen. Es war ein Schritt in der vagen Hoffnung, dass sich was ändern könnte. Der Schritt, dass ich mich mit Gleichgesinnten zum Gespräch zusammentue, stand immer an … Dass ich allerdings als Vorkämpfer auffalle, hat mit meinen privaten Zielen zu tun: Ich wollte eigentlich nur Rechtsanwalt werden. Ich wollte nur mit meinem Verstand frei umgehen dürfen und nicht mit diesen furchtbaren Leuten in diesen synthetischen Präsent-20-Anzügen. Ich wollte mich von diesen Leuten abheben, ich wollte eine Chance haben, dass ich da rauskomme. Ich habe in der Zeit, als ich in der Agrar-Industrie Vereinigung angestellt war, mit biotechnologischen Patenten einiges Aufsehen erregt. Man hat mich für hohe Auszeichnungen vorgeschlagen, die wurden aber immer wieder abgeblasen, weil ich kein Genosse war. Ich war neugierig auf alles, was nicht von oben kam. Es war der pure Zufall einer Empfehlung, dass ich zu den Gesprächsrunden in der Leipziger Thomaskirche mit Pfarrer Hans-Wilhelm Ebeling stieß.

War das der erste Schritt aus der Reihe oder aus der Nische?

Eigentlich nicht. Ich hatte immer Kontakt zu Leuten, die ausreisen wollten. Für viele von ihnen habe ich die Ausreise geregelt, ihre Anträge formuliert und aufgesetzt. Die sind zu mir nach Leipzig in den Nickelmannweg gekommen.

Das konntest du ja schlecht im Büro machen …

Du durftest keine Schreibmaschine benutzen, die in den Kreisdienststellen der Stasi registriert war. Die besaßen eine Übersicht über alle im Kreis befindlichen Schreibmaschinen und hätten mit einem Schriftbildvergleich sofort rausbekommen, wer das geschrieben hat.

Die haben dich angesprochen und um Hilfe gebeten?

Mein Freundeskreis war groß.

Auf beiden Seiten muss es großes Vertrauen gegeben haben, nehme ich an.

Meine Beratung war wichtig, denn sie wussten meist nicht, was sie als Ausreisegrund angeben konnten. Was ist noch zulässig und wo beginnt eine strafrechtlich relevante Beschimpfung. Dabei habe ich ihnen geholfen.

War das deine erste anwaltliche Tätigkeit?

Ich war kein Anwalt, Michael. Ich durfte in der DDR in Strafsachen nicht tätig sein.

Ich weiß, ich meine deine erste inoffizielle Beratung …

Ja, da hast du recht. Praktisch habe ich damals schon viele in Fragen des Familienrechts, des Erbrechts, überhaupt des Zivilrechts beraten. Sie waren nicht offiziell meine Mandanten und ich nicht ihr Anwalt, das nicht, aber nebenberuflich beraten durfte ich. Diese Situation des Inoffiziellen hat mir immer wieder meine Grenzen vorgeführt und war auf Dauer unbefriedigend. Dagegen waren die Gespräche in der Thomaskirche einfach ein Versuch, aus dem kleinkarierten Denken in meinem beruflichen Umfeld rauszukommen. Mit Leuten wie Christoph Biller, der Thomaskantor wurde, und Peter Zimmermann, Theologiedozent an der Uni, der leider später gestehen musste, dass er Stasi-IM gewesen war, andere Wissenschaftler, Lehrer, angesehene Bürger der Stadt Leipzig.

Wolltest du, der vielen bei der Formulierung eines Ausreiseantrags geholfen hat, selbst aus der DDR ausreisen? Ich vermute aus dem bisher Gehörten, dass diese Frage überflüssig ist. Du wolltest bleiben. Richtig?

Ja, meine enge Verbindung zu meinem Vaterland sah das nicht vor.

Aber nun kamen laufend Leute zu dir, die wollten, dass du ihnen dabei hilfst, das Land zu verlassen. Das war eigentlich gar nicht in deinem Sinn, oder?

Es waren immer Menschen, die nicht weiterwussten. Ich bin kein Missionar, meine Entscheidung wäre immer eine andere gewesen. Ich wäre gern in den Westen gereist, aber zurückgekommen. Den Ort, zu dem ich zurückkehre, hätte ich vielleicht nicht einmal Heimat genannt, sondern einfach: zu Hause. Ich wollte immer wieder nach Hause. Ich wäre nie drüben geblieben.

Ich komme deswegen drauf, weil es im Roman »Kruso« von Lutz Seiler eine Hauptperson gibt, eben jenen Kruso, einen Deutschrussen, der auf Hiddensee Menschen unterstützt, die über die Ostsee in den Westen wollen. Eigentlich möchte er nicht, dass sie es tun. Seine Schwester ist dabei ums Leben gekommen. Aber er tut es, weil er anerkennt, dass es Menschen sind, die nicht weiterwissen. So hast du es auch formuliert.

Ich war viele Jahre in den Semesterferien leitender ­Rettungsschwimmer in Warnemünde. Ich habe 53 Lebens­rettungen, über dreißig Bergungen. Geborgen werden Tote. Ich war ein exzellenter Schwimmer und Taucher. Ich weiß, wie grausam die Ostsee sein kann, und ich hätte diesen Menschen immer gesagt, macht das nicht, euer Leben ist wichtiger, kämpft hier im Osten, verändert in der DDR etwas, aber haut nicht ab. Ich habe eine ähnliche Haltung gehabt wie dein Kruso, aber ich hätte sie den letzten Schritt nicht gehen lassen. Für mich wäre das Hilfe zum Selbstmord gewesen. Das kann ich als Christ nicht verantworten.

Kruso hat – wenn wir ein Bild dafür nehmen – sich im letzten Moment weggedreht. Er hat sie nicht verraten, sondern sie aufgenommen, aber wenn sie den letzten Schritt machen wollten und in die Ostsee gehen, hat er sich weggedreht. Das ist das, was du sagst.

Diese Romanfigur hat gedacht wie ich. Ich kann mich an mehrere Einsätze in Warnemünde erinnern. Es ist der größte Strand an der Ostseeküste mit den meisten Leuten. Früh komme ich an den Rettungsturm, um 9 Uhr begann unsere Wache, wir hatten ablandigen Wind, da sehe ich ganz weit draußen, dass da jemand schwimmt, auf einer Luftmatratze. Ich dachte, was machst du jetzt? Da wir auch kontrolliert wurden, habe ich meinen Leuten Bescheid gesagt. Ich habe gesagt, ich ziehe mir jetzt meine Schwimmflossen an, damit ich schneller bin, und versuche trotz des ablandigen Winds zu dem da draußen zu kommen. Boote durften wir aus Sicherheitsgründen nicht einsetzen. Alle Lebensrettungen habe ich erschwommen. Ich habe dir die Situation beschrieben, es war ablandiger Wind, strahlender Sonnenschein. Ich wusste nicht, ob es eine Frau oder ein Mann war, und ich schwimme da raus.

Aber du wusstest, dass er es allein nicht schafft?

Das war klar. Die Art und Weise, wie der geplanscht hat, sah nach Ende der Kräfte aus. Er war bestimmt schon mehr als tausend Meter vom Strand entfernt. Du konntest an dem Tag gucken ohne Ende. Meine Leute standen alle am Strand. Ich habe ihnen gesagt: Ich schwimme raus, beobachtet mich, und wenn ich die Hand hebe, dann brauche ich Hilfe. Ich bin losgeschwommen. Es war eine Frau mittleren Alters, die wollte tatsächlich abhauen. Sie hat noch während der Rettung gesagt: Wenn ich untergehe, dann gehe ich eben unter, das hat keinen Sinn mehr, ich will woanders leben. Sie litt an Liebeskummer.

Also ein verdeckter Suizid aus Liebeskummer?

Oder auch Republikflucht, eine Mischung aus beidem. Ich habe ihr gesagt, dass sie das hier nicht machen kann. Die wollte gar nicht gerettet werden. Ich habe den Arm gehoben, und dann kam natürlich Grenzbrigade Küste und hat sie aufgesammelt. So habe ich also eine Republikflucht oder einen Suizid mit meiner Rettungsaktion unterbunden. Ich habe oft überlegt …

… wie, sie ist festgenommen worden?

Sie wurde festgesetzt … Für mich waren diese rechtlichen Konsequenzen unwichtig, ich hatte die Aufgabe, ein Leben zu retten, ich werde keinem Suizid Vorschub leisten. Die hatte ihren Personalausweis hinten im Badeanzug eingenäht, also da war schon etwas vorbereitet. Später habe ich mir oft überlegt, hast du jetzt jemanden verraten? Nein, ich habe niemanden verraten, ich habe jemanden gehindert, sich umzubringen, und dazu stehe ich auch. Und diese Frau, ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, ich kannte nicht mal ihren Namen, aber ich bin stolz, dass ich das unterbunden habe. Ich bin zu ihr rausgeschwommen. Wenn das als Republikflucht vor Gericht gekommen ist, ich weiß es nicht, dann ist sie zwei Jahre ins Gefängnis gegangen. Trotz alledem, irgendwann kommt die wieder raus und wird sich ihres Lebens freuen.

Dieses Erlebnis ist bitterste Konsequenz deutscher Teilung, vielleicht ein unvergesslicher Anschauungsunterricht, aus dem später dein Einsatz für die deutsche Einheit geworden ist. Wann hat sich diese Geschichte ereignet?

1974 oder 75.

Ich bin durch einen Schriftsteller zu den Montagsdemos im September im Wendeherbst gestoßen. Mich hat der Lyriker Heinz Czechowski aufgefordert. Wie bist du in diesen Gesprächskreis der Thomaskirche gekommen? Du hast von einer Empfehlung gesprochen. Wer hat zu dir gesagt: Komm mal mit, Peter?

Ich hatte in Leipzig einen guten Freund, Rudolf Kaiser, ihm gehörten die BRÜCOL-Werke, die haben Textilkleber hergestellt. Ein alter, vornehmer Mann, und der war mit Pfarrer Ebeling befreundet. Ebeling, der übrigens Ende 2021 mit 87 Jahren gestorben ist, hatte schon lange die Absicht, einen Gesprächskreis zu gründen. Er hatte einige Male Franz Josef Strauß bei Messebesuchen in Leipzig durch die Thomaskirche geführt. Er war etwas unsicher, wusste, dass ich Jurist bin, dass ich Christ bin, und wollte über Rudolf Kaiser Kontakt mit mir. Dann haben wir uns kennengelernt. Wir haben dann beide festgestellt, da war die DDR schon sehr am Schwanken, dass eine Gesprächsrunde nichts ausrichten kann. Es fing spätestens im Oktober ’89 an, bizarr zu werden, wenn Geprächskreise zusammensitzen und auf der Straße die Post abgeht.

Die Öffnung der Kirche für politische Manifestationen war in der DDR innerkirchlich sehr umstritten. In der Leipziger Nikolaikirche bei Pfarrer Christian Führer sind aus den Montagsgebeten die Montagsdemos geworden. Andere Pastoren waren ablehnender. Auch Pfarrer Ebeling verhielt sich in dieser Frage zurückhaltend.

Es gab innerhalb der Kirche keinen Widerstand gegen diese Öffnungen. Der Widerstand, den es gab, den hat die Kirchenspitze abgewiesen. Die weltlichen Kontakte der Kirche nach draußen und zum Staat sind in der Zeit einer Diktatur für mich rechtlich notwendig, rechtlich erforderlich und nicht bedenklich. Damit wurde viel für die Menschen gemacht. Kirche im Sozialismus ist keine Peinlichkeit. Natürlich muss man, wenn man mit dem Teufel isst, auch darauf achten, dass der Löffel lang genug ist. Ob sich bestimmte Theologen auf die Konspiration hätten einlassen müssen, dass müssen sie selber entscheiden. Trotzdem sind die Räume der Kirche im Wendeherbst der entscheidende Ort gewesen, damit sich Andersdenkende versammeln konnten …

Anfang Juli 1989 gab es in Leipzig einen Kirchentag, der mir die Augen geöffnet und eine große Ermutigung für mich bedeutet hat. Wir haben in großen Runden gesessen, es war mindestens die Größe einer Turnhalle, und haben über die verheerende Volksbildung in der DDR diskutiert. Es waren keine neuen Gedanken, aber zum ersten Mal für mich sprachen wir öffentlich darüber, nicht im Wohnzimmer, wo wir schon immer so geredet hatten.

Absolut dieselbe Erfahrung habe ich bereits etwas früher in unseren Gesprächskreisen gemacht.

Diesen Gesprächskreis gab es bereits 1988?

Wir haben ihn gegründet, bevor alle anderen aufwachten. Die Gedanken, eine Partei zu gründen und etwas Strukturelles daraus zu machen, entstanden später. Das kam dann nach dem Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Da hatte die DDR-Regierung ihre Glaubwürdigkeit verloren. Das war das Signal für uns.

IIEin Mann geht in die Politik – Diestels Weg zum Architekten der deutschen Einheit

Ab Sommer 1989 überschlugen sich die Ereignisse. Am 7. Mai die gefälschte Kommunalwahl als Signal für viele, die Honeckers DDR so nicht mehr wollten. Als im Sommer die Botschaften in Prag, Warschau und Budapest von Hunderten DDR-Bürgern besetzt wurden, spitzte sich die Lage für die greise DDR-Führung immer weiter zu. Bis zum 30. September, als Bundesaußenminister Genscher ihnen vom Balkon des Palais Lobkowicz ihre Ausreisegenehmigung mitteilte, waren es allein in Prag viertausend. Die SED hatte lediglich noch die unsinnige Bestimmung erwirkt, dass ihr Zug zur Ausreise in die BRD durch die DDR fahren musste. Am 19. August hatte es an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich nahe Sopron das paneuropäische Picknick gegeben, bei dem es von ungarischer Seite zu einer Grenzöffnung kam, die 600 bis 700 Menschen aus der DDR zur Flucht nutzten. Einen Einfluss auf Ungarn, dies zu verhindern, hatte die DDR-Regierung schon nicht mehr gehabt. Als am 7. Oktober in der Nähe der Gethsemanekirche in Berlin Demonstranten von Spezialeinheiten mit brutaler Gewalt angegriffen wurden, sind das die letzten Versuche der Staatsmacht, Stärke zu zeigen. Am 9. Oktober drohte in Leipzig eine chinesische Lösung. Als sich etwa 70000 Menschen zur Montagsdemo formierten, sahen sie sich einem erschreckenden Aufgebot an Kampfgruppen und Polizei gegenüber. Ein Kampfgruppenführer hatte Tage zuvor in der Leipziger Volkszeitung geschrieben, dass man bereit sei, Provokationen, »wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand« zu unterbinden. Als dies ausblieb, unterstützt vom Aufruf »Keine Gewalt« der Leipziger Sechs unter Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, begann in Ostdeutschland dank Tausender Bürgerrechtler, dank des übergroßen Teils eines Volks von Mutigen, die spürten, was Zivilcourage vermag, die friedliche Revolution. Jetzt war nicht mehr die Zeit für Gesprächskreise, jetzt musste gehandelt werden. Waren es die Umstände, die Peter-Michael Diestel zu einem Politiker machten? Noch vor Jahresende war er Generalsekretär einer neuen Partei.

Wir waren dabei festzustellen, dass euer Gesprächskreis in der Thomaskirche langsam eine neue Form und einen neuen Inhalt suchte. Aber zurück zum Beginn eurer Zusammenkünfte. Wie liefen die ab?

Ich habe schon einige Namen genannt, die mir noch in Erinnerung sind: Christoph Biller, der spätere Thomaskantor, Wolfgang Sonnenkalb, ein promovierter Biochemiker von der Akademie der Wissenschaften, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe. Viele kluge Leute aus dem Umfeld der Thomaskirche.

Habt ihr euch bestimmte Themen gesetzt? Wie lief das ab?

Wir saßen zusammen in einem Kreis und haben diskutiert. Durch das freie Aussprechen von Gedanken entstand viel Hoffnung. Es lag nichts Umstürzlerisches in unseren Gesprächen, sie waren einfach nur freimütig. Ich kann mich an Themen erinnern wie Lesen und Literatur ohne Zensur, Engpässe in der Versorgung und die Gründe, Meinungsfreiheit … Aber alles konstruktiv, wir wollten nicht die Axt rausholen und auf den Tisch hauen, sondern einfach reden über Themen, die in den Zeitungen nicht vorkamen. Ich habe ihnen erklärt, dass es in der DDR-Verfassung zwar ein Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus gibt, aber auch Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit verbrieft waren, was der DDR-Staat in vielen konkreten Fällen oft nicht anerkannt hat.

Es waren formale Bekundungen, nehme ich an.

Sie waren zumindest in der Verfassung verankert, aber wurden nicht umgesetzt.

Die DDR hat lange versucht, sich den Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu geben. Der war für sie wichtig, oder?

Rechtsstaatlich wollte sie nach außen erscheinen. Wenn wir uns ohne Hass zurückbesinnen, dann erscheinen mir die achtziger Jahre als eine Zeit, in der man gut leben konnte. Die ersten westlichen Rockmusiker sind rübergekommen, Udo Lindenberg ist aufgetreten, die Bücher von Stefan Heym konnten wir lesen, die Stücke von Heiner Müller auf der Bühne sehen. Es gab eine gewisse geistige Öffnung. Für einen politischen Witz kam in dieser Zeit niemand mehr nach Bautzen.

Wir hatten auf der einen Seite die Öffnung durch Glasnost und Perestroika und im Herbst 1988 auf der anderen Seite mit dem Verbot der sowjetischen Zeitschrift SPUTNIK genau das Gegenteil. Das hat mich schon zurückgeworfen. Am meisten deprimiert hat mich Honeckers Satz vom Januar 1989, dass es die Mauer noch in hundert Jahren geben wird.

Dieser Satz, Michael, der hat mich nicht so getroffen. Wie will ein Mann, den ich eigentlich für einen Trottel gehalten habe, wissen, was in hundert Jahren ist? Ich habe mit Egon Krenz, seinem Nachfolger für ein paar Wochen, später sehr häufig über Honecker geredet. Ich wusste von Krenz, was für ein schlichtes Gemüt Honecker war, mit einem starken Defizit an Allgemeinbildung. Aber dieser Satz, an den ich mich auch erinnern kann, der war so rückschrittlich, dass der mich nicht mehr treffen konnte.

Für mich bedeutete der Satz eine unverhüllte Drohung. In meinen Ohren klang es wie: Macht euch keine Hoffnung, rechnet nicht mit einer Amnestie, bis zu eurem Fünfundsechzigsten behalten wir euch hier.

Darin gebe ich dir recht. Wer 1989 – ich sag mal: bis zum Sommer – vorhergesagt hat, es wird alles anders und zwar bald, war für mich ein Scharlatan. Das gilt erst recht für die Jahre davor. Aber ich habe leichter Luft bekommen. Ich hatte panische Angst vor diesem vergreisten Politbüro, das hat mich hoffnungslos gemacht, weil: sie waren alt und sind nicht gestorben. In den letzten Jahren vor der Wende hatte sich die Angst ein bisschen gelegt. Es gab eine gewisse geistige Öffnung, es zeigte sich mehr Zivilcourage. Ich habe damals schon zu bestimmten Anlässen als Leiter der Rechtsabteilung keinen Schlips mehr getragen. Das sind Äußerlichkeiten, aber trotzdem wichtige Äußerlichkeiten. Wer 1989 im Sommer, nachdem die Kommunalwahlen Anfang Mai gefälscht wurden, gesagt hat, das ist der Anfang vom Ende, den hätte ich für geisteskrank erklärt. Den hätte auch im Westen jeder für geisteskrank erklärt. Dass es dann doch zur Wachablösung kam, verdankt sich einem viel zu wenig beachteten Umstand in dieser Zeit: der vollständigen Vergreisung des Politbüros und dem rudimentären Gesundheitszustand seiner Mitglieder. Das war keine Staatsführung. Die hatten nichts mehr in der Hand.

Was sie aber nicht ungefährlicher gemacht hat. Der Gedanke, dass aus eurem Gesprächskreis eine Parteigründung wird, wann war euch das in den Sinn gekommen?

Hans-Wilhelm Ebeling war ein sehr bürgerlicher, wertkonservativer Theologe, hatte die feste Überzeugung, dass die Kirchen für die Menschen da sein müssen, aber nicht als revolutionäre Zelle. Deswegen hat er für die Thomaskirche eine andere Haltung praktiziert als sein Kollege Christian Führer von der Nikolaikirche, der dort das Montagsgebet eingerichtet hatte. Er sammelte die Unzufriedenen, zog aber im großen Stil auch die Stasi an. Als ich später Innenminister und Vizekanzler wurde, habe ich mich erkundigt, wer in unserem religiösen Gesprächskreis in der Thomaskirche, wer danach in der CSPD und in der Nachfolgepartei DSU, die wir gegründet haben, vom Ministerium für Staatssicherheit war.

Waren welche darunter?

Ja, aber ganz wenige. Leider war der Theologiedozent darunter. In der Nikolaikirche saß beinah jeder Zweite im Auftrag der Staatssicherheit. Unsere Gruppe hat man nicht so ernst genommen, deswegen haben wir überlebt und aus dem Gesprächskreis was entwickeln können. Ebeling war eine Persönlichkeit, die später in der Öffentlichkeit viel zu wenig gewürdigt wurde. Er war ein eher stiller Mensch, aber er konnte im kleinen Kreis sehr gut reden. Wie das Theologen können. Kein Volkstribun, aber er war klug. Ich muss sagen, ohne Ebeling wäre das alles so nicht gekommen, wie es gekommen ist.

Wie groß muss ich mir diese Gesprächskreise vorstellen?

Zwanzig Personen.

Der Gedanke, daraus eine Parteigründung hervorgehen zu lassen, also erst die CSPD und dann die DSU, wann kam der?

Im Sommer ’89, würde ich sagen. Ich sagte bereits, dass sich nach der gefälschten Kommunalwahl die Lage zugespitzt hatte. Die Fälschung bedeutete eine Dreistigkeit, die nicht hinzunehmen war. Wenn ich mir überlege, dass der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt in Potsdam die Leute, die die Auszählung kontrollieren wollten, in Turnhallen hat einsperren lassen, war das schon sehr bizarr. In Leipzig wurden spontane Demonstrationen nicht mit Gewalt, sondern mit polizeirechtlichen Mitteln aufgelöst. Meine Frau ist mit den Kindern bei einem Umweltspaziergang in der Leipziger Aue kurz festgenommen worden. Die sind gleich wieder freigekommen.

Es fing an, der greisen Führung aus dem Ruder zu laufen. Du hast recht, die waren mit ihrem Latein am Ende. In Leipzig hatte es schon lange Montagsdemos gegeben, aber ab September erhielten sie großen Zulauf.

Unsere Diskussionsrunde ist seit Sommer ’89 regelmäßiger zusammengetreten. Wir haben beschlossen, wir müssen uns einmischen. Aber wo einmischen? In den bestehenden Strukturen oder selbst neue Strukturen schaffen oder was? Wir waren für alles offen. Bis wir den Plan entwickelten, eine Schwesterpartei zur CSU zu gründen. Dass die CSU für uns eine Bezugsgröße wurde, verdanken wir Ebeling. Der besaß Kontakt zu Strauß. Ich kannte Strauß nur aus der Ferne, hatte aber eine große Sympathie für ihn. Für uns war die CSU interessant, weil sie in den Kommunen lebt und offensichtlich straff durchorganisiert ist.

Wie ist der Parteiname CSPD entstanden? Wie heißt die Abkürzung?

CSPD steht für Christlich Soziale Partei Deutschlands.

Hattet ihr keine Sorge, dass dieser Name dicht an dem der SPD steht?

Wir wussten nicht, ob es irgendwelche namensrechtlichen Komplikationen geben könnte. Wir haben Faltblätter mit unserer Programmatik bei den Montagsdemonstrationen verteilt, damit man sich unter der Abkürzung ein Programm vorstellen konnte. Wir waren es, die als Allererste gesagt haben: Ziel unserer politischen Tätigkeit ist die deutsche Einheit. Damit waren wir früher als das Neue Forum, früher als die Initiative für Frieden und Menschenrechte und der Demokratischer Aufbruch oder irgendwer.

Gehörte nicht auch Angela Merkel zum Demokratischen Aufbruch?

Rainer Eppelmann, Angela Merkel, Wolfgang Schnur als Vorsitzender, der kurz vor der Wahl im März 1990 als Stasi-IM aufflog, auch Friedrich Schorlemmer war anfangs dabei, ein guter Mann, ist dann aber zur SPD. Schnur, der regelmäßig in Merkels Elternhaus verkehrte, war es dann auch, der Angela rangeholt hat.

Wann habt ihr Kontakt zur bayrischen CSU aufgenommen? Im Sommer ’89 konntet ihr doch noch gar nicht in den Westen reisen. Ging das per Brief?

Pfarrer Ebeling konnte reisen. Er ist im Spätsommer das erste Mal nach München gefahren. Ich lernte seine Partner zur Herbstmesse in Leipzig kennen.

Hat es eine nominelle Parteigründung gegeben?

Ja, ich glaube, die fand unmittelbar nach der großen Montagsdemo vom 9. Oktober statt. Unmittelbar danach haben wir uns als CSPD gegründet.

Bist du schon bei der Gründung Generalsekretär geworden?

Von Anfang an. Ebeling Parteivorsitzender, ich Generalsekretär, das haben wir so festgelegt. Ich konnte strategisch denken und das Programm juristisch absichern, und Ebeling war ein guter Redner. So sind wir auch gemeinsam bis zur ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 gegangen, bis wir zusammen im gleichen Kabinett saßen, ich als Vizekanzler und Innenminister und Ebeling als Entwicklungshilfeminister.

Ja, eigentlich hätte er als Parteichef Vizekanzler werden müssen, aber dann haben ihn Ringstorff und Meckel und andere Bürgerrechtler aus kirchlichen Kreisen vorgeworfen …

… dass er in der turbulenten Wendezeit die Kirche zugehalten hat.

Wie ging’s weiter mit der Idee, Schwesterpartei des CSU zu werden?

Nach dem Mauerfall sind Ebeling und ich nach München gefahren, wo uns die CSU-Spitze empfangen hat. Franz Josef Strauß war ein Jahr zuvor gestorben. Wir erschienen der CSU vertrauenswürdig. Ebeling als Pfarrer der Thomaskirche, ich als parteiloser, promovierter Jurist. Ich glaube, man hat mich trotzdem mit Argwohn gesehen, ob da nicht ein Stasi-Kandidat oder sowas kommt.

Hast du ein Parteistatut ausgearbeitet? Habt ihr versucht, euch richtig anzumelden? Die DDR und ihre Gesetze existierten noch fast ein Jahr.

Ja, wir haben uns angemeldet und registrieren lassen.

Wo machte man das?

Beim Rat des Bezirkes. Es musste zu DDR-Zeiten alles in Übereinstimmung mit der DDR-Verfassung stehen.

Das Neue Forum hat sich auch angemeldet.