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Mir fehlt es an nichts. Ja, ich bin sogar sehr zufrieden mit meinem Leben. Auch, wenn ich sicher mal Pech hatte oder mir Fehler unterlaufen sind. Um noch mehr über meine Eltern zu erfahren, suchte ich das Stadtarchiv in Unna auf und kramte in meinem Gedächtnis herum. Tja, wenn man sich erst mal erinnert, kommt das eine zum anderen. Auch einiges, an das man nicht so gerne denkt. Bei mir war es besonders schlimm. Das Ergebnis zeigt nämlich einen Schwächling, der nur aufgrund einer unwahrscheinlichen Verkettung von sehr glücklichen Umständen zu dem wurde, der ich bin.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2023
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„Erinnerung …. ist Vergangenheit in der Gegenwart.“ (Karin Jahnke, Lehrerin)
„Es ist nicht wichtig wer Du bist, sondern was sie denken, wer Du bist.“ (Andy Warhol, Künstler)
„Es ist... ein ... Unterschied, ob man etwas aus sich gemacht hat oder ob man nur etwas geworden ist.“ (Werner Mitsch, Schriftsteller)
„Gleichschritt führt rascher ins Verderben.“ (Walter Ludin, Journalist und Buchautor“
„Das Schlimme …. ist, das die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind.“ (Bertrand Russel, Religionskritiker)
„Alles ist Zukunft – bis es Vergangenheit wird.“ (Stefan Rogal, Kolumnist)
„Das Problem ... der Wahrheit ist, das die Lüge ihre Mitarbeiter ... bezahlt.“ (Thom Renzie, Lehrer)
„Das Wesen des Meeres ist aus dem Tropfen nicht ersichtlich.“ (Kurt Tucholski, Schriftsteller)
„Frauen sind die Juwelen der Schöpfung, man muss sie mit Fassung tragen.“ (Heinz Erhardt, Humorist)
„Nichts ist schwieriger, als ein einfach zu gehen.“ (Siegfried Wache, Luftfahrzeugtechniker)
„Wer Spuren hinterlässt, will auch gefunden werden“ (Martin Gerhard Reisenberg, Bibliothekar)
„Je höher die Welle, desto wichtiger der Anker.“ (Karl-Heinz Karius, Werbeberater)
„Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge.“ (Henry Ford, Unternehmer)
„Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“ (Konrad Adenauer, Politiker)
Politik bedeutet „Gott zu dienen, ohne den Teufel zu ärgern.“ (Thomas Fuller, Historiker)
„Prognosen wären einfacher, wenn sie nicht in die Zukunft gerichtet wären.“ (Johann Ruiner, Ingenieur)
Stadtarchiv. Ich habe mein Leben lang gerne gelesen und zwar alles was mir in die Finger fiel. Später habe auch gerne geschrieben, über statistische Erhebungen und Analysen der Ergebnisse.
Über mich selbst zu schreiben fällt mir schwer. Ich weiß nicht, ob es mich nur langweilt oder ob es daran liegt, dass mir dabei manches einfällt, an das ich mich lieber nicht erinnern möchte. Jedenfalls muss ich mich immer wieder dazu zwingen und schreibe es nur widerwillig auf.
Meine Eltern habe ich kaum gekannt, obwohl sie meine Schwester und mich ja großgezogen haben. Ist es nur das schlechte Gewissen oder tut es mir leid? Nimmt man die heutigen Eltern-Kind-Beziehungen zum Maßstab, dann standen wir uns in keiner Weise nah. Es hat mich siebzig Jahre lang auch nicht interessiert.
Es gibt niemanden mehr den ich noch fragen könnte. Meine Mutter ist vor gut zehn Jahren, mein Vater vor mehr als 30 Jahren gestorben und auch jeder andere der mir etwas dazu sagen könnte liegt längst unter der Erde.
Ausgenommen der jüngste Bruder meiner Mutter, der noch lebt und auf die 90 zugeht. Den habe ich vor 50 Jahren zuletzt gesehen. Mein Versuch mit ihm zu sprechen oder zu telefonieren scheiterte. Er sei nicht interessiert. So habe ich Gaby, seine Tochter, also meine Cousine, verstanden. Ich habe sie ja auch nur ein- oder zweimal gesehen.
Im Stadtarchiv Unna trug ich das wenige vor, was ich über meine Eltern sagen konnte. Der Leiter zeigte sich kooperativ und mir jede Menge alter Papiere.
Die meisten in einer Handschrift, die noch vor Sütterlin verwendet wurde. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was denn darin stehen könnte. Ohne die Hilfe des Stadtarchivs hätte ich nicht mal die Namen der Personen erkannt, um die es ging.
Der Leiter schlug vor, dass wir uns erst mal die jüngeren Unterlagen, die mit Schreibmaschine gefertigt und im PC abgespeichert waren, beschränken sollten. Dem folgte ich natürlich gern.
Die Auszüge aus den Melderegister sorgten für die erste Überraschung. Meine Mutter war nämlich von 1946 bis 1949 bei einem Lehrer namens Montag nicht nur als Haushaltshilfe tätig gewesen. Das hatte sie uns erzählt, weil ein Aquarell von ihm, das eine Flusslandschaft zeigt, die ganzen Jahre über bei uns im Wohnzimmer hing.
Dass sie mit 18 Jahren bei ihm eingezogen und sogar einmal mit ihm umgezogen war, hatte sie nicht erwähnt. Weitere Personen, wie eine Ehefrau, waren dort nicht gemeldet.
Na ja. Mutter war hübsch gewesen, sehr stolz auf ihre schönen Zähne und sah der jungen Queen Elisabeth II ein wenig ähnlich. Auch war ihre Ausdrucksweise besser oder gewählter als die ihrer Geschwister.
Die nächste Überraschung! 1950 war sie wieder bei ihren Eltern gemeldet gewesen. Mit 21 oder 22 Jahren wieder ins Elternhaus und zu den Geschwistern ziehen zu müssen, kam wohl eine Niederlage gleich. Denn freiwillig wäre sie wohl kaum beim Lehrer ausgezogen.
Außer er hätte sie sehr schlecht behandelt. Nicht sehr wahrscheinlich, denn Mutter erzählte voller Stolz, das Aquarell wäre ein Geschenk von ihm gewesen.
Wenn er sie rausgeworfen hatte, gab es möglicherweise einen Grund, der für sie nachvollziehbar war.
Entweder, weil er inzwischen eine Frau hatte, für die er den Platz brauchte oder weil meine Mutter etwas getan hatte, das der Lehrer nicht akzeptierte.
Aus den Urkunden ging hervor, dass sie noch im selben Jahr geheiratet hat. Da war sie bereits im 5. oder 6. Monat mit mir schwanger. Das erwähnte sie mehrfach; eher belustigt als niedergeschlagen. Damals war das ja noch ein Thema.
Ich wurde am 5. Dezember 1950 geboren, musste also im Februar oder März 1950 gezeugt worden sein.
Gemeldet war meine Mama erst seit dem 6.9.1950, also sechs Wochen nach ihrer Eheschließung in der Buderusstraße bei meinem Vater. Erstaunlich! Sicher wollte sie ihr Elternhaus so schnell wie möglich verlassen und mein Vater hätte sie wohl gerne früher bei sich gehabt.
Ich kann mich zwar nicht an Einzelheiten erinnern, bin aber sicher, dass Oma Ida und Tante Irmgard es ihm nicht leicht gemacht haben. Vermutlich hat er sich erst durchsetzen können, als Mutters Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen war.
Hatte Oma Frieda Bedenken, dass das Kind gar nicht von Walter war? Der Lehrer bei dem sie jahrelang gewohnt hatte kam als Erzeuger ja ebenfalls in Frage. Und die Zwangsarbeiter gab es ja auch noch.
Der Krieg war zwar 1950 längst vorbei, aber sie trauten sich nicht zurück nach Russland. Für Väterchen Stalin waren sie ja Verräter. Also blieben sie hier, obwohl sie keine Rechte oder irgendeine Unterstützung durch den Staat erhielten.
Damals hatte ein Pfarrer in einem Käseblatt beklagt, wie schrecklich es sei, das die abgerissenen, ausgemergelten Gestalten noch frei herum laufen würden, um zu rauben, plündern, morden und zu vergewaltigen.
Ein brutaler deutscher Aufseher soll - so meine Mutter - von ihnen tatsächlich in einer Jauchengrube ertränkt worden sein.
Ihr Vater, also mein Opa, der auch Aufseher war, hatte sie wohl einigermaßen gut behandelt. Und Mutter hatte eine Menge Butterbrote für sie geschmiert!
Es würde mich wundern, wenn die Leute sich nicht darüber das Maul zerrissen hätten. So, dass ihre Eltern sie wohl so schnell wie möglich unter die Haube bringen wollten.
Korsika nannten wir unseren Ortsteil von Unna-Massen, meinten aber die Buderus-Siedlung oder -Straße, in der die Zeche Monopol 52 Häuser für ihre Bergleute gebaut hatte.
Die Insellage ohne Verkehrsanbindung und Infrastruktur hatte wohl zur Namensgebung geführt. Aber ausgerechnet Korsika?
In den Häuschen der Bergmannssiedlung gab es nur eine Außentoilette. Wenn man aus der Wohnungstür hinter der Küche nach draußen kam rechts. Direkt vor dem Schweinestall. Im Winter arschkalt.
In der Wohnküche gab es einen Herd zum Kochen. Im Zimmer dahinter und im oberen Geschoss unterm Dach auch noch einen Kohleofen. Wir konnten uns das leisten, weil mein Vater als Bergmann sein Kohle-Deputat bekam.
Mein Vater lebte von Geburt an in der Buderus-Siedlung Korsika, nur unterbrochen von zwei Jahren Reichsarbeiterdienst, der vom 16. Januar 1943 bis 10. März 1945 dauerte. Bis zum 08. August 1945 wohnte er in Afferde. Danach zog er zurück in das Haus, wo auch meine Oma und seine Schwester Irmgard lebte.
Mit knapp 1,80 Meter war er für damalige Verhältnisse ein stattlicher Mann gewesen. Ein Bergmann. Das stand für gute Bezahlung und bis 1953 zusätzliche Lebensmittelmarken.
Recht muskulös, sah er mit seinen dunklen, dichten Haaren eigentlich nicht schlecht schlecht aus. Mit seiner breiten Boxer Nase und auffallend schlechten Zähnen war er aber auch kein Adonis.
Keine Ahnung, warum er so oft Witze über stotternde Leute erzählte und sie dabei nachahmte. Hoffte er, dass man so nicht bemerkte das er selbst einer von ihnen war?
Eine Frau wie Mama hätte mein Vater vermutlich auch geheiratet, wenn sie bei ihrer ersten Begegnung bereits schwanger gewesen wäre.
Ich wollte es wissen und gab ich bei einem Institut einen sogenannten Geschwister-Test ist Auftrag. Monika war nicht begeistert, machte aber mit.
Das dazu erforderliche Formular füllten wir gemeinsam mit meiner Frau aus.
Überraschend war für mich dabei, dass wir zu unserer Abstammung Kaukasisch angeben mussten.
Das erinnerte mich an den Erdkundeunterricht in der Volksschule Unna-Königsborn: „Uralgebirge, Uralfluss, Kaspisches Meer und Kaukasus trennen Europa von Asien.“
Das Wort Eltern stammt übrigens vom indogermanischen al, was soviel wie nähren und wachsen bedeutet und im frühen Mittelalter mit Vater und Mutter gleichgesetzt wurde.
Heute unterscheidet man zwischen biologischer, rechtlicher und sozialer Elternschaft. Ersteres ist schnell erledigt. Das zweite kann meistens auch recht einfach geklärt werden.
Lediglich die soziale Elternschaft stellt eine Herausforderung dar, denn sie geht einher mit der langfristigen Übernahme von Verantwortung und Zuwendung für das Kind.
Mein Opa Gustav war 1948 gestorben. Seine Witwe, also meine Oma Frieda und ihre Tochter, meine Tante Irmgard lebte mit uns auf Korsika.
Erstaunlich. Obwohl wir zu sechst auf 60 bis 70 qm wohnten, kann ich mich kaum an die beiden erinnern. Außer an einen Fall, bei dem ich Oma um Hilfe gebeten hatte.
Da war ich in einen Graben und eine aufrecht stehende Glasscherbe gesprungen. Sie stach durch meine Gummistiefel und ich zog mir eine stark blutende Schnittwunde zu.
Erschrocken rannte ich zur Oma. Sie winkte nur ab: „Warte bis Deine (Maua) Mutter nach Hause kommt.“ Dann schlurfte sie weiter. Keine Ahnung, ob mich das beruhigt oder ich mit dem Leben abgeschlossen hatte.
Meine Mama arbeitete damals in einer Fabrik und kam erst Stunden später nach Hause. Regulärer Feierabend.
Hmh? Selbst, wenn wir ein Telefon gehabt hätten, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen sie anzurufen.
Zum Glück stoppte sich die Blutung von selbst oder mit Hilfe des Gummistiefels. Mama schimpfte nur, weil ich nicht besser aufgepasst hatte. Ich wäre ja schon 8 Jahre alt. Vermutlich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht zu Hause gewesen war.
Der Vater meiner Mutter, also mein anderer Opa, war nur einmal zu Besuch auf Korsika gewesen. Irgendwann kam er in die Küche, wo ich über meine Hausaufgaben gebeugt saß.
Er schaute über meine Schulter. „Nee, nee, was hat der Junge eine schöne Schrift“, lobte er und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich wollte er freundlich sein oder mich ermutigen; so etwas hatte noch niemand zu mir gesagt.
Tante Rosemarie, die mit Horst und seinen Eltern noch im Kamp wohnte, fand ihn nicht so nett. Für sie war er der Säufer, den man in der Gosse verrecken lassen sollte. Na ja, 1961 war er dann auch tot und seine Witwe Ida, also meine andere Oma Ida krank (Krebs).
Sie wurde unter den Geschwistern herumgereicht. Blieb bei jedem ein paar Wochen. Nicht schön. Ida saß in ihrem Rollstuhl und hatte Schmerzen. Ich erinnere mich nicht, dass sie und ich in den Wochen, die sie bei uns war auch nur ein Wort gewechselt haben.
An ihre Beerdigung erinnere ich mich ebenso wenig wie an die meiner anderen Oma. Ich weiß nur, dass Mama mein Herumalbern „wegen der Leute“ unterbunden hatte. Das kann aber auch bei einer anderen Beerdigung gewesen sein.
„Aus Deiner Mutter kommst Du raus, aber nicht wieder rein. Nach dem Krieg haben die Frauen mit sich selbst genug zu tun.“ Wer das zu mir gesagt hatte, weiß ich nicht mehr.
Tatsächlich erinnere ich mich nicht an Umarmungen oder anderen Körpertakt. Hmh? Hat meine Mutter mich als Säugling eigentlich gestillt? Oder wurde ich von Anfang an mit Ziegenmilch groß gezogen?
Na ja, immerhin hat sie mir regelmäßig Essen, Kleidung und auch alles andere gegeben, was man zum Überleben braucht.
Kinderkrippe, Kindergarten oder irgendeine Betreuungseinrichtung gab es damals meines Wissens noch nicht. Die Vorschule war ausschließlich das Elternhaus.
Die Erwachsenen hatten wirklich viel zu tun. Damals gab es keine Waschmaschine oder Zentralheizung. Und niemand hatte soviel Geld um alles einzukaufen. Den Supermarkt um die Ecke gab es auch noch nicht. Obst und Gemüse wurde im eigenen Garten angebaut.
Keine Blumen. Dafür das Schwein im Stall und eine Ziege, an die ich mich nicht erinnern kann.
Im Fernsehen habe ich kürzlich einen Bericht gesehen: Eine Katze war in eine Lebend-Falle geraten, die wie ein kleiner Käfig aussah. Sie war in Großaufnahme zu sehen. Vor allem ihre Augen.
Nicht im Bild war ein Jäger, der sie töten wollte. Nach jedem Schuss auf sie prüfte er, ob sie noch lebte. Die Katze zuckte zusammen. Oder es war eine Bewegung, die von der in den ihren Körper einschlagenden Kugel aus gelöst wurde?
Die Katze rührte sich nicht und gab keinen Laut von sich. Sie lebte aber auch nach dem dritten Schuss noch. Das konnte ich an ihren Augen sehen.
Diese Bilder gingen mir lange nicht aus dem Kopf. Weil ich wütend auf den Jäger war oder es mich an meine eigenen Grausamkeiten erinnerte?
Als Kind habe ich mal ein Nest auf dem Misthaufen entdeckt, es mit dem Spaten zerstört und die nackten Mäusejungen erschlagen. Ich habe auch mal einen Hahn geköpft und mich darüber amüsiert, das er ohne Kopf noch ein paar Meter gelaufen war.
Meine Eltern regten sich nur auf, wenn etwas kaputt ging, das Geld kostete; zum Beispiel beim Ballspiel eine Scheibe. Da reagierte Mutter laut und heftig.
Heute würde man vielleicht sagen, das ich soviel Mist gebaut habe, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen. Damals gab es was um die Ohren oder auf den Rücken mit der Wäscheplecke.
Von meiner Mutter. Die konnte sich fürchterlich aufregen. Zum Glück war sie eine Ihme, wie man hier so sagte, also klein und zierlich. Ich war lang und knochig und höre sie noch schreien: „Du erhebst die Hand gegen die eigene Mutter.“
Klar, ich hatte meine Arme hoch genommen, um mich vor ihren Schlägen zu schützen und sie sich an meinen spitzen Ellenbogen wehgetan.
Vater kannte ich kaum. Wenn er nicht auf dem Pütt unter Tage war, saß er mit den Alten aus der Nachbarschaft zusammen. Schafskopf spielen!
Von da hatte er irgendwann einen Tipp bekommen, wie er meine Erziehung durchschlagender gestalten könnte. Und so schnitt er ein Stück vom Gartenschlauch ab mit dem er mich dann züchtigten sollte.
Das beeindruckte mich so sehr, dass ich das Stück in der Dachrinne entsorgte. Mein Vater hat nie danach gefragt oder gesucht. Ich glaube, er war sogar erleichtert.
Nur ein- oder zweimal keifte meine Mutter solange herum, bis er schließlich wütend auf mich losging.
Und gegen die harten Fäuste eines Bergmanns schützten mich auch meine knochigen Arme nicht.
Nach dem ersten Treffer, warf sich Mama zwischen uns und schrie ihn an: „Walter, Hör auf, Du schlägst den Jungen ja tot.“
Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater mich als Teenie mal beim Rauchen oder paffen erwischt hatte. Er sprach sehr verständnisvoll und ruhig mit mir.
Ich weiß nicht mehr, was er sagte, nur noch das es mir sehr vernünftig erschien und dass er dabei überhaupt nicht gestottert hat.
Bei meiner Schwester Monika war es anders. Bloß weil sie im Gegensatz zu mir nah am Wasser gebaut hatte? Wir nannten sie wenig nett „die Brätsche“.
Ich hatte sie gern, denn sie war meine einzige Vertraute und Verbündete.
Wir beide schliefen lange noch mit im elterlichen Schlafzimmer. Einmal habe ich Vater zu meiner Mutter flüstern hören: „Wollen wir flitschen.“
Erst als sie das empört ablehnte, wusste ich, dass es etwas unanständiges sein musste und ahnte auch schon was.
Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Schwester darüber gesprochen habe. Aus Rücksichtnahme? Eigentlich war ich ja kein netter großer Bruder.
Trotzdem hielt Monika meistens zu mir; selbst als ich mit einer Fletsche Papierkugeln abfeuerte und sie ins Auge traf hielt sie lange dicht. Obwohl ihre Netzhaut sichtlich beschädigt worden war. Vielleicht wäre das Ganze besser ausgegangen, wenn sie sofort gepetzt hätte und schneller zum Arzt gebracht worden wäre.
Kaum nachvollziehbar ist, dass sie mir bis heute niemals einen Vorwurf gemacht oder irgendetwas gesagt hat, dass mir ein schlechtes Gewissen einbringen könnte.
Vielleicht, weil sie bereits sehr früh ihren Mann fürs Leben gefunden hatte. So früh, dass sie für die Heirat mit ihm noch eine amtliche Genehmigung gebraucht hatte, weil sie damals noch nicht volljährig war.
Schweinkram. Meine männliche Verwandtschaft war mir unangenehm; einfache Malocher mit abstoßendem Imponiergehabe.
Onkel Fritz war rechthaberisch und bedrohlich laut. Onkel Karl arbeitete in einer amerikanischen Kaserne und gab sich als Grandseigneur. Onkel Rudi schien mir naiv und beeinflussbar zu sein.
Bei Onkel Horst bin ich mir nicht sicher. Der war ja auch fast eine Generation jünger als die anderen und arbeitete als Friseur.
Tante Irmgard, Papas Schwester und ihr Mann Bernd waren nur selten dabei. Obwohl Bernd recht gut gebaut war und sich gewählt ausdrückte, kam er unsicher rüber. Weil er Koch war? Oder ein wenig kleiner als die anderen Männer? Oder weil meine Tante ein paar Jahre älter war als er?
Die gegrölten Anzüglichkeiten der Männer lösten bei meinen Tanten Marga, Ilse und Lotte ein quiekendes Lachen aus, das mir empört-verlegen, aber auch begeistert erschien. Ohne das hätte ich gar nicht erkannt, dass es um sexistischen Schweinkram ging.
Meine Mutter? Quiekte sie mit? Nicht wirklich. Sie war zurückhaltend.
Wie eine Servicekraft, die einem lästigen Gast ein freundliches Nicken schenkt und ansonsten nicht dazu gehört.
Auch Rosemarie, die Frau von Onkel Horst, quiekte nicht mit. Statt dessen konterte sie so trocken, dass die Männer ihre Verlegenheit hinter abfälligem Lachen zu verstecken suchten. Na ja, sie hatte das wohl gelernt in ihrer Zeit als Kellnerin.
Obwohl mein Vater vermutlich klüger als die anderen war, versuchte auch er diese quiekenden Geräusche bei den Frauen zu provozieren.
Ich weiß nicht, ob seine Witze wirklich anzüglich waren, denn er kam dabei so sehr ins Stottern, das die Pointe mühsam rekonstruiert werden musste oder ganz verloren ging.
Wenn mein Vater ansetzte etwas von sich zu geben, war Mutter meistens anderweitig beschäftigt. Entweder in der Küche oder geistig abwesend. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass er ihr peinlich war.
Na ja. Besonders viel positive Zuwendung hatte Papa wohl nie bekommen. Angeblich hatte sein Vater sich mal lauthals gewünscht, dass er und nicht sein Bruder Helmut in Russland gefallen wäre.
Na gut, der Vater meines Vater hatte ohnehin den Ruf gehabt ein „eisiger Atta“ zu sein. Keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Ich war froh ihm nicht begegnet zu sein.
In Königsborn habe ich meinen Vater morgens einmal schlaftrunken durchs Wohnzimmer gehen sehen. Da war seine Schlafanzughose wie von einem Speer nach vorne ausgebeult.
Das Wort Morgenlatte kannte ich noch nicht, ahnte aber erleichtert, dass Mutter ihn und sein Ding offenbar abgewehrt hatte. Einerseits hoffte ich, dass er sie nun in Ruhe lassen würde, andererseits tat er mir leid.
Obwohl ich Vater kaum zu Gesicht bekam, freute ich mich darüber, als er nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wieder entlassen wurde. Er war bei einem Unfall auf dem Pütt verschüttet worden. Vielleicht hatte Mama uns auch gesagt, dass wir uns freuen sollten.
Sie, Moni und ich holten ihn vom Krankenhaus ab. Er kam uns schon entgegen und ich sprang ihm freudig um den Hals. Das hatte ich mal im Fernsehen gesehen.
Doch statt mich fröhlich durch die Luft zu schwenken, verzog mein Vater vor Schmerz sein Gesicht und krümmte sich stöhnend zusammen. Mutter schimpfte mit mir, weil ich so rücksichtslos gewesen war.
Volksschule. Nach dem ersten Tag mit Schultüte überließ Mama meine weitere Erziehung den Lehrern. Immerhin hatte ich in der ersten Klasse einen Sitznachbarn, der für mich fragte, wenn ich mal austreten musste.
Unsere Lehrerin in Unna-Massen war lieb. Selbst, wenn wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht oder nur dahin gefudelt hatten, machte ich mir keine Sorge.
Ich ging dann mit den anderen Faulpelzen nach vorne ans Pult, beugte mich darüber und wartete die Schläge mit dem Rohrstock ab. Tat kaum weh und war schnell vorbei.
War ich vielleicht zu dumm, die anerkannten Methoden zu begreifen? Oder störte mich die Selbstgefälligkeit der Leute, die sie lehrten?
Wahrscheinlich war ich einfach nur faul. Jedenfalls versuchte ich manchmal das Rad neu zu erfinden.
Ich erinnere mich noch an ein Rechenpäckchen aus 10x10, 11x9, 12x8, 13x7 usw. Da ging ich vereinfachend davon aus, wenn ein Multiplikand um so viel größer ist als der andere kleiner, dann könnte das Ergebnis doch gleich sein. Also 11x9, 12x8 etc. auch gleich hundert.
Erst nachdem die Lehrerin meinen Test mit Tinte blutrot eingefärbt hatte, gab ich nach. Einige Rechenoperationen später sah ich ein, warum Punktrechnung stets vor Strichrechnung kommen muss.
Im zweiten oder dritten Schuljahr schwärmte ich für Dorothea. Dunkle lockige Haare, das Gesicht eines Engels. Ich traute mich nicht sie anzusprechen. Trotzdem merkte sie wohl was mit mir los war.
Zum Glück demonstrierte sie ihre Macht nur selten. Vor ihrer Freundin riss sie an meinem Schulranzen herum, trat meine Schienbeine oder boxte mich in den Rücken. Es tat nicht weh und ich genoss es von ihr beachtet zu werden.
Ich weiß nicht mehr ob, sie das irgendwann auf gab oder ob wir uns durch meinen Schulwechsel aus den Augen verloren.
Kinderlandverschickung nach Bayern. Wir gingen viel im Wald spazieren. Keine Ahnung, was wir da gemacht haben. Waldbeeren pflücken?
Ich weiß nur noch, dass ich mal einen riesigen Steinpilz gefunden habe und von einer Erzieherin hörte, das es ein leckeres Pfannengericht geben würde.
Doch unser Abendessen bestand wie immer aus Brot mit Marmelade. Ich weiß nicht mehr, was ich ausgefressen hatte. Jedenfalls stand ich bis in die Nacht auf dem kalten Flur, weil ich nicht brav gewesen war.
Der Anschiss der Erzieherinnen vor den anderen oder auf dem Flur stehen zu müssen machte mir bald nichts mehr aus. Das Frieren und Bibbern erhöhte sogar meine Vorfreude auf das warme Bett.
Keine Ahnung, warum ich ins Bett machte, statt zum Pinkeln aufzustehen. Ein Junge, der auch aus Korsika kam, suchte dann nach Ausreden für mich. Vielleicht wollte er mir eine Strafe ersparen.
Seinen Namen habe ich mir nicht gemerkt. Von meiner Mutter wusste ich ja, dass die Kinder aus dieser Familie kein Umgang für mich wären. Vier oder mehr Kinder und der Vater arbeitslos.
Schulwechsel. Mit dem Wechsel nach Unna-Königsborn begann für mich der Ernst des Schullebens. Unter den Lehrern einige Kriegsveteranen.
Einem von Ihnen, dem Herrn Polkowski bin ich heute noch dankbar. Wenn sein Knie schmerzte, waren seine Ohren besonders empfindlich. „Wer klamottet da?“, dröhnte er dann durch die Klasse. Und sobald jemand nicht aufpasste, kniff er ihn in die Wange, zog ihn am Ohr hoch oder gab ihm eine Backpfeife.
Das war mir dann doch so unangenehm, das ich lernte und sogar meine Hausaufgaben machte.
Andere Lehrer mochten mich nicht, denn ich war oft unkonzentriert. Warum sollte ich auch aufpassen?
Wenn ich mich doch mal meldete kam ich nicht dran, nur wenn meine Gedanken woanders waren, wurde ich aufgerufen. Obwohl ich daran gewöhnt sein musste, wurde ich dann puterrot und stotterte herum.
Der Lehrer für Raumlehre, Scharffenberg, machte aus seiner Aversion keinen Hehl. Zum Beispiel, als er die Ergebnisse einer Klassenarbeit vor der ganzen Klasse bekannt gab.
Ich erinnere mich noch genau daran, dass er sagte. „Hans-Georg 4 Fehler gut, Helmut 0 Fehler ausreichend.“
Hans-Georg saß damals neben mir. Ein braves Muttersöhnchen, aber ich hatte nichts gegen ihn. Es war die Ungerechtigkeit, die mich empörte. Das sagte ich auch.
Scharffenberg fand das in Ordnung, denn angeblich hatte ich ihm eine Stinkbombe unter sein Stuhlbein gelegt. Keine Ahnung, ob das stimmte. Nicht, das ich so etwas keinesfalls machen würde. Aber wo sollte ich das Ding herbekommen haben?
Ich habe dann wohl etwas zu ihm gesagt, das ihn auf die Palme brachte. Jedenfalls verfolgte er mich durch die ganze Klasse. Angeblich habe ich ihm am Ende eine gescheuert. Daran erinnere ich mich nicht.
Nun, der Scharffenberg war ziemlich klein und ich mit 1,87 Meter recht lang, wie meine Klassenlehrerin oft im Erdkundeunterricht bestätigte: „Helmut, Du bist der längste, hänge doch bitte mal die Karte auf.“
Ich glaube, sie hieß Frau Röding. Kann aber auch sein, dass meine Lehrerin in Massen so hieß. Dann wäre ihr Name Frau Große Herrenthey gewesen.
Sie reagierte auf den Vorfall mit Scharffenberg beinahe gelassen und begleitete mich zum Direx.
Das Gespräch mit ihm war kurz. „Das machst Du nicht noch mal“, sagte er streng und verpasste mir eine Ohrfeige. Dann ging ich mit der Lehrerin zurück und der Schulalltag weiter.
Ich achtete darauf nicht aufzufallen. Bei praktischen Aufgaben klappte das leider nicht. So hatte mein Vater mir helfen müssen ein Vogelhäuschen zu bauen.
Na ja. Im Vergleich zu dem, was meine Mitschüler mitbrachten, war es so stümperhaft peinlich, dass ich es in eine Ecke stellte und hoffte, niemand würde es sehen.
Ich weiß nicht, ob oder wie das Ding benotet wurde, war aber erleichtert, dass kein Lehrer ein Wort darüber verlor.
Na gut, dass die prächtigen, villenartigen Vogelhäuschen nicht von meinen Mitschülern gemacht sein konnten, störte ja auch niemanden.
Ein paar Mal traf ich mich nach der Schule mit einem anderen Jungen. Hans Dieter oder so. Auf jeden Fall hieß er mit Nachnamen Navarra.
Das weiß ich deshalb, weil unsere Klassenlehrerin ihn wohl ins Herz geschlossen und bemerkt hatte, das er von den Mitschülern gemieden wurde.
Jedenfalls erklärte sie uns im Unterricht, dass Navarra auch der Name einer königlichen Dynastie sei. In Spanien oder Baskenland?
Okay, er war mit seinen dunklen Locken ein hübscher kleiner Kerl, der mit seiner Familie in einer Baracken-Siedlung ein wenig außerhalb lebte. Ich habe ihn dort auch mal besucht. Ein Abenteuer.
Als käme ich in ein Ghetto und würde von bedrohlichen Gestalten, die sich draußen auf der Straße herumtrieben, verfolgt.
Na ja Straße? Zwischen den flachen Gebäuden gab es eigentlich nur festgetretene Erde, die bei Regen ziemlich matschig war.
Ob ich in seiner Wohnung war, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich nicht. Denn das war damals nicht üblich.
Zumindest habe ich in unserer Wohnung in Königsborn niemals Besuch von einem Freund oder Mitschüler gehabt.
In der 8. Klasse gab es eine Renate. Sie war schon 16, also mindesten einmal kleben geblieben und arbeitete manchmal in einer Pommes Bude.
Zurückhaltend freundlich fiel sie mir lediglich durch ihre toupierten Haare und eine beachtliche Oberweite auf.
Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Jedenfalls fragte ich sie und gutmütig erlaubte sie mir ihren Busen anzufassen. Der war schön weich.
Leider kam in diesem Moment unsere Lehrerin herein und fragte streng, amüsiert: „Helmut, was machst Du da?“
Gesagt habe ich wohl nichts. Mein feuerrotes Gesicht genügte ihr als Antwort.
Im Schwimmunterricht beobachtete ich, dass die Jungs so taten als wollten sie das eine oder andere Mädchen unter Wasser drücken oder es bespritzten.
Die lauten Proteste der Betroffenen waren anfangs schrill, mündeten aber schnell in einer lauten, verbalen oder physischen Rangelei, bei der viel gelacht wurde.
Irgendwann habe ich meinen Mut zusammengenommen und es auch versucht. Nicht bei Erika, dem vernünftigen Mädchen mit dem Zopf, das mir so gut gefiel, sondern bei einer Mitschülerin, die darauf zu warten schien.
Ich bespritzte sie, wie ich es bei den anderen Jungs gesehen hatte und hoffte auf ihr empörtes Lachen.
Es dauerte eine ganze Weile bis sie überhaupt auf meine spaßige Attacke reagierte und dann auch anders als erwartet.
Statt zu quiecken schaute sie demonstrativ auf meine knochige Hühnerbrust und zischte verächtlich: „Hau ab, Du kleiner Kerl.“
Hmh? Tatsächlich war ich zwar der längste, aber auch der dünnste in der Klasse.
Im letzten Schuljahr ging meine Mutter zum ersten Mal zum Elternsprechtag.
Der Lehrer, Kudla, ein pomadiger Gockel-Typ, erklärte ihr wohl, dass er mir trotz fehlerfreier Diktate nur eine drei geben würde, damit ich mich mehr anstrengen würde. Mutter hatte nur genickt und mich eindringlich ermahnt.
Na ja, wirklich gelohnt hat es sich nicht. Mein Abschlusszeugnis, vor allem die Kopfnote „Betragen im Unterricht“, war nicht gerade vielversprechend.
Mein erster Kuss. Direkt nach der Volksschule. Mit Marie-Luise am Kinderspielplatz. Ein anderes Pärchen war dabei, das es wohl auch versuchen wollten.
An die beiden erinnere ich mich nicht. Nur daran, dass er mir grinsend bedeutete, dass ich Mary-Lou doch endlich küssen sollte.
Das machte ich dann auch. Sie küsste nasskalt mit langer Zunge zurück.
Meine Frage, warum ich, brachte sie zum Lachen. Ich wäre eben der einzige bei dem sie sich nicht bücken müsste. Okay, sie war mit ihren hochtoupierten Haaren fast so groß wie ich.
Nach ein paar Minuten Knutscherei wollte sie wissen, was wir denn nun weiter machen würden. Hmh? Ich war nach der Schule immer nach Hause gegangen und hatte gelesen. Sie stellte sich wohl vor, dass wir etwas unternehmen, aus gehen würden, vielleicht sogar zu irgendwelchen Partys.
