S-Bahn zum Abgrund - Bodo Fall - E-Book

S-Bahn zum Abgrund E-Book

Bodo Fall

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Beschreibung

Bodo ist Lokführer. Er liebt seine Arbeit und seine Familie. Am ersten Weihnachtstag des Jahres 2006 fährt er nach der Nachtschicht mit der S-Bahn heim, steigt in Pankow-Heinersdorf aus und geht die 29 Stufen zum Ausgang hoch. Zu seiner Familie möchte Bodo, etwas schlafen und endlich Weihnachten feiern. Oben an der Treppe überholt ihn ein junger Mann und dreht sich schlagartig um. Ein Tritt wie von Bruce Lee. Bodos stürzender Körper. Neunundzwanzig Stufen tiefer der Aufprall. Schmerzen und Panik. Bodo hämmert seinen Kopf auf die unterste Stufe und schreit. - Ich muss heim zu meiner Familie! - Nach dem Erwachen aber gibt es diese Familie in seinem Kopf nicht mehr. Vierundvierzig Jahre sind ausgelöscht.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

– 1 –

Ein Tritt wie von Bruce Lee. Mein stürzender Körper. Neunundzwanzig Stufen tiefer der Aufprall. Bis jemand vorsichtig seine Jacke unter meinen Kopf schob, hämmerte ich ihn auf die unterste Stufe und begann zu schreien.

„Ich muss heim zu meiner Familie!“

Nach dem Erwachen aber gibt es die in meinem Kopf nicht mehr. Vierundvierzig Jahre sind ausgelöscht. Die Frau, die sich über mein Krankenbett beugt, die mir liebevoll AC/ DC, Queen und Joe Cocker ins Koma spielte, ich erkenne sie nicht. Erinnere ihre Haare, ihre Augen und auch die Stimme nicht. Es ist meine Frau Simone. Das haben sie mir gesagt. Seit sechzehn Jahren seien wir verheiratet. Ich weiß es nicht. Sie könnten mir alles sagen. Meine Vergangenheit ist ein Loch. Nein, das stimmt gar nicht. Sie ist noch weniger als ein Loch. Seit dem Aufprall existiert sie nicht mehr in mir.

„Papa“, flüstert eine junge Frau. „du lebst.“ Das wird meine Tochter sein. Hübsch ist sie. Gerne sehe ich sie hier am Krankenbett, auch wenn Tränen über ihr Gesicht laufen. Franziska, haben die Menschen mir gesagt, das sei ihr Name.

Ob ich glauben kann, was sie behaupten?

Habe ich eine Wahl?

„Bodo“, höre ich die Stimme der Frau namens Simone einen weiteren Namen nennen. Liebevoll spricht sie ihn aus. Offenbar ist das mein Name. Bodo. „Gut“, denke ich, „der Name ist OK. Damit kann ich leben.“

Ich bin Bodo. Ich lebe. Doch meine Identität ist nur noch ein Gespenst. Meine Erinnerungen wurden beim Aufprall zerstört, sagen die Ärzte und meinen jenen Moment, in dem mein Gehirn wie ein Punchingball durch meinen Schädel jagte. Nach links. Zack. Nach rechts. Zack. Nach links. Nach Hause wollen und Finsternis.

Durchsichtig fühle ich mich. Würde jemand das Fenster des Krankenzimmers öffnen, könnte ein Windzug mich ins Nichts zerstäuben. Der Gedanke lässt mich frieren. Doch eine Träne meiner Frau kullert auf meinen Körper, fällt nicht einfach durch mich hindurch. Mein Körper ist zerschlagen. Aber er ist da. Der Aufprall hat nicht alles vernichtet.

„Du bist Lokführer“, sagt Simone und ich schaue meine Frau an. Ich weiß nicht, ob ich ihren Namen behalten werde. Möglich, dass sie und Franziska, mein Beruf und mein Wohnort sich in mir gleich wieder in Luft auflösen. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Was aber könnte ich dagegen tun?

„Weißt Du noch, Bodo“, sagt Simone sanft, „als Du dich Heiligabend auf den Weg zur Arbeit gemacht hast?“

Ich höre, was sie sagt. Versuche zu antworten, die vier Buchstaben des Wortes Nein über meine Lippen zu bringen. Ich denke das Wort, forme es mit dem Mund. Stoße aber nichts als einen Laut aus. Irgendeinen Laut, den ich nicht wollte. Ich wollte doch das Wort. Bin ich ein Tier, ohne meine Worte und Erinnerungen? Zu schwach für Verzweiflung oder Fragen sehe ich Simone hilflos an.

Mit meiner Frau Simone und meiner Tochter Franziska.

„Alles gut, Bodo. Das wird schon“, sagt sie und lächelt übermüdet. Der Aufprall hat unser beider Leben zerspringen lassen. Ein 3D-Puzzle mit tausenden, oft zerrissenen oder zerfetzten Teilen. Einige von ihnen sind farblos oder durchsichtig. Niemand weiß, ob wir unsere ehemalige Welt, unser einstiges Leben irgendwie zurückholen können.

„Heiligabend“, lasse ich Simones Wort auf mich wirken. Es fühlt sich gut an. Heiligabend muss etwas Schönes gewesen sein. Bald werden wir Fotos davon anschauen, Bilder von Weihnachtskugeln, einem Tannenbaum und Geschenken. „Dein Zuhause“, zeigt Simone mir auf einem der Bilder ein Haus. Nur wenige Tage vor dem Aufprall hatten wir den Kaufvertrag unterschrieben. In dem Haus leben konnte ich noch nicht, würde es jetzt nicht einmal mehr erkennen. Weil ich an diesem Heiligabend aus dem Haus ging. Es war der 24. Dezember des Jahres 2006.

„Du hast mir zum Abschied einen Kuss gegeben“, lächelt Simone. „Und nach all den Jahren bei der S-Bahn plötzlich diesen Satz gesagt. Hoffentlich, hast Du gesagt, gibt es nicht wieder eine Weihnachtsschlägerei.“

Auch an diesen Satz erinnere ich mich nicht. War ich denn in eine solche Schlägerei geraten? Hatte diese den Aufprall herbeigeführt und mein Gehirn zum Punchingball werden lassen?

„Lokführer“, hatte Simone gesagt. Und dann: „S-Bahn.“ Schemenhaft erinnere ich die gelbroten Waggons der Berliner S-Bahn. Auch sie sind nicht mehr als Geister, die vor meinen Augen durch die Nacht fahren. Einer ihrer Lokführer bin ich gewesen, fuhr den „Berliner Ring“ in der Nachtschicht vom Heiligabend bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages. Sah die Menschen einsteigen, Geschenke unter ihren Armen oder in großen Taschen. Wie feierlich viele gekleidet waren auf dem Weg in den Heiligabend und wieder hinaus. Andere liefen rum wie immer, ließen sich in die Nacht gleiten, tranken, rauchten, keiften, schlugen sich und blockierten die Türen. Wer am Heiligabend nicht im Schoße der Familie oder Freunde aufgehoben ist, fühlt sich besonders einsam, streift durch die Nacht, trinkt, raucht, gerät mit Polizisten und Türstehern aneinander.

Eine typische Nachtschicht. Alle paar Stationen meine Durchsage machen. „Bitte die Tür freigeben. Sonst geht’s nicht weiter, Leute.“

Reine Routine. Wer glaubt, das Fahren einer S-Bahn bedeute, gemütlich im Führerstand zu sitzen, Kekse zu essen, Kaffee zu trinken und an den Bahnhöfen die Türen zu öffnen, liegt falsch. Immerfort muss man raus, ab nach hinten und kontrollieren, was los ist. Woher kommt dieses Geschrei? Und warum geht die gelbe Lampe mit der Aufschrift „Tür blockiert“ schon wieder nicht aus?

Was kotzt es einen an, das verdammte „Tür blockiert“. Wieder raus, ab nach hinten. Was ist da los? Es kann alles sein. Ein Gegenstand in der Tür. Ein Besoffener oder fünf Nazis, die eine arme Sau gerade halb totschlagen und dazu „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen.

Mehrmals verließ ich in der Heiligen Nacht des Jahres 2006 den Führerstand, ging entlang der Waggons, betrachtete die feierlich gekleideten Menschen und schmunzelte über einige Weihnachtsmänner. Doch langsam wurde all das weniger. Mitternacht war vorüber, die feierliche Stimmung verflogen und die Betrunkenen wurden mehr. Nichts daran war ungewöhnlich. Seit Jahren kannte ich das. Schaukelte meine S-Bahn durch die Nachtschicht und bis in den frühen Morgen hinein. Um 6 Uhr erreichte ich das Abstellgleis in Gesundbrunnen.

„Feierabend“, schmunzelte ich, legte meine Brotdose und die Wasserflasche in die Arbeitstasche, trat ins Freie und schloss den Führerstand ab. Müde, gleichwohl voller Vorfreude auf die Weihnachtstage, wartete ich auf die S-Bahn Richtung Pankow-Heinersdorf. Nur wenige Menschen standen auf dem Bahnsteig, als die S2 einfuhr. Fröhlich grüßte ich den Kollegen. In meiner Uniform erkannte er mich sogleich und hob ebenfalls die Hand. „Gute Heimfahrt“, wird er wohl gedacht haben, während ich den hinteren Waggon betrat und mein Kollege die Türen schloss. Wie üblich pennte jemand auf einer der Bänke. Einige blieben nachts immer auf der Strecke, schliefen ihren Rausch in unseren Waggons aus oder rutschten vor Erschöpfung in den Schlaf. Etwas weiter saß ein junger Mann. Kahlrasierter Kopf, Grinsen und eine Zigarette zwischen den Lippen. Auch das ein gewohnter Anblick. Rotzig blies er mir eine Rauchwolke entgegen.

„Hey, Meister“, sagte ich freundschaftlich, wie ich das immer tat. „Rauchen darfste hier nich. Weeßte ja selber.“

Angewidert musterte der Glatzkopf meine Uniform und aschte ab.

„Steig doch einfach aus“, machte ich meinen üblichen Vorschlag. „Dann rauchste eene und nimmst nach zehn Minuten die nächste Bahn.“

Den Qualm hinter mir lassend, nahm ich einige Reihen weiter Platz und ließ mich von meinem Kollegen durchs Morgengrauen schaukeln. Ob der Raucher auf mich gehört hatte? Ich wusste es nicht. Es war mir aber auch egal. Die Heilignachtschicht mit all ihren Gestalten war hart genug gewesen. Sanfte Hirten, Heilige Drei Könige, das Christuskind oder Joseph und Maria waren jedenfalls nicht darunter. Dafür streiften Betrunkene und Gestrandete wie Zombies herum.

Müdigkeit ließ mich für einen Moment die Augen schließen. Ich lauschte der S-Bahn, wie sie ihren Weg bis nach Pankow-Heinersdorf nahm. Dort stand mein Wagen. Die Straßen würden an diesem Weihnachtsmorgen leergefegt sein. Vielleicht 45 Minuten, dann wäre ich daheim. „Ob der Frühstückstisch wohl schon gedeckt ist? Simone wird von ihrer Nachtschicht zurück sein. Mutti und meine Schwester Gudrun wollten heute morgen zum Weihnachtsfrühstück kommen. Simone und ich schlafen uns danach aus. Fränzi, Mutti und Gudrun hatten sich angeboten, den Weihnachtsbraten zuzubereiten.“

In Müdigkeit eingebettete Gedanken, während die Bahn Pankow-Heinersdorf erreichte. Wie üblich hatte ich den hintersten Waggon gewählt, um nach dem Aussteigen gleich am richtigen Ende des Bahnsteigs, dort bei der Treppe zum Ausgang „Prenzlauer Chaussee“ zu sein. Der junge Mann mit der Zigarette stieg ebenfalls aus und warf mir noch einen Seitenblick zu.

„Na, haste deinen Spaß gehabt?“

„Das ist mir zu blöd“, erwiderte ich kurz. Schon lief ich die Treppe hinauf und sah bereits mein Auto. Wollte eben die oberste der neunundzwanzig Stufen nehmen und in den Gang treten, als ein Schatten an mir vorbeihuschte. Ich schreckte auf, erkannte jenen Glatzkopf aus der S-Bahn, den ich mit meinem freundlichen „Hey Meister“ auf das Rauchverbot hingewiesen hatte. An mir vorbeigeeilt, stand er nun plötzlich vor mir, etwas höher als ich und riss im nächsten Moment wie ein Karatekämpfer sein Bein in die Luft. Mit gewaltiger Kraft schmetterte der Fuß des Mannes gegen meinen Brustkorb und mein Körper wurde ins Treppenhaus zurückgeschleudert.

Alle neunundzwanzig Stufen hatte ich bereits erklommen, mein Auto gesehen, war fast daheim, im Feierabend und unserem Weihnachtsfest gewesen. Jetzt aber flog ich im hohen Bogen durch dieses Treppenhaus. Konnte nur stürzen. Nichts dagegen tun. „Der Aufprall wird grauenvoll sein“, blitzte ein Gedanke. Da kam er schon. War noch viel schlimmer. Dann Finsternis und ich hämmerte meinen Schädel wie ein Wahnsinniger auf die unterste Stufe.

– 2 –

Der Mann, der mich am Fuße der Treppe fand, zu mir eilte und seine Jacke unter meinen Schädel schob, bemerkte den huschenden Schatten und schaute hinauf. Nur flüchtig sah er ein Gesicht, erkannte es dennoch sogleich. Es war der Sohn eines Nachbarn. Mit Schrecken dachte er an die Familie, fummelte hektisch sein Handy aus der Tasche, rief die Polizei an und ließ einen Krankenwagen kommen. Gleich wandte er sich mir wieder zu und versuchte, mich zu beruhigen. „Der Krankenwagen ist unterwegs, alles wird gut. Bitte halten Sie doch ihren Kopf still, ganz ruhig.“ Wieder ließ ich meinen Schädel auf die Stufen krachen, wollte nichts als nach Hause. „Ich muss heim!“, zitterte mein Rufen durch den Treppenaufgang. „Jetzt sofort, lassen Sie mich nach Hause!“

Wie ein angeschossenes Tier richtete ich mich auf und stürzte. Der Schock und die Schmerzen machten mich wahnsinnig. Am liebsten wäre ich gerannt, einfach weg, schreiend bis nach Hause und hinein in die Weihnachtstage mit meiner Familie.

Kurz darauf lag ich mit Handschellen gefesselt im Krankenwagen, das Blaulicht drehte über meinem Gesicht und das Heulen der Sirenen sägte sich in meinen sterbenden Kopf. Der Mann, der mich gefunden hatte, stand derweil mit den Polizisten im Treppenhaus der Station „Pankow-Heinersdorf“ neben einer Blutlache und nannte den Namen des Täters.

„Sind Sie sicher, dass Sie ihn erkannt haben?“, sah der Polizist den Mann ernst an.

„Ja“, sagte mein Ersthelfer. „Ich weiß ja, wie meine Nachbarn aussehen.“