Sag mir nicht, wer ich bin - Julia Wadhawan - E-Book

Sag mir nicht, wer ich bin E-Book

Julia Wadhawan

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Beschreibung

Schluss mit der Polarisierung! Julia Wadhawans Vater kommt aus Indien, nur Inder will er keiner sein. Zu Hause spricht er Deutsch, liebt Schnitzel und gibt seiner Tochter zu verstehen: Wir sind eine ganz normale, deutsche Familie. Doch das sehen nicht alle so. Zwischen den Zuschreibungen der anderen entwickelt Julia eine Abneigung gegen jede Form von Gruppenzugehörigkeit – bis sie als Journalistin nach Indien reist und das Land sie zwingt, sich zu positionieren. Entlang von Hautfarbe, Religion und Herkunft zeigt die Autorin globale Strukturen auf, die unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung mehr bestimmen als Nationalitäten. »Sag mir nicht, wer ich bin« ist das persönliche und engagierte Plädoyer dafür, Vielfalt zuzulassen und dabei Haltung zu finden.

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EPUB
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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Julia Wadhawan

Sag mirnicht,wer ich bin

Über die Sehnsucht nachIdentität und die Freiheit,nirgends hineinzupassen

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Für meine Eltern, in Liebe.

 

You are one person

But when you move

An entire community

Walks through you

– You go nowhere alone

Rupi Kaur

Vorwort

Als ich zum ersten Mal mit einem Verlag über die Idee zu diesem Buch sprach, war es mir wichtig, etwas klarzustellen: »In diesem Buch geht es um Indien und nicht um mich.« Ich wollte das Land aus einer Perspektive erzählen, die mehr sah als Bollywood, Yoga und heilige Kühe. Und zwar aus Sicht der Menschen vor Ort. Ich wollte sie erzählen lassen, wie Indien ist und was wir daraus über die Welt lernen können.

Meine Ansage fand ich selbstbewusst. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es hier- bei zwar um Indien ging, aber auch vor allem um eine Perspektive – nämlich meine. Oder um die Suche danach. Und über all den Themen, die mich umtrieben, schwebten immer zwei Fragen: Warum ist das wichtig, und was hat das mit mir zu tun?

Mein Selbstbewusstsein vom Anfang entpuppte sich ziemlich schnell als Angst: vor Aufmerksamkeit, davor, etwas Falsches zu schreiben, zu denken, zu fühlen. Selbstzentriert zu sein. Mein Beruf ist es, anderen ihre Gedanken zu allen möglichen Themen zu entlocken, und alle davon sind relevant, weil sie die Vielfalt der Lebensrealitäten abbilden. Also, wieso sind es meine nicht? Vielleicht, weil ich mit dem Gefühl aufgewachsen bin, dass die Perspektiven der anderen richtiger, weil allgemeingültiger waren und meine Erfahrungen speziell und damit unwichtig – und die Konflikte, die ich manchmal in mir spürte, ein Zeichen von Charakterschwäche.

Dann dachte ich an einen Satz, den mein Vater gerne zu Menschen sagt, die er neu kennenlernt. Er fragt: What’s your story? Und ich dachte, ja, wieso sollte denn ausgerechnet ich keine Antwort auf diese Frage haben?

Und so wurden aus der Idee zu einem Buch auch eine Mutprobe: meine eigene Sichtbarmachung. Es ist eine persönliche Geschichte, aber vor allem ist es der Versuch einer Verortung in der Welt – oder in den Welten, in diesem Fall meiner deutschen Heimat und Indien. Aus dieser Verortung wurde auch das Nachdenken über eine Gesellschaft, in der die Frage nach Identität nicht spaltet, sondern verbindet.

Über jedes Thema, das ich in den einzelnen Kapiteln aufmache, könnte man ein eigenes Buch schreiben, und während ich an diesem saß, fragte ich mich immer wieder, was ich dem Wissen und den Debatten noch hinzufügen könnte, die sich mit Identitätsebenen wie Herkunft befassen. Ich konnte sie ja nicht mal vollständig abbilden, so viele Menschen haben sich bereits sehr kluge Gedanken gemacht. Trotzdem bleiben die damit zusammenhängenden Probleme aktuell. Und dann hörte ich auf einer Party diesen wunderbaren Satz: »Es gibt immer etwas hinzuzufügen, und das ist die eigene Geschichte.«

Es geht immer noch um Indien. Ein großes, vielfältiges Land, das sich nicht kategorisieren lässt. Das macht es umso spannender, Fragen nach Identität und Zugehörigkeit zu stellen. Ich bewege mich dabei in einem Zwischenraum, den Blick immer auch nach Deutschland gerichtet, meiner Heimat. Weil wir im Anderen vor allem über uns selbst lernen. Das verbindet uns, überall, jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt. Die Strukturen, in denen wir leben. Der Wunsch nach Abgrenzung, weil wir uns dadurch selbst deutlicher sehen. Und der Wunsch nach Zugehörigkeit, Verbindung. Ein ständiger Dialog und ein Ringen um Freiheit: uns selbst zu bestimmen und angenommen zu werden, ohne irgendwo hineinpassen zu müssen. Das ist nie einfach, und es bringt Verantwortung mit sich: diese Freiheit auch für andere zu gewährleisten, sie ebenso zu schützen wie die eigene. Auch darum soll es gehen.

1 Verlustangst

Die Nachricht, vor der ich mich gefürchtet habe, kommt nicht überraschend, und doch trifft sie mich wie eine Ohrfeige. Papa hat sie offensichtlich in Eile geschrieben, aber die Botschaft ist deutlich.

Ich werde Indien hundertprozentig verlassen.

Es sind nur ein paar Worte über WhatsApp, aber ich kann beinahe hören, wie er sie mit dem Volumen eines Schlagbohrers herauspresst, laut, tief und unnachgiebig. Ich sitze auf zwei zusammengeschobenen Sesseln neben der geöffneten Terrassentür, die Beine ratlos ausgestreckt. Tee dampft aus einer bauchigen Tasse. So dunkel und grau der November in Hamburg auch sein kann, hier in Neu-Delhi fühlt er sich an wie Spätsommer. Nur ein bisschen staubig riecht es auch jetzt, am Morgen, obwohl sich die Luft über Nacht von den Ausdünstungen der Stadt erholen konnte. Draußen spielt das übliche Konzert einer indischen Metropole: Autoreifen auf Asphalt, Hup-Dialoge zwischen freundlicher Ankündigung und aggressivem Geh-mir-aus-dem-Weg, Gemüsehändler, die ihr Sortiment auf Fahrradtheken gestapelt klingelnd am Straßenrand entlangschieben. Unser kleiner Vorgarten wirkt dabei wie eine Irritation, ein Fehler. Zucchinis ziehen sich an der Erde entlang, grüne Tomaten hängen noch schüchtern in den Sträuchern. Eine weiße Mauer fängt meinen Blick auf die Straße ab, und ich frage mich, wie bei Mauern jeder Art, ob sie mich eigentlich schützen, und wenn ja, warum ich dann das Gefühl nicht loswerde, gleichzeitig eingesperrt zu sein.

Bin ich zu unvorsichtig geworden – war ich es immer? Leichtsinnig, einfältig? Ich fühle mich wie eine Wand, die eben noch mit ihrem Betonfundament protzte und jetzt kleinlaut nachgibt. Schuld, Trauer, das Gefühl von Ungerechtigkeit. Ich kann nicht sagen, was davon mir am meisten in der Brust zwickt. Ist es meine Schuld, dass Papa das Haus meiner Großeltern, in dem ich gerade sitze, verkaufen will? Weil ich den Golddring auf dem Nachttisch liegen ließ und er jetzt weg ist? Weil ich auf etwas Wertvolles nicht Acht gab? Und nun fehlt nicht nur der Schmuck, ich bin im Begriff, gleich mehrere Zuhause zu verlieren: einen Menschen in Deutschland, der mir diesen Ring als Zeichen seiner Liebe geschenkt hat. Ein Haus, das mir womöglich mehr bedeutet, als ich wahrhaben wollte. Und mit dem Haus auch die Verbindung zu einem Land, dem ich nah sein wollte, mit dem ich aber am ehesten eine unverbindliche Fernbeziehung führe.

Cousin Sharad analysiert nicht richtig ernst, aber auch nicht komplett ironisch: »Eigentlich ist es Tonys Schuld. Weil er Julia nicht besser erzogen hat.« Tony, das ist mein Vater. Es ist 2019, ich bin 32 Jahre alt und offenbar immer noch nicht in der Lage, mich einigermaßen würdevoll durchs Leben zu bewegen. Durch Indien. Papas Land. »Das ist nicht mein Land«, höre ich ihn in meinen Gedanken antworten, dabei schüttelt er den Kopf, als wolle er eine lästige Fliege abwimmeln. Nur weil er hier geboren ist, zur Schule ging, schätzungsweise 90 Prozent seiner Familie hier leben, hat er keinerlei Besitzansprüche an diesen Ort. Eigentlich finde ich das eine fortschrittliche Einstellung, Besitzansprüche kämpfen ja heutzutage nicht nur in Gesellschaft und Liebe um Berechtigung. Papa bezeichnet sich jedenfalls weder als Inder noch als Deutscher, er sei Weltbürger.»Mein Zuhause ist mein Körper!«, hat er mehr als einmal gesagt. Ein gemütliches Zuhause, eingewickelt in mehrere Schichten gespeicherte Energie, die sich vor allem um den Bauch spannen. Damit die Energie nicht über weniger eingewickelte Körperteile verloren geht, trägt Papa gern eine französische Baskenmütze auf dem zarten grauen Haar, ein bisschen schief, und, wenn es sehr kalt ist, Wollmützen. Im Sommer setzt er den kolumbianischen Basthut auf, den ich ihm von meiner Südamerikareise mitgebracht habe. Mit seiner braunen Haut und einem gespannten weißen T-Shirt über dem Bauch sieht er dann aus wie ein kolumbianischer Kaffeebauer. Seine Ohren bleiben bei jeder Kopfbedeckung frei, vielleicht, um ihn nicht am »selektiven Hören« zu hindern, wie er das nennt. Papa hört öfter schlecht, weil er nicht anders kann. Und manchmal, weil er nicht anders will.

Ich wusste, dass die Situation mehr nach sich ziehen würde als nur ein bisschen Ärger. Am liebsten hätte ich sie einfach allein gelöst. Am Morgen hatte ich meinen Ring ausgezogen, weil er mir beim Yoga ständig auf den Knöchel gerutscht war. Als ich daran denke, kann ich ihn nirgends finden, und ein Verdacht beschleicht mich. Unter kleinen Tuben Hotellotion, Taschentuchpäckchen und verstaubten Moskitosprays krame ich mein Schmucktäschchen hervor. Die goldenen Armreifen, die Oma Rup mir geschenkt hatte, sind auch weg. Die eine Erinnerung an sie, die mehr war als ein paar unklare Bilder und verschwommene Gefühle. Natürlich geht es nicht um den materiellen Wert, sondern darum, wofür die Armreifen, der Ring stehen: Familie, Liebe, Zuhause. Das ist doch das Wichtigste im Leben, und ich lasse es sozusagen achtlos herumliegen, bis jemand anders Gefallen daran findet. Jemand, den ich kenne und der nur ein paar Meter weiter so tut, als wüsste er von nichts?

Ich bin allein im Haus meiner verstorbenen Großeltern im Süden von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Also, fast allein. In der Küche schneidet Radhe Zwiebeln; ein halbstarker Junge mit James-Dean-Frisur schaut zu und gleichzeitig ständig auf sein Handy. Freundliche Gemüter, friedliche Koexistenz. Sie stellen kaum Fragen, ich gebe kaum Antworten und versuche, immer aufmunternd zu lächeln. Ich glaube zwar, dass sie das irritiert, aber sie nicken mir dann zu. Radhe kocht außerdem hervorragend. Er führte mal ein kleines Restaurant. Wir sprechen verschiedene Sprachen und denken manchmal, einander verstanden zu haben, die meiste Zeit aber hoffen wir das vor allem.

Der James-Dean-Junge hat außerdem einen großen Bruder, wir kennen die beiden schon lange. Ihr Vater Ahmed arbeitete bestimmt 15 Jahre für uns, bevor er vor ein paar Monaten plötzlich starb. An seiner Stelle fährt jetzt der älteste Sohn den Wagen. Ein stiller Anfang-20-Jähriger mit dünnen Beinen und sorgfältig gezwirbeltem Schnauzbart. Jamal. Ahmed saß im Auto in letzter Zeit häufig auf dem Beifahrersitz und redete pausenlos auf ihn ein. Die Bedeutung der Worte ging an mir vorbei, aber sein Ton war deutlich: Der Vater erteilte seinem Sohn Lektionen. Nur der erhobene Zeigefinger fehlte. Jamal hörte zu oder auch nicht, jedenfalls zeigte er keinerlei Reaktion, und davor hatte ich großen Respekt. Wenn ich mich um eine Konversation bemühte und ihn in gebrochenem Hindi fragte, wie es ihm ging (viel mehr fiel mir nicht ein), strahlten mich seine Augen für eine Sekunde an, bevor sie verschämt den Boden suchten.

Es ist nicht so, dass wir einander kennen würden. Wir können kaum drei Sätze miteinander wechseln. Trotzdem kam er mir in den letzten Tagen komisch vor, anders als sonst. Seine Augen waren glasig, er wich meinem Blick aus und huschte ins Hinterhaus, sobald er mich mit dem Auto am Eingang abgesetzt hatte. Ich schäme mich, das anzunehmen, aber ich glaube, er hat mich beklaut. Und in dieser Scham fühle ich mich ihm auf absurde Weise verbunden.

Wir haben beide versagt. Ich habe zugelassen, dass sich unser Zuhause in Neu-Delhi, das meine Eltern so lange mühsam aufrechterhalten haben, nicht mehr sicher anfühlt. Dass ich diesen Jungen dazu verleitet habe, das Erbe seines Vaters zu verraten, der so lange unser Vertrauen genoss. Weil mich meine westliche Wohlstandsnaivität blind gemacht hat für die Realität. Goldschmuck, bei wem wecke ich da schon Begierden? Nur die verwöhnte Seele denkt sich dabei nichts.

Papa hat nicht vor, mich zu trösten. Bei jeder WhatsApp-Nachricht vibriert das Telefon in meinem Schoß.

Schade, dass es so enden muss!

Was endet wie?

Dass du deine wertvollsten Sachen herumliegen lässt. Und jetzt sind sie weg

Ich hatte sie in einer Schublade! In einer Tasche, ganz weit unten!

Bullshit, du bist voll doof.

Sicher hat er Recht. Das alles ist und war eine wirklich blöde Idee, und dieser Vorfall ist nur ein Zeichen vom Universum, mir das mitzuteilen. Andererseits, kann das nicht jedem passieren? Ich versuche mir und Papa einzureden, dass wir sachlich bleiben sollten, statt Dinge zu sagen, die wir gar nicht so meinen. Aber hier liegt offenbar das Problem: Papa meint es genauso.

Für mich ist Indien Vergangenheit …

Ok. Für mich nicht.

Das ist deine Zukunft, nicht meine.

Neben mir wölben ein paar Auberginen ihre dunkel-violetten Bäuche, als wüchsen sie auf offenem Feld und nicht inmitten von Großstadtlärm und Staubluft. Sind sie genauso doof wie ich? Mein Handy vibriert wieder. Wie ernst es Papa meint, kann ich daran erkennen, dass er zwar die Sprache wechselt, die Botschaft aber unverändert bleibt.

I am exiting for sure, if you feel comfortable, let me know your intention.

Meine Absichten. Naja, zusammengefasst spiele ich mit dem Gedanken, bei einem Mann in Indien zu bleiben, statt in meine Beziehung und mein Leben nach Deutschland zurückzukehren. Mich beschleicht das leise Gefühl, dass sich Papa auch deswegen etwas angespannt verhält.

Während ich die weiße Mauer unseres Vorgartens anstarre, sacke ich innerlich enttäuscht zusammen. Projekt generationsübergreifende Rückintegration abgebrochen. Ich komme mir lächerlich vor, wie ich in diesem Land sitze, das nicht meines ist, und so tue, als würde ich hierher gehören. Bislang hatte mir Papa wenigstens noch ein Alibi verschafft. Er ist in Neu-Delhi geboren und aufgewachsen, reist seit über 40 Jahren beruflich immer wieder nach Indien, so lange, wie meine Eltern verheiratet sind. Nach Deutschland kam er das erste Mal 1971 für ein Praktikum bei einem Automobilzulieferer. Papa war 21 und hatte gerade sein Studium zum Elektroingenieur beendet. In Briefen berichtete er seinen Eltern vom ersten Schnee, für den er mitten in der Nacht das Haus verließ, und den unzähligen Arten, wie Deutsche ihre Kartoffel aßen, ohne sie zu würzen. Ein paar Jahre später schickte ihn sein nächster Arbeitgeber für längere Zeit nach Frankfurt am Main als Trainer für die Bedienung von Großrechnern. In einem Irish Pub in Frankfurt Sachsenhausen lernte er meine Mutter kennen, Lehramtsstudentin, als Deutsche in Polen geboren. Sie sprachen über das Unterrichten von Kindern, von Erwachsenen. Über das Lernen. Mama wusste nicht viel über Indien, aber eines, das wusste sie, die als Zehnjährige nach Deutschland gekommen war, ganz bestimmt. »Wenn du hier lebst, musst du Deutsch sprechen.« Sie sprach im Gegenzug Englisch mit seiner Familie, fand in ihnen, in Neu-Delhi und Indien ein zweites Zuhause. Seit sie in Rente ist, verbringen meine Eltern den Herbst und manchmal auch den Frühling hier. Zwei Weltbürger*innen auf Reisen. Ich rechtfertigte mir damit eine gewisse Zugehörigkeit: Wo meine Eltern sind, darf ich sein. Natürlich hätte auch die Verwandtschaft in Indien dafür herhalten können. Zu Tante Bhawna und Onkel Ashish können wir zu Fuß laufen, zu Sabina und Deepak sind es zehn Minuten im Auto. Über Neu-Delhi verteilt leben ein paar Dutzend Familienangehörige, aber den meisten fühle ich mich, wenn ich ehrlich bin, nicht nah genug, um mehr zu sein als ein Gast.

Ich bin also eine Hochstaplerin, bestenfalls eine Touristin mit Stammliege. Ich bin hier nicht aufgewachsen, spreche nur ein paar Fetzen Hindi. Ich kann mich offensichtlich nicht einmal im eigenen Haus so verhalten, wie jede normale Bürgerin dieses Landes es tun würde.

Das hat sicher damit zu tun, dass ich meine Kindheit nicht in Neu-Delhi, sondern einer kopfsteingepflasterten Wohnstraße bei Düsseldorf und in einem hessischen Dorf verbracht habe. Zu Weihnachten gibt es bei uns Kartoffelklöße, Rotkohl und Braten. Indische Feste haben wir sehr lange keine gefeiert. Wir guckten »Wetten, dass..?« und James Bond statt Bollywood und Sharukh Khan. Im CD-Regal standen Musical-Soundtracks von »Cats« oder »Fame«, daneben vielleicht noch »Die Prinzen«, jedenfalls keine Alben indischer Musikstars. Wir sprachen Deutsch, nur im Streit wechselten meine Eltern früher ins Englische (was sinnlos war, weil mein Bruder und ich »idiot« auch so verstanden). In den Osterferien besuchten wir meine Großeltern in Neu-Delhi. Meinen Freundinnen kaufte ich lange Ohrringe, ich ließ mir die Hände mit Ornamenten aus Mehndi (Henna) bemalen, und manchmal nahm Mama uns mit zu McDonald’s – das Mitte der 1990er-Jahre in Neu-Delhi expandierte –, weil mir das indische Essen nicht schmeckte. Als Kind haben mich diese Besuche oft gelangweilt. Ständig trafen wir (ältere) Verwandte, die ich ohnehin kaum verstand. Trotzdem habe ich immer die Nähe zu diesem Land gesucht, wollte eine Beziehung aufbauen, die meine Eltern als Verbindungsstück nicht brauchte. Mein Indien, das wurde mir irgendwann klar, war eigentlich ihres. Papas Indien. Mit dem er jetzt nichts mehr zu tun haben will. Das mir nun auch verloren geht?

Mehrfach habe ich später angesetzt, Hindi zu lernen: allein, in der Uni, an der Schule meiner Tante im Westen Indiens, in einem Intensivkurs in Neu-Delhi. Ich glaube, Papa hat das gerührt. Gesagt hat er: »Was willst du mit Hindi? Niemand spricht Hindi.« Außer natürlich die Menschen in Indien, auch unsere Familie. Aber die beherrschten alle Englisch, das sei ohnehin viel wichtiger. Ein Weltbürger braucht schließlich eine Weltsprache. Hindi steht übrigens an Platz vier der meistgesprochenen Sprachen der Welt. Ich spreche heute sehr gutes Englisch (Platz drei) und okayes Spanisch (Platz zwei). Papas Logik folgend hätte ich nach China auswandern und Mandarin lernen müssen (Platz eins).

Die Verbindung zur Familie war meinen Eltern immer wichtig. Nur darüber hinaus schien Papa Interesse für das Land nicht als gelungene Investition zu betrachten. Für seine Geschäfte, ja. Aber nicht für mich.

Als Studentin wollte ich zum ersten Mal ohne Familie durch Indien reisen. Meine Freundin Vero machte ein Praktikum in Pune, und wir planten, im Anschluss zu viert das Land zu erkunden. Die Eltern meiner Freund*innen wünschten uns viel Spaß, Papa schwieg und wurde dann wütend. Ich war ein paar Wochen früher angereist, hatte meine Tante im Westen besucht und wartete darauf, dass sich unsere Reisegruppe in Neu-Delhi zusammenfand. Tagsüber begleitete ich meinen Vater in sein Büro in Gurgaon, das seit 2016 Gurugram heißt, und südwestlich der indischen Hauptstadt liegt. Mit knapp einer Million Einwohnern könnte man quasi als Dorf bezeichnen. Ein Dorf mit vom Smog verhangenem Himmel und achtspurigen Straßen, die sich um Wolkenkratzer winden. In dem Business-Vorort werden die großen Geschäfte gemacht. Papa arbeitete gerade daran, den Indienstandort für einen deutschen Konzern aufzubauen, und wollte offensichtlich auch mit seiner Tochter einen Vertrag aufsetzen. Die Papiere lagen vor mir: eine sorgfältig kuratierte Reise, zusammengestellt von einem Familienfreund. Hotels, Inlandsflüge und Überfahrten im Pkw mit eigenem Fahrer. Ich lehnte dankend ab und verteidigte mutig unseren Plan: mit dem Zug fahren, in Homestays übernachten (ein Vorläufer von Airbnb) und mal sehen, wo es uns hintrieb. »Andere machen das auch, wir schaffen das schon.« Papa war anderer Meinung und schrie mich an: »Das geht nicht, Julia! Du bist hier nicht in Europa!«

Mein Vater, der eingedeutschte Weltbürger, versuchte seiner Tochter klarzumachen, dass er es besser wusste. Wie naiv ich in seinen Ohren klang, wie klischeehaft. Die wohlstandsverwöhnte Deutsche, die auf der Suche nach einer höheren Wahrheit barfuß durch Indien zog, um sich mit Magen-Darm-Infekt im nächsten Krankenhaus wiederzufinden. Ich sah das natürlich anders, zumal er mir keine zufriedenstellende Erklärung für seine abstrakten Ängste lieferte. Sie wirkten wie die weiße Mauer vor unserem Haus: ein wohlgemeinter Schutz, von dem ich mich eingesperrt fühlte – und das machte mich wütend. Meine Freundin organisierte sich selbst ein Praktikum, andere reisten einfach los, und ich, mit dem lebenden Erbe einer Familie und einer emotionalen Verbindung zu diesem Land, traute mich in Neu-Delhi kaum allein vor die Tür. Je paranoider Papa wirkte, desto naiver wollte ich sein. Ich lass mich nicht einschüchtern von deiner Unsicherheit! In Wahrheit hatte sie mich längst durchdrungen, aber das hätte ich niemals zugegeben. Es fühlte sich an, als sei allein mein Bedürfnis, meine eigene Beziehung zu Indien zu finden, verschwendete Zeit, naiv – und außerdem gefährlich. Anders gesagt, einfach, tja, doof. Und ich ließ zu, dass sich eine Beklemmung in meine Seele pflanzte, die jetzt, zehn Jahre später, aufblüht.

 

Ich habe die Jungs freundlich, aber nachdrücklich angewiesen, alles nach dem Schmuck abzusuchen, und mich ins Wohnzimmer gesetzt. So hätten sie Gelegenheit, ihn heimlich zurückzugeben. In Zukunft würde ich besser aufpassen, alles wäre gar nicht so schlimm. Sofakissen werden angehoben, Teppiche aufgerollt. Jamal schaut auf seine Füße, Radhe in meine Augen und sagt, sie hätten nichts gefunden. Sie ziehen die Tür hinter sich zu, ich schließe ab. Verstehe nichts, kann nichts tun, fühle mich ziemlich hilflos, verarscht und schäme mich: für Ahmed und seinen Sohn, für meinen Vater und unsere Familie, für mich. Aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Wo der Schmuck ist, weiß ich nicht, aber in meinem Kopf dreht ohnehin eine ganz andere Frage los: Was will ich hier bloß?

Ansichten eines Weltbürgers I

Wolltest du denn eigentlich, als du die Mama geheiratet hast, deine indischen Werte in die Ehe einbringen, oder war dir immer daran gelegen, eher europäisch oder deutsch zu leben?

Ich habe mich wirklich nicht indisch gefühlt, fühle mich immer noch nicht indisch. Ich meine, ihr versucht mich in eine Ecke zu drängen, die ich absolut ablehne.

Was findest du daran so schlimm, indisch genannt zu werden?

Ich möchte nicht gesagt bekommen: Du bist aus Indien, du musst eine andere Kultur haben. Meine Denkweise ist: Alle sind identisch, alle sind ähnlich, und da ist kein großer Unterschied.

2 Was sie sagen und was ich denke

Papa ist kein Inder, und wir sind eine ganz normale, deutsche Familie. Eine normale, deutsche Familie spricht zuhause Deutsch, isst freitags selbstgemachte Pizza, an anderen Tagen Reibekuchen mit Apfelmus und fährt in den Sommerferien in die Berge. Was normal ist und was nicht, ist ja eine Frage der Perspektive. Von außen kann alles fremd erscheinen, was sich für einen selbst ziemlich alltäglich anfühlt. Und die meisten Menschen telefonieren mit ihren Eltern, wenn das möglich ist. Papa redet dabei einfach ein bisschen lauter. Okay, meistens ruft er, als müsste seine Stimme die Tausenden von Kilometern überbrücken, die ihn von der Familie in Indien trennen. Ich liege im Bett und werde von seiner Stimme unsanft aus dem Schlaf gerissen. Atscha!, höre ich immer wieder aus dem Arbeitszimmer. Klingt, als würde er sehr langsam niesen, bedeutet aber eher »gut«, »ach so« oder kontextbezogen etwas völlig anderes. Mein Gehirn greift nach einzelnen Worten, die es erkennen, wenn auch nicht verstehen kann, während ich die Augen zukneife und versuche, so zu tun, als könnte ich einfach weiterschlafen. So lange, bis Mama mit einer Dringlichkeit, die keine Uhrzeit kennt, die Tür aufreißt. »Komm bitte schnell hoch, die indische Familie ist am Telefon!«Ich habe wenig Lust, verschlafen mit diesen Menschen, die ich vielleicht alle zwei Jahre treffe, über die Schule oder hypothetische Ferienbesuche zu sprechen, so wenig Lust eben, wie sie die meisten normalen, deutschen Jugendlichen hätten. Aber sie sind auch Familie und diese Anrufe nicht alltäglich, die Distanz macht sie außerdem wichtiger, deswegen reibe ich mir die Augen und drücke wenige Minuten später den Hörer an mein Ohr, wie es sicher die meisten Mädchen in meinem Alter tun würden.

Meine Eltern wollten mich eigentlich Johanna nennen, aber als sie mich das erste Mal in den Armen halten, entscheiden sie sich um. Ich heiße also Julia, wie die anderen sieben Julias in meiner Klasse in der Mittelstufe. Aus Verständigungsgründen werden alle beim Nachnamen gerufen, außer mir. Keiner ist sich je sicher, ihn richtig auszusprechen, nicht mal ich. Dafür kann ich ihn hervorragend buchstabieren, das habe ich Papa in unzähligen Telefonaten abgehört: Wilhelm Anton Dora, Helmut Anton, Wilhelm Anton Nordpol. Wadhawan geschrieben. Wathaavn gesprochen. In der Schule sagen sie: Watt haawen Sie denn da? Und Waddehaddedudeda. Für den Alltag taugt das nicht. Einige Mitschüler*innen rufen mich stattdessen mit meinem zweiten Namen Anjuli. Ich weiß, dass es in Indien soviele Anjulis gibt wie Julias in Deutschland, kenne selbst aber keine. Vielleicht liegt darin auch schon alles, was ich lange zu begreifen versuche: diese Gewöhnlichkeit in beide Richtungen, die immer auch das Gegenteil bedeuten kann, je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet.

Meine Schule ist ein altes Schloss vor den Toren einer hessischen Altstadt auf der deutschen Fachwerkstraße. So richtig mit Schlosshof, Schlossbrücke und engen, sich die Etagen hinaufwindenden Holztreppen. Im Musiksaal knarzt der Boden unter jedem Schritt, von den Decken spähen pausbäckige Engelsköpfe zu uns herab. Wir singen Franz Schuberts »Winterreise«, und manchen der Jungs fällt das besonders schwer, nicht, weil sie unmusikalisch sind, sondern weil sie vorher im Rosengarten gekifft haben. Nach Schulschluss laufen wir zur Busse, der großen Bushaltestelle, gegenüber dem Neubau. Hier sitzen wir nach dem Unterricht herum, essen weiße Brötchen mit Dickmann’s, rauchen manchmal Zigaretten, um zu zeigen, wie lässig wir sind, und stolzieren voreinander umher, auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Ablenkung. Es gibt in der Stadt auch eine Realschule. Sie liegt auf einem Berg, und ich weiß nicht viel darüber, außer dass sie viele Ausländer besuchen, was auch immer das bedeutet. An der Busse ist das ohnehin egal. Hier sind wir gemeinsam Jugendliche, die zum Mittagessen nach Hause müssen, aber lieber einen Bus später nehmen, um noch ein bisschen abzuhängen. Mit ein paar Freundinnen sitze ich dort herum, als eine Gruppe Jungs der anderen Schule zu mir herüberruft: »Was hängst du eigentlich mit den Kartoffeln ab? Du bist doch eine von uns!« Ich könnte mich geschmeichelt fühlen, ignoriere die Aufforderung aber trotzig. Als eine von ihnen hatte mich auch der Busfahrer erkannt, damals in der fünften Klasse, als ich meinen Rucksackin der vordersten Reihe auf den Sitzplatz neben mir stellte. Ich wollte ihn für meine Freundin freihalten. Mit zornigem Blick herrschte mich der alte Mann an: »In Deutschland macht man so was nicht!« Es war nicht sein erster Spruch mir gegenüber, aber der letzte. Dort, im Alter von zehn oder elf Jahren, war ich zum ersten Mal wirklich wütend geworden. Worüber genau, konnte ich nicht in Worte fassen, aber das Gefühl der Ungerechtigkeit war stark genug, um meiner Mutter davon zu erzählen. Sie war es nicht gewohnt, Beschwerden aus meinem Mund zu hören, und nahm sie sehr ernst. Also rief sie das Busunternehmen an und sagte, was sie für notwendig hielt, damit so was nicht wieder vorkam.

Manche nennen mich »exotisch« und meinen das wirklich liebevoll. Ich bin der »Schokokuss«, »Black Beauty«, die Farbe Gelb steht meinem Hautton super, und ich spüre, dass ich dankbar sein sollte, denn ich habe etwas, das andere vielleicht gerne hätten. Vielleicht beneiden mich manche um meine Hautfarbe, ich beneide sie dafür um ihre grünen oder blauen Augen, die hellen Haare, in die sie sich Strähnchen färben lassen können, und die ebene Haut. Wie hässlich diese Farbschatten unter meinen Augen und um den Mund, »wie ein Affe«, haben in der Schule welche gesagt. Mit dem Concealer meiner Mutter tupfe ich die Schatten weiß, zu weiß, denn die Drogerie führt keinen passenden Make-up-Ton. Meine Augen sind so dunkel, als wären sie schwarz, wie Papas. Manchmal trete ich ganz dicht an den Spiegel heran. Wenn das Licht richtig fällt, kann ich meine Pupillen erkennen.

Papa ist kein Inder und damit nicht allein. Niemand in meinem Umfeld kommt aus Indien. Das könnte sich bald ändern, denn es sind die Nullerjahre, Deutschlands Zukunft hängt am seidenen Fachkräftefaden, und die Bundesregierung beginnt, IT-Spezialisten aus Indien anzuwerben. Es ist Zufall, dass ausgerechnet mein Vater eine eigene Softwarefirma führt, in der auch mein großer Bruder seine Leidenschaft für Computertechnologie entdeckt. Der ehemalige Bildungsminister und CDU-Politiker Jürgen Rüttgers empört sich[1]: »Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer.« Daraus wird der Slogan »Kinder statt Inder.« Ich bin gerade in der Pubertät angekommen, habe meinen ersten Freund und bekomme von alldem nichts mit. Manchmal aber fällt dieser Satz in der Schule, mein Klassenkamerad lacht. »Ist doch nur ein Scherz.«

Im Skiurlaub mit Schulfreund*innen nimmt mich einer zur Seite und entschuldigt sich für die Witze der anderen. »Tut mir voll leid, dass die dich so dissen.« Seine Ernsthaftigkeit beleidigt mich. Es ist nur ein Spiel, wir alle nehmen Rollen ein, so what? Ich mache bei den Witzen ja selbst mit. Bevor ich zulasse, dass andere mich in Kategorien pressen, beherrsche ich sie doch lieber. Dissen ist auch eine Form von Aufmerksamkeit, und im Übrigen fühlt es sich gar nicht so furchtbar an, in einen Topf mit Mel B von den Spice Girls (obwohl ich Mel Cbesser finde)oder Whitney Houston gesteckt zu werden. Ich singe ja auch gern, das wissen alle. Also lache ich und steige mit ein. Das geht einigen aber zu weit. »Du bist doch gar nicht schwarz«, sagen sie. Tja, aber was denn eigentlich dann? Irgendwie ein bisschen braun, aber braun klingt dreckig. Wir halten unsere Unterarme nebeneinander und zucken mit den Achseln, weil wir noch nicht verstehen, dass die Bezeichnung einer Hautfarbe meistens auch die Gesichtszüge und Haare, das Andersaussehen in seiner Gesamtheit meint und die Zuschreibung Schwarz außerdem eine gesellschaftspolitische Dimension beinhaltet, die mit meiner Geschichte wenig zu tun hat, weil ich keine direkten Vorfahren habe, die aus afrikanischen Ländern kommen. Aber was man nicht versteht, lacht man am besten weg. »Hast du dich wieder nicht gewaschen?«Gelangweilt von der Einfallslosigkeit solcher Sprüche rolle ich mit den Augen. Mein Klassenkamerad klopft mir freundschaftlich auf die Schulter. »Ist doch nur ein Scherz.«

Während der Schulzeit sprechen wir kaum über unsere Eltern. An der Uni ändert sich das. Fremde wollen plötzlich meine Familiengeschichte erfahren. »Woher kommst du?«, »Bist du ganz deutsch?«, »Aber wo bist du denn geboren?« oder »Woher kommen deine Eltern?« Ich will nicht unhöflich sein, gleichzeitig fühlen sich diese Fragen irgendwie persönlich an, dabei kennen wir einander doch gar nicht. »Mein Vater kommt aus Indien« füllt eine Lücke für die Fragenden und reißt in mir eine auf, weil ich keine Kontrolle darüber habe, was diese Information für mein Gegenüber bedeutet. Ich frage mich auch, was wäre, steckte dahinter eine traumatische Geschichte. Wäre ich adoptiert, Halbwaise oder meine Mutter eine Geflüchtete – stünde den anderen zu, diese Wunden freizulegen, ohne mich zu kennen? Wenn ich jemanden neu kennenlerne, versuche ich, Gemeinsamkeiten zu finden, manche aber ziehen Grenzen, die ich dann überwinden muss. Also füge ich vorsichtshalber hinzu: »Er ist aber total europäisch.« Ich bin halb deutsch, halb indisch, ich bin zwei Nebensätze, die andere bestimmen. Manchmal ist mir die Aufmerksamkeit unangenehm, denn nichts an mir ist interessanter als an anderen, im Gegenteil, ich finde mich eher schwammig, unbestimmt. Kann nicht damit dienen, »indisch« zu sprechen oder zuhause »indisch« zu essen, weiß im Grunde nicht besonders viel über Indien. Also wechsle ich das Thema und lache mit anderen darüber, »Meine Freundin, die Inderin!«, es ist ein Witz. Manchmal löse ich das Rätsel ohne Umschweife auf, schließlich kann ich die Neugier auch verstehen. Ich empfinde sie schließlich selbst, wenn ich jemanden kennenlerne, die aus meinem Erfahrungshorizont fällt. Wir alle wollen die Welt entdecken, und das bedeutet auch, einander zu entdecken. Manchmal bin ich genervt von der Inquisition, der Abgrenzung in erster Begegnung. Dann wiederhole ich auf die Frage nach meiner Herkunft stoisch den Namen der Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen oder in Hessen, tue einfach so, als wüsste ich nicht, worauf mein Gegenüber hinauswill. Es ist auch ein Test, ich will den Einordnungseifer der anderen herausfordern, sie so sehr verwirren, dass sie aufgeben, und vielleicht würde dadurch ja ein neuer Gedankenweg frei, auf dem gleich immer vor anders liegt oder deutsch nicht gleich weiß bedeutet.

An der Uni denken Leute immer wieder ich studiere Ethnologie, denn, klar, eine Exotin beschäftigt sich wahrscheinlich mit dem Exotischsein. Im ersten Semester lerne ich einen Mann kennen, der sich mehr mit seinen französischen Wurzeln identifiziert als mit seinen deutschen und mir wiederholt versichert, nicht mit »Kartoffeln« abzuhängen. Weil ich Anschluss brauche und ein bisschen Abenteuer, lache ich solche Aussagen großzügig weg. In seinen Blicken suche ich nach Hinweisen darauf, was er in mir sieht, versuche, sein Bild mit meinem abzugleichen. Wir gehen mit seinen deutsch-türkischen Freunden tanzen und trinken Tee in einer Shisha-Bar. Am ersten Januar steht er mit einer Auswahl Bollywood-DVDs vor meiner Tür, und das macht mich so wütend, dass ich mich weigere, diese vielleicht gut gemeinte Geste anzunehmen. Ich lehne dankend ab, denn ich will keine Bollywood-Filme gucken, und ich bin auch nicht seine exotische indische Prinzessin.

Im dritten Semester besucht mein Journalistik-Kurs die Redaktion von Cosmo TV, einer WDR-Sendung, die über verschiedene Kulturen in Deutschland berichtet. Der Vater des Moderators kommt aus Syrien. Ich schreibe seit ein paar Semestern Veranstaltungsberichte für das Mainzer Wochenblatt über Straßenfeste, Spatenstiche und Tage der offenen Tür. Aber in den Räumen des fensterlosen Studios von Cosmo TV fühle ich mich auf eine Weise angesprochen, die mir bislang fremd war. Mutig und spontan frage ich noch während des Besuchs nach Möglichkeiten für ein Praktikum. Meine Dozentin mustert mich, bevor sie mir den Namen eines Förderprogramms nennt, das zu mir passen könnte. Auf der Website lese ich später, dass damit jungen »Menschen mit Migrationshintergrund« der Einstieg in den Journalismus ermöglicht werden soll, um das Medienangebot thematisch und personell diverser zu gestalten. Weil das nichts mit mir zu tun hat, will ich die Bewerbungsseite schon wieder wegklicken, rufe dann aber vorsichtshalber meine Mutter an. Sie zögert, bevor sie meinen Zweifel ausräumt: »Ja, natürlich hast du einen Migrationshintergrund.« Aber der Begriff gefällt ihr nicht. Er ist auch neu: Das Statistische Bundesamt hat ihn drei Jahre zuvor, 2005, als »soziales Merkmal« im Mikrozensus eingeführt, um gesellschaftliche Integrationsprozesse besser abbilden zu können[2]. Migrationshintergrund hat demnach jede in Deutschland lebende Person, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft nicht durch Geburt besitzt. Die Erhebung solcher Daten sollte helfen, strukturellen Nachteilen von zugewanderten Menschen und ihren Nachkommen zu begegnen – etwa beim Zugang zu Bildung, beruflichen oder politischen Positionen. In der Realität wird daraus nur eine weitere Dimension von Andersaussehen gepaart mit Anderssein, ein abgeschwächtes Synonym für »fremd«, »ausländisch« oder »migrantisch«, weshalb der Debatte bald die Bezeichnung Migrationsvordergrund hinzugefügt wird und meine Mutter all diese Begriffe als ausgrenzend empfindet. Ich hingegen bin überrascht und ein bisschen erleichtert, vielleicht erklärt das dieses leichte Gefühl der Entwurzelung, das manchmal unangekündigt auftaucht. Meistens schiebe ich es auf den Umstand, dass wir mal umgezogen sind, eine Heimat habe ich damit schließlich zurückgelassen. Mit Migrationshintergrund bedeutet, es gibt eine Erklärung für das Gefühl, ich kann dafür nichts, und in gewisser Weise ist diese Erkenntnis für mich sehr wichtig. Gleichzeitig schäme ich mich dafür, weil es klingt, als würde ich mich abgrenzen, hervorheben. Ein paar Leute reagieren tatsächlich irritiert, als ich ihnen von dem Programm erzähle: »So ein Quatsch, du bist doch deutsch!« Am Ende steht Aussage gegen Aussage oder Annahme gegen Annahme, und ich fühle mich mit beiden unwohl. Was ist gleich, und wo beginnt anders? Wie anders ist anders genug? Den Praktikumsplatz nehme ich zwar an, aber nicht ohne mich innerlich als Hochstaplerin abzustempeln. Die Deutsche mit nicht-indischem Vater, die denkt, sie könnte aus dessen Herkunft irgendeinen Besonderheitsanspruch ableiten! Peinlich. Ich bin anscheinend nicht die Einzige, die so denkt. Als ich ein paar Jahre später einen Volontariatsplatz für einen anderen absage, rückt eine Frau mit persischem Namen auf meinen Platz. »War ja klar«,kommentiert eine Kollegin, die zeitgleich dort anfängt, und sagt noch etwas über »die Quote«, beiläufig, mit einem Hauch von Ironie, und ich lächele verständnisvoll. »Ja klar, haha, diese bescheuerte Quote.« Meinen Migrationshintergrund umschiffe ich fortan weitgehend. Ich will weder über Migration oder Integration berichten noch darüber sprechen. Das Thema lässt in mir geradezu ein Vakuum entstehen, das ich nicht zu füllen weiß. Also habe ich nichts damit zu tun, und werde ich doch damit konfrontiert, überkommt mich jedes Mal die Angst, aufzufliegen: Schau mal, die tut nur so.

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Das Abenteuerlichste an den Besuchen in Indien ist für mich lange die Reise im Flugzeug. Tage vorher denke ich darüber nach, welcher Film wohl auf den Hängebildschirmen im Gang gespielt wird, da man noch nicht an jedem Platz sein eigenes Programm wählen kann. Wenn die Flugbegleitung meine Mutter auf Deutsch und mich auf Englisch anspricht, sage ich »Coke, please.« statt »Eine Cola, bitte.« und freue mich darüber, als hätte ich sie ausgetrickst. Mein Körper ist eine Verkleidung, und je nach Ort bedeutet sie etwas anderes. Eine Verkleidung sollen wir auch auf die Klassenfahrt in der Grundschule mitbringen. Mama zeigt mir, wie ich ihren weißen Seiden-Sari mit den roten Punkten um die Hüfte wickeln und den Stoff über eine Schulter werfen kann. Sie holt ihn ganz hinten aus dem Schrank, ich habe sie noch nie in einem Sari gesehen, es wird auch nie vorkommen. Ich bin in der vierten Klasse, klebe mir ein rotes Bindhi zwischen die Brauen und gehe zu Fasching als Inderin.

Indien ist ein Kleid, das ich mir überziehe und bei der Rückkehr am Flughafen wieder ablege. Damit fängt es an: mit der Vorfreude, mich in bunte Stoffe zu hüllen, die sich dort richtig und in Deutschland falsch anfühlen. Ich mag diese Baumwollkleider in satten oder sanften Farben, wie sie die erwachsenen Frauen in meiner Familie tragen. Salwar Kamiz, knielange Tunika mit einem Schlitz an der Seite und einer passenden Baumwollhose, lose oder enganliegend, an den Knöcheln gerafft. Meine Mutter trug die traditionelle Kleidung an ihrer Hochzeit in Neu-Delhi, ein Set aus pinker Seide, mit einer Dupatta, einem feinen Tuch, das von vorn über die Schultern geworfen wird. Auf dem Markt gegenüber dem Haus meiner Großeltern kaufe ich ein ähnliches Set aus Baumwolle, füge mich ein in meine Umgebung, oder denke das zumindest, denn die jungen Cousinen in meiner Familie mögen als Heranwachsende lieber western clothes: Jeans und T-Shirt.

Indien, das ist für mich der Geschmack von Daal, Linsencurry, vermengt mit Joghurt, um den brennenden Gaumen zu beruhigen, und die glatte Haut reifer Mangos, durch die ich ihren klebrigen Saft sauge. Indien ist: Papageien in den Bäumen vor dem Haus meiner Großeltern und ein Geruch, der sich ausbreitet, sobald Papa den Koffer von seiner Reise öffnet. Ein Geruch wie Teppichreiniger und altes Papier, staubig und rau. Eigentlich ist es eine Mischung aus Abgasen, Baustelle und Mottenkugeln. Kein Witz. Nachdem ich jahrelang den Geruch – meinen