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Alex ist 18 Jahre, als er durch einen schweren Unfall sein Gedächtnis verliert. Seine Mutter, seine Freunde, ja selbst die kleinsten Details seines Lebens - alles ist wie ausgelöscht. Nur seinen Zwillingsbruder Marcus erkennt er, als er im Krankenhaus erwacht. Mithilfe seines Bruders schafft Alex es, Schritt für Schritt seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Doch ein dunkles Geheimnis belastet die Familie seit Jahrzehnten und droht nun auch die Freundschaft zwischen den beiden Zwillingen zu zerstören. Wer bin ich wirklich, will Alex endlich wissen ...
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2021
Manchmal ist es besser, nicht die ganze Wahrheit zu kennen
Das Buch zur Netflix-Doku
Alex ist 18 Jahre, als er durch einen schweren Unfall sein Gedächtnis verliert. Seine Mutter, seine Freunde, ja selbst die kleinsten Details seines Lebens – alles ist wie ausgelöscht. Nur seinen Zwillingsbruder Marcus erkennt er, als er im Krankenhaus erwacht. Mithilfe seines Bruders schafft Alex es, Schritt für Schritt seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Doch ein dunkles Geheimnis belastet die Familie seit Jahrzehnten und droht nun auch die Freundschaft zwischen den beiden Zwillingen zu zerstören. Wer bin ich wirklich, will Alex endlich wissen …
Alex und Marcus Lewis (1964) verbrachten ihre Kindheit und Jugend in London and Sussex. Sie sind viel und weit gereist. Ihre ausgeprägte Lese-Rechtschreib-Schwäche zwang sie, beruflich ungewöhnliche und extravagante Ideen zu entwickeln. Ihren größten Erfolg stellt die Fundu Lagoon dar, ein in ganz Afrika berühmtes Boutique-Hotel. Außerdem führen sie ein florierendes Unternehmen. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Sag mir, wer ich bin ist ihr erstes Buch.
Joanna Hodgkin studierte am Somerville College Geschichte. Unter dem Pseudonym Joanna Hines hat sie elf Bücher geschrieben, darunter psychologische Thriller und historische Romane, die bisher in mehr als acht Sprachen übersetzt wurden. Für die 2012 erschienenen Lebenserinnerungen ihrer Mutter, Amateurs in Eden. The Story of a Bohemian Marriage, erhielt sie viel Lob und Anerkennung. Sie lebt in London.
Alex Lewis und Marcus Lewis
mit Joanna Hodgkin
SAG MIR, WER ICH BIN
Manchmal ist es besser,nicht die ganze Wahrheitzu kennen
Aus dem Englischen von Simone Schroth
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2013 by Alex Lewis und Marcus Lewis
Titel der Originalausgabe: »Tell Me Who I Am«
Originalverlag: Hodder & Stoughton, An Hachette UK company
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Redaktion: Anne Fröhlich, Bremen
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.deunter Verwendung von Motiven von © Getty Images: micheldenijs | villy_yovcheva
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0451-9
luebbe.de
lesejury.de
Wir möchten den außergewöhnlichen Menschen danken, die – beinahe wie Schutzengel – gerade in den Momenten in unser Leben getreten sind, wenn wir sie am nötigsten brauchten: den Hudsons, die Brockways, die Richardsons, die Taylors und die Handleys. Sie haben unsere Kindheit so viel besser gemacht. Danken möchten wir auch unseren geduldigen Geschäftspartnern und Freunden, James Burton und Ellis Flyte. Ohne eure Hilfe hätten wir es nicht geschafft. Euch sowie unseren Geschwistern Amanda und Oliver und unseren Frauen widmen wir dieses Buch in Dankbarkeit und Liebe.
»Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.« C. G. Jung
Ich erkannte sie sofort. Zwei Männer mit denselben scharf geschnittenen, attraktiven Gesichtszügen. Beide trugen mit blauen Blümchen gemusterte Hemden. Nicht exakt identisch, aber ähnlich. (Hatten sie für diese Begegnung rein zufällig Hemden mit Blumenmuster ausgewählt, oder war es eine dieser immer wiederkehrenden Parallelitäten bei Zwillingen, bei denen es sich um mehr als bloßen Zufall handelt? Die Mysterien um eineiige Zwillinge sind für Außenstehende unendlich faszinierend.) Während der folgenden Stunde erhielt ich einen Eindruck von ihnen, der sich im Laufe der folgenden Monate immer mehr verdichtete und weiterentwickelte, sich aber zu keiner Zeit grundlegend änderte. Die beiden waren und sind zwei der faszinierendsten und liebenswürdigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe: witzig, verletzlich, offen, unterhaltsam, selbstbezogen und zugleich auf seltsame Weise selbstlos. Und sie besitzen eine wirklich bewundernswerte Unschuld. Ich kannte ihre Geschichte in groben Zügen, deshalb war ich erstaunt, wie schnell sie bereit waren, mir ihre Geschichte anzuvertrauen. Mir, einer völlig Fremden. Genauso vertrauen die beiden ihre außergewöhnliche Geschichte nun Ihnen an, denjenigen, die dieses Buch lesen.
Am Ende dieses ersten unvergesslichen Nachmittags sagte Alex zu mir: »Ich möchte dieses Buch schreiben, weil ich wissen will, wer ich bin.«
Denn in diesem Stadium ging er davon aus, nur dreißig Prozent der Ereignisse zu kennen; der Rest war Verwirrung, eine Kakophonie einander überlagernder Erzählungen, die sich manchmal widersprachen, zuweilen schwammig und manchmal auch ganz einfach falsch waren. Dann mal los, dachte ich. Die Geschichtenerzählerin in mir erkannte, dass es sich hier um ein größeres Unterfangen handelte, weit größer als die fiktionale Jagd auf einen Mörder oder die Suche nach wahrer Liebe und ewigem Glück. Die Herausforderung, seine verborgene Identität zu entdecken, war die stärkste Motivation, der ich je begegnet war. Und der Schreibprozess wurde in diesem Buch zum Schlüsselelement.
Dadurch ist aus diesem Text eine besondere Art der Erzählung geworden. Wenn Sie einen linearen Bericht erwarten, sollten Sie lieber aufhören zu lesen. Die Geschichte von Alex und Marcus ist unendlich komplexer und interessanter als das. Damit das Ganze sich klarer darstellt, haben wir eine Aufteilung in drei Episoden vorgenommen.
Der erste Teil präsentiert die häusliche Welt von Familie und Freunden, die Alex entdeckte, als er im Spätsommer 1982 aus seinem Koma erwachte und feststellen musste, dass all seine Erinnerungen ausgelöscht waren und nie mehr zurückkehren würden. Weil ihn sein eineiiger Zwillingsbruder Marcus dabei an der Hand nahm, war Alex in der Lage, seine persönliche Geschichte zu entwerfen und ein Selbstgefühl zu entwickeln, das ihn durch mehr als ein Jahrzehnt trug.
Dann, im Alter von zweiunddreißig Jahren, fand er heraus, dass bei dem Bild, bei dessen Zusammensetzung ihm Marcus geholfen hatte, ein großer Teil fehlte. Obwohl das schmerzte, begann er den Prozess mit unnachgiebiger Beharrlichkeit von vorn; langsam und allmählich setzte er eine neue Version seiner Geschichte zusammen. Dieser Prozess wird im zweiten Teil dieses Buches beschrieben.
Im dritten Teil werden die Entwicklungen dargestellt, die sich ergaben, während wir zusammen an diesem Buch arbeiteten, manchmal mit schockierender Plötzlichkeit. Bei langen Arbeitstreffen in meinem Apartment, im Laufe von Mahlzeiten oder bei unzähligen Tassen Tee schufen wir eine neue Erzählung. Wir wurden dabei von Telefonanrufen und Besuchen unterbrochen, Alltagskleinigkeiten kamen dazwischen. Wir lachten viel und erlebten bei dem Versuch, eine Form der Wahrheit festzuhalten, nicht nur einen ständigen Kampf, sondern auch starke Emotionen. Für alle Beteiligten war es eine erstaunliche Reise.
Während dieser Reise gab es für uns alle viel zu entdecken. Obwohl ich schon vorher für Menschen mit problematischer Vergangenheit gearbeitet habe, bin ich alles andere als eine Expertin. An der Geschichte der Zwillinge traf mich wohl am stärksten, dass ein Kind nach einem massiven Trauma in Herz und Geist unterschiedliche und scheinbar widersprüchliche Realitäten zugleich erlebt. Marcus’ Geschichte hat uns gezeigt: Er wusste, was in der gemeinsamen Vergangenheit der Zwillinge begraben lag, und zugleich wusste er es nicht. Auf einer bestimmten Ebene erinnerte er sich täglich daran; auf einer anderen war es ihm gelungen, das Ganze völlig zu vergessen. Daher rührten seine scheinbar widersprüchlichen Aussagen: »Das ist nie passiert.« »Darüber habe ich nie nachgedacht.« »Ich wusste immer, ich würde es ihm sagen müssen.« »Es ist immer da gewesen.«
Alles entspricht der Wahrheit.
Das liegt daran, dass manche Kinder nur von einem Tag zum anderen überleben können, indem sie keine Vergangenheit haben. Das Gestern gleicht einem leeren Blatt, und das Heute lässt sich auslöschen, wenn es zu unerträglich wird. Tritt ein solcher Zustand ein, werden normale Definitionen von Wahrheit und Lüge irrelevant. Dieses Phänomen ist unglaublich faszinierend, stellt jedoch auch eine Herausforderung dar. Jemand aus dem engsten Freundeskreis der beiden sagte zu mir: »Ich habe mich gefragt, wie man wohl jemals ihre Geschichte niederschreiben sollte: Der eine Zwilling kann sich an nichts erinnern, und der andere sagt nie die Wahrheit!«
Gleichzeitig ist Marcus jedes Mal, wenn er zu einem wahren Kern vordringt, auf mutige Weise einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne.
Für Menschen, die in einer weitgehend glücklichen Familie aufgewachsen sind, kann es dennoch schwierig sein, das Ganze zu entwirren. Aber bleiben Sie dran. Durch Alex und Marcus und ihre außergewöhnliche Herausforderung gibt es in dieser Geschichte vieles, was das Leben aller Menschen berührt.
Außerdem habe ich gelernt, wie komplex die Bande von Familie, Liebe und Verrat sein kann. Ziemlich früh während unserer Diskussionen erwähnte Marcus, ihn habe ein Interview im Radio aufgewühlt. Eine junge Frau, die von ihrem Vater über Jahre geschlagen worden war, hatte die Frage beantwortet, was sie nun, nach seinem Tod, für ihn empfinde. Sie sagte einfach: »Ich vermisse ihn.« Nicht die Schläge natürlich, aber sie bedauerte, dass sie jetzt keine Chance mehr auf einen guten Vater hatte. Der Journalist konnte es kaum fassen, doch Marcus begriff sehr genau, was sie meinte.
In diesem Buch kommen Menschen vor, die denjenigen böse und grausame Dinge angetan haben, die sie hätten beschützen sollen. Aber sie sind keine Monster. Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir in dieser Geschichte die Schurken verurteilen könnten, doch dann würde uns das Wesentliche völlig entgehen.
Diese Geschichte ist alles andere als zu Ende, und sie ist noch lange nicht vollständig. Es ist allgemein bekannt, dass selbst in unkomplizierten Familien verschiedene Perspektiven und einander widersprechende Erinnerungen existieren, Versionen über Persönlichkeiten und Ereignisse, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. In einer Familie wie der von Alex und Marcus wäre eine einzige, definitive Wahrheit eine Schimäre, für immer außer Reichweite. Das hier ist ihre Realität, und sie wird immer eine fließende, bewegliche bleiben.
Für mich war das außergewöhnlichste Geschenk bei der Arbeit mit den beiden wohl die Erkenntnis, dass der menschliche Geist über unerschöpfliche Kraftquellen verfügt. Trotz allem, was die Zwillinge als Kinder durchgemacht haben, haben sie so viel erreicht. Sie sind erfolgreiche Unternehmer, werden überall auf der Welt respektiert für das Hotel, das sie auf einer zauberhaft schönen Insel errichtet haben. Sie haben einen riesigen und treuen Freundeskreis; einige kennen die beiden seit dreißig Jahren. Sie wuchsen mit Geheimnissen und Lügen auf und sind trotzdem offen und in einer ganz grundlegenden Weise ehrlich. Sie sind liebevolle Ehemänner und Väter, die die Ketten von Geheimnissen und der Selbstbezogenheit gesprengt haben.
Durch ihre Geschichte ergeben sich endlose Fragen: Was sind die Faktoren, die eine Person zu einer Entscheidung bringen, die das Leben nahestehender Menschen zerstört, während andere sich darum bemühen, etwas Inspirierendes zu schaffen? Woraus bestehen die Kräfte, die uns tatsächlich formen?
Die Geschichte jedes einzelnen Menschen ist einzigartig, aber man kann sich kaum eine Biografie mit so vielen ungewöhnlichen Elementen vorstellen wie bei diesen beiden Menschen: Erinnerung und Identität, Zwillingsbruderschaft und Loyalitätskonflikt, Wahrheit und Fiktion, niedriges soziales Milieu und High Society.
Das ist ihre Welt. Ich fühle mich privilegiert, weil ich eine Weile an dieser Welt teilhaben durfte.
Lesen Sie weiter. Sie werden erstaunt sein.
Joanna Hodgkin
London
März 2013
Als mein Leben zum ersten Mal seine Richtung änderte, war ich drei Wochen alt. Mein Vater und ich erlitten einen Verkehrsunfall: Einige Tage hingen wir beide an lebenserhaltenden Apparaten. Beim zweiten Mal war ich achtzehn, und ein weiterer Unfall änderte mein Leben radikal; noch heute begleiten mich die Nachwirkungen. Ich verlor meine ersten achtzehn Jahre, und sie sind bis heute nicht zurückgekehrt. Beim dritten Mal war es am dramatischsten, obwohl es diesmal nicht um einen Unfall ging. Mit zweiunddreißig entdeckte ich eine unglaubliche Intrige in meiner Familie. Ich musste neu anfangen. Diesmal war klar, dass der Genesungsprozess nicht geradlinig verlaufen würde.
Diese Geschichte hätte eine finstere werden können. Doch mein Zwillingsbruder Marcus hat dafür gesorgt, dass es nicht so kam. Als Babys waren wir kaum jemals voneinander getrennt, und als Kinder immer zusammen. Als Erwachsene arbeiteten wir gemeinsam und sind manchmal getrennte Wege gegangen, doch das Band zwischen uns hielt immer. Mit Marcus’ Hilfe und durch meine Frau Camilla, die mir während der ganzen Zeit ein Fels in der Brandung gewesen ist, habe ich die Schwierigkeiten überwunden.
Erst nach einem Interview über einen kleinen Teil meines Lebens bei Radio 4 wurde mir klar, warum ich diese Geschichte erzählen musste. Die Reaktionen auf dieses kurze Gespräch ließen mich begreifen, dass meine Geschichte das Leben sehr vieler Menschen ändern könnte, die zu lange geschwiegen haben. Dieses Buch ist ganz besonders denjenigen gewidmet, die darin eigene Erfahrungen wiedererkennen.
Alex Lewis
Marcus Lewis saß neben dem Metallbett in einer Ecke der Krankenhausstation. Vornübergebeugt lauerte er auf die winzigsten Anzeichen.
Sein Bruder lag jetzt seit über einer Woche so da. Ganz still, unerreichbar, mit geschlossenen Augen und flacher Atmung – seit der letzten Julinacht, als er als Beifahrer von einem Motorrad gefallen, auf dem Asphalt aufgeschlagen war und sich dabei den Schädel gebrochen hatte. In den frühen Morgenstunden des ersten August war er in die Bewusstlosigkeit abgeglitten. Das Gesicht, in das Marcus nun blickte, war sein eigenes. Es spiegelte ihm die eigenen Gesichtszüge wider: attraktiv, mit dunklem Haar und Augen, die früher oft fröhlich geblickt hatten, nun aber geschlossen waren. Abgehärmt und bleich lag er da. Er und Alex waren eineiige Zwillinge, immer zusammen, Spiegel der Gesten des jeweils anderen, seines Lachens und seiner Stimme. Selbst ihren engen Freunden fiel es schwer, sie auseinanderzuhalten. Marcus sprach mit Alex, wie er es die ganze Woche über getan hatte. Über ihr Zuhause, ihre Freunde und darüber, was er erlebt hatte, was die Leute sagten. Nichts wirklich Wichtiges. Es ging nur darum, die Kommunikationswege offenzuhalten.
Auf der Station war das Pflegepersonal mit der Alltagsroutine beschäftigt: Blutdruckmessung, Essensausgabe, Visite und Besuchszeiten. Quietschende Wagen und Trennwände, Fußtritte auf dem Linoleum, Geschirrklappern, Gemurmel. Seit dem Unfall war Marcus’ Leben auf die winzige Welt dieser Station reduziert, auf diesen Stuhl, diesen kleinen Teil des Fußbodens und den Platz am Bett seines Bruders.
Die Ärzte hatten ihr Bestes getan, um ihn und seine Mutter Jill auf das Schlimmste vorzubereiten. Sie hatten beiden versichert, Alex werde irgendwann zu sich kommen – doch was für ein Mensch würde er dann sein? War er dann immer noch Alex? Die Kopfverletzungen waren schlimm, und als Komplikation kam hinzu, dass er sich schon als Baby einmal den Schädel gebrochen hatte. Die Gefahr einer dauerhaften Hirnschädigung bestand; vielleicht würde Alex nur noch dahinvegetieren. Ihre Mutter verzweifelte immer mehr. Marcus hingegen verspürte eine Sicherheit, dass Alex hinter dieser Maske der Bewusstlosigkeit mehr oder weniger derselbe blieb. Das wusste er, weil die wortlose Kommunikation, die zwischen ihnen beiden als Zwillingen ablief, nie unterbrochen worden war. Er wusste es genauso, wie er am Morgen des ersten August beim Aufwachen gewusst hatte, dass Alex etwas Entsetzliches zugestoßen war.
Zwischen den beiden, die innerhalb von fünf Minuten nacheinander das Licht der Welt erblickt hatten und unzertrennlich waren, bestand eine Verbindung, die über Sprache hinausging.
Jeden Tag hatte Marcus lange am Bett seines Bruders gesessen. Endlose Stunden des Wartens und der Sorge waren vergangen. Und dann öffnete Alex die Augen, nach mehreren Tagen und ohne jede Vorwarnung. Er schaute seinem Zwillingsbruder direkt ins Gesicht. Und er sprach. Seine Stimme war schwach und heiser, weil er sie so lange nicht benutzt hatte. Die Worte jedoch waren klar und deutlich.
»Hallo Marcus«, sagte er.
Das hatte einen elektrisierenden Effekt auf seine Umgebung. Um ihn herum brach Tumult aus. Pflegekräfte und Ärzte hielten in ihrem Tun inne und versammelten sich um sein Bett. Die Mutter eilte aus dem Schwesternzimmer herbei, außer sich vor Freude. Alex war aus seinem Koma erwacht! Er konnte sprechen! Er erkannte Marcus, und er würde es schaffen!
Alex schaute seinem Bruder in die Augen und ließ seinen Blick nicht los. Er runzelte die Stirn. Der Lärm störte ihn.
Jill, die Mutter der Zwillinge, war alles andere als eine ruhige Frau, selbst unter normalen Umständen. Nun schallten ihre Freudenrufe darüber, dass ihr Sohn zu sich gekommen war, über die ganze Station. Doch ihre Freude verwandelte sich schon bald in große Sorge. Hier stimmte doch etwas nicht! Was ging da vor sich? Warum freute er sich denn nicht, sie zu sehen? Sie begriff gar nichts mehr. Ihr geliebter Sohn hatte seinen Zwillingsbruder sofort erkannt. Doch wer sie war, schien er nicht zu wissen.
Alle versammelten sich um das Bett. Alex wandte sich wieder an Marcus, aber in seiner Stimme schwang jetzt Angst mit: »Wer ist diese Frau?«
»Das ist unsere Mutter«, erwiderte Marcus.
Diese Information schien überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Was Alex betraf, handelte es sich bei der Frau mittleren Alters, die hier einen derartigen Lärm verursachte, um eine völlig Fremde. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Er konnte sich an nichts erinnern.
Noch heute, dreißig Jahre später, stellt dieser Moment des Erwachens aus dem Koma für Alex den Beginn seines bewussten Lebens dar. »Ich werde es nie vergessen. Meine früheste Erinnerung besteht aus dem Augenblick, als ich Marcus vor mir sah. Und dann war da diese Frau an meinem Bett. Eine sehr hochgewachsene, laute, ziemlich kräftige Frau mit dunklen Haaren, und sie rannte hysterisch im Zimmer herum.«
Jill wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihr Sohn nicht wusste, wer sie war. Sie schrie ihn an: »Hallo, Liebling! Hallo, hallo, HALLO!« Als dem medizinischen Personal bewusst wurde, wie sehr das den Patienten verunsicherte, bat man Jill, einen Moment den Raum zu verlassen. Sie weigerte sich und rief nur noch lauter. Sie hatte eine melodische Stimme, sprach mit dem Akzent der Upperclass; mit einer Stimme, die es gewohnt war, gehört zu werden. Und die sofortigen Gehorsam verlangte.
»Natürlich weiß er, wer ich bin! Er ist schließlich mein Sohn! Hallo, Liebling. Hallo!«
Schließlich gelang es den anderen, sie zu überzeugen, den Raum zu verlassen, und Alex glitt zurück in die Bewusstlosigkeit.
Das Muster hatte sich bereits manifestiert. Alex sollte sich nie wieder an seine Mutter erinnern, und sie würde niemals akzeptieren, dass er seinen Zwillingsbruder erkannte, sie selbst jedoch nicht.
Doch genau so war es. Damals im Krankenhaus hatte Alex die Augen geöffnet und war in eine Welt eingetreten, in der ihm alles und jeder – von Marcus abgesehen – fremd war. Nicht einmal seinen eigenen Namen kannte er. Die Verwirrung überflutete ihn geradezu, und Marcus war seine einzige Chance, wenn er nicht untergehen wollte. In allem war Alex von seinem Zwillingsbruder abhängig.
In diesem August 1982, als sie beide achtzehn Jahre alt waren, wurde Marcus zu Alex’ Gedächtnis. Alex formuliert es inzwischen folgendermaßen: »Ich habe mein Leben durch Marcus gelebt.« Und zwar von dem Augenblick an, in dem er das Bewusstsein wiedererlangte.
Marcus musste ihm alles erklären. Über sein Zuhause, seine Freunde, seine Angehörigen. Sein Leben. Seine Identität.
Nun, fast alles.
Es hat nie einen Moment gegeben, in dem Marcus bewusst entschied, wesentliche Details über ihre frühe Kindheit unerwähnt zu lassen. Er war zu sehr mit praktischen Dingen beschäftigt. Aber während er seinen Bruder durch die Tage führte, gab es Erinnerungen, die er niemals teilte. Unangenehme Wahrheiten, die er überging, Lücken, bei denen er zuließ, dass Alex sie mit »gewöhnlichen« Familiendetails füllte. Alex ahnte nie, dass ihre Familie alles andere als normal war.
Marcus handelte aus Liebe. Außerdem handelte er so, um sich selbst zu schützen. Damit tat er Alex ja womöglich einen Gefallen.
Alex machte seinem Zwillingsbruder durch seinen Gedächtnisverlust ein unerwartetes Geschenk. Er ermöglichte Marcus zwar nicht, sein eigenes Gedächtnis zu verlieren – dieser Luxus war ihm, Alex, vorbehalten. Doch Marcus konnte die Erinnerung begraben. Und das für Jahre.
Länger als ein Jahrzehnt sollte Alex seine Geschichte neu zusammensetzen. Dabei hätte er nie vermutet, dass es sich bei dem Bild, das dabei entstand, nur um die Hälfte der Wahrheit handelte. Die gute Hälfte.
Der Rest blieb dort, wo er nach Marcus’ Überzeugung am besten aufgehoben war. Im Verborgenen.
Man versucht es sich vorzustellen, doch es ist beinahe unmöglich. Wie wäre es, wenn man an die ersten achtzehn Jahre seines Lebens überhaupt keine Erinnerungen mehr hätte?
Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie hätten keine Erinnerung an das Haus oder die Wohnung, wo Sie aufgewachsen sind. Keine Erinnerung an das Spielen im Park oder im Garten. Keine Erinnerung an Ihr erstes Dreirad, an den Sturz vom Fahrrad, an Abendessen vor dem Fernseher oder am Tisch mit der Familie.
Keine Erinnerung an die Schule, an Freunde oder Lehrer, Lieblingsfächer, Mahlzeiten in der Kantine oder an den Wechsel der Jahreszeiten. An den Geruch in den Umkleidekabinen und an Sport an kalten Nachmittagen. An Spielplätze und Korridore, Langeweile und hin und wieder aufregende Ereignisse. An den ersten Ferientag.
Keine Erinnerung an besondere Vergnügen oder Reisen, an Zoobesuche oder an die Minuten ganz kurz vor der Bescherung an Weihnachten. Keine Erinnerung an Lieblingsspielzeuge oder Comichefte. Keine Erinnerung an die Fernsehserien, die sich alle in Ihrem Alter angesehen haben, an die Gags, die auch nach Jahren immer wieder zitiert werden. Die Popsongs, mit denen Ihre Generation aufwuchs, die Filme, die Sie alle prägten.
Keine Erinnerung an die Geburt Ihrer Geschwister, an die Freunde, die zu Ihnen nach Hause kamen, Ihre Paten, die Haustiere der Familie, an Nachbarn und verschrobene Dorfbewohner.
Keine Erinnerung an die erste Verliebtheit oder das erste Date.
Keine Erinnerung an Geburtstage.
Keine Erinnerung an Spiele oder Witze.
Keine Erinnerung an Fahrstunden.
Keine Erinnerung.
Stellen Sie sich das nur einmal vor. Es war nicht nur Alex’ Gedächtnis, das durch die Kopfverletzung ausgelöscht worden war – es war sein ganzer Wissensschatz über die eigene Identität. Tausend kleine Farbtupfer tragen zu dem Selbstporträt bei, das wir alle während unseres gesamten Lebens mit uns tragen, zu einem Selbstporträt, das sich mit jedem Erfolg oder Misserfolg, jeder neuen Freundschaft oder Entwicklung, mit jedem Verlust verändert. Oder einfach nur dadurch, dass die Zeit vergeht. Vielleicht ist es nicht präzise – ganz präzise ist es nie –, aber ihm kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Es vermittelt uns, wer wir sind.
Teilweise geht es darum, wie wir uns selbst in den Ansichten anderer gespiegelt sehen: »Ich habe dich vermisst.« »Das ist mal wieder typisch für dich …« »Du willst immer alles bestimmen!« »Ich mag dich, weil …« Teilweise geht es auch darum, wie wir uns selbst anderen gegenüber darstellen: »Ich bin immer so ungeschickt!« »War ja klar, dass man mich wieder übergeht.« »Die Leute denken, ich bin hart im Nehmen, aber ich bin empfindlicher, als alle glauben.« Am wichtigsten sind vielleicht all die Geheimnisse, die wir niemandem anvertrauen, nicht einmal unseren engsten Freunden. Diese verborgenen Gedanken, die Erinnerungen, die uns mit Scham erfüllen, die Tagträume ohne jede Grundlage, die wir häufig nicht einmal uns selbst eingestehen können.
All diese Orientierungspunkte, all die beschreibenden Stimmen, waren verschwunden. Im Alter von achtzehn Jahren wurde Alex in eine stumme und leere innere Welt hineingeboren, eine Landschaft ohne Markierungspunkte, und er musste ganz von vorn anfangen. Welche Charaktereigenschaften hatte er? War er genau wie sein Zwillingsbruder Marcus, oder gab es Unterschiede zwischen ihnen, und wenn ja, welche?
In den nun folgenden Wochen, Monaten und Jahren musste Alex nicht nur die Erzählung seines Lebens aus einzelnen Teilen zusammensetzen. Er musste die Bedeutung seiner selbst erfassen, ein Porträt erschaffen, das einfing, was es hieß, Alex Lewis zu sein.
Vor Alex’ soeben neu geöffneten Augen entfaltete sich ein unendlich verwirrendes Szenario. Monatelang lebte er in einer Art Gedankennebel. Nichts von dem, was er sah oder berührte, war ihm vertraut. Es war wie bei einem Kleinkind. Das Pflegepersonal musste ihm das Laufen wieder beibringen. Das Treppensteigen, das Anziehen und wie man die Toilette benutzt. Am Anfang war sogar seine Sprache eingeschränkt. Ihm standen nur die Wörter zur Verfügung, die ein Kind kennt.
Die Krankenstation war seine Welt. Nach und nach kannte er alle Ärzte und Pflegekräfte. Doch nur zu bald entschied das medizinische Team, er sei bereit für die Entlassung. Man ging davon aus, er werde sich darüber freuen – schließlich wollte doch jeder zurück zu seinen Angehörigen. Für Alex war dies allerdings eine besorgniserregende Aussicht. Nach Hause? Er hatte keine Ahnung, wovon sie überhaupt sprachen.
Die Dame, vor der er solche Angst hatte und die immer wieder darauf bestand, sie wäre »Mummy«, kam und holte ihn im Auto ab. Er machte sich auf dem Beifahrersitz ganz klein und fragte sich, wohin es wohl ging. Sein Arm war immer noch im Gips, und im Kopf hatte er ein komisches Gefühl. Bald ließen sie die Stadt hinter sich und fuhren über spätsommerliche Landstraßen zu einem malerischen Dorf in Sussex. Der Wagen hielt vor einem langen, niedrigen, alt wirkenden Haus, umgeben von einem großen Garten.
»Da sind wir, zu Hause!«, rief die Dame.
Duke’s Cottage.
Zu Hause?
Unter Schmerzen stieg Alex aus dem Auto, trippelte unsicher über den Kies und bewegte sich auf die Haustür zu. Er fand sich in einem großen Flur mit einem langen Tisch auf einer Seite wieder. Das Haus war dunkel, hatte niedrige Decken und sehr viele Zimmer mit finsteren Ecken. Überall stand oder lag etwas herum. Wohin man auch schaute, waren antike Möbelstücke und jede Menge Kram. Man sagte Alex, das liege daran, dass Jill mit Antiquitäten handelte und jeden Samstag einen Stand auf dem Portobello Market betreute. All diese Begriffe sagten Alex gar nichts, obwohl er Jill angeblich viele Male als Helfer begleitet hatte.
Ein hochgewachsener älterer Mann kam aus einem der Räume und begrüßte ihn mit förmlichen Worten. Alex erfuhr, dass es sich bei diesem ehrfurchtgebietenden Gentleman um seinen »Daddy« handelte. Sein Vater schüttelte Alex die Hand und zog sich dann in seinen düsteren, holzgetäfelten Raum zurück. Er wirkte distanziert und ein wenig furchteinflößend, doch Alex wusste es nicht besser und ging davon aus, alle Väter wären so.
Zu den Kindern ließ sich leichter eine Verbindung herstellen: zu seiner Schwester Amanda, acht Jahre alt, hochgewachsen und blond, und zu dem kleinen Oliver, dem erst sechsjährigen Nesthäkchen der Familie. Mit der Anpassungsfähigkeit aller Kinder akzeptierten sie, dass sich ihr großer Bruder verändert hatte, und sie wirkten weniger bedrohlich auf ihn.
Alle hier erkannten Alex wieder, doch für ihn waren sie alle Fremde. Außer Marcus. Die Leute gingen davon aus, er werde sein Gedächtnis allmählich zurückerlangen, doch das geschah nie. Nicht einmal annähernd.
Es ist schwer vorstellbar, dass Alex es ohne Marcus geschafft hätte. Lange Zeit drehte sich sein gesamtes Leben um das Überleben. Darum, irgendwie durch den Tag zu kommen. Mit einfachen Aufgaben fertigzuwerden. Bis heute sind seine Erinnerungen an diese ersten Monate nach dem Unfall undeutlich. Alles war verschwommen, und Marcus stellte den einzigen festen Punkt im Chaos dar.
»Ich habe ihm alles erzählt, was er wissen musste«, sagt Marcus. »Über seine Freundinnen, wo er gearbeitet hat, wer unsere Freunde waren, wo wir wohnten, wo unser Schlafzimmer war. Alles. Das ist das Haus. Das ist die Küche. Das ist das Badezimmer. Das ist Oliver. Das ist Amanda. Alles, von dem Tag seiner Entlassung an. Und ich musste es ständig wiederholen.«
Die Zwillinge hatten immer alles zusammen gemacht. Nachbarn erinnern sich daran, dass man sie als Kinder nie einzeln sah; immer war der andere in der Nähe. Das ging so weit, dass ihre Namen zu einem einzigen Wort verschmolzen: AliunMarky, MarcusundAli. Sie waren immer ein Team gewesen, deswegen fiel zunächst gar nicht so sehr auf, dass Alex nun völlig von seinem Zwillingsbruder abhängig war. Nur er selbst hatte sich verändert.
Er war viel dünner und wirkte zerbrechlicher. Bei dem Sturz vom Motorrad hatte er sich mehrfach das Handgelenk gebrochen, und er musste über Monate einen Gips tragen. Die ganze Zeit war er verwirrt und erregt, und mit mehr als einer oder zwei Personen gleichzeitig konnte er nicht umgehen. Fragen wühlten ihn auf, und jede Form des Herumalberns, jede laute Stimme erlebte er als riesige Belastung. Er weinte häufig, bei geringen Anlässen und ganz spontan, wie ein kleines Kind, und die Tränen, die ihn zuerst völlig überwältigten, versiegten dann so rasch, wie sie gekommen waren. Manchmal schien er überhaupt nicht zu wissen, was um ihn herum vor sich ging, und gab unartikulierte Laute des Unwohlseins von sich. Wenn die Anspannung zu groß wurde, verlor er einfach das Bewusstsein und klappte zusammen.
Im Duke’s Cottage fühlte er sich oft ängstlich. Zum einen sagte seine Mutter immer wieder, natürlich wisse er, wer sie sei. Jill war eine extravertierte Frau, die wallende Röcke und auffällige Kleidungsstücke aus Secondhandläden trug. Sie hatte eine ganz eigene, laute Art, jede Situation zu beherrschen und Widerstand einfach nicht gelten zu lassen. Im Augenblick war Alex’ sogenannte Amnesie das Thema, das Jill am meisten beschäftigte, und sie weigerte sich, es ruhen zu lassen. »Gut«, sagte sie immer wieder. »Du hast also alles vergessen. Aber an Marcus erinnerst du dich. Und an mich!« Hartnäckig versuchte sie, ihm das einzureden. Sie war seine Mutter. Also musste er sie kennen. Er tat einfach nur so, als wäre das nicht der Fall. Damit musste er aufhören und zugeben, dass er sie erkannte.
Aber Alex konnte sich nicht an sie erinnern und war auch nicht in der Lage, es vorzutäuschen. Jill jedoch gab nicht auf; sie war davon überzeugt, wenn sie nur genug auf ihn einredete, würde er ihr irgendwann zustimmen.
Und etwas anderes war noch schlimmer: Jill spielte herunter, wie ernst seine Verletzungen waren. Sie stellte es so dar, als hätte er sich einfach ordentlich den Kopf gestoßen und wäre deswegen ein bisschen verwirrt. »Ach, Alex ist bloß ein bisschen still zurzeit«, sagte sie zu Freunden, wenn diese meinten, ihr Sohn sehe aber schlecht aus. »Es geht ihm aber eigentlich gut.«
Alex ging es alles andere als »eigentlich gut«. Der Gedächtnisverlust war schlimm genug, und dazu kam noch, dass Alex – ohne es zu wissen – versuchte, seine Geschichte in einer Umgebung zu rekonstruieren, in der sich Tatsachen und Erfundenes nicht voneinander unterscheiden ließen. Die Realität bestand aus dem, was Jill zur Realität erklärte – Tatsachen waren in diesem Zusammenhang völlig unerheblich. Später sollte sein jüngerer Bruder Oliver diese Schwierigkeit kommentieren, indem er sagte: »Wir sind in einem Haus der Unwahrheiten aufgewachsen.«
Alex kämpfte mit dem Versuch, das Tatsachengeflecht zu entwirren, doch im Duke’s Cottage war das eine gefährliche Angelegenheit. Natürlich beharrte Jill darauf, ihre Kinder seien glücklich und mit Alex sei alles in Ordnung. Dass sich das Gegenteil nur zu deutlich zeigte, ignorierte sie einfach.
Außer dieser Haltung kannte Marcus nichts anderes, und er war noch nicht an den Punkt gekommen, sie zu hinterfragen. Er wusste ganz genau, dass es sich bei Alex’ Gedächtnisverlust um eine Realität handelte, schließlich verbrachte er viel Zeit damit, die Lücken für seinen Zwillingsbruder zu füllen, und das jahrelang. Doch er fügte sich rasch der offiziellen Version der Ereignisse, orientierte sich an Jill und erwähnte bald weder den Unfall noch die Tatsache, dass Alex sein Gedächtnis verloren hatte. Heute sagt Marcus: »Als das erste Trauma vorüber war, haben wir mehr oder weniger unser altes Leben wieder aufgenommen und aus dem Ganzen nicht so ein Drama gemacht. Wir haben sofort bestimmte Mechanismen eingesetzt, um mit der Situation umzugehen. Einfach weitermachen, Freunde treffen, ausgehen …« So war es immer gewesen. In ihrer Familie musste man lügen können, um zu überleben.
Und weil Alex laut der offiziellen Version sein Gedächtnis niemals verloren hatte, gab es auch keine weitere Behandlung. Soweit sich die beiden erinnern, wurde Alex nie von neurologischen Spezialisten untersucht, und er hat auch nie irgendeine Form von professioneller Hilfe erhalten. Er musste einfach mit der Situation zurechtkommen, so gut es eben ging. Inzwischen haben Alex und Marcus selbst Kinder und sind fassungslos, wenn sie sich vor Augen führen, dass man sich damals überhaupt nicht um die Bedürfnisse des Kranken gekümmert hat. Warum in aller Welt setzte ihre Mutter nicht Himmel und Hölle in Bewegung, um Alex die professionelle Hilfe zu besorgen, die er so dringend brauchte? Das hätte jeder normale Elternteil getan.
Doch damals akzeptierten sie es einfach, wie so vieles in ihrem Leben. Weil es keine Möglichkeit für sie gab, irgendwelche Vergleiche zu ziehen, nahmen sie an, jede andere Familie wäre auch auf diese Weise mit der Krise umgegangen.
Kurz nach Alex’ Entlassung aus dem Krankenhaus tauchte eine Frau namens Pam Taylor im Duke’s Cottage auf. Alex hatte natürlich keine Ahnung, wer sie war, doch sie wirkte kompetent und freundlich. Sie teilte ihm mit, er habe vor dem Unfall in ihrem Hotel gearbeitet. Rasch erfasste sie die Situation und kündigte an, sie werde Alex mit in ihr Hotel nehmen, wo man sich anständig um ihn würde kümmern können. Später fand Alex heraus, dass Pam noch nie eine besonders hohe Meinung von Jills mütterlichen Qualitäten gehabt hatte. Pam erkannte sofort, dass Alex zu Hause nicht die benötigte Hilfe erhalten würde. Hilfe, von der sie wusste, sie würde sie ihm geben können.
Jill leistete keinen Widerstand, also lud Pam den völlig verblüfften jungen Mann ins Auto und nahm ihn mit ins Bramley Grange Hotel. Das war verwirrend und beängstigend für Alex, aber schließlich traf das in dieser Zeit auf alles zu, und wie gewöhnlich tat er einfach, was man ihm sagte. Marcus hatte ihn ermutigt, mit Pam zu fahren, weil er wusste, dass die Taylors vertrauenswürdige, aufmerksame Menschen waren. Vielleicht gab es auch tief in Alex’ Innerem eine Stimme, die ihm sagte, er könne den Taylors vertrauen.
Wie sich herausstellen sollte, war das eine gute Entscheidung. Das Bramley Grange Hotel war ein großer, weitläufiger Komplex südlich von Guildford. Als der Unfall passierte, hatte Alex etwa ein halbes Jahr dort gearbeitet. Zuerst in der Küche, doch als Pam und ihr Mann Ken herausfanden, dass er gut mit Menschen umgehen konnte, hatten sie ihn stattdessen an der Rezeption und im Restaurant eingesetzt.
Dass Pam und Ken Taylor glaubten, Alex einen sicheren Hafen bieten zu können, hatte einen guten Grund: Sie waren ins Hotelgewerbe eingestiegen, um eine sichere Umgebung für ihre Tochter zu schaffen. Gail war drei Monate zu früh zur Welt gekommen, mit einem Geburtsgewicht von unter einem Kilo. In ihrem Geburtsjahr, 1951, rechnete man in solchen Fällen nicht mit einem Überleben. Doch sie überlebte. Die Ärzte erklärten, sie habe einen Hirnschaden und ihre Eltern sollten sie abschreiben. Dazu waren sie aber nicht bereit. Als Gail ein Jahr alt war, stellte sich heraus, dass die großen Mengen Sauerstoff, die sie im Brutkasten bekommen hatte, ihr Augenlicht zerstört hatten. Die Spezialisten waren sich einig: Gail sei »zu nichts zu gebrauchen – blind, Epileptikerin, Spastikerin und eine Idiotin«. Ihre Eltern jedoch weigerten sich, Gail aufzugeben.
Mit neun Jahren konnte das Mädchen noch immer nicht sprechen und begann bei der kleinsten Aufregung, laut zu schreien. Aber Pam wusste, dass ihre Tochter verstand, was man zu ihr sagte, und irgendwann trieb sie einen Logopäden auf, der bereit war, ihre Tochter zu behandeln. Gail lernte sprechen, und von diesem Augenblick an machte sie ganz außerordentliche Fortschritte. Wie sich herausstellte, war »die Idiotin« mit einem ausgezeichneten Gedächtnis und außergewöhnlicher Musikalität gesegnet. Sie lernte Fremdsprachen, fand als Amateurfunkerin Freunde in aller Welt und beeindruckte jeden, der ihr begegnete. Gleichzeitig war deutlich, dass sie für den Rest ihres Lebens bei bestimmten Dingen Unterstützung brauchen würde.
Die Taylors waren ins Hotelbusiness eingestiegen, um immer in einer Umgebung zu leben und zu arbeiten, in der sie ihre Tochter bei sich haben und versorgen konnten.1
Alex und Gail waren schon vor dem Unfall gut miteinander ausgekommen. Jetzt, da sie beide so sehr von anderen abhängig waren, wenn auch auf ganz verschiedene Weise, vertiefte sich ihre Freundschaft. Obwohl sich Alex weder an Gail noch an das Hotel erinnern konnte, fühlte er sich dort viel sicherer als im Duke’s Cottage. Im Hotel herrschte eine sichere, heitere Atmosphäre, die es »zu Hause« nie gegeben hatte. Alex verbrachte die meiste Zeit mit Gail. Alle Angehörigen des Personals schienen ihn zu kennen; sie akzeptierten seine Behinderung und begegneten ihm freundlich.
Gail und ihre Eltern würden sein ganzes Leben lang Freunde für Alex bleiben. In der Zeit, die gerade beschrieben wird, akzeptierte er einfach alles als Teil des Chaos, das er durchlebte. Doch die außergewöhnliche Großzügigkeit der Familie Taylor war Teil eines Musters, das existierte, seit die Zwillinge klein waren. Niemand begriff jemals ganz, in welch ungesunder Familienumgebung sie lebten. Gleichzeitig merkten viele Menschen, dass die Bedürfnisse der beiden Jungen zu Hause nicht erfüllt wurden. Lange Zeit hatten Freunde Aufgaben übernommen, um bestimmte Lücken zu füllen, genau wie Pamela und Ken Taylor das nun taten.
Das lag nicht nur daran, dass die Zwillinge Hilfe brauchten. Als Kinder hatten Alex und Marcus einen ganz besonderen Charme besessen, manche Erwachsenen sprachen sogar von Charisma. Natürlich ist ein eineiiges Zwillingspaar immer etwas ganz Besonderes, doch da gab es noch mehr. Die Jungen waren witzig und zeigten den Menschen ihre Zuneigung; es machte Spaß, Zeit mit ihnen zu verbringen. Beide verfügten über eine ansprechende Art der Unschuld, eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit zum Vertrauen in andere. Man konnte sie einfach nicht ignorieren. Sie waren auf verrückte Weise witzig und unterhaltsam und wussten, wie man einen Weg in die Herzen anderer fand. Die Leute liebten sie einfach.
Und das entschied alles.
Für Alex war die Zeit gewissermaßen elastisch. Einige Wochen später – oder waren es Monate? – kehrte er ins Duke’s Cottage zurück. Jetzt konnte er besser auf sich selbst aufpassen und begann, seine Welt zu erfassen. »Mummy« befand sich im Zentrum dieser Welt. Die fünfzigjährige Jill war eine auffällige Frau, einen Meter achtzig groß und mit langem dunklen Haar, das langsam ergraute. Sie gab sich dramatisch, stand immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, hatte einen großen Freundeskreis und die Gabe, jede Zusammenkunft in eine spontane Party zu verwandeln. Wenn Leute sich an sie erinnern, fällt immer wieder der Begriff »unterhaltsam«. Jill Dudley war unterhaltsam. Laut und überbordend und einfach unmöglich.
Sie schien überhaupt keine Hemmungen zu haben und sprach häufig und laut über ihr Lieblingsthema: Sex. Ganz selbstverständlich ging sie davon aus, dass alle anderen ihre Besessenheit teilten. Die Freunde ihrer Kinder, besonders die jungen Männer, fanden das ganz großartig. So einfach und unkompliziert und unbürgerlich. Manchmal war den Zwillingen das peinlich, vor allem, wenn ihre Mutter zu viel getrunken hatte und anfing, von ihren »kleinen Pimmeln« zu reden. Doch Jill konnte nichts aufhalten. Es war am einfachsten, man lachte mit.
Außerdem kannte Jill sich mit dem Leben in der High Society aus. Sie war im Jahr 1949 in diese eingeführt worden und unglaublich stolz darauf, mit Clement Attlee verwandt zu sein, dem britischen Premierminister direkt nach dem Krieg. Sie sei seine Nichte, erzählte sie den Leuten immer gern. In Wirklichkeit war sie nur eine entfernte Cousine. Als überzeugte Konservative blendete sie die unangenehme Wahrheit aus, dass Attlee sein ganzes Leben lang Sozialist und eine Ikone der Labour Party gewesen war. Seine wesentliche Beteiligung am Entstehen des englischen Sozialstaates stellte ein unbequemes Detail dar, das sie nur zu gern überging. Ein berühmter Verwandter war trotzdem nützlich, und Jill hatte sich noch nie von langweiligen Tatsachen davon abhalten lassen, eine gute Geschichte zu erzählen.
Ihre engste Freundin war inzwischen eine Komtess. Cynthia, die in der Regenbogenpresse zuweilen als »Big Cyn« bezeichnet wurde, hatte einige Vernunftehen hinter sich, bevor sie ihren derzeitigen Ehemann fand. Nach dem Tod seines Vaters sollten sie Graf und Gräfin werden. Jill und Cynthia organisierten zusammen Partys in Cynthias Londoner Apartment, wo Alex und Marcus schon als kleine Jungen Drinks und Kanapees hatten servieren müssen. In gewisser Hinsicht ein nützliches Training: Beide fanden sich in fast jeder gesellschaftlichen Situation gut zurecht, auch wenn Alex nach seinem Unfall eine ganze Weile brauchte, um in diese Sicherheit zurückzufinden.
Ihre Mutter gab sich gern vornehm, und sie lebten in einem riesigen elisabethanischen Haus mit einem ebenso riesigen Garten. Gleichzeitig schien immer Geldmangel zu herrschen. Jill kaufte ihre sämtlichen Kleidungsstücke sowie die ihrer Kinder in Secondhandläden. Weil sie mit ihrer Schuhgröße von über vierundvierzig nie passende Schuhe für sich finden konnte, trug sie bei jedem Wetter Sandalen, aus denen Zehen und Fersen hervorragten. In ihrer Handtasche trug sie immer Bargeld mit sich herum, das sie brauchte, um Antiquitäten zu erwerben. Die Zwillinge erhielten nie auch nur ein Taschengeld, und das trotz der vielen Aufgaben, die sie im Haus erledigten. Jill war nicht die Sorte Mutter, die man jemals um etwas gebeten hätte.
»Daddy« war eine nicht weniger dominante Persönlichkeit. Bei Alex’ Unfall war Jack Dudley Mitte siebzig. Direkt nach Alex’ Entlassung wirkte er distanziert. Er hatte als selbstständiger Buchhalter gearbeitet, und obwohl er sich offiziell im Ruhestand befand, betreute er noch immer zwei oder drei Klienten, in den meisten Fällen Verwandte. Er hatte im Erdgeschoss sein eigenes Arbeitszimmer, und daneben befand sich das Wohnzimmer, in dem Kinder nicht geduldet wurden. Ein separates Treppenhaus führte zu seinem Schlafzimmer, das über ein gemeinsames Bad mit dem seiner Frau verbunden war. Ihre Mahlzeiten nahmen die Eltern getrennt von den Kindern ein. Aus diesem Grund begegnete Alex seinem Vater in der ersten Zeit nicht oft.
Als Kinder teilten sich die Zwillinge ein kleines Schlafzimmer im Erdgeschoss hinter der Küche, in dem es immer kalt war. Für die meiste Zeit ihres Teenageralters mussten sie in einen Schuppen umziehen, ihre Mutter nannte ihn hartnäckig »Anbau«, aber er hatte dünne Wände und war nicht heizbar, und es gab weder Strom noch fließend Wasser. Der Begriff »spartanisch« beschreibt das Ganze am besten.
Was die Vornehmheit betrifft, stand Jack seiner Frau in nichts nach. Das ging sogar so weit, dass ihn seine engsten Freunde »Lord Dudley« nannten. Ganz offensichtlich genoss Jack das. Im Laufe der Wochen, als das Leben im Duke’s Cottage in seine gewohnten Bahnen zurückkehrte, entdeckte Alex eine weitere Facette der Persönlichkeit seines Vaters: Er war ein Tyrann. Als Alex aus dem Krankenhaus kam, hatte man Jack angewiesen, ihn nicht anzuschreien, weil es ihn so sehr verstörte, wenn jemand seine Stimme erhob. Doch Jack verfiel bald wieder in seine alten Gewohnheiten. All seine Kinder fürchteten seine Wutausbrüche, auch wenn er nie körperlich gewalttätig wurde. Das brauchte er gar nicht. Die Wut des Jack Dudley war auch so beängstigend genug.
Und nicht nur seine Familie fürchtete ihn. Sogar seine Freunde wussten, dass er böse Scherze auf Kosten anderer machen konnte. Jill inszenierte die Angst vor ihrem Ehemann und schob ihm auf diese Weise die Verantwortung für alles Negative zu: So war es Jacks Schuld, dass die Zwillingsbrüder nie eigene Hausschlüssel besaßen. Ständig hieß es: »Mach bloß Daddy nicht wütend!«
Irgendwann entdeckte Alex einen weiteren Aspekt seiner Familiengeschichte: Jack Dudley, den er und Marcus immer »Daddy« genannt hatten, war in Wirklichkeit überhaupt nicht ihr Vater, sondern ihr Stiefvater, und ihre Mutter seine vierte Ehefrau. Der leibliche Vater der Zwillingsbrüder, ein Mann namens John Lewis, war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als die Zwillinge drei Wochen alt gewesen waren. Es hieß, der tödliche Unfall habe sich ereignet, als John Alex aus dem Krankenhaus abholen wollte. Marcus, der damals unter irgendeiner Infektion litt, war nicht gesund genug für eine Entlassung gewesen und deshalb im sicheren Krankenhaus geblieben. Alex jedoch war aus dem Auto geschleudert worden. Über ihren leiblichen Vater, der eine Woche nach dem Unfall im Krankenhaus verstorben war, wussten die beiden Jungen fast nichts. Es gab nur ein einziges Foto, das einen freundlichen, sanftmütig wirkenden Mann zeigte, ganz anders als der aggressive Jack. Jill sprach nie über ihren leiblichen Vater. Und sie fragten auch nie nach ihm.
Allmählich fand Alex heraus, dass es in seiner Familie genauso viele dunkle Winkel gab wie in dem weitläufigen alten Haus, in dem er aufgewachsen war. Es gab eine Großmutter, Jills Mutter, die in einem riesigen Haus am Rande von Newbury wohnte. Rosalind und Jill hatten ein sehr enges Verhältnis, obwohl die alte Dame eine kühle, exzentrische Frau war, die außer ihren Hunden keine wirkliche Leidenschaft im Leben hatte. Sie züchtete Chihuahuas, und ihr Haus war voll von kleinen, überspannten und lauten Hunden – manchmal waren es bis zu sechzig Tiere. Die zeigte sie auf Ausstellungen und betreute sie mit absoluter Hingabe, kleidete sie an wie Puppen und überschüttete sie mit Zuneigung. Während die meisten Hunde in einem bestimmten Teil des Hauses bleiben sollten, hatte sie immer ein paar besondere Lieblinge, die überallhin durften, sodass sich Chaos und Gestank im ganzen Haus verbreiteten.
Der Onkel der Zwillinge stellte ein noch größeres Mysterium dar. William war drei Jahre älter als Jill, doch ein bitteres Zerwürfnis trennte die beiden. Jill und ihre Mutter hatten ihn vor Jahren aus der Familie verstoßen. Williams alljährlicher Versuch, an Jills Geburtstag mit seiner Schwester Kontakt aufzunehmen, überschattete diesen Tag. Manchmal erschien er im Duke’s Cottage, durfte das Haus jedoch nie betreten. Auch seine fünf Söhne hatte man verstoßen, und Marcus und Alex war der Kontakt zu ihnen untersagt.
Einmal, als die Zwillinge Anfang zwanzig waren und zufällig gerade das Wochenende zu Hause verbrachten, erwähnte Jill ganz nebenbei, einer ihrer Cousins sei gerade an einem Hirntumor verstorben.
»Was ist denn passiert? Wann ist die Beerdigung?«
Jill weigerte sich, ihnen zu antworten. Die Anteilnahme der beiden erfüllte sie zuerst mit Überraschung, dann mit Wut. Und weil die Brüder keine Möglichkeit hatten, ihren Onkel oder die anderen Cousins zu kontaktieren, gab es nichts, was sie hätten tun können. Für diesen Hass wurde nie ein Grund genannt, auch wenn das Gerücht ging, William trage in irgendeiner Form die Verantwortung für den Tod ihres leiblichen Vaters.
Aber wie konnte das sein? John Lewis war doch bei einem Autounfall ums Leben gekommen! William hatte sich nicht einmal in der Nähe aufgehalten. Wie konnte er also die Schuld tragen?
Fragt einfach nicht danach.
Marcus und Alex begriffen instinktiv, dass man keine Fragen stellen durfte. Und Marcus besaß ein Talent dafür, die Familiengeschichten amüsant wiederzugeben. Zum Beispiel erzählte er Alex von einem ganz bestimmten Tag, als sie etwa dreizehn Jahre alt gewesen waren. Es hatte an der Tür geklingelt, und er war hingegangen. Draußen stand eine junge Frau mit einem Mischlingskind im Arm und stellte sich mit den Worten »Hallo. Ich bin eure Schwester« vor.
Der verblüffte Marcus hatte geglaubt, es wäre ein Scherz. Er ging ins Haus und sagte zu seinen Eltern: »Da draußen steht eine Frau, die behauptet, sie wäre meine Schwester.«
»Ach ja«, erwiderte Jack seelenruhig. »Das ist dann wohl Molly.«
Wie sich herausstellte, war Molly die Tochter einer Frau, in die Jack sich direkt nach dem Krieg verliebt hatte. Ihre Mutter war verstorben, als Molly klein war, und danach hatte sich ihre Großmutter mütterlicherseits um sie gekümmert. Molly war in einem Kloster aufgewachsen, schließlich selbst Nonne geworden und hatte in einer Mission in Afrika gearbeitet. Nach einigen Jahren hatte sie sich dort in einen Mann verliebt. Ihr kleiner Sohn war das Ergebnis dieser Beziehung.
Jack war so altmodisch, dass er einen nicht weißen Enkelsohn als Makel empfand, schob seine Empörung aber auf die Tatsache, dass sein Enkel – wie auch seine Tochter – unehelich geboren war. Darum sah man Molly nicht oft. Bevor sie wieder verschwand, vertraute sie Alex und Marcus an, dass ihr Vater sie nur zweimal im Jahr besucht hatte, als sie als Kind im Kloster lebte. Dann nahm er sie immer mit zum Tee ins Savoy. Sie meinte, an diesen Nachmittagen habe er mehr für sie ausgegeben als während des gesamten restlichen Jahres.
Molly verschwand also wieder, und jahrelang hörten sie nichts mehr von ihr.
Leute kamen und gingen völlig willkürlich. Alex hatte Schwierigkeiten, das Ganze zu einem Bild zusammenzufügen.
Am Weihnachtstag des Jahres 1982, fünf Monate nach dem Unfall, warf sich Alex in Abendgarderobe samt schwarzem Schlips. Die ganze Familie versammelte sich festlich gekleidet im Vorraum ihres Hauses. Im Auto legten sie die kurze Strecke zu einem schönen alten Haus zurück, das engen Freunden gehörte. Ian und Laura Hudson begrüßten Alex herzlich, und Marcus schien sich bei ihnen ganz zu Hause zu fühlen.
Das Essen war eine förmliche Angelegenheit mit etwa zwanzig Personen. Alle Männer und Jungen trugen schwarze Krawatten, die Damen Samt und Seide. Der Alkohol floss in Strömen. Nach dem Lunch wurde traditionsgemäß ein Pantomime-Spiel gemacht, und alle hatten großen Spaß. Die Besucher aus dem Duke’s Cottage blieben dabei Zuschauer; sie lachten zwar schallend über die Versuche der anderen, Wörter mit Händen und Füßen darzustellen, beteiligten sich jedoch nie. Keiner von ihnen hatte Spaß am Theaterspielen. Wie viele Menschen, die in einer Familie aufwachsen, in der Täuschungen zum täglichen Überlebensmodus gehören, erschien ihnen die Schauspielerei zur reinen Unterhaltung als Ding der Unmöglichkeit.
Am Abend kehrte man ins Duke’s Cottage zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss hatte die Dudleys noch nie davon abgehalten, sich ans Steuer zu setzen, auch wenn Jack vor einiger Zeit wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt worden war und man ihm für ein Jahr den Führerschein entzogen hatte. Alex und Marcus blieben noch und spielten mit den Kindern von Ian und Laura Billard, schließlich übernachteten sie bei den Freunden. Das war seit Jahren eine Familientradition.
Marcus erklärte Alex, dass Ian und Laura eine besondere Rolle in ihrem Leben spielten, seit sie nach Jills zweiter Heirat nach Sussex gezogen waren. Die Zwillinge hatten beinahe jedes Wochenende bei den Hudsons verbracht und bei ihnen ein sicheres zweites Zuhause gefunden. Alex entdeckte bald, dass er sich statt an seine Eltern besser an Ian und Laura wandte, wenn er einen Rat oder gar konkrete Hilfe benötigte.
Und da gab es nicht nur die Familie Hudson. Einer von Jacks ältesten Freunden, Jack Brockway, und seine zweite Frau Deirdre boten den beiden Jungen ebenfalls Zuflucht. Deirdre war eine großzügige und pragmatische Australierin; selbst hatte sie keine Kinder, bereitete jedoch Alex und Marcus nur zu gern angenehme Überraschungen. Früher war sie oft mit den beiden zur Juni-Militärparade gefahren und an ihren Geburtstagen in eine große Londoner Spielzeughandlung.
Nach und nach lernte Alex alle wichtigen Personen ihrer Welt kennen, doch dieser Prozess sollte Jahre in Anspruch nehmen. Nicht die kleinste Erinnerung aus seinen ersten achtzehn Lebensjahren kehrte zurück, und Marcus musste diese Lücken ständig füllen. Schon unzählige Male hatten sie sich in einem Hauseingang kurz verständigt, bevor sie auf die Klingel drückten.
»Wen besuchen wir jetzt noch mal?«, fragte Alex dann, und Marcus lieferte ihm schnell eine kurze Zusammenfassung: Name der Person, Alter, woher man sich kannte. Wenn sich die Tür öffnete, war Alex dann in der Lage, die Gastgeber wie alte Freunde zu begrüßen. (Und das waren sie natürlich auch.)
Mit der Zeit lernte er, seinen Gedächtnisverlust zu verbergen. »Ach ja, jetzt erinnere ich mich!«, sagte er, auch wenn er sich in Wirklichkeit nur an Marcus’ Zusammenfassung erinnerte. Aber das war leichter, als immer wieder seine Einschränkung erklären zu müssen.
